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Full text of "Jahrbuch der Kais. Kön. Geologischen Reichs-Anstalt"

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California  Academy  of  Sciences  Library 


http://www.archive.org/details/jahrbuchderka661916unse 


JAHRBUCH 


DER 


KAISERLICH-KÖNIGLICHEN 


LXVL   BAND  1916. 


Mit  12  Tafeln. 


5^ 


Wien,  1917. 

Verlag  der  k.  k.  Geologischen  Reichsanstalt. 

In  Kommission   bei  R.  Lechner  (Wilh.   Müller),  k.  u.  k.   Hofbuchhandlung, 

I.  Graben  31. 


Die  Autoren  allein  sind  für  den  Inhalt  ihrer  Mitteilungen  verantwortlich. 


Inhalt. 


Seite 
Personalstand  der  k.  k.  geologischen  Reichsanstalt  (1.  Dezember  1917)    ...        V 


1.  Heft. 

F.  Wäliiier:  Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges. 

Mit  8  Tafeln  (Nr.  I— VIII)  und  einer  Textabbildung 1 

C.  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl:    Cliemische  Untersuchung  der  Schwefelquelle 

in  Luhatschowifz 73 

G.  Schlesinger  (Wien):  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  II  Die  uieder- 

österreichischeu  Planifroasmolaren.  Mit  14  Abbildungen  im  Texte  ...  93 
0.   Ampferer:    üeber    Kantengeschiebe    anter    den    exotischen    Gerollen   der 

Gösauschichten.  Mit  einer  Lichtdrucktafel  (Nr.  IX) 137 

C    F.    Eiclileitei-    und    0.   Hackl:    Chemische    Analjse    der    Heiligenstädter 

Mineralquelle 139 


2.  Heft. 

Dr.  Fritz  v.  Kerner:  Qaellengeologie    von    Mitteldalniatien.     Mit  zwei  Tafeln 

(Nr.  X  und  XI) 145 

J.  V.  Zelizko:  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Gerviliien  der  böhmischeu  Ober- 
kreide, Mit  einer  Tafel  (Nr.  XII  • 277 

Ottilie    Saxl:    Ueber    ein     Juravorkommeu    bei    Skiitari    in    Albanien.     Mit 

8  Abbildungen  im  Text 281 


3.  und  4.  Heft. 

Dr.  A.  Aigner:    Geomorphologische  Studien  über  die  Alpen  am  Rande  der 

Grazer  Bucht 293 

Dr.  Emil  Tietze:  Einige  Seiten  über  Eduard  Suess.  Ein  Beitrag  zur  Ge- 
schichte der  Geologie 333 


IV 

Verzeichnis  der  Tafeln. 


Tafel  I-VIII: 

Seite 
zu:   F.  Wäliiier:    Zur   Beurteilung   des   Baues   des   mittelböhmischen   Falten- 
gebirges    • 1 

Tafel  IX  : 
zu :  0.  Ampferer :  lieber  Kantengeschiebe  unter  den  exotischen  Gerollen  der 

Gosauschichten 137 

Tafel  X  und  XI: 
zu:  Dr.  Fritz  v.  Kerner:  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien 145 

Tafel  XII: 
zu:  J.  y.  Zelizko:  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Gervilien  der  böhmischen  Ober- 
kreide   ....  277 


Personalstand 

der 

k.  k.  geologischen  Reichsanstalt. 

(1.  Dezember  1917.) 

Direktor : 

Tietze  Emil,  Phil.  Dr.,  Ritter  des  Leopold-Ordens  und  des  österr. 
kaiserl.  Ordens  der  Eisernen  Krone  III.  Kl.,  Besitzer  der  Ehren- 
medaille für  40 jähr.  Dienste,  k.  k.  Hofrat,  Ehrenpräsident  und 
Inhaber  der  Hauermedaille  der  k.  k.  Geographischen  Gesellschaft 
in  Wien,  III.  Hauptstraße  Nr.  6. 

Vizedirektor : 

Vacek  Michael,  Besitzer  der  Ehrenmedaille  für  40 jähr.  Dienste, 
k.  k.  Hofrat,  III.  Erdbergerlände  Nr.  4. 

Chefgeologen : 

Geyer  Georg,  Ritter  des  kais.  österr.  Franz  Josef-Ordens,  k.  k.  Re- 
gierungsrat, korr.  Mitglied  der  kaiserl.  Akademie  der  Wissen- 
schaften, III.  Hörnesgasse  Nr.  9. 

Bukowski  Gejza  v.  Stolzenburg,  k.  k.  Oberbergrat,  III.  Hansal- 
gasse Nr.  3. 

Rosiwal  August,  a.  o.  Professor  an  der  k.  k.  Technischen  Hochschule, 
III.  Kolonitzplatz  Nr.  8. 

D reger  Julius,  Phil.  Dr.,  k.  k.  Bergrat,  Mitglied  der  Kommission  für 
die  Abhaltung  der  ersten  Staatsprüfung  für  das  landwirtschaft- 
liche, forstwirtschaftliche  und  kulturtechnische  Studium  an  der 
k,  k.  Hochschule  für  Bodenkultur  etc.,  Präsident  der  Geologischen 
Gesellschaft  in  Wien,  Ehrenbürger  der  Stadt  Leipnik  und  der 
Gemeinde  Mosel,  III.  Ungargasse  Nr.  71. 

Ober-Bibliothekar : 

Matosch  Anton,  Phil.  Dr.,  k.  k.  Regierungsrat,  Besitzer  der  kais. 
ottomanischen  Medaille  für  Kunst  und  Gewerbe,  III.  Geusau- 
gasse  Nr.  35. 


VI 

Vorstand  des  chemischen  Laboratoriums: 

Eichleiter  Friedrich,  kais.  Rat,  III.  Kollergasse  Nr.  18. 

Geologen : 

Kern  er  von  Marilau n  Fritz,'  Med.  U.  Dr.,  k.  k.  Bergrat,  korr. 
Mitglied  der  kaiserl.  Akademie,  der  Wissenschaften,  Mitglied  der 
Kommission  für  die  Abhaltung  der  ersten  Staatsprüfung  an  der 
Hochschule  für  Bodenkultur,  III.    Keilgasse  Nr.   15. 

Hinterlechner  Karl,  Phil.  Dr.,  k.  k.  Bergrat,  XVIII.  Kloster- 
gasse Nr.  37. 

Hammer  Wilhelm,  Phil.  Dr.,  XIII.  Waidhausenstraße  Nr.  16. 
Waagen  Lukas,  Phil.  Dr.,    Besitzer  des  Goldenen  Verdienstkreuzes 
mit  der  Krone,  III.  Sophienbrückengasse  Nr.  10. 

Adjunkten : 

Ampfer  er  Otto,  Phil.  Dr.,  II.  Schüttelstraße  Nr.  77. 

Petrascheck  Wilhelm,  Phil.  Dr.,  XVIII.  Scherffenbergstraße  3. 

Ohne  sorge  Theodor,  Phil.  Dr.,  k.  k.  Landsturmleutnant,  Besitzer 
des  Signum  laudis  (derzeit  eingerückt  zur  militärischen  Dienst- 
leistung). III,  Hörnesgasse  Nr.  24. 

Beck  Heinrich,  Phil.  Dr.,  k,  k.  Landsturmingenieur  (z.  M.  eingerückt), 
III.  Erdbergstraße  Nr.  35. 

Vetters  Hermann,  Phil.  Dr.,  Privatdozent  an  der  k.  k.  montanistischen 
Hochschule  in  Leoben,  k.  k.  Laudsturmingenieur  -  Oberleutnant 
(z.  M.   eingerückt),  V.  Stollberggasse  Nr.  11. 

Assistenten : 

Hackl  Oskar,  Techn.  Dr.,  IV.  Schelleingasse  8. 
Götzin ger  Gustav,  Phil.  Dr.,  Preßbaum  bei  Wien. 
Sander  Bruno,    Phil.  Dr.,    Privatdozent   an    der  k.  k.  Universität  in 
Wien,  k.  k.  Landsturmingenieur-Leutnant  (z.  M.  eingerückt). 

Praktikanten: 

Spitz  Albrecht,  Phil.   Dr.  (z.  M,  eingerückt). 

Spengler  Erich,  Phil.  Dr.,  Privatdozent  an  der  k.  k.  Universität  in 
Graz,  III.  Marxergasse  39. 

Für  das  Museum: 

^ellzko  Johann,  Amtsassistent,  III.  Löwengasse  Nr.  37. 


VII 

Für  die  Kartensammlung: 

Zeichner: 
Lauf  Oskar,  I.  Johannesgasse  8. 
Skala  Guido,  III.  Hauptstraße  Nr.  81. 
Hub  er  Franz  (z.  M.  eingerückt),  VIII.  Hamerlingplatz  3. 

Für  die  Kanzlei : 

Gaina  Johann,    Rechnungsrevident   im    k.  k.  Ministerium  für  Kultus 
und  Unterricht. 

Kanzleioffiziantin  : 

Girardi  Margarete,  III.  Geologengasse  Nr.  1. 

Diener : 

Amtsdiener: 

Palme  Franz,  Besitzer  der  Ehrenmedaille  für  40 jähr.  Dienste 

III.  Rasumofskygasse  Nr.  23, 
Ulbing  Johann,  Besitzer  des  silbernen  Verdienstkreuzes  und  der 
Ehrenmedaille  für  40  jähr.  Dienste  III.  Rasumofskygasse  Nr.  23, 
Wallner  Matthias,  k.  k.  Offiziersstellvertreter,  Besitzer  der  ihm 
zweimal   verliehenen    kleinen    Silbernen    Tapferkeitsmedaille 
(z.  M.  eingerückt),  III.  Rasumofskygasse  Nr.  25. 
Präparator:   Spatny  Franz,  III.  Rasumofskygasse  Nr.  25. 
Laborant:  Felix  Johann,  III.  Lechnerstrai3e  13. 
Amtsdienergehilfe   für  das  Museum:    Kreyöa  Alois,  III.  Erd- 

bergstraiJe  33. 
Amtsdienergehilfe   für   das  Laboratorium:  Bartl  Anton  (z.  M. 
eingerückt). 


Ausgegeben  Ende  JUnner  1917. 


JAHRBUCH 


DER 


KAISERLTCH-KÖNIGLICHEj^ 


i: 


ßi 


JAHRGANG  1916,  LXVI.  BAND. 

1.  Heft. 


^ 


Wien,  1917. 

Verlag  der  k.  k.  Geologischen  Reichsanstalt. 


In  Kommigsion  bei   R.   Leohner  (Wllh.   Müller),   k.  u.  k.   Hofbuchhaudlung 

I.  Graben  8i. 


Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittel- 
böhmischen Faltengebirges. 

Von  F.  Wähner. 

Mit  8  Tafeln  (Nr.  I— VIII)  und  einer  Textabbildung. 

Zu  den  Lichtseiten,  die  Prag  als  Hochschulstadt  besitzt,  gehört 
der  Umstand,  daß  das  Stadtgebiet  und  seine  nahe  wie  weite  Um- 
gebung vortreffliche  Gelegenheit  zu  geologischer  Schulung  bietet,  wie 
sie  wenige  andere  größere  Städte  aufzuweisen  haben  dürften.  Die 
sogenannte  Silurmulde  —  um  vieles  andere  unberührt  zu  lassen  — 
ist  nicht  nur  ein  seit  langem  rühmlich  bekanntes  und  dennoch  nicht 
ausgeschöpftes  paläontologisches  und  stratigraphisches  Arbeitsgebiet, 
sondern  sie  ist  zugleich  ein  besonders  geeigneter  Boden  für  tektonische 
Studien.  Auf  einem  mühelosen  Spaziergange  kann  man  bereits  einen 
lehrreichen  Einblick  in  den  Bau  des  älteren  Paläozoikums  erhalten 
und  eine  Reihe  von  Musterbeispielen  verschiedener  Störungen  kennen 
lernen.  Dies  ist  u.  a.  den  überaus  zahlreichen  künstlichen  Aufschlüssen 
zu  danken,  die  durch  Straßen-  und  Eisenbahnbau  und  durch  eine 
mannigfaltige,  ausgebreitete  Steinbruchindustrie  geschaffen  wurden. 
Gar  manches  wichtige  Vorkommen  ist  zwar  durch  diesen  Betrieb  zer- 
stört und  für  immer  der  Beobachtung  entzogen  worden,  stets  aber 
werden  dadurch  viele  andere  bloßgelegt  und  der  Beobachtung  zu- 
gänglich gemacht. 

Man  wird  verstehen,  daß  es  mir  seit  dem  Beginne  meiner 
Prager  Lehrtätigkeit  nahe  lag,  jene  Gelegenheit  auch  für  den  theo- 
retischen und  praktischen  Unterricht  in  der  Tektonik  auszunützen. 
Während  meiner  zehnjährigen  Wirksamkeit  an  der  deutschen  tech- 
nischen Hochschule  konnte  ich  das  erwähnte  Uebungsfeld  besonders 
für  die  Unterweisung  der  zahlreichen  Hörer  der  Bauingenieurschule 
verwerten;  bietet  doch  die  richtige  Beurteilung  der  Lagerungsverhält- 
nisse eine  der  wichtigsten  Grundlagen  für  die  Ausführung  von  Ein- 
griffen in  den  Boden  wie  für  fast  alle  Arten  von  technisch-geologi- 
schen Untersuchungen.  In  den  letzten  Jahren  war  ich  an  der  deutschen 
Universität  außerdem  in  der  Lage,  einige  meiner  Schüler  in  jenem 
Gebiete  in  selbständige  tektonische  Untersuchungen  einzuführen.  Ich 
selbst  habe  im  niittelböhmischen  Faltengebirge  ein  ausgezeichnetes 
Vergleichsgebiet  für  meine  tektonischen  Arbeiten  in  den  Alpen  ge- 
wonnen, das  sich  insbesondere  für  gewisse  allgemeine  Fragen  des 
Gebirgsbaues  als  fruchtbringend  erwiesen  hat. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Eeichsanstalt,  I9lü,  60.  Band,  l.  Heft.  (F.  Wähner.)  1 


g  F.  Wähner.  [2] 

Meine  Beobachtungen  im  Verein  mit  den  zahlreichen  älteren 
Untersuchungsergebnissen  führten  mich  gegenüber  der  geltenden  An- 
schauung bald  zu  einer  veränderten  Auffassung  des  Baues  des  tief 
abgetragenen  alten  Gebirges,  die  auch  bei  der  schulmäßigen  Dar- 
stellung vorzubringen  nicht  vermieden  werden  konnte.  Seit  einer 
Reihe  von  Jahren  hat  sich  die  Teilnahme  jüngerer  Prager  Forscher 
beider  Nationen  der  Tektonik  des  altpaläozoischen  Gebietes  zuge- 
wandt, es  ist  bereits  eine  Reihe  tüchtiger  Arbeiten  erschienen,  die 
ähnliche  Ergebnisse  gebracht  haben,  und  weitere  Arbeiten  stehen  in 
Aussicht.  So  mag  es  an  der  Zeit  sein,  jene  Auffassung  den  Fach- 
genossen in  Kürze  darzulegen.  Es  dürfte  von  Vorteil  sein,  die  sich 
ergebenden  Gelegenheiten  zu  benützen,  um  die  hier  mitgeteilten  Be- 
obachtungen zu  vervollständigen  und  Tatsachen,  die  für  oder  gegen 
die  erörterte  Auffassung  des  Gesamtbaues  sprechen,  zu  ermitteln  und 
bekanntzugeben.  Zudem  sollen  mir  die  folgenden  Zeilen  die  Mög- 
lichkeit bieten,  bei  beabsichtigten  anderweitigen  Auseinandersetzungen 
auf  in  dem  genannten  Gebiete    gewonnene  Erfahrungen   hinzuweisen. 


1.  Geschichtliches    über  die  Längsbrüche.    Eine    tekto- 

nische  Regel. 

Obgleich  die  ne.ue  Auffassung  zunächst  auf  dem  Boden  der  Be- 
obachtung erwachsen  ist,  ist  es  doch  nötig  und  lehrreich,  an  die 
älteren  Arbeiten  und  die  dort  vertretenen  Anschauungen  anzuknüpfen ; 
es  ist  dies  um  so  notwendiger,  als  sich  hierbei  zeigen  wird,  daß  die 
vorzulegende  Auffassung,  die  übrigens  aus  den  in  den  letzten  Jahren 
erschienenen  Arbeiten  bereits  hervortritt,  gar  nicht  so  neu  ist,  sondern 
in  gewisser  Beziehung  eine  Rückkehr  zu  älteren  Auffassungen  darstellt. 

Man  weiß  seit  langem,  daß  die  mittelböhmische  „Silurmulde" 
keine  einfache  Synklinale,  sondern  eine  mehrfach,  ja  vielfach  gefal- 
tete Formationsgruppe  darstellt.  Schon  die  Verbreitung  der  einzelnen 
Schichtengruppen,  wie  sie  die  geologische  Karte  zeigt,  widerspricht 
der  Annahme  eines  so  einfachen  Lagerungsverhältnisses.  Selbst  die 
jüngste  der  Schichtengruppen,  die  Barrand  e'sche  Stufe  IT,  die  dem 
oberen  Mitteldevon  entspricht  und  in  den  Querschnitten  am  selten- 
sten auftritt,  bildet  keineswegs  nur  den  Kern  einer  Mulde,  sondern 
kommt  in  zwei  im  Streichen  des  Gebirges  liegenden  Hauptverbreitungs- 
gebieten vor,  von  denen  das  nördliche  nach  dem  Orte  Hostim,  das 
südliche  nach  dem  Orte  Srbsko  bezeichnet  werden  kann. 

Die  Beobachtungen  über  tektonische  Störungen  gehen  weit  zu- 
rück; es  genügt  jedoch,  von  den  an  den  Namen  Krejci  anknüpfen- 
den größeren  Arbeiten  auszugehen,  der  zuerst  systematische  Zusammen- 
stellungen der  als  Brüche  zu  bezeichnenden  Störungen  veröffent- 
licht hat. 

a)  J.  Krejci. 

Von  größter  Bedeutung  für  den  Bau  des  ganzen  Gebietes  sind 
die  Längsbrüche,  das  „Kluftsystem  mit  nordöstlichem  Streichen" 
Krejcis.  Suchen  wir  zunächst,  wie  billig,  einen  Ueberblick  über  die 


[3]  Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  3 

Anschauungen  zu  gewinnen,  die  hierüber  in  den  beiden  wichtigsten 
Abhandlungen  des  genannten  verdienten  Forschers  ausgesprochen 
sind^),  2).  Auf  die  darin  niedergelegten  zahlreichen  Beobachtungen 
wird  man  noch  lange  bei  allen  tektonischen  Arbeiten  über  Mittel- 
böhmen zurückgehen  müssen. 

Die  Feststellung  der  im  Streichen  liegenden  Störungen  beruht 
darauf,  daß  —  abweichend  von  der  dem  bekannten,  oft  wiederholten 
idealen  Profil  Barrandes  entsprechenden  einfachen  Synklinalen 
Lagerungsfolge  —  im  Hangenden  irgendeiner  jüngeren  Schichten- 
gruppe irgendeine  ältere  Schichtengruppe  auftritt,  mit  der  für  eine 
gewisse  Strecke  wieder  eine  regelrechte  Lagerungsfolge  (jüngere 
Schichten  über  älteren)  beginnt. 

Für  Krejci  sind  diese  Brüche  im  Zusammenhange  mit  der 
Gebirgsbildung  entstanden  durch  dieselben  Bewegungen,  aus  denen 
die  Faltung  der  Gesteinsschichten  hervorgegangen  ist.  Es  ist  darum 
nicht  zufällig,  daß  er  von  Hebungen  spricht,  die  entlang  den 
Bruchlinien  eingetreten  sind,  und  es  wäre  unberechtigt,  diese  Vor- 
stellung etwa  damit  abzutun,  daß  man  sie  auf  ältere  Gebirgsbildungs- 
theorien  zurückführt.  Hiegegen  sprechen  am  deutlichsten  Stellen,  an 
denen  ausdrücklich  auf  einen  „lateralen  Druck"  hingewiesen  wird, 
durch  den  die  Brüche  entstanden  sein  sollen. 

Um  die  Auffassung  Krejcis  besser  erkennbar  zu  machen,  sind 
im  folgenden  einige  seiner  Aeußerungen  im  Wortlaut  angeführt,  wo- 
bei einzelne  Ausdrücke  hier  durch  den  Druck  hervorgehoben  werden. 
In  den  Erläuterungen  (S.  6)  ist  in  der  Einleitung  von  „gebirgs- 
bilden  den  Zusammenschiebungen"  der  ältesten  silurischen 
Gesteinsschichten 3)  die  Rede,  „welche  sich  durch  Faltungen  und 
Schichtenstörungen  als  Folge  von  Dislokationen  zu  erkennen 
geben  ..."*). 

In  der  Uebersicht  finden  wir  in  dem  Abschnitte,  der  „das 
Gebiet  der  Primordialfauna",  mithin  kambrische  Schichten  behan- 
delt, folgenden  Satz  (S.  11):  „Die  ursprünglich  horizon- 
talen Konglomeratschichten  wurden  durch  Bruch linien,  die  pa- 
rallel zum  nordöstlichen  Streichen  des  Silursystems  und  senkrecht 
darauf  verlaufen,  zersprengt  und  längs  dieser  nordöstlichen  Bruch- 
linien reihenweise  aufgerichtet,  so  daß  sich  die  Konglomerat- 
schichten in  einzelne  einseitig  gehobene  und  gegen  NW  einfallende 
Streifen  verteilten  ..."  Aehnlich  wird  (S.  15)  in  dem  Unterabschnitt 
über  das  Trzemoschnagebirge  die  Entstehung  von  fünf  parallelen,  nach 
NO  streichenden  Bergrücken,  die  aus  jenen  Konglomeraten  bestehen, 


'j  Krejdi  und  Heirahacker,  Erläuterungen  z.  geol.  Karte  d.  Umgebungen 
von  Prag.  (Archiv  d.  natw.  Ldadurchf.  v.  Böhm.,  IV,  2.  Prag  1879.) 

2)  Krejci  und  Feistmante),  Orogr.-geotekton.  Uebersicht  des  silur.  Ge- 
bietes im  mittl.  Böhmen.  (Dasselbe  Archiv,  V,  5.  Prag  1885.) 

^)  Darunter  sind  alle  älteren  paläozoischen  Bildungen  im  Gegensatze  zum 
Karbon  zu  verstehen;  gemeint  ist:  die  ältesten,  d.  i.  silurischen  Schichten. 

*)  Der  Satz  erscheint  ein  wenig  schwerfällig,  da  wir  unter  Schichtenstörun- 
gen und  Dislokationen  dasselbe  zu  verstehen  pflegen.  Aus  den  späteren  An- 
führungen ist  klarer  ersichtlich,  daß  sowohl  die  Faltungen  wie  die  Verwerfungen 
(diese  letzten  sind  hier  unter  „Schichtenstörungen"  verstanden)  als  durch  die  gebirgs- 
bildenden  Bewegungen  hervorgerufene  Lagerungsstörungen  aufgefaßt  werden. 


4  F.  Wähner.  [4] 

erklärt  und  an  anderer  Stelle  (S.  93)  wird  als  „die  Haupt  Wirkung" 
der  „Bruchlinie  der  Pfibramer  Lettenkluft"  „die  Hebung  des  Tfe- 
mosnagebirges  und  des  ganzen  Brdawaldes"  hingestellt,  „dessen  süd- 
liche steile  Lehnen,  welche  hoch  über  die  untergelagerten  azoischen 
Schiefer  emporgehoben  sind,  dieser  Rruchlinie  parallel  sind". 

In  dem  Abschnitt  über  die  Verbreitung  der  obersilurischen 
Stufen  (Obersilur  -f-  Devon)  wird  (S.  78)  darauf  hingewiesen,  daß  man 
in  den  Tälern  auch  „die  Bruchlinien  verfolgen  kann,  nach  denen  sie" 
(die  Stufen)  „durch  gegenseitigen  Druck  zu  autiklinalen  und 
Synklinalen  Schichtenwellen  aufgestaut  und  durch  Verschiebungen 
gegeneinander  verworfen  sind."  Der  Beschreibung  der  Bruchlinien 
gehen  allgemeine  Bemerkungen  über  das  „Kluftsystem  mit  nordöst- 
lichem Streichen"  voran  (S.  92):  „Dieses  System  herrscht...  am 
meisten  vor  und  veranlaßt  nicht  bloß  Schichtenbrüche  und  Ver- 
werfungen, welche  nordöstlich,  also  parallel  zur  Schichten abl age- 
rung^),  streichen,  sondern  auch  die  wellenförmigen  Synklinalen  und 
autiklinalen  Faltungen  der  Schichtenzonen,  wie  sie  in  den  Durch- 
schnitten der  Silurmulde  sich  darstellen.  Es*^)  ist  offenbar  durch 
einen  lateralen  Druck  entstanden,  dem  nach  Schluß  der 
Silurperiode  ihre  mehr  oder  weniger  horizontalen  oder  flach  mulden- 
förmigen Schichtenablagerungen  unterworfen  waren"  '^). 

Die  Längsbrüche  sind  in  den  zahlreichen  Profilen  Krejcis 
als  steil  zur  Tiefe  setzende,  zumeist  lotrechte  Verwerfungen  ge- 
zeichnet oder  sie  durchqueren,  wenn  das  nicht  der  Fall  ist,  die 
Schichten  zu  beiden  Seiten  oder  doch  auf  einer  Seite  des  Bruches. 
Nach  der  graphischen  Darstellung  unterscheiden  sie  sich  demnach 
nicht  von  „echten"  Verwerfungen,  d.  i.  von  Senkungsbrüchen,  obgleich 
sie,  wie  gesagt,  theoretisch  als  Brüche  aufgefaßt  wurden,  an  denen 
Aufwärtsbewegungen  von  größeren  Gebirgsteilen  stattgefunden  haben. 

b)  J.  Krcjci  uud  E.  Suess. 

Auf  die  in  den  Erläuterungen  (1879)  beschriebenen  streichen- 
den Sprünge  der  Gegend  zwischen  Beraun  und  Prag  beruft  sich 
E.  Suess  zur  Begründung  einer  neuen  Vorstellung  über  den  Bau 
des  mittelböhmischen  Gebietes:  „Diese  Sprünge  liegen  im  Streichen 
der  böhmischen  Silurmulde,  welche  nach  diesen  Erfahrungen  anstatt 
des  früher  gebotenen  Bildes  einer  einfachen  Synklinale  mehr  und 
mehr  das  Bild  einer  sehr  breiten  und  verwickelten  Grabensenkung 
annimmt"  ^).  Diese  Anschauung  ist,  obgleich  sie  auf  einem  seltsamen. 


^)  Augenscheinlich  eine  Konzession  an  Barrande,  ents})rechend  der  vorher 
(S.  91)  erwähnten  „ursprünglich  muldenförmig  konzentrischen  Lagerung"  der 
Schichten.  Im  nächstfolgenden  Satze  wird  bereits  eine  der  horiiiontalen  recht  nahe 
kommende  ursprüngliche  Lagerung  der  Schichten  angenommen.  Auch  sonst  ist  von 
ursprünglich  horizontaler  Lagerung  die  Rede.  (Vgl.  den  ohen  S.  3  von  S.  11 
der  „Übersicht"  angeführten  Satz.) 

^)  Das  Kluftsystem ! 

')  Es  soll  nicht  unerwähnt  bleiben,  daß  Krejci  dem  Auftreten  von  Eruptiv- 
gesteinen  eine  Mitwirkung  an  den  tektonischen  Veränderungen  zuschreibt. 

«)  E.  Suess,  Das  Antlitz  der  Erde,  I,  1885,  S.  168.  Die  in  demselben  Jahre 
erschienene  „Uebersicht"  Krejßis  und  Feistmantels   lag  Suess   bei  der  Ab- 


[5]  Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  5 

leicht  erkennbaren  Irrtum  beruht,  herrschend  geworden  und  hat  die 
auf  überaus  zahlreichen  guten  Beobachtungen  fußenden  Veröifent- 
lichungen  Krejcis  und  seiner  Mitarbeiter  verdunkelt. 

Die  von  Suess  eingeführte  Vorstellung  scheint  nicht  aus  einer 
eingehenden  Beurteilung  des  damals  bekannten  Baues  des  mittel- 
böhmischen Gebietes  hervorgegangen  zu  sein,  sondern  sie  ordnet  sich 
ein  in  eine  Betrachtung  des  Baues  der  böhmischen  Masse.  Die  von 
Krejci  aus  den  beobachteten  Lagerungsverhältnissen  erschlossenen 
Längsbrüche  sind  nach  Suess  (a.  a.  0.)  „nur  ein  Teil  jenes  großen 
Systems  von  Sprüngen,  von  welchem  die  böhmische  Masse  durchsetzt 
ist  .  .  ."  „Heute  läßt  sich  schon  erkennen,  daß  ein  sehr  großer  Teil 
Böhmens  .  .  .  der  Schauplatz  ausgedehnter  Senkungen  gewesen  ist, 
welche  sich  auf  weichender  Unterlage  auf  zahlreichen  Sprungfiächen 
vollzogen  haben." 

Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  den  Bau  jenes  ausgedehnteren  Ge- 
bietes ausführlicher  zu  berücksichtigen,  wobei  nicht  geleugnet  werden 
soll,  daß  anderwärts  Senkungen  nachgewiesen  sind.  Man  könnte  sogar 
ergänzend  auf  die  seither  von  Hibsch  aus  den  Lagerungsverhält- 
nissen der  oberen  Kreide  festgestellten  Senkungen  von  sehr  beträcht- 
lichem Ausmaße  hinweisen,  die  das  Gebiet  des  böhmischen  Mittel- 
gebirges betroffen  haben  und  kaum  anders  als  durch  zentripetale 
Bewegungen  erklärt  werden  können  ^).  In  allen  zur  Vergleichnng 
heranzuziehenden  Fällen  handelt  es  sich,  wie  hier  nur  nebenbei  und 
vorgreifend  bemerkt  wird,  um  Bewegungen  weit  jüngeren  Alters. 
Selbst  wenn  jedoch  gezeigt  werden  könnte,  daß  die  in  der  böhmi- 
schen Masse  erkannten  Störungen  demselben  geologischen  Zeitab- 
schnitt angehören,  würde  uns  das  nicht  von  der  Aufgabe  entheben, 
für  das  durch  seinen  Bau  verschiedene  mittelböhmische  Gebiet  zu 
prüfen,  ob  die  erniittelten  Störungen  mit  der  Voraussetzung  einer 
Grabensenkung  in  Einklang  stehen. 

Aus  den  kurzen  Aeußerungen  Suess'  im  Antlitz  ist  nicht  mit 
Sicherheit  zu  entnehmen,  ob  derselbe  die  Senkungsbrüche  ein  altes 
Faltenland  ergreifen  läßt  oder  ob  die  heutigen  Lagerungsverhältnisse 
durch  jene  Brüche  hervorgebracht  sein  sollen.  Aus  dem  oben  ange- 
führten Satze,  der  die  neue  Anschauung  eingeführt  hat,  ließe  sich 
eher  auf  das  letztere  schließen.  Die  Vorstellung  liegt  ja  nahe,  daß 
selbst  eine  noch  annähernd  horizontal  lagernde  Formationsgruppe,  die 
von  zwei  Seiten  gegen  das  Innere  des  Gebietes  treppenförmig  absinkt, 
nachher  aus  Staffeln  besteht,  deren  Schichten  gegen  das  Innere  des 
Senkungsgebietes  geneigt  sind.  Vor  allem  würde  durch  diese  tektoni- 
schen  Vorgänge  erklärt  werden,  daß  in  den  äußeren  Teilen  des  Ge- 
bietes die  ältesten  und  älteren,    im    Innern    die   jüngeren    und  jüng- 


fassung  des  I.  Bandes  seines  Werkes  noch  nicht  vor.  Er  verweist  jedoch  auf  eine 
ihm  von  Prof.  Krejci  mitgeteilte  vorläufige  Skizze;  dieser  entspricht  wohl  die 
der  Uebersicht  (1885)  als  besondere  Karte  beigegebene  „Skizze  einer  geologischen 
Karte  des  mittelböhmischen  Siiurgebietes"  1:288  000,  in  welcher  die  von  Krejci 
unterschiedenen  Bruchlinien  verzeichnet  sind. 

^)  Diese  sehr  zuverlässigen  Nachweise  sollten  auch  von  geographischer  Seite 
bei  der  heute  üblichen  Annahme  geologisch  junger  Hebungen  wohl  beachtet 
werden. 


6  F.  Wähner.  [6] 

stell  Schichtengruppen  an  der  jetzigen  Oberfläche  erhalten  sind.  Wir 
wissen  jedoch,  und  aus  Krejcis  Profilen  in  den  Erläuterungen  (1879) 
ist  es  bereits  klar  ersichtlich,  daß  die  sog.  Silurmulde  den  Rest  eines 
viel  verwickelter  gebauten  Faltengebirges  bildet.  Anderseits  muß  zu- 
gegeben werden,  daß  auch  ein  derartiges  Faltengebirge  nach  seiner 
Bildung  entlang  von  Brüchen  zur  Tiefe  sinken  kann,  die  ähnliche 
Lagerungsverhältnisse  hervorrufen  könnten.  Es  fragt  sich  nun,  ob  die 
heutigen  Lagerungsverhältnisse  wirklich  solche  sind,  die  jener  Vor- 
stellung entsprechen. 

Schon  aus  den  Erläuterungen  ist  hinsichtlich  der  Längsbrüche 
ein  für  das  dort  behandelte  Gebiet  giltiges  tektonisches  Gesetz  zu 
erkennen,  das  aus  der  Uebersicht  (1885)  für  das  ganze  Gebiet  Be- 
stätigung findet  und  darum  noch  deutlicher  und  mit  voller  Bestimmt- 
heit hervortritt:  Von  zwei  Gebirgszonen,  die  durch  einen  der  weithin 
verfolgten  Längsbrüche  getrennt  werden,  erscheint  im  sogenannten 
Nordflügel  (genauer  NW-  oder  NNW-Flügel)  der  ehedem  voraus- 
gesetzten Mulde,  in  dem  das  vorherrschende  Schichtenfallen  gegen  S 
(SO,  SSO)  gerichtet  ist,  die  südliche  Zone  gehoben,  bzw.  die  nörd- 
liche Zone  gesenkt;  dagegen  erscheint  im  südlichen  Teil  des  Ge- 
bietes, in  dem  das  entgegengesetzte  Schichtenfallen  herrscht,  von 
zwei  durch  einen  Längsbruch  geschiedenen  Gebirgszonen  die  nörd- 
liche Zone  gehoben,  bzw.  die  südliche  Zone  gesenkt.  Kürzer  ausge- 
drückt lautet  das  ermittelte  Gesetz:  Von  den  durch  einen 
Längsbruch  getrennten  Gebirgszonen  erscheint  die 
innere  gehoben,  bzw.  die  äußere  gesenkt. 

Wer  sich  der  geringen  Mühe  unterzieht,  diese  Angabe  an  den 
Krejci'schen  Profilen,  von  denen  viele  seither  mehrfach  wieder- 
gegeben wurden,  zu  prüfen,  wird  sich  von  ihrer  Richtigkeit  unschwer 
überzeugen.  Hier  müssen  wir  uns  auf  die  Betrachtung  von  Beispielen 
beschränken. 

Bleiben  wir  zunächst  bei  den  „Erläuterungen"  und  halten  uns 
an  das  in  dem  Maßstabe  der  alten  Spezialkarte  1 :  144.000  gezeich- 
nete Uebersichtskärtchen  (S.  83),  in  dem  zwei  Längsbrüche  kräftig 
hervortreten.  Der  nördliche  ist  die  Hyskov-Prager  Bruchlinie  (später 
von  Krejci  als  Prager  Bruchlinie  bezeichnet),  die  im  soge- 
nannten Nordflügel  zwei  Züge  von  untersilurischen  Gesteinen  (D) 
trennt.  Von  N  nach  S  fortschreitend,  gelangen  wir  in  der  nach  S  (SO) 
fallenden  Schichtenreihe  aus  den  tieferen  Untersilurstufen  allmählig 
in  die  höheren,  worauf  jenseits  der  Bruchlinie  die  tiefste  Untersilur- 
stufe (c^i)  erscheint,  die  wieder  regelrecht  von  den  höheren  Stufen 
überlagert  wird.  Man  vergleiche  insbesondere  Fig.  5  der  großen 
Profiltafel  („Tab.  I"j  der  Erläuterungen.  Das  Profil  enthält  im  Nord- 
flügel die  beiden  sehr  vollständigen  Untersilurzüge,  zuerst,  links  im 
N  beginnend,  die  Schichtenfolge  d^ — d^,  den  Liegendzug,  hierauf, 
weiter  südlich,  den  Hangendzug,  ebenfalls  von  c^j — f/5,  noch  weiter 
südlich  von  obersilurischen  Gesteinen  usw.  überlagert.  (Das  sehr  lange 
Profil  reicht  bis  in  die  untersilurische  Stufe  d^  des  Südflügels.)  In 
der  die  Erläuterungen  begleitenden  geologischen  Karte  der  Umgebun- 
gen von  Prag  1  :  86.400    sind    die    beiden  Untersilurzüge   leichter  zu 


[7]  Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  7 

verfolgen,  wenn  man  sich  durch  das  helle  Band  der  Quarzitstufe  (d.,) 
leiten  läßt  io). 

In  dem  unten  (Abb.  1)  folgenden  Querschnitt  ist  die  durch  eine 
Störung  bewirkte  einmalige  Wiederholung  einer  einseitig  geneigten 
Schichtenfolge  allgemein  dargestellt.  Er  ist  auch  zur  Erläuterung  für 
die  eben  erwähnten,  im  mittelböhmischen  Untersilur  des  „Nordflügels" 
festgestellten  Lagerungsverhältnisse  verwendbar,  wobei  die  Schichten- 
gruppe b  mit  Rücksicht  auf  die  dem  dickbankigen  harten  Gestein 
entsprechenden  steileren  Böschungen  die  Quarzitstufe  d^  vertreten 
kann.  Wenn  wir  uns  die  beiden  Gebirgszonen  durch  eine  lotrechte 
Verwerfung  getrennt  denken,  so  ist  klar,  daß  das  links  (nördlich)  be- 
findliche (äußere)  Gebirgsstück  gesenkt,  bzw.  der  in  seinem  Hangen- 
den auftretende,  rechts  (südlich)  liegende  (innere)  Gebirgsteil  gehoben 
erscheint. 

Die"  zweite  Störung,  die  in  dem  Kärtchen  (S.  83  der  Erläute- 
rungen) kräftig  hervortritt,  bietet  ein  Beispiel  aus  dem  Südflügel, 
u.  zw.  aus  dem  obersilurisch-devonischen  Kalkgebiet;  sie  wurde  als 
die  Koda-Lochkover  Bruchlinie  bezeichnet ^i).  Es  genügt  vor- 

Abb.  1. 


läufig,  auf  die  Gegend  von  Srbsko  und  Koda  zu  beiden  Seiten  des 
Berauntales  hinzuweisen  und  das  für  unsere  Betrachtung  Wesentliche 
aus  den  verwickelten  Lagerungsverhältnissen  zu  erwähnen,  wie  es  in 
Krejcis  Profiltafel  in  Fig.  1  und  2  dargestellt  ist.  Im  S,  bzw.  SO 
sehen  wir  die  jüngeren  devonischen  Stufen  g^,  g^i  g^  und  H  regel- 
recht in  annähernd  nördlichen  Richtungen  fallen,  worauf  im  Hangen- 
den der  Tonschieferstufe  H  wieder  die  Kuollenkalke  g^  auftreten. 
Nimmt  man  zur  Erklärung  dieser  Lagerungsverhältnisse  im  Hangenden 
von  H  eine  Verwerfung  an,  so  erscheint  der  südlich  liegende  (äußere) 
Gebirgsteil  gesunken,  bzw.  der  nördliche  (innere)  gehoben. 


^")  lu  der  Gegend  NO  und  0  von  Prag  sind  mindestens  drei  gut  unterscbeid- 
bare  untersiluriscbe  Gesteinszüge  vorbanden,  die  im  wesentlicben  die  gleicben 
Lagerungsverbältnisse  zeigen.  —  In  der  üebersicbt  (1885)  sind  viele  Untersilurdurcb- 
schnitte  dem  Text  eingeschaltet.  Von  ibnen  wären  rücksicbtlicb  der  beiden  weithin 
verfolgten  Züge  besonders  Fig.  28,  29,  31,  32  (S.  40—43)  einzusehen. 

^')  Noch  eine  dritte  „Hauptbrucblinie",  die  Brucbspalte  des  Brdarückens  ge- 
nannt, ist  in  dem  Kärtchen  verzeichnet;  sie  tritt  aus  dem  weiter  südwestlich  ge- 
legenen Gebiet  in  das  der  Prager  Umgebungskarte  und  verläuft  hier  (im  SO)  an 
der  Grenze  der  azoischen  Schiefer  und  des  Untersilurs  unter  eigenartigen  Lage- 
ruDgsverbältnissen,  die  später  zu  erwähnen  sein  werden. 


3  ,  F.  Wähner.  [8] 

In  der  Uebersicht  (1885,  S.  92 — 98)  unterscheidet  Krejci 
sieben  weithin  verfolgbare  Bruchlinien  mit  nordöstlichem  Streichen, 
die  hier  nicht  näher  besprochen  werden  sollen.  Auch  soll  hier  eben- 
sowenig wie  früher  auf  die  Veränderungen  hingewiesen  werden, 
welche  die  Ergebnisse  neuerer  Arbeiten  gebracht  haben.  Zu  den 
Bruchlinien,  die  hauptsächlich  in  den  inneren  Teilen  des  Gebietes 
und  in  den  jüngeren,  dem  eigentlichen  Silur  und  dem  Devon  ent- 
sprechenden Schichtengruppen  bekannt  wurden,  kommen  andere, 
die  den  äußeren  Gebietsteilen  und  den  älteren,  kambrischen  und  vor- 
kambrischen  Gesteinen  angehören.  Eine  der  wichtigsten  ist  die  süd- 
lichst gelegene,  die  B  r  u  c  h  1  i  n  i  e  der  P  r  z  i  b  r  a  m  e  r  L  e  1 1  e  n  k  1  u  f  t, 
von  der  vermutet  wird,  daß  sie  sich  weit  nach  NO  fortsetzt  und  sich 
dort  mit  den  Fortsetzungen  zweier  nördlich  der  Lettenkluft  gelegenen 
Bruchlinien  vereinigt.  In  dieser  Vereinigung  wird  sie  bis  in  die  Gegend 
südlich  von  Prag  verfolgt,  wo  sie  an  der  Grenze  der  azoischen 
Schiefer  und  des  Untersilurs  verläuft  i^).  Bei  Przibram  ist  die  Störung 
schon  lange  durch  den  Bergbau  genau  festgestellt.  Es  handelt  sich 
hier  im  wesentlichen  um  die  Wiederholung  einer  aus  zwei  Gliedern 
bestehenden,  vorherrschend  nach  NW  fallenden  Schichtenfolge,  der 
vorkambrischen  Przibramer  Schiefer  und  der  diskordant  darüber- 
liegenden,  wahrscheinlich  unterkambrischen  Grauwacken  und  Konglo- 
merate. Das  Lagerungsverhältnis  ist  zumeist  so  aufgefaßt  worden,  daß 
die  im  NW  der  Bruchlinie  gelegene  Gebirgszone  gehoben,  d.  i.  auf 
der  gegen  NW  geneigten  Verwerfungsfläche  über  die  im  SO  liegende 
Gebirgszone  hinaufgeschoben  ist.  E.  Suess  (Antlitz  I,  S.  168)  sieht 
selbst  hier  eine  Senkung,  u.  zw.  eine  solche  des  südöstlichen  Teiles  ^^). 
Für  unsere  Betrachtung  genügt  es  zunächst,  hervorzuheben,  daß  bei 
Annahme  von  Senkung  der  äußere  Gebirgsteil   gesunken    erscheint. 

Auch  im  NW  wird  eine  im  älteren  Gebirge  verlaufende  wichtige 
Störung  unterschieden:  die  Bruch li nie  von  Skrej.  Die  nörd- 
lichen (weit  außerhalb  des  eigentlichen  Silurgebietes  gelegenen)  Vor- 
kommnisse des  Kambriums  von  Skrej  (und  Tejrzowitz)  liegen  diskor- 
dant auf  azoischen  Schiefern,  zeigen  nordöstliches  Streichen  und  fallen 
„südöstlich  gegen  eine  Bruchlinie  ein,  ...  an  der  Aphanite  und  Por- 
phyre das  azoische  Schiefergebiet  durchsetzen  und  sich  hoch  über 
die  Zone  der  Primordialfauna  erheben".  (Übersicht,  S.  98,  Profil 
Fig.  9  auf  S.  21.)  Der  letzterwähnte  orographische  Gesichtspunkt 
spielt  bei  Krejci  auch  hinsichtlich  anderer  Bruchlinien  eine  Rolle. 
Man  wird  ihm  heute  darin  nicht  folgen,  da  das  orographische  Hervor- 
treten bei  so  stark  abgetragenen  alten  Gebirgen  auf  dem  größeren 
Widerstände  beruht,  den  die  betreffenden  Gesteine  den  Abtragungs- 
vorgängen entgegensetzen  ^^).  Aber  im  SO  des  mächtigen,  annähernd 
im  Streichen    liegenden  Porphyrzuges    von   Pürglitz  -  Rokytzan   folgen 


*^)  Für  denjenigen,  der  weiß,  wie  sehr  Suess  jeder  Hebung  abhold  war, 
und  wie  er  nur  mit  dem  größten  Widerstreben  sich  dazu  herbeiließ,  aus  der 
P'altung  hervorgehende  Aufwärtsbewegung  gelten  zu  lassen,  ist  das  nicht  weiter 
erstaunlich.  Die  Annahme  von  Senkungen  gehört  iu  den  Rahmen  der  übrigen  Dar- 
stellung. (Vgl.  oben  S.  5.) 

^')  Dies  gilt  auch  für  die  aus  kambrischen  Konglomeraten  wie  für  die  aus 
untersilurischen  Qaarziteu  bestehenden  ßergzüge.  (Vgl.  oben  S.  3—4.) 


[9]  ^ur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmisclien  Faltengebirges.  9 

abermals  vorkambrische  Schiefer,  die  wieder  vorherrschend  gegen  SO 
fallen,  in  der  Fallrichtung  auf  weite  Erstreckung  anhalten  und  so- 
dann unmittelbar  von  untersilurischen  Gesteinen  überlagert  werden. 
(Vgl.  das  Profil  Fig.  39  auf  S.  47  der  Übersicht  i^).  Diese  azoischen 
Schiefer  liegen  wie  die  genannten  Eruptivgesteine  im  Hangenden  des 
Kambriums  von  Skrej  und  sind  von  ihm  außer  durch  die  Pürglitzer 
Eruptivzone  zweifellos  durch  eine  tektonische  Störung  (oder  durch 
eine  Reihe  von  Störungen)  getrennt.  Wird  diese  Störung  als  eine 
steil  niedersitzende  Verwerfung  aufgefaßt,  so  erscheint  der  15  km 
lange  Zug  des  Kambriums  von  Skrej,  demnach  wieder  die  äußere 
Gebirgszone,  gesenkt,  bzw.  das  im  SO  folgende  vorkambrische 
Schiefergebiet  gehoben,  ein  Schluß,  der  mit  der  oben  erwähnten  An- 
schauung Krejcis  übereinstimmt. 

Auch  entlang  den  anderen  von  Krejci  unterschiedenen  strei- 
chenden Bruchlinien  finden  wir  ähnliche  Lagerungsverhältnisse,  so 
daß  die  oben  aufgestellte  Regel  für  das  ganze  Gebiet  bestätigt  wird. 
Betrachten  wir  diese  Störungen  als  Senkungsbrüche,  so  erscheint 
stets  die  äußere  Gebirgszone  gesunken.  Die  Regel  gilt  ferner  nicht 
nur  für  die  großen,  weit  verfolgten  Bruchlinien,  sondern  auch  für 
die  weit  überwiegende  Mehrzahl  der  in  den  zahlreichen  Querschnitten 
Krejcis  dargestellten  kleineren  (oder  bisher  nicht  weit  verfolgten) 
Längsbrüche. 

Besonders  auffallend  tritt  uns  die  Regel  bei  Einsichtnahme  in 
Profile  entgegen,  in  denen  mehrere  nur  aus  einigen  wenigen  (oft 
aus  zwei  oder  drei)  Schichtengruppen  bestehende  Gebirgsstücke  nach- 
einander auftreten,  die  —  bei  Annahme  von  Senkungen  —  als  regel- 
mäßig aufeinanderfolgende  Staffeln  betrachtet  werden  können.  Hier- 
her gehören  Fig.  5  (S.  15  der  Uebersicht  mit  fünf  durch  Längs- 
brüche getrennten  Gebirgszonen  im  Südflügel);  Fig.  11  (S.  29,  vier 
Staffeln  im  NW,  eine  im  SO,  die  gegen  eine  viel  breitere  mittlere 
Gebirgszone  abgesunken  erscheinen) ;  Fig.  27  (S.  40  mit  vier  Staffeln 
im  Nordflügel);  Fig.  38  und  39  (S.  47  mit  je  vier  Staffeln  im  Nordflügel). 

Krejcis  Querschnitte  erstrecken  sich  ziemlich  gleichmäßig 
über  das  ganze  Gebiet.  Daß  er  bei  der  Wiedergabe  derselben  völlig 
unbefangen  vorging,  steht  außer  allem  Zweifel.  Das  aus  ihnen  zu 
entnehmende  tektonische  Gesetz  ist  ihm  übrigens,  wie  es  scheint, 
unbekannt  geblieben. 

Unter  der  Voraussetzung,  daß  an  den  das  mittelböhmische 
Faltengebirge  durchziehenden  Längsbrüchen  Senkungen  eingetreten 
sind,  ergibt  sich  demnach,  daß  zu  beiden  Seiten  einer  mittleren  Ge- 
birgszone, der  der  größere  (nördliche)  Teil  des  obersilurisch-devoni- 
schen  Kalkgebietes  angehört,  sowohl  die  im  NW  als  die  im  SO  fol- 
genden Gebirgszonen  treppenförmig  gesunken  sind.  Ist  die  Voraus- 
setzung richtig,  dann  ist  das  Gebiet  tektonisch  nicht  nach  der  von 
Suess  eingeführten  Vorstellung  als  ein  Graben,  sondern  im  Gegen- 
teil als  ein  Horst  anzusehen. 


^*)  Von  neueren  Arbeiten  wäre  hervorzuheben:  Jahn,  Ueb.  d.  geol.  Verhält- 
nisse des  Kambrium  v.  Tejfovic  u.  Skrej.  Jahrb.  d.  k.  k.  geol.  Relchsanst.  1895, 
Bd.  45,  S.  641-791. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  l.  Heft.  (F.  Wähner.)  2 


10  ^'  Wähner.  [10] 

Dieses  auffallende  Ergebnis  kann  nicht  aufrechterhalten  werden. 
Das  vorgestellte  tektonische  Gebilde  wäre  ein  recht  sonderbarer 
Horst.  Daß  im  ganzen  Gebiete  das  vorherrschende  Schichtenfallen 
gegen  innen  (einerseits  gegen  SO,  anderseits  gegen  NW)  gerichtet 
ist,  mag  noch  hingehen  und  könnte  aus  einer  älteren  muldenförmigen 
Anlage  erklärt  werden.  Daß  aber  in  den  inneren,  tektonisch  zu  höchst 
liegenden  Gebirgsteilen  die  jüngeren  Schichtengruppen  erhalten  blieben, 
wogegen  diese  in  den  äußeren  Gebirgsteilen  abgetragen  sind,  diese 
Tatsache  steht  zur  Vorstellung  eines  Horstes  (in  dem  das  Gegenteil 
zu  erwarten  wäre)  in  Widerspruch. 

Suess  hat  auch  nach  dem  Erscheinen  der  „Uebersicht"  Krejcis 
(1885)  an  seiner  Auffassung  festgehalten.  Dies  geht  aus  einem  kurzen 
Hinweise  in  Antlitz  II  (1888),  S.  143  hervor,  in  dem  „die  langen 
Bruchlinien  des  böhmischen  Grabens,  welche  uns  Krejci  kennen 
lehrte",  erwähnt  werden. 

Es  wäre  müßig,  Vermutungen  über  den  Weg  auszusprechen,  der 
zu  jenem  Irrtume  geführt  hat.  Man  wird  einem  Gelehrten,  der  es 
unternommen  hat,  den  Bau  der  Festlandsmassen  der  Erde  zu  über- 
blicken und  zu  diesem  Zweck  eine  ungeheure  Literatur  zu  beherr- 
schen, zubilligen  müssen,  daß  es  ihm  nicht  gegönnt  war,  in  jedes 
Teilgebiet  und  in  die  Ergebnisse  jeder  Einzeluntersuchung  mit  gleicher 
Gründlichkeit  einzudringen. 

Merkwürdiger  ist,  daß  diejenigen,  die  seither  die  Gebiete 
Böhmens  und  der  böhmischen  Masse  zusammenfassend  dargestellt  und 
sich  hierbei,  wie  verständlich,  auf  die  Schilderung  und  die  Durch- 
schnitte Krejcis  gestützt  haben,  des  besprochenen  Irrtums  nicht 
gewahr  wurden  und  das  Schema  der  Grabensenkung  unbesehen 
annahmen.  Eine  graphische  Darstellung  zur  Erläuterung  dieser  Auf- 
fassung oder  eine  anderweitige  Begründung  der  Voraussetzung  hat 
bisher  niemand  zu  geben  vermocht. 

c)  F.  Katzer. 

K  atz  er  drückt  sich  in  seinem  sehr  verbreiteten  Buche  i^)  über 
die  Frage  so  aus  (S.  962  f.):  „Der  in  Mittelböhmen  erhaltene  Rest 
dieser  Ablagerungen  für  sich  betrachtet,  bietet  das  Bild  einer  ver- 
wickelten Grabensenkung  im  Sinne  des  Meisters  der  Geotektonik 
Ed.  Suess,  das  heißt  das  Bild  eines  von  zwei  ziemlich  parallelen 
Bruchflächen  eingeschlossenen,  bei  dem  großen,  längst  begonnenen 
und  noch  immer  währenden  Schauspiele  des  Zusammenbruches  der 
Erdrinde  hinabgesunkenen  Teiles  derselben.  Die  eine  dieser  beiden 
Hauptbruchlinien  dürfte  der  nordwestlichen  Grenze  des  mittelböhmi- 
schen Granitgebirges  entsprechen,  die  andere  durch  die  Westgrenze 
des  Pürglitz  -  Rokytzaner  Porphyrmassives  angedeutet  sein  und  etwa 
von  Kladno  über  Radnitz  bis  Chudenitz  verlaufen." 

Es  ist  bezeichnend  für  die  Sachlage,  daß  die  Grundlagen  für 
die  tektonische  Vorstellung  erst  gesucht  werden  müssen.  Zunächst 
handelt  es  sich  darum,  die  SO-  und  die  NW-Grenze  der  vorgestellten 


'^)  Katzer;    Geologie    von    Böhmen.     Prag  1892.  —  Zweite  (unveränderte) 
Alisgabe  1902. 


[11]         Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  H 

Grabenseiikung  ausfindig  zu  machen.  Von  dem  erwähnten  Nordrande 
des  großen  mittelböhmischen  Granitgebietes  hat  bereits  S  u  e  s  s 
(Antlitz  I,  168)  wegen  seines  fast  geradlinigen  Verlaufes  gegen  NO 
vermutet,  daß  er  einem  Bruche  entspricht,  und  diesen  der  Lettenkluft 
und  den  von  Krejci  (in  den  Erläuterungen)  aufgestellten  Bruch- 
linien angereiht.  Der  Verlauf  dieser  Linie  ist  zwar  recht  weit  ent- 
fernt davon,  geradlinig  zu  sein,  dennoch  ist  im  großen  ihr  Parallelis- 
mus mit  jenen  Störungslinien  unverkennbar.  Der  Granit  ist  jedoch 
hier  keineswegs  passiv  von  einer  Störung  betroffen  worden,  sondern 
wahrscheinlich  an  einer  entsprechenden  Störungsfläche  emporgedrun- 
gen. Wir  besitzen  an  der  Granitgrenze  gegen  die  azoischen  Schiefer 
keinen  Anhaltspunkt,  um  über  die  Art  der  Bewegung,  die  sich  hier 
abgespielt  hat,  etwas  auszusagen.  Dasselbe  gilt  für  einen  weiter  im 
NO  gelegenen  Punkt  (bei  Tehov),  wo  die  Granitgrenze  durch  im  Kon- 
takt veränderte  untersilurische  Gesteine  gebildet  wird,  die  hier  ab- 
seits von  dem  zusammenhängenden  altpaläozoischen  Gebiete  zwischen 
Granit  und  azoischen  Schiefern  auftreten  und  gegen  den  Granit  ein- 
fallen ^6). 

Nicht  anders  steht  es  mit  dem  Versuche,  die  NW-Seite  des 
Pürglitzer  Porphyrzuges  als  die  andere  (nördliche)  Grenze  der  voraus- 
gesetzten Grabensenkung  zu  verwerten.  An  der  zwischen  dem  kam- 
brischen  Gesteinszuge  von  Skrej  -  Tejrzowitz  im  NW  und  dem  süd- 
lich angrenzenden  Zuge  von  Eruptivgesteinen  verlaufenden  „Bruch- 
linie von  Skrej"  ist  nicht  zu  erkennen,  in  welchem  Sinne  die 
angrenzenden  Gesteinszüge  bewegt  worden  sind.  Wir  mußten  oben 
das  im  SO  des  Porphyrzuges  folgende  neuerliche  Auftreten  der  azoi- 
schen Schiefer  berücksichtigen,  um  zu  schließen,  daß  der  kambrische 
Gesteinszug  gegenüber  dem  südöstlichen  vorkambrischen  Gebiete  ge- 
sunken ist.  Das  ist  also  die  entgegengesetzte  Bewegung  gegenüber 
derjenigen,  die  die  Voraussetzung  der  Grabensenkung  erfordert. 

Um  die  Darstellung  Katzers  vollständiger  wiederzugeben,  sind 
noch  einige  Anführungen  erforderlich.  „Das  zwischen  den  beiden 
Bruchflächen  .  .  .  hinabgesunkene  Terrain  wird  selbst  wieder  von 
einer  Unzahl  von  Verwerfungsklüften  durchsetzt,  durch  welche  Dis- 
lokationen hervorgebracht  sind,  welche  den  Bau  des  Gebirges  sehr 
komplizieren"  (S.  963).  „Dem  System"  (der  großen  streichenden 
Bruchlinien)  „gehören  zunächst  die  beiden  erwähnten  Senkungslinien 
an;  ferner  die  Sprünge,  welche  inmitten  der  großen  Grabensenkung 
eine  neue  Senkung  bewirkten  und  durch  die  Diabasmassen  an  der 
Grenze  des  Unter-  und  Obersilurs,  sowie  die  vielfachen  Einkeilungen 
obersilurischer  Gesteine  in  untersilurische  Schichten  gekennzeichnet 
sind;  weiter  die  Przibramer  Lettenkluft  und  zahlreiche  Verwerfungs- 
spalten, welche  im  Wald-  und  Kalksteingebirge  nachgewiesen  sind" 
(S.  964). 

In  Uebereinstimmung  mit  K  atz  er  wird  man  an  der  Grenze 
von  Unter-  und  Obersilur  eine  Störungszone  annehmen  müssen,  auch 

^^)  Krejci,  Erläuterungen,  S.  52  und  Profil  Fig.  21;  Uebersicht,  S.  48  und 
Profil  Fig.  40.  Katzer,  Geologie,  S.  994-997,  Profil  Fig.  472.  K  atz  er  hat  selbst 
einen  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Kontakterscheinungen  geliefert;  Jahrb.  Geol.  Reichs- 
anstalt, XXXVII,  1888,  S.  355-416. 

2» 


12  F.  Wähner.  [12] 

wenn  man  über  die  Natur  dieser  Störungen  anderer  Ansicht  ist. 
K  atz  er  sucht  Barrandes  Kolonien  —  diese  sind  unter  den  „Ein- 
keilungen" zu  verstehen  —  durch  Senkungen  an  steil  niedersitzenden 
Verwerfungen  zu  erklären ;  in  seinen  Profilen  bezeichnet  er  die  Ko- 
lonien als  Verwerfungen,  er  macht  aus  der  „Kolonie  Haidinger" 
Barrandes  eine  „Verwerfung  Haid  i  nge  r"  usw.  Halten  wir  diesen 
Standpunkt  fest,  so  ergibt  sich  für  derartige  Wiederholungen  von 
Schichtengruppen  (oberste  Stufe  [d^l  des  Untersilurs,  darüber  ober- 
silurische  Graptolithenschiefer  [ej,  [Verwerfung],  im  Hangenden  aber- 
mals (/g  usw.),  im  südlichen  Teile  des  Gebietes  (bei  Nordfallen) :  daß 
die  südlich  der  Verwerfung  gelegene  Gebirgszone  gesunken  ist,  — 
im  nördlichen  Teile  des  Gebietes  (bei  Südfallen):  daß  die  nördliche 
Gebirgszone  gesunken  ist  — ,  mithin  eine  Bestätigung  der  Regel  von 
der  Senkung  der  äußeren  Gebirgsteile.  Katzers  Profile  zeigen 
dies  deutlich:  Fig.  347,  S.  923  für  die  Kolonie  Hai  ding  er  im  so- 
genannten Südflügel ;  Fig.  356,  S.  926  für  den  Nordflügel.  Betrachtet 
man  aber  eine  Kolonie  als  eine  durch  zwei  Verwerfungen  hervor- 
gebrachte Einsenkung  ^'^)  von  Graptolithenschiefer  (e^)  in  eine  Schichten- 
folge der  Stufe  d^  nach  Art  eines  örtlich  beschränkten  Grabenbruches, 
wie  dies  K atz  er  z.  B.  für  die  Kolonie  Krejci  (in  dem  eben  ange- 
führten Profil  Fig.  347)  anzunehmen  scheint,  so  ist  dadurch  über 
das  tektonische  Verhältnis  der  im  Liegenden  der  Kolonie  auftreten- 
den untersilurischen  Gesteine  zu  den  in  ihrem  Hangenden  auftreten- 
den nichts  ausgesagt. 

Bei  anderen  Längsbrüchen  hat  Katzer  über  den  Sinn  der  Be- 
wegung richtig  geurteilt,  wobei  er  dort,  wo  Krejci  und  andere  ältere 
Beobachter  von  Hebung  sprachen  oder  gesprochen  hätten,  der  von 
ihm  vertretenen  S  u  e  s  s'schen  Auffassung  entsprechend,  Senkung  des 
anderen  Gebirgsteiles  voraussetzt.  Li  solchen  Fällen  erscheint  dann 
auch  nach  Katzer  die  äußere  Gebirgszone  gesunken  und  es  er- 
gibt sich  daher  für  den  aufmerksamen  Leser  ein  Widerspruch  zu  der 
Auffassung  des  Gebietes  als  Grabensenkung.  So  heißt  es  S.  831,  daß 
längs  der  Lettenkluft  die  Absenkung  der  Przibramer  Partie  (d.  i.  also 
des  südöstlichen  Gebirgsteiles)  gegen  das  Trzemoschnagebirge 
stattfand.  Von  den  im  NW  der  Lettenkluft  gelegenen  Längsbrüchen, 
die  in  dem  Profile  Fig.  184,  S.  831  verzeichnet  sind,  wird  S.  832 
vermutet,  „daß  auch  hier  stets  der  südliche  Flügel  gegen  den 
nördlichen  abgesunken  sein  dürfte"  ^^).  Von  der  großen  Prager  Bruch- 
linie, durch  welche  das  Untersilur  des  nördlichen  Teiles  des  Gebietes 
in  zwei  selbständige  lange  Züge  zerfällt  (vgl.  oben  S.  6),  wird  S.  836 
erklärt,  daß  der  nördliche  Zug  abgesunken  ist. 

Auch  hinsichtlich  der  das  obersilurisch-devonische  Kalkgebiet 
durchsetzenden  wichtigen  Bruchlinie  von  Koda  (vgl.  oben  S.  7)  er- 
kennt K atz  er  (S.  968  und  1069),  daß  der  südliche  Gebirgsteil  gegen 
den  nördlichen  abgesunken  ist.  Er  legt  sich  jedoch  dieses  Verhältnis 
durch  den  Hinweis  zurecht,  daß  der  genannte  Sprung  „gewissermaßen 

")  Nur  auf  ein  derartiges  Lagerungsverhältnis  könnte  der  Ausdruck  „Ein- 
keiluDg"  angewandt  werden. 

'*)  Nach  den  im  Profile  dargestellten  Lagerungsverhältnissen  ist  dieser  Schluß 
nur  mit  der  Einschränkung  auf  die  im  SO  von  Straschitz  gelegenen  Brüche  richtig. 


[13J        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  P'altengebirges.  13 

die  Mitte  der  Grabensenkung  andeutet".  Es  bedarf  keiner  Erläute- 
rung, daß  die  Mitte  einer  regelrechten  (annähernd  symmetrischen) 
Grabensenkung,  wie  man  sie  sich  vorstellt,  nicht  von  einem  Bruche, 
sondern  von  einer  Gebirgszone  gebildet  wird,  die  tiefer  gesunken  ist 
als  die  beiderseits  angrenzenden  und  die  weiterhin  folgenden  Ge- 
birgszonen.  Der  im  SO  des  Bruches  Koda  -  Srbsko  gelegene  Gebirgs- 
teil  bildet  nach  der  älteren  Anschauung  nicht  die  Mitte  des  Ge- 
bietes, er  gehört  noch  dem  sogenannten  Südflügel,  d.  i.  dem  südlichen 
Teile  des  Gebirges  an,  der  durch  vorherrschendes  NW-Fallen  gekenn- 
zeichnet ist.  Er  ist  aber  auch  nicht  der  tektonisch  zutiefst  liegende 
Teil,  obgleich  er  gegenüber  der  nördlich  folgenden  Gebirgszone  ge- 
sunken erscheint;  denn  südlich  folgen  noch  tiefer  liegende  Teile. 
Namentlich  im  südwestlichen  Abschnitte  des  Gebietes  sind  jene  Bruch- 
linien festgestellt,  denen  entlang  —  immer  bei  Annahme  von  Sen- 
kungen —  die  jeweils  südlich  folgende  Gebirgszone  gesunken  ist.  Der 
Mitte  des  ganzen  Gebietes  entspricht  jedenfalls  viel  besser  das  im 
N  des  Bruches  Koda-Srbsko  liegende  Kalkgebiet  mit  der  länger  im 
Streichen  zu  verfolgenden  Mulde  von  Hostim-Hluboczep,  in  deren  Kern 
die  jüngsten  Gesteine  des  Faltengebirges,  die  dem  oberen  Mitteldevon 
entsprechenden  Tonschiefer  (Stufe  H)  erhalten  sind.  Diese  ist  denn 
auch  nach  der  alten  Vorstellung  der  Synklinalen  Lagerung,  die  auch  heute 
nicht  leichterhand  über  Bord  zu  werfen  ist,  da  sie  ja  auf  den  im  großen 
zu  beobachtenden  Lagerungsverhältnissen  beruht,  als  die  Mitte  jener 
idealen  Mulde  angesehen  worden.  Daß  auch  diese  breitere  Zone  des 
Kalkgebietes  nicht  als  der  tektonisch  zutiefst  liegende  Teil  eines 
Senkungsgebietes  betrachtet  werden  kann,  ist  klar.  Sie  liegt  nicht 
nur  höher  als  der  südliche  Teil  des  Kalkgebietes,  sondern  auch 
höher  als  die  weiter  im  N  folgenden  Gebirgszonen,  die,  entlang  von 
streichenden  Bruchlinien  abgetrennt,  je  weiter  nördlich,  desto  tiefer 
liegen.  Dagegen  würde  dieser  nördliche  Teil  des  Kalkgebietes  ver- 
möge seiner  tektonisch  hohen  Lage  dem  mittleren,  am  höchsten 
liegenden  Teile  eines  Horstes  entsprechen,  falls  die  beobachteten 
Lagerungsverhältnisse  auf  Senkungsbrüchen  beruhen.  (Vgl.  oben  S.  9  f.) 
Wie  immer  wir  also  versuchen,  die  Vorstellung  der  Grabensenkung 
anzuwenden,  stets  versagt  solches  Bemühen. 

Daß  die  zahlreichen  in  der  Geologie  von  Böhmen  zumeist  nach 
Krejci  widergegebenen  Durchschnitte  in  ihrer  übergroßen  Mehrzahl 
gegen  die  von  Katzer  vertretene  Anschauung  sprechen,  bedarf  nach 
dem  vorangegangenen  kaum  eines  Hinweises.  Katze  r  hat  das  be- 
kannte Barrand  e'sche  Idealprofil  durch  ein  neues  Idealprofil 
(Fig.  180,  S.  829  und  Fig.  612,  S.  1070)  ersetzt,  dem  noch  einige 
Worte  zu  widmen  sind.  In  dasselbe  sind  vier  Längsbrüche  aufge- 
nommen. Im  äußersten  NW  sieht  man  die  „Phyllite  des  Urschiefer- 
gebirges"  (die  vorkambrischen  Schiefer)  und  das  Kambrium  (von 
Skrej)  gegen  den  Pürglitz  -  Rokytzaner  Porphyrzug,  bzw.  gegen  die 
im  S  desselben  abermals  auftretenden  alten  Schiefer  abgesunken.  An 
der  Grenze  des  Untersilurs  gegen  das  Obersilur  ist  (zur  Erklärung 
der  Kolonien)  im  NW  wie  im  SO  je  eine  Verwerfung  eingezeichnet, 
durch  die  die  Einschaltung  der  obersilurischen  Graptolithenschiefer  e^ 
in  die  untersilurische  Stufe  d^  hervorgebracht  wird ;  in  beiden  Fällen 


14  F.  Wähuer.  [14] 

erscheint  wieder  die  äußere  Gebirgszone  gesunken.  Der  vierte 
Bruch  (von  Koda)  scheidet  den  südöstlichen  Teil  des  Kalkgebirges, 
in  dem  Nordwestfallen  herrscht,  von  seinem  nordwestlichen  Teil ;  der 
erstere  erscheint  gesunken.  Die  vier  Lcängsbrüche  trennen  demnach 
fünf  (in  ihrer  Zusammensetzung  und  Begrenzung  ziemlich  ungleich- 
artige) Gebirgszonen :  eine  mittlere,  zwei  nördlich  und  zwei  südlich 
gelegene  1'^).  Die  beiden  äußeren  Zonen  liegen  am  tiefsten,  jede  von 
ihnen  ist  gegen  die  nach  innen  folgende  gesunken;  diese  nach  innen 
folgenden  Gebirgszonen  erscheinen  wieder  gegen  die  mittlere  gesenkt, 
der  die  höchste  Lage  zukommt. 

d)  F.  E.  Suess. 

Die  Stellung,  die  F.  E.  Suess  in  seinem  sehr  lesenswerten 
Buche  20)  in  der  erörterten  Frage  einnimmt,  ist  nicht  ganz  leicht  zu 
erkennen.  Die  Voraussetzung  der  Grabensenkung  steht  auch  hier  im 
Vordergrunde  und  taucht  aus  der  sonst  gegenständlichen  Schilderung 
immer  wieder  auf.  Eine  Veränderung  oder  wenigstens  Klärung  der 
Auffassung  liegt  darin,  daß  der  Verfasser  das  Gebiet  für  ein  altes 
Faltengebirge  erklärt,  das  nach  seiner  Bildung  von  großen  Ver- 
werfungen zerstückelt  worden  ist.  Diese  würden  daher  gegenüber  der 
Faltung  eine  jüngere  geologische  Erscheinung  darstellen.  „Das  ganze 
Gebiet  alter  Sedimente  Mittelböhmens  stellt  sich  vielmehr  dar  als 
ein  durch  nordoststreichende  Brüche  zertrümmertes  und  abgesunkenes 
Stück  eines  gefalteten  Gebirges"  (S.  110  21).  Dieses  Urteil  wird  in. 
der  den  Schluß  des  Abschnittes  bildenden  Uebersicht  eingeschränkt 
durch  die  Bemerkung:  „Das  Gebiet  war  ohne  Zweifel  schon  vor  der 
Zerstückelung  in  die  langen  leisteuförmigen  Schollen  in  nordöstliche  ^^) 
Falten  gelegt;  ein  Teil  der  steilen  Schichtenstellung,  der  steilen 
Schleppung  und  Schichtknickung  und  Faltung  muß  aber  der  Reibung 
und  dem  Drucke  beim  Niedergange  der  einzelnen  Schollen  zuge- 
schrieben werden"  (S.  155  2'). 


*^)  Diese  hier  der  einfacheren  Beschreibung  wegen  vorgenommene  Gruppie- 
rung bringt  keine  Symmetrie  im  Aufbau  zum  Ausdrucke;  nur  in  der  Falirichtung 
der  Schichten  zeigt  sich  Symmetrie  im  großen. 

^"j  Franz  E.  Suess,  Bau  und  Bild  der  Böhmischen  Masse.  Wien  und  Leip- 
zig 1903. 

2*)  Wenn  der  Verfasser  sich  hierbei  auf  die  im  vorangehenden  Satze  er- 
wähnten Aufnahmen  der  geologischen  Reichsanstalt  und  insbesondere  Krejöis 
sorgfältige  Studien  zu  berufen  scheint,  so  kann  in  Uebereinstimmung  mit  früheren 
Erörterungen  nur  gesagt  werden,  daß  die  P>gebnisse  jener  Untersuchungen  zur 
Annahme  einer  Senkung  des  ganzen  Gebietes  oder  von  ausgedehnten  inneren 
Teilen  desselben  nicht  berechtigen.  Eine  Berufung  auf  den  wirklichen  Urheber 
dieser  tektonischen  Vorstellung  ist  weder  hier  noch  später  erfolgt. 

^^)  Gemeint  sind  nordöstlich  streichende  Falten. 

'^')  Der  Gedanke  findet  sich  auch  bei  Katzer,  nach  dem  sich  die  Druck- 
wirkungen „in  Zusammenfaltungen,  Brüchen  und  Verwerfungen  äußerten",  und  der 
weiter  erklärt:  „Da  das  Gebiet  von  einer  Reihe  mehr  minder  paralleler  Bruch- 
flächen durchzogen  wird,  so  hat  sich  entlang  derselben  die  Absenkung  als  soge- 
nannte Staffelgleitung  vollzogen  und  ist  stellenweise  die  Abgleitung  mit  einer 
Schleppung  der  Schichten  verbunden  gewesen"  (Geologie  v.  B.,  S.  965).  Ein  Hinweis 
auf  bestimmte  Vorkommnisse  wird  weder  hier  noch  dort  gegeben.  Die  Vorstellung 


[15]       Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  15 

Eine  weitere  Veränderung  ergibt  sich  daraus,  daß  F.  E.  Suess 
augenscheinlich  einen  Anschluß  an  die  auf  den  beobachteten  Tat- 
sachen beruhende  ältere  Vorstellung  von  der  Synklinalen  Lagerung 
zu  gewinnen  sucht.  So  ist  S.  117  von  dem  „langgezogenen  EUipsoid 
des  altpaläozoischen  Senkungsgebietes",  das  vom  Untersilur  um- 
schlossen wird,  die  Rede,  worunter  demnach  nur  das  innen  gelegene 
obersilurisch-devonische  Gebiet  verstanden  wird.  In  viel  umfassen- 
derem Sinne  wird  8.  130  und  131  in  den  Bezeichnungen  von  Durch- 
schnitten von  der  „muldenförmigen  Grabensenkung"  und  dem  „mulden- 
förmigen Graben"  gesprochen.  In  der  Uebersicht  wird  S.  154  gegen- 
über der  (schon  lange  aufgegebenen)  Anschauung  von  einer  „Bildung 
(der  altpaläozoischen  Sedimente)  in  einem  geschlossenen  Becken"  und 
von  der  „Ablagerung  in  einer  Mulde"  erklärt:  „Vielmehr  stellt  das 
Gebiet  eine  komplizierte  konzentrische  Grabensenkung  an  vorherr- 
schend nordöstlichen  Brüchen  dar.  In  den  am  tiefsten  gesenkten 
Teilen,  in  der  Mitte  sind  die  jüngsten  Glieder  der  ganzen  Schichtserie, 
die  Kalke  und  Schiefer  des  Mitteldevon  erhalten  geblieben."  Es  ist 
kaum  nötig,  hier  abermals  darauf  hinzuweisen,  daß  diese  Vorstellung 
im  Widerspruch  zu  den  tatsächlichen  Verhältnissen  steht,  da  die  von 
den  jüngsten  Gesteinen  eingenommene  Mitte  des  Gebietes  gerade  die 
tektonisch  am  höchsten  liegenden  Teile  darstellt. 

Auch  bei  F.  E.  Suess  finden  wir  in  bezug  auf  einige  Längs- 
brüche richtige  Urteile  über  den  Sinn  der  Bewegung.  So  heißt  es 
S.  118,  daß  die  kambrischen  Sedimente  von  Skrej — -Tejrzowitz  an 
einer  Bruchlinie  entlang  des  Pürglitzer  Porphyrstockes  abgesunken  sind. 
Wenn  man  auch  nicht  zugeben  kann,  daß  entlang  dem  Porphyrzuge 
eine  derartige  Bewegung  zu  erkennen  ist,  so  liegt  doch  tatsächlich 
die  im  NW  desselben  befindliche,  mithin  die  äußere  Gebirgszone 
tektonisch  tiefer  als  die  nach  innen  folgenden  Gebirgsteile.  (Vgl.  oben 
S.  ~.)  S.  122  wird  Näheres  über  die  Przibramer  Lettenkluft  mit- 
geteilt, an  der  die  (im  NW  liegenden)  „azoischen  Schiefer  auf  die 
kambrischen  Grauwacken  hinaufgeschoben  scheinen".  (Die  inneren 
Gebirgsteile  erscheinen  daher  gehoben.)  Die  Annahme  einer  Auf- 
schiebung an  der  gegen  NW  geneigten  Bruchfläche  bildet  eine 
Rückkehr  zu  einer  den  Beobachtungen  besser  entsprechenden  Be- 
trachtungsweise. 

Auch  die  Bewegungen  an  den  im  NW  der  Lettenkluft  von  Krejci 
aufgestellten  Längsbrüchen,  die  das  große  Gebiet  der  kambrischen 
Grauwacken  und  Konglomerate  durchsetzen,  scheinen  nicht  im  Sinne 
der  Grabensenkung  aufgefaßt  zu  werden;  denn  S.  130  wird  über- 
raschenderweise von  dem  durch  jene  Brüche  erzeugten  „kambri- 
schen Grauwackenhorst  des  Zdar-  und  des  Trhonberges"  ge- 
sprochen, „der  nordöstlich  unter  die  Stufe  d-^  allmählich  hinabtaucht". 
Unter  Voraussetzung  senkender  Bewegungen   erscheinen  wirklich   die 


geht  auf  Krejci  zurück,  der  mehrfach  bemerkt  hat,  daß  die  Schichtenstörungen 
(Faltungen  usw.)  in  der  Nähe  einer  seiner  Bruchlinien  heftiger  werden,  und  der 
die  Faltungen  in  ihrer  Gesamtheit  auf  die  Hruchbildung  zurückführt.  (Vgl.  oben 
S.  3  f.)  Das  Tatsächliche  kann  ich  auf  Grund  eigener  Beobachtung  nur  bestätigen. 
Es  wird  nötig  sein,  auf  die  Erscheinung  und  ihre  Erklärung  zurückzukommen, 
(Vgl.  darüber  auch  S.  18  f.  und  Fußnote  27.) 


16  F.  Wähner.  [16] 

Südöstlich  liegenden  Schollen  immer  tiefer  gesunken,  so  daß  hier 
mindestens  ein  halber  Horst  angenommen    werden  kann  ^*). 

Hiernach  wird  man  weniger  erstaunt  sein  über  den  folgenden 
Satz:  „Die  Profile  nach  Krejci  und  Feistraantel  mögen  einen 
Begriff  geben  von  den  Unregelmäßigkeiten,  durch  welche  das  allge- 
meine Schema  der  konzentrischen  Senkung  des  mittelböhmischen 
Paläozoikums  gestört  wird."  Der  Verfasser  verweist  damit  auf  fünf 
Profile  durch  den  südwestlichen  Teil  der  Silurmulde  (Fig.  20 — 24, 
S.  129),  die  wie  die  übrigen  von  ihm  wiedergegebenen  Querschnitte 
nicht  nur  „Unregelmäßigkeiten",  sondern  zumeist  in  voller  Deutlichkeit 
die  oft  erwähnte  gegenteilige  Regel  erkennen  lassen  und  daher  gegen 
jenes  Schema  in  offenem  Widerspruch  stehen.  Gleich  das  erste  der 
angeführten  Profile  (Fig.  20),  das  durch  azoische  Gesteine  und  tiefere 
untersilurische  Stufen  geführt  ist,  stellt  einen  ausgesprochenen  Horst 
dar,  indem  gegen  den  breiten  mittleren,  im  großen  muldenförmig 
gebauten  Teil  im  NW  (außen)  vier  gegen  SO  fallende  schmale 
Gebirgszonen  regelmäßig  treppenförmig  abgesunken  erscheinen,  während 
im  SO  (außen)  ein  gegen  NW  fallendes  Gebirgsstück  ebenfalls 
gegenüber  der  Mitte  gesenkt  ist. 

Im  ganzen  gibt  F.  E.  Suess  neun  Querschnitte  nach  Krejci 
wieder,  in  denen  22  Längsbrüche  dargestellt  sind ;  von  diesen  zeigen 
16  Brüche  deutlich  die  Senkung  des  jeweils  nach  außen  folgenden 
Gebirgsstückes,  wogegen  nur  an  einem  Bruche  ebenso  deutlich  das 
entgegengesetzte  Verhalten  zu  erkennen  ist.  Rechnet  man  die  Brüche, 
an  denen  der  Sinn  der  Bewegung  aus  der  Zeichnung  nicht  so  klar 
hervortritt,  hinzu,  so  finden  wir  19  Brüche,  welche  unserer  Regel 
folgen,  gegenüber  dreien,  bei  denen  dies  nicht  der  Fall  ist^^).  — 

So  erscheinen  F.  K atz  er  und  F.  E.  Suess  als  gewiß  unbe- 
einflußte Gewährsmänner  gegen  die  von  ihnen  vertretene  Auffassung. 


2.   Vorläufiges  zur  Beurteilung  der  Längsbrüche. 

Die  im  Streichen  liegenden  Störungen,  die  uns  beschäftigen, 
sind  aus  den  Lagerungsverhältnissen  erschlossen  worden  und,  wie  das 
bei  Verwerfungen  größeren  Ausmaßes  zumeist  der  Fall  ist,  als  solche 


-*;  Diese  Auffassung  steht  im  Einklänge  mit  dem  von  Krejßi  (Uebersicht, 
S.  15,  Fig.  5)  gegebenen  langen  Querschnitte,  zum  größten  Teile  auch  mit  dem 
schon  (S.  12)  erwähnten  Profile  Katzers  (Geologie  v.  JB.,  S.  831,  Fig.  184),  da? 
nur  in  dem  am  weitesten  gegen  NW  gelegenen,  dem  Zdarberge  entsprechenden 
Teile  insofern  abweicht,  als  dieser  nach  den  gezeichneten  Lagerungsverhältnissen 
gegen  den  südöstlich  liegenden  Teil  wieder  ein  wenig  gesunken  erscheint,  wogegen 
allerdings  (S.  832,  mit  Bezug  auf  das  ganze  Gebiet  und  das  Profil)  allgemein  gesagt 
wird,  daß  „stets  der  südliche  Flügel  gegen  den  nördlichen  abgesuuken  sein  dürfte". 

2')  Daß  „die  Zone  H  bei  örbsko  (an  einer  Verwerfung)  abgesunken  ist",  hat 
F.  E.  Suess  (S.  148)  gleichfalls  erkannt.  (Vgl.  oben  S.  7.)  Schließlich  (S.  148) 
spricht  er  sogar  von  „kieiueu  Ueberschiebungen**  der  Gegend  von  Konjeprus,  wo 
die  devonischen  Kalke  f^  von  obersilurischen  Kalken  e.^  und  diese  von  Graptolithen- 
schiefern  e^  überlagert  sind.  (Von  dieser  wichtigen  Störung,  die  J.  Jahn  in  dem- 
selben Jahie  [1903]  bekannt  gemacht  und  in  ein  schon  1891  angefertigtes  Profil 
aufgenommen  hat,  soll  später  die  Rede  sein.) 


[17]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  17 

nicht  sichtbar;  die  Störungsflächen  selbst  sind  im  allgemeinen  der 
Beobachtung  nicht  zugänglich.  Im  Untersilur  verlaufen  sie  in  Ton- 
schieferzonen, in  denen  es  an  Aufschlüssen  mangelt,  und  selbst  die 
das  Kalkgebirge  durchsetzende  wichtige  Bruchlinie  von  Koda-Srbsko 
verläuft  in  Längstälern,  die  in  den  mitteldevonischen  Tonschiefern 
der  Stufe  H  ausgewaschen  sind.  Wenn  wir  in  dem  bei  Radotin  ins 
Berauntal  mündenden  Quertale  aufwärts  nach  NW  wandern,  verqueren 
wir  —  wir  befinden  uns  im  sogenannten  Südflügel  und  bewegen  uns 
aus  dem  Liegenden  ins  Hangende  —  nach  der  Reihe  die  oberste  Stufe 
des  Untersilurs  d^,  die  verschiedenen  Stufen  des  Obersilurs  und  die 
devonischen  Knollenkalke  g^,  die  hierauf  durch  eine  als  die  Fort- 
setzung des  Bruches  von  Koda  betrachtete  Längsstörung  abgeschnitten 
sind.  Auf  die  steil  aufgerichteten  Knollenkalke  g^^  die  nahe  der 
Bruchlinie  stellenweise  starke  Störungen  des  regelmäßigen  gleich- 
gerichteten Einfallens  (untergeordnete  Faltungen  usw.)  erkennen  lassen, 
folgt  hier  wieder  das  Obersilur  {e^  und  e^)  in  zumeist  flacherer 
Lagerung,  und  dennoch  ist  auch  hier  die  Grenze  selbst  nicht  aufge- 
schlossen, auch  dort  nicht,  wo  die  Orthocerenkalke  e^  nahe  an  die 
^Tj-Kalke  herantreten.  Wieder  verläuft  die  Störung  durch  kleine 
Längstäler,  die  durch  die  Graptolithenschiefer,  vielleicht  auch  durch 
eine  die  Verwerfung  begleitende  Zertrümmerungszone  bedingt  sind. 

Zu  welchen  Widersprüchen  wir  gelangen,  wenn  wir  die  großen 
Längsbrüche  mitKrejci  und  mit  E.  Suess  als  steil  niedersetzende, 
die  Schichten  verquerende  Verwerfungen  betrachten,  ist  oben  gezeigt 
worden. 

Wenn  man  ähnlichen,  durch  streichende  Störungen  hervor- 
gerufenen Wiederholungen  von  Schichtenfolgen  in  den  Alpen  oder 
einem  anderen  Faltengebirge  begegnet,  so  zweifelt  heute  wohl  nicht 
leicht  ein  Beobachter,  der  mit  derartigem  Gebirgsbau  vertraut  ist, 
daran,  daß  man  es  mit  Brüchen,  die  aus  dem  Faltungsvorgang  hervor- 
gehen, mit  Faltungsüberschiebungen,  mithin  im  großen  mit 
Schuppenbau  zu  tun  hat.  Auch  in  anderen  Gebieten  sind  jene  Störungen 
gewöhnlich  nicht  aufgeschlossen;  wir  sehen  zwar  die  jüngeren  Schichten- 
gruppen gegen  die  älteren,  oder,  wie  wir  vielfach  zu  sagen  pflegen, 
unter  die  älteren  Schichten  einfallen,  aber  wir  können  nicht  mit 
Sicherheit  ermitteln,  ob  sich  die  jüngeren  Schichten  in  der  Tiefe 
wirklich  unter  die  älteren  fortsetzen,  ob  die  älteren  Schichten  die 
jüngeren  tatsächlich  überlagern.  (Vgl.  den  Querschnitt  Abb.  1.) 
Die  Fälle,  die  aus  den  Westalpen  oder  in  den  Ostalpen  aus 
dem  Sonnwendgebirge  beschrieben  wurden,  in  denen  wir  bei 
verhältnismäßig  flacher  Lagerung  die  älteren  Gesteine  unmittelbar 
auf  den  jüngeren  liegen  sehen  und  die  Hand  auf  die  Grenze 
legen  können,  sind  nicht  die  Regel,  sondern  die  Ausnahme.  Und 
dennoch  ziehen  wir  beispielsweise  in  den  sog.  österreichischen  Vor- 
alpen und  an  vielen  anderen  Orten  unbedenklich  den  Schluß,  daß  auf 
dem  Faltenbau  beruhende  Ueberschiebungen  jene  Lagerungsverhältnisse 
hervorrufen. 

Es  ergibt  sich  die  Frage:  Dürfen  wir  die  tektonischen  Er- 
fahrungen und  Anschauungen,  die  in  den  Alpen  und  ähnlich  gebauten 
Gebirgen  gewonnen  wurden,  ohne  weiteres  auf  ein  Gebiet  der  böhmischen 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt.  1916,  66.  Band,  l.  Heft.  (F.  Wähner.)  3 


18  F.  Wähner.  [18] 

Masse  übertragen  und  auf  ein  geologisch  älteres  Gebirge  anwenden?  Die 
Faltungen,  die  das  mittelböhmische  ältere  Paläozoikum  kennzeichnen, 
greifen  nicht  auf  das  flach  gelagerte  Oberkarbon  über,  das  in  den 
anschließenden  Gegenden  zumeist  auf  vorkambrischen  Gesteinen  liegt, 
in  einigen  Vorkommnissen  aber  auch  über  untersilurischen  Schichten 
erhalten  blieb.  Das  mittelböhmische  Faltengebirge  muß  demnach  in 
dem  das  Oberdevon  und  das  Unterkarbon  umfassenden  Zeiträume 
entstanden,  über  den  Meeresspiegel  erhoben,  bzw.  Festland 
geworden  und  weithin  wieder  abgetragen  worden  sein,  so  daß  die 
festländischen  Bildungen  des  Oberkarbons  auf  den  genannten  älteren 
Gesteinen  abgelagert  werden  konnten.  Wenn  von  irgendwelchen,  so 
muß  nämlich  gerade  von  den  jüngeren,  den  devonischen  Schichten- 
gruppen, unter  denen  sich  pelagische  und  Tiefseeablagerungen  befinden, 
angenommen  werden,  daß  dieselben  ehedem  eine  weitaus  größere 
Verbreitung  besessen  haben,  als  ihnen  heute  zukommt. 

Wir  könnten  uns  darauf  berufen,  daß  Ueberschiebungen  auch 
in  weit  älteren  Gebirgen  festgestellt  worden  sind.  Wenn  wir  aber 
nicht  leichthin  urteilen,  sondern  sorgfältig  prüfen  wollen  —  das  scheint 
gerade  im  vorliegenden  Falle,  in  dem  der  Gebirgsbau  bis  vor  kurzem 
anders  aufgefaßt  wurde,  geboten  zu  sein  — ,  so  werden  wir  uns  diesen 
Bau  zunächst  etwas  näher  besehen,  Schichtenstörungen,  besonders  Brüche 
genauer  kenneu  zu  lernen  suchen.  An  Gelegenheit  hierzu  fehlt  es  nicht. 
„Die  Verwerfungsklüfte  im  böhmischen  Silur  sind  unzählbar,  sie  be- 
gleiten den  Beobachter  auf  allen  Wegen",  sagt  Krejci  (Erläuterungen, 
S.  82)  mit  voller  Berechtigung.  Wer  es  nicht  verschmäht,  ins  kleine 
und  einzelne  zu  dringen,  wird  manches  ermitteln  können,  das  auch 
auf  den  Gebirgsbau  im  großen  ein  Licht  wirft. 

Daß  die  in  Mittelböhmen  auftretenden  altpaläozoischen  Schichten- 
gruppen eine  kräftige,  stellenweise  sogar  eine  hochgradige  Faltung 
erfahren  haben,  darüber  kann  schon  lange  kein  Zweifel  mehr  bestehen. 
Es  ist  unmittelbar  aus  der  Beobachtung  zu  entnehmen  und  eine  in 
vielen  Querschnitten  festgelegte  Erfahrung.  Derartiges  mit  den  an 
Verwerfungen  zu  beobachtenden  Schleppungserscheinungen  zu  ver- 
gleichen, geht  schon  darum  nicht  an,  weil  jene  Faltungen  von  Schlep- 
pung zu  verschieden  sind.  Eine  Schleppung  ist  überdies  immer  eine 
örtlich  beschränkte  Schichtenstörung,  und  nur,  wo  die  Verwerfungen 
sich  häufen  und  nahe  aneinander  treten,  häufen  sich  unter  Umständen 
auch  die  Schleppungserscheinungen,  die  aber  auch  dann  von  regel- 
mäßiger Faltung  leicht  zu  unterscheiden  sind.  Man  sieht  die  Schlep- 
pung auch  in  diesem  Falle  an  die  Verwerfung  gebunden  ^6). 

Eine  in  regelmäßige  Falten  gelegte  Schichtengruppe  können  wir 
rücksichtlich   der  Ausbildung   der  Falten   und   aller   tektonischen  Er- 

^"j  Es  wird  sich  Gelegenheit  ergeben,  einen  Fall  von  gehäuften  und  heftigen 
Schleppungserscheinungen  aus  einem  weithin  durch  sehr  ruhigen  Bau  ausgezeich- 
neten Gebiete  der  Salzbiirger  Alpen  zu  beschreiben.  (Vorläufig  wäre  zu  verweisen 
auf  F.  Wähne  r,  Einiges  über  Gebirgsbau  und  Gebirgsbewegungen ;  Schriften 
Ver.  z.  Verbr.  natw.  Kenntn.  in  Wien,  LVI.,  1916,  Taf.  1  und  zugehörige  Erklärungen 
(S.  230).  Auch  hier  sind  diese  Störungen  getrennt  durch  kleine  und  große,  von 
Störungen  unberührte  Strecken,  iu  denen  die  Schichten  horizontale  oder  sehr  flache 
Lagerung  zeigen. 


[19]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischeu  Faltengebirges.  19 

scheinungen  auf  das  genaueste  beschreiben,  im  allgemeinen  aber 
können  wir  darüber,  auf  welche  Ursache  immer  wir  die  Faltung  zurück- 
führen mögen  —  Volumvergrößerung  der  Gesteine  ausgenommen  — 
nicht  viel  anderes  aussagen,  als  daß  die  Schichtengruppe  augenschein- 
lich seitlich  (tangential)  zusammengeschoben  und  dadurch  gefaltet 
worden   ist  ^'^). 

Die  starke  seitliche  Zusammenschiebung  der  Schichtengruppen, 
die  mit  kräftiger  Faltung  verknüpft  ist,  pflegt  sich  auch  in  anderen 
tangentialen  Bewegungen  zu  äußern.  Im  folgenden  sollen  Beobach- 
tungen mitgeteilt  werden,  welche  zeigen,  daß  Anzeichen  lateraler 
Bewegung  im  mittelböhmischen  Faltengebirge  in  der  Tat  in  großer 
Zahl  vorhanden  sind.  Aus  ihnen  kann  selbstverständlich  nicht  sofort 
mit  Sicherheit  auf  die  Natur  der  großen  Längsbrüche  geschlossen 
werden.  Sie  beweisen  schließlich  nichts  anderes  als  der  Faltungsvorgang 
selbst,  der  ebenfalls  Bewegung  in  tangentialem  Sinne  darstellt.  Aber 
sie  tragen  mit  dazu  bei,  ein  kräftig  bewegtes  Faltengebirge  erkennen 
zu  lassen,  dem  man  wohl  auch  zutrauen  darf,  daß  bei  seiner  Bildung 
jener  Grad  des  Seitenschubes  und  der  Schichtenstauung  erreicht 
wurde,  der  sich  in  den  Faltungsüberschiebungen  kundgibt. 


3.  Weitere  Kennzeictien  tangentialer  Gebirgsbewegung. 

a)  Bewegungsspuren  an  Schichtflächen. 

Eine  ungemein  häufige  Erscheinung,  die  in  den  meisten  Schichten- 
gruppen des  älteren  Paläozoikums  Mittelböhmens  zu  beobachten  ist, 
ist  das  Auftreten  von  Glättung  oder  von  Rutschstreifen  auf  Schicht- 
flächen ;  nicht  selten  sind  diese  in  ausgesprochene  Butschflächen  ver- 
wandelt. Am  leichtesten  erkennt  man  solche  Zeichen  von  Bewegung 
in  den  deutlich  geschichteten  kalkigen  Bildungen,  in  den  obersiluri- 
schen  Stufen  eg  und  /^  und  in  den  devonischen  Knollenkalken  g^  und 
g^.  In  den  dunkel  gefärbten  Kalken  {e-^  ß  usw.)  und  in  Kalken  mit 
dunklen  Zwischenlagen  sieht  man  sehr  oft  spiegelnde  Harnische  an 
Stelle  der  Schichtflächen.  Bekannt  sind  diese  in  den  /i-Kalken; 
auch  in  g^  sind  sie  recht  häufig.  Im  Untersilur  sind  die  Anzeichen 
von  Bewegung  an  Schichtflächen  vielleicht  nur  deshalb  leichter  an 
den  harte  Gesteine  enthaltenden  Stufen  festzustellen,  weil  diese 
häufiger  aufgeschlossen  sind.  In  untersilurischen  Quarziten  sind  Rutsch- 
flächen nicht  selten  entlang  den  dickeren,  aus  Tonschiefer  bestehen- 
den Zwischenlagen  der  Sandsteinbänke  zu  sehen,  nicht  so  leicht  hin- 


")  Es  scheint  allerdinga  ein  ursächlicher  Zusammenhang  zwischen  manchen 
Vorkommnissen  kleiner  enger  Falten  und  den  großen  Längsbrüchen  zu  bestehen. 
(Vgl.  oben  S.  14  und  Note  23.)  Aber  für  den  Standpunkt,  der  diese  Brüche  aus 
der  Faltung  hervorgehen  läßt,  ist  jener  Zusammenhang  ein  anderer  als  der,  den 
man  früher  vermutet  hat.  An  jenen  Stellen,  an  denen  die  seitliche  Zusammen- 
schiebung ein  hohes  Maß  erreichte,  konnten  einerseits  die  Schichten  in  besonders 
enge  Falten  gelegt  werden,  konnte  es  anderseits  zur  Trennung  der  Gesteine  an 
Ueberschiebungen  kommen. 

3* 


20  F.  Wähner.  [20] 

gegen  an  den  nur  mit  papierdünnen  Zwischenmitteln  bekleideten 
Schichtflächen  der  dicken  Bänke.  Es  ist  verständlich,  daß  an  den 
ersteren  Bewegung  leichter  und  daher  häufiger  eintritt.  Die  erst- 
erwähnten Rutschflächen  sind  in  den  im  Betriebe  stehenden  Stein- 
brüchen sehr  vergänglich,  da  die  mürben  Zwischenlagen  von  den 
harten  Gesteinsbänken  leicht  abbröckeln. 

Eine  leicht  zugängliche  Stelle,  an  der  die  Erscheinung  gut  zu 
beobachten  ist,  befindet  sich  an  dem  gegen  die  Moldau  gerichteten 
Vorsprunge  des  Wyschehrader  Felsens  in  Prag,  der  vor  einigen  Jahren 
mit  einem  Straßentunnel  durchbrochen  worden  ist.  Steil  aufgerichtete, 
wellig  gebogene  Sandsteinbänke  der  Grauwackenschiefer  d^  des  Unter- 
silurs fallen  hier  (im  Nordflügel)  „widersinnig"  gegen  NW.  Einige 
Schichtflächen,  die  dem  von  N  kommenden  zugewendet  sind,  sind  mit 
schwach  ausgeprägten,  aber  deutlichen  Rutschstreifen  bedeckt,  die 
auf  den  steilen  Fachen  ungefähr  in  der  Richtung  des  Fallens  ver- 
laufen. Zumeist  sind  hier  die  Streifen  als  Abformuug  auf  einem  Quarz- 
häutchen  zu  sehen,  das  die  Schichtflächen  überzieht,  und  gerade 
der  letzterwähnte  Umstand  bewirkt  wohl,  daß  die  verhältnismäßig 
zarten  Streifen  an  der  Oberfläche  sich  so  lange  erhalten.  Man  sieht 
sie  am  besten,  wenn  man  unmittelbar  vor  dem  gegen  Prag  gerich- 
teten Tunneleingang  auf  der  hochgelegenen  Straße  einige  Schritte 
nach  rechts  gegen  die  Moldau  zu  geht  und  von  diesem  nach  der 
Flußseite  abgeschlossenen  Punkte  die  gegen  den  Beschauer  fallenden 
Schichtflächen  betrachtet.  Die  Streifen  sind  auch  im  photographischen 
Bilde  erkennbar. 

Oberhalb  Hluboczep  sind  hart  an  dem  höheren  Teil  der  Strecke 
Smichow— Hostiwitz  der  Buschtiehrader  Bahn  steil  aufgerichtete  dicke 
Bänke  der  (/^-KnoUenkalke  des  Südflügels  aufgeschlossen,  wobei  aus- 
gedehntere Teile  der  hangenden  Schichtflächen  entblößt  sind. 
Vier  oder  fünf  (nahe  übereinander  folgende)  der  sonst  so  unebenen 
Schichtflächen  dieser  Knollenkalke  sind  durch  die  Gebirgsbewegung 
auffallend  eben  geworden,  sie  haben  ihre  knollige  Beschaff'enheit  in- 
soweit eingebüßt,  als  die  emporstehenden  Teile  der  Knollen  abge- 
schliffen sind,  und  nur  an  den  zwischen  den  Knollen  liegenden,  teil- 
weise erhaltenen  Vertiefungen  ist  die  knollige  Beschaffenheit  noch 
erkennbar.  Die  Rutschstreifen  sind  besonders  dort  noch  gut  sichtbar, 
wo  ein  auf  der  Rutschfläche  ausgeschiedenes  Kalkspathäutchen  sich 
erhalten  hat;  sie  verlaufen  auch  hier  in  der  Fallrichtung  der 
Bänke. 

Man  muß  sich  hüten,  den  in  Rutschflächen  verwandelten  Schicht- 
flächen allzu  große  tektonische  Bedeutung  beizumessen.  Besonders 
wenn  solche  innerhalb  einer  engeren  Schichtengruppe  auftreten, 
sind  sie  keineswegs  als  Bewegungsflächen  höherer  Ordnung,  als  mit 
Schichtflächen  zusammenfallende  Längsbrüche  anzusehen.  Ein  Teil 
der  Bewegungsspuren  auf  Schichtflächen  entsteht  wohl  in  engster 
Verbindung  mit  dem  Faltungsvorgange.  Bei  der  Faltung  verschieben 
sich  die  festen  Gesteinsbänke  um  geringe  Beträge  entlang  den  Schicht- 
flächen, d.  i.  entlang  den  weicheren  Zwischenlagen  und  den  dünnen 
Zwischenmitteln  quer  zu  den  Achsen  der  Falten.  Die  Zwischenlagen 
und  Zwischenmittel    erleichtern    und    begünstigen    dadurch    das   Zu- 


[21]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  21 

Standekommen  der  Faltung  in  hohem  Grade  ^s).  An  heftig  gefalteten 
dünnplattigen  Kalken  ist  in  frischen  Aufschlüssen  stets  Glättung  der 
Schichtflächen  zu  beobachten.  Ein  gutes  Beispiel  bietet  der  bekannte 
Barrandefelsen  bei  Prag'^^). 

b)  Ablösung  tou  Schichteii^ruppen. 

Der  eben  erwähnte  Barrandefelsen,  links  der  Moldau  zwischen  Slichow 
und  Kuchelbad  gelegen,  bietet  einen  in  mehrfacher  Hinsicht  bemerkens- 
werten Bau.  Die  zahlreichen  engen  Falten,  in  die  hier  dünnplattige  obersi- 
lurische  Kalke  (vielleicht  noch  zum  Teile  zu  62  gehörig,  besonders  aber  die 
jetzt  als  oberstes  Silur  angesehenen /^-Kalke)  zusammengeschoben  sind, 
greifen  nicht  auf  den  darunterliegenden  hellen  (sicheren)  Orthocerenkalk  e^ 
und  ebensowenig  auf  die  im  Hangenden  folgenden  devonischen  Kalke 
über.  Namentlich  die  durch  Steinbrüche  gut  aufgeschlossenen  Knollen- 
kalke g^  lassen  auf  weite  Erstreckung  (im  Streichen  sowohl  wie  in 
der  Fallrichtung)  nur  auffallend  ebene  Schichtflächen  erkennen.  Wir 
befinden  uns  hier  im  Südflügel  der  großen  Mulde  von  Hluboczep  (und 
im  sog.  Südflügel  des  ganzen  Gebietes),  alle  Schichtengruppen  sind 
ziemlich  steil  aufgerichtet  und  fallen  gleichmäßig  in  annähernd 
nordwestlicher  Richtung.  Diese  konkordante  Lagerung  der  Schichten- 
gruppen beruht  auf  einer  Faltung,  die  sich  unter  großen  räum- 
lichen Verhältnissen  abgespielt  hat  und  durch  die  u.  a.  die  ausge- 
dehnte Mulde  entstanden  ist,  in  deren  Kern  im  Tale  von  Hluboczep 
die  jüngste  Schichtengruppe  des  Faltengebirges  (Stufe  H)  auftritt. 
Eine  Abweichung  von  dieser  im  großen  zu  beobachtenden  Lage- 
rung zeigen  die  erwähnten  dünnbankigen  Kalke  des  Barrandefelsens,  die 
in  so  weitgehender  Art  in  enge  Falten  gelegt  sind  ^o)  (Taf.  I  [1],  Abb.  1). 
Die  Bildung  dieser  kleinen  Falten  war  nur  möglich,  wenn  sich  die 
Schichtengruppe  hierbei  sowohl  von  ihrem  Liegenden  als  vom  Han- 
genden entlang  Schichtflächen  abgelöst  hat.  Die  der  Beobachtung 
zugänglichen  Bewegungsspuren  stehen  mit  diesem  Schlüsse  in  Überein- 
stimmung. Die  innerhalb  der  Gruppe  der  stark  gefalteten  Kalke  er- 
kennbare Glättung  der  Schichtflächen,  die  vornehmlich  die  dunklen 
Zwischenlagen  zeigen,  ist  wohl  auf  eben  diese  hochgradige  Faltung 
zurückzuführen.  In  größtem  Ausmaß  aber  finden  sich  Rutschspiegel 
nächst  der  Hangendgrenze  der  /j-Kalke,  wo  eine  mit  Spirifer  inchoans 


^*)  Hierüber  wie  über  weitere  einschlägige  Vorgänge  Ausführlicheres  an 
anderer  Stelle.  Vorläufig  wolle  der  oben  angeführte  Vortrag  ^^)  verglichen  werden 
{S.  222  ff.). 

^^)  P  0  c  t  a  hat  gezeigt,  daß  die  an  dieser  Oertlichkeit  aufgeschlossene  prächtige 
Faltung  unter  Bruch  erfolgt  ist,  und  weitgehende  Gesteinszertrümmerung  (bis  zur 
Mikrobreccienbildung)  von  den  Biegungsstellen  der  Falten  beschrieben.  Prof.  Phil. 
Poöta,  Ueber  Büge  in  den  Schichten  des  Barrandeschen  Felsen.  1  Taf.  (Sitzungs- 
berichte d.  kgl.  böhm.  Ges.  d.  Wiss.  Prag  1908,  S.  1—19.) 

^•')  Daß  am  Barrandefelsen  „die  gefalteten  Schichten  zwischen  anderen  Kalk- 
schichten liegen,  die  ebene  Flächen  haben",  ist  vor  mehreren  Jahrzehnten  Krej5i 
(Uebersicht,  S.  93)  aufgefallen,  der  tektonisohe  Unregelmäßigkeiten  stets  beachtet 
zu  haben  scheint  und  zur  Erklärung  der  hier  auftretenden  Faltung  eine  besondere 
Ursache  heranzuziehen  sucht.  Er  meint,  daß  diese  merkwürdigen  Faltungen  sich 
„leichter  durch  eine  Infiltration  und  Imprägnierung  ehedem  tonschieferiger  Ge- 
steine durch  Kalk  und  die  daraus  sich  ergebende  Anschwellung  und  Fältelung  der 
Schichten  erklären"  lasse,  „als  durch  den  Druck  der  nachbarlichen  Diabase". 


22  F.  Wähner.  [22] 

Barr,  erfüllte  dunkle  Kalkbank  uud  die  ihr  benachbarten  Bänke  nicht 
bloß  an  den  Schichtflächen  Harnische  zeigen,  sondern  wo  dichte 
dunkle  Gesteinslagen  auch  im  Innern  von  zahlreichen  glänzenden 
Rutschspiegeln  durchzogen  sind.  Musterbeispiele  von  Harnischen  sind 
von  hier  in  Sammlungen  gewandert,  die  Spiriferenbank  hat  ihres  In- 
haltes wegen  ebenfalls  zur  Ausbeutung  gereizt,  und  so  bildet  das  jetzt 
an  der  erwähnten  Hangendgrenze  sichtbare  Vorkommen  nur  einen 
Rest  des  noch  vor  einem  Jahrzehnt  sehr  schönen  und  lehrreichen 
Aufschlusses. 

In  diesen  obersten  Schichten  der  Stufe  /^  vollzieht  sich  der 
tektonische  Uebergang  zwischen  der  überaus  heftigen  Faltung  der 
obersilurischen  Kalke  und  der  ruhigen  Lagerung  der  ebenfalls  steil 
aufgerichteten  devonischen  Kalkschichten.  Die  wenigen  dicken  Bänke 
sehr  harten  hellen  gelblichen  bis  blaßrötlichen  Crinoidenkalkes,  die 
als  eine  Vertretung  der  Stufe  /g  betrachtet  werden,  sind  von  jener 
Faltung  bereits  unberührt,  und  in  den  darüber  folgenden  Knollen- 
kalken g^  zeigt  sich  in  der  Richtung  gegen  das  Hangende  erst  in 
großer  Entfernung  auf  ganz  kurze  Erstreckung  wieder  eine  mehr  ins 
Kleine  gehende  wellige  Faltung  einiger  Bänke  dieser  hier  sehr  mäch- 
tigen Schichtengruppe.  Bezeichnenderweise  wird  durch  die  am  Barrande- 
felsen aufgeschlossene  kräftige  Faltung  eines  kleinen  Teiles  der  ober- 
silurisch-devonischen  Schichtenreihe  an  der  im  großen  deutlich  ausge- 
prägten konkordanten  Folge  dieser  Gesteine  nichts  geändert,  so  weit- 
gehend auch  die  Abweichung  in  den  Lagerungsverhältnissen  jenes 
Teiles  erscheint. 

Die  stark  gefalteten  obersilurischen  Kalke  des  Barrandefelsens 
kann  man  nach  S  an  der  Straße,  die  hier  beinahe  im  Streichen  ver- 
läuft, bis  in  einen  schräg  in  das  Gehänge  eingreifenden  Steinbruch 
verfolgen,  und  hierbei  ist  zu  beobachten,  daß  dieselben  Gesteinsbänke  im 
SW  bei  steilem  nordwestlichem  Fallen  auf  weite  Erstreckung  voll- 
kommen ebene  Schichtflächen  darbieten.  Die  Verbiegung  und  Zer- 
knitterung zu  kleineren  und  größeren  Falten  stellt  sich  gegen  NO 
an  der  Straße  an  einer  bestimmten  Stelle  ein,  indem  die  Schichten 
sich  zunächst  plötzlich  kräftig  nach  abwärts  biegen.  Im  Steinbruche 
sind  diese  (hier  nicht  kleingefalteten)  Schichten  von  einer  mächtigen 
Bank  hellen  Orthocerenkalkes  unterlagert,  in  dessen  Liegendem  die 
Uebergangsschichten  e^  ß  aufgeschlossen  sind  ^^).  Alle  diese  tieferen 
Schichten  sind  an  der  am  Barrandefelsen  erkennbaren  Faltung  nicht 
beteiligt.  Da  sie  aber  im  unmittelbaren  Liegenden  der  Falten 
(am  Fuße  des  Barrandefelsens)  nicht  aufgeschlossen  sind,  so 
könnte  es  sein,  daß  sie  dort  mit  den  jüngeren  Schichten  gefaltet 
sind.  Zweifellos,  da  deutlich  zu  beobachten,  ist  jedoch  die  oben  be- 
schriebene Ueberlagerung  der  stark  gefalteten  obersilurischen  Ge- 
steine durch  jüngere,  nicht  ins  Kleine  gefaltete  Schichten. 

Derartige  Abweichungen  in  den  Lagerungsverhältnissen  kommen 
im  mittelböhmischen  Faltengebirge  nicht  selten  vor.  E.  Kays  er  hat 
einen  Fall  vor  einigen  Jahren  aus  der  Gegend  von  Hostim  erwähnt 


^*)  lieber  Versteinerungen    derselben  vgl.  J.  J.  Jahn,  Geolog.  Exkursionen 
im  alt.  Paläozoikum  Mittelböhmens.  Internat.  Geol.-Kongr.  Wien  1903,  S.  9. 


[23]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmiscben  Faltengebirges.  23 

und  mit  einem  von  Holzapfel  aufgenommenen  Lichtbilde  erläutert ^2). 
Man  sieht  hier  innerhalb  der  engeren  Schichtengruppe  g^  in  zahl- 
reiche kleine  Falten  gelegte  dünnschichtige  „Mergelkalke"  getrennt 
durch  einige  viel  schwächer  gefaltete  dicke  Kalkbänke,  die  auf  eine 
größere  Strecke  ganz  ebenflächig  begrenzt  sind.  Ob  man  nun  dem 
Unterschied  in  der  Gesteinsbeschaffenheit  (er  ist  geringfügig)  oder  der 
Gliederung  in  dünne  Schichten  den  größeren  Einfluß  auf  die  Art  der 
Faltung  zuzuschreiben  geneigt  ist  —  die  Schichtung  beruht  auf  dem 
Vorhandensein  von  tonhaltigen  Zwischenmitteln  (die  in  den  dünn- 
plattigen  Knollenkalken  reichlicher  auftreten),  mithin  ebenfalls  auf 
der  Gesteinsbeschaffenheit  — ,  sicher  ist,  daß  beide  Umstände  bei 
der  Faltung  der  bergfeuchten  Gesteine  wirksam  sind  und  daß  die 
dickbankigen  Kalke  sowohl  von  den  liegenden  wie  von  den  hangenden 
dünnschichtigen  Knollenkalken  sich  abgelöst  haben  mußten,  damit 
jeder  der  drei  Teile  der  Schichtengruppe  für  sich  gefaltet  werden 
konnte. 

Die  obersilurische  Stufe  e^  ß,  die  Uebergangsschichten  zwischen 
den  Graptolithenschiefern  e^  a  und  den  Kalken  e^,  die  im  wesentlichen 
aus  Schiefern  und  Kalkbänken  in  vielfacher  Wechsellagerung  bestehen, 
ist  infolge  dieses  Aufbaues  zur  Ausbildung  kräftiger  Faltung  sehr  ge- 
eignet. Ein  oft  erwähnter  und  viel  besuchter  Aufschluß  in  diesen 
Schichten  ist  der  Südabhang  des  Jaworkaberges  gegen  die  Beraun 
bei  Karlstein,  der  von  Jahn  eingehend  beschrieben  worden  ist.  Die 
genannten  Gesteine  sind  hier  in  enge  geneigte  Falten  von  ungleich- 
mäßigem Bau  zusammengeschoben,  der  darauf  beruht,  daß  die  dünnen 
dunklen  Schichten  stellenweise  noch  heftiger  und  mehr  ins  Kleine 
gefaltet  sind  als  eine  in  sie  eingeschaltete,  bis  zu  1  m  mächtige  helle 
Crinoidenkalkbank  ^^), 

Wer  einmal  seine  Aufmerksamkeit  auf  derartige  Vorkommnisse 
gelenkt  hat,  erkennt  sie  auch  an  minder  günstigen  Aufschlüssen.  So, 
wenn  über  kräftig  gefalteten  und  steil  aufgerichteten  viel  flacher  ge- 
lagerte Schichten  derselben  Stufe  aus  dem  Gehänge  heraustreten. 
Danach  scheint  es  sich  um  eine  im  Gebiete  recht  verbreitete  Er- 
scheinung zu  handeln.  Unter  kleineren  Verhältnissen  tritt  uns  diese 
entgegen,  wenn  innerhalb  einer  steil  aufgerichteten  Schichteugruppe 
eine  kleine  Folge  von  dünnen  Bänken  wellig  gebogen  erscheint,  wo- 
gegen die  sie  einschließenden  dicken  Bänke  ebenflächig  begrenzt  sind. 
In  den  guten  Aufschlüssen  der  untersilurischen  Stufe  d^  ist  dies  an 
Sandsteinbänken  gut  zu  sehen,  obgleich  derartige  Vorkommnisse  nicht 
so  auffällig  sind  als  die  früher  erwähnten,  in  denen  kräftige  Faltung 
einen  viel  stärkeren  Gegensatz  hervorruft. 


32)  E.  Kays  er,  Lehrb.  d.  allgem.Geol.,  4.  Aufl.,  Stuttgart  1912,  S.  192  und 
Fig.  132,  S.  191. 

^^)  J.  J.  Jahn,  Beitr,  z.  Stratigr.  u.  Tekt.  der  mittelböbm.  Silurform.  (Jabrb.  d, 
k.  k.  geol.  Reichsanst.  1892,  S.  413,  Fig.  5.)  Die  Ungleichmäßigkeit  der  Faltung,  dazu 
Verschiebungen  und  Zerreißungen  treten  in  der  Natur  noch  stärker  hervor  als  in 
der  angeführten,  sonst  sehr  genauen  Zeichnung,  die  die  beobachteten  Verwick- 
lungen in  ein  einfacheres  System  zu  bringen  sucht.  —  In  einem  der  bekannten,  von 
dem  Prager  Photographen  Eckert  aufgenommenen  großen  geologischen  Licht- 
bilder, die  in  viele  Institute  gelangt  sind,  ist  ein  bezeichnender  Teil  des  Auf- 
schlusses in  großena  Maßstabe  wiedergegeben. 


24  F.  Wähner.  [24] 

In  besonders  (fast  mikroskopisch)  kleinem  Maßstabe  kann  eine 
im  wesentlichen  gleichartige  Erscheinung  an  in  Steinbrüchen  aufge- 
lesenen Gesteinsstücken,  u.  zw.  an  Tonschiefern,  festgestellt  werden, 
die  als  verhältnismäßig  dünne  Zwischenlagen  untersilurische 
Sandsteinbänke  trennen.  An  solchen  Zwischenlagen  wurden  gut  aus- 
geprägte (kräftig  gestriemte)  ebene  Rutschflächen,  die  mit  den  Sand- 
steinbänken parallel  verlaufen,  und  an  manchen  den  Rutschflächeu 
benachbarten  Schieferblättern  derselben  Zwischenlage  eine  überaus 
zarte  Fältelung  beobachtet,  die  die  Richtung  der  Rutschstreifen  unter 
verschiedenen  Winkeln  kreuzt,  mit  scharfer  Lupe  gut  sichtbar  ist 
und  mit  ähnlicher  feiner  Fältelung  verglichen  werden  kann,  wie  sie 
auf  ebenen  Schichtflächen  von  Phylliten  häufig  vorkommt.  Es  ist  klar, 
daß  jene  Fältelung  durch  die  schichtenparallele  Bewegung,  die  zwischen 
den  Sandsteinbänken  sich  abspielte,  hervorgerufen  worden  ist;  wir 
erkennen  demnach  einerseits  kräftige  Bewegung  (Gleitung),  die  durch 
die  weiche  tonige  Zwischenlage  erleichtert  wurde,  den  primären  Vor- 
gang, anderseits  leichte  Stauung  in  benachbarten  Teilen  der  Zwischen- 
lage. In  diesem  Falle  läßt  die  schichtenparallele  Rutschfläche  die 
Verknüpfung  der  Faltungserscheinung  (Fältelung)  mit  der  „Ablösung" 
einer  Schichtengruppe  deutlich  hervortreten. 

Es  ist  verständlich,  daß  Ablösungen  von  Schichtenreihen  sich 
noch  leichter  vollziehen,  wenn  eine  ganze  ziemlich  mächtige  Schichten- 
gruppe von  weichen  oder  dünnplattigen  (leichter  beweglichen)  Ge- 
steinen Folgen  von  festen  oder  härteren  oder  aus  mächtigen  Bänken 
bestehenden  (schwerer  beweglichen)  Gesteinen  zwischengelagert  ist. 
Es  kann  dann  zur  Ausbildung  selbständigen  Baues  der  einzelnen  Ge- 
steinsfolgen kommen,  sei  es,  daß  dieser  Bau  im  wesentlichen  durch 
Faltung  oder  durch  Bruch  hervorgerufen  wird.  Zur  Entstehung  solch 
selbständigen  Baues  einer  Schichtengruppe  gehört,  daß  dieselbe  so- 
wohl von  der  überlagernden  (falls  eine  solche  vorhanden)  wie  von 
der  unterlagernden  Schichtenreihe  sich  ablöst.  Für  den  alpinen  Ge- 
birgsbau  sind  solche  Vorgänge  von  großer  Bedeutung,  wie  an  anderer 
Stelle  gezeigt  werden  soll  3*).  Im  mittelböhmischen  Faltengebirge  dürfte 
der  vergleichsweise  selbständige  Bau,  der  einzelnen  Stufen  des  Unter- 
silurs zukommt,  auf  solche  Art  zu  erklären  sein.  So  ist  an  der  Stufe  d^  nicht 
selten  zu  erkennen  oder  es  ist  doch  mit  Wahrscheinlichkeit  zu  schließen, 
daß  sie  für  sich  (ohne  daß  andere  Stufen  an  diesem  Bau  teilnehmen) 
in  Falten  gelegt  und  durch  Brüche  verschiedener  Art  zerstückelt 
worden  ist  ^^).  Oft  beruht  auf  solchem  Bau  eine  außerordentlich  große 


^*)  Die  für  diese  Erscheinung  angewandten  Bezeichungen  „unharmonische", 
„diskordante  Faltung",  „Abscherungsfalten"  (B  ux  torf,  Wilckens,  Tornquist) 
deuten  au,  daß  man  sie  für  verhältnismäßig  selten  hält;  sie  zeigt  jedoch  in  Wirk- 
lichkeit weite  Verbreitung. 

''^)  Ein  leicht  erreichbarer  schöner  Aufschluß  in  zumeist  steil  aufgerichteten 
d^-Schichten,  der  solchen,  hauptsächlich  durch  größere  und  kleine  Falten  ge- 
kennzeichneten Bau  erkennen  läßt,  befindet  sich  am  rechten  Gehänge  des  Moldau- 
tales zwischen  Komorzan  und  Zavist  bei  Königsaal,  das  durch  die  in  geringer 
Höhe  über  dem  Flusse  verlaufende  Eisenbahnstrecke  angeschnitten  ist.  Man  sieht 
das  Wesentliche  schon  im  Vorüberfahren  mit  dem  Dampfer  bei  Nachmittags- 
beleuchlung.  Manche  der  hier  zu  beobachtenden  Faltungen  und  Brüche  pflege  ich 


[25]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  25 

scheinbare  Mächtigkeit  der  betreffenden  Schichtengruppe.  Krejci 
hat  solche  übergroße  iMächtigkeiten  einzelner  Stufen  bereits  auf  Stö- 
rungen zurückgeführt. 

Gegenüber  dem  Schlüsse,  daß  solche  und  andere  Vorkommnisse 
auf  einen  verhältnismäßig  selbständigen  Bau  der  betreffenden  Silur- 
stufe hinweisen,  läßt  sich  einwenden,  daß  die  Höhe  der  Aufschlüsse 
stets  sehr  beschränkt  ist  und  daß  uns  darin  ohne  Zweifel  nur  ein 
geringfügiger  Teil  der  mächtigen  Gebirgsmassen  erhalten  ist,  die  sich 
einst  darüber  erhoben  und  seither  abgetragen  wurden.  Man  könne 
daher  nicht  wissen,  ob  nicht  früher  in  größerer  Höhe  jüngere  Ge- 
steine mit  eingefaltet  und  so  an  jenem  Gebirgsbau  beteiligt  gewesen 
sind.  Wie  aber  in  dem  erwähnten  Beispiele  (und  auch  sonst  auf  weite 
Erstreckungen)  die  Stufe  d^  für  sich  eine  breite  Gebirgszone  zusam- 
mensetzt, wobei  keineswegs  eine  einfache  und  einheitliche  Schichten- 
folge, sondern  diese  in  vielfachen  tektonischen  Wiederholungen  vor- 
liegt, so  sehen  wir  anderwärts  eine  ebenfalls  breite  Gebirgszone  aus 
einer  anderen  Schichtengruppe,  z.  B.  aus  der  Stufe  d^  aufgebaut,  die 
wieder  in  sich  gefaltet  und  an  Brüchen  verschoben  erscheint,  wobei 
abermals  kein  anderes  Gebirgsglied  an  diesem  Bau  beteiligt  ist.  Es 
ist  ferner  zu  berücksichtigen,  daß  in  einer  solchen  Gebirgszone  nicht 
nur  die  Gesteine  der  jüngeren,  sondern  auch  die  der  älteren  Stufen 
fehlen,  deren  Vorhandensein  doch  wohl  zu  erwarten  wäre,  wenn  nicht 
wirklich  ein  selbständiger  Bau  vorläge,  der  nur  unter  Ablösung  der 
Schichtengruppe  von  ihrem  Liegenden  und  Hangenden  entstanden 
sein  kann  3^). 

c)  Beobachtungreii  au  Qaerbrüchen. 

Querbrüche  (und  Diagonalbrüche)  sind  schon  seit  langem  durch 
den  Eisenerzbergbau  sowohl  des  Nord-  als  des  Südflügels  bekannt 
geworden.    (Lipoid,    Helmhacker,    Vala,    Feistmantel.)    Sie 


iu  Lichtbildern  als  Beispiele  bei  der  Behandlung  der  Lagerungslehre  zu  verwenden. 
Soweit  ich  nach  meinen  Aufnahmen  und  nach  der  Erinnerung  es  beurteilen  kann, 
hat  R.  Kettner  in  einem  Profile  (B.  z.  K.  d.  geol.  Verh.  d.  Umgeb.  v.  Königsaal, 
Verb.  Geol.  Reichsanst.  1914,  S.  885,  Fig.  1)  eine  recht  genaue  Darstellung  jener 
Faltungen  gegeben,  die  sich  sehr  zu  ihrem  Vorteile  von  den  älteren,  auch  den  in 
großem  Maßstabe  gehalteneu,  zu  stark  schematisierten  Querschnitten  unterscheidet. 
—  Derartige  Vorkommnisse  führen  zur  Vermutung,  daß  eine  aus  einer  einzelnen 
Stufe  bestehende  Gebirgszone  auch  dort,  wo  sie  bei  großer  Mächtigkeit  eine  iso- 
klinale,  scheinbar  einheitliche  Schichteufolge  darstellt,  iu  Wirklichkeit  mehrfach 
in  sich  gefaltet  ist. 

^^)  Ob  die  einzelnen  Stufen  des  Untersilura  wirklich  so  scharf  voneinander 
geschieden  sind,  wie  es  vielfach  den  Anschein  hat,  darf  bezweifelt  werden.  Ge- 
naueste Durchforschung  günstiger  Aufschlüsse  wird  vielleicht  lehren,  daß  diese 
Zonen  an  ihrer  stratigraphischen  Grenze  tektonisch  ineinandergreifen.  Solche 
Funde  würden  nicht  gegen  die  Annahme  vergleichsweise  selbständigen  Baues  der 
betreffenden  Schichtengruppen  sprechen.  Das  „sandig-tonige"  Untersilur  in  seiner 
Gesamtheit  und  die  Gesamtheit  der  überwiegend  kalkigen  obersilurisch- 
devonischen  Stufen  sind  in  ihrem  Auftreten  im  allgemeiuen  ebeufalla  recht  selb- 
ständig. Dennoch  ist  gerade  hier  tektonisches  Ineinandergreifen  der  beiden  Grenz- 
stufen (^5  und  Cj  in  nicht  wenigen  Fällen,  nicht  nur  in  der  weitaus  vorherrschenden 
Zahl  der  Barr ande'schen  Kolonien,  festgestellt.  Mit  diesen  wie  mit  einem  lange 
bekannten  Vorkommen  von  Untersilur  inmitten  des  Kalkgebietes  werden  wir  uns 
noch  zu  beschäftigen  haben. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reicbsanstalt,  1916,  66.  Band,  i.  Heft.  (F.  Wähner.)  4 


26  F-  Wähner.  [26] 

haben  die  Erzlager  auf  kleinere  oder  größere  Strecken  ins 
Liegende,  bzw.  ins  Hangende  verworfen,  dürften  mithin,  da  die 
Schichten  in  der  Regel  ziemlich  steil  aufgerichtet  sind  und  das  Maß 
der  horizontalen  Verschiebung  oft  beträchtlich  ist,  mehr  oder  minder 
ausgesprochene  Blattverschiebungen  darstellen.  Beobachtungen  über 
das  Auftreten  von  Rutschstreifen  auf  den  Bruchflächen  und  ihr  Ver- 
halten werden  nicht  mitgeteilt,  es  fehlen  daher  genauere  Aufschlüsse 
über  die  Richtung  der  Bewegungen. 

Krejcis  Bemerkungen  über  das  „Kluftsystem  mit  nordwest- 
lichem Streichen"  haben  wenig  Anklang  gefunden,  wohl  aus  dem 
Grunde,  weil  er  von  der  Ansicht  ausging,  daß  die  Täler  Gebirgs- 
spalten  entsprechen.  (Uebersicht,  S.  99.)  Es  kann  vorweg  gesagt 
werden,  daß  Querbrüche  in  so  großer  Zahl  vorkommen,  daß  jedes 
Quertal  nicht  nur  mit  einem,  sondern  mit  mehreren,  manche  mit 
vielen  Querbrüchen  zusammenfallen,  daß  mithin  bei  der  doch  recht 
verschiedenen  Richtung  der  Täler  auf  nähere  ursächliche  Beziehungen 
zwischen  diesen  Erosionsformen  und  den  Brüchen  nicht  geschlossen 
werden  kann. 

Mit  Recht  haben  neue  verdienstliche  Arbeiten  dem  Auftreten 
von  Querbrüchen  weit  größere  Beachtung  geschenkt,  als  dies  vordem 
der  Fall  war  ^'^"~*'^).  Wenn  ihnen  auch  geringere  tektonische  Bedeutung 
zukommt  als  den  großen  Längsstörungen,  die  Wiederholungen  umfang- 
reicher Schichtenreihen  hervorrufen,  so  braucht  man  doch  nur  eine 
der  Karten  zu  vergleichen,  die  den  angeführten  Veröffentlichungen 
beigegeben  sind,  namentlich  die  in  größerem  Maßstabe  gehaltenen, 
wie  Kettners  Karte  des  Motoltales  1:30.000,  um  zu  erkennen, 
welch  großen  Einfluß  diese  Brüche  dadurch,  daß  sie  die  Schichten- 
gruppen an  so  vielen  Stellen  um  ansehnliche  Beträge  quer  auf  das 
Streichen  verschieben,  auf  das  Kartenbild  ausüben.  Zugleich  zeigt  sich, 
daß  erst  durch  solche  kartographischen  Darstellungen  für  unser  Gebiet 
der  Standpunkt  der  Uebersichtsaufnahmen  völlig  überwunden  ist. 

Erlauben  uns  diese  Verschiebungen  von  Schichtengruppen  auf  das 
Vorhandensein  von  Querbrüchen  zu  schließen,  so  ermöglichen  die 
zahlreichen  künstlichen  Aufschlüsse  im  mittelböhmischen  Faltengebirge, 
die  Querbrüche  selbst  zu  sehen,  an  den  bloßgelegten  Bruchflächen 
genauere  Beobachtungen  über  die  relative  Richtung,  in  der  sich  die 
durch  sie  zerschnittenen  Gebirgsstücke  bewegt  haben,  vorzunehmen 
und  sie  in  den  verschiedensten  Schichtengruppen  in  außerordentlich 
großer  Zahl  auch  dort  festzustellen,  wo  die  durch  sie  hervorgerufenen 
Verschiebungen  zu  geringfügig  sind,  um  daran  die  Brüche  zu  erkennen. 
Dazu  kommt,  daß  die  Aufschlüsse  uns  mit  einer  Art  von  Querbrüchen 


"■")  Jos.  Woldf  ich,  Die  geolog.  Verhältnisse  der  Gegend  zwischen  Litten- 
Hintertfebäii  und  Pouönik  bei  Budnan.  (Öitzgaber.  d.  kgl.  böhm-.  Ges.  d.  Wiss.  in 
Prag  1914.) 

^*)  J.  Cermäk,  R.  Kettner  a  J.  Woldiich,  Prüvodce  ku  geol.  a  morf. 
Exkurs!  ßesk.  pfirodozpytcü  a  lekafii  v  Praze  1914  do  üdoli  motolskeho  a  säreck^ho 
u  Prahy.  (Sbornik  klubu  pfirodov.  v  Praze  1913,  I.)  V  Praze  1914. 

^*)  R.  Kettner,  Zprava  o  geol.  studi'ich  v  okoli  Dobfi.^e  a  Noveho  Knina. 
(Sbornik  Ceske  spoJecnosti  zemövedne,  XXI,  3—4,  1915.) 

*")  R.  Kettner,  0  slepencich  2iteck;^ch,  nejspodnej§im  horizontu  deskeho 
kambria.  (Rozpravy  Ceskö  Akad.  XXIV,  If.  II,  eis.  34.)  V  Praze  1915. 


[27]         Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirgea,  27 

bekannt  machen,  die  überhaupt  keine  Verschiebung  von  Gebirgsstiicken 
aus  der  Streichrichtung  bewirken.  Dieselben  scheinen  bisher  trotz 
ihrem  ungemein  häufigen  Vorkommen  wenig  Aufmerksamkeit  erregt 
zu  haben.  Sie  verdienen  eine  eingehendere  Besprechung. 

An  diesen  eigenartigen  Querbrüchen  verlaufen  die  liutschstreifen 
parallel  zu  den  Schichtfugen  und  Schichtflächen  oder  sie  weichen  von 
dieser  Richtung  nur  stellenweise  und  ganz  geringfügig  ab.  Von  vorn- 
herein möchte  man  erwarten,  daß  an  Verwerfungsflächen  alle  mög- 
lichen Bewegungsrichtungen  zu  ermitteln  sind,  daß  außer  vertikal  und 
horizontal  gestreiften  Rutschflächen  auch  alle  Zwischenrichtungen  an- 
nähernd gleichmäßig  vertreten  sind.  Wenn  nun,  wie  es  der  P'all  ist, 
schichtenparallel  verlaufende  Rutschstreifen  außerordentlich  häufig 
auftreten  und  —  wenigstens  in  manchen  Schichtengruppen  —  gegenüber 
sonstigen  Bewegungsrichtungen  überwiegen,  so  muß  dieser  Tatsache 
eine  bestimmte  Ursache  zugrunde  liegen,  es  muß  sich  um  eine  gesetz- 
mäßige Erscheinung  handeln.  Die  Ursache  ist  leicht  zu  erkennen. 

Da  die  Schichten  und  Schichtenreihen  der  Sedimentgesteine 
entlang  den  weicheren  (dünnen)  Zwischenmitteln  und  (dicken)  Zwischen- 
lagen der  festen  Gesteinsbänke  und  entlang  den  den  großen  Schichten- 
folgen zwischengelagerten  Schichten gruppen  weicherer  Gesteine 
verhältnismäßig  leicht  trennbar  sind,  werden  sich  an  ihnen  verhältnis- 
mäßig oft  Ablösungen  und  Verschiebungen  der  Schichtengruppen  ein- 
stellen. "Wenn  nun  ein  Gebirgsstück  an  zwei  Querbrüchen  von  seiner 
Umgebung  sich  abgetrennt,  zugleich  entlang  Schichtflächen  von  seinem 
Liegenden  (und  etwa  auch  vom  Hangenden)  sich  abgelöst  hat  und 
die  Bewegung  in  der  Richtung  der  Abtrennung  und  Ablösung  eine 
kurze  Strecke  unter  allseitigem  Gebirgsdruck  fortsetzt,  so  wird  die 
Bewegung  parallel  zur  unteren  Schichtenablösungsfläche  erfolgen,  auf 
der  das  Gebirgsstück  gewissermaßen  gleitet,  und  dieses  wird  einerseits 
auf  Schichtflächen  Bewegungsspuren  zurücklassen,  anderseits  an  den 
beiden  Querbruchflächen  schichtenparallele  Streifung  hervorrufen.  Dem 
häufigen  Auftreten  von  Glättung  und  Rutschstreifen  auf  Schichtflächen 
entspricht  daher  das  hä.ufige  Vorkommen  von  Querbrüchen  mit  schichten- 
paralleler Bewegung  und  umgekehrt;  die  eine  Erscheinung  setzt  die 
andere  voraus.  Die  Art  von  Bewegung,  die  sich  an  solchen  Quer- 
brüchen abgespielt  hat,  können  wir  als  schichtenparallele 
Querverschiebung  bezeichnen. 

Es  hängt  mit  der  häufigeren  Anlage  und  der  längeren  Erhaltung 
guter  Aufschlüsse  in  festen  Gesteinen  zusammen,  daß  sich  in  allen 
so  beschaffenen  Schichtengruppen  des  älteren  Paläozoikums  und  in 
den  vorkambrischen  Gesteinen  Querbrüche  mit  schichtenparallelen 
Rutschstreifen  leicht  auffinden  lassen.  So  finden  sie  sich  oft  in  der 
Quarzitstufe  dg  und  in  den  Sandsteinen  der  „Grauwackenschiefer"  d^ 
des  Untersilurs  und  in  allen  kalkigen  Stufen  des  Obersilurs  und 
Devons.  In  besonders  großer  Zahl  aber  treten  sie  in  den  dünnplattigen 
Kalken  dieser  Stufen,  in  kambrischen  Grauwacken  und  in  den  vor- 
kambrischen Gesteinen  des  Gebietes  auf.  Wo  keine  entsprechenden 
Aufschlüsse  vorhanden  sind,  kann  man  die  Erscheinung  wenigstens 
an  einzelnen  Gesteinsstücken  nachweisen,  die  dem  Gehängeschutt 
oder  dem  Waldboden  entnommen  sind  und  an  die  Schichtfläche  ver- 

4* 


28  F.  Wähner.  [28] 

querender  Bruchfläche  mit  der  ersten  parallele  Rutschstreifen  erkennen 
lassen.  An  solchen  läßt  sich  freilich  nicht  feststellen,  ob  wir  es  mit 
einem  Querbruch  oder  etwa  einem  Diagonalbruch  zu  tun  haben. 

Querbrüche  mit  schichtenparallelen  Rutschstreifen  scheinen 
(mindestens  zum  Teil)  mit  der  aus  dem  Seitenschub  hervorgehenden 
Faltung  in  noch  engerer  ursächlicher  Beziehung  zu  stehen  als  die 
schon  lange  bekannten  Querbrüche  (die  gewöhnlichen  Blattver- 
schiebungen), die  Verschiebungen  von  Schichtengruppen  aus  dem 
Streichen  bewirken.  Man  betrachte  Taf.  II  [2],  die  ein  bezeichnendes 
Beispiel  eines  derartigen  Querbruches  wiedergibt.  Das  örtlich  be- 
schränkte Vorkommen  ist  in  einem  Einschnitte  bloßgelegt,  mit  dem 
die  Strecke  Smichow  —  Hostiwitz  der  Buschtiehrader  Bahn  oberhalb 
Slichow  den  aus  einem  kleinen  Gewölbe  von  Knollenkalken  der 
devonischen  Stufe  g^  bestehenden  Hügel  Schwagerka  durchsetzt.  Die 
Rutschfläche  streicht  N— S;  da  sie  sich  im  Streichen  biegt,  weicht  sie  von 
dieser  Richtung  streckenweise,  besonders  rechts  oben,  ab.  Auch  von  der  lot- 
rechten Stellung  weicht  sie  ein  wenig  ab,  indem  sie  gegen  den  Beschauer 
(gegen  W)  schwach  überhängt.  Die  hell  beleuchteten  Flächen  rechts  sind 
Schichtflächen,  die  von  anderen  Brüchen  durchsetzt  und  durch  den 
während  des  Bahnbaues  vorgenommenen  Abbau  des  Gesteins  teilweise 
verletzt  sind.  Unmittelbar  beim  Querbruch  ist  die  eine  dieser  Schicht- 
flächen, an  der  stellenweise  stark  verwitterte  in  der  Fallrichtung  ver- 
laufende Rutschstreifen  zu  sehen  sind,  unter  einem  Winkel  von  50° 
gegen  NNW  geneigt;  an  anderen  Stellen,  rechts  vorne  und  besonders 
oben,  ist  die  Neigung  der  Schichten  geringer  und  gegen  N30 — 350W 
gerichtet.  Die  Schichten  fallen  nicht  ebenflächig  ein,  sondern  sind 
deutlich  (zum  Teile  unter  Vermittlung  von  Brüchen)  gebogen.  Diese 
Biegung  der  Schichten  machen  die  Rutschstreifen  der  Querbruch- 
fläche genau  mit,  so  daß  man  den  Eindruck  erhält,  daß  die  Schichten- 
biegung und  die  Bewegung,  welche  die  Striemung  der  Bruchfläche  her- 
vorgebracht hat,  einem  und  demselben  tektonischen  Vorgang  entspricht. 

Bemerkenswert  ist  ferner,  daß  die  Bruchfläche  in  diesem  Falle 
sich  nicht  gegen  die  Tiefe,  in  die  liegenden  Schichten  fortsetzt, 
sondern  gegen  die  bloßgelegte  Schichtfläche  ziemlich  stark  einwärts 
biegt  (gegen  0  umbiegt),  wodurch  eine  Art  Uebergang  von  der  Bruch- 
fläche zur  Schichtfläche  hergestellt  wird.  Die  Schichtfläche  ahc  war 
zugleich  die  Gleitfläche,  auf  der  sich  das  hangende  Gebirgsstück  (sei  es 
auf-  oder  abwärts)  bewegt  hat.  Links  unten  ist  ein  kleiner  Rest  einer 
Reibungsbreccie  erhalten,  die  sich  in  die  an  der  Schichtfläche  berg- 
seits  sich  hineinziehende  Kluft  fortsetzt.  An  der  Querbruchfläche  ist 
vielfach  das  Gestein  weitgehend  zertrümmert,  aber  durch  Kalkspat, 
der  auch  die  Rutschfläche  überzieht,  wieder  verkittet.  Im  Hinter- 
grunde links  ist  eine  zweite,  stark  verwitterte  Bruchfläche  entblößt, 
deren  Rutschstreifen  vom  Standpunkte  der  Aufnahme  nur  sehr  un- 
deutlich erkennbar  sind,  nicht  schichtenparallel  verlaufen,  sondern 
eine  ganz  andere  Richtung  besitzen.  Sie  entspricht  einem  Diagonalbruch, 
streicht  annähernd  WNW— OSO  und  die  Rutschstreifen  sind  zu- 
meist ausgesprochen  nach  OSO  (nach  rechts)  geneigt;  außerdem 
sind  daran  flachere  und  horizontale  und  schwach  nach  WNW  geneigte 
Rutschstreifen  zu  beobachten.  — 


[29]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  29 

Eine  vorzügliche  Gelegenheit,  die  einschlägigen  Erscheinungen 
zu  untersuchen,  bietet  der  große  Steinbruch  der  Podoler  Zementfabrik 
in  Dworetz,  rechts  der  Moldau,  südlich  von  Prag.  Obersilurische  und 
devonische  Gesteine  von  den  Graptolitenschiefern  «^a  bis  zu  den 
Knollenkalken  g^  bilden  hier  eine  regelrechte  flache  Mulde,  die  von 
überaus  zahlreichen  Quer-  und  Diagonalbrüchen  (auch  von  Längs- 
brüchen) durchsetzt  ist.  Manche  dieser  Brüche  bewirken  auch  Ver- 
schiebungen im  vertikalen  Sinn,  wie  an  den  hellen  Orthocerenkalken 
€.2,  die  von  dünnplattigen  dunklen  Kalken  (g^ß  und  f^)  unter-  und  über- 
lagert werden,  deutlich  zu  bemerken  ist.  Daß  es  sich  aber  wesentlich 
um  seitliche  Verschiebungen  handelt,  zeigen  die  Rutschstreifen 
(manchmal  als  kräftige  „Hohlkehlen"  entwickelt)  an  den  bloßgelegten 
Bruchflächen,  die  zumeist  schichtenparallel  verlaufen.  Der  lebhafte 
Betrieb  des  Steinbruches  bringt  es  mit  sich,  daß  die  Rutschflächen 
immer  wieder  zerstört  und  daß  an  ihrer  Stelle  neue  (und  Fortsetz- 
ungen der  alten)  aufgedeckt  werden.  Es  würde  sich  lohnen,  hier  all- 
jährlich neue  photographische  Aufnahmen  zu  machen,  um  an  einer 
zusammenhängenden  Reihe  der  nahe  aufeinanderfolgenden  jeweiligen 
Zustände  vergleichende  Beobachtungen  vornehmen  zu  können. 

Taf.  III  [3],  Abb.  1  gibt  eine  photographische  Aufnahme  des  Stein- 
bruches mit  Fern-Objektiv  aus  dem  Jahre  1911  wieder,  die  von  Herrn 
Prof.  Ausser  winkler  in  Prag  freundlichst  zur  Verfügung  gestellt 
wurde.  Der  Standpunkt  der  Aufnahme  liegt  in  einer  Entfernung  von  1km 
in  westsüdwestlicher  Richtung  vom  Steinbruche  am  westlichen  Gehänge 
des  Moldautales  an  dem  hochgelegenen  Teile  der  Strecke  Smichow — 
Hostiwitz  der  Buschtiehrader  Bahn  nahe  dem  Wächterhause.  An 
dem  hellen  Bande  der  Orthocerenkalke  tritt  die  muldenförmige 
Lagerung  deutlich  hervor,  ebenso  einige  kleine  Verwerfungen.  An  den 
die  hellen  Kalke  überlagernden  dunklen  /^-Kalken  läßt  sich  besonders 
eine  Querbruchfläche  an  den  stark  erhabenen  schichtenparallelen 
Wülsten  und  entsprechenden  Vertiefungen  (Hohlkehlen)  erkennen. 

Der  Aufschluß  liegt  annähernd  in  der  Richtung  N — S,  die  Achse 
der  Mulde  verläuft  ungefähr  W— 0.  Im  Südflügel  der  Mulde  ist  das 
Fallen  bei  einem  Neigungswinkel  von  20*^  gegen  N  15°  0,  im  Nord- 
flügel ungefähr  gegen  SSW  gerichtet.  Die  Abweichung  in  der  Lagerung 
von  dem  normalen  Schichtenstreichen  (NO  und  ONO)  und  -Fallen  ist 
also  beträchtlich.  Im  südlichen  Teile  desselben  tiefgelegeuen  großen 
Steinbruches  ist  jedoch  in  den  das  Liegende  des  Orthocerenkalkes 
bildenden  dunklen  Uebergangsschichteu  fjß  moldauwärts  ein  deut- 
liches Hinabbiegen  in  nordwestlicher  Richtung  zu  beobachten.  Dieses 
Einfallen  gegen  NW  würde  den  normalen  Lagerungsverhältnissen 
entsprechen. 

Von  den  Querbrüchen  verlaufen  die  nahe  südlich  der  Muldenmitte 
gelegenen  zumeist  in  der  Richtung  NNO,  die  Rutschstreifen  sind  auf 
ihnen  wie  die  unter  dem  Orthocerenkalk  liegenden  dünnen  Schichten 
zumeist  nach  dieser  Richtung  geneigt.  Außer  der  NNO -Richtung 
konnte  ich  an  Querbrüchen  kürzlich  noch  die  Richtungen  N  lo^  0, 
N  250  0  und  N  30°  0  feststellen.  Ein  Diagonalbruch  streicht 
0  300  N,  ein  Längsbruch  0  10°  S.  Durch  Krümmungen  im  Streichen 
der  Brüche  ergeben  sich  viele  Abweichungen.  Die  Stellung  der  Bruch- 


30  F-  Wähner.  [30] 

liächen  ist  zumeist  vertikal,  durch  Biegungen  (um  horizontale  Achsen) 
vollziehen  sich  gleichfalls  ansehnliche  Abweichungen,  so  daß  Neigungen 
nach  verschiedenen  Richtungen  vorkommen.  Die  Rutschstreifen  ver- 
laufen auf  allen  Brüchen  zumeist  schichtenparalleH^^). 

Eine  Querbruchfläche  mit  kräftig  ausgebildeten  Hohlkehlen 
zeigt  Taf.  III  [3],  Abb.  2  nach  einer  Nahaufnahme  vom  4.  Mai  1912 
des  damaligen  Hörers  J.  John,  der  leider  nicht  mehr  unter  den 
Lebenden  weilt.  Die  stark  erhabenen  Wülste  und  kräftigeren  Rutsch- 
streifen sind  stellenweise  gekrümmt,  verlaufen  aber  im  allgemeinen 
wie  die  feinen  Rutschstreifen  parallel  zu  den  nahe  der  Muldenmitte 
gelegenen  /^-Kalken  des  Südflügels,  wie  an  der  gegen  S  ansteigenden 
Grenzlinie  des  unterlagernden  hellen  Orthocerenkalkes  zu  sehen  ist. 
Hinter  dieser  Rutschfläche  ist  eine  zweite  viel  weniger  unebene  Quer- 
bruchfläche sichtbar,  deren  Rutschstreifen  infolge  der  perspektivi- 
schen Verzerrung  stärker  geneigt  zu  sein  scheinen,  als  es  in  Wirk- 
lichkeit der  Fall  war. 

Die  einzelnen  Querbrüche  sind  gewöhnlich  nur  wenige  Meter  von- 
einander entfernt,  können  einander  aber  noch  viel  näher  rücken.  Das  sind 
die  im  großen  leicht  erkennbaren  Brüche  von  augenscheinlich  großer 
flächenhafterAusdehnung.  Die  zwischen  diesen  Brüchen  liegenden  Gebirgs- 
stücke  sind  aber  noch  von  zahllosen  mehr  verborgenen  Rissen  durchsetzt, 
nach  denen  die  Schichten  in  größere  und  kleinere  parallelepipedische 
Stücke  zerfallen,  und  an  denen  ebenfalls  typische  kräftige  Rutschstreifen 
zu  erkennen  sind,  die  wieder  zumeist  schichtenparallel  verlaufen.  Die 
aus  den  obersilurischen  dünnbankigen  dunklen  Kalken  gewonnenen 
Platten  werden,  bevor  sie  in  die  Oefen  wandern,  im  Steinbruche  in 
umfangreichen  Haufen  aufgeschichtet,  wobei  sie  mit  den  Schichtflächen 
übereinandergelegt  werden.  Man  kann  daher,  indem  man  an  den 
Seitenwänden  dieser  großen  Anhäufungen  vorübergeht,  auf  einfache 
Weise  an  den  dem  Beschauer  zugekehrten  Flächen  erkennen,  daß 
eine  recht  große  Zahl  derselben  natürliche  Bruchflächen  sind, 
und  an  vielen  von  ihnen  kräftig  ausgebildete  schichtenparallele 
Rutschstreifen  wahrnehmen,  —  ein  handgreifliches,  rasch  belehrendes 
Anschauungsmittel.  Nicht  selten  findet  man  parallelepipedisch  geformte 
Gesteinsstücke,  die  von  einem  Paare  durch  die  Gebirgsbewegung  ge- 
glätteter   Schichtflächen    und    zwei  Paaren    von    schichtenparallel 


"*)  An  dem  oben  erwähnten  Längsbruch,  auch  an  manchen  Qaerbrüchen  ver- 
laufen die  Rutschstreifen  horizontal.  An  einem  nahe  der  Muldenmitte  untersuchte!), 
nach  NNO  streichenden  Querbruch  ist  ein  breiter  Teil  der  Brucbfläche  mit  Rutscjj- 
streifen  versehen,  die  senjjrecht  auf  den  anderen  vorhandenen  Streifen  stehen,  algo 
fast  vertikal  verlaufen.  Auf  derselben  Fläche  finden  sich  auch  Rutschstreifen, 
die  in  Zwischenrichtungen  verlaufen.  Wie  an  so  vielen  Rutschflächen  zeigt  eich 
auch  hier,  daß  an  einem  und  demselben  Bruche  wiederholt  Bewegungen  ein- 
getreten sind,  und  daß  diese  Bewegungen  nicht  immer  in  derselben  Richtung  vor  sich 
gingen.  So  finden  sich  auch  an  einem  gegen  NSO'O  streichenden  Querbrüch,  der 
sich  von  der  Muldenmitte  schon  dem  Nordäügel  nähert,  wobei  der  Orthocerenkalk 
noch  horizontal  liegt,  gegen  S  geneigte,  an  anderen  Punkten  gegen  N  geneigte 
Rutschstreifen  (die  Neigung  ist  meist  gering),  auch  horizontale  Streifen  kommen  vor. 
In  manchen  Fällen  lassen  sich  —  es  ist  dies  ebenfalls  eine  auch  anderwärts  nicht 
selten  zu  beobachtende  Erscheinung  —  Rutschstreifen  verschiedener  Richtung  an 
demselben  Punkte  derselben  Rutschfläche  übereinander  feststellen,  wobei  oft  die 
älteren  Rutschstreifen  durch  neue  teilweise  verwischt,   undeutlich  gemachf  werden 


[31]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  31 

gestreiften  B  r  u  c  h  flächen  begrenzt  sind.  Auf  den  geglätteten  Schicht- 
flächen  sind  Rutschstreifen,  falls  sie  überhaupt  zu  erkennen  sind, 
weitaus  zarter  ausgebildet  als  auf  den  Bruchflächen.  Aeußerst  selten 
stehen  die  die  Schichten  verquerenden  Rutschflächenpaare  senkrecht 
aufeinander,  sie  bilden  fast  immer  schiefe  Winkel  von  verschiedener 
Größe,  ein  Zeichen,  daß  hier  neben  den  Querbrüchen  nicht  Längs- 
brüchen, sondern  Diagonalbrüchen  verschiedener  Richtung  größere 
Bedeutung  zukommt. 

Man  kann  dieselben  Erscheinungen  auch  an  kleinen  Gesteins- 
stücken feststellen  und  oft  mit  dem  Hammer  noch  weitere  Trennungen 
nach  den  die  Schichten  quer  durchsetzenden  Rutschflächen  vornehmen, 
die  manchmal  nur  wenige  Zentimeter  von  einander  abstehen.  Die 
betreff"enden  Schichten  sind  demnach  in  außerordentlich  weitgehender 
Weise  durch  Brüche  zerteilt,  eine  der  tektonischen  Erfahrungen,  die 
immer  wieder  das  Erstaunen  darüber  hervorrufen,  daß  unter  solchen 
Umständen  der  Schichtenverband  aufrechterhalten  werden  konnte,  und 
zu  dem  Schlüsse  führen,  daß  solche  Bewegungen  unter  allseitigem 
Druck  sich  abgespielt  haben.  An  den  zahlreichen  hier  gesammelten 
Stücken  konnten  manche  Einzelheiten  beobachtet  werden,  auf  die 
hier  nicht  eingegangen  werden  soll.  Wichtiger  wäre  die  Verknüpfung, 
die  sich  hie  und  da  zwischen  Quer-,  bzw.  Diagonalbrüchen 
und  den  Bewegungsflächen  erkennen  läßt,  die  aus  Schichtflächen 
hervorgegangen  sind.  Anderseits  ist  es  leicht  erklärlich,  daß  an 
manchen  Stücken  die  Rutschstreifen  in  ihrer  Richtung  geringfügig 
von  der  der  benachbarten  Schichtflächen  abweichen.  Da  nicht  sämt- 
liche Schichtflächen  miteinander  genau  parallel  sind,  kommt  es  auf 
die  Lage  derjenigen  Schichtfläche  an,  längs  der  das  betreffende  Ge- 
birgsstück  sich  bewegt  hat. 

Aehnliche  Beobachtungen  können  noch  an  manchen  anderen 
Punkten,  besonders  in  dünnplattigen  dunklen  Kalken  (ßiß,/i,^i)  und 
in  Kalken  mit  dunklen  Zwischenlagen  (/i,  g^)  angestellt  werden.  In 
großer  Menge  trifft  man  Querbrüche  mit  schichtenparallelen  Rutsch- 
streifen ferner  in  den  kambrischen  und  vorkambrischen  Gesteinen 
Mittelböhmens.  Wir  begnügen  uns,  ein  Vorkommen  in  unterkambrischen 
Grauwacken  kennen  zu  lernen,  das  in  einem  nahe  der  Przibramer 
Schmelzhütte  gelegenen  alten  Steinbruche  aufgeschlossen  und 
durch  auffallende  Regelmäßigkeit  der  Ausbildung  ausgezeichnet  ist. 

Wir  haben  es  hier  mit  einem  für  das  mittelböhmische  Falten- 
gebirge ungewöhnlichen  und  von  dem  normalen  stark  abweichenden 
Streichen  und  Fallen  zu  tun.  Die  im  Steinbruche  aufgeschlossenen 
kambrischen  Sandsteinbänke  fallen  unter  Winkeln  von  20  und  30° 
gegen  WSW.  Das  ist  auch  die  Hauptrichtung  der  zahlreichen  Quer- 
brüche, die  parallel  zueinander  in  geringer  Entfernung  die  Schichten 
durchsetzen.  In  Taf.  IV  [4]  ist  in  der  Hauptsache  nur  eine  Querbruch- 
fläche dargestellt,  aber  in  der  Fortsetzung  der  nämlichen,  gegen  S 
gerichteten  Steinbruchwand  nach  links  (in  westlicher  Richtung)  sieht 
man  eine  ganze  Reihe  derartiger  Querbruchflächen  hintereinander. 
In  dem  in  Lichtdruck  wiedergegebenen  photographischen  Bilde  ist  an 
manchen  Stellen  ein  Teil  des  sonst  zusammenhängenden  Felsens  ab- 
gebrochen, und  dann  erkennt  man  dahinter  eine  kleine  Fläche  gleicher 


32  F.  Wähner.  [32] 

Beschaffenheit,  so  links  oben  von  der  Mitte  des  Bildes  bei  der  be- 
schatteten Stelle.  Die  durch  den  Steinbruchbetrieb  bloßgelegten  Ver- 
schiebungsflächen sind  mit  einer  Art  Schmiere  überzogen,  die  wohl 
durch  die  Gebirgsbewegung  aus  der  Zerreibung  des  angrenzenden 
Gesteins  entstanden  ist.  Daher  sieht  man  im  allgemeinen  keine 
Schichtfugen,  und  nur  dort,  wo  der  das  eigentliche  Gestein  ver- 
hüllende Ueberzug  entfernt  ist,  konnte  die  Verwitterung  eingreifen, 
so  daß  auf  gewissen  Strecken  infolge  des  Auswitterns  oder  Heraus- 
fallens der  weicheren  Zwischenmittel  engere  oder  weitere  Schichtfugen 
sich  gebildet  haben.  Im  übrigen  sieht  man  auf  den  Verschiebungs- 
flächen höhere  und  breitere  Erhabenheiten  und  entsprechende  Vertie- 
fungen (Hohlkehlen)  und  auf  ihnen  schwächere  Rutschstreifen,  alle  diese 
Skulpturelemente  meist  ziemlich  genau  parallel  zu  den  Schichtflächen 
verlaufend.  Rechts  oben  im  Bilde  sieht  man  ein  Bündel  von  kleinen 
Längsbrüchen,  die  die  Stelle  eines  Längsbruches  vertreten,  die  Schichten 
schräg  durchqueren.  Damit  steht  eine  kleine  Knickung  der  Schichten 
in  Verbindung.  Die  Hohlkehlen  und  Rutschstreifen  machen  diese 
Schichtenverbiegung  mit.  —  Auch  das  zwischen  den  großen,  weithin 
verfolgbaren  Rutschflächen  liegende  Gestein  ist  noch  vielfach  von 
Bewegungsflächen  mit  gleichgerichteten  feineren  Rutschstreifen  durch- 
zogen, so  auch  rechts  im  Vordergrunde  des  Bildes,  in  dem  sie  undeut- 
lich wahrnehmbar  sind.  Auf  der  Südseite  des  Steinbruches  sind  eben- 
falls Querbruchflächen  mit  schichtenparallelen  Hohlkehlen  und  Rutsch- 
streifen von  gleichartiger  Beschaffenheit  entblößt. 

In  demselben  Steinbruche  sind  auch  einige  wenige  Diagonal- 
brüche zu  beobachten,  die  nicht  deutlich  hervortreten  und  nur  auf 
kurze  Erstreckung  zu  verfolgen  sind ;  sie  sind  ebenfalls  mit  schichten- 
parallelen Rutschstreifen  versehen.  Eine  Bruchfläche  verläuft  senk- 
recht auf  die  Fallrichtung,  genau  im  Streichen ;  dieser  Längsbruch 
zeigt  keine  Rutschstreifen.  Andere  von  dieser  Richtung  nur  schwach  ab- 
weichende Bruchflächen  sind  dagegen  wieder  deutliche  Rutschflächen 
mit  schichtenparallelen  Streifen.  Zahlreiche  im  Steinbruche  gesammelte 
Gesteinsstücke   zeigen   die   beschriebenen   Erscheinungen  im  kleinen. 

Querbrüche  mit  schichtenparallelen  Rutschstreifen  von  sehr  ähn- 
licher Beschaffenheit  sind  in  den  vorkambrischen  Schiefern  und  Grau- 
wacken  vielfach  zu  beobachten.  Zu  erwähnen  wäre  das  ausgedehnte 
Gebiet  zu  beiden  Seiten  des  Moldautales  südlich  von  Königsaal  und 
ein  kleines  Vorkommen  in  der  Modrzaner  Schlucht.  Bei  vielen  vor- 
kambrischen Vorkommnissen  wie  bei  dem  besprochenen  unterkambri- 
schen  könnte  das  eigenartige  Aussehen  der  Bruchflächen  zur  Vermutung 
verleiten,  daß  wir  es  nicht  mit  Bewegungsflächen,  sondern  mit  an 
Gebirgsspalten  (feinen  Rissen)  auftretenden  Verwitterungserscheinun- 
gen zu  tun  haben.  Es  läßt  sich  bei  vorkambrischen  Gesteinen,  die  auf 
den  ersten  Blick  sehr  dicht  und  gleichmäßig  ausgebildet  zu  sein 
scheinen,  in  manchen  Fällen  zeigen,  daß  sie  aus  quarzreicheren  und 
quarzärmeren  Lagen  bestehen.  Da  läge  es  nahe  vorauszusetzen,  daß 
die  härteren  und  chemisch  widerstandsfähigeren  Lagen  es  sind,  die 
gegenüber  den  minder  widerstandsfähigen  an  jenen  Flächen  hervor- 
treten. Die  Brüche  bilden  jedoch  nicht  offene  Klüfte,  sondern  die  zu 
beiden  Seiten    der    Bruchfläche    anstehenden  Gesteine    schließen  un- 


[33]         Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  33 

mittelbar  aneinander  —  man  kann  sich  auch  noch  an  Gesteinsstücken, 
die  man  längs  solcher  Flächen  zerteilt,  hiervon  überzeugen  — ,  es 
entspricht  daher  jeder  Erhöhung  auf  der  einen  Seite  eine  Vertiefung 
auf  der  anderen  Seite  des  Bruches.  Schon  hierdurch  verbietet  sich 
ein  allfälliger  derartiger  Erklärungsversuch.  Wir  finden  ferner  —  das 
ist  bei  dem  aus  der  Gegend  von  Przibram  beschriebenen  Vorkommen 
der  Fall  —  außer  den  großen,  oft  weithin  verfolgbaren  Bruchflächen 
in  den  dazwischenliegenden  Gesteinen  auch  andere  kleinere,  eben- 
falls mit  schichtenparallelen  Streifen  versehene  Flächen,  die  das  Aus- 
sehen von  typischen  Rutschflächen  besitzen ;  sie  sind  mit  den  anders- 
artigen durch  Uebergänge  verbunden.  Es  scheint,  daß  einerseits  die 
Gesteinsbeschaffenheit,  anderseits  die  Art  der  Bewegung  die  Unter- 
schiede in  der  Ausbildung  der  Rutschflächen  bedingt. 

Ueberraschend  ist  das  wenn  auch  seltene  Auftreten  von  Längs- 
brüchen (bzw.  von  Diagonalbrüchen,  deren  Richtung  jener  von  Längs- 
brüchen sehr  nahe  kommt,)  mit  gleichfalls  schichtenparallelen  Rutsch- 
streifen, die  demnach  auf  Bewegungen  in  der  Streichrichtung 
des  betreffenden  Gebirgsstückes  (oder  einer  dieser  sehr  nahe  kom- 
menden Richtung)  hinweisen.  Auch  dieser  Umstand  könnte  zu  Zweifeln 
über  die  Natur  jener  Flächen  Veranlassung  geben.  Es  ist  darum 
nicht  überflüssig,  auf  einen  im  Kalkgebirge  vorkommenden  derartigen 
Bruch  aufmerksam  zu  machen,  der  geradezu  als  ein  Schulbeispiel 
einer  gut  ausgeprägten  Rutschfläche  gelten  kann.  Er  liegt  in  den 
^g-KnoUenkalken  von  Hluboczep,  die  hier  im  allgemeinen  steil  auf- 
gerichtet sind  und  anscheinend  ein  einheitlich  gebautes  Glied  des 
Südflügels  einer  ausgedehnten  regelmäßigen  Mulde  bilden.  In  einem 
beschränkten  Teile  des  Gebietes  aber  sehen  wir  die  genannte  Schichten- 
gruppe für  sich  in  eine  kräftig  bewegte  Falte  gelegt,  wogegen  in  den 
weiter  westlich  gelegenen  großen  Aufschlüssen  die  Stufe  g^  nur  eine 
untergeordnete  Knickung  erkennen  läßt,  die  vielleicht  mit  jener  Falte 
in  Zusammenhang  steht.  In  einem  Steinbruche  ist  das  Gewölbe  der 
Falte  aufgeschlossen,  so  daß  die  Bänke  auf  der  südlichen  Seite  des 
Bruches  gegen  S,  auf  der  nördlichen  Seite  gegen  N  fallen ;  auch  die 
Gewölbebiegung  ist  sichtbar.  An  der  Südseite  desselben  Stein- 
bruches findet  sich  der  erwähnte  Längsbruch  (Taf.  V  [5],  Abb.  1). 

Das  Phallen  der  Kalkbänke  ist  unter  einem  Winkel  von  unge- 
fähr 40^'  gegen  SSW  gerichtet.  Die  durch  einen  großen  Teil  des 
Bildes  ziehende,  durch  den  Steinbruchbetrieb  bloßgelegte  Verschie- 
bungsfläche streicht  ungefähr  0 — W,  könnte  daher  auch  als  ein  der 
Streichrichtung  der  Schichten  sehr  nahe  kommender  Diagonalbruch 
bezeichnet  werden;  sie  ist  keine  ebene,  sondern  eine  mehrfach  ge- 
krümmte Fläche  und  mit  zahlreichen  den  Schichtflächen  parallelen 
Rutschstreifen  bedeckt.  Das  Photogramm  ist  aus  der  Richtung  N  30°  W, 
schräg  auf  das  Streichen  der  Rutschfläche,  aufgenommen;  diese  er- 
scheint daher  im  Bilde  in  ihrer  Streichrichtung  verkürzt.  Die  Rutsch- 
streifen sind  sehr  kräftig  und  regelrecht  ausgebildet;  ihr  Aussehen 
im  Bilde  beruht  auf  der  starken  Verkleinerung.  (In  dieser  Hinsicht 
wäre  der  als  Maßstab  aufgestellte,  461/2  cm  lange,  infolge  der  Repro- 
duktionsart schwer  erkennbare  Hammer  nahe  der  rechten  unteren 
Bildecke  zu  beachten.) 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Keichsanstalt,  1916,  66.  Band,  1.  Heft.  (F.  Wähner.)  5 


34  F-  Wähner.  [34] 

Die  vielfach  aus-  und  einspringende  Felskante  rechts  begrenzt 
die  Ansicht  gegen  eine  (nicht  sichtbare)  Steinbruchwand,  in  der  die 
Schichten  in  der  Fallrichtung  aufgeschlossen  sind.  Links  von  dieser 
Kante  verläuft  eine  schmale  Fläche  in  einer  Mittelrichtung  zwischen 
der  Streich-  und  der  Fallrichtung  der  Schichten.  Im  tieferen  Teile 
dieser  Fläche  sind,  besonders  in  der  Nähe  des  Hammers,  Rutsch- 
streifen zu  sehen,  die  gleichfalls  schichtenparallel  verlaufen  und  teil- 
weise die  deutliche  Fortsetzung  von  Streifen  der  großen  Rutschfläche 
bilden. 

Die  große  0 — W  streichende  Verschiebungsfläche  verdeckt 
die  Schichten;  das  eigentliche  Gestein  ist  durch  eine  mehrere  Zenti- 
meter dicke  Ausscheidung  von  Kalkspat  verhüllt.  Der  größte  Teil 
der  sichtbaren  Rutschstreifen  ist  daher  eine  Abformung  jener  Rutsch- 
streifen, die  sich  an  der  südlichen  Begrenzungsfläche  des  durch  den 
Steinbruchbetrieb  entfernten  Gebirgsstückes  befanden.  In  ihrem 
weiteren  Verlauf  nach  0  (links)  verschwindet  die  Rutschfläche  für 
den  Beschauer,  sie  dringt  dort  in  den  Felsen  ein  und  trennt  sodann 
die  zur  Linken  aufgeschlossenen  (nach  rechts  und  vorn  geneigten), 
vom  Steinbruchbetrieb  noch  verschonten  Bänke  von  den  im  S  der 
Rutschfläche  (vor  dem  Beschauer)  gelegenen  Schichten. 

Taf.  V  [5],  Abb.  2,  gibt  eine  Nahaufnahme  eines  Teiles  derselben 
Rutschfläche  wieder,  in  der  die  Rutschstreifen  in  größerem  Maßstabe 
(vgl.  den^ammer)  dargestellt  sind.  Nächst  dem  rechten  Rande  des 
Bildes  liegt  ein  Gesteinsstückchen  in  einer  kleinen  Hohlkehle. 

Es  wäre  falsch,  aus  dem  Auftreten  derartiger  Längsverschiebungen 
den  Schluß  zu  ziehen,  daß  diese  in  einem  anderen  Zeitabschnitt  ent- 
standen sind  als  die  übrigen  Brüche,  mit  denen  sie  auf  das  engste 
verknüpft  sind.  Jene  zeigen  vielmehr,  daß  aus  der  gleichen  Gebirgs- 
bewegung  auch  Verschiebungen  hervorgehen,  die  nicht  in  der  all- 
gemeinen Schubrichtung  liegen,  sogar  solche,  die  annähernd  senkrecht 
hierauf  gerichtet  sind.  Das  Gebirge  ist  durch  zahlreiche  Quer-,  Dia- 
gonal- und  Längsbrüche  und  überdies  durch  Schichtenablösungsflächen 
in  eine  Unzahl  großer  und  kleiner  Schollen  zerlegt.  An  allen  diese 
Schollen  begrenzenden  Flächen  gingen  Bewegungen  vor  sich  und  die 
Gebirgsschollen  mögen  zu  Zeiten  in  ähnlicher  Weise  bewegt  worden  sein 
wie  ein  im  Hochwasser  des  Flusses  abgehender  Eisstoß,  der  gegen 
eine  hohe  Mauer  gepreßt  wird,  so  daß  alle  Schollen  steil  aufgerichtet 
und  parallel  gestellt  werden,  wobei  es  nun  —  darin  liegt  die  Ver- 
gleichung  —  manchen  Schollen  gelingt,  annähernd  senkrecht  zur 
Schubrichtung  auszuweichen.  So  mag  auch  manche  Gebirgsscholle 
einem  Längsbruch  entlang  durch  den  allgemeinen  Schub  bewegt 
werden,  sei  es,  daß  der  Längsbruch  schon  früher  entstanden  war,  sei 
es,  daß  er  durch  eben  jenen  Schub,  aus  dem  Bewegungen  nach  ver- 
schiedenen Richtungen  hervorgehen,  erst  gebildet  wurde. 


Blattverschiebungen  sind  ausgesprochene  Kennzeichen  von  seit- 
lichen Gebirgsbewegungen.  Man  bringt  sie  mit  Recht  mit  der  Falten- 
bildung, bzw.  mit  dem  Zusammenschub  der  Gesteinsschichten,  der  sich 
in  der  Faltenbilduug  äußert,  in  Verbindung.  Bei  den  Verschiebungen, 


[35]  '^^^  Beurteilung  dea  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  35 

die  parallel  zur  Schichtung  erfolgen,  wird  man  an  einen  besonders 
engen  Zusammenhang  ihrer  Entstehung  mit  der  der  Falten  denken 
können,  wenn  man  sich  an  die  entlang  den  Schichtflächen  vor  sich 
gehenden  Verschiebungen  erinnert,  die  bei  der  Biegung  der  Gesteins- 
platten eintreten.  Querbrüche  mit  schichtenparallelen  Rutschstreifen, 
über  die  hier  berichtet  wurde,  scheinen  weite  Verbreitung  zu  be- 
sitzen ;  sie  kommen  auch  in  verschiedenen  Schichtengruppen  der  Ost- 
alpen vor. 

Gegenüber  diesen  wird  man  als  gesteigerte  tangentiale  Bewe- 
gungen ansehen  müssen  die  gewöhnlichen  Blattverschiebungen,  die 
seitliche  Verschiebungen  von  Stücken  von  Schichtengruppen  gegen- 
über benachbarten  Stücken  quer  auf  das  Streichen  bewirken.  Hierher 
gehören  die  Querbrüche,  die  im  mittelböhmischen  Silur  durch 
den  Bergbau  bekannt  geworden  sind,  und  diejenigen,  die  durch  die 
oben  erwähnten  neuen  Untersuchungen  aus  der  Verbreitung  der  Ab- 
lagerungen erschlossen  wurden.  Sie  scheinen  hier  hauptsächlich  bei 
steilerer  Schichtenstellung  vorzukommen. 

Auf  der  Nordseite  des  Prokopitals  reiht  sich  auf  eine  Länge 
von  etwa  l^a  ^^  iiri  Streichen  Steinbruch  an  Steinbruch.  Die  künst- 
lichen Aufschlüsse  bewegen  sich  im  Nordflügel  der  großen  Mulde  von 
Hluboczep  in  den  Knollenkalken  teils  von  g-^,  teils  von  g^  und  sind 
besonders  in  der  jüngeren  Stufe  allein  bei  annähernd  vertikaler 
Schichtenstellung  beinahe  ohne  Unterbrechung  1  km  weit  zu  verfolgen 
Diese  ausgezeichnet  entblößten  ^3-Kalke  bieten  die  beste  Gelegen- 
heit, Musterbeispiele  von  Blattverschiebungen  vorzuführen,  da  man 
sowohl  die  Bruchflächen  sehen  und  untersuchen,  wie  an  den  durch- 
schnittenen Schichtengruppen  das  Maß  der  Querverschiebungen  fest- 
stellen kann.  Einer  unserer  jüngeren  Kräfte  wird  es  voraussichtlich 
in  naher  Zeit  möglich  sein,  eine  eingehende  Darstellung  dieser  Vor- 
kommnisse zu  liefern.  Um  dieser  nicht  vorzugreifen,  sollen  hier  nur 
einige  Bemerkungen  folgen. 

Die  Feststellung  der  Verschiebungen  wird  erleichtert  durch  die 
verhältnismäßig  geringe  Mächtigkeit  der  Stufe  ^3,  durch  ihre  Unter- 
und  Ueberlagerung  durch  recht  verschieden  aussehende  Gesteine  und 
dadurch,  daß  in  g^  selbst  unschwer  mehrere  Unterabteilungen  unter- 
schieden werden  können.  Man  kann  zweckmäßig  drei  solche  Unter- 
abteilungen aufstellen  und  diese,  um  an  der  gut  eingebürgerten 
Barr  an  de  sehen  Stufenbezeichnung  festzuhalten  und  sie  weiter  aus- 
zubilden, in  der  bei  anderen  Abteilungen  bereits  üblichen  Weise 
durch  Hinzufügung  griechischer  Buchstaben  bezeichnen.  Der  stra- 
tigraphisch  tiefste  Teil  (g^oi)  besteht  aus  dünnschichtigen,  zumeist 
roten  Knollenhaiken  (Barrandes  Couches  bigarrees*^^),  die  in  ihrer 
Fazies  vollkommen  mit  den  selteneren  triasischen  und  den  weit  ver- 
breiteten liasischen  und  oberjurasischen  roten  Cephalopodenknollen- 
kalken  übereinstimmen.  In  ihrem  unteren  Teile  vollzieht  sich  der  be- 
kannte Uebergang  von  den  Tentaculitenschiefern  g^  zu  den  Knollen- 
kalken ^3  durch  fortschreitende  Kalkknollenbildung  und  durch 
Wechsellagerung.    (Barrande    stellt    diese    Schichten    zu    seiner 


"'')  Barraude,  Defense  des  colonies,  III,  1865,  pag.  9  fi.,  333  f. 

5* 


36  F.  Wähner.  [36] 

bände    g^-)    Als    ^sß    kann     man    die    eigentlichen    grauen    Knollen- 
kalke <73  ansehen,  die  als  Felsen  hervortreten   und,  durch  den  Stein- 
bruchbetrieb abgebaut  werden,  in  ihrem  unteren  Teile  noch  dünnbankig 
sind,  während  sie  im  oberen   aus  weit  dickeren   und  weniger  gut  ge- 
schiedenen Bänken  bestehen.     Die    dritte  Unterabteilung    bilden   die 
dünnschichtigen  Kalke,    die    nach    oben    durch  Wechsellagerung   den 
Uebergang  zwischen  g^  und  den   dunklen  Tonschiefern  H  vermitteln. 
Sie  sind  viel  stärker  der  Faltung  unterworfen    als   die  übrigen  Teile 
von  ^3  und  häufig  auffallend  wellig  gebogen.     Auch  diese  Schichteu- 
gruppe    muß    sich    von    ihrer   Nachbarschaft,    u.    zw.    von    den    ver- 
hältnismäßig   starren   liegenden   Knollenkalken   abgelöst  haben.     "Wie 
stark  sie  innerlich  bewegt  ist,    erkennt    man    in   guten   Aufschlüssen, 
wie  oberhalb  Hluboczep,  daran,  daß  sämtliche  Schichtflächen  glän- 
zende Rutschspiegel  geworden    sind    und    daß    dieser  Glanz   auch  an 
allen  kleineu  Stücken  zu  sehen  ist,  zu  denen  hier  an  einem  Punkte 
diese  Gesteine   zu  Schotterzwecken  verarbeitet   werden.     Wichtig  ist 
ferner,  daß  in  g^^  nicht  selten  Radiolarien-Hornsteine   auftreten,  die 
allerdings  zumeist  abgetragen  sind,  so  daß  man  sie  dann  nur  im  Ver- 
witterungsboden feststellen  kann ;    das  ist  wohl  die  Ursache,    daß  sie 
so  lange  unbeachtet  blieben.  Manchmal  treten  solche  Hornsteine  noch 
im  tiefsten  Teile  der  fl-Schiefer  auf,  die  dann  jenen  Teil  von  g^'i  ver- 
treten mögen.     Jedenfalls  bezeichnen    die  Radiolarien-Hornsteine  die 
Grenze  zwischen  g^  und  H  und  es  ist   nichts    dagegen  einzuwenden, 
wenn  man  die  Uebergangsschichten  schon  zur  Stufe  If  rechnet.  Diese 
Vorkommnisse  haben  nichts  zu  tun  mit    den  Linsen  und  Knollen  von 
Hornstein,  die  in  anderen  kalkigen  Schichtengruppen,  besonders  häufig 
in  ^1,  auftreten. 

Die  Flächen,  an  denen  sich  in  der  beschriebenen  Schichtenreihe 
die  Querverschiebungen  vollzogen  haben,  zeigen  horizontale,  nahezu 
horizontale  und  von  dieser  Richtung  nicht  stark  abweichende  Rutsch- 
streifen. Es  sind  demnach  recht  flache  Blattverschiebungen.  Im  Ge- 
gensatze zu  den  durch  schichtenparallele  Rutschstreifen  ausgezeich- 
neten Querbrüchen  verqueren  hier  die  Rutschstreifen  die  steil  auf- 
gerichteten) Schichten  in  ausgesprochener  Weise,  sie  stehen  nicht 
selten  senkrecht  oder  fast  senkrecht  auf  diesen. 

Taf.  VI  [6]  läßt  einen  dieser  Querbrüche  deutlich  erkennen.  Die 
Hauptmasse  der  grauen  (/3-Knollenkalke  ist  abgebaut.  Stehengeblieben 
sind  der  liegende  Teil  g^a,  und  der  hangende  ^gY  nebst  den  an  diese 
Unterabteilungen  angrenzenden  Kalkbänken  von  ^3  ß,  die  jene  leichter 
beweglichen  Gesteine  vor  Abrutschungen  schützen.  Die  beschatteten, 
gegen  den  Hohlraum  überhängenden  Bänke  links  im  Vorder-  und 
Mittelgrunde  sind  solche  Schutzbänke  für  g^^(  und  zeigen  durch  ihre 
auffallende  Unterbrechung  eine  Querverschiebung  an,  entlang  der  das  im 
Mittelgrunde  liegende  Gebirgsstück  um  etwa  18  wi  nach  links  (südlich) 
gegen  den  im  Vordergrunde  links  liegenden  Teil  verschoben  erscheint. 
Diesem  Bruche  gehört  die  im  Mittelgrunde  (Mitte  und  rechts)  befind- 
liche Rutschfläche  an,  —  genau  genommen  sind  es  mehrere  einander 
sehr  naheliegende  Rutschflächen,  deren  Reste  erhalten  sind,  — 
deren  Streifen  teils  horizontal  verlaufen,  teils  von  dieser  Richtung 
nicht  stark   abweichen.    Diese   Rutschfläche   begrenzt,   soweit  sie  er- 


[37]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmisclien  Faltengebirges.  37 

halten  ist,  gegen  0  die  hoch  emporstehenden  Schichten  (hauptsächlich 
^ga),  deren  Ansicht  den  Hauptteil  des  Bildes  ausmacht  und  in  denen 
die  oben  (S.  33)  erwähnte  (noch  weithin  nach  W  zu  verfolgende) 
untergeordnete  Knickung  zu  sehen  ist.  Die  Rutschfläche  gibt  uns 
ebenfalls  ein  Maß  für  die  Querverschiebung.  Die  am  rechten  Rande 
des  Bildes  unter  der  Mitte,  über  und  rechts  von  der  nahen  Schutt- 
halde befindlichen  steilen  Schichtflächen  entsprechen  stratigraphisch 
den  obersten  Bänken  des  durch  die  Rutschflächenreste  nach  0  be- 
grenzten Gebirgsstückes;  sie  bilden  den  untersten  Teil  von  ^gß.  In 
der  Fortsetzung  der  Rutschfläche  nach  links  (gegen  S)  liegt  eine  vom 
Beschauer  abgewandte  und  daher  nicht  sichtbare  stark  verwitterte 
Rutschfläche,  die  das  im  Vordergrunde  links  liegende,  mit  den  be- 
schatteten Schichtflächen  beginnende  Gebirgsstück  (hauptsächlich  ^3  y) 
gegen  W  begrenzt.  An  ihr  ist  viel  Reibungsbreccie  erhalten.  Trotz 
der  starken  Verwitterung  erkennt  man  an  vielen  Stellen  ausgesprochen 
horizontal  verlaufende  Rutschstreifen. 

Die  Verschiebungen,  die  sich  an  diesen  Querbrüchen  vollzogen 
haben,  sind  offenbar  erst  erfolgt,  als  die  Faltung  bereits  die  steile 
Aufrichtung  der  Schichten  bewirkt  hatte.  Der  Seitenschub,  aus  dem 
die  Faltung  hervorging,  muß  noch  fortgedauert  haben,  als  die  Schichten 
bereits  entsprechend  stark  zusammengeschoben  waren,  es  kam  zur 
Trennung  und  Bewegung  an  neu  entstehenden  Quersprüngen  oder  zu 
neuen  Bewegungen  entlang  den  schon  während  des  Faltungsvorganges 
entstandenen  Quersprüngen,  wobei  die  einzelnen  Gebirgsstücke  je- 
weils nach  den  Richtungen  des  geringsten  Widerstandes  verschoben 
wurden.  Der  Umstand,  daß  die  erwähnte  Knickung  der  steil  aufgerich- 
teten Kalkbänke  sehr  weit  zu  verfolgen  ist,  obgleich  diese  Bänke  von 
überaus  zahlreichen  Querbrüchen  durchsetzt  und  verworfen  sind,  spricht 
ebenfalls  dafür,  daß  diese  Querbrüche  jünger  sind   als  die  Faltung  *'^*). 

Es  gibt  auch  in  diesen  steilgestellten  Schichten  Querbrüche, 
die  andere  Verschiebungsrichtungen  aufweisen,  darunter  solche  mit 
schichtenparallelen  Rutschstreifen.  Hätte  die  den  letzteren  entspre- 
chende Bewegung  zu  einer  Zeit  stattgefunden,  als  die  Schichten  be- 
reits steil  aufgestellt  waren,  so  müßte  sie  steil  nach  abwärts  oder 
aufwärts  gerichtet  gewesen  sein.  Es  ist  aber  wahrscheinlich,  daß  die 
schichtenparallelen  Bewegungen  früher;  zur  Zeit,  als  die  Schichten 
noch  flacher  gelagert  und  in  Faltung  begriffen  waren,  eingetreten 
sind.  Jedenfalls  sind  die  Rutschstreifen  kein  Nachweis  für  absolute 
Bewegungsrichtungen  (in  bezug  auf  den  Erdkörper),  sondern  nur  für 
Richtungen  im  Verhältnisse  zu  den  Gesteinskörpern,  an  denen  sie 
haften  und  mit  denen  sie  alle  seit    ihrer  Bildung    vollführten   Bewe- 


*2»)  In  Alb.  Heim,  Das  Säntisgebirge  (Beitr.  z.  geol.  K.  d.  Schweiz,  N.  F. 
XVI,  Bern  1905)  ist  ein  eigener,  von  Marie  Jerosch  bearbeiteter  umfangreicher 
Abschnitt  den  Querstörungen  des  mittleren  Teiles  jenes  Gebietes  gewidmet.  Auch 
hier  ein  Gebirge,  dessen  Schichten  durch  hochgradige  Faltung  größtenteils  sehr 
steil  aufgerichtet  sind.  Die  Entstehung  der  Querbrüche  (zumeist  Korizontalver- 
schiebungen)  wird  zum  Teile  in  eine  jüngere  Phase  desselben  Faltungsvorganges 
verlegt,  ein  sehr  großer  anderer  Teil  wird  als  jünger  denn  die  letzte  Phase  der 
Faltung  angesehen.  Unser  Gebiet,  das  in  dem  Zeitraum  Oberdevon- ünterkarbon 
gefaltet  wurde,  stellt  ein  bemerkenswertes  Seitenatück  zu  jenem  weit  jüngeren 
Gebirge  dar. 


38  ^-  Wähner.  [38J 

gungen  mitgemacht  haben.  Tatsächlich  findet  man  in  dem  besproche- 
nen Gebiete  Querbrüche  mit  Rutschstreifen  verschiedenen  Alters  — 
die  Altersunterschiede  mögen  geologisch  sehr  gering  sein  —  mit  ein- 
ander kreuzenden  Richtungen,  und  ich  glaube  auch  schichtenparallele 
Rutschstreifen  gesehen  zu  haben,  die  durch  flacher  verlaufende  jün- 
gere Streifen  teilweise  verwischt  sind.  Letzteres  wäre  nachzuprüfen. 
Daß  die  eigentlichen  Blattverschiebungen  die  Längsbrüche  ver- 
werfen und  daher  auch  jünger  sind  als  diese  *^^),  geht  aus  den  neuen 
Untersuchungen  J.  Woldfichs^'j  38j  u^^  ^  Kettner s^^^*")  her- 
vor. Dies  wirft  zugleich  ein  bezeichnendes  Licht  auf  das 
Alter  und  die  Natur  der  Längsbrüche.  Es  kann  sich  nicht 
um  ein  altes  Faltenland  handeln,  das  in  weit  jüngerer  Zeit  von  Längsver- 
werfungeu  betroffen  worden  ist,  sondern  jene  Längsbrüche  müssen  in  dem 
Zeitraum  entstanden  sein,  in  dem  die  älteren  paläozoischen  Schichteu- 
gruppen  gefaltet  wurden.  Denn  jene  Querverschiebungen  sind  zwar  verhält- 
nismäßig jung,  gehören  aber  noch  der  Zeit  des  Faltungsvorganges  (im 
weiteren  Sinne)  an,  sie  müssen  sich  in  der  Zeit  des  seitlichen  Zu- 
sammenschubes, wenn  auch  in  dem  letzten  Abschnitte  desselben,  er- 
eignet haben.  Sie  durchsetzen  denn  auch  jene  Längsbrüche,  die  wie 
die  große  Bruchlinie  der  Przibramer  Lettenkluft  heute  —  auch  von 
den  genannten  Forschern  —  als  Ueberschiebungen  angesehen  werden. 

d)  Isokliu<ale  Lagerung. 

Bildete  die  altpaläozoische  Schichtenreihe  eine  einheitliche 
Synklinale,  so  wäre  die  zumeist  gleichsinnige  Lagerung,  die  wir  einerseits 
im  nordwestlichen,  anderseits  im  südöstlichen  Teile  des  Gebietes  an- 
treffen, eben  durch  diesen  Synklinalen  Bau  erklärt.  Daß  wir  mit  dieser 
einfachen  Vorstellung  nicht  ausreichen,  ist  schon  lange  ersichtlich. 
Wenn  wir  von  den  zahlreichen  Falten  kleinen  Ausmaßes  absehen,  die 
in  so  vielen  Schichtengruppen  beobachtet  und,  wie  es  scheint,  jeweils 
auf  eine  einzelne  derselben  oder  einen  kleinen  Teil  der  Gesamtheit 
beschränkt  sind,  so  zeigen  schon  die  großen  Falten  der  obersilurisch- 
devonischen  Schichtenfolge,  die  in  der  Mitte  des  Gebietes  erkannt 
sind,  daß  wir  es  mit  einem  großen  Stück  eines  ehedem  viel  umfang- 
reicheren echten  Faltengebirges  zu  tun  haben.  Die  Wiederholungen 
kleinerer  und  größerer  Schichtenreihen,  die  sowohl  im  sogenannten 
Nordflügel  wie  im  sogenannten  Südflügel  festgestellt  sind,  haben  ferner 
in  jedem  der  beiden  Teilgebiete  das  Vorhandensein  kleinerer  und 
größerer  Längsstöruugen  erkennen  lassen,  und  somit  sind  wir  mit 
Rücksicht  auf  den  Faltenbau  und  mit  Rücksicht  auf  die  vorhandenen 
Längsbrüche  nicht  mehr  in  der  Lage,  den  isoklinalen  Bau,  der  einer- 
seits im  N,  anderseits  im  S  zu  beobachten  ist,  auf  eine  einheitliche 
Mulde  zurückzuführen.  Es  sind  andere  Ursachen  dafür  zu  suchen. 

Der  isoklinale  Bau  drückt  sich  für  jedes  der  beiden  Teilgebiete 
nicht  nur  darin  aus,  daß  das  vorherrschende  Fallen  der  Gesteine 
gegen  das  Innere  des  ganzen  Gebietes  gerichtet  ist,  sondern  er  wird 
dadurch  noch  augenfälliger  und  bezeichnender,  daß  die  Längsbrüche 
darin  keine  Aenderung  hervorrufen.  Die  Anführung  zweier  Beispiele, 

^^i*)  Auch  im  Säntisgebirge  ist  dies  meistens  der  Fall. 


[39]         Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  39 

die  schon  aus  der  älteren,  von  uns  viel  benützten  Literatur  ersichtlich 
sind,  wird  vorläufig  genügen. 

In  einem  südwestlichen  Teile  des  Gebietes,  das  aus  vorkambri- 
schen  Schiefern  (und  Grauwacken)  und  kambrischen  Grauwacken  und 
Konglomeraten  zusammengesetzt  ist,  finden  wir  eine  mehrfache  Wieder- 
holung der  beiden  Schichtengruppen  bei  vorwiegend  nordwestlichem 
Einfallen,  oder  es  halten  die  Konglomerate  in  der  Fallrichtung  so 
lange  an,  daß  Krejci  schon  hieraus,  um  nicht  eine  ungeheure 
Mächtigkeit  dieser  Schichtengruppe  annehmen  zu  müssen,  auf  das 
Durchstreichen  von  Längsbrüchen  zu  schließen  sich  genötigt  sah. 

Die  zwei  langen  und  mächtigen  selbständigen  Züge  von  unter- 
silurischen  Gesteinen,  die  im  nördlichen  Teile  des  Gebietes  festgestellt 
sind,  zeigen  beide  vorherrschend  gleichsinniges  Einfallen  nach  SO. 

Neuere  und  neueste  Arbeiten  bestätigen  trotz  vielen  Abweichungen 
im  einzelnen  das  Erwähnte  im  wesentlichen.  Auch  dort,  wo  eine 
untersilurische  Stufe  quer  auf  das  Streichen  auf  weite  Erstreckung 
anhält,  können  wir  in  beiden  Teilgebieten  nicht  selten  wahrnehmen, 
daß  trotz  vielen  durch  Kleinfaltung  und  durch  Brüche  herbeigeführten 
Störungen  und  sonstigen  Unregelmäßigkeiten  der  Lagerung  immer 
wieder  die  das  betreffende  Gebiet  kennzeichnende  Schichtenstellung 
sich  einstellt  und  herrschend  wird. 

Solche  allgemeinere  Erfahrungen  sind  selbstverständlich  nicht  be- 
weisend für  den  Bau  der  einzelnen  Gebietsteile,  sie  deuten  aber  im 
Zusammenhang  mit  den  in  anderen  Faltengebirgen  gewonnenen  Be- 
obachtungsergebnissen an,  daß  geneigte  Falten  und  daraus  hervor- 
gehende Ueberschiebungen  für  die  Herausbildung  des  vorliegenden 
Gebirgsbaues  von  Bedeutung  sein  könnten.  Das  Auftreten  geneigter 
Falten  stellt  schon  einen  höheren  Grad  der  Faltung  und  ein  höheres 
Maß  seitlichen  Zusammenschubes  dar  als  das  Vorkommen  gewöhnlicher 
Falten.  Bei  den  geneigten  Falten  ist  jeder  zweite  Schenkel  überkippt 
und  von  ihnen  ist  nur  ein  Schritt  zur  Entwicklung  jener  hochgradigen 
Faltung,  jener  weitgehenden  Schichtenstauung,  die  in  den  Faltungs- 
überschiebungen vorliegt. 

Schon  vor  mehr  als  fünf  Jahrzehnten  hat  Lipoid  in  seiner 
bekannten,  zu  wenig  gewürdigten  Schrift  gegen  Barrandes  Kolonien 
dem  Auftreten  liegender  Falten  große  Bedeutung  für  den  Gebirgsbau 
zugeschrieben,  und  neuere  Arbeiten  zeigen  immer  deutlicher,  daß 
ein  auf  gleichsinnig  geneigten  Falten  beruhender  Gebirgsbau  tatsächlich 
vorhanden  ist.  Es  wird  sich  Gelegenheit  bieten,  auf  einige  Ergebnisse 
dieser  Arbeiten  einzugehen. 

4.  Ueberschiebungen. 

In  einzelnen  Schichtengruppen  des  Untersilurs  sind  dort,  wo 
eine  solche  in  scheinbar  überaus  großer  Mächtigkeit  eine  selbständig 
gebaute  Gebirgszone  für  sich  zusammensetzt,  zahlreiche  Brüche  zu 
beobachten.  Unter  ihnen  befinden  sich  viele  die  Schichten  verquerende, 
diese  oft  schräg  durchsetzende  LäÄgsbrüche,  die  unter  irgendeinem 
Winkel  gegen  den  Horizont  geneigt  sind.  Wenn  die  an  den  Bruch 
anstoßenden  Schichtenenden  keine  Schleppungserscheinungen  erkennen 


40  F-  Wähner.  [40] 

lassen,  dann  können  wir  nicht  beurteilen,  ob  wir  es  mit  einem  Sen- 
kungsbruch oder  einer  Ueberschiebung  (Aufschiebung)  zu  tun  haben. 
Diese  Brüche  sind  noch  wenig  untersucht.  Es  kommen  aber  Ueber- 
schiebungen  unter  ihnen  vor.  Ob  dieselben  aus  geneigten  Falten 
hervorgegangen  sind,  oder  ob  sie  unmittelbar  durch  den  Seitenschub 
gebildet  wurden,  ist  nicht  von  wesentlicher  Bedeutung.  In  jedem  Falle 
tragen  sie  mit  dazu  bei,  erkennen  zu  lassen,  daß  die  Schichtengruppen 
durch  die  Gebirgsbewegung  gestaut,  auf  einen  kleineren  Raum  zu- 
sammengeschoben wurden.  Solche  Brüche  finden  sich  auch  in  der 
obersilurisch-devonischen  Schichtenreihe  und  könnten  uns,  wenn  sie 
genauer  bekannt  wären,  manchen  Fingerzeig  bieten. 

Je  mehr  sich  ein  innerhalb  einer  Schichtengruppe  auftretender 
Längsbruch  in  seiner  Neigung  der  der  Schichten  nähert,  einen  je 
spitzeren  Winkel  er  demnach  mit  den  Schichten  bildet,  desto  leichter 
wird  er  übersehen,  besonders  wenn  die  Gesteinslagen  mehr  oder 
weniger  stark  zerbrochen  sind  und  zum  Zerfalle  neigen.  Fällt  die 
Bruchfläche  auf  kürzere  oder  längere  Erstreckung  —  zumeist  handelt  es 
sich  schon  wegen  der  Beschränktheit  der  Aufschlüsse  um  das  erstere  — 
mit  einer  Schichtfläche  zusammen,  so  kann  sie  in  ihrer  Natur  nur 
erkannt  werden,  wenn  die  Schichten,  die  ja  auf  einer  Seite  des 
Bruches  mit  diesem  parallel  liegen,  auf  der  anderen  Seite  eine  andere 
Lagerung  besitzen,  d.  i.  an  ihm  unter  irgendeinem  Winkel   abstoßen. 

Südlich  der  Schwagerka  bei  Slichow  sind  an  dem  unteren  Teile 
der  widerholt  erwähnten  Eisenbahnstrecke  Smichow — Hostiwitz  die 
Uebergangsschichten^2— 5^3 (von  denTentaculitenschiefern  zu  den  höheren 
Knollenkalken)  und  die  roten  dünnschichtigen  Knollenkalke  g^  ct.  gut 
entblößt.  Unter  den  die  Uebergangsschichten  durchsetzenden  Brüchen 
befindet  sich  einer,  der  ein  gutes  Beispiel  für  den  eben  erwähnten  Fall 
bietet  (Taf.  VII  [7]).  Die  Schichten  fallen  unter-  und  oberhalb  des 
Bruches  in  annähernd  südlicher  Richtung,  wobei  die  hangenden 
Schichten  um  etwa  20  o  stärker  geneigt  sind  als  die  liegenden.  Die 
hangenden  Schichten  biegen  sich  kaum  merklich  in  der  Nähe  der 
Bruchfläche  in  der  Weise,  daß  sie  sich  dieser  anzuschmiegen  suchen. 
(Schleppung.)  Weiter  nach  links  unten  werden  sie  parallel  mit  den 
liegenden  Schichten,  so  daß  hier  (auf  kurze  Erstreckung)  von  einer 
Störung  nichts  zu  bemerken  wäre.  Der  Bruch  kann  noch  dadurch 
festgestellt  werden,  daß  man  von  dem  zerstückelten  Gestein  einige 
Teile  abräumt  und  so  ein  Kalkspatblatt  bloßlegt,  das  deutliche  Rutsch- 
streifen zeigt;  die  letzteren  verlaufen  flach,  sie  sind  in  derselben 
Richtung  wie  die  unterlagernden  Schichten  geneigt.  In  diesem  Falle 
besteht  kein  Zweifel,  daß  das  hangende  Gebirgsstück  nach  rechts 
oben,  mithin  in  annähernd  nördlicher  Richtung  aufwärts  geschoben  ist. 

Von  den  Längsbrüchen,  die  an  der  Grenze  von  Schichtengruppen 
verschiedenen  Alters  verlaufen  und  an  denen  ältere  Gesteine  über 
jüngere  bewegt  worden  sind,  sind  heute  einige  mit  Sicherheit  erkannt. 
Sehen  wir  hierbei  vorläufig  ab  von  der  Przibramer  Lettenkluft,  die 
schon  lange  als  Ueberschiebung  aufgefaßt  wird,  und  von  der  gegen  die 
Kolonien  gerichteten  Schrift  Lipoids,  so  wäre  von  Neueren  zunä<'hst 
Jahn  zu  nennen,  der  gelegentlich  seiner  erfolgreichen  stratigraphi- 
schen  Untersuchungen    u.  a.    die  an    der   Nordseite   der  Konjepruser 


[41]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  41 

Devonscholle  durchstreichende  Ueberschiebung  festgestellt  hat*^).  Mit 
guter  Kenntnis  der  Art  des  alpinen  Gebirgsbaues  hat  sodann  der 
treffliche  Seemann,  der  seither  den  Heldentod  indem  furchtbarsten 
aller  Kriege  gefunden  hat,  die  weitere  Umgebung  von  Konjeprus 
durchforscht**).  Schon  eine  Betrachtung  der  unten  angeführten  Profil- 
tafel ist  für  den  vorliegenden  Zweck  belehrend.  Wir  besehen  zuerst 
einige  kleine  Brüche  am  rechten  Gehänge  des  Berauntales  nördlich 
von  Srbsko,  Östlich  von  Tetin,  Profil  1  und  (in  größerem  Maßstabe) 
Profil  3.  Zweimal  ist  —  wir  befinden  uns  im  „Südflügel"  —  /2-Kalk 
(mit  aufgelagertem  g^)  nach  SSO  über  ^^  -Knollenkalk  geschoben,  so 
daß  auf  tektonischem  Wege  wiederholte  Wechsellagerung  der  beiden 
gegen  N  oder  NNW  geneigten  Schichtengruppen  hervorgebracht  wird. 
(S.  83  und  90.)  Sodann  sind  hier  (ein  wenig  weiter  nördlich)  ober- 
silurische  Kalke  (^2)  über  den  devonischen  /2-Kalk  geschoben,  ein 
Bruch,  der  nach  Seemann  aus  der  weiter  westlich,  am  Berge  Damil 
zu  beobachtenden  regelmäßigen  flachen  Mulde  hervorgeht,  deren  (an 
der  Beraun)  überkippter  Nordflügel  über  den  Südflügel  geschoben  ist. 

Unter  weit  größeren  räumlichen  Verhältnissen  sehen  wir  in  dieser 
Gegend  (Prof.  1,  weiter  südlich)  ein  aus  e.^  und  /a  bestehendes  Ge- 
wölbe flach  nach  SSO  übergelegt  und  in  dieser  Richtung  über  g^  ge- 
schoben, das  (nächst  dem  Bruche  von  Koda)  aus  zahlreichen  kleineren 
(größtenteils  nach  SSO  übergelegten)  Falten  besteht.  Am  SO-Gehänge 
des  Kodaer  Berges  (388  m)  haben  wir  also  den  überstürzten  Schenkel 
einer  liegenden  Falte  vor  uns,  der  aus  e^  (oben),  f^  und  g^  besteht. 
Wenn  A'irhier  nicht  mit  Seemann  von  einer  Ueberschiebung  sprechen 
wollten,  so  müßte  mindestens  zugegeben  werden,  daß  die  in  zahlreiche 
kleine  Falten  gelegten  (/i- Kalke  sich  von  dem  flach  darüber  liegenden 
hellen  dickbankigen  oder  massigen  Konjepruser  Kalk  /a  abgelöst  haben 
müssen.  An  dieser  Stelle  zieht  Seemann  einen  Bruch  hindurch, 
an  dem  nach  seiner  Anschauung  g^  von  den  darüberliegenden  Stufen 
gegen  SSO  überschoben  worden  ist;  er  meint,  daß  „möglicherweise 
auch  das  Obersilur  {e^}  noch  etwas  über /g  hinweggeglitten  ist."  Diesen 
Schlußfolgerungen  möchte  ich  beipflichten.  Danach  haben  wir  es  nicht 
mit  einer  ausgesprochenen  Faltenüberschiebung,  aber  mit  einem 
Lagerungsverhältnis  zu  tun,  aus  dem  solche  Ueberschiebungen  hervor- 
zugehen pflegen,  und  dem  man  im  mittelböhmischen  Faltengebirge 
öfter  begegnet*^). 

Ein  weiteres  Beispiel  hierfür  bildet  der  schon  kurz  erwähnte 
Bruch,    der   die   Konjepruser  Devonscholle    im  N   und  NO   begrenzt. 


«)  Jahn,  Geol.  Exkursionen,  1903 "i),  S.  25  und  Profil  (aufgenommenJ1891), 
8.  21. 

**)  Fritz  Seemann,  Das  mittelböhmische  Obersilur-  und  Devongebiet  süd- 
westlich der  Beraun.  (Beitr.  z.  Pal.  Oest.-Ung.,  XX,  1907,  S.  69—114;  geol.  Karte, 
Profiltafel.)  —  Seemann  ist  ohne  Zweifel  unbeeinflußt  gewesen;  die  Anschau- 
ungen, die  von  mir  zu  Lehrzwecken  über  den  mittelböhmischen  Gebirgsbau  aus- 
gesprochen wurden,  waren  ihm  unbekannt. 

*^)  Dagegen  ist  nach  meinem  Dafürhalten  der  ganze  Bruch  von  Koda,  über 
den  noch  einiges  zu  sagen  ist  (iS.  46),  als  eine  Faltenüberschiebung  anzusehen,  die 
—  wie  gewöhnlich  —  in  eine  größere  Zahl  von  Teilverschiebungen  zerfällt.  Zu 
diesen  gehören  die  von  Seemann  beschriebenen  Ueberschiebuugsflächen. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  1.  Heft.  (F.  Wähner.)  6 


42  F.  Wähner.  [42] 

Jahn  hat  bereits  gezeigt,  daß  hier  im  Hangenden  von  /s  die  eg-Kalke 
und  darüber  die  Uebergangsschichten  e^  ß  und  die  Graptolithenschiefer 
ßi«  folgen"*^),  mithin  das  Obersilur  diskordant  und  in  verkehrter 
Schichtenfolge  auf  dem  Devon  lagert.  Seemann  (S.  89  und  90)  hat 
diesem  wichtigen  Lagerungsverhältnisse  mehrere  Querschnitte  (Profil 
G— 9)  gewidmet  und  bringt  dasselbe  in  Verbindung  mit  dem  weiter  nörd- 
lich auftretenden  Obersilur  (Profil  8),  das  normal  liegt,  indem  hier  e^ 
über  e^  folgt.  Danach  bildet  das  Obersilur  ein  schiefes  Gewölbe, 
dessen  überstürzter  Schenkel  auf  dem  Devonkalk  liegt  und  diesen 
nach  SSW  überschiebt.  (Das  Streichen  der  Konjepruser  Scholle 
[WNW]  weicht  von  dem  in  der  weiteren  Umgebung  zu  beobachtenden 
Streichen  sehr  weit  ab.) 

Wir  übergehen  andere  von  Seemann  festgestellte  Ueber- 
schiebungen  und  lassen  namentlich  die  Frage  unerörtert,  ob  nicht 
manche  der  übrigen  von  dem  Genannten  beschriebenen  Brüche  gleich- 
falls als  Ueberschiebungen  aufzufassen  wären.  Es  genügt,  auf  die  bisher 
betrachteten  Vorkommnisse  neuerdings  aufmerksam  gemacht  zu  haben, 
bei  denen  die  Ueberlagerung  jüngerer  Schichtengruppen  durch  ältere 
tatsächlich  zu  beobachten  ist.  Seemann,  der  keine  unmittelbare 
Veranlassung  hatte,  den  Bau  des  Ganzen  zu  überprüfen,  lag  es  fern, 
eine  grundsätzliche  Aenderung  der  von  E.  Suess  eingeführten  An- 
schauung über  den  Bau  des  mittelböhmischen  Paläozoikums  vornehmen 
zu  wollen ;  er  stand  vielmehr  auf  dem  Boden  dieser  Anschauung  (S.  90). 
Um  so  größeres  Vertrauen  verdienen  seine  hier  berührten  Feststel- 
lungen. Den  Bruch  von  Koda  hielt  er  für  einen  „echten  Senkungs- 
bruch", und  er  glaubte  nicht,  „daß  der  Kontakt  der  Stufe  H  mit 
den  jüngeren  Stufen  einer  Ueberschiebungsfläche  entspricht".  (S.  81  *6). 
Die  Unregelmäßigkeit  der  Lagerung,  auf  die  sich  Seemann  hierbei 
beruft,  läßt  sich  unter  Annahme  einer  Ueberschiebung  recht  gut  er- 
klären. Daß  westlich  von  Koda  g^  und  das  /a  des  überstürzten 
Schenkels  des  von  Seemann  beschriebenen  liegenden  Gewölbes  fehlen 
und  die  Stufe  H  unmittelbar  mit  «2  (weiter  in  SW  sogar  mit  /a  des 
Hangendschenkels)  in  Berührung  tritt,  zeigt  nach  solcher  Auffassung, 
daß  die  liegende  Falte,  in  die  man  auch  das  an  H  anstoßende  g^ 
einbeziehen  müßte,  nach  jener  Richtung  durch  Unterdrückung  des 
überstürzten  Schenkels  in  eine  regelrechte  Faltenüberschiebung 
übergeht. 

Der  Arbeit  Seemanns  schließen  sich  neue  Untersuchungen  an, 
auf  deren  Ergebnisse  hier  nicht  eingegangen  werden  soll;  sie  sind 
kürzlich  von  E.  Nowak  zusammengestellt  worden*'^).  Der  isoklinale 
Faltenbau,    aus   dem   auch  Ueberschiebungen   hervorgehen,    tritt   uns 


*^)  Man  ersieht  daraus,  wie  ein  von  einer  Autorität  herrührender,  in  der 
Literatur  überdies  fest  verankerter  Ausspruch  das  Urteil  selbst  eines  so  unbefan- 
genen Beobachters  und  selbständigen  Arbeiters  insoweit  zu  trüben  vermag,  daß  er 
einen  örtlich  und  sachlich  so  nahe  liegenden  Gedanken,  der  nur  einen  letzten 
Schritt  zu  einer  naturgemäßen  Auffassung  des  Gesamtbaues  dargestellt  hätte,  zwar 
erörtert,  aber  von  sich  weist. 

*')  Zentralbl.  f.  Min.,  1915,  S.  306—320.  —  Daß  die  Auffassung  des  Genannten 
sich  nicht  in  allen  Einzelheiten  mit  der  meinen  deckt,  ist  für  die  Hauptfrage  nicht 
von  Belang. 


[43]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  43 

besonders  deutlich  in  den  von  Liebus  gegebenen  Querschnitten, 
namentlich  Fig.  2  und  3,  entgegen  ^^).  Es  handelt  sich  hier  um  wieder- 
holte Aufeinanderfolge  von  älteren  kambrischen  Konglomeraten  und 
mittelkambrischem  Paradoxidesschiefer,  die  (im  „Südfiügel")  gleich- 
sinnig gegen  NW  geneigt  sind.  Es  ist  abzuwarten,  welche  Ab- 
änderungen in  der  tektonischen  Auffassung  sich  hierbei  durch  die 
weitere  Verfolgung  der  von  R.  Kettner  unterschiedenen  Konglomerat- 
horizonte ergeben  werden  *°). 

Wichtig  bleibt  noch  immer,  in  möglichst  vielen  Fällen  die  un- 
mittelbare Ueberlagerung  jüngerer  Schichtengruppen  durch  ältere  zu 
beobachten.  Es  möge  darum  noch  auf  ein  nächst  Prag  gelegenes 
kleines  Vorkommen  aufmerksam  gemacht  werden,  dessen  Lagerungs- 
verhältnisse, obgleich  das  Auftreten  der  betreifenden  Gesteine  lange 
bekannt  ist,  meines  Wissens  bisher  nicht  erwähnt  worden  sind.  Der 
Hügel,  der  das  Kirchlein  und  den  Friedhof  von  Slichow  trägt,  besteht 
aus  devonischen  Kalken  der  Stufen  /g  und  g^^  u.  zw.  ist  der  mehr 
oder  minder  massig  ausgebildete  /2-Kalk  von  ^fi-KnoUenkalk  nicht 
überlagert,  sondern  von  solchem  unterlagert.  Man  sieht  dies  ganz 
deutlich  auf  der  Ostseite  des  Hügels,  und  zwar  besser  vom  rechten 
als  vom  linken  Moldauufer  aus,  da  durch  den  Damm  der  böhmischen 
Westbahn  der  tiefste  Teil  des  Felsens  verdeckt  wird.  Vom  Bahndamm, 
wo  man  für  eine  gute  bildmäßige  Darstellung  dem  Vorkommen  zu 
nahe  ist,  erhält  man  die  in  Taf.  VHI  (8),  Abb.  1  wiedergegebene  An- 
sicht, die  aus  zwei  aneinanderschließenden  photographischen  Aufnahmen 
herges'ellt  ist.  Darin  ist  nur  ein  kleiner  südlicher  Teil  des  viel  aus- 
gedehnteren und  mächtigeren  Vorkommens  von  /2-Kalk  sichtbar.  Der- 
selbe ist  stark  zerrüttet,  Schichtung  ist  nicht  sicher  erkennbar.  (Die 
dünnen  dunklen  Linien,  die  auf  den  hellen  Felsen  erscheinen  und 
Streifung  vortäuschen,  rühren  von  Telegraphendrähten  her.)  Die  sehr 
unregelmäßige  Auflagerung  auf  dem  dünngebankten,  in  kleine  Falten 
gelegten  ^^-Kalk  ist  gut  zu  sehen.  Der  letztere  zeigt  sehr  wechselnde 
Lagerungsverhältnisse  von  streckenweise  rein  horizontaler  Lage  bis 
zu  streckenweise  rein  vertikaler  Stellung,  bei  der  W — 0- Streichen 
herrscht.  An  der  Grenze  der  beiden  Gesteine  verläuft  eine  Reihe 
seichter  Höhlungen,  die  von  der  Auswitterung  des  durch  die  Gebirgs- 
bewegung  entlang  der  Ueberschiebungsfläche  zertrümmerten  Gesteins 
herrühren  dürften.  Von  der  Auflagerungsfläche  greifen  mehrere  kurze, 
steiler  und  flacher  gegen  NO  geneigte  Brüche  in  den  hangenden  /g- 
Kalk  ein,  durch  die  das  ganze  Gesteinsvorkommen  in  kleine  Schuppen 
zerteilt  wird.  In  entsprechender  Weise  scheint  sich  die  Schubfläche  in 
mehrere  Bewegungsflächen  zu  teilen.  Weiter  nördlich  (außerhalb  der 
im  Bilde  dargestellten  Felsen)  durchsetzen  noch  mehrere  Brüche  den 
hier  allein  sichtbaren  /2-Kalk.  Man  könnte  glauben,  daß  der  /g-Kalk 
entlang  den  erwähnten  Brüchen  aus  nordöstlicher  oder  ostnordöstlicher 
Richtung  auf  den  ^^-Kalk  geschoben  ist.  Allein  dieser  zeigt  gerade  bei 
steiler  Schichtenstellung  an  der  Grenze  gegen  den  überlagernden 
/2-Kalk  Schleppungserscheinungen,  wobei  die  Schichten  sich  in  unge- 
fähr nördlicher  Richtung  umbiegen  und   so  an  die  Auflagerungsfläche 


«)  Jahrb.  d.  k.  k.  geol.  R.-A.  1913,  Bd.  63,  S.  770  und  772. 


44  F-  Wähner.  [44] 

anschmiegen ;    dadurch    wird    es    wahrscheinlich ,    daß    der    hangende 
/2-Kalk  in  annähernd  nördlicher  Richtung  bewegt  worden  ist. 


Es  dürfte  wenige  Gebiete  von  ähnlicher  Beschaffenheit  geben, 
in  denen  die  Art  der  verschiedenen  Gebirgsbewegungen  verhältnis- 
mäßig so  genau  ermittelt  werden  kann  wie  im  mittelböhmischen 
Faltengebirge.  Es  ist  dies  hauptsächlich  den  zahlreichen  künstlichen 
Aufschlüssen  zu  danken,  in  denen  wir  nicht  nur  die  Lagerungsverhält- 
nisse, sondern  an  vergleichsweise  frischem  Gestein  auch  die  vor- 
handenen Bewegungsspuren  gut  untersuchen  können.  Nach  den  vorher- 
gehenden Erörterungen  sind  wir  wohl  berechtigt,  auch  zur  Erklärung 
der  großen  streichenden  Brüche,  deren  Bewegungsflächen  wir  nicht 
beobachten  können,  auf  deren  Vorhandensein  aber  aus  den  Lagerungs- 
verhältnissen zu  schließen  ist,  wie  in  anderen  ähnlich  gebauten  Ge- 
birgen, Ueberschiebungen,  die  aus  dem  Faltungsvorgang,  bzw.  aus 
dem  lateralen  Schub  hervorgehen,  anzunehmen.  Trotzdem  werden 
wir  —  schon  mit  Rücksicht  auf  die  bisher  geltende  andersartige 
Anschauung  und  mit  Rücksicht  auf  die  allgemeinere  Bedeutung  der 
daraus  abzuleitenden  Ergebnisse  —  gut  tun,  auch  diese  Frage  unter 
sorgfältiger  Beurteilung  zu  behandeln.  Versuchen  wir  dies,  so  zeigt 
sich  sehr  bald,  daß  fortgesetzte  genaueste  Untersuchung  der  ein- 
schlägigen Lagerungsverhältnisse,  Feststellung  aller  Vorkommnisse, 
die  jener  Beurteilung  förderlich  sein  können,  auch  weiterhin  recht 
erwünscht  sind. 

Nur  wenige  Beispiele  sollen  hervorgehoben  werden.  Am  längsten 
und  besten  bekannt  ist  die  oben  wiederholt  erwähnte,  unfern  dem 
Südrande  des  Gebietes  gelegene  Bruchlinie  der  PrzibramerLetten- 
kluft.  (S.  8.)  Besonders  wertvoll  erscheint,  daß  in  diesem  Falle 
durch  den  Bergbau  die  Verwerfungsfläche  selbst  aufgeschlossen  und 
ihrer  Lage  und  Gestalt  nach  festgelegt  ist.  Sie  ist  keine  Ebene, 
sondern  sowohl  im  Streichen  wie  im  Fallen  weilig  gebogen.  Das  Ein- 
fallen erfolgt  steil,  mit  70  <^,  gegen  die  Tiefe  zu  mit  65''  gegen  NW. 
Wenn  man  das  bekannte  Lagerungsverhältnis  trotzdem,  wie  es  ge- 
schehen ist,  mit  einem  Senkungsbruche  erklären  will,  so  muß  man 
annehmen,  daß  der  im  SO  liegende  Gebirgsteil  sich  unter  dem  unge- 
heuren Druck  des  hangenden  Gebirgsteiles  unter  diesen  abwärts 
und  nach  NW  bewegt  hat*^).  Daß  die  Bewegung  wirklich  unter  ge- 
waltigem Druck  vor  sich  gegangen  ist,  ist  aus  der  weitgehenden 
Zertrümmerung  des  anschließenden  Gebirges  zu  erkennen;  dasselbe 
hat  die  großen  Mengen  von  Reibungsbreccie  geliefert,  die  entlang 
der  Verwerfung   bis  zu  einer  Mächtigkeit  von  6  m   angehäuft  ist^^). 

Bei  flüchtigen  Besuchen  des  Bergwerkes  habe  ich  an  der  Letten- 
kluft nur  scharfkantige  flache  Scherben  auflesen  können,  ausgesprochene 
„Quetschlinge",  die  auf  den  größeren  Flächen  spiegelnden  Glanz  zeigen. 
Es  sind  aber  auch  stark  abgerundete  große  und  kleine  Gesteinsstücke 


*^}  Ob  Ueberschiebung  oder  Unterschiebung  —  das  liefe  auf  dasselbe  hinaus; 
wir  können  stets  nur  die  relative  Bewegungsrichtung  feststellen. 

"°)  J.  Schmid,  Montan-geol.  Beschreibung  des  Przibramer  Bergbauterrains. 
Wien  1892,  S.  U. 


[45]        Zur  Beurteilung  des  Baues   des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  45 

in  diesen  Anhäufungen  gefunden  worden,  die  „LettenkluftgeröUe",  wie 
sie  genannt  worden  sind.  Eine  Reihe  von  solchen,  zumeist  recht  großen 
Stücken,  die  in  der  Sammlung  der  Markscheiderei  in  der  Bergdirektion 
in  Przibram  aufbewahrt  werden  und  vom  Sefciner  Gang  an  der  Letten- 
kluft stammen,  habe  ich  durch  das  freundliche  Entgegenkommen  des 
Herrn  Oberbergrates  Steinmetzer  genau  zu  besehen  Gelegenheit 
gehabt.  Einige  von  diesen  aus  Grauwacke  bestehenden  „Gerollen" 
sind  gut  gerundet,  andere  zeigen  andere,  auch  scharfkantige  Formen ; 
sie  sind  mit  Rutschstreifen  bedeckt  und  teilweise  durch  die  Be- 
wegung geglättet. 

Die  älteren  kambrischen  Grauwacken,  die  im  SO  der  Letten- 
kluft liegen,  bilden  eine  Mulde,  deren  nordwestlicher,  an  die  Letten- 
kluft grenzender  Flügel  steiler  aufgerichtet  ist  als  der  südöstliche. 
Posepny  —  auch  nach  seiner  Anschauung  sind  die  im  NW  des  Längs- 
bruches folgenden  vorkambrischen  Schiefer  auf  die  jüngeren  Grau- 
wacken aufgeschoben  —  hält  jene  muldenartige  Biegung,  die  er  als 
„Knickung"  bezeichnet,  wie  aus  seinen  Vergleichen  hervorgeht,  für 
eine  Schleppungserscheinung  ^i).  Es  ist  kein  Widerspruch  gegen  eine 
derartige  Erklärung,  wenn  man  an  der  Auffassung  der  muldenförmigen 
Lagerung  festhält  und  aus  dieser  auf  eine  Faltungsüberschiebung 
schließt.  Der  steil  aufgerichtete  (bzw.  überstürzte)  Flügel  der  Mulde 
entspräche  danach  dem  Mittelschenkel  einer  Falte,  dessen  ehemalige 
Fortsetzung  in  dem  im  NW  der  Lettenkluft,  im  Hangenden  der  über- 
schiebenden vorkambrischen  Schiefer  neuerdings  folgenden  kambrischen 
Grauwacken  zu  finden  wäre;  diese  hinwieder  gehörten  dem  Hangend- 
schenkel derselben  Falte  an,  aus  der  sich  die  Ueberschiebung  ent- 
wickelt hat.  Es  besteht  kein  Zweifel,  daß  sorgältige  planmäßige 
Untersuchung  der  durch  den  tief  und  weit  eingreifenden  Bergbau 
gebotenen  zahlreichen  Aufschlüsse  in  dieser  Frage  reiche  Belehrung 
ergeben  würde. 

In  den  schönen  Kartenskizzen,  die  die  oben  ^^  *o)  angeführten 
neuen  Arbeiten  Kettners  begleiten,  sehen  wir  die  Bruchlinie  der 
Lettenkluft  gleichfalls  als  eine  Ueberschiebung  verzeichnet.  Sie  wird 
hier  von  zahlreichen  Querbrüchen  durchsetzt,  an  der  sie  quer  auf  ihr 
Streichen  verschoben  erscheint.  Weiter  in  SO,  näher  der  Granitgrenze, 
ist  eine  zweite  Ueberschiebung  verzeichnet,  die  ebenfalls  an  der 
Grenze  von  Kambrium  (SO)  und  Algonkium  (NW)  verläuft  und  von 
mehreren  derselben  Querbrüche  in  gleicher  Art  betroffen  erscheint. 
(Ueber  die  Altersbeziehungen  zwischen  den  Querbrüchen  und  den 
Ueberschiebungen  vgl.  oben  S.  38.) 

Sehr  genau  ist  durch  die  Untersuchungen  Kettners  im  Motol- 
tale  bei  Prag  ein  Teil  der  Prager  Bruchlinie  bekannt  geworden. 


^^)  F.  Posepny,  Ueber  Dislocationen  im  Pfibramer  Erzrevier.  (Jahrb.  d.  k.  k. 
geol.  Reichsanst.  XXII,  1872,  S.  229 — 234.)  Noch  viel  deutlicher  als  aus  den  von 
P.  gegebenen  Profilen  erhält  man  den  Eindruck  einer  aus  dem  verquetschten 
Schenkel  einer  Mulde  hervorgehenden  Schleppung  aus  dem  Originaldurchschnitte  J. 
Grimms  (Die  Erzniederlage  bei  Pfibram  in  Böhm.,  Prag  1855,  S.  29,  Fig.  2),  der 
sehr  genau  nach  den  in  der  Grube  beobachteten  Verhältnissen  gezeichnet  zu  sein 
scheint. 


46  P.  Wähner.  [46] 

die  die  beiden  Untersilurzüge  des  nördlichen  Teilgebietes  scheidet  ^^^^ 
Danach  bilden  im  allgemeinen  zwei  im  S  der  Bruchlinie  liegende 
Züge  der  Quarzitstufe  rfg  ^i"  gegen  S  geneigtes  Gewölbe,  in  dessen 
Kern  die  dunklen  Schiefer  d^  y  auftreten.  Der  nördliche  Quarzitzug,  der 
daher  überstürzt  ist,  stößt  bei  der  Pernikafka  unmittelbar  mit  den 
stark  gestörten,  verwirrt  gelagerten  t^^-Schichten  des  nördlichen  selb- 
ständigen Untersilurzuges  zusammen.  Zwischen  den  zuletzt  erwähnten 
Schichtengruppen  (/g  und  d^  würde  nach  dieser  Auffassung  die  Prager 
Bruchlinie  hindurchstreichen.  Hier  hätten  wir  demnach  eine  Falten- 
überschiebung vor  uns,  bei  der  ein  Teil  des  überstürzten  Schenkels 
erhalten  ist,  ein  Seitenstück  zu  den  von  Jahn  und  Seemann  aus 
dem  südlichen  Teile  des  Kalkgebietes  beschriebenen  Vorkommnissen. 
(Vgl.  oben  S.  41  f.)  Die  Gesteine  des  nördlichen  Quarzitzuges,  die  früher 
für  dr,  angesehen  und  daher  als  die  südlichst  gelegene  Stufe  des 
nördlichen  Untersilurzuges  betrachtet  wurden,  zeigen  bei  der  Perni- 
kafka und  weiter  westlich  eigenartige  Ausbildung,  die  mit  jener  der 
typischen  d2-QüSiYz\te  nicht  vollkommen  übereinstimmt;  es  wäre  des- 
halb erwünscht,  größere  Sicherheit  über  das  Alter  dieser  Gesteine  und 
damit  über  die  Anwendbarkeit  der  erwähnten  tektonischen  Erklärung 
zu  erhalten. 

Von  der  für  den  Bau  des  Kalkgebietes  wichtigen  Bruch linie 
von  Koda-Srbsko,  die  Seemann  noch  für  einen  Senkungsbruch 
hielt,  wurde  zuletzt  S.  41  u.  42  gesprochen.  Sie  ist  meines  Erachtens 
ebenfalls  als  Ueberschiebung  aufzufassen.  Vor  einigen  Jahren  konnte 
ich  in  einem  Bauernhofe  des  Dorfes  Srbsko,  der  knapp  am  Fuße  des 
ziemlich  steilen  nordwestlichen  Gehänges  des  hier  ins  Berauntal  ein- 
mündenden Nebentales  liegt,  das  Anstehen  von  durch  die  Gesteins- 
beschaffenheit und  durch  Pflanzenreste  gut  gekennzeichnetem  Ton- 
schiefer der  Stufe  H  feststellen.  Der  tiefste  Teil  des  Gehänges  ist 
hier  augenscheinlich  künstlich  augeschnitten,  dadurch  ist  der  Schiefer, 
der  sonst  auf  weite  Erstreckung  nicht  sichtbar  ist,  entblößt  worden. 
Die  höheren  Teile  desselben  Gehänges  werden  von  den  bereits  im 
NW  der  Bruchlinie  gelegenen  Knollenkalken  g^  gebildet.  Man  kann 
also  mit  derselben  Berechtigung  wie  in  zahllosen  anderen  Fällen 
sagen,  daß  an  dieser  Stelle  die  älteren  Kalke  g^  die  jüngeren  Schiefer 
H  überlagern.  Wer  eine  noch  genauere  Feststellung  verlangt,  hätte 
hier  gute  Gelegenheit,  durch  eine  verhältnismäßig  seichte  Bohrung 
nachzuweisen,  ob  die  beiden  Schichtengruppen  auch  in  vertikaler 
Richtung  übereinander  liegen.  Eine  derartige  Probe  scheint  auf 
Grund  folgender  Erwägung  überflüssig  zu  sein. 

Das  Längstal  von  Srbsko  besitzt  hier  nahe  seinem  Ausgange 
ins  Berauntal  eine  ziemlich  breite  Sohle.  Das  Tal  ist  durch  Seiten- 
erosion und  Abtragung  im  Laufe  der  Zeit  erweitert  worden,  das 
jetzige  nordwestliche  Gehänge  muß  entsprechend  zurückgetreten  sein. 
Die  Kalkfelsen,  die  den  größten  Teil  des  Gehänges  bilden,  sind  auch 
der  mechanischen  Verwitterung  ausgesetzt,  müssen  früher  weiter  gegen 

^')  R.  Kettner,  Ueb.  d.  neue  Vork.  der  untersil.  Bryozoen  ...  in  der 
Ziegelei  Pernikafka  bei  Kosife  (Resum^  des  böhm.  Textes).  Bull,  intern,  de  l'Ac. 
des  Sc.  de  Boheme  1913.  Ferner  der  o,  angef.  Exkursionsführer  ^*)  mit  Karte  und 
zahlr.    Querschn. 


[47]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  47 

die  Mitte  des  Tales  zu  angestanden  sein  und  daher  das  jetzt  sicht- 
bare Vorkommen  von  J^-Schiefern  auch  im  strengsten  Wortsinne 
überlagert  haben.  Es  dürfte  wichtiger  sein,  die  hier  wahrgenommene 
Art  der  Ueberlagerung  auch  an  anderen  Punkten  der  Bruchlinie 
nachzuweisen  und  entsprechende  Beobachtungen  an  anderen  Längs- 
brüchen des  mittelböhmischen  Faltengebirges  zu  gewinnen.  — 

Auf  einen  Längsbruch  wäre  bei  dieser  Gelegenheit  neuerdings 
die  Aufmerksamkeit  zu  lenken,  den  Krejci  zuerst  (Erläuterungen, 
S.  89)  —  wohl  mit  Rücksicht  auf  den  Umstand,  daß  er  im  Streichen 
nicht  weiter  zu  verfolgen  ist  —  für  eine  unbedeutende  Spalte  er- 
klärte, während  er  ihn  später  (Uebersicht,  S.  97)  vermutungsweise 
mit  der  Bruchlinie  von  Koda  in  Verbindung  brachte.  Bei  Branik 
am  rechten  Moldauufer,  südlich  von  Prag,  fallen  die  devonischen  g-^- 
Knollenkalke  des  „Südflügels"  regelrecht  nach  NW,  sind  aber  hier 
nicht,  wie  in  der  Gegend  von  Hluboczep  westlich  der  Moldau  von 
jüngeren  Gesteinen  überlagert,  sondern  in  ihrem  Hangenden  treten 
die  untersilurischen  Schiefer  d^  auf,  die  hier  mitten  im  Kalkgebiet 
zum  Vorschein  kommen.  Freilich  befinden  wir  uns  da  nahe  dem 
nordöstlichen  Ende  des  Auftretens  der  obersilurisch-devonischen  Kalke, 
in  deren  Fortsetzung,  wenn  wir  von  dem  weitentfernten  Eisengebirge 
absehen,  nur  untersilurische  Gesteine  bekannt  sind.  Der  Braniker 
Bruch  entspricht  sogar  einer  sehr  ansehnlichen  Sprunghöhe,  die  sich 
stratigraphisch  annähernd  durch  die  Mächtigkeit  der  untersilurischen 
Stufe  (^5,  der  obersilurischen  Stufen  ^i,  e2,fi  und  der  devonischen  Stufe /a 
ausdrücken  läßt.  Sieht  man  ihn  als  einen  Senkungsbruch  an,  so  erscheint 
auch  hier  das  (im  SO  gelegene)   äußere  Gebirgsstück  (g^)  gesenkt. 

Die  Grenze  zwischen  g^  und  d^  ist,  wie  zu  erwarten,  nicht 
aufgeschlossen.  Die  eigentlichen,  stärker  emporragenden  Braniker 
Felsen,  die  aus  hellgrauen  Knollenkalken  bestehen,  werden  seit  langem 
in  einem  großen  Steinbruche  abgebaut.  Sie  sind  von  mancherlei  Brüchen 
durchsetzt,  u.  a.  von  Querbrüchen  mit  schichtenparallelen  Rutsch- 
streifen. Vor  einigen  Jahren  hat  man  begonnen,  auch  die  im  Hangenden 
der  hellgrauen  auftretenden  dunkelgrauen  (bis  schwarzen)  Knollenkalke, 
die  derselben  Stufe  ^^  angehören  und  im  N  des  großen  Steinbruches 
ein  zu  den  weichen  Formen  der  untersilurischen  Schiefer  hinüber- 
führendes niedriges  Gehänge  bilden,  zu  entfernen.  Diese  Arbeiten 
verdienen  fortgesetzte  Beachtung  von  geologischer  Seite,  da  es 
möglich  ist,  daß  in  ihrem  Verlaufe  die  Grenze  g^ — d^  und  damit  auch 
der  hier  durchstreichende  Bruch  bloßgelegt  wird.  Bisher  hat  sich 
gezeigt,  daß  mit  der  Annäherung  an  jene  Grenze  die  dunklen  Kalke 
stärkere  Störungen  annehmen.  Wo  Schichtflächen  entblößt  werden, 
sieht  man  sie  in  Rutschflächen  verwandelt,  die  häufig  spiegelnden 
Glanz  aufweisen.  Im  Querbruche  der  Bänke  erkennt  man  zahlreiche 
weiße  Kalkspatadern  in  dem  dunklen  Gestein,  die  sich,  wo  sie  in 
besonders  großer  Menge  auftreten,  zu  die  Bänke  verquerenden  Zonen 
anordnen;  eine  Zerknitterung,  die  nicht  zu  einem  einheitlichen 
flächenhaften  Bruche  geführt  hat.  Während  die  hoch  emporragenden 
hellen  Kalkbänke  im  großen  Steinbruche  —  abgesehen  von  der  typi- 
schen knolligen  Beschaffenheit  —  auffallend  ebene  Schichtflächen 
darbieten,    die  nur  im  großen,    aus  südlicher  Richtung  gesehen,    eine 


48  F.  Wähner.  [48] 

einmalige  schwache  Biegung  erkennen  lassen,  sind  die  steiler  aufge- 
richteten hangenden  dunklen  Kalke  unter  viel  kleineren  Verhältnissen 
mehrfach  wellig  gebogen.  Ueberdies  zeigte  sich  in  ihnen  im  Oktober 
1911  eine  größere  Störung,  die  in  Taf.  I  (1),  Abb.  2  wiedergegeben 
ist:  in  ziemlich  dicken  Bänken  eine  Falte,  deren  Muldenbiegung  in 
einen  Bruch  übergeht,  der  sich  nach  unten  in  eine  Schichtfläche  fort- 
setzt. Gegen  N  (nach  links)  schließt  sich  daran  eine  viel  schwächer 
ausgebildete  Falte,  die  mit  einer  ähnlichen  Störung  in  Verbindung 
zu  stehen  scheint  ^3). 

Ob  die  zwischen  g^  und  c?g  verlaufende  Störung,  falls  die  Grenze 
aufgedeckt  werden  sollte,  klar  zu  sehen  sein  wird,  ist  allerdings 
recht  unsicher.  Es  mag  sein,  daß  die  Zerrüttung  immer  größer  wird, 
und  daß  schließlich  die  Grenze  von  einer  Zone  zertrümmerten  Gesteins 
gebildet  wird.  Immerhin  bleibt  das  Vorkommen  beachtenswert.  In 
anderen  Gebieten  würde  der  Bruch  heute  unbedenklich  als  eine 
Ueberschiebung  aufgefaßt  werden,  längs  der  die  ebenfalls  nach  NW 
einfallenden  c/5-Schiefer  auf  die  jüngeren  Knollenkalke  aufgeschoben 
sind.  Es  ist  auffallend,  daß  eine  so  ausgesprochene  Störung  sich  nicht 
nach  SW  über  die  Moldau  fortzusetzen  scheint.  Dennoch  wird  man 
diese  Möglichkeit  im  Auge  behalten  müssen.  In  der  Fortsetzung  der 
Braniker  Knollenkalke  liegen  im  N  des  Barrandefelsens  die  dort  eben- 
falls sehr  gut  aufgeschlossenen  Knollenkalke  gleichen  Alters.  Sie 
werden  von  der  Straße  sehr  schräg  auf  das  Streichen  geschnitten,  so 
daß  dieselbe  manchmal  nahezu  im  Streichen  verläuft.  Dadurch  wird 
für  minder  achtsame  Beobachtung  eine  übergroße  Mächtigkeit  vor- 
getäuscht. Trotzdem  läßt  sich  erkennen,  daß  die  Mächtigkeit  der 
Stufe  g^  links  der  Moldau  weit  größer  ist  als  bei  Branik.  Es  ist  nicht 
ausgeschlossen,  daß  dieser  Umstand  auf  einer  oder  mehreren  Längs- 
störungen beruht,  die  genau  im  Streichen  verlaufen  und  darum  nicht 
hervortreten.  Nur  eine  sehr  genaue  Kenntnis  der  Gliederung  der  g^- 
Kalke,  die,  wie  ich  einer  freundlichen  Mitteilung  Herrn  Dr.  Kettners 
entnehme,  in  die  Wege  geleitet  ist,  und  eine  ebenso  eingehende 
Untersuchung  könnte  Aufschluß  geben,  ob  wir  es  links  der  Moldau 
mit  einer  ursprünglichen,  einheitlichen  Schichtenfolge  der  Stufe  g^ 
zu  tun  haben. 

5.  Kolonien. 

Die  an  diese  Bezeichnung  anknüpfende,  wiederholt  eingehend 
erörterte  Frage  soll  hier  nur  insoweit  berührt  werden,  als  es  zur 
Besprechung  der  Art  der  Lagerungsstörungen,  auf  die  die  weitaus 
überwiegende  Zahl  der  Kolonien  zurückzuführen  ist,  nötig  erscheint. 
Es  handelt  sich  hierbei  um  die  Einschaltung  ganzer  Züge  von  ober- 
silurischen   Graptolithenschiefern  {e-^  a)  in  die  jüngste   Stufe  (d^)   des 


^^)  Mit  dem  Fortschreiten  des  Abbaues  verschwanden  diese  Störungen  wieder, 
es  stellten  sich  aber  in  späteren  Jahren  undeutliche  Anklänge  an  die  beobachteten 
Kleinfaltungen  und  Verschiebungeu  ein.  Manche  Veränderungen  dürfte  ich  nicht 
gesehen  haben.  Es  ist  wohl  nicht  überflüssig,  eine  der  Beobachtungen  durch  die  hier 
gebene  Abbildung  festzuhalten.  Das  Vorkommen  schließt  sich  zugleich  den  vielen  Hin- 
weisen darauf  an,  daß  eine  scheinbar  einheitliche,  gleichsinnig  geneigte  Schichten- 
folge in  Wirkliohkeit  verwickelter  gebaut  sein  kann. 


[49]        Zur  Beurteilung   des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  49 

Untersilurs.  Seitdem  Marr"^'')  und  TuUberg^*'')  nachgewiesen 
haben,  daß  in  diesen  Zügen  dieselben  Graptolithenzonen  in  derselben 
Reihenfolge  auftreten  wie  in  den  stratigraphisch  regelrecht  die  unterste 
Abteilung  des  Obersilurs  bildenden  Graptolithenschiefern,  ist  für  die 
erwähnten  Vorkommnisse  die  Anwendung  der  Barrande'schen  Er- 
klärung ausgeschlossen. 

Daß  diese  „Kolonien"  den  untersilurischen  Gesteinszügen  wirklich 
zwischengelagert  sind,  geht  schon  aus  der  älteren  Literatur  deutlich 
genug  hervor.  Außer  Barrande  wären  in  dieser  Hinsicht  die  bekannte 
Schrift  Lipoids  5*°)  und  die  Profiltafel  in  Kr  ej  eis  Erläuterungen^) 
(besonders  Fig.  6  für  die  Kolonien  Haidinger  und  Krejci  südlich  von 
Großkuchel  und  Fig.  4  für  die  mehrfachen  Einlagerungen  der  Gegend 
von  Tfeban)  einzusehen.  Diese  Art  der  Lagerung  ist  geradezu  kenn- 
zeichnend für  die  Kolonien  und  war  einer  der  Gründe,  die  Barrande 
zur  Aufstellung  und  Festhaltung  seiner  Hypothese  bewogen.  Es  können 
daher  keine  „grabenartigen  Versenkungen"  vorliegen,  wie  Katzer 
und  mit  ihm  unsere  jetzigen  Lehrbücher  wollen. 

Lipoid  hat  mit  Recht  die  Diskordanzen  hervorgehoben,  die 
zwischen  den  Graptolithenschiefern  der  Kolonien  und  den  sie  über- 
lagernden «ig-Schichten  zu  beobachten  sind,  und  sich  hierauf  zur  Be- 
gründung der  von  Krejci  und  ihm  damals  vertretenen  Anschauung 
berufen.  Diese  Abweichungen  von  der  gleichsinnigen  Lagerung  sind 
nicht  groß,  und  heute  wird  man,  da  es  sich  darum  handelt,  die  Art 
der  Lagerungsstörungen  zu  erkennen,  davon  sprechen  können  und 
darin  keinen  Widerspruch  gegen  jene  Beobachtungen  und  Erwägungen 
erblicken  dürfen,  daß  die  Lagerung  im  großen  und  ganzen  konkordant 
ist.  Die  unmittelbare  Auflagerung  von  ß^  auf  (4  ist  an  den  Kolonien 
nicht  selten  zu  beobachten ;  es  kann  sich  hierbei  um  ursprüngliche 
Auflagerung  handeln.  Auch  die  Ueberlagerung  von  e^  durch  d^  ist 
wiederholt  wahrzunehmen.  Eine  leicht  erreichbare  Kolonie,  die  meines 
Wissens  in  der  älteren  Literatur  nicht  erwähnt  wird  —  vermutlich 
ist  der  Aufschluß  verhältnismäßig  neu  — ,  liegt  an  dem  Gehänge,  das 
hinter  dem  Bahnhof  von  Kuchelbad  angeschnitten  ist.  Hier  sind  un- 
mittelbar über  einem  Zug  von  Graptolithenschiefern,  in  dem  wohl- 
erhaltene Graptolitlien  in  Menge  zu  sammeln  sind,  die  c^g-Schichten 
mit  ungefähr  gleichem  Einfallen  zu  sehen. 

Die  Schichten  verquerende  Verwerfungen,  Senkungsbrüche,  die 
solche  Lagerungsverhältnisse  hervorrufen  würden,  sind  nicht  beobachtet. 
Vermutlich  fallen  die  Störungsflächen  mit  Schichtflächen  zusammen 
oder  weichen  von  ihnen  nur  wenig  ab,  so  daß  sie  schwer  festgestellt 
werden  können.  Wir  haben  die  Wahl,  eine  Kolonie  auf  regelmäßige 
Einfaltung  oder  auf  eine  Faltenüberschiebung  zurückzuführen.  Läßt  sich 
in  einer  Einlagerung  eine  Folge  von  Graptolithenzonen  erkennen,  so 
gibt  uns  dies   einen   guten  Anhaltspunkt.    Erkennen  wir   darin    einen 


^■^^)  Marr,  On  the  predevonian  rocks  of  Bobemia.  (Quart,  journ.  Geol.  Soc. 
London,  XXXVI,  1880.) 

■'^^)  Tullberg,    Ueb.    d.  Schichtenfolge  d.  Silurs  in   Schonen,   nebst   einem 
Vergl.  m.  anderen  gleichalt.  Bildungen.  (Z.  D.  geol.  Ges.  XXXV,  1883,  S.  223-269.) 

^^')  Lipoid,   Ueb.  Barrande's  ,Colonien".   (Jahrb.  d.  k.  k.  geol.    Reichs- 
anst.  XII,  1861  u.  1862,  S.  1  —  66,  2  Tat.  Karten  u.  Querschnitte.) 

Jahrbuch  d.  k   k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  1.  Heft.  (F.  Wähner.)  7 


50  F.  Wähner.  [50] 

symmetrischen  Bau  mit  einer  jüngeren  Zone  im  Innern,  so  liegt  eine 
isoklinale  Mulde  vor.  Finden  wir  im  Liegenden  von  d^  nur  eine  ein- 
malige obersilurische  Schichtenfolge,  so  muß  das  Untersilur  üb®r- 
schoben  sein. 

Die  von  Marr  erkannte  Zonenfolge,  die  diesen  bereits  zum 
Nachweise  tektonischer  Störungen  an  einigen  Kolonien  geführt  hatte, 
hat  kürzlich  in  vereinfachter  Form  E.  Nowak  benützt  und  durch 
seine  Untersuchungen  an  der  Grenze  von  Unter-  und  Obersilur  in 
der  Gegend  von  Trzeban  an  der  Beraun  isoklinalen  Faltenbau  und 
daraus  hervorgehende  Ueberschiebungen  nachgewiesen,  durch  die 
im  wesentlichen  die  Anschauungen  Lipoids  über  die  tektonische 
Natur  der  Kolonien  dieses  Gebietes  bestätigt  werden  ^°).  Gleich- 
zeitig und  unabhängig  hiervon  hat  J.  Wo  Idfich  einen  Teil  des- 
selben Gebietes  untersucht  und  ist  erfreulicherweise  zu  wesentlich 
übereinstimmenden  und  weiteren  wichtigen  Ergebnissen  gelangt  ^'^). 
Ein  recht  anschauliches  Bild  des  durch  Faltung  und  Bruch  bewirkten 
vielfältigen  Ineinandergreifens  von  d^  und  e^  gibt  der  von  Woldiich 
entworfene  (nach  unten  und  oben  ergänzte)  Querschnitt  (a.  a.  0., 
S.  18,  Fig.  4).  Man  wird  solcher  Darstellung  um  so  lieber  folgen, 
wenn  man  die  ähnlichen,  noch  verwickeiteren  Lagerungsstörungen 
betrachtet,  die  in  jeder  der  beiden  Schichtengruppen  für  sich  an  der 
böhmischen  Westbahn  aufgeschlossen  (daselbst  S.  6,  Fig.  1  für  d^ 
und  bes.  S.  11,  Fig.  2  für  q)  und  in  den  erwähnten  Querschnitt  mit 
aufgenommen  sind. 

Wenn  wir  die  kolonialen  Einlagerungen  teils  auf  Einfaltungen 
von  ^1  in  f/g,  teils  auf  Faltungsüberschiebungen  der  f/5-Schichten  über 
ßi  zurückführen,  —  es  scheint,  daß  dort,  wo  die  Kolonien  nicht  so 
gehäuft  auftreten  wie  in  der  eben  erwähnten  Gegend,  Ueberschiebungen 
eine  besonders  häufige  Ursache  dieser  Lagerungsstörungen  sind,  — 
so  steht  dieses  Urteil  in  guter  Uebereinstimmung  mit  der  Anschauung, 
zu  der  wir  über  die  Natur  der  Längsbrüche  des  mittelböhmischen 
Faltengebirges  gelangt  sind ;  ja,  mehr  als  dies :  sofern  durch  exakte 
Untersuchungen,  wie  die  berührten,  die  Art  der  Störungen  festgestellt 
werden  kann,  bilden  diese  Ergebnisse  eine  Bekräftigung  jener 
Anschauung.  Die  guten  Aufschlüsse,  durch  welche  wir  die  Kolonien 
kennen  gelernt  haben,  bieten  eben  die  Möglichkeit,  die  Ueberlagerung 
jüngerer  Gesteine  durch  ältere  zu  sehen,  eine  Möglichkeit,  die  bei  den 
auf  weit  größere  Entfernungen  verfolgten  streichenden  Brüchen  in 
der  Regel  nicht  geboten  ist. 

Daß  an  der  stratigraphischen  Grenze  von  Unter-  und  Obersilur 
in  so  vielen  Fällen  ein  tektonisches  Ineinandergreifen  der  beiden 
Schichtengruppen  stattfindet,  daß  kräftige  Lageruugsstörungen  hier  eine 
gewöhnliche  Erscheinung  sind,  beruht  wohl  auf  dem  weitgehenden 
Unterschied  in  der" Gesteinsbeschaffenheit  und  in  der  Art  der  Schichten- 
bildung der  Gesamtheit  des  („sandig-tonigen")  Untersilurs  einerseits 
und  der  Gesamtheit  der  (vorwiegend  kalkigen)  obersilurisch-devonischen 


^^)  E.  Nowak,  Geol.  UnterauchuDgen  im  Südflügel  des  raittelböhm.  Silur 
(Jahrb.  d.  k.  k.  geol.  R.-A.  1914,  bes.  S.  242—252);  ferner  der  schon  erwähnte 
Literaturbericht  *'). 


[51]        Zur  Beurteilung  des   Baues  des  mittelböhraischen  Faltengebirges.  51 

Stufen  anderseits.  Dazu  kommt  das  Vorhandensein  der  weichen 
Schiefer,  welche  die  jüngste  Schichtengruppe  des  Untersilurs  bilden, 
und  die  dünnblätterige  Beschaffenheit  der  meist  ziemlich  mächtigen, 
an  der  Basis  des  Obersilurs  auftretenden  Graptolithenschiefer,  zwei 
Umstände,  die  dazu  beigetragen  haben  mögen,  daß  es  an  dieser 
stratigraphischen  Grenze  verhältnismäßig  leicht  zur  Ablösung  der 
genannten  beiden  umfangreichen  Schichtenreihen  von  einander  und 
zur  Entstehung  von  —  wenigstens  streckenweise  —  an  die  Schicht- 
flächen sich  haltenden  Längsstörungen  kommen  konnte.  (Vgl.  oben  S.  25 
und  Fußnote  ^6.) 

6.  Diabas-Lagergänge. 

Es  wäre  verlockend,  die  Beziehungen  zwischen  den  tektonischen 
Vorgängen  und  den  mannigfaltigen  Erstarrungsgesteinen  zu  erörtern, 
die  in  den  älteren  paläozoischen  und  den  vorkambrischen  Ablagerungen 
Mittelböhmens  auftreten.  Nicht  wenigen  von  diesen  Vorkommnissen 
sind  bereits  eingehende  Untersuchungen  und  Beschreibungen  gewidmet 
worden.  Wenn  gegenüber  der  Gesamtheit  der  auftauchenden  Fragen 
noch  Zurückhaltung  geboten  ist,  so  können  wir  doch  an  einer  derselben 
nicht  stillschweigend  vorübergehen :  an  der  Frage  der  Beziehungen 
zu  den  zahlreichen  Diabasergüssen  des  Faltengebirges. 

Es  sind  hauptsächlich  zwei  Schichtengruppen  durch  das  häufige 
Auftreten  dieser  Eruptivgesteine  ausgezeichnet:  die  älteste  Stufe  d^ 
des  Untersilurs  und  die  älteste  Stufe  e^  des  Obersilurs.  In  d-^  ist  es 
die  Unterabteilung  d-^^ß,  die  manchmal  vorwiegend  aus  Diabasen  zu- 
sammengesetzt ist.  Sehr  bekannt  ist  das  Auftreten  der  Diabase  im  e^, 
wo  sie  mit  den  Graptolithenschiefern  (e^  a)  auf  das  engste  vergesell- 
schaftet sind,  so  daß  sie  für  die  Stufe  e-^  als  kennzeichnend  angesehen 
wurden.  Da  sie  überaus  häufig  lagerartig  den  Sedimenten  eingeschaltet 
sind,  wurden  sie  wie  diese  von  den  älteren  Geologen  zn  dem  ur- 
sprünglichen und  wesentlichen  Bestände  der  Stufe  e-^  gerechnet,  und 
derselbe  Vorgang  wurde  auch  in  bezug  auf  die  kolonialen  Einlagerungen 
von  Diabasen  eingehalten,  da  diese  fast  stets  mit  den  Graptolithen- 
schiefern in  f?5  erscheinen.  Das  war  insofern  berechtigt,  als  neben 
den  lagerartigen  Ergußgesteinen  manchmal  auch  ihre  Tuffe  in  den 
genannten  Schichtengruppen  auftreten.  In  d^  ß  spielen  Diabastuffe 
sogar  eine  noch  größere  Rolle  als  die  Diabase.  Auch  organische  Reste 
finden  sich  in  den  Tuffen  nicht  selten,  so  daß  über  das  Alter  der 
zugehörigen  Ströme  oder  Decken  kein  Zweifel  bestehen  kann^^). 

Seitdem  man  begonnen  hat,  die  Kontakterscheinungen  zu  beachten, 
sind  zahlreiche  derartige  Vorkommnisse  an  der  Grenze  der  Graptolithen- 
schiefer gegen  die  Diabase  in  Mittelböhmen  festgestellt  worden.  Wo 
es  nicht  zur  Ausbildung  besonderer  Kontaktgesteine  kam,  erscheinen 
die  Graptolithenschiefer  durch  die  Diabase  wenigstens  gehärtet  und 
sie   verlieren   dabei   zugleich    ihre  dünnblättrige   Beschaffenheit,  bzw. 


^^)  Diabastuffe  treten  auch  in  e^  auf,  dazu  andere  Sedimente,  die  zum  Teil 
aus  eruptiven,  zum  Teil  aus  organogenen  kalkigen  Bestandteilen  und  wohlerhaltenen 
Versteinerungen  bestehen    und  daher  zwischen  Kalksteinen  und  Tuflfen  vermitteln. 


52  F.   Wähner.  [52] 

ihre  Spaltbarkeit.  So  stellt  sich  immer  deutlicher  heraus,  daß  die 
Mehrzahl  jener  lagerartigen  Einschaltungen  Lagergänge  dar- 
stellen, wie  denn  auch  Quergänge  und  stockförmige  Körper  von 
Diabas,  die  die  Ablagerungen  durchbrechen,  lange  bekannt  sind.  Dabei 
fehlen  Ströme,  Decken  von  Diabas  in  e^  keineswegs  ^''''^).  Anderseits 
sind  auch  aus  jüngeren  Schichten  bis  in  die  devonische  Stufe  ^2 
Ergüsse  von  Diabas  bekannt^' ^).  Seemann  erwähnt  den  im  SO  des 
Berges  Damil  gelegenen  Diabasschlot,  der  die  Stufe  f^  durchbrochen 
und  mächtige  Tuffe  gefördert  hat,  die  oft  große  Stücke  von  /g-Kalk 
enthalten.  Daß  viele  in  e^  vorkommende  Diabasergüsse  jünger  sind 
als  die  Graptolithenschiefer,  geht  auch  daraus  hervor,  daß  sie  oft 
zahlreiche  gehärtete  Stücke  und  kleine  Schichtenpakete  dieser  Ge- 
steine enthalten  ^^). 

Das  häufige  Auftreten  von  Diabaslagergängen  erstreckt  sich  auch 
auf  den  oberen  Teil  der  Stufe  d^,  deren  Sandsteinbänke  sie  im 
Kontakt  verändert  haben  (Nowak  55),  W  oldf  ich^'^).  Die  Diabas- 
lagergänge kennzeichnen  daher  die  sehr  bewegliche  Gesteinszone,  die 
zu  beiden  Seiten  der  stratigraphischen  Grenze  zwischen  Unter-  und 
Obersilur  verläuft.  Damit  hängt  ihr  Vorkommen  in  den  Kolonien 
zusammen,  die,  wie  erwähnt,  fast  stets  von  Diabaslagergängen  be- 
gleitet sind. 

Das  genaue  Alter  dieser  Lagergänge  läßt  sich  kaum  mit  Sicher- 
heit ermitteln.  Es  mag  sein,  daß  ihnen  ebenfalls  verschiedenes  Alter 
zukommt.  Wenn  wir  aber  berücksichtigen,  daß  ihr  häufiges  Vorkommen 
sich  an  die  große  Schichtenablösungsfläche  zwischen  Unter-  und 
Obersilur  und  an  die  von  ihr  abhängigen  Längsbrüche  hält,  auf  die 
auch  die  Kolonien  zurückzuführen  sind,  so  dürfte  die  Vermutung 
nicht  leichthin  abzuweisen  sein,  daß  dies  auf  einer  ursächlichen  Ver- 
knüpfung beruht.  Hat  noch  Krejci  (und  nach  ihm  K  atz  er)  in  den 
Diabaseruptionen  die  Ursache  der  Lageruugsstörungen  (mit  Einschluß 
der  Faltung)  vorausgesetzt,  so  können  wir  in  den  aus  der  Faltung 
hervorgehenden  größeren  Störungen  die  Ursache  des  Auftretens  der 
Diabaslagergänge  erblicken.  Die  nahe  der  Unter-Obersilurgrenze  ver- 
laufenden Längsbrüche  brauchen  deshalb  nicht  bis  in  bedeutende 
Tiefen  zu  reichen,  aber  sie  müssen  nach  dieser  Vorstellung  mit  tief- 
gehenden Störungen  in  Verbindung  stehen. 

Die  ganze  silurisch-devonische  Schichtenfolge  ist  in  einem  ein- 
heitlichen marinen  Ablagerungsgebiete  59)  entstanden,  das  eine  weitaus 

^'■"j  Nach  Seemann^*)  kommen  solche  in  dem  von  ihm  aufgenommenen 
Gebiete  sogar  häufiger  vor  als  Lagergänge.  In  anderen  Teilen  des  Faltengebirges 
dürfte  das  umgekehrte  Verhältnis  obwalten.  N  0  w  a  k  ^^)  und  W  0 1  d  f  i  c  h  ^')  erklären 
die  weitaus  meisten  Diabaslager  der  Kolonien  der  Gegend  von  Trzeban  für  intrusiv. 

"")  Krejöi,  Erläuterungen  i),  S.  65—66;  Uebersicht^),  S.  74. 

^^)  Ein  von  Prag  leicht  erreichbarer  Punkt,  an  dem  dies  zu  sehen,  liegt  in 
einem  nördlichen  (von  Butowitz  her  kommenden)  Seitentale  des  Prokopitales  an  dem 
nach  S  gegen  das  Dörfchen  Neudorf  (Nova  ves)  der  Sp.-K.  abfallenden  steilen 
Diabasgehäuge. 

^^)  Den  unzweckmäßigen  Ausdruck  Geosy  nklinale,  der  im  ursprünglichen 
Dana  sehen  Sinne  nicht  tektonisch  zu  verstehen  ist,  aus  dessen  Wortsinn  jedoch 
tektonische  Vorstellungen  hervorgegangen  sind,  wird  man  in  diesem  Falle  um  so 
sorgfältiger  zu  vermeiden  haben,  als  die  ganz  unzulässige  Beziehung  zur  „Silur- 
mulde" allzu  nahe  liegt. 


[53]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  53 

größere  Ausdehnung  besessen  hat,  als  der  von  der  Abtragung  noch 
verschonte  Rest  des  alten  Faltengebirges.  Wir  erkennen  einen  strati- 
graphischen  Zyklus,  der  absteigend  von  den  Flachseebildungen  des 
Untersilurs  bis  zu  den  devonischen  Radiolariengesteinen  der  Grenz- 
zone g^ — H  reicht.  Von  dem  aufsteigenden  Aste  des  Zyklus  sind  nur 
die  Tonschiefer  H  erhalten,  deren  Zusammensetzung  bereits  auf 
Festlandsnähe  hinweist  ^°).  Die  Faltung  dürfte  sehr  bald  eine  weit- 
gehende Ablösung  der  gesamten  jüngeren  Schichtenreihe  vom  Unter- 
silur bewirkt  haben.  (Vgl.  oben  S.  50  f.)  So  konnte  es  geschehen,  daß,  als 
an  viel  tiefer  greifenden,  das  Untersilur  und  dessen  Unterlage  durch- 
setzenden Brüchen  Eruptivgesteine  empordrangen,  diese  auch  in  den 
Raum  jener  Ablösungsfläche  sich  verbreiteten,  hier  vielleicht  in  größerer 
Menge  (als  Lakkolithen)  sich  anhäuften  und  auch  in  die  an  jener 
stratigraphischen  Grenze  entstehenden  Brüche  eindrangen. 

Die  Zeit  des  Eindringens  in  jene  Längsbruchspalten  würde  sich 
danach  ein  wenig  genauer  durch  die  Zeit  des  Faltungsvorganges  be- 
stimmen lassen,  für  den  wir  den  Zeitraum  Oberdevon-Unterkarbon 
zur  Verfügung  haben.  Die  mit  den  Pflanzenresten  von  h^  zusammen 
vorkommenden  marinen  Tierreste  weisen  auf  unteres  Mitteldevon  hin^^). 
Es  könnte  sein,  daß  in  den  höheren  Teilen  von  H,  die  bisher  keine 
organischen  Reste  geliefert  haben,  neben  Ablagerungen  des  oberen 
Mitteldevon  noch  oberdevonische  Bildungen  enthalten  sind.  Auch  wäre 
es  möglich,  daß  im  mittelböhmischen  Ablagerungsgebiete  in  ober- 
devonischer Zeit  noch  Absätze  entstanden  sind,  die  als  jüngste 
Bildungen  schon  während  des  Faltungsvorganges,  beim  ersten  Auf- 
steigen aus  dem  Meere  der  Brandung  oder  früher  subaerischer  Ab- 
tragung zum  Opfer  gefallen  sind.  Es  ist  anderseits  zu  bedenken,  daß 
die  Faltung  schon  längere  Zeit  vor  Abschluß  der  Sedimentbildung 
begonnen  haben  kann.  Jedenfalls  sehen  wir  in  dieser  Frage  zu  un- 
sicher, um  die  Zeit  der  Faltung  mit  größerer  Genauigkeit  festzulegen. 

Der  im  Vorstehenden  entwickelten  Vorstellung  steht  eine  andere 
Anschauung  gegenüber,  zu  der  sich  jedoch  eine  Vermittlung  gewinnen 
lassen  dürfte :  Die  Diabaslager  sind  in  die  noch  horizontal  liegenden 
Graptolithenschiefer  eingedrungen  und  mit  diesen  der  Faltung  und  Bruch- 
bildung unterworfen  worden.  Diese  Anschauung  wird  neuerlich  von 
J.  W  oidf  ich  (S.  21 37)  vertreten,  der  in  den  Diabasen  „vielfach  die  in- 
direkte Hauptursache  der  tektonischen  Bildungsweise  der  Kolonien"  sieht. 
„  Die  mächtigeren  Diabaskörper  lagen  wie  feste,  harte  Platten  zwischen 
den  weichen  Schiefern  e^  und  leisteten  der  Faltung  oft  bedeuten- 
deren Widerstand  als  letztere,  so  daß  es  in  ihrer  Nähe  zu  Faltenzer- 
reißungen, zur  Entstehung  von  Ueberschiebungen  und  Verwerfungen 
kam,  durch  welche  wir  heute  die  sog  Kolonien  erklären."  Hierin  liegt 


^°)  Immerhin  zeigt  der  Erhaltungszustand  der  die  untere  Abteilung  der  Stufe  H 
kennzeichnenden  Landpflanzenreste,  wie  ich  einer  freundlichen  mündlichen  Mit- 
teilung des  Herrn  Prof.  Krasser  entnehme,  daß  dieselben  einen  langen  Transport 
durchgemacht  haben.  Dies  steht  in  Uebereinstimmung  mit  dem  reichlichen  Vor- 
kommeUj  von  Goniatiten  und  gewissen  Bivalven  in  denselben  Schichten,  das  nicht 
für  eine  Flachseeablagerung  spricht.  Erst  das  Auftreten  von  Sandsteinbänken  in  A, 
zeigt  wieder  größere  Landnähe  an. 

^')  Jahn  nach  Holzapfel,   Verb.  d.  k.  k.  geol.  Reichsanst.,    1903,   S.  79. 


54  F.  Wähner.  [54] 

meines  Erachteiis  ein  sehr  gesundes  tektouisches  Urteil,  das  durch 
die  Erfahrung  bestätigt  wird.  Es  steht  in  voller  Uebereinstimmung  mit 
den  oben  niedergelegten  Erörterungen.  Ohne  Zweifel  müssen  mächtige 
lagerartige  Gesteinskörper  von  fester  und  harter  Beschaffenheit  sich 
dem  Seitenschub  gegenüber  anders  verhalten  als  die  dünnblättrigen 
Graptolithenschiefer,  die  der  Kleinfaltung  sehr  zugänglich  sind,  wogegen 
jene  mehr  geneigt  sein  werden,  sich  entlang  von  Brüchen  zu  verschieben. 

Daß  es  Diabaslagergänge  gibt,  die  mit  den  Graptolithenschiefern, 
in  die  sie  eindrangen,  gefaltet  worden  sind,  zeigen  Woldfichs  Be- 
obachtungen (S.  11,  12,  Fig.  2,  3).  An  einer  Stelle  bilden  im  Hangenden 
und  Liegenden  des  kräftig  gefalteten  Diabaslagerganges  die  Graptolithen- 
schiefer weit  steilere  Falten  als  der  Gang.  Danach  mögen  manche 
Lagergänge  frühzeitig,  vor  oder  bald  nach  Beginn  des  Faltungs- 
vorganges in  die  Graptolithenschiefer  eingedrungen  sein. 

Im  allgemeinen  finden  wir  jedoch  in  den  Kolonien  kein 
solches  verschiedenes  tektouisches  Verhalten  der  beiden  Gesteine, 
wie  es  uns  sonst  bei  verschieden  ausgebildeten  Sedimentgesteinen 
häufig  entgegentritt.  (Vgl.  oben  S.  21  ff.)  Die  Arbeit  W  o  Idf  ichs  bringt 
uns  hierfür  ebenfalls  gute  Beispiele.  Sein  Profil  Fig.  2  auf  S.  11 
gibt  außer  den  heftigen  Faltungen  —  weiter  in  NW  bei  ruhiger 
Lagerung  „kleinere  Ueberschiebungen"  wieder,  „welche  hauptsächlich 
an  die  Nähe  von  Diabaslagergängen  gebunden  zu  sein  scheinen."  Die 
beiden  am  weitesten  gegen  SO  gelegenen  Ueberschiebungen,  bei  denen 
unmittelbar  an  der  Ueberschiebung  und  parallel  zu  ihr  ein  Lagergang 
auftritt,  dem  jeweils  Graptolithenschiefer  konkordant  aufgelagert  sind, 
scheinen  mir   die  Regel  darzustellen. 

Man  müßte  sonach  annehmen,  daß  die  ganze  Vergesellschaftung 
der  beiden  Gesteine,  wie  sie  in  den  Kolonien  vorliegt,  den  Gebirgs- 
bewegungen  gegenüber  sich  anders  verhalten  hat  als  die  sonstigen 
Ablagerungen.  Vielleicht  kommen  wir  der  Wahrheit  am  nächsten, 
wenn  wir  uns  vorstellen,  daß,  wie  teilweise  die  Tatsachen  lehren, 
Eruptionen  von  Diabas  wiederholt:  vor,  zu  Beginn  und  während  des 
Verlaufes  der  Gebirgsbildung  sich  ereigneten,  daß  aber  ihr  Eindringen 
in  der  Form  von  mächtigen  Lagergängen  insbesondere  während  der 
Bruchbildung,  während  der  Ausbildung  der  Ueberschiebungen  statt- 
gefunden hat. 

Durch  die  Annahme,  daß  viele  Diabasvorkommen  während  des 
Faltungsvorganges  emporgedrungen  sind,  ließen  sich  manche  Erschei- 
nungen leichter  erklären.  Es  kommt  vor,  daß  die  kleinen  Schichten- 
pakete von  Graptolithenschiefer,  die  in  den  Diabasen  eingeschlossen 
sind,  heftig  gefaltet  sind.  Soll  man  dem  Empordringen  heißflüssiger 
Gesteine  außer  einer  zertrümmernden  auch  eine  faltende  Einwirkung 
auf  die  Absatzgesteine  zuschreiben? 62). 

Eine  sehr  enge  Wechselbeziehung  zwischen  der  Faltung  von 
Graptolithenschiefern  und  dem  Auftreten  von  Diabas  ließe  sich  aus 
einem  kleinen  Gesteinsvorkommen  entnehmen,  das  vermutlich  nur 
einen  Rest  eines  durch  Steinbruchbetrieb  oder  Straßenbau  stark  mit- 
genommenen  größeren  Vorkommens  darstellt  und  wegen  seiner  Ver- 

')  Noch  neuestens  tut  letzteres  E.  Nowak  (S.  237,  251^^). 


[55]         Zur  Beurteilung  des  Baues   des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  55 

gänglichkeit  hier  festgehalten  werden  soll.  Es  liegt  im  Tale  von 
Großkuchel,  am  Ausgange  des  ersten  nördlichen  Seitentales,  in  dem 
an  beiden  Gehängen  die  Uebergangsschichten  e^  ß  in  Steinbrüchen 
aufgeschlossen  sind  ^^).  Eine  kleine  Mulde  von  durch  den  Kontakt  ge- 
härteten Graptolithenschiefern,  deren  südlicher  Flügel  steil  aufgerichtet 
ist,  ist  von  Diabas  unterlagert  und  von  zwei  Seiten  umschlossen.  In 
beiden  in  Taf.  VIII  (8),  Abb.  2  und  3  wiedergegebenen  Bildern,  die 
einander  ergänzen,  ist  die  Schmalseite  des  Aufschlusses,  die  annähernd 
dem  Querschnitte  der  kleinen  Mulde  entspricht,  und  zwar  Abb.  2  (links) 
ungefähr  von  W,  Abb.  3  (rechts)  ungefähr  von  WSW  aufgenommen, 
wobei  zugleich  in  starker  Verkürzung  in  Abb.  2  die  linke  (nördliche) 
Seite,  in  Abb.  3  die  rechte  Seite  des  Aufschlusses  zu  sehen  ist,  jene 
Seiten,  die  im  Streichen  der  kleinen  Mulde  liegen.  (Der  Hammer 
befand  sich  bei  beiden  Aufnahmen  in  gleicher  Lage  an  derselben 
Stelle.)  Die  beiden  Gesteine  scheinen  aneinander  vorüberbewegt  zu 
sein;  die  teilweise  aufgeschlossene  Grenzfläche  der  linken  Seite,  von 
der  in  Abb.  2  einiges  wenige  zu  sehen  ist,  macht  den  Eindruck  einer 
im  Streichen  aufgeschlossenen  Schleppung.  Die  Grenzfläche,  an 
der,  soweit  sie  aufgeschlossen  ist,  der  Diabas  nur  mehr  in  Spuren 
haftet,  besitzt  die  Färbung  des  Diabases.  Dadurch  wird  an  diesen 
Stellen  die  lineare  Grenze  zwischen  den  beiden  Gesteinen  undeut- 
licher. Um  die  letztere  in  den  Bildern  besser  kenntlich  zu  machen, 
ist  sie  an  vielen  Punkten  durch  den  Buchstaben  S  bezeichnet,  der 
stets  so  angebracht  ist,  daß  er  nahe  der  Grenze,  aber  noch  ganz  im 
Diabas  (an  manchen  Stellen  in  dem  den  Diabas  verdeckenden  Schutt) 
liegt;  auf  diese  Art  bleibt  die  Grenzlinie  selbst  unverletzt.  Daß  der 
Graptolithenschiefer  nicht  etwa  einfach  in  einen  Diabaslagergang  ein- 
gefaltet ist,  läßt  sich  deutlich  erkennen.  Auf  beiden  Längsseiten 
schneidet  der  Diabas  die  Lagen  des  Graptolithenschiefers  schräg  ab, 
so  daß  tiefere  und  höhere  Lagen  desselben  mit  dem  Diabas  unmittel- 
bar in  Berührung  treten.  Beide  Gesteine  sind  von  vielen  Rutsch- 
streifen durchzogen,  die  nach  verschiedenen  Richtungen,  aber  immer 
flach,  öfter  schichtenparallel  verlaufen,  letzteres  dort,  wo  auch  die 
Schichten  flach  gelagert  sind. 

Auf  beiden  Längsseiten  finden  sich  in  größerer  Höhe  —  hiervon 
ist  in  den  Aufnahmen  nichts  zu  sehen  —  im  Diabas  noch  kleine 
Schichtenpakete  von  Graptolithenschiefer,  die  nicht  mit  dem  großen 
Vorkommen  in  Verbindung  stehen.  Auch  dringt  der  Diabas  an  manchen 
Stellen  in  das  zusammenhängende  Vorkommen  von  Graptolithenschiefern 
ein.  Oberhalb  und  bergseits  des  Vorkommens  verläuft  ein  Fahrweg, 
der  aus  dem  Großkuchler  Tal  in  das  nördliche  Seitental  hinaufführt. 
Auf  der  anderen  Seite   des  Fahrweges   läßt  sich  die  Fortsetzung  des 


®^)  In  dem  auf  der  rechten  (westlichen)  Seite  des  Nebentales  liegenden,  noch 
im  Betriebe  befindlichen  Steinbruch  habe  ich  wiederholt  schöne  Ratachspiegel  auf 
den  Schichtflächen  der  sehr  regelmäßig  mit  Schiefer  wechsellagernden  obersilurischeu 
Kalkbänke  beobachtet.  Außerdem  lassen  sich  auf  die  Schichten  verquerenden  Brüchen 
schichtenparallele  Rutschstreifen  feststellen.  In  demselben  Steinbruch  habe  ich 
vor  Jahren  ein  Orthoceras  erworben,  das  dadurch  bemerkenswert  ist,  daß  es  trotz 
sehr  raschem  Dickenwachstum  über  1  m  lang  ist;  es  ist  in  der  geolog.  Sammlung 
der  deutsch,  techu.  Hochschule  aufi;estellt. 


56  F.  Wähner.  [56] 

beschriebenen  Vorkommens  im  höheren  Gehänge  erkennen,  indem  hier 
Graptolithenschiefer,  die  teilweise  gehärtet  sind,  mit  Diabas  wechsel- 
lagern bei  sehr  steiler  Stellung  der  Schiefer.  Hiernach  scheint  es  sich 
bei  dem  abgebildeten  Vorkommen  nicht  um  ein  großes,  muldenförmig 
gebogenes  Schichtenpaket  von  Graptolithenschiefer  in  Diabas,  sondern 
um  ein  Auftreten  des  erstgenannten  Gesteins  zu  handeln,  das  mit  den 
nahe  gelegenen  ausgedehnten  Vorkommnissen  der  Stufe  E  in  engerem 
Verbände  steht.  Hierfür  spricht  auch,  daß  die  Faltung  des  Graptolithen- 
schiefers  in  der  regelrechten  Faltungsrichtung  (SSO — NNW)  erfolgt  ist. 
Der  Diabas,  der  den  Graptolithenschiefer  gehärtet  und  des 
größten  Teils  seiner  Spaltbarkeit  beraubt  hat,  ist  jünger  als  der  letztere. 
Anderseits  ist  entlang  den  Grenzflächen  der  beiden  Gesteine  Bewegung 
unter  Druck  vor  sich  gegangen,  wie  sie  sich  sonst  an  Rutschflächen 
fester  Gesteine  abspielt.  Ein  eruptives  und  ein  tektonisches  Ereignis 
haben  eingewirkt.  Ob  zwischen  beiden  Vorgängen  ein  sehr  langer 
Zeitraum  liegt  oder  nur  ein  solcher,  der  genügt  hat,  das  Eruptivgestein 
zum  Erstarren  zu  bringen,  läßt  sich  aus  dem  einzelnen  Vorkommen 
selbstverständlich  nicht  entnehmen.  Aber  dieses  wie  manche  andere 
ordnen  sich  ein  in  die  Vorstellung,  daß  die  Faltung  und  die  daraus 
hervorgehende  Bruchbildung  einerseits,  die  Diabasergüsse  anderseits 
während  eines  längeren  Zeitraumes  Hand  in  Hand  gingen,  daß  die 
entstehenden  Brüche  die  Verbindung  mit  Tiefengebieten  herstellten, 
in  denen  heißflüssige  Gesteine  vorhanden  waren,  wodurch  diesen  der 
Weg  in  die  höher  liegenden  Gebiete  eröffnet  wurde. 


Die  in  der  Stufe  d^  vorkommenden  Diabase  sind  bisher 
weniger  bekannt  geworden.  Auch  sie  treten  zum  Teile  als  Lagergänge 
auf  (Nowak,  S.  236,  256^^).  Sollten  sich  solche  hier  ebenfalls  in 
großer  Zahl  nachweisen  lassen,  so  wäre  ihr  Vorkommen  nahe  der 
Basis  des  Untersilurs  tektonisch  leicht  erklärlich,  da  schichtenparallele 
Verschiebungen  an  dieser  stratigraphischen  Grenze  von  gleich  großer 
Bedeutung  sind. 

Es  ist  oben  vorausgesetzt  worden,  daß  die  Diabasergüsse  auch 
das  Liegende  des  Silurs  durchbrochen  haben.  Tatsächlich  kennt  man 
Diabasgänge  aus  dem  Kambrium  und  in  großer  Zahl  aus  den  vorkam- 
brischen  Gesteinen.  Kettner  hat  in  einer  geologischen  Karte  des 
südlichen  Moldaugebietes  ^*)  nur  die  wichtigsten  von  ihm  beobachteten 
Diabasgänge  verzeichnet,  die  in  der  Regel  die  Richtung  NNO — SSW 
einhalten.  Dim  ist  die  Beobachtung  zu  danken,  daß  in  der  Gegend 
von  Davle  die  Porphyrlagergänge  von  Diabas  durchbrochen  werden. 
Die  von  Kettner  im  Präkambrium  des  genannten  Gebietes  fest- 
gestellten Porphyrlagergänge,  die  eine  ansehnliche  Länge  und  Mächtig- 
keit erreichen,  bieten  ein  schönes  Seitenstück  zu  den  an  der  Unter- 
Obersilur-Grenze  auftretenden  Diabaslagergängen.  Gegen  die  Deutung 
der  Porphyrlagergänge  als  lakkolithenartige  Ergüsse  ist  nichts  einzu- 


^*)  R.  Kettner,  Ueb.  lakkolithenartige  lutrusionen  der  Porphyre  zw.  Mnisek 
und  der  Moldau.  (Kfsume  des  böhm.  Textes.)  Bull,  intern.  Ac.  d.  Sc.  de  Boheme, 
XIX,  1914,  S.  1— 2G. 


[57]        Zur  Beurteilung   des  Baues  des  mittelböhmischen   Faltengebirges.  57 

wenden.  Ueber  ihr  Alter  urteilt  der  Verfasser  vorsichtig.  Nach  der 
zweiten  von  ihm  aufgestellten  „Möglichkeit",  die  er  für  wahrschein- 
lich hält,  wäre  ihre  Intrusion  „die  Einleitung  zu  dem  ungeheuren  und 
lange  andauernden  paläozoischen  Faltungs-  und  Eruptionsprozesse" 
(S.  25).  Wenn  nun  K.  (S.  19)  für  diesen  Fall  ihr  Eindringen  an  das 
Ende  des  Mitteldevons  oder  den  Beginn  des  Oberdevons  stellt,  so  ist 
dabei  zu  beachten,  daß  es  auch  zweifellos  ältere,  nämlich  si Iuris  che 
Diabasergüsse  gibt.  Sollte  sich  durch  fortgesetzte  Beobachtungen  her- 
ausstellen, daß  die  Porphyre  allgemein  älter  sind  als  die  Diabase, 
so  würde  dadurch  die  oben  entwickelte  Vorstellung  von  dem  ver- 
hältnismäßig jugendlichen  Alter  der  Diabaslagergänge  bekräftigt 
werden  ^^). 

7.  Symmetrisclier  Bau. 

Das  mittelböhmische  Faltengebirge  —  so  können  wir  die  so- 
genannte Silurmulde,  diesen  Rest  eines  ehemals  viel  ausgedehnteren 
echten  Faltengebirges  mit  Recht  nennen  —  zeigt  einen  ausgesprochen 
symmetrischen  Bau.  Wenn  die  im  Vorstehenden  entwickelte  Anschauung 
richtig  ist,  dann  sind  in  jedem  der  beiden  Teilgebiete  neben  auf- 
rechten zahlreiche  geneigte  und  liegende  Falten  vorhanden,  aus  denen 
Ueberschiebungen  hervorgehen,  und  von  den  großen  streichenden 
Brüchen,  die  für  den  Bau  des  ganzen  Gebietes  von  besonderer  Be- 
deutung sind,  sind  mindestens  die  wichtigsten  ebenfalls  als  Faltungs- 
überschiebungen anzusehen.  In  dem  nördlichen  (nordwestlichen) 
Teilgebiete,  in  dem  das  Schichtenfallen  vorwiegend  in  südlichen 
Richtungen  (SO,  SSO)  erfolgt,  sind  die  geneigten  Falten  gegen  S  (SO) 
geneigt,  die  überstürzten  Schenkel  derselben  sind  nach  N  (NW) 
überstürzt  und  die  überschiebenden  Bewegungen  sind  nach  N  (NW) 
gerichtet.  Umgekehrt  sind  in  dem  südlichen  (südöstlichen)  Teil- 
gebiete, das  durch  vorherrschendes  Nordfallen  (NW,  NNW)  gekenn- 
zeichnet ist,  die  schiefen  Falten  gegen  N  (NW)  geneigt,  die  über- 
stürzten Schenkel  nach  S  (SO)  überstürzt  und  die  Ueberschiebungen 
nach  S  (SO)  gerichtet. 

Aus  dem  nördlichen  Teilgebiete  wäre  von  wichtigeren  Ueber- 
schiebungen die  oft  erwähnte  Prag  er  Bruchlinie,  die  die  beiden 
großen  Untersilurzüge  scheidet,  neuerdings  hervorzuheben.  Ferner 
gehören  hierher  die  im  Untersilur  verlaufenden  Ueberschiebungen,  die 
J.  Woldfich^^)  im  Gebiete  des  Schar katales  nahe  der  Grenze 
gegen  die  vorkambrischen  Gesteine  erkannt  hat.  Auch  die  Bruch- 
linie von  Skrej,  die  im  NW,  außerhalb  des  eigentlichen  Silur- 
gebietes die  südöstliche  Grenze  der  bekannten  Zone  von  kambrischen 
Gesteinen  bildet,   gehört  wohl  trotz    dagegenstehenden    Meinungen  in 


•^^j  Auch  den  großen  und  mächtigen  Pürglitz-Rokytzaner  Porphyrzug,  der 
sich  mit  seinem  nordöstlichen  Streichen  in  den  Bau  des  mittelböhmischen  Falten- 
gebirges einreiht,  pflegt  man  für  verbältnismäßig  jung  anzusehen.  Das  gleiche  gilt 
bekanntlich  für  die  mittelböhmische  Granitmasse.  Von  neueren  Arbeiten  über 
diesen  Gegenstand  wären  u.  a.  jene  von  H.  L.  Barvif,  J.  J.  Jahn^*),  A.  Rosi- 
wal  und  F.  Slavik  zu  vergleichen.  Zuletzt  hat  sich  über  die  letzterwähnte  Frage 
R.  Kettner  (S.  18  ff**)  ausgesprochen,  der  a.  a.  0.  auch  Anschauungen  K.  Hinter- 
lechners   hierüber  mitgeteilt  hat. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  l.  Heft.  (F.  Wähner.)  8 


58  F-  Wähner.  [58] 

die  Reihe  der  aus  der  Faltung  hervorgehenden  Störungen.  Bei  allen 
ist  die  Bewegung  ungefähr  gegen  NW  gerichtet. 

Aus  dem  südlichen  Teilgebiete  ist  zunächst  die  im  Kalkgebirge 
verlaufende  Bruch linie  von  Koda-Srbsko  zu  nennen,  weiter 
im  NO  der  ebenfalls  wichtige,  wenngleich  kurze  Braniker  Bruch. 
Im  vorwiegend  untersilurischen  Gebirge  verlaufen  die  von  E.  Nowak 
aus  dem  Brdywald  beschriebenen  Ueberschiebungen  ^5),  Die  alt- 
bekannte Bruchlinie  der  Przibramer  Lettenkluft  ist  nur 
ein  Beispiel  für  eine  Reihe  mit  dieser  ungefähr  parallel  verlaufender 
Ueberschiebungen.  Bei  allen  diesen  ist  die  Bewegung  annähernd  gegen 
SO  gerichtet.  Die  dem  Kalkgebiete  angehörige  Längsstörung,  welche 
die  Konjepruser  Devonscholle  im  N  und  NO  begrenzt,  ist  gleichfalls 
aus  der  Faltung  hervorgegangen.  Sie  weicht  in  ihrem  dem  Bau  jenes 
verhältnismäßig  kleinen  Gebietsteiles  entsprechenden  Streichen,  das 
vorwiegend  in  nordwestlicher  Richtung  verläuft,  weit  ab  von  den 
übrigen  Längsbrüchen ;  die  Bewegung  ist  auch  hier  annähernd  süd- 
wärts, vorherrschend  gegen  SW  gerichtet. 

Ausnahmen  von  der  oben  ausgesprochenen  Regel  fehlen  nicht. 
Am  Barrandefelsen,  der  dem  südlichen  Teilgebiete  angehört  und 
dessen  obersilurische  Schichten  in  zahlreiche  enge  Falten  gelegt  sind, 
sind  in  den  einzelnen  Gewölben  die  nördlichen  Schenkel  steiler  auf- 
gerichtet als  die  südlichen  und  in  seltenen  Fällen  führt  diese  Steil- 
stellung sogar  zur  Ueberstürzung  in  nördlicher  Richtung  (Taf.  I  [1], 
Abb.  1).  Dieser  Bau  beruht  auf  der  Zusammenschiebung,  die  eine  ver- 
hältnismäßig geringmächtige  Obersilurzone  zwischen  ruhiger  gelagerten 
Schichtengruppen  für  sich  betroffen  hat.  (S.  21  f.)  Die  Ueberschiebung, 
die  oben  vom  Slichower  Hügel  beschrieben  wurde  und  zum  nördlichen 
Teilgebiete  gehört,  könnte  nach  der  Neigung  der  Bruch-  und  Auf- 
lagerungsflächen, besonders  wenn  die  Schleppungserscheinungen  nicht 
beachtet  werden,  als  gegen  SW  gerichtet  angesehen  werden.  (S.  43, 
Taf.  YIII  [8],  Abb.  1.)  Beide  Unregelmäßigkeiten  liegen  nahe  der 
Mitte  des  ganzen  Gebietes  und  ändern  nichts  an  dem  im  Großen  er- 
kennbaren Baue. 

An  dem  Ergebnis  wäre  nichts  Auffallendes,  wenn  es  nicht  der 
vielfach  als  giltig  angesehenen  Lehre  vom  einseitigen  Bau  der  Ketten- 
gebirge widerspräche.  E.  Suess  ist  bekanntlich  so  weit  gegangen, 
dieser  Lehrmeinung  zuliebe  den  Hauptteil  der  Südalpen  von  den 
Alpen  abzutrennen,  mit  den  dinarischen  Gebirgszügen  zu  den  „Dinariden" 
zu  vereinigen  und  diesen  „asiatische  Abkunft"  zuzuschreiben*^"^).  Wer 
sich  durch  mystische  Ausdrucksweise  nicht  gefangen  nehmen  läßt, 
wird  sich  hierunter  nichts  anderes  vorstellen,  als  daß  nach  jener  An- 
schauung in  Asien  südwärts,  in  Europa  nordwärts  gerichtete  Bewegung 
die  Regel  ist,  daß  sonach  einige  Gebietsteile  Südeuropas  nach  asiatischer 
Regel  gebaut  sind*^*^^).  Wie  es  sich  mit  diesem  Baue  bei  unbefangener 


'•♦'»j  „Asien  dringt  aber  nicht  nur  in  Gestalt  großer  Faltenziige  nach  Europa. 
Manche  Gründe  sprechen  dafür,  daß  auch  gewisse  lange,  gegen  WNW  bis  NW 
streichende  Bruchlinien  (Karpi  nsk)''sche  Linien)  asiatischer  Abkunft  seier." 
(E.  Suess,  Antlitz  III,  2,  1909,  S.  7.) 

66b)  Daß  Suess  selbst  mehr  als  dies  im  Sinne  gehabt  hat,  dürfte  aus  einer, 
wenn  auch  negativen    Bemerkung    hervorgehen,    die  sich  auf    die  das  nordöstliche 


[59]        ^'ir  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböbmischen   Faltengebirges.  59 

Betrachtung  verhält,  wie  der  Zusammenhang  der  dinarischen  Gebirgs- 
züge mit  den  Südalpen  und  der  Alpenbau  in  jener  Hinsicht  zu  be- 
urteilen sind,  haben  neuerlich  die  im  besten  Sinne  gegenständlichen 
Ausführungen  Kossmats  erkennen  lassen  ^^). 

Für  unsere  Erörterungen  sind  u.  a.  die  Hinweise  auf  den  Bau 
zweier  Gebirgsgruppen  der  Südalpen,  der  Steiner  und  der  Julischen 
Alpen  wichtig,  in  denen  nach  den  gleich  wertvollen  Untersuchungen 
Tellers  und  Kossmats  auf  der  Südabdachung  südwärts,  auf  der 
Nordabdachung  nordwärts  gerichtete  Bewegungen  festgestellt  sind. 
Gegenüber  der  Anschauung  der  Deckentheoretiker,  die  darin  zwei 
ursächlich  und  zeitlich  verschiedene  Bewegungen  erblicken  wollen, 
deren  eine  dem  fast  allgemein  vorausgesetzten  Nordschub  der  Alpen 
entspricht,  während  die  andere  auf  ein  nachträgliches  Zurückgleiten 
der  „Dinariden"  zurückgeführt  wird,  weist  Kossmat  nach,  daß  die 
beiden  Bewegungsarten  sich  in  keiner  Weise  sondern  lassen.  Die 
enge  „tektonische  Verwandtschaft"  derselben  ist  aus  dem  Bau  der 
Julischen  Alpen  deutlich  zu  erkennen  ^^).  Die  Nordüberschiebungen 
sind  für  bestimmte  Zonen  kennzeichnend,  nicht  für  eine  bestimmte 
Zeit  und  haben  sich  noch  in  den  jüngsten  Abschnitten  der  Gebirgs- 
bildung  wiederholte^). 

Kossmat  ist  geneigt,  den  Bau  der  östlichen  Südalpen,  in  denen 
„den  großen  Ueberschiebungen  gegen  die  Außenzoneii  andere  gegen- 
überstehen, welche  gegen  die  Innenregion  der  Alpen  gerichtet  sind", 
mit  dem  Fächerbau  zu  vergleichen  —  dies  geschieht  meines  Er- 
achtens  in  bezug  auf  die  wesentliche  tektonische  Erscheinung  mit 
voller  Berechtigung  — ,  erklärt  aber  diese  Bezeichnung  als  nicht  ganz 
zutreffend,  weil  sich  der  Uebergang  beider  Bewegungsrichtungen 
nicht  in  einer  steil  gestellten  mittleren  Zone,  sondern  im  flach  ge- 
lagerten, von  Schuppen  und  Brüchen  durchschnittenen  Kalkplateau 
vollzieht,  das  teilweise  muldenähnliche  Anlage  zeigt.  (S.  126,  152.) 
Der  Bau  des  mittelböhmischen   Faltengebirges,    in  dessen  Innern  die 


Randgebirge  Böhmens  begleitenden  Brüche  bezieht:  „Sie  können  nicht  irgend  einer 
plötzlich  von  Asien  kommenden  Einwirkung  zugeschrieben  werden,  denn  sie  sind 
von  verschiedenem  Alter".  (Antlitz  III,  2,  S.  39.)  Auch  hier  hätte  es  sich  darum 
gehandelt,  südwärts  gerichtete  Bewegung  auf  eine  weit  außarhalb  Europas  liegende 
Ursache  zuürckzuführen. 

•')  F.  Kossmat,  Die  adriatische  Umrandung  in  der  alpinen  Faltenregion. 
Mittlgn.  Geol.  Ges.  Wien,  VI,  1913,  S.  61—165. 

''^)  „Wenn  wir  die  tektonische  Grenzfläche  der  Trentagruppe  aus  der  Belipotok- 
Ueberschiebung  ohne  jede  Zersplitterung  oder  Ueberkreuzung  in  die  Mojstraka- 
Blattöäche  und  aus  der  letzteren  wieder  in  die  südgerichtete  große  Krn-Ueber- 
schiebung  verfolgen  können,  wenn  wir  an  den  Triglavseen  in  einem  geschlossenen 
Bogen  aus  der  südlich  einfallenden  Schubfläche  in  eine  östlich  und  schließlich 
nördlich  fallende  gelangen,  dann  gehören  diese  Linien  strukturell  zusammen." 
(A.  a.  0.,  S.  113.) 

^^)  Nach  den  Untersuchungen  Tel  1er 's  ist  in  der  Koschutazone  „dort,  wo 
das  Neogen  noch  in  den  Bau  eintritt,  uämlich  in  ihrer  Fortsetzung  gegen  den 
Wotsch,  noch  das  Sarmatische  gefaltet  und  fällt  an  seiner  Südgreuze  in  einer 
langen  Linie  verkehrt  unter  die  Leithakalke  ein,  während  in  den  südlich  folgenden 
Falten  des  Savesystems  das  entgegengesetzte  Verhalten  herrscht.  Man  sieht  also, 
daß  auch  zur  Zeit  der  jüngeren  Bewegungen  Nord-  und  Südfaltungen  in  den  öst- 
lichen Südalpen  nebeneinander  existierten,  wobei  die  ersteren  charakteristisch 
für  die  inneren  Zonen  sind  .  .  ." 

8* 


60  F.  Wähner.  [60] 

Schichten  durch  die  Faltung  ebenfalls  aufgerichtet  sind,  hier  nicht 
selten  (Prokopital)  sogar  besonders  steile  Stellungen  annehmen,  wird 
dadurch  dem  Fächerbau  ähnlicher.  Wenn  wir  aber,  wie  in  Mittel- 
böhmen, so  in  jenen  alpinen  Gebirgsgruppen  von  einem  symmetri- 
schen Bau  sprechen,  so  gebrauchen  wir  zwar  einen  in  einem  großen 
Kreise  verpönten  Ausdruck,  der  zufällig  auch  den  in  den  theoretischen 
Anschauungen  bestehenden  Gegensatz  hervorhebt,  der  aber  kaum  durch 
einen  anderen  ebenso  bezeichnenden  und  sachgemäßen  zu  ersetzen 
ist.  Wir  sind  daher  nur  ehrlich,  indem  wir  das  Kind  beim  rechten 
Namen  nennen. 

K  0  s  s  m  a  t  verfolgt  die  Baulinien  der  Südalpen  auch  in  die  Zentral- 
alpen'^o),  erkennt,  daß  die  „gegen  die  Poebene  und  Adria  gerichteten 
Faltenbewegungen  nicht  haltmachen  an  der  sogenannten  Dinariden- 
grenze,  sondern  daß  sie  auch  sicher  alpine  Zonen  noch  in  großem 
Stil  betroffen  haben",  und  wirft  schließlich  die  Frage  auf,  ob  nicht  die 
nördlichen  Kalkalpen  und  die  Grauwackenzone  Aehnliches  wie  die 
Südalpen  zeigen,  „ob  sich  nicht  tektonische  Annäherungen  nord-  und 
zentralalpiner  Faziesentwicklungen  durch  südgerichtete  Ueberschieb- 
ungen  nachweisen  lassen.  Die  Strukturtypen  der  nordalpinen  Kalk- 
plateaus unterscheiden  sich  in  nichts  von  jenen  der  Julischen  und 
Steiner  Alpen,  die  Ueberschiebungen  an  ihrem  südlichen  Schichten- 
kopf gleichen  ganz  merkwürdig  jenen  an  den  Nordabdachungen  der 
letztgenannten  Gebirge".  (S.  152.) 

In  der  Tat  ist  der  Bau  eines  nicht  unansehnlichen  Teiles  der 
nördlichen  Kalkzone  der  Ostalpen,  namentlich  jener  der  Salzburger 
Kalkstöcke  durch  herrschendes  Nordfallen  und  südlich  gerichtete  Be- 
wegungen gekennzeichnet.  Solchen  Bau  sieht  heute,  so  klar  er 
(wenigstens  zum  Teile)  schon  lange  zutagetritt,  allerdings  nur  der- 
jenige, der  sich  für  alpine  Dinge  einen  wirklich  unbefangenen 
Blick  bewahrt  hat,  und  der,  dem  es  gelungen  ist,  sich  von  den 
einander  so  vielfach  widerstreitenden  Ergebnissen  älterer,  neuerer 
und  neuester  Deckenkonstruktionen  zu  befreien.  Dem  zuerst  am 
Südrande  des  Tennengebirges  von  Bittner  erkannten  Schuppen- 
bau, der  auf  mehrfacher  Wiederholung  einer  Reihe  älterer  Trias- 
glieder durch  südlich  gerichtete  Ueberschiebungen  beruht,  gesellen 
sich  entsprechende  Beobachtungen  an  anderen  Orten.  Hahn,  dem 
wir  im  übrigen  hier  nicht  folgen  wollen,  hat  diese  Erfahrungen  zu- 
sammengestellt und  weitere  mitgeteilte^).  Im  Norden  des  Tennen- 
gebirges finden  wir,  wie  gleichfalls  Bittner  gezeigt  hat,  ältere 
Trias,  u.  zw.  Guttensteiner  Kalk,  im  Hangenden  des  nach  NNO  ein- 
fallenden und  zunächst  von  Lias  überlagerten  Dachsteinkalkes,  ein 
Vorkommen,  das  wieder  auf  südgerichtete  Ueberschiebung  hinweist, 
und  auch  die  in  der  Gegend  von  Golling  weiier  folgenden  schmalen 
Gebirgsstreifen,  von  denen  jeder  aus  einer   anderen  Schichtengruppe 


'")  A.  a.  0.  IV.  Periadriatische  Konturen  in  den  östlichen  Zentralalpen. 
S.  133-153. 

")  F.  Felix  Hahn,  Grundzüge  des  Baues  der  nördl.  Kalkalpen  zw.  Inn  und 
Enns,  I.  u.  II.  Mttlgn.  Geol.  Ges.  Wien,  VI,  1913  (S.  238—857,  374-501),  bes. 
S.  285-317. 


[61]         Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen   Faltengebirges.  61 

besteht,   wird  man   am  sichersten   als   durch  steile    Ueberschiebungs- 
flächen  getrennte  Schuppen  deuten. 


Nordwärts  gerichtete  Bewegungen  sollen  nach  der  erwähnten 
Lehrmeinung  den  Bau  nicht  nur  der  geologisch  jungen,  sondern  auch 
der  alten  Gebirge  unseres  Erdteils  kennzeichnen.  Da  ist  es  nun  wohl 
nicht  bedeutungslos,  daß  „im  Herzen  Europas"  ein  Teil  eines 
unterkarbonischen  (oder  vielleicht  schon  oberdevonischen) 
Faltengebirges  erhalten  ist,  der  ausgesprochen  zwei- 
seitig symmetrischen  Bau  aufweist,  dessen  Schichten- 
gruppen einerseits  nach  NW,  anderseits  gegen  SO 
bewegt  sind,  in  dem  also  auch  südwärts  gerichteter 
Schub  festgestellt  ist.  Und  dieses  Gebirge  ist,  wenn  wir 
von  der  vorkambrischen  Schichtenreihe  absehen,  die  schon  eine  noch 
ältere  Gebirgsbewegung  durchgemacht  hat,  sowohl  stratigraphisch 
als  tektonisch  völlig  einheitlich  aufgebaut. 

Die  sehr  erheblichen  Faziesverschiedenheiten  fallen  im  allgemeinen 
mit  Altersunterschieden  zusammen,  sie  ergeben  in  der  Hauptsache 
ein  Nacheinander,  kein  Nebeneinander.  Sie  entsprechen  einer  im 
Laufe  der  geologischen  Zeiträume  (mithin  allmählig)  im  ganzen  Gebiete 
eingetretenen  Aenderung  der  Absatzbedingungen.  Es  ist  schon  (S  53) 
darauf  hingewiesen  worden,  daß  wir  von  den  Flachseebildungen  des 
Untersilurs  bis  zu  den  küstenfernen  Tiefseeablagerungen  des  Mittel- 
devons einen  stratigraphischen  Zyklus  feststellen  können  ''^).  Wir  haben 
es  mit  einem  durchaus  einheitlichen  Ablagerungsgebiete  zutun. 


'^J  Iliezu  noch  einige  flüchtige  Bemerkungen.  Die  durch  eine  überaus  reiche 
Fanna  ausgezeichneten  obersilurischen  ejj-Kalke  mit  ihren  dickschaligen  Cephalo- 
poden  und  sonstigen  Mollusken  sind  noch  als  Ablagerungen  verhältnismäßig  geringer 
Tiefe  anzusehen.  Aber  schon  die  noch  zum  Obersilur  gerechneten  dunklen  /,-Kalke 
(Tentaculiten,  Spongien)  bilden  einen  faziellen  Uebergang  zu  den  pelagischen  und 
in  tieferem  Wasser  abgesetzten  Devonkalken.  Die  typischen  ungeschichteteu  oder 
undeutlich  in  mächtige  Bänke  gegliederten  weißen  /j-Kalke  von  Konjeprus  sind 
zwar  eine  Ablagerung  geringer  Tiefen,  aber  von  einer  Reinheit  des  Sediments,  die 
sie  zu  verschiedener  technischer  Verwendung  geeignet  macht  und  auf  dem  völligen 
Mangel  terrigener  Beimengungen  beiuht.  Mit  dieser  ausgesprochen  pelagischen  Bil- 
dung wechsellagern  die  dünnschichtigen  rötlichen  und  roten  Kalke  von  Mjenjan,  die 
wie  die  roten  Ausbildungsweisen  der  Stufe  G  mit  den  entsprechenden  auf  mittlere, 
d.  i.  beträchtliche  Meerestiefen  weisenden  mesozoischen  Faziesbildungen  der  Alpen  und 
anderer  südlich  gelegenen  jungen  Kettengebirge  auf  das  engste  verwandt  sind.  Salbst 
die  tonige  Einschaltung  der  Tentaculiteuschiefer  g^  ist,  wie  schon  das  häufige  Vor- 
kommen von  Tiefseekorallen  lehrt,  keine  Seichtwasserai)lagerung.  Dagegen  scheinen 
in  den  hellgrauen  Knollenkalken  Schwankungen  vorgekommen  zu  sein;  die  auf- 
fallendste ist  durch  das  Auftreten  von  Riifkorallen  in  einem  Teile  von  g^  gekenn- 
zeichnet. Der  Uebergang  der  Goniatiten-Knollenkalke  g^  durch  Radiolariengesteine 
in  die  unterste  Abteilung  der  Stufe  H  ist  oben  (S.  36)  erwähnt  worden.  Gegen- 
über dem  langen  absteigenden  Aste  ist  der  aufsteigende  Ast  des  Zyklus  im  Hangen- 
den der  abyssischen  Ablagerung  der  Radiolariengesteine  nur  zu  einem  kleinen  Teile 
durch  die  Stufe  H  mit  ihren  tenigenen  Sedimenten  vertreten,  deren  untere  Ab- 
teilung (h^)  noch  in  tieferem  Meere  und  einiger  Entfernung  von  der  Küste  (Mün- 
dungsgebiet eines  Stromes)  abgesetzt  zu  sein  scheint.  (S.  53  und'"). 

Wie  in  den  Ostalpen  die  aus  den  Radiolariengesteinen  des  mittleren  Jura 
erkennbare  größte  Meerestiefe  zeitlich  zusammeufällt  mit  der  in  anderen  Gegenden 
nachgewiesenen  mitteljurasischen  Trausgression,  so  entspricht  auch  das  Auftreten 
der  (hier  nur  geringmächtigen)  Radiolariengesteine  Mittelböhmens  der  in  weit  ent- 
fernten Gebieten  festgestellten  mitteldevonischen  Transgression.  Daraus  ist  ersieht- 


62  F.  Wähner.  [62] 

Ebenso  einheitlich  erscheint  der  tektonische  Bau.  Es  ist 
nicht  der  geringste  Anhaltspunkt  gegeben,  um  für  das  nördliche  Teil- 
gebiet einen  anderen  gebirgsbildenden  Vorgang  anzunehmen  als  für 
das  südliche  und  die  Entstehung  der  in  entgegengesetzten  Richtungen 
bewegten  Gebirgsteile  in  verschiedene  Zeitabschnitte  zu  verlegen. 
Alles  spricht  dafür,  nichts  dagegen,  daß  die  beiden  Gebirgsteile,  die 
voneinander  keineswegs  scharf  abgegrenzt  sind,  einem  und  demselben 
großen  Faltungsvorgang,  einem  und  demselben  gebirgsbildenden  Zu- 
sammenschub der  Schichtengruppen,  aus  denen  sie  aufgebaut  sind, 
ihr  Dasein  verdanken.  Ein  Blick  auf  die  Karte  Seemanns**)  be- 
lehrt uns,  daß  am  südwestlichen  Ende  des  obersilurisch-devonischen 
Kalkgebietes  die  jüngste  untersilurische  Zone  (/g,  die  jenes  rings  um- 
grenzt, einen  Muldenschluß  bildet,  wobei  das  im  NW  herrschende  SO- 
Fallen  ganz  allmählig  durch  die  Fallrichtungen  0,  NO,  NNO,  N  und 
NNW  in  das  NW-Fallen  der  SO-Seite  des  Gebietes  übergeht.  (S.  75 
a.  a.  0.  ^^).  Schwieriger  ist  der  Zusammenhang  der  tieferen  Unter- 
silurstufen des  nödlichen  und  des  südlichen  Teilgebietes  noch  weiter 
in  SW  zu  überblicken,  aber  er  ist  vorhanden  und  die  Art  des  Zu- 
sammenhanges ist  augenscheinlich  durch  die  Längsbrüche  stark  be- 
einflußt. Niemand  hat  bisher  an  solchem  Zusammenhang  gezweifelt, 
und  man  hätte  wohl  nicht  so  lange  und  bis  in  neue  Zeit  an  dem 
Schema  der  „Silurmulde"  festgehalten,  wenn  nicht  aus  dem  Ganzen 
ein  einheitlicher  Bauplan  deutlich  hervorträte. 

Daß  jüngere  Gebirgsbewegungen  in  der  böhmischen  Masse  in 
südlichen  Richtungen  vor  sich  gegangen  sind,  ist  lange  bekannt.  Nicht 
nur  am  Eibbruch  (der  Lausitzer  Verwerfung),  weithin  an  der  Süd- 
westseite des  nordöstlichen  Randgebirges  sind  nach  SW  gerichtete 
überfaltende  und  überschiebende  Bewegungen  vor  sich  gegangen. 
Wenn  E.  Suess  diese  Erscheinungen  zuerst  auf  „Rückfaltung" 
zurückführt,  während  er  sich  später  mit  dem  Ausdruck  „Ueberfaltung" 
begnügt*),  so  wird  derjenige,  der  sehen  will,  sich  hierdurch  nicht 
beirren  lassen;  ein  Name  ändert,  wenn  er  auch  zur  Aufstellung  und 
Hervorhebung  einer  besonderen  Ursache  dient,  nichts  an  der  Tatsache, 


lieh,  daß  diese  Veränderungen  nicht  bewirkt  wurden  durch  örtlich  beschränkte 
Ereignisse;  jene  müssen  vielmehr,  mögen  sie  nun  auf  Bodensenkungen  oder  auf 
ein  von  anderen  Ursachen  abhängige»  Ansteigen  des  Meeresspiegels  zurückzuführen 
sein,  gleichmäßig  auf  ausgedehnte  Gebiete  sich  erstreckt  haben. 

")  Daß  d^  außerdem  infolge  von  Faltung  und  Ueberschiebung  in  langen 
Zungen  in  das  Obersilur  eingreift,  zeigt,  daß  trotzdem  ein  verwickeiterer  Bau  vorliegt. 

''*)  E.  Suess,  Antlitz  I,  1885,  S.  181.  „Wird  ein  gefaltetes  Gebirge  von  einem 
Längsbruch  durchschnitten  und  sinkt  au  demselben  der  innere  Flügel  zur  Tiefe, 
so  zeigt  sich  nicht  selten  in  dem  Gebirge  das  Bestreben,  in  einer  der  normalen 
Faltung  ganz  entgegengesetzten  Richtung  den  Bruch  zu  über- 
falten, wodurch  an  demselben  nicht  nur  Aufrichtung,  sondern  auch  Einklemmung 
und  Ueberstürzung  der  Schichten  entstehen  mag.  Diese  p]rscheinung  nennen  wir 
Rückfaltung."  —  Antlitz  III,  2,  1909,  S.  37,  Eibbruch:  „Öie  verkehrte  Folge: 
Kreide,  Jura,  Granit  zeigt  in  der  Tat  Ueberfaltung  gegen  SW  an.  Der  Ausdruck 
Rückfaltung  wurde  hier  für  diese  Dislokation  gebraucht ...  Er  entspricht  nicht  der 
Sachlage  und  ist  der  Gegenwirkung  von  Vorfaltung  (z.  B.  im  Innern  der  asiatischen 
Scheitel)  vorzubehalten."  Daselbst,  S.  717:  „Rückf  al  t  ung  hat  sich  in  dem 
asiatischen  Bau  als  ein  Uebeischuß  an  Volum  in  den  oberen  Zonen  der  Erde  er- 
geben." Vgl.  auch  die  S.  58  in  der  Fußnote^*)  angef.  Stelle. 


r63]        Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischeu  Faltengebirges.  63 

daß  sich  hier  (wie  auch  anderwärts  in  dem  genannten  Gebiete)  für 
den  Gebirgsbau  maßgebende  Bewegungen  in  südlichen  Richtungen  ab- 
gespielt haben. 

Die  Frage  nach  der  Richtung  der  gebirgsbildenden  Bewegungen 
gehört  meines  Erachtens  zu  jenen,  denen  man  zu  große  Bedeutung 
beigemessen  hat.  Ausschlaggebende  Bedeutung  besitzt  sie  nur  für 
Anhänger  der  Lehre  vom  einseitigen  Bau  der  Kettengebirge.  Immer 
deutlicher  erweist  sich  gerade  aus  der  fortschreitenden  Kenntnis  des 
Alpenbaues,  daß  faltende  und  überschiebende  Bewegungen  nicht  nur 
in  der  quer  auf  das  Hauptstreichen  des  Gebirges  verlaufenden  und 
in  der  entgegengesetzten  Richtung,  sondern  auch  in  von  jenen  stark 
abweichenden  Richtungen  bis  zu  einer  mit  dem  Hauptstreichen  zu- 
sammenfallenden Richtung  vorkommen  und  für  den  Gebirgsbau  von 
Bedeutung  sind'^^). 

Daß  steil  aufgerichtete  Falten  bei  fortdauerndem  Zusammen- 
schub der  tieferen  Gebirgsteile  schließlich  nach  jener  Seite  sich  über- 
legen werden,  auf  der  der  geringere  Widerstand  vorhanden  ist,  ist  schon 
wiederholt  gesagt  worden  '^^).  Für  unbedingte  Anhänger  der  Lehre  vom 
einseitigen  Schub  bildet  der  Fächerbau  wie  der  symmetrische  Bau 
im  allgemeinen  kein  Hindernis,  die  Anschauung  festzuhalten.  Man 
beruft  sich  jetzt  gern  auf  einen  schönen  und  lehrreichen  Querschnitt, 
den  Kilian  aus  den  Westalpen  gegeben  haf^^),  und  erklärt  den 
„Faltenfächer"  ähnlich,  wie  das  auch  rücksichtlich  des  eigentlichen 
Fächerbaues  zu  geschehen   pflegt,   indem  man  sagt,    das   Gebirge  sei 


''^)  Man  pflegt  die  im  Streichen  des  Gebirges  erfolgenden  Bewegungen  als 
Quer-  oder  Transversalbewegungen  schlechthin  zu  bezeichnen  und  gibt  damit  für 
der  Sache  fernerstehende  Veranlassung  zu  Mißverständnissen,  da  man  in  sonstigen 
tektonischen  Bezeichnungen  das  Wort  quer  auf  das  Streichen  der  Schichten  und 
Falten  bezieht.  In  diesem  Sinne  sind  die  gewöhnlichen  Bewegungen  Quer- 
bewegungen, wie  man  ja  auch  von  Querbiüchen  usw.  spricht.  Vielleicht  würde  man 
besser  tun,  in  diesem  Falle  auf  eine  kurze  Bezeichnung  zu  verzichten  und  von 
Bewegungen  im  Hauptstreichen  u.  dgl.  zu  sprechen. 

'^)  Nicht  immer  dürfte  diese  Vorstellung  der  Wirklichkeit  entsprechen.  In 
Gebieten  mit  vorherrschend  flacher  Lagerung  scheint  es  zumeist  gar  nicht  zu  steiler 
Aufrichtung  des  ganzen  Faltenkörpers  gekommen  zu  sein;  es  bildeten  sich  liegende 
Falten  durch  Aufrichtung  eines  (des  später  überkippten)  Schenkels,  wobei  dieser 
häufig  sehr  kurz  blieb,  so  daß  Faltuugsüberschiebungen  hier  sich  aus  verhältnis- 
mäßig kleinen  Knickungen  der  Schichtengruppen  zu  entwickeln  pflegen.  Man  sollte 
darum  nicht  allgemein  vom  „Ueberlegen"  oder  „üeberschlagen"  der  Falten  sprechen 
oder  bei  dem  Gebrauch  dieser  allerdings  sehr  bequemen  Bezeichnungen  sich  bewußt 
bleiben,  daß  dies  eine  figürliche  Ausdrucksweise  ist,  da  die  Schiefstellung  der 
„übergelegten"  Falten  nicht  auf  einer  sekundären  Erscheinung  zu  beruhen  braucht, 
die  die  bereits  fertigen  aufrechten  Falten  betroffen  hat,  sondern  unmittelbar  aus 
der  ursprünglichen  Anlage  der  Falten  hervorgehen  kann.  Nur  der  überstürzte 
Schenkel  solcher  Falten  muß,  so  kurz  er  sein  und  so  rasch  diese  Bewegung  sich 
vollzogen  haben  mag,  eine  Aufrichtung  aus  flacher  Lagerung  erfahren  haben  und 
durch  die  Vertikalstellung  bis  zur  Ueberkippung  hindurchgegangen  sein.  Nur  bei 
dem  überstürzten  Schenkel  ist  der  Ausdruck  daher  unter  allen  Umständen  zu- 
treffend, wenn  wir  sagen,  er  sei  nach  einer  bestimmten  Kichtung  „übergelegt." 
[Einschlägiges  in  dem  in  Note  26  angef.  Vortrage,  S.  222  und  Fußnote  2.]  —  Ein 
Lehrbuch  sollte  nicht  den  sprachlich  unrichtigen  Ausdruck  „überlegt"  statt  „über- 
gelegt" gebrauchen. 

")  W.  Kilian,  Apenga  sommaire  de  la  g^ol.  .  .  .  des  Alpes  dauphinoises. 
Der  Querschnitt  ist  wiedergegeben  in  0.  Wilckens,  Grundzüge  der  tekton.  Geo)., 
Jena  1912,  S.  14  und  in  A.  T  ornqui st,  Geologie  I,  Leipzig  1916,  S.  583. 


64  F.  Wähner.  [64] 

in  der  Tiefe  noch  stärker  zusammengeschoben  worden  und  die  empor- 
steigenden Falten  haben  sich  oben  nach  beiden  Seiten  übergelegt. 
Man  kann  aber  in  vielen  andei'en  Fällen  und  selbst  bei  unsymmetrischem 
Bau  die  Falten  in  Luftsätteln  nach  oben  ergänzen  und  schließen,  daß 
in  der  Tiefe  der  Zusammenschub   viel  weiter  gegangen  ist,  oder  daß 

—  bei  unsymmetrischem  Bau  -—  in  der  Tiefe  einseitiger  Schub  das 
Gebirge  in  entgegengesetzter  Richtung  bewegt  hat  (entgegen  jener 
Richtung,  in  der  die  Falten  oben  übergelegt  sind). 

Hinsichtlich  der  obigen  Erklärung  wollen  wir  davon  absehen, 
daß  die  Gewölbe,  die  heute  zu  unserer  Beobachtung  gelangen,  beim 
Aufsteigen  nicht  frei  emporragen  konnten.  Die  gegen  die  Tiefe  kon- 
vergierenden Linien,  die  wir  bei  symmetrischem  Bau  in  Querschnitten 
entlang  den  Falten  und  Ueberschiebungen  ziehen  können,  entsprechen 
wirklichen  Bewegungsflächen.  An  ihnen  haben  sich  Gebirgsstücke  nach 
aufwärts  und  zugleich  nach  auswärts  (vom  Innern  des  Gebirges  gegen 
außen)  bewegt.  Das  gehört  zu  den  wenigen  wirklichen  Erkenntnissen, 
die  wir  über  den  Gegenstand  besitzen.  Vergessen  wir  nicht,  daß  alles 
Weitere  zumeist  schon  Theorie  ist.  Schon  wenn  wir  statt  von  Vor- 
gängen von  einer  gebirgsbildenden  Kraft  sprechen,  ist  das  eine  Ab- 
straktion, die  schon  manches  Unheil  angerichtet  hat. 

Gewiß :  wir  dürfen  mit  Recht  schließen,  daß  jene  mehr  oder 
minder  steilen  Bewegungsflächen  aus  seitlichem  Zusammenschub  her- 
vorgegangen sind.  Wir  können  den  Zusammenschub  in  größere  Tiefe 
verlegen  und  uns  vorstellen,  daß  an  jenen  Bewegungsflächen  die  Ge- 
steine dem  in  der  Tiefe  vor  sich  gehenden  annähernd  horizontalen 
Zusammenschub  nach  auf-  und  auswärts  ausgewichen  sind.  Schon  die 
Faltenbildung  können  wir  als  ein  solches  Ausweichen  auffassen.  Je 
steiler  die  Schichten  eines  Gewölbes  aufgerichtet  sind,  je  stärker  es 
in  der  Tiefe  zusammengepreßt  erscheint,  desto  klarer  mag  uns  jene 
Anschauung  werden.  Tatsächlich  gehen  ja  entlang  den  Schichlflächen  der 
Falten  quer  zu  den  Faltenachsen  Bewegungen  vor  sich.  (Vgl.  oben  S.  20). 

In  zahllosen  Gebirgsquerschnitten,  die  nur  aufrechte  Falten  zeigen, 
vermögen  wir  zwar  eine  Richtung  des  Zusammenschubes,  z.  B.  eine 
meridionale  Richtung  zu  erkennen ;  wir  sind  aber  nicht  in  der  Lage 
zu  beurteilen,  ob  es  ein  einseitiger  oder  zweiseitiger  Schub  war  und 
noch  viel  weniger,  ob  —  die  Einseitigkeit  des  Schubes  vorausgesetzt 

—  dieser  in  nördlicher  oder  in  südlicher  Richtung  vor  sich  gegangen 
ist.  Erst  wenn  ein  Schenkel  einer  Falte  überstürzt  ist,  oder  wenn 
sich  aus  einer  derartigen  Falte  eine  Ueberschiebung  entwickelt  hat, 
vermögen  wir  einseitig  bestimmt  gerichtete  Bewegung  zu  erkennen''^). 


'*)  Auch  hier  handelt  es  sich  um  relative  ßewegungarichtungen.  Wenn 
wir  sagen,  eine  Falte  sei  nach  einer  Kichtung  übergelegt,  —  u.  zw.  gerade  in  dem 
Jöiune,  der  eine  nachträgliche  Umlegung  einer  steilen  aufrechten  Falte  voraussetzt  — , 
so  könnte  es  auch  sein,  daß  ihr  tieferer  Teil  (bei  Zurückbleiben  des  höheren)  sich 
nach  entgegengesetzter  Richtung  bewegt  hat.  Wenn  wir  an  einer  ausgesprochenen 
Bewegungsfläche  (Rutschfläche),  z.  B.  an  einer  Ueberachiebungsfläche  einseitig  be- 
stimmt gerichtete  Bewegung  des  angrenzenden  Gesteins  festzustellen  in  der  Lage 
sind,  so  kann  der  auf  der  anderen  Seite  der  Bevvegungsfläche  liegende  Gesteins- 
körper sich  ebensogut  in  entgegengesetzter  Kichtung  bewegt  haben  oder  es  könntn 
Bewegungen  i.ach  beiden  Richtungen  vorgekommen  sein.  Ueberschiebung  und  Unter- 
schiebung sind  für  unter  Eikennen  dasselbe. 


[65]         Zur  Beurteilung  dea  Baues  des  mittelböbmischen  Faltengebirges.  65 

Aber  der  Schlui3  gilt  nur  für  durch  derartige  tektonischeErscheinungen  von 
einseitig  bestimmter  Richtung  gekennzeichnete  Gebiete.  Nichts  berechtigt 
uns  vor  allem,  ihn  auf  Bewegungen  in  unbekannten  Tiefen  zu  beziehen. 

So  kann  nun  ein  hartnäckiger  Vertreter  der  Lehre  vom  ein- 
seitigen Schub  erklären:  Im  mittelböhmischen  Faltengebirge  mögen 
Bewegungen  nach  beiden  Richtungen  vorgekommen  sein.  Trotzdem 
ist  es  durch  einseitigen,  nordwestlich  gerichteten  Schub  entstanden. 
Das  Gebirge  ist  zwar  bis  zu  großer  Tiefe  abgetragen ;  die  Falten  sind 
aber  in  noch  größerer  Tiefe  noch  stärker  zusammengeschoben  und 
haben  sich  oben  nach  verschiedenen  Richtungen  übergelegt.  Dabei 
wäre  nur  ein  wesentlicher  Umstand  übersehen :  daß  weder  hier 
noch  anderwärts  Tatsachen  ermittelt  sind,  aus  denen  wir  allgemein 
zur  Erklärung  solcher  Gebirgsbildung  auf  einseitigen  Schub  zu  schließen 
berechtigt  sind.  Es  bliebe  das  Festhalten  an  einem  Glaubenssatz. 

Bescheiden  wir  uns  und  suchen  wir  weiterhin  die  Richtungen 
der  gebirgsbildenden  Bewegungen  zu  ermitteln,  soweit  dies  möglich 
ist.  Wir  belügen  uns  selbst,  wenn  wir  meinen  damit  mehr  fesstellen 
zu  können,  als  aus  der  Beobachtung  hervorgeht. 


Eine  eigenartige  Ausnahmsstellung  unter  den  Längsstörungen  des 
mittelböhmischen  Faltengebirges  scheint  der  Südostgrenze  des  Unter- 
silurs gegen  die  vorkambrischen  Gesteine  in  dem  an  das  rechte  Ufer 
der  Moldau  anschließenden  Gebiete  zuzukommen.  Krejci  hat  sich 
wiederholt  mit  dieser  wichtigen  Bruchlinie  befaßt.  In  den  „Erläute- 
rungen" (S.  84)  wird  sie  in  die  „Bruchspalte  des  Brdyrückens" 
(„Brdabruchlinie")  einbezogen  und  gesagt,  sie  bedinge  eine  der  be- 
deutendsten Dislokationen  in  den  Umgebungen  von  Prag.  In  der 
„Uebersicht"  (S.  93 — 95),  in  der  später  die  Störungen  des  ganzen 
Silurgebietes  dargestellt  wurden,  wird  jene  Strecke  als  die  nordöst- 
liche Fortsetzung  der  Bruchlinie  der  Przibramer  Lettenkluft  angesehen. 
Zwei  im  N  der  letztgenannten  liegende  Längsstörungen:  die  „Bruch- 
linie zwischen  dem  Tremosna-  und  dem  Slonovecrücken"  und  die 
„Jinecer  Bruchlinie"  (mit  der  nun  die  Brdabruchlinie  vereinigt  wird), 
werden  weiter  im  NO  mit  jener  Fortsetzung  der  Lettenkluft  in  Ver- 
bindung gebracht.  In  dem  die  „Uebersicht"  begleitenden  Kärtchen 
ist  dieses  Verhältnis  zur  Anschauung  gebracht.  Von  Bedeutung  ist 
u.  a.,  daß  in  der  Fortsetzung  der  Lettenkluft  im  NO  von  Mnischek, 
außerhalb  des  großen  südwestlichen  Gebietes  der  kambrischen  Kon- 
glomerate mit  der  Annäherung  an  die  Moldau  die  tieferen  unter- 
silurischen  Zonen  nacheinander  auskeilen,  bis  rechts  der  Moldau  in 
der  Gegend  von  Königsaal  die  Zone  d^  mit  den  azoischen  Schiefern 
in  Berührung  tritt,  wogegen  noch  weiter  in  NO  die  tieferen  Zonen 
wieder  erscheinen.  Krej  ci  hat  wiederholt  darauf  hingewiesen,  daß  bei 
Königsaal  „die  mannigfach  geknickten  und  gefalteten  Grauwacken- 
schiefer  d^  an  einer  Dislokationskluft  widersinnig"  (während  sie  sonst 
zumeist  nach  NW  geneigt  sind)  „unter  die  azoischen  Schiefer  ein- 
fallen". (Uebersicht  S.  64;  auch  S.  38  und  93^9). 


")  In  den  Erläuterungen  (S.  43)  war  hierbei  von  überkippter  Lage,  die  noch 
weiter  nach  NO  anhalten  sollte,  die  Rede ;  in  der  zugehörigen  Profiltafel,  Fig.  3,  ist 
Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  1.  Heft.  (F.  Wähner.)  9 


66  ^-  Wähner.  [66] 

Mit  dieser  Störung  haben  sich  in  neuer  Zeit  L  i  e  b  u  s,  E.  N  o  w  a  k  ^°) 
und  besonders  Kettn er  befaßt.  Liebus  schilderte  die  Verhältnisse 
in  der  Modraner  Schlucht  und  betrachtete  die  Störung  als  eine  Ueber- 
schiebung,  durch  die  die  alten  Schiefer  über  die  tieferen  Untersilur- 
zonen und  bis  an  die  Stufe  ^4  bewegt  worden  sind  ^O).  K  e  1 1  n  e  r  hat 
eine  umfassende  Darstellung  der  einschlägigen  Verhältnisse  gegeben 
und  drei  neue  Querschnitte  entworfen.  (S.  185,  187  ^s).  Gemeinsam 
ist  allen  drei  Punkten  (1.  bei  Zavist,  2.  an  der  neuen  Straße  nach 
Tocna,  3.  in  der  Modraner  Schlucht),  daß  die  vorkambrischen  Gesteine 
von  der  Störung  weg  (nach  südlichen  bis  östlichen  Richtungen)  fallen. 
Dieselben  sind  in  2  nahe  der  Störung  in  steile  bis  geneigte  Falten 
gelegt  und  von  kleinen,  mit  der  Hauptstörung  annähernd  parallelen 
Brüchen  (Ueberschiebungen)  durchsetzt.  Leider  sind  gerade  an  der 
Störung  nach  meinem  Dafürhalten  die  erwähnten  (von  mir  wiederholt 
besuchten)  Aufschlüsse  wie  gewöhnlich  recht  mangelhafte^).  Im  Ganzen 
zweifle  ich  nicht,  daß  in  der  besprochenen  Gegend  die  vorkambrischen 
Gesteine  aus  etwa  südöstlicher  Richtung  steil  über  das  Untersilur 
geschoben  sind,  während  sonst  im  südlichen  Teilgebiete  entgegen- 
gesetzt gerichtete  Bewegung  zu  erkennen  ist.  E.  Nowak^'^)  erklärt, 
diese  Ueberschiebung  sei  keine  Faltungsüberschiebung,  sondern  eine 
Schollenüberschiebung,  eine  Auffassung,  der  ich  mich  nicht  anschließen 
kann.  Die  Störung  trennt  zwei  Gebietsteile,  deren  altersverschiedene 
Gesteine  beiderseits  in  enge  Falten  gelegt    sind,  die,  nach    den  Auf- 


unmittelbar  an  der  Störung  die  Lagerung  verwirrt  dargestellt,  eine  überkippte 
Stellung  ist  daraus  nicht  mit  Sicherheit  zu  erkennen.  Diese  Auffassung  scheint 
später  aufgegeben,  da  sie  weder  in  der  Beschreibung  noch  in  der  graphischen 
Darstellung  wiederkehrt.  (Fig.  23,  S.  38  der  Uebersicht.)  Krejöi  dürfte  hierbei  die 
Verhältnisse  in  der  Modraner  Schlucht  im  Sinne  gehabt  haben,  wo  nach  Erläute- 
rungen S.  27  die  schwarzen  Schiefer  d^  „in  gestörter  Lagerung  in  der  Bruchlinie 
liegen" ;  in  Fig.  2,  S.  18  daselbst  ist  d^  an  der  Störung  von  angeblichen  Diorittuffen 
(wohl  infolge  eines  Druckfehlers  hier  mit  cZ,^  bezeichnet)  überlagert,  die  zu  den 
azoischen  Gesteinen  (damals  für  kurze  Zeit  zur  Stufe  C  gestellt)  gehören. 

'")  A.  Liebus,  Geol.  Wanderungen  in  der  Umgeb.  von  Prag,  Lotos  1907,  1908, 
1909.  Zusammengefaßt  und  erweitert  in:  Sammig.  gemeinnütz,  Vorträge,  Ver.  z. 
Verbr.  gemeinnütz.  Kenntn.  Prag,  Nr.  393— 395,  1911,  S.  132—134.  (Die  hiernoch 
als  kambrisch  angesehenen  Gesteine  sind  vorkambrisch.) 

®^)  So  läßt  sich  südlich  von  Zavist  die  Aufbiegung  der  rf^-Schichten  gegen 
die  Störung  (Fig.  1  bei  Kettner)  nicht  feststellen.  Kettner  scheint  damit  seine  aus- 
gedehnteren Erfahrungen  zusammengefaßt  zu  haben.  An  der  Straße  nach  Tocna 
ist  an  der  Störung  tatsächlich  eine  Zertrümmerungszone  mit  großen  geglätteten 
und  gestriemten,  aber  stark  verwitterten  Blöcken  zu  beobachten.  Die  Gesteine 
scheinen  stark  verändert  zu  sein,  die  Lagerung  ist  sehr  stark  gestört,  nicht  so 
regelmäßig,  wie  es  in  Fig.  2  schematisch  wiedergegeben  ist.  Ob  hier  wirklich  ein 
Rest  von  d^  vorhanden  ist,  bliebe  mir  zweifelhaft,  wenn  nicht  unfern,  etwa  W  von 
der  an  der  Straße  aufgeschlossenen  Ruschelzone,  im  Walde  im  Frühsommer  1916 
neue  kleine  künstliche  Aufschlüsse  zu  sehen  gewesen  wären,  die  zeigen,  daß  hier 
unzweifelhafte  cZ^-Quarzite,  stark  gestört,  von  Butschflächeu  durchsetzt,  mit,  wie 
teilweise  erkennbar,  sehr  steiler  Schichtenstellung  in  ziemlich  großer  Ausdehnung 
anstehen.  —  Während  das  Vorstehende  im  Druck  war,  erfreute  mich  Herr  Dr. 
Kettner  auf  eine  von  mir  gestellte  Anfrage  durch  eine  Reihe  von  Mitteilungen, 
die  zeigen,  daß  dem  Genannten  eingehende  Beobachtungen  an  einer  großen  Zahl 
von  Punkten  jener  Störungslinie  zur  Verfügung  stehen.  Er  sieht  die  a.  a.  O.  gege- 
bene Darstellung  als  eine  vorläufige  Mitteilung  au;  der  in  Aussicht  gestellten  aus- 
führlichen Veröffentlichung  vorzugreifen,  fühle  ich  mich  nicht  berechtigt. 


1(571         Zur  Beurteilung  des  Baues  des   mittelbölimischen  Faltengebirges.  67 

Schlüssen  an  der  Straße  nach  Tocna  zu  urteilen  (Fig.  2  bei  Kettner), 
sogar  sehr  ähnlich  gebaut  sind.  Aber  auch,  wenn  das  sonst  nicht  der 
Fall  sein  sollte :  mit  Faltenbau  haben  wir  es  beiderseits  zu  tun.  Wenn 
es  auch  nicht  weiter  von  Bedeutung  ist,  so  wäre  es  doch  willkürlich, 
eine  derartige  Ueberschiebung  nicht  aus  dem  Faltungsvorgang,  sondern 
unmittelbar  aus  dem  den  letzteren  bewirkenden  Seitenschub  abzu- 
leiten. Noch  viel  weniger  liegt  Veranlassung  vor,  irgendeinen  noch 
unbekannten  Seitenschub,  der  mit  der  im  ganzen  Gebiete  weit  ver- 
breiteten und  in  allen  Schichtengruppen  festgestellten  Faltung  nichts 
zu  tun  hätte,  zur  Erklärung  heranzuziehen. 

Sollten  wir  in  die  Lage  kommen,  streng  nachzuweisen,  daß  die 
hier  betrachtete  Störung  wirklich,  wie  Krejci  vermutet  hat,  die  Fort- 
setzung der  Bruchlinie  der  Przibramer  Lettenkluft  bildet  ^^^^  daum 
würde  sich  herausstellen,  daß  an  derselben  Störungsfläche  im  SW, 
wo  sie  nach  NW  geneigt  ist,  Bewegung  gegen  SO,  dagegen  im  NO, 
wo  sie  nach  SO  geneigt  ist,  Bewegung  gegen  NW,  demnach  dort  in 
einer  „südlichen",  hier  in  einer  „nördlichen"  Richtung  stattgefunden 
hat  ^3^,  —  ein  Ergebnis,  das  nur  neuerdings  zeigen  würde,  daß  in 
steil  gestellten  Schichtengruppen,  in  stark  zusammengeschobenen, 
geneigten  Falten,  es  oft  nur  von  örtlicher  Bedeutung  ist,  ob  diese 
nach  der  einen  oder  anderen  Richtung  „übergelegt",  bzw.  ob  die  sich 
hieraus  entwickelnden  Ueberschiebungsflächen  nach  der  einen  oder 
anderen  Richtung  geneigt  sind. 


8.  Senkungsbrüche. 

Da  in  der  böhmischen  Masse  jüngere  Senkungsbrüche,  darunter 
solche  von  beträchtlicher  Sprunghöhe,  eine  große  Rolle  spielen,  ist 
von  vornherein  zu  erwarten,  daß  gewöhnliche  Verwerfungen  auch  im 
mittelböhmischen  Faltengebirge  vorhanden  sind.  Wir  brauchen  nur  an 
das  Nächstliegende  zu  denken,  an  die  zahlreichen  Verwerfungen,  die 
durch  den  Steinkohlenbergbau  im  Oberkarbon  nachgewiesen  sind  und 
durch  dieses  hindurch  in  den  „silurischen"  Untergrund  reichen,  um 
zu  erkennen,  daß  auch  die  altpaläozoischen  und  vorkambrischen 
Schichten  von  derartigen  Brüchen  durchsetzt  sind.  Da  ist  es  nun 
merkwürdig  und  vielleicht  bezeichnend,  daß  in  diesen  gerade  Senkungs- 
brüche bisher  am  seltensten  nachgewiesen  sind,  wobei  wir  zunächst 
abzusehen  haben  von  jenen  Längsstörungen,  deren  wahre  Natur  noch 
nicht  ermittelt  ist.  Es  mag  sein,  daß  man  jenen  bisher  zu  geringe 
Aufmerksamkeit  geschenkt  hat. 


*'•*)  Es  liegt  noch  heute  sehr  nahe  dies  anzunehmen.  Vgl.  darüber  auch 
Kettner''^)  S.  184,  der  zur  Erforschung  der  einander  naindestens  räumlich  vertre- 
tenden Störungen  wertvolle  Beiträge  geliefert  hat^^  "). 

®^)  Danait  wäre  keine  vollkommen  neue  Feststellung  erzielt.  Vorläufig  mag 
es  genügen,  auf  einen  Hinweis  Kossmats*'')  aufmerksam  zu  machen,  der  gezeigt 
hat,  daß  in  der  Grenzregion  zwischen  Zentral-  und  Südalpen  die  Gegend  von 
Sillian  „einen  Wendepunkt  in  der  Tektionik  des  südalpinen  Inneurandes"  bedeutet. 
„Im  Osten  wenden  sich  die  Ueberkippungen  gegen  die  Zentralzone,  im  Westen 
gegen  die  adriatische  Mulde."  Der  Uebergang  von  der  einen  Bauart  zur  anderen 
erfolgt  in  diesem  Falle  ganz  allmählig.  (S.  ,135.) 


68  F-  Wähner.  [08] 

Von  dem  Vorhandensein  von  Brüchen,  an  denen  Gebirgsstücke 
absitzen,  kann  man  sich  unschwer  überzeugen.  Gute  Beispiele  trifft 
man  am  Westgehänge  des  Moldautales  bei  Prag.  Nahe  der  Grenze 
des  Untersilurs  gegen  das  Kalkgebiet  befinden  sich  in  diesem  nördlich 
von  Slichow  aufgelassene  Steinbrüche,  von  denen  einer  in  der  Sp.-K. 
NO  unterhalb  des  Punktes  284  verzeichnet  ist.  In  diesem  stehen  unter 
den  dünnschichtigen  (/i-Knollenkalken,  durch  die  oben  der  hochgelegene 
Teil  der  Buschtiehrader  Bahnstrecke  Smichow-Hostiwitz  verläuft, 
undeutlich  geschichtete  /2-Kalke  an,  die  von  mehreren  kleinen  Ver- 
werfungen durchsetzt  sind,  wobei,  wie  an  den  überlagernden  Knollen- 
kalken zu  sehen  ist,  die  gegen  die  Moldau  folgenden  Teile  immer 
tiefer  gesunken  sind.  Eine  andere  Verwerfung  liegt  weiter  südlich  an 
der  eben  erwähnten  hochgelegenen  Bahnstrecke,  nächst  dem  Wächter- 
hause. Sie  ist  in  einem  der  Lichtbilder  H.  Eckerts  in  Prag  (124  der 
Sammlung:  „Schichtenkopf  am  Zdirad  bei  Slichow")  wahrzunehmen, 
das  aus  ungefähr  südlicher  Richtung  aufgenommen  ist.  Die  Ver- 
werfung streicht  annähernd  parallel  zum  Moldautal  und  ist  gegen 
dieses  geneigt ;  zu  beiden  Seiten,  besonders  rechts  von  der  Ver- 
werfung, sieht  man  schöne  kurze  Schleppungserscheinungen  in  den 
hier  ziemlich  dicken  Knollenkalkbänken  9^.  Es  ist  zu  beachten,  daß 
das  unmittelbar  rechts  vom  sichtbaren  Bruche  liegende  Gebirgsstück 
entfernt  ist;  der  Felsen,  der  im  Bilde  hier  zu  liegen  scheint,  liegt 
in  Wirklichkeit  weiter  zurück  (in  größerer  Entfernung  vom  Beschauer). 
Die  rechts  liegenden  Teile  sind  gesenkt.  Manche  werden  geneigt  sein, 
diese  kleinen  Brüche  mit  Krejcis  nordsüdlich  verlaufender  „Bruch- 
linie des  Moldautales"  in  Verbindung  zu  bringen;  es  kann  sich  hier 
aber  um  recht  junge  Senkungen  handeln,  die  mit  der  Talbildung  zu- 
sammenhängen. 

Es  gibt  Querbrüche  (Blattverschiebungen),  an  denen  nicht 
annähernd  horizontale,  sondern  schräg,  u.  zw.  steil  nach  abwärts  (oder 
aufwärts)  gerichtete  Bewegungen  stattgefunden  haben.  J.  W  0 1  d  f  i  c  h  ^'^) 
beschreibt  ein  bezeichnendes  Beispiel  aus  der  Gegend  von  Trzeban 
(S.  17  ff.).  An  dem  etwa  gegen  NNW  streichenden  Vockover  Quer- 
bruche  erscheint  der  Ostflügel  nicht  nur  ein  Stück  gegen  S  verschoben, 
sondern  zugleich  der  Westflügel  gegen  den  Ostflügel  gesenkt.  Der 
Verf.  macht  auf  die  Verschiedenheiten  aufmerksam,  welche  die  c/g- 
und  ej-Schichten  und  die  Diabasvorkommnisse  zu  beiden  Seiten  der 
Verwerfung  zeigen,  und  hebt  hervor,  daß  ein  ziemlich  mächtiger 
Streifen  von  Untersilur  (c/5),  der  im  0  ein  gleichsinnig  gegen  NW  ge- 
neigtes, in  den  obersilurischen  Graptolithenschiefer  eingeschaltetes 
Gewölbe  bildet,  im  W  der  Verwerfung  nicht  vorhanden,  sondern  von 
Graptolithenschiefer  vertreten  wird.  Mit  Recht  schließt  Woldr ich,  daß 
der  Westflügel  gesunken  erscheint  und  daher  hier  das  (/5-Gewölbe  noch 
von  e^  überlagert  ist,  während  in  dem  tektonisch  höher  liegenden  Ost- 
flügel e^  bereits  abgetragen  und  daher  f/5  bloßgelegt  ist.  Man  darf 
hierbei  nur  nicht  übersehen,  daß  dieselbe  Wirkung  durch  die  mit  der 
seitlichen  Verschiebung  verbundene  Hebung  des  Ostflügels  erzielt  würde. 

R.  Kettner  (S.  188  ^s)  hat  zwischen  Jarov  und  Kuchelbad  eine 
nordsüdlich  verlaufende  „Moldauverwerfung"  aufgestellt  und  schließt 
aus  der  Unterbrechung  der  Porphyrlagergänge  und  der  oben  (S.  65  ff.) 


[69]         Zur  Beurteilung  des  Baues  des  niittelböhmischen  Faltengebirges,  69 

besprochenen  Längsstörung,  daß  die  rechts  der  Moldau  gelegenen 
Schichten  an  dieser  Verwerfung  abgesunken  und  wahrscheinlich  zu- 
gleich ein  wenig  gegen  N  verschoben  sind.  Auch  in  einer  anderen 
Veröffentlichung  *o^  scheint  Kettner  den  Anzeichen  senkender  Be- 
wegungen nachgegangen  zu  sein  und  solche  sowohl  entlang  von  Quer- 
brüchen wie  an  Längsbrüchen  festgestellt  zu  haben  ^*). 

Hinsichtlich  der  Querbrüche  ist,  wie  schon  bemerkt,  zu  beachten, 
daß  wir  es,  falls  an  ihnen  neben  Senkungen  auch  seitliche  Ver- 
schiebungen zu  beobachten  sind,  wahrscheinlich  mit  schräg  nach  ab- 
wärts (oder  aufwärts)  vor  sich  gehenden  Verschiebungen  zu  tun  haben. 
Wenn  diese  Blattverschiebungen  auch  (mindestens  zum  Teil)  in  einen 
späten  Abschnitt  der  Gebirgsbildung  zu  setzen  sind  (vgl.  oben  S.  37), 
so  gehen  sie  doch  aus  demselben  Zusammenschub  hervor,  der  sich 
auch  in  der  Faltung  äußert,  und  an  einen  je  engeren  Zusammenhang 
mit  der  Faltung  wir  denken,  desto  eher  wird  man  schräg  nach  auf- 
wärts gerichtete  Bewegung  annehmen  dürfen.  Auch  wenn  die  er- 
wähnten Verschiebungen  nach  abwärts  gerichtet  gewesen  sein  sollten, 
lägen  in  ihnen  keine  reinen  Senkungen  vor. 

Anderseits  ist  noch  ein  weiterer  Gesichtspunkt  zu  berück- 
sichtigen. Es  ist  recht  gut  möglich,  daß  jüngere  Senkungen,  die  sich 
hier  vermutlich  ebenso  wie  in  dem  weiteren  Gebiete  der  böhmischen 
Masse  ereignet  haben,  vielfach  alte,  teilweise  noch  klaffende  oder  durch 
Verkeilung  und  Mineralabsätze  nicht  vollkommen  verfestigte  Brüche, 
besonders  die  steiler  zur  Tiefe  setzenden,  benützt  haben.  Es  können 
daher  sowohl  an  Längsbrücheu  wie  an  Quer-  und  Diagonalbrüchen 
bis  in  sehr  junge  Zeit  Bewegungen  in  einem  ganz  anderen  Sinne  ein- 
getreten sein  als  in  dem  der  ursprünglichen  Bewegung  zur  Zeit  ihrer 
Entstehung.  So  können  mithin  auch  die  Bahnen  von  flachen  Blatt- 
verschiebungen, z.  B.  indem  von  J.  Woldfich  beschriebenen  Falle, 
lange  nach  ihrer  Entstehung  zu  senkenden  Bewegungen  benützt  worden 
sein,  die  mit  der  ursprünglichen  tangentialen  Verschiebung  ursächlich 
sonst  nichts  zu  tun  haben.  Sollten  sich  derartige  junge  Bewegungen 
an  alten  Brüchen  häufig  ereignet  haben,  dann  hätte  dies  vielleicht 
sogar  dazu  beigetragen,  daß  wir  bisher  so  selten  imstande  waren, 
senkende  Bewegungen  an  Brüchen  des  mittelböhmischen  Faltengebirges 
mit  Sicherheit  zu  ermitteln. 


**)  Von  der  wichtigen  Arbeit  Kettners  ist  kürzlich  während  des  Druckes 
der  vorliegenden  Schrift  auch  eine  deutsche  Ausgabe  erschienen :  Ueber  2itecer 
Konglomerate  —  den  untersten  Horizont  des  böhm.  Kambriums,  (Bull,  internat.  Ac. 
d.  Sc.  de  Boheme  XX,  1915.)  Aus  den  Lagerungsverhältnissen  schließt  der  Verf. 
auf  Senkungserscheinungen  an  einem  Längsbruch  und  zahlreichen  Querstörungen. 
Da  derselbe  seine  Untersuchungen  in  der  Gegend  von  Przibram  fortsetzt,  sind  wohl 
noch  weitere  Auxklärungeu  über  diesen  Gegeustand  zu  erwarten. 


70  F.  Wähner.  [70J 


Zusätze. 

Zu  S.  6  unten:  Eine  Uebersicht  kleineren  Maßstabes  des  Gesamtgebietes 
bietet  Podtas  Geol.  Karte  der  weiteren  Umgebung  von  Prag  1:200.000  (Geol. 
Karte  von  Böhmen,  Sekt.  V;  Archiv  Natw.  Ldsdurchf.  von  Böhmen,  XII,  6). 

Zu  S.  7,  Fußnote  10:  Vgl.  die  geol.  Karte  von  Prag  in  Poe  ta,  Der  Boden 
der  Stadt  Prag.  (Sitzber.  d.  kgl.  böhm.  Ges.  d.  Wiss.  1904,  Prag  1905.) 

Zu  S.  27  —  33:  Einer  freundlichen  Mitteilung  Herrn  Dr.  Kettners  ver- 
danke ich  die  Kenntnis  einiger  Arbeiten,  die  mich  in  die  Lage  bringt,  vor  Ab- 
schluß des  Druckes  ein  Versehen  gut  zu  machen.  Brüche  mit  schichtenparallelen 
Rutschstreifeu  sind  bereits  aus  kambrischen  Konglomeraten  des  südwestliclien 
Teiles  des  mittelböhmischen  Faltengebirges  beschrieben  und  abgebildet  worden: 
Cyrill  Rit.  v.  Purkyne,  Die  Steinkohlenbecken  bei  Miröschau  und  Skofic  und 
ihre  nächste  Umgeb.  II.  Ein  Beitr.  z.  Morph,  des  Brdygebirges,  S.  4,  5,  Fig.  2. 
(Bull.  Internat.  Ac.  d.  Sc.  de  Boheme  X,  1905.)  Derselbe  Verf.,  Tekton.  Skizze 
des  Tfemosnagebirges  zw.  Strasic  u.  Rokycan,  S.  2,  11.  (Dasselbe  Bull.  XX,  1915.) 
Es  scheint  sich  zumeist,  wie  in  dem  abgebildeten  Falle,  um  Querbrüche  zu  handeln, 
Als  bezeichnend  wäre  aus  der  ersterwähnten  Schrift  anzuführen:  ,;Nur  in  einem 
der  beobachteten  Fälle  .  .  fand  ich  die  Richtung  der  Friktionsstreifen  parallel  mit 
dem  Fallen  der  Paraklase,  als  Zeichen  einer  Verwerfung;  bei  allen  übrigen  be- 
i  chteten  Paraklasen  ist  die  Richtung  der  Friktionsstreifen  .  .  parallel  mit  den 
Projektionen  der  Schichtflächen  .  .  ."  Herrn  Prof.  v.  Purkyne  gebührt  mithin 
die  Priorität  für  die  Entdeckung  jener  schichtenparallelen  Verschiebungen;  die 
obigen  Ausführungen  aber  erhalten  dadurch  eine  mir  sehr  willkommene  Be- 
stätigung. 

Zu  S.  32  f. :  Das  bekannte,  in  den  vorkambrischcn  Gesteinen  der  Modrzaner 
Schlucht  auftretende  Konglomerat  wird  von  einem  auffallend  ebenflächigen 
Querbruch  durchsetzt,  der  die  GeröUe  glatt  durchschneidet,  in  der  Fallrichtung 
der  Bänke  gegen  SO  streicht  und  sehr  steil,  etwa  80 ",  gegen  SW  geneigt  ist. 
Die  bloßgelegte  Bruchfläche  ist  mit  einer  stellenweise  sehr  dicken  Quarzaus- 
scheidung überzogen,  auf  der  die  im  Sinne  des  Fallens  der  Bänke  ungefähr  30" 
gegen  SO  geneigten  Ru/schstreifen  gut  zu  sehen  sind.  An  einer  beschränkten 
Stelle  sind  horizontale  Rutschstreifen  zu  beobachten,  ein  Zeichen,  daß  —  wie 
so  oft  —  die  Richtung  der  Bewegungen  gewechselt  hat.  (Auch  an  einem  vor 
Jahren  hier  abgetrennten  Stück  der  Quarzausfüllung  erkennt  man  Rutschstreifen 
von  zweierlei  Richtung.) 

Das  eigenartige  Aussehen  der  anderwärts  in  den  vorkambrischen  Gesteinen 
wahrgenommenen  Quer-  und  Diagonalbrüche  mit  schichtenparallelen  Rutsch- 
streifen beruht  hauptsächlich  darauf,  daß  die  Bruchflächen  durch  das  Auftreten 
kleiner  Hohlkehlen  mit  verhältnismäßig  hohen  und  oft  ziemlich  scharfen  Kämmen 
und  entsprechenden  Vertiefungen  sehr  uneben  erscheinen.  Die  von  dem  Verhalten 
gewöhnlicher  Rutschflächen  am  meisten  abweichende  Ausbildung  habe  ich  in  einem 
alten  kleinen  Steinbruche  W  des  Dorfes  Okrouhlo  im  südöstlichen  Moldaugebiet 
getroffen,  wo  die  azoischen  Schiefer  auf  kleinem  Räume  von  überaus  zahlreichen 
einander  in  verschiedenen  Richtungen  kreuzenden  Brüchen  dui-chsetzt  sind.  An 
den  weitaus  meisten  Verschiebungsflächen  sieht  man  auch  hier  schichtenparallele 


[71]         Zur  Beurteilimsr  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges.  71 

Rutschstreifen,  es  fehlen  aber  nicht  Brüche,  deren  Rutschstreifen  von  der  Schich- 
tung stark  abweichen.  Die  letzteren  besitzen  die  genau  gleiche  Ausbildungsweise 
und  zeigen  damit  ebenfalls,  daß  von  einer  Deutung  als  Verwitterungserscheinung 
nicht  die  Rede  sein  kann. 

Zu  S.  44:  Kettner"^)  hat  in  der  Fortsetzung  der  Przibramer  Letten- 
kluft NW  von  Dobfi§  eine  ungefähr  100  m  mächtige  Ruschelzone  aufgefunden,  in 
der  die  vorkambrischen  Gesteine  stark  zerdrückt  und  zerstückelt  sind.  (S.  19  und 
Fig.  4  auf  S.  20 ) 


Bemerkungen  zu  den  Tafeln. 

Die  Photogramme  sind  auf  Platten  13  .  18  cm  aufgenommen,  daher  in  der 
Wiedergabe  zumeist  entsprechend  verkleinert.  Nur  das  von  Stud.  J.  John  f 
herrührende  Original  von  Taf.  III,  Abb.  2,  ist  9.12  cm  groß. 

Drei  von  den  Zinkätzungen  sind  bereits  anderweitig  verwendet.  Die  Leitung 
des  Vereins  z.  Verbr.  natw.  Kenntnisse  in  Wien  hat  die  Wiederbenützung  der 
Stöcke  zu  Taf.  V,  Ab'>  1  und  2,  bereitwilligst  gestattet.  Die  Zinkätzung  zu 
Taf.  I,  Abb.  1  wurde  zuerst  für  die  vom  Ortsrate  Prag  des  Deutsch.  Volksrates 
f.  Böhmen  herausgeg.  Schrift  „Prag  als  deutsche  Hochschulstadt"  verwendet  und 
von  der  Firma   Koppe-Bellmann,  Akt.-Ges.   in  Smichow,    zur  Verfügung   gestellt. 

Die  sachlichen  Erläuterungen  zu  den  Tafeln  sind  im  Text  gegeben. 

Taf.  I,  Abb.  1  gibt  als  Nahaufnahme  nur  einen  kleinen,  aber  bezeichnenden 
Teil  der  Faltungserscheinungen  des  Barrandefelsens  wieder. 

Taf.  VIII,  Abb.  1  beruht  auf  zwei  aneinanderschließenden  Nahaufnahmen, 
die  von  demselben  Punkte  aus  mit  Zeiss'  Protarsatz  Ser.  Vll,  Kombination  4 -[-2 
(/=.35  und  22  cm)  hergestellt  wurden.  Dieses  Objektiv  entspricht  einer  Brenn- 
weite von  15"5  cm  und  gibt  auf  Platte  13  .  18  cm  einen  ausgenützten  Bildwinkel 
von  71°.  Beide  Aufnahmen  zusammen  umfassen  demnach  einen  Raum,  der  nicht 
weit  unter  einem  Bildwinkel  von  140^  bleibt.  Die  nach  verschiedenen  Richtungen 
aufgenommenen  Ansichten  besitzen  verschiedene  Perspektive,  in  der  gewöhn- 
lichen Art  zusammengestellt  ergeben  sie  daher  kein  einheitliches  Bild,  sondern 
wirken  etwa  wie  zwei  verschiedene  Wände,  die  in  einem  stumpfen  Winkel  zu- 
einander stehen.  Dies  zeigt  sich  besonders  deutlich  an  den  annähernd  gerade 
verlaufenden  Linien  wie  dem  oberen  Rande  der  Friedhofmauer  und  den  Eisenbahn- 
schienen, aber  auch  an  den  kurzen  Brüchen,  die  alle  an  der  Grenze  der  beiden 
aneinandergefügten  Originalaufnahmen  in  gebrochenen  Linien  zusammenstoßen. 
Solchen  Uebelständen  hilft  das  von  Max  Jaffe  erdachte  Verfahren  der  Weit- 
raumphotographie  ab.  Dasselbe  besteht  im  wesentlichen  darin,  daß  nach 
den  Originalaufnahmen  neue  Negative  in  der  Weise  angefertigt  werden,  daß  die 
ersteren  nicht  senkrecht,  sondern  schief  zur  Objektivachse  gestellt  werden.  Eine 
genaue  Beschreibung  des  Verfahrens  enthält  die  Oest.  Photographenzeitung  1904, 
Heft  1,  eine  allgemein  gehaltene  die  Monatsschrift  der  Wr.  Bauhütte  1907,  H.  9. 
Das  Verfahren  scheint  hier  das  erstemal  für  geologische  Zwecke,  denen  es  in 
vielen  Fällen  dienlich  sein  dürfte,  angewendet  zu  sein. 

Die  S.  43  f.  berührten  Schleppungserscheinungen  sind  vom  Standpunkte 
der  Aufnahme  nicht  deutlich  erkennbar.  Die  S.  43  erwähnten,  von  Telegraphen- 
drähten herrührenden  Streifen  erscheinen  nicht  in  der  Abbildung. 


72  ^'  Wähner.  [72] 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

1.  Geschielitliches  über  die  LängsbrUche.  Eine  tektonische  Regel 2 

o)  J.  Krejci 2 

b)  J.  Krejci  und  E.  Suess 4 

c)  F.  K  atz  er 10 

d)  F.  E.  Suess 14 

2.  Vorläufiges  zur  Beurteilung  der  LängsbrUche 16 

3.  Weitere  Kennzeichen  tangentialer  Gebirgsbewegung- 19 

a)  Bewegungsspuren  an  Schichtflächen 19 

b)  Ablösung  von  Schichtengruppen 21 

c)  Beobachtungen  an  Querbrüchen 25 

d)  Isoklinale  Lagerung 38 

4.  Ueberschiebungen 39 

5.  Kolonien 48 

C.  Diabas-Lagergänge 51 

7.  Symmetrischer  Bau 57 

8.  Senkungsbrüche 67 

Zusätze 70 

BemerkungenzudenTafeln , 71 


Chemische  Untersuchung  der  Schwefelquelle 
in  Luhatschowitz. 

Von  C.  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl. 

Auf  Ersuchen  der  Badedirektion  Luhatschowitz  wurde  eine 
Analyse  der  dortigen  Schwefelquelle  durchgeführt.  Zur  Probenahme 
begab  sich  Hackl  im  Juni  1913  an  Ort  und  Stelle.  Die  Quelle,  eine 
Vereinigung  von  vier  kleineren  Quellen,  ist  zirka  300  m  vom  Kurplatz 
entfernt  und  war  schon  längere  Zeit  bekannt.  Nach  Mitteilung  der 
Badedirektion  wurde  sie  vor  30 — 40  Jahren  zum  erstenmal  in  3  m 
Tiefe  mit  Steinen  gefaßt.  Im  Jahre  1912  erfolgte  eine  Neufassung, 
welche  die  Ergiebigkeit  bedeutend  erhöhte.  Der  Schacht  ist  jetzt 
10  w  tief,  die  oberen  5  m  sind  mit  Beton  eingefaßt,  die  unteren  mit 
gebrannten  Ziegeln.  Bei  normalem  Wasserstand  steigen  keine  Gasblasen 
auf,  sondern  erst  bei  bedeutender  Senkung  des  Wasserspiegels  durch 
starkes,  rasches  Auspumpen.  Die  Temperatur  des  Wassers  betrug  am 
10.  Juni  1913  Nachmittag  9-2o  C,  am  11.  Juni  1913  um  11  Uhr  Vormittag 
bei  17-8° C  Lufttemperatur  im  Schatten  und  734*2  mm  Barometerstand 
gleichfalls  9-2o  C.  Nach  Angabe  der  Badedirektion  ist  dieselbe  sehr 
konstant,  die  Ergiebigkeit  jedoch  variabel,  und  zwar  durchschnittlich 
0-57  /  pro  Sekunde  (=  4925  hl  in  24  Stunden).  Drei  frühere  Analysen 
von  S tr an sky  (Brunn)  stammen  aus  den  Jahren  1911  und  1913  und 
wird  über  dieselben  weiter  unten  berichtet.  Das  frische  Wasser  zeigt 
sehr  geringe  weißliche  Trübung  und  riecht  sehr  deutlich  nach  Schwefel- 
wasserstoff. In  einem  verstopften  Kolben  trat  mit  ammoniakalischem 
Bleiazetatpapier  erst  nach  einer  Viertelstunde  schwache  Hg'S'-Reaktiou 
ein,  nach  dem  Ansäuern  des  Wassers  mit  HCl  aber  binnen  wenigen 
Sekunden  ziemlich  stark. 

Was  die  Vorbereitungen  zur  Analyse  betrifft,  so  ist  zu  erwähnen, 
daß  am  10.  Juni  1913  außer  der  großen  Wasserprobe  in  Mineralwasser- 
flaschen (zur  Probenahme  mit  der  Fresenius'schen  Füllvorrichtung 
versehen)  und  einem  großen  Glasballon  auch  die  notwendigen  kleineren 
Proben  genommen  wurden;  und  zwar  zur  Bestimmung  der  Gesamt- 
kohlensäure drei  Kolben,  in  welchen  sich  kohlensäurefreies  Calcium- 
hydroxyd  und  Chlorcalcium  befand,  mittels  der  Fresenius'schen 
Vorrichtung  mit  Wasser  gefüllt  und  hierauf  mit  Kautschukstopfen 
und  Bindfaden  verschlossen  wurden;  zur  Gesamt-i^s-S-  und  genauen 
Schwefelsäurebestimmuug  zwei  Kolben,  in  welchen  sich  Cadmiumchlorid 
befand,  wie  vorher  mit  Wasser  gefüllt  und  verschlossen  wurden ;  und 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  191C,  6ü.  Bd.,  !.  Hft.  (Eichleiter  u.  Ilackl.)         IQ 


74  C.  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl.  [2] 

ferner  zur  Bestimmung  von  Thiosulfat  ein  Kolben,  in  dem  sich  Cadmium- 
nitrat  befand  (um  bei  der  Fällung  mit  Silbernitrat  möglichst  wenig 
Ag  Cl  zu  bekommen),  ebenso  gefüllt  und  verschlossen  wurde.  Alle 
Kolben  wurden  knapp  vor  der  Füllung  samt  Reagenzien  und  Kautschuk- 
stopfen gewogen  und  knapp  nach  der  Füllung  (ohne  Bindfaden)  wieder. 
Am  11.  Juni  wurde  die  Probenahme  frei  entströmender  Gase  versucht, 
doch  auch  nach  lauge  fortgesetztem  intensivem  Pumpen  und  sehr 
bedeutender  Erniedrigung  des  Wasserspiegels  stiegen  die  Blasen  nur 
sehr  vereinzelt  und  an  sehr  verschiedenen  Stellen  auf,  so  daß  auch 
mit  Hilfe  einer  Leiter  die  nötige  Menge  nicht  zu  bekommen  war. 
Hierbei  hat  sich  übrigens  auch  das  verwendete  Bunsen'sche  Gas- 
sammelröhrchen  mit  Auffangtrichter  sehr  wenig  bewährt,  denn  wenn, 
wie  es  leider  gewöhnlich  der  Fall  ist,  das  Gas  im  Trichter  oder  in  der 
Verengerung  der  Röhre  zurückgehalten  wird,  dann  hilft  auch  meistens 
das  empfohlene  Klopfen  auf  eine  harte  Unterlage  sehr  wenig  oder 
gar  nicht.  Hackl  hat  deshalb  eine  neue  Vorrichtung  konstruiert,  die 
sich  bereits  bestens  bewährt  hat  und  bei  Gelegenheit  publiziert 
werden  soll. 

Die  Bestimmungen  von  Cl-\-Br-\-J,  SiO^,  AI,  Ca -\- Sr -\- Ba, 
Mg,  K,  Na,  P2O5  und  NHi^  stammen  von  Eichleiter,  alles  Uebrige 
wie  auch  Ausarbeitung  und  kritische  Stellungnahme  wurde  von  Hackl 
durchgeführt.  Und  nun  zu  den  angewendeten  Analysenverfahren: 

Die  Gesamt-Kohlensäure  bestimmung  wurde  an  der  Quelle 
vorbereitet  und  mit  einem  etwas  modifizierten  Fresenius-Classen- 
Ap parat  ausgeführt,  durch  Austreiben  und  Absorption  des  CO2  in 
Natronkalk  nach  vorheriger  Bindung  des  ^^2*8'  an  Kupfervitriol- 
Bimsstein. 

Der  Gesamt-Schwefelwasserstoff  wurde  durch  Filtrieren 
des  an  der  Quelle  gefällten  Schwefelcadmiums,  Oxydation  mit  Brom- 
salzsäure, Abdampfen  und  Fällung  mit  Chlorbaryum  in  schwach  salz- 
saurer Lösung  bestimmt. 

Auf  Thiosulfat  wurde  im  Filtrat  vom  CdS  durch  Fällung 
mit  Silbernitrat  und  Lösen  des  Chlorsilbers  in  Ammoniak  geprüft. 

/SO4  konnte,  da  Thiosulfat  nur  in  Spuren  vorhanden  war, 
nach  dem  Filtrieren  des  CdS  im  Filtrat,  ohne  Kochen  mit  HCl  im 
COg-Strom,  nach  dem  Ansäuern  mit  Salzsäure  durch  Fällung  mit 
Chlorbaryum  bestimmt  werden. 

Cl-]~Br-\~J  wurde  nach  Fresenius,  Quant.  Analyse,  6.  Aufl., 
2.  Band,  pag.  207,  bestimmt. 

/SW2,  AI,  Ca-\-Sr-\-Ba  und  Mg  wurden  nach  dem  gewöhnlichen 
Verfahren  in  einer  Portion  bestimmt,  jedoch  jede  Fällung  zweimal 
nacheinander  ausgeführt;  AI  wurde  von  Fe  durch  Kalilauge  getrennt. 

K  und  Na  wurden  durch  Abscheidung  der  Schwefelsäure  mittelst 
Chlorbaryum,  Trennung  von  den  anderen  Basen  mittelst  Baryumhydroxyd 
und  Abscheidung  des  Ba  durch  Ammonkarbonat  als  Chloride  bestimmt 
und  mittelst  Platinchlorid  getrennt. 

Auf  PgOß  wurde  nach  Fresenius,  Quant.  Analyse,  2.  Band, 
pag.  218,  geprüft. 

NHi  ist  nach  Fresenius,  pag.  219,  1.  Verfahren,  bestimmt 
worden. 


[3]  Chemische  Untersuchung  der  Schwefelquelle  in  Luhatschowitz.  75 

Auf  Arsen  wurde  durch  Eindampfen  von  I72 '  unter  Sodazusatz, 
Filtrieren  und  Ausführen  der  Bettendorf'schen  Reaktion  mit  dem 
Filtrat  geprüft;  dieselbe  fiel  negativ  aus.  Einleiten  von  H^S  in  die 
schwach  salzsaure  Lösung  gab  nicht  die  geringste  Fällung.  Eine 
Parallelprobe  mit  1  mg  ^SgOg  in  gleicher  Flüssigkeitsmenge  ergab 
jedoch  sehr  deutliche  Fällung.  Eventuell  vorhandenes  As  mußte  deshalb 
weit  unter  dieser  Menge  sein,  weshalb  darauf  auch  noch  in  einer 
sehr  großen  Wassermenge  geprüft  wurde,  siehe  weiter  unten. 

Auf  Blei  wurde  nach  dem  Verfahren  von  Frerichs(Lunge- 
Berl,  chem.-techn.  Untersuchungsmethoden,  6.  Aufl.,  2.  Band,  pag.  275) 
mit  Hilfe  von  Watte  geprüft.    In  1  l  war  keine  Spur  nachweisbar. 

Zum  Eisennachweis  wurden  100  cm^  Wasser  aus  frisch  ge- 
öffneter, vollgefüllter  Flasche  mit  einigen  Tropfen  Ammoniak  und 
frischem  üTgS-Wasser  versetzt;  es  entstand  deutliche  Bräunung,  welche 
durch  Essigsäurezusatz  völlig  verschwand,  also  nicht  von  Ph  oder  Cu 
herrührte.  Die  Bestimmung  erfolgte  in  Anbetracht  der  geringen  Menge 
durch  kolorimetrische  Titration :  500  g  Wasser  wurden  in  einem  hohen 
Becherglas  auf  Filtrierpapierunterlage  mit  5  cm^  iZgÄ- Wasser  und  zwei 
Tropfen  Ammoniak  versetzt.  In  einem  zweiten  gleichen  Becherglas 
wurde  in  500  g  destilliertes  Wasser,  ebenfalls  mit  5  an^  i/äS- Wasser 
und  2  Tropfen  Ammoniak  versetzt,  aus  einer  Bürette  tropfenweise 
eine  Lösung  von  0*0700  g  Mohr'schem  Salz  in  100  cm^  Wasser  (mit 
1  Tropfen  Schwefelsäure  und  etwas i/aS- Wasser  versetzt;  1  cm3  =  0*1  mg 
Fe)  bis  zum  gleichen  Farbton  zugegeben. 

Mangan  wurde  durch  Verdampfen  von  100  cm^  Wasser  mit 
Salpetersäure,  Abdampfen  mit  HNO^,  Aufnehmen  mit  verdünnter 
Salpetersäure  und  Kochen  mit  Bleisuperoxyd  nachgewiesen.  Die  Be- 
stimmung erfolgte  kolorimetrisch  durch  Eindampfen  von  5O0  g  Wasser 
mit  Salpetersäure,  zweimaliges  Abdampfen  mit  HNO^,  Lösen  in 
Salpetersäure,  Kochen  mit  Bleisuperoxyd  und  Filtrieren  durch  Asbest; 
in  ein  gleiches  Volumen  verdünnter  Salpetersäure  wurde  aus  einer 
Bürette  tropfenweise  eine  Lösung  von  0*0288  g  KMnO^  in  100  cm^  IL^O 
(1  cm^  =  Ol  m^  Mn)  gegeben,    bis  der  gleiche  Farbton  erreicht  war. 

Auf  Salpetersäure  wurde  mit  Bruciu  und  Schwefelsäure 
geprüft;  ergab  nur  Spuren. 

Auf  salpetrige  Säure  wurde  ebenfalls  mit  Brucin  und 
Schwefelsäure  geprüft;  da  keine  Reaktion  eintrat,  wurde  nach  Ab- 
scheidung des  Eisens  mit  Jodkalium  und  Stärke  geprüft,  und  weil  auch 
hierbei  keine  Reaktion  erhalten  wurde,  auch  noch  mit  Metaphenylen- 
diamin,  wodurch  die  Abwesenheit  von  NO.^   sichergestellt  wurde. 

Die  organischen  Substanzen  wurden  nach  Kübel  durch 
Oxydation  in  saurer  Lösung  bestimmt. 

Fluor,  Lithium,  Cäsium,  Rubidium  und  Thallium 
wurden  in  20  l  bestimmt,  beziehungsweise  nachgewiesen.  Diese  Menge 
wurde  auf  zirka  300  cm^  eingedampft  (Sodazusatz  war  nicht  notwendig, 
weil  alkalische  Reaktion  vorhanden  war  und  bestehen  blieb),  dann 
wurde,  um  alles  Fluor  in  den  Niederschlag  zu  bekommen,  nach 
Cäsar  es  Chlorcalcium  zugesetzt  und  gekocht,  hierauf  filtriert  und 
mit  Wasser  gewaschen.  Das  so  erhaltene  Filtrat  diente  zur  Lithium- 
bestimmung.    Der    alles   Fluor    enthaltende  Niederschlag    wurde    mit 

10* 


76  C.  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl.  [4] 

verdünnter  Essigsäure  behandelt,  zur  Trockne  abgedampft,  mit  Wasser 
aufgenommen,  filtriert  und  gewaschen.  Der  verbliebene  Rückstand 
wurde  verascht,  mit  Kalium-Natrium-Karbonat  verrieben  und  bei 
niedriger  Temperatur  im  Platintiegel  aufgeschlossen,  die  Schmelze 
mit  Wasser  ausgelaugt,  filtriert,  die  Lösung  auf  dem  W^asserbad  mit 
Ammonkarbonat  erwärmt,  filtriert,  zur  Trockne  verdampft  und  mit 
Wasser  aufgenommen ;  hierauf  etwas  Natriumkarbonat  und  eine  Lösung 
von  Zinkoxyd  in  Ammonchlorid  und  Ammoniak  hinzugefügt  und 
verdampft  bis  zum  Verschwinden  des  Ammoniakgeruchs,  filtriert,  das 
Filtrat  mit  Chlorcalcium  gekocht,  filtriert,  mit  heißem  Wasser  ge- 
waschen, den  Niederschlag  im  Platintiegel  geglüht,  mit  verdünnter 
Essigsäure  ausgezogen,  den  Rückstand  mit  Wasser  gewaschen,  geglüht 
und  das  Calciumfluorid   gewogen  und  mikrochemisch  identifiziert. 

Zur  Lithiumbestimmung  wurde  das  entsprechende  Filtrat  samt 
Waschwasser  zur  Trockne  verdampft,  mit  Wasser  aufgenommen,  filtriert, 
das  Filtrat  mit  Salzsäure  schwach  angesäuert,  stark  konzentriert  und 
mit  Platinchlorid  und  Alkohol  gefällt,  wobei  durch  mikrochemische 
Verfolgung  der  Ausfällung  der  Alkohol-  und  W^asserzusatz  geregelt 
wurde ;  hierauf  mit  verdünntem  Alkohol  gewaschen  und  den  Nieder- 
schlag zur  Prüfung  auf  Cäsium,  Rubidium  und  Thallium  verwendet, 
siehe  unten.  Aus  der  das  Lithium  enthaltenden  Lösung  wurde  der 
Alkohol  verjagt  und  dann  das  Platin  durch  Einleiten  von  Wasserstoff 
auf  dem  Wasserbad  ausgefällt;  das  Filtrat  wurde  mit  Barytwasser 
gekocht  und  eingeengt,  nach  dem  Filtrieren  die  Lösung  mit  Ammoniak 
und  Ammonkarbonat  erwärmt,  hierauf  wieder  filtriert,  Filtrat  und 
Waschwasser  in  einer  Platinschale  verdampft  und  die  Ammonsalze 
abgeraucht.  Der  Rückstand  wurde  wiederholt  mit  Äther- Alkohol  aus- 
gezogen, die  Lösung  im  Wasserbad  verdampft,  mit  Wasser  aufgenommen, 
mit  Ammoniak  und  Ammonkarbonat  erwärmt,  die  erhaltene  minimale 
Fällung  abfiltriert,  das  Filtrat  eingedampft,  mit  Salzsäure  abgedampft 
und  schwach  erhitzt.  Der  erhaltene  Rückstand  wurde  nochmals  mit 
Aether- Alkohol  extrahiert,  filtriert,  die  Lösung  verdampft,  in  etwas 
Wasser  gelöst;  mit  wenig  Schwefelsäure  versetzt,  eingedampft,  der 
Schwefelsäureüberschuß  abgeraucht,  schwach  geglüht  und  das  Li  als 
Li^SO^  gewogen  und  mikrochemisch  identifiziert. 

Zur  Prüfung  auf  Cs,  Rh,  Tl  wurde  der  oben  erhaltene  Kalium- 
platinchlorid-Niederschlag wiederholt  mit  kleinen  Mengen  Wasser 
ausgekocht,  der  Rückstand  schwach  geglüht,  mit  Wasser  aufgenommen 
und  das  Platin  abfiltriert;  das  eingeengte  Filtrat  ergab  bei  mikro- 
chemischer Prüfung  deutliche  Spuren  von  Thallium,  Cäsium  und 
Rubidium. 

Arsen,  Bor,  Brom,  Jod;  Baryum,  Strontium,  Titan, 
Urani),  Beryllium  i)  und  seltene  Erden i).  Zur  Bestimmung, 
beziehungsweise  Nachweisung  dieser  Bestandteile  wurden  50  l  unter 
Sodazusatz  auf  zirka  ^2  ^  eingedampft,  worauf  der  Niederschlag  filtriert 
und  gewaschen  wurde.  In  der  Lösung  {a)  war  As,  B,  Br  und  J  zu 
bestimmen,   beziehungsweise   nachzuweisen,  im  Rückstand  {h)  As,  Ba, 


^)  Die  Prüfung  auf  diese  Bestandteile  wurde  deshalb  vorgenommen,  weil  die 
beiden  früheren  Analysen  von  Stränsk^  Be  und  seltene  Erden  angegeben  haben. 


[5]  Chemische  Untersuchung  der  Schwefelquelle  in  Luhatschowitz.  77 

Sr  usw.  Lösung  a  wurde  auf  1  /  aufgefüllt  und  in  zwei  gleiche  Teile, 
entsprechend  je  25  /Wasser,  geteilt;  in  der  einen  Hälfte  (k)  war  Js 
und  B  zu  bestimmen,  in  der  anderen  (/)  Br  und  J. 

Lösung  k  wurde  konzentriert,  mit  HCl  angesäuert  und  daranf 
in  der  Wärme  gereinigter  H2S  eingeleitet,  um  As  usw.  zu  fällen,  es 
entstand  jedoch  keine  Spur  eines  Niederschlages.  Die  hieran  anzu- 
schließende Bestimmung  der  Borsäure  mußte  unterbleiben,  da  sowohl 
in  der  Lösung  l  (siehe  unten)  als  auch  bei  direkter  Prüfung  auf  B 
durch  Eindampfen  von  2  l  Mineralwasser,  Auskochen  mit  Wasser,  Fil- 
trieren, Konzentrieren  der  Lösung,  Ansäuern  mit  Salzsäure  und 
Prüfung  mit  Kurkumapapier  nur  eine  Spur  Borsäure  gefunden  wurde. 

Lösung  l  wurde  unter  Sodazusatz  zur  Trockne  verdampft,  der 
Rückstand  zerrieben,  mit  heißem  Alkohol  ausgezogen  und  der  Auszug 
nach  Zusatz  eines  Tropfens  Natronlauge  zur  Trockne  verdampft,  mit 
Wasser  aufgenommen,  filtriert  und  gewaschen,  das  Filtrat  auf  lOOcw^ 
aufgefüllt  und  halbiert,  um  in  der  einen  Hälfte  (entsprechend  12-5  l 
Wasser)  Jod  mit  Palladiumchlorür  zu  fällen,  in  der  anderen  Br-l-J 
mit  Chlorwasser  zu  titrieren.  Es  wurde  deshalb  die  eine  Hälfte  mit 
Salzsäure  schwach  angesäuert,  mit  Palladiumchlorür  versetzt  und  in  der 
Wärme  24  Stunden  stehen  gelassen.  Da  keine  Fällung  erhalten  wurde, 
so  wurden  von  der  zweiten  Hälfte  zu  50  cm^  10  cm^  (entsprechend 
2-5  l)  zur  qualitativen  Prüfung  verwendet,  stark  konzentriert,  mit 
Schwefelsäure  angesäuert,  mit  Schwefelkohlenstoff  und  Kaliumnitrit 
auf  Jod,  und  darauf  durch  Zusatz  von  Chlorwasser  auf  Brom  geprüft ; 
dies  ergab  Jod  und  Brom,  beide  in  sehr  geringen  Spuren.  Der  Rest 
der  zweiten  Hälfte,  40  cm^  (entsprechend  10  /)  wurde  so  stark  als 
möglich  konzentriert,  mit  Salzsäure  angesäuert  und  mit  Kurkumapapier 
auf  Bor  geprüft,  wovon  eine  Spur  gefunden  wurde.  Durch  Zusatz  von 
Stärke  und  Kaliumchloratlösung  wurde  mikrochemisch  die  Brom-  und 
Jod-Prüfung  kontrolliert  und  es  ergaben  sich  wieder  Spuren  dieser 
beiden  Bestandteile. 

Rückstand  h  wurde  zur  Untersuchung  auf  Äs,  Ba,  Sr  usw.  in 
Salzsäure  gelöst,  unter  Zusatz  einiger  Tropfen  Schwefelsäure  zur 
Trockne  verdampft,  mit  Salzsäure  und  Wasser  aufgenommen,  filtriert 
und  gewaschen.  Rückstand  c  auf  Ba  und  Sr,  Filtrat  d  auf  As  usw. 
zu  prüfen. 

Rückstand  c  wurde  verascht  und  geglüht,  dann  mit  Schwefel- 
säure und  Flußsäure  die  Kieselsäure  entfernt  und  die  Schwefelsäure 
abgeraucht,  hierauf  mit  Kaliumpyrosulfat  aufgeschlossen,  die  Schmelze 
mit  kaltem  Wasser  ausgelaugt  und  filtiert ;  das  Filtrat  gab  mit  Schwefel- 
säure und  Wasserstoffsuperoxyd  geprüft  eine  sehr  geringe  Spur  Titan 
zu  erkennen.  Der  verbliebene  Rückstand  wurde  mit  Soda  geschmolzen, 
mit  Wasser  ausgelaugt  und  ausgewaschen,  der  Rückstand  in  wenig 
Salzsäure  gelöst  und  Ba  durch  einige  Tropfen  verdünnter  Schwefel- 
säure gefällt.  Nach  dem  Absetzen  wurde  filtriert  und  ausgewaschen; 
Niederschlag  37,  Filtrat  N.  Letzteres  wurde  mit  Alkohol  versetzt  und 
längere  Zeit  stehen  gelassen,  hierauf  filtriert,  der  Niederschlag  verascht, 
mit  Soda  aufgeschlossen,  mit  Wasser  ausgelaugt  und  der  Rückstand  in 
Salpetersäure  gelöst  (Lösung  z).  Niederschlag  M  in  Anbetracht  der 
geringen  Menge  im  verschlossenen  Trichter  mit  Ammonkarbonat  über- 


78  C.  F.  Eichleiter  und  O.  Hackl.  [6] 

gössen  und  12  Stunden  stehen  gelassen,  nach  dem  Abfließen  der 
Flüssigkeit  mit  verdünnter  Salpetersäure  behandelt  und  ausgewaschen; 
Lösung  y,  Niederschlag  nach  dem  Veraschen  als  BaSO^  gewogen. 
Filtrat  d  wurde  bei  70°  mit  gereinigtem  Schwefelwasserstoff  behandelt, 
dann  filtriert  und  gewaschen ;  Niederschlag  e,  Filtrat  /.  e  wurde  zur 
Prüfung  auf  As  auf  dem  Filter  mit  einem  warmen  Gemisch  von  Am- 
moniak und  Wasserstoffsuperoxyd  behandelt,  das  Filtrat  verdampft, 
mit  Salpetersäure  abgedampft,  in  verdünnter  Salpetersäure  gelöst, 
ammoniakalisch  gemacht  und  mit  Magnesiamixtur  versetzt  24  Stunden 
lang  stehen  gelassen ;  ergab  keine  Arsensäure.  Filtrat  /  wurde  durch 
Erwärmen  vom  Schwefelwasserstoff  befreit,  nach  dem  Filtrieren  mit 
Wasserstoffsuperoxyd  oxydiert,  dessen  Ueberschuß  durch  Kochen  zer- 
stört und  hierauf  die  Fällung  von  Fe,  AI  usw.  durch  Ammoniak  vor- 
genommen. Nach  dem  Filtrieren  und  oberflächlichem  Auswaschen 
wurde  der  Niederschlag  in  Salzsäure  gelöst,  die  Ammoniakfällung 
wiederholt,  filtriert  und  ausgewaschen ;  Filtrat  vereinigt  mit  dem  Filtrat 
von  der  ersten  Fällung  =  Lösung  g,  Niederschlag  h. 

g  mit  Salzsäure  angesäuert,  konzentriert,  ammoniakalisch  gemacht, 
mit  Schwefelammonium  gefällt  und  nach  längerem  Stehen  filtriert. 
Der  Niederschlag  war  in  verdünnter  Salzsäure  vollständig  löslich,  also 
kein  Kobalt  und  Nickel  vorhanden.  Das  Fillrat  wurde  konzentriert, 
mit  Salzsäure  versetzt,  weiter  konzentriert,  filtriert  und  das  Filtrat 
in  der  Wärme  mit  Ammoniak  und  Ammonkarbonat  versetzt,  der 
Niederschlag  dekantiert  und  ausgewaschen  und  in  verdünnter  Salpeter- 
säure gelöst,  Lösung  ij  und  z  (siehe  oben)  zugegeben,  verdampft,  im 
Luftbad  getrocknet,  mit  Aether-Alkohol  behandelt,  der  Rückstand  in 
Wasser  gelöst,  Strontium  mit  Schwefelsäure  und  Alkohol  gefällt  und 
als  SrSO^  gewogen.  Niederschlag  h  war  auf  Be^  ür  und  seltene  Erden 
zu  prüfen.  Er  wurde  mit  Ammonkarbonat  und  etwas  Schwefelammon 
behandelt  und  filtriert;  Filtrat  a,  Niederschlag  ß.  a,  enthaltend  eventuell 
vorhandenes  Be  i)  und  f/r,  wurde  eingedampft  und  mit  Salzsäure 
zersetzt,  abgedampft,  mit  verdünnter  Salzsäure  aufgenommen,  filtriert, 
Filtrat  mit  Natriumhydroxyd  im  Ueberschuß  versetzt  und  filtriert. 
Der  erhaltene  Niederschlag  war  auf  ür  zu  prüfen.  Das  Filtrat 
wurde  mit  Salzsäure  angesäuert,  um  Be  mit  Ammoniak  zu  fällen, 
es  trat  jedoch  keine  Fällung  ein.  Der  auf  Ur  zu  prüfende  Nieder- 
schlag, welcher  anscheinend  Eisen  enthielt,  wurde  deshalb  nochmals 
mit  Ammonkarbonat  und  Schwefelammon  extrahiert,  filtriert,  das 
Filtrat  eingedampft,  mit  Salzsäure  zersetzt,  abgedampft,  mit  ver- 
dünnter Salzsäure  aufgenommen,  filtriert  und  mit  Natriumhydroxyd 
versetzt.  Der  entstandene  geringe  Niederschlag  wurde  nach  dem 
Filtrieren  und  Waschen  in  Salzsäure  gelöst;  eine  Probe  davon  gab 
mit  gelbem  Blutlaugensalz  blaue  Fällung,  eine  andere  nach  dem 
Abdampfen  der  Säure  und  Aufnehmen  mit  wenig  Wasser  keine  Fällung 
mit  Wasserstoffsuperoxyd ;  also  ist  etwas  Eisen  durchgegangen  und  die 
Trennung  durch  Ammonkarbonat  und  Schwefelammon  nicht  vollständig 
und  Uran  nicht  vorhanden.  Niederschlag  ß  wurde  zwecks  Prüfung  auf 


')  Berylliumhydroxyd  ist  in  Ammonkarbonat  löslich  und  wird  daraus    durch 
Schwefelammon  nicht  gefällt. 


[7]  Chemische  Untersuchung  der  Schwefelquelle  in  Luhatschowitz.  79 

seltene  Erden  in  Salzsäure  gelöst,  abgedampft,  mit  möglichst  wenig 
Salzsäure  und  Wasser  aufgenommen  und  die  Lösung  mit  Oxalsäure 
und  Ammonoxalat  versetzt;  es  wurde  keine  Fällung  von  seltenen  Erden 
erhalten. 

Da  im  klaren  Wasser  kein  Arsen  gefunden  werden  konnte,  so 
wurde  noch  der  Bodensatz  von  acht  großen  Mineralwasserflaschen 
darauf  geprüft;  und  zwar  durch  Filtrieren,  Waschen,  Oxydation  mit 
Salpetersäure,  Verdampfen,  Aufnehmen  mit  verdünnter  Salpetersäure, 
Einleiten  von  Schwefelwasserstoff  in  der  Wärme,  Filtrieren,  Oxydation 
der  Fällung  auf  dem  Filter  mit  warmem  ammoniakalischen  Wasserstoff- 
superoxyd, Verdampfen  der  Lösung,  nochmalige  Oxydation  und  Ver- 
dampfung mit  Salpetersäure,  Aufnehmen  mit  verdünnter  Salpetersäure 
und  Versetzen  mit  Ammoniak  und  Magnesiamixtur.  Es  wurde  dadurch 
auch  nach  24  Stunden  keine  Arsensäurefällung  erhalten. 

Quantitative  Resultate. 

Gesamt-Kohlensäure: 
Wasser  CO,  CO^ 

304-87  g  .  .  .  0-1238  g,  entsprechend  0-4061  g  pro  1  kg  Wasser. 
287-52  g  .  .  .  0-1157  g,  entsprechend  0*4024  (/  pro  1  kg  Wasser. 
300-21  g    .    .    .    0-1215  g,  entsprechend  0-4047  'g  pro  1  kg  Wasser. 

Durchschnittswert : 

0-4044  g  CO.,  pro  1  kg^)  Wasser. 
0-4046  g  CO^  pro  1  l')  Wasser. 

Gesamt- Seh  wefelwasse  rstoff: 

Wasser  BaSO^  BaSO^  Hß 

287-27  g  .  .  .  0-0019  g-  1  kg  Wasser  .  .  .  0-006614  g  .  .  .  00009654  g 
301-60  g  .  .  .  00020  g-,  1  kg  Wasser  .  .  .  0-006631  g  .  .  .  0-0009679  g 

Durchschnittswert : 

0-0009666  g  R^S  pro   1   kg. 
0-0009671  g  H.,S  pro  1  l. 

Thiosulfat:  Spur. 

Schwefelsäure: 
300-05  g  Wasser  .  .  .  0-0161  g  BaSO^-,  l  kg  .  .  .  0-05366  g  BaSO^. 
301-60  g  Wasser  .  .  .  0-0164^  BaSO^\  1  kg  .  .  .  0-05438  g  BaSO^. 

Durchnittswert: 

0-05402  g  BaSO^  .  .  .  0-01852  g  SO^  .  .  .  0-02222  g  SO^  pro  1  kg. 

001853  g  SO3  .  .  .  0-02224  g  SO^  pro  1  l 

Chlor:  2  kg  Wasser  .  .  .  0-0730  g  AgCl^)  .  .  .  0-01804  g  CK 
0-00902  g  Cl  pro  1  %;  000903  g  Cl  pro  1  /. 


^)  Bestimmung  dfS  spezifisclien  Gewichtes  siehe  weiter  unten. 
^)  Dr  und  J  sind  nur  in  Spuren  vorhanden. 


80  C.  F.  Eichleiter  und  0.  Hack).  [8] 

Kieselsäure:  5  kg  Wasser  .  .  .  0*0440  g  SiO^. 

\  kg  .  .  .  0-0088      g  SiO^  .  .  .  0-01145  g  H^SiO^. 
II....  0-008804^  Si02  .  .  .  0-01146  g  H^SiO^. 

Eisen:  5  kg  Wasser  .  .  .  00040  g  Fe^O^. 
1  kg  .  .  .  00008  g  Fe^O^  .  .  .  000072  g  FeO  .  .  .  0-00056  g  Fe. 

Aluminium:  5  kg  Wasser  .  .  .  0*0020  g  Al^O^. 

1  kg  Wasser  0-0004  g  Al^O^  .  .  .  00002121  g  AI 

Calcium:  5  kg  Wasser  .  .  .  0-6647  g  CaO. 

1  kg  Wasser  .  .  .  0-13294  g  CaO  .  .  .  009504  g  Ca. 
1  l     Wasser  .  .  .  Ol 330     'g  CaO  .  .  .  0-09509  g  Ca. 

Magnesium:  5  kg  Wasser  .  .  .  05233  g  Mg^P^O^. 

1  kg  Wasser  . . .  0-10466^  Mg.F^Orj  . . .  0-037935  g  MgO  . . .  0-02290 g  Mg. 
1  l  Wasser  .  .  .  0-03795  g  MgO  .  .  .  002291  g  Mg. 

Alkalien: 
5  kg  Wasser  .  .  .  0-4375  g  KCl  -f  NaCl  -f  LiCl;  0-2710  g  K.TtCl^. 
1  kg  Wasser  .  .  .  0-0875  g  KCl  -f  NaCl  -f  LiCl\  0-0542 '(/  K,FtCl^  = 
=  0-01665^  KCl  .  .  .  0  01052  g  K,0  .  .  .  0008736  g  K  pro  1  kg. 

0-01053  g  K^O  .  .  .  0-008740  ^  i^  pro   1  l. 
0-07085  g  NaCl  +  LiCl 
—  000008  (/  LiCl  1) 

0-07077  g  NaCl  .  .  .  003756  g  Na^O  .  .  .  002788  g  Na  pro  1  kg. 
003758  g  Na^O  .  .  .  002790  g  Na  pro  1  /. 

Ammonium:  2  kg  Wasser  .  .  .  0-0095  g  Pt 
Gegenversuch  ...  —  00035  g  Pt 

O-OOÖO  g  Pt 

1   kg  .  .  .  O-0O3O  g  Pt  .  .  .  0  0005255  g  NH^  .  .  .  0-0005566  g  NH^. 
11 0-0005257  g  NH^  .  .  .  00005568  g  NH^. 

Phosp  hör  säure:  In  5  kg  Wasser  nur  unbestimmbare  Spur 
gefunden. 

Arsen:  In  50  l  nicht  nachweisbar. 

Blei:   In  1  /  nicht  nachweisbar. 

Eisen,  kolorimetrisch  bestimmt:  Für  500^  Wasser  2-7  cm^ 
der  Lösung  von  Mohr'schem  Salz  (I  cm^  .  ..Ol  mg  Fe)  verbraucht; 
500  g  Wasser  enthalten  also  0  27  mg  Fe. 

1  kg  Wasser  .  .  .  0-00054  g  Fe  .  .  .  0-00069    g  FeO. 
1  /     Wasser  .  .  .  0-00054  g  Fe  .  .  .  0-000695  g  FeO. 


*)  Die  Lithium  Bestimmung  siehe  weiter  unten. 


["91  Chemische  Untersuchung  der  Schwefelquelle  in  Luhatschowitz.  81 

Mangan,  kolorimetrisch  bestimmt:  Für  500  g  Wasser  0*7  cm^ 
iCMnO^- Lösung  (1  cm^  .  .  .  O'l  m(j  Mn)  verbraucht;  500  g  Wasser 
enthalten  also  0*07  mg  Mn. 

l  kg  .  .  .  0-00014  g  Mn  .  .  .  0*00018  g  MnO. 
Salpetersäure:  Spur. 
Salpetrige  Säure:  Nicht  vorhanden. 

Organische    Substanz:    100   g   Wasser    nach    Kübel    in 

w 
saurer  Lösung  oxydiert  durch  Titration  mit  tt^t  Oxalsäure-Lösung  und 

ca.  r^  iTilfn 04-Lösung;  10*0  cm'^  -^^  Oxalsäure-Lösung  .  .  .  10-7  cm^ 

^il/wO^- Lösung;  Gesamt-Permanganatverbrauch  11-3  cw^  Verbrauch  an 
Oxalsäure  10*0  cm^.  Zur  Oxydation  wurden  also  11'3 — 10*7  =  0*6  cm^ 

ca.  Ty-^-  Ä'i/wO^-Lösung  verbraucht. 

Q  w     T^  nir  ^    X ..  0  00316       __ ,_    „ 

1  cm^  ca.  r^  A  i¥w04  -  Losung  .  .  .  g   KMnO^    .    .    . 

00008       „     ...     ^.     _..  .„    „.  0-00316       ^^    ^ 

^  -     g  0;  für  1  kg  Wasser  ...  10  .  0*6  g  KMnO^    .    .    . 

10  .  0*6  ^^^^  0  verbraucht  =  0*00177  g  KMnO^  .  .  .  0-000449  g  0. 

Unter  der  Annahme  von  Wood  und  Kübel,  daß  1  Teil  KMnO^ 
5  Teilen  organischer  Substanz  entspricht,  ergibt  dies  0-00885  g 
organische  Substaz  pro  1  kg. 

Fluor:  20  Z  .  .  .  0  0181  g  CaF^  .  .  .  0008815^  F. 
11...  00004407  g  F,  1  kg  .■  .  .  0*0004405  g  F. 

Lithium:  20  l  .  .  .  0-0021  g  Li^SO^. 

11...  000002866  g  Li^O  .  .  .  0*00001340  g  Li. 
1  kg  .  .  .  0*00002865  g  Li^O  .  .  .  0*00001340  g  Li. 

Cäsium,  Rubidium  und  Thallium:  Spuren. 

Bor,  Brom,  Jod,  Titan:  Spuren. 

Baryum:  50  Z  .  .  .  0-0401  g  BaSO^. 

1  l,  \  kg  .  .  .  0-000527  g  BaO  .  .  .  0000472  g  Ba. 

Strontium:  bO  l  .  .  .  0*0010^  SrSO^. 

1  l,  l  kg  .  .  .  0-00001128  g  SrO  .  .  .  000000954  g  Sr. 

Uran,  Beryllium  und  seltene  Erden:  In  50  ^  nicht  nach- 
weisbar. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916, 66.  Bd.,  l.  Uft.  (Eichleiter  u.  Hackl.)  H 


82  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl.  [10] 

Spezifisches  Gewicht: 

Pyknometer  leer 22- 1691  g 

Pyknometer  mit   dest.  Wasser   von 

17-2»  C  gefüllt 59-4575  „ 

Pyknometer  mit  Mineralwasser  von 

17'2<'  C  gefüllt 59-4756  „ 

„„  t^QQ .  =  1-0005   bei  17-2<'  C,   bezogen    auf  Wasser   gleicher 

Temperatur. 

Abdampfrückstand  bei  ISO*'  C  in  der  Platinschale  getrocknet : 
0-4028  g  pro  1  hg. 


Resultate,  berechnet  und  zusammengestellt  nach  dem  Vorgang 
des  Deutschen  Bäderbuches  i). 


Analytiker:  Eichleiter  und  Hackl  (Chem.  Lab. 
Reichsanstalt)  1913/14. 

Spezifisches  Gewicht:  1*0005  (bei  17-2°  C,  bezogen 
von  17-20  C). 

Temperatur:  9-2^  C  (bei  17-8°  C  Lufttemperatur  am  1 
um  11  Uhr  Vormittag). 

Ergiebigkeit:  492-5  hl  in  24  Stunden 2). 

In  1  kg  Wasser  sind  enthalten: 

Kationen 

Ammonium-Ion  (NH^-) 
Lithium-Ion  (Li-)  .  .  . 
Kalium-Ion  (K-)  .  .  . 
Natrium-Ion  (lYa-)  .  . 
Calcium-Ion  {Ca-  ■) 
Strontium-Ion  (SV- 
Baryum-Ion  {Ba") 
Magnesium-Ion  (Mg  -  •) 
Ferro-Ion  {Fe-  )  .  .  . 
Mangano-Ion  {Mn")  . 
Aluminium-Ion  (AI  ■  -  ) 

~  8-136 


d.  k.  k.  geol. 

auf  Wasser 

1.  Juni  1913 


•) 


Gramm 

MiU-Mol 

Milligramm- 
Aequivalente 

Relative 

Aequivalent- 

Prozente 

0-0005566 

0-03080 

003080 

0-38 

00000134 

0-001906 

0-001906 

002 

0-008736 

0-2231 

0-2231 

2-74 

002788 

1-2095 

1-2095 

14-87 

0-09504 

2-368 

4-736 

58-21 

0-00000954 

0-000109 

0-000218 

0-003 

0-000472 

0-003434 

0-006868 

0-08 

002290 

0-9401 

1-8802 

23-11 

0-000540 

0009663 

0-019326 

0-24 

0-000140 

0-002545 

0-005090 

006 

0-0002121 

0-007826 

0-023478 

0-29 

10000 


^)  Wir  bemerken  hierzu,  daß  wir  mit  den  theoretischen  Anschauungen,  auf 
welchen  diese  Darstellungsweise  beruht,  nicht  einverstanden  sind;  doch  haben  wir 
sie  aus  praktischen  Gründen  gewählt,  besonders  auch  zwecks  leichteren  Ver- 
gleiches mit  anderen  Mineralwasseranalysen,  welche  ja  nun  —  was  Deutschland 
und  Oesterreich  betrifft  —  sämtlich  in  gleicher  Weise  im  Deutschen  und  im 
Oesterrelchischen  Bäderbuch  dargestellt  sind.  Wer  sich  für  die  theoretische  Kon- 
troverse interessiert,  sei  auf  folgende  Arbeiten  von  Hackl  verwiesen:  „Ueber 
die  Anwendung  der  lonentheorie  in  der  analytischen  Cliemie",  Jahrbuch  d.  k,  k. 
geol.  R.-A.  1912,  pag.  613—648  und  „Analysenberechnung  und  chemische  Beur- 
teilung von  Mineralwässern",  Verhandl.  d.  k.  k.  geol.  R.-A.  1915,  pag.  123—129. 
Zur  leichteren  Orientierung  über  den  chemischen  Charakter  des  Wassers  wurde 
die  Tabelle  der  relativen  Aequivalentprozente  hinzugefügt. 

^)  Berechnet  aus  der  durchschnittlichen  Ergiebigkeit  0-57  l  /  1  Sek. 


[in  Chemiache  Untersuchung  der  Schwefelquelle  iu  Luhatschowitz.  83 

In  1  kg  Wasser  sind  enthalten: 

.,.,,.  Relative 

Anionen  Gramm  Mill-Mol  Milligramm-         Aeriulvalent- 

Aequivalente  Prozente 

Hydrosulfid-Ion  {HS')  O'OOOSOSO  0-015  0015  0-18 

Fluor-Ion  {F')  ....  0-0004405  0-02312  002312  028 

Chlor-Ion  (CV)  ....  0-00902  0*2544  0*2544  3-13 

Sulfat-Ion  (SO^")  .  .  .  0-02222  0*2313  0*4ö26  5-69 
Hydrokarbonat  -  Ion 

(fiCOeO 0-4503  7-381  7*381  9072 

0-6390  12*70  8-136  100-00 

Kieselsäure  (meta) 

(H2SiOs)    .  .  .  .  .  001145         0-1457 

0-6504         12-85 
Organische  Substanz    0-00885 

0-6593 

Freier  Schwefelwasser- 
stoff {H^S)   ....  0-0004430      0-013 

Freies    Kohlendioxyd 

(CO2) 0*07964  1-810 

0-7394  14-67 

Ferner  Spuren  von  Nitrat-,  Brom-,  Jod-,  Thiosulfat-,  Hydro- 
phosphat-Ionen,  Borsäure,  Titansäure  und  mikrochemisch  festgestellte 
Spuren  von  Cäsium-,  Rubidium-  und  Thallium-Ionen. 

Die  Zusammensetzung  dieses  Wassers  entspricht  einer  Lösung, 
welche  in  1  kg  enthält: 

Gramm 

Ammoniumchlorid  {NH^  Cl) 0*001649 

Lithiumchlorid  {LiCl) 000008097 

Kaliumchlorid  {KCl) 0-01654 

Kaliumsulfat  {K^SO^) 0*0001247 

Natriumhydrosulfid  {NaHS)       ....  0*0008621 

Natriumfluorid  {NaF) 0*0009735 

Natriumsulfat  {Na^SO^) 0-03111 

Natriumhydrokarbonat  {NaHCO^).     .     .  006163 

Calciumhydrokarbonat  [Ca{HC03)^]    .     .  03840 

Strontiumhydrokarbonat  [S}iHCO.^)^]  .     .  0-0000228 

Baryumhydrokarbonat  [Ba{HCO^y,]    .     .  00008911 

Magnesiumhydrokarbonat  [MgiHCOs)^]  ■  01376 

Ferrohydrokarbonat  [Fe{HCOs\]  -     •     •  0-001719 

Manganohydrokarbonat   [Mn{HCOs),]     .  00004505 

Aluminiumsulfat  [ÄkiSO^)^]      .     /  .     .  0*001340 

0-6390 
Kieselsäure  (meta)  {H^SiO^)      .    .    .        0*01145 

0*6504 
Organische  Substanz 0-00885 

0-6593 

11* 


84  C.  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl.  [12] 

Gramm 

Freier  Schwefelwasserstoff  (R,S)  .    .    .    000044301) 
Freies  Kohlendioxyd  (CO.,) 0-07964  2) 

0-7394 

Die  Summe  der  gelösten  festen  Bestandteile  beträgt  ca.  066  g, 
wobei  Hydrokarbonat-  und  Calcium-Ionen  überwiegen;  der  Gehalt  an 
freiem  Schwefelwasserstoff  beträgt  044  mg.  Dieses  Wasser  ist  dem- 
nach als  schwach  erdalkalische  Schwefelwasserstoff- 
quelle zu  bezeichnen. 

Im  folgenden  geben  wir  noch  die  vor  unserer  Analyse  durch- 
geführten Untersuchungen  dieser  Mineralquelle  wieder  ^) ;  sie  stammen 
sämtlich  von  Stränsky  (Brunn). 

I.  Analyse,  1911. 

1  l  enthält:  ^^^^^ 

H^S  frei 01008 

Cl  gebunden 0-0158 

Schwefelsäure  gebunden 00246 

Kohlensäure  gebunden 0-1027 

SiO^ 0-0084 

Calcium 01320 

Magnesium 00301 

Eisen  -f  Aluminium 0-0032 

Alkalien  (Natron) 0-0138 

Abdampfrückstand  (bei  110°  getrocknet)  .     .  0*3620 

Ammoniak,  Salpetersäure  und  salpetrige  Säure  nicht  vorhanden, 
Spuren  von  organischer  Substanz. 

Auffallend  ist  hier  der  kolossale  Gehalt  an  Schwefelwasserstoff; 
dies  wäre  also  die  Analyse  einer  außergewöhnlich  starken  Schwefel- 
wasserstoffquelle. Ferner  ist  auffallend  die  quantitative  Angabe  von 
Eisen  -|-  Aluminium,  welche,  falls  sie  nicht  getrennt  wurden,  doch  nur 
als  Oxyde  zusammen  gewogen  und  angegeben  werden  konnten,  nicht 
aber  in  elementarer  Form,  aus  welcher  Wägung  aber  auch  keine  Be- 
rechnung der  Summe  beider  Elemente  möglich  ist;  und  schließlich 
die  quantitative  Angabe  „Alkalien  (Natron)",  da  doch  nur  die  Summe 
der  Alkali  Chloride  gewogen  wird  und  daraus,  wenn  keine  Trennung 
durchgeführt  wurde  —  die  ja  anzuführen  gewesen  wäre  — ,  eine  Be- 
rechnung auf  Oxyde  ausgeschlossen  ist. 


1)  0-30  cm^  bei  9-2"  C  und  760  mm. 

=»)  41-65  cm^  bei  9-2<'  C  und  760  mm. 

^)  Nach  der  Uebersetzung  der  Badedirektion. 


[13]  Chemische  Untersuchung  der  Schewefelquelle  in  Luhatschowitz.  85 

II.  Analyse,  März  1913. 
1  l  enthält: 

Gramm 

Freies  CO.^ Ol 2425 

H^S 0-00955 

0,  N  und  andere  Gase    ....     Spuren 

I^a^CO^ 0-00206 

NaCl 001304 

Na^S.,Os 0-02493 

Na^SiO^ 0-00538 

Borsäure Spur 

Na^ÄsOi 0-03383 

NaNO^ 0-00039 

K^PO^ 000992 

Li^CO^ 000220 

CaCO^ 0-15755 

•  CaSOi 000218 

Sr Spur 

MgCOs 0  07620 

MgSO^ 0-03379 

Fe^iCOsh 0-04654 

AkiSO^)^ 0-00201 

MnCOs 0-00160 

Berylliumkarbonat     .     .     .  0-00070 

Seltene  Erden      .     .     .     .  000030 

Summe     .     .     .     0-41262 

Abdampfrückstand  (bei  180° 

getrocknet) 0-41268 

TT-  .  ^rnA\    deutsche 

Ha^t^ 1^'74       Uärtegrade 

Radio-Aktivität     ....     0-4256  {  Einheiten 
Spezifisches  Gewicht     .     .     1*0005 

Dieselbe  Analyse,  zum  Vergleich  umgerechnet  i). 

1  l  enthält: 

Gramm 

K 0-00548 

Na 0-02666 

Li ■0000418 

Ca 0-06380 

Mg 002884 

Fe 0-01783 

Mn 0-0007655 


^)  Mit  Hilfe  eines  Rechenschiebers;  die  vierte  Ziffernstelle  ist  deshalb  nicht 
ganz  genau,  zum  Vergleich  jedoch  genügend. 


86 


C.  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl. 


114] 


Gramm 

Äl 

0-0003181 

Be  .     . 

0-0000922 

NO,    . 

0-00028 

Cl  .     . 

000790 

s,o,  . 

001767 

so^    . 

0-03019 

HAsOi 

0-02276 

HFO^ 

0  00449 

Seltene  Erden  . 

000030 

COg  gebunden  . 

0-1721 

H.SiO^ 

0-00345 

Auffallend  ist  hier  der  hohe  Gehalt  an  Thiosulfat,  Eisen  und 
besonders  Arsen ;  es  wäre  dies  die  Analyse  einer  starken  Arsen-Eisen- 
Schwefelquelle.  Sehr  merkwürdig  berührt  den  Anorganiker  die  Angabe 
von  Ferrikarbonat  (noch  dazu  in  einer  reduzierenden  Schwefelquelle !), 
die  übrigens  in  Mineralwasser- Analysen  öfter  vorkommt  als  man 
glauben  würde  und  überraschende  Aufklärungen  über  die  Kenntnisse 
mancher  Mineralquellen -Analytiker  gibt.  Zur  Umrechnung  dieser 
chemischen  Monstrosität  wurde  die  Formel  7^62(003)3  benützt. 

III.  Analyse  1),  Mai  1913, 
Spezifisches  Gewicht    .     1*0006 
Radio- Aktivität    .     .     .     1-50  Mache-Einheiten. 


1    l    enthält:  Gramm 

Abdampfrückstand  (bei  180^  C  ge- 
trocknet)      0-4360 

CO2  frei 0-055634 

Il^Shei 0-00120 

0,  N  und  andere  Gase   ....  Spuren 

Cl' 00320000 

j, 1     Spuren 

SO^"'     ..........  0-0246680 

SO," 1     ,, 

H,S,0, 1     ^P^r^^ 

JfpQ\  \ j  0-0006400 

A^oO."  Salpetersäure 1     .  i^        1      j 

N,0,"  Salpetrige  Säure   .     .     .     .  /  ""'^^^  vorhanden 

HCN  Blausäure — 

HCO, 0-1472500 

HBO^ 0-006806 

HCrO^" — 

HAsO^" 0011120 

^)  Die  Millimol-  und  Milligrammäquivalent-Tabelle  wurde  weggelassen. 


[15]  Chemiscbe  Uutersuchung  der  Schwefelquelle   in  Luhatscbowitz.  87 

Gramm 

SiOs" 0-0021000 

HS' 00156760 

Na- .  0-0304360 

K' 0-0048260 

NH^ - 

Li' 0-0032184 

Ca" 0-1086400 

Ba' Spur 

Sr"      .     .V 0-0045792 

Mg" 0-0125182 

Fe--- 0-0010500 

AI"- 0-0001590 

Mn'- 00003150 

Zn,  Sti,   Cu,  Fh,  Hg — 

Be-" 0-0013377 

HTiO^ 0001 2O0O 

Seltene  Erden 0  0011000 

Verbrauch   an  Sauerstoff  zur  Oxy- 
dation der  org.  Substanz  .     .     .  0-00912 
Deutsche  Härtegrade 18-44o 

Es  wäre  dies  die  Analyse  einer  Arsen-Schwefelquelle.  Die  beiden 
Salztabellen  —  eine  für  das  Wasser,  die  andere  für  den  Abdampf- 
rückstand —  seien  hier  gar  nicht  wiedergegeben,  nur  einige  „Glanz- 
punkte" daraus  werden  weiter  unten  angeführt. 

Merkwürdig  ist  in  dieser  lonen-Grammtabelle  die  Angabe  von 
„JETPOg"'  neben  HPO^";  das  soll  wohl  phosphorige  Säure  bedeuten, 
stimmt  aber  mit  den  Valenz-Verhältnissen  derselben  (H^PO^)  ebenso- 
wenig wie  mit  meta-Phosphorsäure  {HPO3),  und  ist  um  so  sonderbarer 
als  für  beide  zusammen  eine  einzige  Zahl  gegeben  wird ;  und  dann 
auch  noch  Blausäure,  Chromsäure,  Quecksilber  —  allerdings  ohne 
Zahlenangaben  —  und  wieder  Beryllium  und  seltene  Erden  angeführt 
werden.  Geradezu  entsetzlich  sind  die  Ionen-Formeln  ^)  NzO^''  für 
Salpetersäure  und  N^O^"  für  salpetrige  Säure,  anstatt  entweder  N20^ 
und  iVgOg  für  die  Anhydride  oder  NO^'  und  NO2'  für  die  Ionen.  Und 
wie  hier  zuviel  an  Ionen-Zeichen  getan  wurde,  so  beim  Hydrokarbonat- 
Rest  ifCOg  zu  wenig,  nämlich  gar  keines.  Thiosulfat  wird  auf  ein- 
mal ganz  abwechselnd  weder  als  Ion  noch  auch  als  Anhydrid  oder 
Säure-Rest,  sondern  als  freie  Säure  angegeben  und  Chromsäure  als 
HCrO^'\  was  zu  einer  Chromsäure  von  der  Formel  H^CrO^  führt. 
Eisen  ist  als  dreiwertig  angegeben,  während  die  Zahl  der  m^-Aequi- 
valente  aus  den  Milli-Mol  durch  Multiplikation  mit  2  gewonnen  wurde; 
Beryllium  ist  interessanterweise  auch  als  dreiwertig  angeführt  und  — 
hier  wenigstens  Konsequenz  in  der  Unkenntnis  verratend  —  die  ent- 
sprechende m^-Aequivalent-Zahl  aus  den  Milli-Mol  durch  Multi- 
plizieren mit  3  berechnet  worden. 


^)  Daß  mit  den  Strichen  Ionen  gemeint  sind  und  nicht  bloß  Wertigkeits- 
Zeichen,  geht  aus  der  Ueberschrift  dieser  Tabelle  hervor,  welche  ausdrücklich 
Ionen  heißt  („Joctü"). 


88  C.  F.  Eicbleiter  und  0.  Hackl.  ^  [16] 

Für  Titansäure  wird  die  Formel  HTiO^  gegeben  anstatt  H2  TiO^ 
oder  ein  in  diesem  Fall  sehr  gewagtes  Ionen-Zeichen  beizufügen.  Gar 
nicht  erfreulich  sind  auch  die  vielen  angehängten  Nullen,  welche  eine 
fabelhafte  Genauigkeit  vortäuschen,  wie  denn  auch  fast  stets  5  Ziffern, 
in  den  Millimol-  und  w^-Aequivalent-Tabellen  sogar  7,  berechnet  wurden. 

Die  beiden  Salz-Tabellen  enthalten  ebenfalls  prächtige  chemische 
Ausstellungsobjekte,  besonders  wenn  man  bedenkt,  daß  es  sich  um 
ein  Mineralwasser,  resp.  dessen  Abdampfrückstand  handelt.  Da  gibt 
es  ausdrücklich  Magnesiumsulfid  MgS,  ein  Magnesiumarsenat  mit  der 
Formel  Mg-^iAsO^^  anstatt  —  wenn  schon  denn  schon  —  Mg^{ÄsO^)2^ 
wieder  das  ominöse  Ferrikarbonat  Fe^^CO^)^,  ebenso  Berylliumkarbonat 
mit  der  Formel  Be.^{CO^)^.  Für  Calciumhydrophosphat  ist  die  Formel 
Ca{H2P0^)2  gegeben  und  überdies  findet  sich  auch  noch  ein  schönes 
neues  Calciumphosphat  Ca^PO^  vor,  also  ein  sechswertiger  Phosphat-Rest. 

Die  vorausgegangene  Tabelle  unserer  Analysen-Resultate  bezieht 
sich  zwar  auf  1  kg  Wasser,  kann  aber  trotzdem  ohne  weiteres  mit 
denjenigen  von  Stränsky,  welche  sich  sämtlich  auf  1  l  beziehen,  ver- 
glichen werden,  weil  bei  dem  verhältnismäßig  geringen  spezifischen 
Gewicht  die  Zahlen  für  den  Gehalt  pro  1  l  erst  in  der  vierten  Ziffern- 
stelle nur  unerheblich  von  denjenigen,  welche  sich  auf  1  kg  beziehen 
abweichen,  was  ja  auch  aus  den  Angaben  über  unsere  quantitativen 
Resultate  direkt  ersichtlich  ist. 

Zwischen  Analyse  I  und  II  wurde  die  Neufassung  der  Quelle 
vorgenommen,  was  manche  Differenz  zwischen  diesen  beiden  Analysen 
erklären  würde.  Nicht  vertrauenerweckend  ist  aber  der  Umstand, 
daß  bei  Analyse  II  wie  auch  III  der  Abdampfrückstand  bei  180^  C 
getrocknet  merkwürdig  genau  mit  der  Summe  der  Einzelposten  der 
Salztabelle  übereinstimmt ;  nämlich  bei  II  0*41268  g  Abdampfrück- 
stand, Summe  der  Salztabelle  0-41262  ^  pro  U  und  bei  III  0-43600  g 
Abdampfrückstand,  Summe  der  Salztabelle  für  den  Abdampfrückstand 
0-43524  g  pro  1  l ;  was  um  so  interessanter  ist,  als  sich  in  der  Salz- 
tabelle, wie  oben  gezeigt  wurde,  manche  sehr  sonderbare  Verbindungen 
vorfinden.  Dieser  ungünstige  Eindruck  wird  dadurch  verstärkt,  daß 
die  ganze  Analyse  III,  wie  aus  den  diesbezüglichen  Original-Angaben 
ersichtlich  war,  in  12  Tagen  fertig  war  (15.  V.— 27.  V.  1913).  Und 
vieles  läßt  sich  deshalb  überhaupt  nicht  beurteilen,  weil  die  Analysen- 
Verfahren  nicht  angegeben  wurden. 

Vergleich  der  Resultate. 

Ammonium  ist  nach  allen  drei  Analysen  nicht  vorhanden,  wir 
haben  es  jedoch  qualitativ   und  quantitativ   unzweifelhaft   festgestellt. 

Lithium  wird  von  I  nicht  angeführt,  II  gibt  04  mg  an,  III  3  mg\ 
wir  konnten  nur  00 1  mg  finden. 

Ueber  Kalium  schweigt  I,  II  gibt  5-5  mg  an,  III  4*8  mg\  wir 
fanden  8-7  mg. 

Natrium  ist  in  I  als  „Alkalien  (Natron)"  mit  14  mg  angegeben, 
in  II  zu  26-7  mg  und  III  zu  30-4  w^,  im  wesentlichen  übereinstimmend 
mit  unseren  27-9  mg. 


[17  j  Chemische  Untersuchung  der  Schwefelquelle  in  Luthatschowitf.  89 

Calcium  ist  nach  I  in  der  Menge  von  132  mg,  II  64  mg  und 
III  108-6  ^«9  vorhanden;  unser  Resultat  ist  95  tng. 

Bary  um  wurde  bei  I  und  II  anscheinend  nicht  bestimmt,  III  gibt 
eine  Spur  davon  an;  wir  fanden  0'41  mg. 

Strontium  wird  bei  I  nicht  erwähnt,  II  führt  eine  Spur  an, 
III  4-6  m^;  unser  Resultat  ist  00 1  mg. 

Von  Magnesium  sind  nach  I  30-1  mg,  II  288  mg,  III  12-5  mg 
vorhanden ;  unsere  Zahl,  229  mg,  liegt  auch  hier  wie  bei  Calcium 
dazwischen. 

Eisen  ist  bei  I  nur  als  Fe-\-Al  angegeben,  zu  3-2  mg,  bei  II 
mit  17*8  mg  Fe,  III  1-06  mg;  unser  kolorimetrisch  erhaltenes  Resultat, 
das  mit  dem  gewichtsanalytischen  sehr  gut  übereinstimmt,  ist  0*54  mg. 

II  wäre  die  Analyse  einer  Eisenquelle. 

Aluminium  ist  in  I  nur  als  Fe-\-Al  mit  S'2  mg  angegeben, 
in  II  mit  0*3  7ng  AI  und  in  III  mit  0-16  mg;  unser  Resultat  von  02  mg 
ist  damit  gut  übereinstimmend. 

Mangan  ist  in  I  nicht  angeführt,  II  gibt  0-77  mg  an,  III  0-32  mg; 
unsere  Zahl  nach  kolorimetrischer  Bestimmung  ist  014  w^. 

Schwefelwasserstoff  ist  in  I  zu  100*8  m^  und  als  frei  an- 
gegeben, in  II  mit  9*55  mg,  in  III  mit  15-7  mg  HS'  und  1*2  mg  freien 
H^S;  unsere  Bestimmungen  ergaben  in  sehr  guter  Uebereinstimmung 
untereinander  097  mg  Gesamt-J^2'^'^  und  durch  Berechnung  nach  den 
Formeln  des  Deutschen  Bäderbuches  044  mg  H.^S  frei  und  0'51  mg 
HS  gebunden. 

Fluor  fehlt  in  allen  drei  früheren  Analysen  und  dürfte  —  falls 
überhaupt  darauf  geprüft  wurde  —  wenn  das  "Wasser  nicht  mit  Chlor- 
calcium  gekocht  wurde,  was  ja  wahrscheinlich  ist,  in  Lösung  ver- 
blieben und  dadurch  übersehen  worden  sein. 

Von  Chlor  waren    nach  I  ]b'S  mg,    nach  II  7*9  m^    und   nach 

III  S20  mg  vorhanden;  wir  haben  90  m^  gefunden. 

Von  SO^  gibt  I  24*6  mg  an,  II  302  mg  und  III  24*7  mg;  unser 
Resultat,  nach  vorheriger  Abscheidung  des  gesamten  H2S  ist  gut 
übereinstimmend  22*2  mg. 

Kohlensäure  führt  I  nur  gebunden  zu  102*7  mg  an,  fraglich, 
ob  6'0.2,  CO3  oder -fTC'Og  gemeint  ist;  die  Gesamt- COg-Bestimmung  ist 
wahrscheinlich  nicht  durchgeführt  worden.  In  H  sind  124*25  mg  CO^ 
frei  angegeben  und  aus  der  Salztabelle  normaler  Karbonate  ergeben 
sich  durch  Berechnung  1721  mg  CO3  gebunden.  III  gibt  556  mg 
CO2  frei  und  147-25  mg  HCO^  gebunden  an.  Unsere  untereinander 
übereinstimmenden  Resultate  führen  zu  04044  g  Gesamt- COg,  was 
mit  den  anderen  Daten  und  den  Formeln  des  Deutschen  Bäderbuches 
79"6  mg  CO^  frei  und  450  3  mg  HCO^  gebunden  ergibt. 

Die  so  kolossal  abweichende  Angabe  von  III  über  den  Gshalt 
au  HCO3  ist  keinesfalls  auch  nur  annähernd  richtig  und  hat  auch 
damals  nicht  der  Zusammensetzung  des  Wassers  entsprochen.  Das 
geht  schon  aus  der  Analyse  selbst  hervor,  welche  in  der  loneutabelle 

Jftbrbucb  d.  k.  k.  geol.  Reicbsanatalt,  l»lt>,  66.  Bd.,  1.  llft.  (Ricbleiter  u.  üackl.)        12 


90  C,  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl.  [18] 

010864  g  Ca  und  0-14725  g  HCO^  angibt,  in  der  Salztabelle  für  das 
Wasser  aber  04361 2  g  Ca{HC0^2^  eine  Zahl,  die  bedeutend  größer  ist 
als  die  Summe  der  beiden  ersten  Posten,  und  die  auch  nicht  an- 
nähernd erreicht  wird,  wenn  man  den  Hydrokarbonatwert  auf  Ca{HCO^).^ 
umrechnet.  Wenn  man  den  angegebenen  Calciumwert  auf  Ca{HC0o^)2 
umrechnet,  so  kommt  man  wohl  auf  dasselbe  hinaus,  aber  dazu 
braucht  man  dann  viel  mehr  Hydrokarbonat,  als  angegeben  ist.  Be- 
rechnet man  durch  Multiplikation  des  Ca( //C03)2-Wertes  mit  0-7525  die 
entsprechende  IfCOg-Menge,  so  erhält  man  0-43612.0-7525  =  0-3282  _9 
iZCÖg,  also  weit  mehr,  als  angegeben  ist.  Und  subtrahiert  man  dies 
vom  Calciumhydrokarbonat,  so  erhält  man  0-1079  g  als  entsprechenden 
Calciumwert.  Dazu  kommt  noch,  daß  die  in  den  entsprechenden 
Tabellen  für  HCO^  angegebenen  Millimol  (1-206967)  und  m^-Aequi- 
valente  (2  413934)  nicht  gleich  groß  sind,  sondern  die  letzteren  aus 
den  Millimol  durch  Multiplikation  mit  2  gebildet  wurden,  wobei  nicht 
nur  dies  falsch  ist,  sondern  auch  schon  die  Millimolzahl  allein,  da 
diese  schon  2*414  betragen  würde.  Ferner  sind  die  Summen  der  nig- 
Aequivalente  der  Kationen  und  Anionen  nicht  angegeben.  Zählt  man 
die  Posten  zusammen,  so  beträgt  die  Summe  für  die  Kationen  807 14 
und  für  die  Anionen  3'7914,  anstatt  der  Annahme  der  Aequivalenz 
entsprechend  völlig  gleiche  Summen  zu  ergeben !  Die  Differenz  beträgt 
hier  4-2800  und  zählt  man  diese  vollständig  zu  dem  für  HCO.^  ange- 
gebenen W(7-Aequivalentwert  hinzu,  so  ergibt  sich  6-6939,  was  wenigstens 
annähernd  unserer  Zahl  entsprechen  würde.  Bezeichnend  ist  auch, 
daß  die  Summe  der  Posten  der  lonentabelle  fehlt;  sie  beträgt 
0-40964  g,  was  nicht  nur  mit  dem  Abdampfrückstand  (04360  g)  gar 
nicht  stimmt,  sondern  sonderbarerweise  bedeutend  niedriger  ist; 
und  was  noch  wichtiger  und  ärger  ist,  auch  gar  nicht  mit  der  Summe  der 
Wasser-Salztabelle  (0*61212  g)  stimmt.  Das  steht  in  sehr  verdächtigem 
Kontrast  zu  der  bedenklich  glänzenden  Uebereinstimmung  zwischen 
Abdampfrückstand  und  Summe  der  Salztabelle  des  Abdampfrückstands, 
die  schon  deshalb  falsch  ist,  weil  die  seltenen  Erden  darin  überhaupt 
nicht  verrechnet  sind.  Schließlich  fehlt  auch  jede  Angabe  über  die 
Bestimmung,  der  Gesamtkohlensäure,  so  daß  jede  direkte  Kontrolle 
ausgeschlossen  ist.  All  dies  macht  es  zur  Sicherheit,  daß  bei  der 
Berechnung  des  HCO^  Kapitalfehler  begangen  wurden. 

Kieselsäure  gibt  I  in  der  Menge  von  84  mg  ISiO^  an,  aus 
11  ergeben  sich  3-45  mgH2t)iO^  in  III  sind  21  mg  SiO^  angegeben; 
wir  erhielten  (in  der  PI  atin schale)  11*45  mg  H^SiO^. 

Ojrgajusche  Substanzen  sind  in  I  als  Spuren,  in  II  über- 
haupt nicht,  in  III  mit  9*12  mg  Sauerstoffverbrauch  zur  Oxydation 
angegeben;  unser  Sauerstoffverbrauch  betrug  045  mg. 

Salpetersäure  ist  nach  I  und  III  nicht  vorhanden,  nach  II 
in  der  Menge  von  0*28  mg  NO^;  wir  haben  Spuren  gefunden. 

Salpetrige  Säure  ist  nach  I  und  III  nicht  vorhanden, 
II  führt  sie  nicht  an ;  unsere  Prüfungen  sind  gleichfalls  negativ  aus- 
gefallen. 

Brom  und  Jod  werden  von  I  und  II  nicht  erwähnt,  III  gibt 
Spuren  davon  an,  übereinstimmend  mit  unserem  Resultat. 


[19]  Chemische  Untersuchung  der  Schwefelquelle  in  Luhatschowitz.  91 

Thio Sulfat  wird  von  I  nicht  angeführt,  aus  II  ergeben  sich 
17-7  mg  ÄgOg,  III  gibt  übereinstimmend  mit  unserer  Untersuchung 
Spuren  davon  an. 

Phosphorsäure  wird  von  I  nicht  erwähnt,  aus  II  ergeben  sich 
ibtng  HPO^,  III  gibt  HPO^"  und  *HPO^'«  (was  weder  auf  Metaphos- 
phorsäure  noch  auch  auf  phosphorige  Säure  stimmt)  zusammen  mit 
0*64  mg  an ;  wir  haben  nur  unbestimmbare  Spuren  gefunden. 

Borsäure  wird  von  II  als  in  Spuren  vorhanden  angegeben, 
von  III  mit  6*8  7ng  HBO^\  wir  fanden  Spuren. 

Titansäure  wird  nur  von  III  angeführt,  und  zwar  zu  1*2  mg 
,,HTi02," ;  wir  fanden  mit  Wasserstoffsuperoxyd  nur  Spuren. 

Beryllium  ergibt  sich  aus  II  zu  O'l  mg  Be,  III  gibt  1-3  mg  an  ; 
unsere  Untersuchung  ergab  hiervon  nichts. 

Seltene  Erden  sind  in  II  mit  03  ing,  in  III  1-1  mg  angeführt; 
wir  haben  davon  nichts  gefunden. 

Arsen  ist  in  I  nicht  angegeben,  aus  II  ergeben  sich  2276  mg 
HÄsOi,  III  führt  11-12  mg  HAsO^  an.  Unsere  Untersuchung  wurde 
speziell  in  dieser  Richtung  mit  besonderer  Sorgfalt  geführt,  doch 
konnte  bei  der  Prüfung  auf  verschiedene  Arten,  sowohl  in  50  l  Wasser 
als  auch  in  dem  Absatz  kein  Arsen  festgestellt  werden. 

Das  spezifische  Gewicht  wird  von  II  zu  1*0005,  in  III  zu 
1*0006  angegeben;  unser  Resultat  ist  10005. 

Der  Abdampfrückstand  beträgt  nach  I  bei  110^  C  getrocknet 
0*3620^,  nach  II  bei  180«  C  getrocknet  0*4127  g,  nach  III  bei  der- 
selben Trockentemperatur  04360  g ;  unser  Resultat  ist  0*4028  g  bei 
130»  C  getrocknet. 


Zusammenfassend  ist  hervorzuheben,  daß  wesentliche  Abweichungen 
wichtigster  Bestandteile  den  Gehalt  an  Schwefelwasserstoff  betreffen, 
welcher  in  der  Neuanalyse  bedeutend  geringer  gefunden  wurde  ;  ferner 
den  Eisengehalt,  welcher  besonders  gegenüber  Analyse  II  viel  geringer 
ist,  und  den  Gehalt  an  gebundener  Kohlensäure,  der  sich  uns  viel 
höher  ergeben  hat;  schließlich  auch  Arsen,  welches  in  den  beiden 
vorhergegangenen  Analysen  in  ziemlich  großer  Menge  angeführt  wird, 
bei  unserer  Analyse  jedoch  nicht  vorhanden  war.  Im  übrigen  dürfte 
der  Hauptcharakter  der  Quelle  ziemlich  konstant  geblieben  sein,  wie 
aus  den  spezifischen  Gewichten,  welche  sehr  gut  übereinstimmen, 
und  den  unwesentlichen  Schwankungen  des  Abdampfrückstandes 
wahrscheinlich  gemacht  wird. 

Von  den  Schwefelwasserstoffquellen  Oesterreichs  ist  diesem  Wasser 
am  ähnlichsten  zusammengesetzt  diejenige  von  Groß-Latein  in 
Mähren  (Analyse  von  Faktora  1896,  Oest.  Bäderbuch).  Zum  Vergleich 
seien  hier  die  wichtigsten  Zahlen,  bezogen  auf  1  kg  Wasser,  neben- 
einandergesetzt. 


12* 


92 


C.  F.  Eichleiter 

und  0.   Hackl. 

[ 

Luhatschowitz 

Gr. -Latein 

Gramm 

m^-Aequiv. 

Gramm 

mj-Aequiv. 

Xa      .     .     . 

.     0-02788 

1-2095 

0-09080 

3-939 

Ca      .     . 

.     0-09504 

4-736 

009767 

4-868 

Mg     .     . 

.     002290 

1-8802 

0-03280 

2-694 

Cl      .     . 

.     0-00902 

02544 

01410 

3-979 

SOi    .     . 

.     0-02222 

0-4626 

0  03787 

0-7886 

flö   .   . 

.     .     0-0005080 

0015 

0-001356 

0041 

HC03    . 

.     0-4503 

7-381 

0-4217 

6-914 

H2S  frei 

.     0-0004430 

. 

0-0003748 

CO2  frei 

.     .     0-07964    . 

0-02288 

Summe  der  festen 

Bestandteile 

.     0  6593      . 

0-8524 

Summe    der 

mg- 

Aequivale 

mte 

\ 

8-136    . 

. 

11-723 

[20] 


Daraus  zeigt  sich  als  einziger  belangreicherer  Unterschied,  daß 
die  Quelle  von  Gr. -Latein  mehr  Na  und  Cl  enthält,  also  mehr  zu 
den  schwach  muriatisch- erdalkalischen  Schwefelwasserstofif- Quellen 
hinneigt,  während  die  Luhalschowitzer  Quelle  als  schwach  erdalkalische 
Schwefelwasserstoft'-Quelle  zu  bezeichnen  ist. 


Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage. 

II.  Die  niederösterreiehischen  Planifronsmolaren. 

Von  Gr.  Schlesinger,  Wien. 

Mit  14  Abbildungeil  im  Texte. 

Einleitung. 

Im  II.  Bande  der  „Paläontol  ogiscli  en  Zeitschrift"  hat 
W.  SoergeP)  einen  weitläufigen,  seiner  Meinung  nach  rechtskräftigen 
Beweis  angetreten,  um  die  Irrigkeit  meiner  Bestimmung  der  beiden, 
seinen  Ansichten  über  die  Abstammung  des  Elephaa  antiqum  Falc. 
abträglichen  P/(m//Vows-Molaren   aus  Niederösterreich  darzutun. 

Es  widerstrebt  meinem  Gefühle,  in  Fragen  der  Wissenschaft 
persönlich  zu  werden  und  ist  sonst  nicht  meine  Gewohnheit.  Wenn 
ich  im  vorliegenden  Falle  trotzdem  von  diesem  Grundsatz  gelegent- 
lich abweichen  mußte,  lag  dies  in  der  Notwendigkeit  begründet,  die 
Waften,  mit  welchen  Soergel  kämpft,  unverhüllt  zu  beleuchten.  Das 
Interesse  der  wissenschaftlichen  Objektivität  verlangt  es,  daß  die 
Atmosphäre  der  Tagesliteratur  der  Behandlung  solcher  Fragen  fern- 
bleibe. 

Damit  betrachte  ich  So  ergeis  einleitende  Zeilen  bis  auf  eine 
nähere  Erläuterung  als  erledigt. 

*)  W.  Soergel,  Das  vermeintliche  Vorkommen  von  E.  plani/rons  Falc.  in 
Niederösterreich.  Paläont.  Zeitschrift,  II.  Bd.,  H.  1.  Berlin  1915.  Die  Widerlegung 
einer  zweiten  Streitschrift  W.  Soergels  (Die  Stammesgescbiehte  der  Elefanten 
in  Zentralbl.  f.  Min.  Geol.  u.  Pal.  Jgg.  1915,  Nr.  6,  7,  8  n.  9,  Stuttgart)  siehe  in 
ebendem  Zentralblatt,  Jgg.  1916,  Nr.  2  u.  3,  Stuttgart. 

Weitere  Bemerkungen  des  gleichen  Autors  in  einer  Arbeit  über  „die  diluvialen 
Säugetiere  Badens"  (Mitt.  Großhzgl.  geol.  Landesanst.  IX.,  1.  Heft,  Heidelbg.  1914) 
sind  Wiederholungen  und  bedürfen  keiner  Erörterung. 

Ein  kurzer  Abriß  dieser  Arbeit  ist  in  der  Paläoutolog.  Zeitschrift 
(II.  Bd.,  2.  Heft,  Berlin  1916)  unter  dem  Titel  „Die  Planifronsmolaren  von 
Dobermannsdorf  und  Laaerberg  in  Niederösterreich"  erschieneu. 

Es  war  ursprünglich  natürlich  meine  Absicht,  diese  sachlich  sorgfältig  durch- 
gearbeitete Entgegnung  als  einzige  in  der  Pal.  Zeitschr,  erscheinen  zu  lassen. 
Auf  die  Einsendung  meines  Manuskriptes  teilte  mir  der  Schriftleiter,  Herr  Prof. 
Dr.  O.  Ja  ekel,  leider  mit,  daß  einer  Detailfrage  nicht  soviel  Raum  gegeben 
werden  könne,  ferner  der  IL  Band  voll  besetzt  sei  und  die  Pal.  Zeitschr.  grund- 
sätzlich nur  Mitgliedern  für  größere  Publikationen  offen  stehe. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsaiistalt,  1916,  66.  Band,  1.  Heft.  (Schlesinger.; 


94  G^.  Schlesinger.  [2] 

Letztere  betrifft  den  Abbruch  des  Briefwechsels  zwischen 
ihm  und  mir: 

So  er  gel  schreibt:  „Nachdem  Schlesinger  meinen  Versuch, 
ihn  über  seine  irrtümlichen  Ansichten  von  der  Wurzel  des  Elefanten- 
zahnes aufzuklären  ^)  auf  eine  in  wissenschaftlichen  Diskussionen 
immerhin  ungewöhnliche  Weise  beantwortet  hatte,  brach  ich  den 
Briefwechsel  aus  leicht  begreiflichen  Gründen  ab." 

Nun !  ganz  so  war  die  Sache  allerdings  nicht !  In  dem  letzten 
Brief,  den  ich  an  Soergel  gerichtet  hatte,  dessen  Kopie  vor  mir 
liegt,  teilte  ich  ihm  mit,  daß  ich  keine  Hoifnung  hege,  auf  diesem 
Wege  zu  einem  gedeihlichen  Ende  zu  kommen  und  fuhr  fort: 

„Das  will  mir  einreden,  daß  wir  eben  nie  zu  einer  Einigung 
kommen  werden.  Es  wird  nichts  übrig  bleiben,  als  daß  Sie  Ihre 
Argumente  drucklich  niederlegen  und  ich  die  meinen  und  wir  der 
Mit-  und  Nachwelt  es  überlassen,  den  rechten  Weg  zu  finden." 

Es  schien  mir  nicht  unwesentlich,  diese  Angelegenheit,  die 
Soergel  in  geheimnisvoller  stilistischer  Verkleidung  aufführt,  allge- 
mein zugänglich  zu  machen. 

Was  das  Sachliche  anlangt,  folge  ich  begreiflicherweise  im  großen 
und  ganzen  seiner  Einteilung  und  behandle  wie  er: 

1.  Die  Altersstelluiig  der  Terrassen  von  Dobermannsdorf  und 
Laaerberg. 

2.  Die  Artzugehörigkeit  der  Zahnfragmente  und  ihre  paläonto- 
logischen Grundlagen. 


l.  Die  Altersstellung  der  Terrassen  von  Doberniannsdorf  und 

Laaerberg*. 

Allem  zuvor  mußte  naturgemäß  W.  Soergel  das  mitte  1- 
pliozäne  Alter  der  beiden  Terrassen,  in  welchen  die  Zahnreste 
gefunden  worden  waren,  unbequem  sein.  Er  ist  daher  bemüht,  die 
Möglichkeit  eines  jüngeren  Alters  der  Schotter  glaubhaft  zu  machen. 
Inzwischen  haben  sich  Tatsachen  ergeben ,  welche  wenigstens  die 
eine  der  beiden  Terrassen  als  ganz  unzweifelhaft  mi ttelpliozän 
festlegen. 

Die  Art,  wie  Soergel  die  Dobermannsdorfer  Schotter 
„nach  oben  rückt",  läßt  seine  Arbeitsmethode  als  ungewissenhaft  er- 
scheinen : 

Zunächst  setzt  er  sich  über  die  Feststellung  bedeutender  Roll- 
spuren und  die  dadurch  bedingte  Annahme  einer  sekundären  Lagerung 
einfach  damit  hinweg,  daß  er  die  Momente,  welche  ich  für  eine 
sekundäre  Lagerung  der  Reste  aufgeführt  habe,  als  „absolut  nicht 
beweisend"  erklärt,  ohne  sich  mit  ihnen  weiter  zu  beschäftigen. 

„Eine  eingehende  Erörterung  der  diesbezüglichen  Ausführungen 
Schlesingers  auf  S.  91  seiner  Arbeit  L  erübrigt  sich".  (Soergel, 
1.  c.  S.  4.) 

*)  Bezüglich  tlee  Sachlichen  aus  der  Wnrzelfrag«  verweise  ich  auf  S.  120  bis 
127  dieser  Arbeit. 


[3]  Meine  Antwort  in  der  Planifionsfrage.  9[") 

Daß  an  dem  Scapularest,  wie  ich  (siehe  Studien,  1.  c.  S.  91, 
Fig.  1)1)  eingehend  dargelegt  und  mittels  Abbildung  erhärtet  habe, 
ein  im  petrifizierten  Zustand  abgetrennter  schmaler,  i)lattiger  Knochen- 
teil die  abgerollte  Bruchfläche  des  größeren  Teiles  um  ein  mächtiges 
Stück  überragt  und  dadurch  eine  sekundäre  Lagerung  unwiderleglich 
beweist,  davon  erwähnt  er   nichts. 

„Füge  ich  hinzu",  fährt  Soergel  (1.  c.  S.  5)  dann  fort,  „daß 
Freudenberg,  der  die  Schotterabbgerungen  der  Gegend  aus  Autopsie 
kennt,  die  Schotter  von  Dobermannsdorf  für  altquartär  erklärt  hat, 
so  wird  man  zugeben,  daß  bei  der  Bestimmung  des  gefundenen  Zahn- 
restes  ein  bestimmtes  geologisches  Alter  zugunsten  dieser  oder 
jener  Altersbestimmung  nicht  in  die  Wagschale  geworfen  werden  kann". 

Auch  hier  berührt  es  Soergel  nicht,  daß  W.  Freuden- 
berg in  einer  wirklich  nicht  leicht  zu  übersehenden  Arbeit-^)  seine 
damals  in  einer  Besprechung  meiner  Arbeit  gemachten  Aeußerungen 
vollauf  widerrufen  hat : 

„Als  ältesten  Vorfahren  der  hier  in  Betracht  kommenden  Elefanten 
stellte  G.  Schlesinger^)  den  E.  planifrons  FaJc.  fest  in  mittel- 
pliozänen  Schottern  des  Wiener  Beckens." 

Dazu  Fußnote^):  „Der  Fundort  bei  Doberm  annsd  orf  liegt  in 
einer  höheren  und  älteren  Terrasse  wie  das  Vorkommen  bei  Dürn- 
krut  a.  d.  March,    von  wo  wir  einen  Hippopotamni^-lXest  erwähnen." 

In  ähnlich  oberflächlicher  Weise  erörtert  Soergel  das  Alter  der 
Laaerberg-Terrasse.  Ich  kann  es  mir  ersparen,  seine  Be- 
hauptungen, wie  z.  B.  die  von  der  „weiten  Verbreitung  der  Dis- 
kordanz" zwischen  den  Kongeriensanden  und  den  Schottern  (1.  c.  S.  5) 
in  ähnlicher  Art  wie  oben  zu  charakterisieren.  Er  wird  es  wohl  dem 
ortskundigen  Geologen  überlassen  müssen,  über  Lagerungs- 
verhältnisse ein  stichhältiges  Urteil  abzugeben. 

Auch  die  Sache  mit  dem  „Mastodonmolaren",  über  den  Soergel 
so  leichtfüßig  hinweggeht,  ist  wesentlich  anders,  als  es  nach  seiner 
Darlegung  scheint. 

Als  ich  den  Fund  von  E,  planifrons  aus  dem  Laaerbergschotter 
veröffentlichte,  stand  ich  mitten  in  der  Materialbearbeitung  der  über- 
reichen Mastodonreste  der  Wiener  Sammlungen.  Damals  hatte  ich 
bloß  die  Molarenteile  des  Fundes  aus  der  Laaerbergterrasse  zur  Alters- 
bestimmung herangezogen. 

Heute  ist  die  sehr  umfängliche  Arbeit,  welcher  ein  Material  von 
vier  mehr  oder  weniger  vollständigen  Schädeln,  zahlreiche  voll- 
kommene Ober-  und  Unterkiefer,  wie  auch  Stoßzähne  und 
eine  sehr  große  Zahl  von  Molaren  der  verschiedensten  Spezies  zu- 
grunde lagen,  zu  Ende  gediehen  ^). 


')  G.  Schlesinger,  Studien  über  die  Stammesgeschichte  der  Prohoscidier. 
Jahih.  d.  k.  k.  geol.  R.-A.,  Bd.  62,  H.  1,  S.  87.  Wien   1912. 

^)  W.  Freudenherg,  Die  Säugetiere  des  älteren  Quartärs  von  Mittel- 
europa etc.  Geol.  u.  Pal.  Ahhdlgn.  N.  F.  Bd.  XII.,  H.  4,  5,  S.  34  u.  Fußnote  6. 

'•')  G.  Schlesinger,  Die  Mastodonton  des  k.  k.  uaturhistorischen  Ilof- 
museums.  (Morphologisch-phylogenetische  Untersuchungen.)  Mit  36  Tafeln.  Denk- 
schriften des  k.  k.  naturhist.  Hofmuseums.  I.  Band.  Geologisch  -  patäontologische 
Reihe.  1.  Wien  1917. 


96  ö.  Schlesinger.  [4] 

Bei  einer  solchen  Ueberfülle  des  Materials,  welches  ich  noch 
durch  eine  Bearbeitung i)  der  reichen  Bestände  der  Budapester 
Sammlungen,  die  viele  Reste  von  M.  Borsoni  beherbergen,  erweitern 
konnte,  wird  man  mir  wohl  ein  bindendes  Urteil  über  Mastodonten 
zugestehen  müssen. 

Die  Bestimmung  ist  aber  in  unserem  Falle  um  so  zuverlässiger 
zu  treffen,  als  zwei  sehr  schöne  obere  Stoßzähne  mit  den 
Molarenresten  gefunden  worden  waren. 

Wir  wissen,  daß  M.  fapiroides  nach  aufwärts  gekrümmte  Stoß- 
zähne mit  einem  an  der  konvexen  Seite  hinziehenden  breiten 
Schmelzband,  M.  Borsoni  dagegen  völlig  gestreckte,  schmelz- 
band 1  o  s  e  Inzisoren  trug. 

Die  Zähne  vom  Laaerberg  nehmen  zwischen  diesen  beiden  Arten, 
welche  nach  den  Molaren  allein  als  möglich  in  Betracht  kommen, 
infolge  ihrer  Schmelzbandlosigkeit  einer-  ihrer  noch  deutlich  feststell- 
baren Krümmung  anderseits,  eine  ausgesprochene  Mittel- 
stellung ein. 

Dazu  kommen  noch  die  unverkennbaren  Uebergangsmerkmale 
an  den  Molaren,  welche  ich  in  meiner  Arbeit  (Ein  neuerlicher  usw. 
1.  0.  S.  715  ff.)  -)  wohl  zur  Genüge  beleuchtet  habe. 

Ich  kann  begreiflicherweise  hier  nicht  all  das  wiederholen,  was  ich 
in  meiner  Hauptarbeit  über  die  „M  asto  donten  des  k.  k.  naturh. 
Hofmuseums"  gesagt  habe  und  verweise  auf  meine  Ausführungen 
und  Abbildungen  in  diesem  Werk.  Doch  hoffe  ich  hinlänglich  deutlich 
die  Momente,  auf  welche  es  ankommt,  skizziert  zu  haben. 

Die  Art  ist  als 

,,     ,     ,         fapiroides  Cuv.^) 

Mastoaon    -^ t-tp 

•  Borsoni  Hays 

d.  i.  als  Uebergangsform  zwischen  beiden  Spezies  zu  bezeichnen. 

')  (j.  S  c  li  1  esi  uge  r,  Die  Mastodonten  der  Budapester  Saramlangen.  (Eine 
morphologiBch-phylogenetische  Studie.  (Geologica  Hungarica,  Bd.  11,  Budapest  1917. 
(Im  Erscheinen  begriffen.) 

2)  G.  Schlesinger,  Ein  neuerlicher  Fund  von  E.  planifrons  in  N.-Oest. 
Jahrb.  d.  k.  k.  geol.  R.-A.,  Bd.  63,  H.  4.  Wien  1914. 

")  loh  bezeichne  Uebergangsformen  mit  einem  Bruch,  in  welchem  die  Aus- 
gangsform im  Zähler,  die  Endform  im  Nenner  steht.  Dabei  bin  ich  mir 
dessen  bewuPt,  daß  die  Bruchform  seinerzeit  für  die  Bezeichnung  von  Hybriden 
mit  in  Vorschlag  gebracht,  nie  aber  gebraucht  worden  war.  Die  in  diesem  Falle 
naturgemäßere  Multiplikationsform  (z.  B.  Teirao  urogallus  X  T.  tetrix  hat  sich  für 
die  Hybridenkennzeichnung  eingebürgert. 

Ich  hoffe  im  Sinne  vieler  zu  handeln,  wenn  ich  mit  der  vorgeschlagenen 
Schreibweise  endlich  eine  urzweideutige  Au sdrncksform  für  Zwischen- 
typen einführe.  Die  Bruchform  düifte  sich  noch  besonders  dadurch  für  diesen 
Zweck  eignen,  daß  in  ihr  auch  die  größere  Anlehnung  an  die  Ursprungs-,  bzw. 
Endart  durch  Sperrdruck  des  Zählers  oder  Nenners  wiedergegeben 
werden  kann.  Die  Uebergänge  von  E.  meridionalis  Nesti  zu  E.  trogontherii  Pohlit/ 
7.  B.  können,  falls  nötig,  folgendermaßen  dargestellt  werden: 


2.  E/ephas 

3.  Elepha.o 


1.  Elephas  meridionalis  yesii. 

tne  rid  i(i>i  ul  i  s  Xesti 


trogoiitli^rii  Pohliij. 
meridionali«  K'Sti 
trogonthtrii  Pohliy. 


tnerUfiontdis  Kesti 

4.  Elephas  

trogontherii  Pohlii/. 

5.  Elephas  trogontherii  Pohlig. 


[5]  Meine  Antwort  in  der  Pianisonsfrage.  97 

Derartige  Uebergangstypen  finden  sich,  wie  ich  gleichfalls  in 
meiner  Mastodontenarbeit  eingehend  nachgewiesen  habe,  lediglich  im 
Unter-  und  untersten  Mittelpliozän. 

Nun  begegnen  wir,  wie  die  Publikationen  zahlreicher  Autoreu 
erhärtet  haben,  M.  Borsoni  Rays  in  seiner  typischen  Ausbildung  bereits 
im  Mittelpliozän.  Die  Art  hält  nach  den  Forschungen  S.  Atha- 
nasiusi)  in  Rumänien  noch  in  den  unteren  Abschnitten  des  Ober- 
pliozäns an,  wurde  aber  niemals  mit  E.  meridionalis,  der  bekannt- 
lich in  Rumänien  häufig  ist,  zusammen  gefunden.  Der  Süd- 
elefant nimmt  einen  höheren  Horizont  ein.  Auch  ich  fand  diese 
Feststellung  Athanasius  an  meinem  ungarischen  Materiale  aus- 
nahmslos bestätigt. 

Wenn  nun  die  Art  M.  Borsoni  Hays  im  Mittelpliozän 
bereits  in  ihrer  typischen  Ausbildung  vorhanden  ist, 
ist  es  klar,  daß  wir  der  Uebergangsform  im  äußersten  Falle 
in  diesem  Horizont  begegnen  können. 

Wenn  ich  mich  seinerzeit  vorsichtig  ausdrückte  und  die  Grenzen 
zwischen  unterem  Mittelpliozän  und  basalem  Oberpliozän 
oiTen  ließ,  obwohl  die  Belege  für  die  nächstjüngere  Arsenalter- 
rasse, welche  Soergel,  wie  so  vieles,  gleichfalls  übergeht,  das 
oberpliozäne  Alter  der  Laaerbergterrasse  mehr  als  un- 
wahrscheinlich machten,  so  war  dies  lediglich  ein  Akt  wissenschaft- 
licher Gewissenhaftigkeit,  den  Soergel  offenbar  nicht  zu  werten 
verstand. 

Ich  wollte  erst  meine  eingehenden  Untersuchungen  über  die 
Inzisiven  von  M.  tapiroides  und  M.  Borsoni  und  den  Uebergangsformen 
abwarten,  bevor  ich  mein  für  mich  schon  damals  feststehendes  Urteil 
hinausgab. 

Daß  ich  den  Zahn  von  E.  planifrons,  dessen  Bestimmung  heute, 
wie  ich  im  folgenden  zeigen  werde,  noch  viel  gefestigter  zurecht- 
besteht  als  seinerzeit,  mit  zur  Horizontierung  des  Schotters  heranzog, 
wird  jeder  von  unseren  österreichischen  Tertiärgeologen  begreiflich 
finden,  da  er  eben  weiß,  wie  sehr  man  bei  uns  auf  einen  Beleg  für 
das  Alter  der  Flußterrassen  von  Wien  durch  sichergestellte 
Funde  wartete.  Heute  kann  ich  auf  diesen  Hilfsbeleg  verzichten. 

Das  mittelpliozäne  Alter  der  Laaerbergterrasse 
und  damit  das  oberpliozäne  der  ihr  konkordant  fol- 
genden Arsenalterrasse   steht   außer  allem  Zweifel. 

2.  Die  Artzugehörigkeit  der  Zahnfragmente  von  Dobermanns- 
dorf und  Laaerberg  und  ihre  paläontolologischen  Grundlagen. 

Soergel  beginnt  den  zweiten  Teil  seines  Widerlegungsversuches 
mit  folgenden  Worten  (1.  c.  S.  7): 

„Da  mir  augenblicklich  ein  größeres  Material  von  Zähnen  des 
EL  meridionalis  zu  speziellen  Messungen  nicht  zur  Verfügung  steht, 
meine  Notizen  sowie  entsprechende  Literatur  mir  aber  nicht  zur  Hand 


')  S.  Athanasiu,    Tertiäre  Säugetiere  Rumäniens,!.    An.  Inst.  geol.  Rom. 
I.  Bd.,  S.  187,  Taf.  I— XII.  Bukarest  1908. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  l.  Heft.  (Schlesinger.)  13 


98  W.  Schlesinger.  [G] 

sind,  so  habe  ich  im  folgenden  meine  allgemeinen  Ausfülirungen  über 
den  Bau  des  Elefantenzahnes  und  die  Bedeutung  der  einzelnen  Merk- 
male vorwiegend  mit  Zahlen  von  den  Zähnen  des  El.  trogontherii  von 
Süßenborn  belegt." 

In  diesem  Ausgangspunkt  liegt  die  Quelle  all  der  Fehler  be- 
gründet, welche  Soergel  neben  den  gelegentlichen  Ungenauigkeiten  zur 
Bestimmung  der  beiden  Zahnfragmente  als  E.  meridionaUs  Nesfi  führten. 

Begreiflich  ist  dieser  Mißgriff  aus  der  Erwägung,  daß  er 
überwiegend  mit  Materialien  jüngerer  E 1  e  f  a  n  t  e  n  a  r  t  e  n  arbeitete 
und  von  den  daraus  gewonnenen  Gesichtspunkten  stets  beeinflußt  ist; 
verzeihlich  ist  er  dagegen  deshalb  nicht,  weil  ein  Autor,  welcher 
in  einer  so  wesentlichen  Frage,  noch  dazu  zu  einer  Widerlegung, 
das  Wort  ergreift,  die  Pflicht  hat,  auf  der  Basis  des  Materials 
Schlüsse  zu  ziehen,  welches  eben  für  die  Beurteilung  dieser 
Frage  allein  maßgebend  sein  kann :  und  dieses  schließt  mit 
der  Spezies  E.  meridionalis  nach  oben  ab. 

Steht  aber  einem  solchen  Autor  nicht  das  genügende  Material 
zur  Verfügung,  so  muß  doch  zum  mindesten  die  Literatur  als  ent- 
sprechende Korrektur  herangezogen  werden,  was  Soergel,  wie 
er  selbst  zugibt,  eben  nicht  getan  hat. 

Soergel  beliebt  von  seinen  großartigen  Materialstudien 
und  seinen  reichen  Zahnserien  gern  zu  sprechen  und  dem- 
gegenüber meine  Arbeiten  als  „Literaturstudien"  hinzustellen.  Glaubt 
er  denn  wirklich,  daß  ich  deshalb,  weil  ich  in  meiner  kritischen 
Studie  nicht  ein  Dutzend  Zähne  in  Tabellenform  oder  in  Abbildungen 
publiziert  habe,  Meridionalismolaren  nur  aus  den  Büchern 
kenne?  Vielleicht  werden  ihn  meine  späteren  Publikationen  an  Hand 
des  Wiener  und  Budapester  Elefantenmaterials,  von  welchen  ins- 
besondere letzteres  reich  an  Archidiskodonten  ist,  eines  Besseren 
belehren ! 

Im  übrigen  sei  betont,  daß  meine  Untersuchungen  auf  etwas 
anderes  als  Augenblickserfolge  abzielen. 

Ich  habe  seinerzeit  meine  kritischen  Literaturstudien 
durchgeführt,  um  mich  zunächst  mit  der  gesamten  Frage  der 
Proboscidierstammesgeschichte  auseinanderzusetzen  und  war  mir  dessen 
bewußt,  daß  möglicherweise  die  eine  oder  andere  Lösung  nur  vor- 
läufigen Charakter  tragen  könne.  Ich  bin  auch  gern  bereit,  dort 
nachzugeben,  wo  ich  zufolge  stichhältiger  Beweise  einen  Irrtum 
meinerseits  erkennen  sollte. 

Daß  es  mir  eine  gewisse  Befriedigung  bereitet,  in  dem  über- 
wiegend größten  Teile  der  Fragen  schon  damals  richtig  gesehen  zu 
haben,  wie  mir  neuerdings  meine  Mastodonstudieu  bewiesen  haben, 
ist  selbstverständlich,  auch  bin  ich  keineswegs  gesonnen,  derartigen 
Gründen,  wie  sie  Soergel  aufführt,  die  Ergebnisse  ehrlicher 
Forschung  zu  opfern. 


[71  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  "99 

Auf  der  eingangs  erwähnten  falschen  Basis  des 
Trogontherien Zahnes  und  unter  Einfügung  weiterer 
noch  zu  erörternder  Fehlerquellen,  kommt  Soergel  schließ- 
lich zu  dem  Ende,  daß  zwei  von  diesen  Charakteren,  nämlich: 

„1.  die  Zahnhöhe, 

2,  die  Lamellenzahl  (soweit  man  ihr  in  diesem  Falle  überhaupt 
Beweiskraft  zuerkennen  kann"  (1.  c.  S.  64) 

gegen  eine  Bestimmung  als  E.  planifrons  und  für  eine  solche 
?,ls  E.  meridionalis  sprechen,  daß  dagegen  die  übrigen  „für  beide 
Arten  in  gleichem  Maße  beweisend,  bei  einer  notwendigen  Entscheidung 
für  eine  der  beiden  Arten  daher  ohne  Bedeutung  sind". 

Da  Soergel  die  zwei  punktweise  angeführten  Merkmale  als 
allein  beweiskräftig  bezeichnet,  ziehe  ich  sie  bei  der  Erörterung 
natürlich  vor  und  folge  nicht  ganz  seiner  Einteilung. 

i.  Zahnhöhe. 

Soergel  geht  von  den  Verhältnissen  an  dem  bedeutend 
vorgeschrittenen  Mj  von  E.  trogontherii  aus  und  findet,  daß  an 
einem  Zahn  mit  x  16  x  und  einem  zweiten  mit  x  19  x  Jochen  die 
Höhe  der  einzelnen  Lamellen  bis  ungefähr  zur  x  9.  i)  von  hinten 
zu-,  dann  wieder  abnimmt.  Die  Höhenzunahme  beträgt  nach  den 
Zahlen,  welche  er  (1.  c.  S.  8)  angibt,  insbesondere  hinsichtlich  des  Ver- 
hältnisses zwischen  höchstem  und  letztem  Joch  (nicht  Talon!) 
ziemlich  bedeutende  Werte  (158  mm :  76  mm). 

Nun  mißt  Soergel  die  Kronenhöhe  eines  Elefantenmolaren  an 
der  höchsten  Lamelle    in  unangekautem  Zustand. 

In  den  seltensten  Fällen  ist  aber  die  x  9.  Lamelle  (bzw.  eine 
noch  weiter  vorn  liegende)  unangekaut  erhalten.  Er  sieht  sich  daher 
genötigt,  die  ursprüngliche  Höhe  zu  rekonstruieren. 

Dazu  verhilft  ihm  folgender  Weg: 

Er  rechnet  das  Verhältnis  der  höchsten  Lamelle  zur  letzten 
(die  am  längsten  unangekaut  bleibt)  aus  und  ist  natürlich  imstande, 
auf  dem  Wege  einer  einfachen  Multiplikation  aus  der  letzten 
Lamelle  (wenn  diese  unangekaut  vorhanden  ist)  die  absolute 
höchste  Höhe  innerhalb  einer  gewissen  Schwankung  zwischen 
Maximum  und  Minimum  zu  errechnen. 

Nun  findet  er  „auf  Grund  zahlreicher  Messungen",  daß  dieses 
Verhältnis  für  E.  trogontherii  1^/^ — 2 Vi  beträgt.  Der  Vorgang  dürfte 
für  diese  Art  tatsächlich  einwandfrei  zu  Recht  bestehen. 

Ganz  anders  steht  es  mit  der  Art,  wie  Soergel  diese  Ver- 
hältniswerte für  E.  meridionalis  gewinnt,  von  der  Methode,  sie 
für  E.  planifrons  „festzustellen"  gar  nicht  zu  reden. 

„Bei  primitiveren  Elefanten",  schreibt  Soergel,  nachdem  er 
das  oben  angeführte  Verhältnis  für  E.  trogontherii  gefunden  hat,  „ist 
der  Unterschied  nicht  so  bedeutend,  die  Höhenabnahme  von  den  vor- 


')  Die  X  9.  Lamelle  von  hinten   ist  bei  Einrechnung  des  Talons  (x)  die  10. 

13* 


IQQ  Q.  Schlesinger.  [g] 

deren  nach  den  hinteren  Lamellen  allmählicher;  doch  beträgt  bei 
El.  meridionalis  (Val  d'Arno)  die  Höhe  der  höchsten  Lamellen  noch 
immer  das  l^s"  bis  2fache  von  der  Höhe  der  letzten  Lamelle." 

Diese  Angabe  wird  durch  keinerlei  Belege  gestützt  und 
ist  gemäß  der  einleitenden  Bemerkung  des  Autors,  die  ich  an  der 
Spitze  des  2.  Abschnittes  dieser  Arbeit  wörtlich  zitiert  habe, 
offenbar  bloß  angenommen.. 

Denn  wie  kann  ein  Autor,  der  eben  erklärt  hat,  es  stehe  ihm 
augenblicklich  kein  größeres  Material  des  E.  meridionalis  zur 
Verfügung  und  seine  Notizen  wie  auch  entsprechende 
Literatur  seien  ihm  nicht  zur  Hand,  ohne  weiteres  ein  für  die 
ganze  Frage  so  wesentliches  Verhältnis  mit  der  größten 
Bestimmtheit  feststellen. 

Eine  Ueberprüfung  dieser  Zahlen  an  publiziertem  und  originalem 
Material  erweist  in  der  Tat  ihre  völlige  Unrichtigkeit. 

H.  Falconer  hat  uns  —  man  kann  im  Interesse  der  wissen- 
schaftlichen Wahrheit  nun  wohl  sagen  glücklicherweise  —  in 
seiner  FaunaantiquaSivalensis  (F.  A.  S.,  HI.  PI.  14  5,  Fig.  17 
u.  17a,  18  u.  18  a)  z  wei  M  eridion  alism  0  laren  überliefert,  welche 
die  Höhenverhältnisse  der  Krone  des  E.  meridionaJis  sehr  unzwei- 
deutig erkennen  lassen. 

Von  den  Molaren  ist  der  eine  in  Seitenansicht  und 
Dar  aufsieht,  der  andere  bloß  von  oben  auch  in  den  Palae  on  to- 
logical  Memoirs  (Pal.  Mem.  Vol.  II,  PI.  8,  Fig.  1,  2  u.  3)  noch- 
mals abgebildet. 

Ich  reproduziere  auf  Seite  102  und  103  die  vier  Bilder  in  den 
beigefügten  Textfiguren  1  a  u.  &  und  2  a  \x.  h. 

Von  den  beiden  Zähnen,  von  welchen  der  eine  aus  dem  Val 
d'Arno,  der  andere  aus  dem  Norwich  Crag  stammt,  über  deren 
Zugehörigkeit  zu  E.  meridionalis  ^)  die  beigegebenen  Abbildungen 
jedermann  Aufschluß  geben,  ist  der  eine  (Taf.  14  i^,  Fig  18  u.  18  a) 
außerordentlich  wenig  abgekaut.  Ich  zitiere,  um  Mißdeutungen  hintan- 
zuhalten, den  Wortlaut  Fa leoners  (Pal.  Mem.,  Vol.  I.,  pag.  448), 
es  heißt  dort  von  dem  Molaren : 

„It  is  represented  one  third  of  the  natural  size  by  the  figs  18 
and  18  a  of  PI.  XIV  B,  under  the  misnomer  already  explained  of 
Elephas  antiquus,  in  ihe  , Fauna  Antiqua  Sivalensis'.  It  is  the  last 
true  molar,  lower  jaw,  right  side,  showing  eleven  principal  ridges, 
and  anterior  talon,  and  a  back  talon  limited  to  a  Single  thick  digitation. 
The  first  five  ridges  are  slightly  worn,  the  rest  being  intact." 

Es  sind  also  an  dem  Zahn  die  vorderen  öxJoche  wenig 
angekaut,  die  hinteren  x6  dagegen  völlig  unan gekaut. 

Nehmen  wir  nun  von  dem  Zahn  nach  der  Abbildung  die  Maße 
ab  2) ;  sie  betragen  in  Va  natürlicher  Größe  vom  hinteren  Talon  an- 
gefangen : 

25,  32,  36,  38,  40,  41,  40-5,  39-5,  38,  37,  33,  ?  ?. 

M  In  der  F.  A.  S.  sind  die  Zähne  irrtümlich  unter  der  Tafelbezeichnung 
E.  antiquus  aufgeführt,  der  Fehler  ist  in  den  Pal.  Mem.  berichtigt. 

')  Daß  es  für  unseren  Fall  gleichgültig  ist,  ob  ich  alle  Maße  in  natürlicher 
Größe  oder  in  '/g  natürlicher  Größe   gebe,   ist  wohl   leicht   einzusehen.     Auch   die 


[9]  Meine  Antwort  in  der  Planifronafrage.  101 

Wir  ersehen  daraus,  daß 

1.  die  höchste  Lamellenhöhe  dieses  Zahnes  in  der  Gegend  der 
X  5.  Lamelle  von  rückwärts  gelegen  ist, 

2.  die  Schwankungen  der  Höhenwerte  mit  Ausnahme  des  Talons 
sehr  mäßig  sind  und 

3.  das  Verhältnis  zwischen  höchster  und  letzter  Lamelle 
41  :  32  =  1-3  beträgt. 

Wir  müssen  also  diesen  Wert  und  nicht,  wie  Soergel 
angibt,  l^g  =  1*6  als  unterste  Grenze  für  E.  meridionalis  an- 
nehmen. 

Der  zweite  Zahn  (F.  A.  S.,  PI.  14  B,  Fig.  17,  17  a  und  Pal. 
Mem.  Vol.  II,  PI.  8,,  Fig.  2,  pag.  3),  ein  Mj  aus  dem  Val  d'Arno 
ist  gleichfalls  nur  wenig  angekaut.  Nutzspuren  zeigen  sich  an  den 
vordersten  6  x  Jochen,  die  hinteren  x5  sind  völlig  intakt. 

Nehmen  wir  auch    hier    wieder  die  Maße    der  einzelnen  Höhen 
in  Ya  natürlicher  Größe  ab,  so  finden  wir  von  hinten  nach  vorn : 
27,  32,  35,  37,  38,  40,  39,  37,  32,  25,  20,  14,  ?. 

Die  höchste  Höhe  treffen  wir  wieder  am  x  5.  Joch  von  hinten. 
Daß  das  x  6.  Joch  gleichhoch  war  ist  möglich,  aber  nicht  wahrschein- 
lich, da  die  Usur  an  diesem,  wie  die  Abbildung  (s.  Textfigur^26) 
zeigt,  so  minimal  ist,  daß  sie^  wohl  kaum  3  tnm  Schmelz  entfernt 
haben  dürfte. 

Wir  sehen  also  wieder,  daß: 

1.  die  größte  Höhe  ungefähr  in  der  Zahnmitte  liegt, 

2.  die  Schwankungen  der  Höhenwerte  sehr  gering  sind  und 

3.  das  gesuchte  Verhältnis  zwischen  höchster  und  letzter  Lamelle 
40:32=  1-3  beträgt. 

Nehmen  wir  nun  noch  einen  Molaren  des  Weitho  fer'schen 
E.  lyrodon'^)  mit  x  14  x  Jochen  vor.  Er  stellt  die  oberste  Grenze 
der  für  E.  meridionalis  möglichen  Lamellenformel  dar.  Der  Molar, 
welcher  aus  Montecarlo  stammt,  ist  an  den  vorderen  8  x  Jochen 
angekaut;  ein  Blick  auf  die  Abbildung  lehrt,  daß  die  8.  Lamelle 
gerade  noch  von  der  Usur  berührt  ist. 

Die  Maße  betragen  in  \  natürlicher  Größe  von  hinten 
nach  vorne: 

15,  25,  29,  32,  38,  39,  40-5,  40,  38-5,  37,  35,  32,  29,  26,  20,  10. 

Nun  folge  ich  —  um  die  höchste  Höhe  dieses  Zahnes  zu  er- 
halten —  mit  Rücksicht  auf  seine  bedeutende  Spezialisation  und  um 
nur  ja  nicht  zu  meinen  Gunsten  einen  Wert  anzunehmen, 
völlig    dem,    was    Soergel    selbst    (1.  c.  S.  8)    an    einem    T  r  o  g  o  n- 


Tatsache,  daß  sich  ein  Lamelleuhöhenwert  in  dem  Maße  ändert,  als  der  Zabn 
mehr  oder  weniger  parallel  zu  seiner  Sagittal ebene  aiifgenoniinen  wird, 
bleibt  für  unseren  Fall  gegenstandslos,  da  ja  die  Verkürzung  bzw.  Verlängerung 
in  gleicher  Weise  alle  Joche  betrilFc.  Das  Bild  ersetzt  demnach  für  den  vor- 
liegenden Fall  vollaufdas   Original. 

*)    K.   A.    Weithof  er,    Foss.    Proboscidier    d.     Arnotales.     Beitr.    z.    Geol. 
u.  Pal.  Oest.-Ung,  Bd.  VIII,  Taf.  XI,  Fig.  1,  1«,  S.  188,  Wien  1890. 


102 


G.  Schlesinger. 
Figur  I  a. 


[10] 


Figur  \b. 


Textfigur  1. 

Elephas  (Archidiscoäon)  nieridionalis  Nesti. 

M-  dext.  (Vgl.  dazu  den  Text  auf  Seite  100). 

Fig.  1«.   Auslebt  vou  der  Seite,   um   die  Nachprüfung   der   augegebeueu    Maße  zu 
ermöglicben,  —  Fig.  Ib.  Ansicht  von  der  Kaufiäche. 

Fundort:  Nor  wich  Crag  (England).  —  Horizont:  Oberpliozän. 
Wiedergabe:    V3  natürlicher  Größe. 

Die  beiden  Bilder  sind  Kopien  nach  II.  Falcouer:  F.  A.  S.,  PI.  XIV^,  Fig.  18 
und  18«  und  zeigen  die  verhältnismäßig  geringen  Unterschiede  in  der   Höhe  der 

Lamellen. 

t  h  e  r  i  e  n  m  0 1  a  r  e  11  gefunden  hat  und  sehe  über  die  höhere  Speziali- 
sation dieses  —  x  16  x  Joche!  —  hinweg.  Soergel  kommt  (1.  c.  S, 
8  u.  9)  nach  seiner  Messung  zu  dem  Schluß,  daß  die  höchste  Höhe 
für  E.  trogontlterii  mit  x  16  x  Jochen  an  der  x  9.  Lamelle  von  hinten 
gelegen  ist.  Uebertrageu  wir  nun  dieses  Ergebnis  —  trotz  der  größeren 
Jochzahl  des  Trogontherienzahnes  —  um  weitest  entgegenzukommen, 
auf  den  Zahn  von  Montecarlo  mit  x  14  x  Jochen:  An  diesem 
Molaren  ist  die  x  6.  Lamelle  von  hinten  noch  unangekaut. 


[H 


Mein«  Antwort,  in  der  Planifronsfrage. 
Figur  2a. 


103 


Figur  2b. 


Textflgur  2. 

Elephas  (Archidiscodon)  meridionalis  A'esti. 

My  dext.   (Vgl.  dazu  den  Text   auf  Seite  101). 

Fig.  2a.  Ansicht  von  der  Seite.  —  Fig.   2b.  Ansicht  von  der  Kaufläche. 

Fundort:   Val  d'Ärno  (Oberitalien).  —  Horizont:  Oberpliozüo. 

Wiedergabe:  ^/g  natürlicher  Größe. 

Beide  Bilder  sind  Kopien  nach  H.  Falconer:  F.  A.  S.,  PI.  XIV  B,  Fig.   17  und 

17  a    und    zeigen    die    verhältnismäßig     geringen    Unterschiede    in    der    Höhe    der 

Lamellen. 

Der  Höhenunterschied  zwischen  der  x  6.  und  x  9.,  also  höchsten, 
Lamelle  am  Trogontherienzahn  mit  x  16  x  (1.  c.  S.  8)  beträgt  nach 
Soergel  im  Quotienten  158  :  149  =:  106. 

Mithin  wäre  die  höchste  Höhe  des  Meridionalismolaren  in  ^/^ 
natürlicher  Größe  —  unter  der  Voraussetzung,  daß  für  ihn  die 
hochspezialisierten   Verhältnisse   des  E.  frogonfJierii  gelten    — 

40-5.  1-06  =  42.93  =  43. 

Der  Verhältniswert  zwischen  höchster  und  letzter  Lamelle  be- 
trüge also: 

43  :  25  =  1-72. 


104  Gr.  Schlesinger.  [12] 

Dieser  Maximalwert  —  als  solcher  hat  er  bei  x  14  x  Jochen 
zu  gelten  —  stimmt  nun  recht  gut  mit  dem  Wert  überein,  welchen 
W.  So  er  gel  (1.  c.  S.  9)  als  tiefste  Zahl  für  E.  frogontlierii  er- 
halten hat,  nämlich  1^/4  =  1*75.  Es  ist  ja  auch  von  vornherein 
ganz  klar,  dSiQ  E.  tneridionalis  als  oberste  Grenze  den  Wert 
einhalten  muß,  der  das  Minimum  für  E.  trogontheni,  seinen 
unmittelbaren  Abkömmling,  bildet. 

Daß  dieser  Wert  praktisch  infolge  der  Hilfsannahme  vom  Trogon- 
therienmolaren  her  zu  hoch  gegriffen  ist,  erweist  die  Messung  an  einem 
Originalmolafen  von  E.  meridionalis  im  Budapest  er  National- 
m  useum.  Es  ist  ein  M-  von  Aszöd  (Inv.  Nr.  50)  mit  x  14  x  Jochen, 
von  denen  erst  die  vordersten  drei  angekaut  sind.  Die 
Lamellenhöhen  betragen  von  hinten  nach  vorne : 

34,  78,  92,  101,  102,  114,  117,  122,  123,   122,  120,  118,   107, 

100,  9J,  63. 
Der  Molar  beweist: 

1 .  daß  die  höchste  Höhe  selbst  bei  diesem  vorgeschrittenen 
M—  in  der  Gegend  des  x  8.  Joches,  also  nur  wenig  vor  der  Zahn- 
mitte gelegen  ist, 

2.  daß  das  Verhältnis  zwischen  höchster  und  letzter  Lamelle 
123  :  78  =  1-58  =  1-6  beträgt. 

Die  tatsächlichen  Messungen  erweisen  nach  alle- 
dem, daß  Soergel  das  Verhältnis  von  1^/5  (=  1-6)— 2  gänz- 
lich willkürlich  angenommen  hat. 

Die  höchste  Lamelle  des  E.  meridionalis  ist  in  W a h r- 
heitl'3 — 1*6,  maximal  ISO— 1*75  mal  höher  als  die  letzte. 

Nun  zu  E.  planifrons!  Soergel  schreibt  (1.  c.  S.  9):  „Bei 
E.  planifvons  dürfte  dieses  Verhältnis  noch  ein  wenig  zurückgehen, 
aber  mindestens  l^/s — 1%  betragen." 

Da  ihm  nun  keine  Anhaltspunkte  für  diese  Art  zur  Verfügung 
stehen,  rechnet  er  den  unteren  Grenzwert  mit  Hilfe  eines  M- 
von  Stegodon  airatrana  Mart.  und  meint,  da  E.  planifrons  in  allen 
Merkmalen  der  Dentition  fortgeschrittener  sei  als  selbst  die  höchst- 
stehenden Stegodonten,  müsse  dies  einen  sicheren  Aufschluß  ergeben. 

Dabei  sind  ihm  zwei  grobe   Irrtümer  unterlaufen : 

1.  Da  ihm  ein  Mj  augenblicklich  nicht  zur  Verfügung  steht, 
nimmt  er  einen  Ob  erkief  er  molar  en,  was  bei  dem  ganz  be- 
deutend stärker  gekrümmten  Kreisbogen,  mit  welchem 
letzte  obere  Molaren  den  unteren  gegenüber  aus  dem 
Kiefer  rücken,  natürlich  völlig  irreführend  ist. 

2.  Zudem  übersieht  er  folgende  zwei  Momente : 

a)  Der  herangezogene  M—,  den  er  in  einer  anderen  Arbeit^) 
abbildet,  trägt,  wie  auch  aus  der  Zusammenstellung  der  Jochhöhen- 
zahlen   in    der    in    Rede    stehenden    Studie    (1.   c.   S.  10)    ersichtlich 


*)  W.  Soergel,  Stegodonten  a.  d.  Kendengschichten  auf  Java.  Paläontogr. 
Suppl.  IV.,  IV.  Abt.,  1.  Liefg,,  Taf.  I,  Fig.  2a,  b.  Stuttgart  1914. 


[13]  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  105 

ist,  xllx  Lamellen,  erreicht  also  in  diesem  Merkmal  bereits  die 
für  E.  jjlanifrons  o  b  e  r  s  t  e  G  r  e  u  z  e.  Er  kann  daher  a  n  s  i  c  h  nicht 
für  die  Feststellung  eines  untersten  Grenzwertes  in  Verwendung 
gelangen. 

h)  Die  Molaren  der  Gattung  Stegodon  sind  durch  niedrige 
Lamellen  ausgezeichnet,  deren  Schenkel  (im  sagittalen  Durchschnitt 
gedacht)  ganz  bedeutend  schräger  gegen  die  Basis  hin  ein- 
fallen, mit  anderen  Worten,  deren  vordere  und  hintere  Begrenzungs- 
flächen nach  unten  viel  mehr  divergieren  als  es  bei.  E.  i^lanifrons 
der  Fall  ist. 

Dadurch  wird  naturgemäß  die  Basis  der  ganzen  Zahnkrone  einem 
IIL  Molaren  von  E.  planifrons  mit  der  gleichen  Jochzahl  gegenüber 
erheblich  verlängert. 

Es  ist  ohne  weiteres  klar,  daß  ein  Molar,  welcher  xllx  Joche 
trägt,  deren  Schenkelnach  unten  hin  s  tark  auseinander  trete  n, 
gegenüber  einem  Zahn  mit  gleicher  Jochzahl,  aber  steileren 
Schenkeln,  in  viel  stärkerer  Krümmung  aus  dem  Kiefer 
herausrücken,  also  bedeutendere  Höhenunterschiede  der 
Joche  aufweisen  muß.  In  der  Tat  beweisen  die  von  Soergel 
(Kendengschichten  1.  c.  S.  7)  selbst  angegebenen  Maße,  wie  außer- 
ordentlich die  Krümmung  ist.  Während  die  Länge  von  Talon 
zu  Talon  (in  der  Luftlinie)  gemessen  2S7  mm  beträgt,  ergab  die 
Messung  mit  dem  Bandmaß  (also  in  der  Krümmung)  330  mm. 

Wir  ersehen  daraus,  daß  Steg,  airauana  in  zweifacher  Hin- 
sicht in  der  Dentition  ganz  erheblich  —  allerdings  in  anderer 
Richtung  als  die  jüngeren  Elefanten  —  über  E.  planifrons  hinaus 
spezialisiert  ist. 

Während  bei  dieser  Art  die  Seh melzbüchsenan  Zahl 
zunehmen  (x  10  x  —  x  11  x)  und  gleichzeitig  gemäß  der 
allgemeinenEntwicklungstendenzderechtenElefanten 
verengert  und  erhöht  werden,  geht  bei  den  Stegodonten  die 
Lamellenzunahme  Hand  in  Hand  mit  einem  fast  völligen  Still- 
stand der  Verengerung  wie  auch  der  Erhöhung  der 
Joche  vor  sich. 

Das  sind  zwei  so  grundverschiedene  Vorgänge,  daß  es 
selbstverständlich  ausgeschlossen  ist,  einen  der- 
artigenStegodonzahn  zurErrechnung  einesVerhilltnis- 
wertes  für  ^ß".  idanifrons  h  era?AZ  uzieh  en,  um  so  mehr,  als 
ersterer  dem  Plani fronsmolaren  gegenüber  in  zwei- 
facher Hinsicht  spezialisiert  ist. 

Ein  Molar  von  Stegodon  könnte  nur  dann  einer  solchen  Berech- 
nung zugrunde  gelegt  werden,  wenn  erwiesen  wäre,  daß  die  betreffende 
Art  entweder  der  unmittelbare  Ahne  des  E.  planifrons  ist 
oder  daß  sie  wenigstens  sicher  in  seiner  direkten  Ahnen- 
reihe gelegen  ist.  Nur  nebenbei  sei  bemerkt,  daß  dieser  Nachweis  bis 
heute  zuverlässig  noch  für  keine  einzige  Stegodontenart  erbracht, 
beziehungsweise  überprüft  ist. 

Das  von  Soergel  für  E.  planifrons  angegebene  Ver- 
hältnis    zwischen    höchster     und     letzter   Lamelle     ist 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  l.  Heft.  (Schlesinger.)  14 


\Qß  G.  Schlesinger.  [14] 

also  gänzlich  falsch  und,  wie  die  eben  geraachten  Er- 
örterungen erwiesen  haben,  viel  zu  hoch. 

Leider  sind  in  der  F.  A.  S.  keine  Mj  von  E.  planifrons  abge- 
bildet, welche  über  diese  Frage  sicheren  Aufschluß  zu  geben  ver- 
möchten. 

Es  ist  dies  für  unseren  Fall  zwar  kein  großer  Mangel,  da  wir 
ja  in  dem  unteren  Wert  für  ^.  meridionaUs  zugleich  den  obersten 
für  E.  planifrons  vor  uns  haben.  Doch  wäre  es  mir  deshalb  erwünscht 
gewesen,  weil  Soergel  daraus  hätte  lernen  können,  daß  die  Höhen- 
zunahme der  Krone  des  E.  planifrons  von  hinten  nach  vorn  eine 
derart  geringe  ist,  daß  sie  bei  einer  Durchschnittsbe- 
wertung der  Kronenhöhe  —  und  mit  einer  solchen  haben  bis 
auf  „Soergel  vom  Jahre  1915"  alle  Autoren  gerechnet,  welche 
Archidiskodontenmolaren  verglichen  haben,  —  kaum  eine  Rolle 
spielt.  Uebrigens  verweise  ich  ihn  auf  die  Abbildung  Figur  12,  12« 
der  PI.  XII.  (F.  A.  S.) 

Bevor  wir  nun  mit  diesem  Rüstzeug  an  die  Höhenbestim- 
mung der  beiden  nieder  österreichischen  Molaren  schreiten, 
wollen  wir  doch  noch  einige  Streiflichter  auf  die  Art,  wie  Soergel  mit 
seinen  Werten  die  Höhenergänzung  durchführt,  werfen. 

Nach  Wiederholung  (1.  c.  S.  11)  der  von  ihm  angenommenen 
Werte  (1^/5—2  für  E.  meridionaUs  und  P/g — 1^/5  für  E.  planifrons) 
fährt  er  fort: 

„Wir  wollen  ein  übriges  tun  und  beide  Werte  zusammenziehen 
zu  1-^5-2." 

Damit  erweckt  er  für  den  flüchtigen  Leser  den  Anschein,  als 
wollte  er  meinem.  Standpunkt  entgegenkommen.  In  der  Tat  ist  diese 
Zusammenziehung  eine  neuerliche  Fehlerquelle,  da  ja  die  Höhe  im 
Falle  der  Möglichkeit  einer  Bestimmung  als  E.  planifrons  viel  zu 
bedeutend  ausfallen  muß.  Wie  irreführend  diese  Zusammenziehung 
ist,  erhellt  insbesondere  daraus,  daß  Soergel  aus  beiden  Höhen- 
zahlen das  Mittel  zieht,  was  natürlich  den  Wert  für  E.  planifrons 
erheblich  steigern  muß.  Wir  wollen  also  lieber  „kein  übriges  tun"  und 
mit  den  Werten  ehrlich  rechnen. 

Mit  Soergels  Zahlen  erhielten  wir  dann  für  den  Dober- 
mannsdorfer  Zahn: 

1.  Für  den  Fall,  als  es  E.  meridionaUs  wäre,  70. 1*6  =  112  wm 
als  Minimum  und  70.2=  140  wm  als  Maximum. 

2.  Für  den  Fall,  daß  es  E.  planifrons  ist,  70.1*4^^98  mm  als 
Minimum  und  70. 16=:=  112  mm  als  Maximum. 

Während  es  nun  Soergel  bei  £".  meridionaUs  recht  gut  ver- 
standen hat,  korrigierte  Höhen  werte  in  Vergleich  zu  ziehen 
und  darauf  Rücksicht  zu  nehmen,  ob  die  Molaren  angekaut  sind  oder 
nicht,  sieht  er  über  diese  Momente  bei  E.  planifrons  hinweg  und 
bemüht  sich  nicht,  die  Originalwerte  der  F.  A.  S.,  beziehungsweise  der 
Pal.  Mem.  heranzuziehen,  sondern  nimmt  die  von  mir  in  meiner 
ersten  Arbeit  angeführten  Maße  als  Vergleichsbasis. 

Das  erscheint  mir  denn  doch  als  eine  etwas  zu  ungenaue 
Methode;  wir  wollen  uns  daher  zunächst  die  Höhenwerte  von  den 
in  der  F.  A.  S.  publizierten  M-^  des  E.  planifrons   auf  eine    richtige 


[15]  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  107 

Vergleichsbasis  bringen,  das  heißt  dort,  wo  es  sich  um  angekaute 
Molaren  handelt,  die  Höhe  nach  ebendem  Schlüssel  errechnen,  nach 
dem  So  er  gel  den  Dobermannsdorfer  Zahn  errechnet  hat. 

Dabei  mache  ich  ausdrücklich  aufmerksam,  daß  dies  nicht  die 
tatsächlichen  Höhenwerte  sind,  weil  ja  Soergels  Verhältnis- 
zahlen falsch  sind.  Es  handelt  sich  jetzt  nur  um  die  Beleuch- 
tung seiner  Methode: 

Der  schon  einmal  erwähnte  il/j  (F.  A.  S.,  PI.  XH,  Figur  12,  12  a) 
ist  von  Falconer  (Pal.  Mem.  Vol.  I,  S.  433)  gemessen  angegeben. 
Nach  ihm  beträgt  die  Höhe  des  7.  Joches  „4  inches",  das  ist  101  -6  mm. 

Schon  diese  „Originalhöhe",  welche  an  einem  ziemlich  weit 
rück  lieg  enden  und  noch  dazu  etwas  abgekauten  Joch  abgenommen 
ist,  bleibt  hinter  dem  So erge Ischen  Maximum  nur  um  10"4  mm 
zurück. 

Führen  wir  nun  die  Ergänzung  durch :  Die  letzte  Lamelle  dieses 
Zahnes  mißt  in  \/^  natürlicher  Größe  (s.  PI.  XH,  Figur  12)  27  7nm, 
im  Original  also  27  . 3  =  81  mm. 

Der  Maximalwert  nach  Soergel  wäre  mithin  81 .1-6  =  129*6, 
das  Minimum  81.1-4=  113*4  mm. 

Das  Maximum  des  DobermannsdorferZahnes  bliebe 
also  hinter  dem  Maximum  des  sewalischen  um  176  ww, 
hinter  dem  Minimum  des  sewalischen  um  1*4  mm  zurück. 

Das  Minimum  des  Dobermannsdorfer  Zahnes  bliebe 
sogar  hinter  dem  am  Original  meßbaren  Wert  noch  um 
3-6  mm  zurück.  Man  ersieht  daraus,  daß  derartige  Betrachtungen 
recht  lehrreich  sind ! 

Noch  viel  auffälliger  wird  der  Erfolg,  wenn  wir  den  von  Falconer 
(F.  A.  S.,  PI.  II,  Figur  bb  und  Pal.  Mem.  Vol.  I,  p.  423)  abgebildeten 
und  beschriebenen  Mj  in  Erwägung  ziehen,  an  dem  die  Maße  infolge 
der  Tatsache,  daß  er  im  Längsschnitt  dargestellt  ist,  besonders 
klar  abzunehmen  sind.  Daß  die  hinterste  Lamelle  dieses  Zahnes  tat- 
sächlich die  letzte  ist,  geht  aus  der  im  folgenden  zitierten  Cha- 
rakteristik Falconers  (Pal.  Mem.  Vol.  I,  p.  423)  hervor: 

„Fig.  56.  —  Elephas  planifrons.  Vertical  section  of  portion  of 
last  molar  of  lower  jaw,  with  nine  ridges,  and  presenting  the  same 
general  characters  as  fig.  5  a.  The  lower  tooth,  however,  had  been 
longer  in  use,  and  all  the  ridges  are  more  or  less  worn,  except  the 
two  last." 

Uebrigens  läßt  auch  der  Höhenwert  keinen  Zweifel.  Die  letzte 
Lamelle  mißt  in  i/.,  natürlicher  Größe  44*8  mm^  mithin  in  natürlicher 
Größe  89"6  mm.  Der  Maximalwert  dieses  Zahnes  nach  Soergel 
betrüge  also  896. 1-6  =  143*36  =^  143*4  mm,  der  Minimalwert 
89-6. 1-4  =  125-44  mm. 

Es  fiele  also  selbst  Soergels  Berechnung  für  E.  mendionalis 
(Max.  140  mm,  Minim.  112)  noch  unter  das  Maximum  dieses 
Molaren. 


14^ 


108  G,  Schlesinger.  [16] 

Nach  diesem  Exkurse  wollen  wir  die  tatsächlich  möglichen 
Höhen  mittels  der  von  uns  gewonnenen  Zahlen  errechnen : 

Dabei  betone  ich,  daß  ich  wieder,  um  den  ungünstigsten  Fall 
für  meine  Anschauung  anzunehmen,  für  E.  ylanifrons  nur  mit  dem 
Maximum,  welches  zugleich  das  Minimum  für  E.  meridionalis  ist, 
rechne. 

Der  Zahn  von  Dobermanns dorf  maß  unangekaut: 

1.  Im  Falle  der  Zugehörigkeit  zu  E.  planifrons  maximal: 
70.1-3  =  91  mm. 

2.  Im  Falle  der  Zugehörigkeit  zu  E.  meridionalis  maximal : 
70. 1-72  =  120*4  mm,  minimal:  91  mm. 

Der  Zahn  vom  Laaerberg  maß: 

1.  Im  Falle  der  Zugehörigkeit '  zu  E.  planifrons  maximal: 
93. 1-3  =  120-9  =121  mm. 

2.  Im  Falle  der  Zugehörigkeit  zu  E.  meridionalis  maximal: 
93.1-72=  159-96  =  160  mm;  minimal:  121  mm. 

Demgegenüber  betragen  die  errechenbaren  wirklichen  Maxi- 
malwerte der  beiden  schon  früher  herangezogenen  Molaren  der 
F.  A.  S.: 

1.  Für  den  Zahn  auf  PI.  XII,  Figur  12,  12  a:  81 . 1-3  =  105*3  wm. 

2.  Für  den  Zahn  auf  PL  II,  Figur  ob:  89-6  .  1-3  =  116-48  = 
=  116-5  mm. 

Der  Dobermannsdorfer  Zahn  kommt  nun  selbst  mit  seiner 
Maximalberechnung  als  E.  meridionalis  (120-4  mm)  um  einen 
so  geringen  Wert  (3-9  mm)  über  116*5  mm  zu  stehen,  daß  wohl 
jede  weitere  Diskussion  über  ihn  um  so  mehr  ausscheidet,  als  sein 
Maximum  als  E.  planifrons  um  15-5  m?n  hinter  dem  für  diese 
Art  bekannten  Maximum  zurückbleibt. 

Der  Laaerberger  Zahn  ist  mit  seinem  Maximum  als 
E.  planifrons  (121  mm)  bei  dem  bloß  45  mm  betragenden  Unterschied 
von  116'5  mtn  wohl  um  so  eher  mit  dieser  Art  zu  vereinigen,  als  wir 
ein  Minimum  von  ihm  nicht  angenommen  haben. 

Sein  Maximalwert  als  E.  meridionalis  (160  mm)  aber  erschien 
schon  So  er  gel  indiskutabel.  Er  glaubte  mit  130 — 145  mm  rechnen 
zu  können  und  sah  ein,  daß  bei  so  weiten  Grenzen  die  Methode 
gänzlich  unsicher  werde  (1.  c.  S.  12). 

Er  nimmt  daher  seine  Zuflucht  zu  einem  anderen  Mittel  und 
meint,  daß  sich  eine  Höhe  von  140  mm  aus  der  Kurve 
wahrscheinlich  machen  lasse,  welche  die  Spitzen  des 
letzten  und  vorletzten  Joches   verbindet. 

Gegen  diese  Methode  wäre  an  sich  bloß  einzuwenden,  daß  die 
Verbindung  der  Spitzen  der  beiden  letzten  Joche  infolge  des  raschen 
Anstieges  vom  letzten  zum  vorletzten  gegenüber  dem  von  diesem  zum 
drittletzten  die  tatsächliche  Höhe  etwas  übertreiben  muß;  doch 
würde  es  sich  um  höchstens  10  mm  handeln. 

Leider  aber  hat  Soergel  die  Kurve  falsch  gezogen 
und  am  letzten  Joch  die  Spitze  —  wohl  bloß  irrtümlicherweise — 
viel    tiefer    angenommen    als  sie   in  Wirklichkeit  liegt. 


[17]  Meine  Antwort  in  der  Planifrousfrage.  1()9 

Wie  meine  Abbildung  (Ein  neuerlicher  Fund  usw.  1.  c.  Tafel  II) 
zeigt  und  übrigens  auch  die  weniger  gute  Reproduktion  Soergels 
(l.  c.  S.  35,  Figur  7)  erkennen  läßt,  ist  die  letzte  Lamelle  nach 
obenhin  vor  ihrer  Kulmination  durch  eine  sie  etwas  überlagernde 
Zementhaut  verdeckt,  kommt  aber  au  der  Spitze  a's 
schwarzer  Fleck  wieder  zum  Vorschein. 

Dieses  neuerliche  Hervortreten  ist  auch  an  der  Reproduktion 
Soergels  ganz  klar  und  deutlich  erkennbar.  Es  wäre  ja  auch,  wollte 
man  die  Spitze  des  Joches  schon  unter  dem  basalwärts  ge- 
legeneu  Rande  der  Zementhaut  suchen,  sehr  merk- 
würdig, daß  eine  so  mächtige  Zementschicht  über  dem  Joche  lagern 
sollte. 

Wieviel  dieser  von  So  er  gel  „abgezwickte"  Spitzenteil  ausmacht 
ist  durch  eine  einfache  Rechnung  zu  erkunden. 

Die  Höhe  der  von  ihm  (1.  c.  S.  37,  Figur  8)  gezeichneten 
X  1.  Lamelle  von  hinten  beträgt  von  dem  kleinen  nach  oben  ein- 
springenden Knick  der  Kronenbasis  (s.  umstehende  Textfigur  3,  Meß- 
punkt a)  bis  zur  Lamellenspitze  (Meßpunkt  b)  genau  37*8  mm.  Am 
Original  gemessen  beträgt  die  gleiche  Strecke  93  mm.  Die  x  2.  Lamelle 
mißt  (von  c  bis  d)  in  der  Zeichnung  43  mm,  im  Original  98  7nm. 

Um  die  Messung  vollständig  einwandfrei  durchführen  zu  können, 
wurde  von  mir  folgender  Weg  eingeschlagen: 

Der  Zahn  wurde  in  einen  Kasten  mit  genau  gleichhohen  Seiten- 
wäudeu  derart  gelegt,  daß  die  Normale  von  der  Spitze  der  x  1.  La- 
melle von  hinten  zu  deren  Basis,  also  ihre  genaue  Höhe,  zur  Liege- 
fläche des  Molaren  parallel  lag.  Ueber  die  Seitenwände  wurde  ein 
System  von  parallel  geschliffenen  Spiegelglasplatten  als  Gleitfläche 
für  die  Schublehre  derart  gelegt,  daß  es  die  Zahnkrone  zum  Messen 
völlig  frei  ließ. 

Nun  wurde  eine  Schublehre  mit  oben  längerem  Greifarm  bei 
entsprechender  Vermehrung  oder  Verminderung  der  Glasplatten  derart 
aufgelegt,  daß  sie  mit  dem  oberen  Arm  die  Lamellenspitze,  mit  dem 
unteren  die  Basis  faßte. 

Durch  das  Glasplattensystem  war  es  möglich,  die  Verschiebung 
der  Schublehre  nach  linhs  und  rechts  bei  der  Höhenabnahme  der 
weiteren  Lamellen  stets  in  der  Ebene  durchzuführen,  in  welcher  die 
Höhe  der  x  1.  Lamelle  abgenommen  worden  war. 

Dieser  Apparat  wurde  bei  allen  weiteren  erwähnten  Messungen 
angewendet.  Er  ist  deshalb  nötig,  weil  eine  geringe  Verschiebung  der 
Höhenebene  der  Lamellen  ganz  andere  Werte  ergibt. 

Die  oben  herangezogenen  Werte  von  93  mm  und  98  mm  werden 
bei  einer  geringen  Neigung  zu  91  mm  und  96  mm.  Wird  nun  die 
Messung  aus  freier  Hand  vorgenommen,  dann  kann  es  leicht  vorkom- 
men, daß  bei  geringer  Abweichung,  die  glatt  übersehen  wird,  Werte 
von  93  und  96  oder  91  und  98  vereinigt  werden. 

Nun  läßt  sich  eine  sehr  einfache  Proportion  aufstellen.  Mag 
Soergels  Abbildung,  in  welcher  Verkleinerung  immer  gehalten  sein, 
die  von  ihm  zu  zeichnende  Höhe  der  x  letzten  Lamelle  muß  sich  zur 


HO 


(t.  Schlesinger, 


[181 


ri91  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  111 

Erkliiruii^  zu  iiebenstelieiider  Textligiir  3. 

Soergels  Rekonstruktion  des  MT  sin   vom  Laaerherg   (Niederösterreich)  nach 
Richtigstelinng  der  fälschlich  erniedrigten  letzten  liamelle. 

a—b  =  die   von    Soergel    angenommene    falsche    Höhe    der   letzten    Lamelle 

(=  37-8  mm). 
a—bi  =  die  richtige  Höhe  (=  40-8  mm), 
c—d  =   die  Höhe  der   vorletzten  Lamelle   (etwas  abgekaut)   im  Verhältnis  1 :  2-28 

natürlicher  Größe. 
c — ä  =  die  von  Soergel  angenommene  ergänzte  Höhe. 

Die   Gerade   bf  —  di    zeigt,    um    welchen    bedeutenden    Wert   (13'5  mm  bei   1  : 2"28 

natürlicher  Größe)  die  Zahnhöhe  infolge  der  Richtigstellung  des  Fehlers  erniedrigt 

wird.  Die  unterbrochene  Linie  stellt  die  ausgezogene  obere  Begrenzung  dar. 

In  eine  vom  Verlage  Bornträger  freundlichst  zur  Verfügung  gestellte  Kopie  der 
Soergel  sehen  Textfigur  8  (1.  c.  S.  37)  gezeichnet. 

Verkleinerung:  1 : 2'28. 


wahren  Höhe  ebenso  verhalten  wie  die  gezeichnete  Höhe  der  x  vor- 
letzten zu  ihrer  wahren: 

X  :  93  =  43  :  98 

93.43  .^„ 

=  40ö  mm. 


98 

In  dieser  Höhe  von  408  mm  (und  nicht  mit  .')7'8  tnm)  hätte 
Soergel  wahrheitsgemäß  die  letzte  Lamelle  zeichnen  müssen. 

Dieser  Unterschied  von  3  mm  in  der  Zeichnung  entspricht  in 
Wirklichkeit  —  infolge  der  von  ihm  angewendeten  Verkleinerung 
von  1  :  (98  :  43)  =  1 :  2*28  —  einem  Wert  von  3  .  228  =  6-84  wm, 
der  bei  einer  Spitzenentfernung  der  beiden  Jochenden  von  bloß  2*5  cm 
auf  die  Steigung  der  Verbindungskurve  natürlich  von 
enormem  Einfluß  ist. 

Dies  läßt  sich  an  der  Soergel  sehen  Zeichnung  (s.  Textfigur  3) 
recht  sinnfällig  machen : 

Setzen  wir  an  die  Linie  />  die  fehlenden  3  mm  an  und  ver- 
längern die  Verbindungslinie  zwischen  diesem  neugewonnenen  rich- 
tigen Kulminationspunkt  b'  mit  der  Spitze  d'  der  von  Soergel 
ergänzten  vorletzten  Lamelle  als  Gerade  nach  vorn,  so  wird  die  Höhe 
der  höchsten  Lamelle  in  seiner  Rekonstruktion  —  d.  i.  die  x  8.  —  um 
13*5  mm  verringert. 

Diese  135  mm  entsprechen  in  Wirklichkeit  (gemäß  der  oben 
festgestellten  Verkleinerung)  13-5  .  228  =  30-78  =  31  mm.. 

Die  angenommene  Höhe  von  140  mtn  erniedrigt  sich  also  bloß 
durch  die  Korrektur  dieses  Fehlers  auf  109  mm. 

Dieser  Wert  ändert  sich  insofern  etwas  zugunsten  Soergels. 
als  durch  die  richtige  Linienführung  nun  nicht  die  x  8.,  sondern 
schon  die  x  7.  Lamelle  die  höchste  wird.  Der  von  ihr  abgetrennte  — 
den  135  mm  an  der  x  8.  entsprechende  —  Teil  mißt  in  seiner  Zeich- 


112 


G.  Sclilesinger. 


[20] 


Zeichnung   (s.  Textfigur   3)    11-4   mm^    mithin    in    natürlicher    Größe 
11-4  .  2-28  =.  25-992  =  26  mm. 

Mithin  beträgt  die  Höhe,  wenn  wir  davon  absehen,  daß  die 
X  7.  Lamelle  nicht  voll  140  )nm  mißt,   140  —  26^^114  mm. 

Soergel  hätte  also  bei  gewissenhafter  Rekonstruk- 
tion selbst  zu  dem  Werte  kommen  müssen,  der  beileibe 
nicht  die  höchste  errechenbare  Höhe  für  7i'.  planifrom 
darstellt,    sondern    sogar   noch  hinter  dem    tatsächlichen 


Textfigur  4. 

Elephas  (Archidisco(lo)i)  planifrons  Falc. 

Drittletztes  Joch  des  MJ  vom  Laaerberge  mit  Plasteiinergänzung  der  abgekauten 

Teile. 

I^ie    geritzten    Striche    im    Plastelia    entsprechen    den    Fortsetzungen    der    Haupt- 
trennungsspalten zwischen  den  Außenpfeilern  und  dem  Mittelpfeiler. 

Fundort:  Laaerberg  (Wien  X).  Ziegelei  Löwy. 

Horizont:  Laaerbergschotter.  MittelpÜozän. 

Wiedergabe:  Natürliche  Größe.  (Originalaufnahme.) 


(aus  Zähnen  der  F.  A.  S.  erkundbaren)  Höhen  wert  von  116'5  wm? 
um  3*5  mm  zurückbleibt. 

Um  nun  hinsichtlich  der  Höhenrekonstruktion  ganz  sicher  zu  gehen, 
habe  ich  an  dem  Original  das  x  vorletzte  und  x  drittletzte 
Joch  in  Plastelin  ergänzt.  Der  Abkauungsgrad  der  beiden  Lamellen 
ist  ein  derartiger,  daß  an  beiden  Seiten  die  Neigung  der  Joche  völlig 
klar  die  Stärke  ihrer  Konvergenz  nach  oben  erkennen  läßt.  Dadurch 
war  es  möglich,  die  Ergänzung  zuverlässig  durchzuführen.  Die  Leser 
mögen  an  der  beigegebenen  Textfigur  4,  welche  die  Plastelinergän- 
zung  des  drittletzten  Joches  zeigt,  den  Grad  dieser  Zuverlässigkeit 
selbst  beurteilen. 


[21] 


Meine  Antwort  in~(ler  Planifronsfrage. 


113 


Bemerkt  sei  noch,  daß  die  Ergänzung  der  Form  nach  auf  Grund 
der  Krümmungsverhältnisse  durchgeführt  wurde,  wie  sie  die  beiden 
von  Soergel  (Ueb.  E.  trogonth.  und  E.  ant.  usw.  Paläontogr.  Bd.  LX, 
S.  10  und  11,  Figur  7  und  8,  Stuttgart  1912)  abgebildeten  Meridionalis- 
Lamellen  zeigen,  soweit  nicht  der  "Verlauf  der  Seitenwände  gering- 
fügige Abweichungen  forderte. 


Textflgur  r>. 
Elephas  [Avchidiscodon)   planifrons  Fnic. 

M~  sin.  vom  Laaerberge  mit  Plastelinergänzung   der  abgekauten  Teile   des   dritt- 
letzten und  vorletzten  Joches. 

Fundort  und  Horizont  wie  bei  Textfigur  4. 

Wiedergabe:  genau  '/-i  natürlicher  Größe. 

(Originalaufnahme,  lieber  die  Art  der  Aufnahme  vgl.  S.  113/114.) 


Um  nun  die  Höhe  völlig  einwandfrei  erkunden  zu  können,  ließ 
ich  den  Zahn  mit  den  beiden  rekonstruierten  Lamellen  (s.  Text- 
figur 5)  genau  in  V2  natürlicher  Größe  aufnehmen. 

Die  Aufnahme,  welche  begreiflicherweise  bedeutende  Schwierig- 
keiten bereitete,  ist  bis  auf  den  einen  kleinen  Fehler  geglückt,  daß 
die  Ebene,  welche  normal  auf  die  Zahnkronenbasis  durch  die  Höhe 
der  X  letzten  Lamelle  zu  denken  ist,  um  ein  Geringes  von  der  Bild- 
ebene nach  oben  divergierte.  Dadurch  erscheinen  die  Höhen  der 
drei  letzten  Lamellen  und  des  Talons  um  je  2  mm  im  Bilde  verkürzt. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  ReichsanstaU,  191G.  66.  Band,  i.  Heft.  (Schlesinger.)  15 


114  '  G-  Schlesinger.  [22] 

Während  sie  nach  der  früher  geschilderten  peinlich  genauen 
Messung  am  Original  von  hinten  an:  72,  93,  103,  105  betragen,  sind 
ihre  Maße  (s.  die  Meßpunkte  in  Textfigur  5)  in  Y2  natürlicher  Größe 

35,  45-0,  50-5,  51-5, 

was  einer  natürlichen  Größe  von 

70,  91,  101,  103 
entspräche. 

Bei  der  großen  Mühe,  welche  eine  derartige  Aufnahme  macht, 
wird  man  es  mir  vergeben,  wenn  ich  das  Bild  trotzdem  verwende. 

Ein  Irrtum  ist  nach  Klarlegung  des  Fehlers  nicht  möglich.  Es 
ist  einfach  zu  jeder  am  Bilde  gemessenen  vertikalen  Strecke  nach 
erfolgter  Multiplikation  mit  2  noch  ein  Wert  von  2  mm  z u- 
zuzählen. 

Wenn  wir  nun  eine  Höhenrekonstruktion  durchführen,  werden  wir 
bei  der  Tatsache,  daß  die  Höhenunterschiede  der  hintersten 
Lamellen  bedeutender  sind  als  die  der  weiter  vorn 
gelegenen,  natürlich  richtiger  die  Verbindungslinie  zwischen  vor- 
letztem und  drittletztem  als  die  zwischen  letztem  und  vor- 
letztem Joch  ziehen. 

Die  Tatsächlichkeit  dieses  Steigungsunterschiedes  ist,  ganz  ab- 
gesehen von  den  PI  ani  fron  s-  und  Meridionaiismolaren,  sogar 
an  den  beiden  von  Soergel  (1.  c.  S.  8)  gemessenen  Trogon- 
therienmolaren  nachweisbar. 

Am  ersten  Zahn,  mit  x  IG  x,  beträgt  der  Unterschied 
zwischen: 


der  letzten  und  2.  Lamelle 


2. 

n 

3. 

3. 

» 

4. 

4. 

n 

5. 

5. 

« 

6. 

6. 

» 

7. 

105  -    76  =  29  mm 
119  —  105  =  14  mm 


132  — 

119  -=  13  mm. 

143  — 

132  =  11  mm 

149  — 

143  =  6  mtn 

155  — 

149  =  6  mm 

usw. 

Am  zweiten  Zahn,  mit  x  19  x,  beträgt  er  zwischen: 

der  letzten  und  2.  Lamelle     ...  89     —    70     =19     mm 

„2.         „     3.        „            ...  101-5  —    89     =  12-5  mm 

„         3.         „4.        „            ...  109      —  101-5  =    7-5  mm 

4.         „5.         „            ...  114     —  109     =5     mm, 

usw. 

Eine  geradlinige  Verbindung  von  zwei  Jochspitzen  kommt  also 
der  wirklichen  Kronenhöhe  um  so  näher,  je  weiter  vorn  sie  gelegen  ist. 

Dabei  darf  allerdings  nicht  vergessen  werden,  daß  untere  M'-j 
vor  der  größten  Höhe  auch  im  unangekauten  Zustand  an  der  Kronen- 
basis, wie  an  der  Kaufläche  nach  aufwärts  geschwungen  sind,  weiter 
vorn  liegende  Spitzen  also  diesen  Teil  bei  geradliniger  Verbindung 
mehr  oder  weniger  schneiden  müssen. 


[23]  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  115 

Grundsätzlich  ist  dies  deshalb  weniger  von  Bedeutung,  da  der 
Schwung  nach  oben  naturgemäß  —  infolge  der  aufsteigenden  Basal- 
kurve  der  Krone  —  eben  stets  vor  der  höchsten  Höhe  liegt. 

Ziehen  wir  nun  in  unserer  Textfigur  5  die  Verbindung  zwischen 
den  beiden  ergänzten  Spitzen  und  verlängern  geradlinig  nach  vorn, 
so  erhalten  wir  folgende  Höhenwerte  ^) : 


in  ',',  uat.  Größe                    in  nat.  Größe 

4. 
5. 
6. 

7. 
8. 

Lamelle    . 

)) 

n 

n 

)5 

.     52  ium 
.     52    „ 
.     52    „ 

•     51    . 
.     47    „ 

(52  X  2)  -f  2  =  106  mm 
(52X2)4-2  =  106   „ 
(52X2)4-2  =  106  „ 
(51  X  2)  4-  2  =  104  „ 
(47  X  2)  -f  2  =    96  „ 

Wir  müssen  also  mit  einem  maximalen  Höhenwert 
von  106  mm  a  n  d  e  m  Mj  vom  Laaerberg  rechnen. 

Diese  Zahl  fällt  so  vollständig  in  die  Höhenwerte, 
welche  wir  aus  der  F.  A.  S.  kennen  und  früher  erörtert 
haben,  und  bleibt  so  vollständig  hinter  den  untersten 
möglichen  Grenzen  für  E.  meridionalis  zurück,  daß  schon 
aus  diesem  Merkmal  allein  die  Spezieszuteilung  sicher 
durchführbar  wäre. 

Bevor  ich  zur  Lamelle nformel  und  Rekonstruktion 
des  Zahnes  übergehe,  noch  ein  Wort  über  die  mit  vieler  Hitze  und 
Empörung  vorgetragene  Bemerkung  W\  So  ergeis  (1.  c.  S.  14),  ich 
hätte  die  Höhe  des  letzten  unangekauten  Joches  für  die  höchste  Höhe 
des  Zahnes  überhaupt  gehalten. 

Wie  ich  schon  früher  betonte,  haben  bis  auf  „Soergel  vom 
Jahre  1915"  alle  Autoren  mit  durchschnittlichen  Höhenwerten  ge- 
rechnet. Daß  diese  Art  Höhe,  bei  Archidiskodonten  mit  weniger  Um- 
ständen abzunehmen  ist,  als  bei  höheren  Elefanten,  hätte  Herrn 
Kollegen  Soergel  klar  sein  können,  da  er  doch  „reiche  Zahnserien 
von  E.  meridionalis  des  Val  d'Arno"  zur  Verfügung  hatte. 

Ist  nun  der  geringe  Unterschied  der  Lamellenhöhe  schon  bei 
ursprünglichen  Jfj  von  E.  meridionalis  kenntlich,  so  hätte  ein  Studium 
der  F.  A.  S.  ihn  darüber  vollends  belehren  können,  wie  wenig  diese 
Unterschiede  bei  E.  planifrons  ins  Gewicht  fallen. 

Ich  verweise  übrigens  diesbezüglich  bloß  auf  die  von  mir  in 
dieser  Arbeit  zitierten  Molaren  des  E.  planifrons  und  auch  E.  meri- 
dionalis aus  der  F.  A.  S. 

')  Die  4.,  5.  und  6.  Lamelle  springen  nach  unten  mit  Schmelzzipfeln  vor. 
Es  ist  klar,  daß  diese  Bildungen  nicht  bei  der  Höhenfeststellung  eingerechnet 
werden  können.  Uebrigens  bleibt  auch  ihr  "Wert  innerhalb  der  Grenzen  für 
E.  planifrons. 

unter  Einrechnung  dieser  Zipfel  betrügen  die  Abstände: 

in  Vi  uat.  Größe  in  nat.  Größe 

4.  Lamelle 66' 5  mm      (56  5  X  2)  +  2  =  115  ww 

5.  ,  56       „         (58    X2)  +  2  =  114    „ 

6.  ,  .....     55       „        (55    X  2) +  2  =  112    „ 

15* 


116  G.  Schlesinger.  [24] 

Ich  habe  mit  vollem  Bewußtsein  der  geringen  Wert- 
unterschiede —  da  ja  nur  E.  planifrons  oder  ein  sehr  ursprüng- 
licher E.  meridionalis  in  Frage  kam  —  eine  Höhenrekonstruktion 
unterlassen  und  die  tatsächlichen  Messungen  den  gleichfalls 
tatsächlichen  Messungen  verschiedenster  Molaren  beider  Formen 
gegenübergestellt. 

Ich  hoffe,  daß  sich  die  Aufregung  des  Herrn  Kollegen  Soergel 
über  diese  meine  Unterlassung  um  so  rascher  legen  wird,  als  er  ja 
nun  Gelegenheit  hat,  seine  von  der  intensiven  Beschäftigung  mit  den 
höheren  Elefanten  her  stark  aus  dem  objektiven  Gleichgewicht  ge- 
brachten Anschauungen  über  die  Zahnverhältnisse  der  Archidiskodonten 
wieder  in  Ordnung  zu  bringen. 

2.  Die  Lamellenformel  und  ihre  Ergänzung. 

Soergel  sind  bei  seiner  Art  die  Höhen  der  beiden  in  Rede 
stehenden  Molaren  zu  erkunden,  eine  Zahl  von  sehr  wesentlichen 
Fehlern  unterlaufen: 

1.  Die  Verhältniszahl  zwischen  höchster  und  letzter  Lamelle 
für  E.  meridionalis  beträgt  nicht  r6 — 2,  sondern  1-3 — 1-6. 

2.  Das  Minimum  dieses  Wertes  für  E.  planifrons  ist  aus  einem 
ML  von  Steg,  airaivana  errechnet  und  daher  falsch. 

3.  Dies  erhellt  aus  der  Tatsache,  daß  letzte  obere  Molaren 
einen  größeren  Krümmungsbogen.  daher  naturgemäß  größere  Unter- 
schiede der  Jochhöhen  aufweisen  als  untere. 

4.  Es  geht  ferner  aus  dem  Umstände  hervor,  daß  Steg,  airaivana 
in  zweifacher  Hinsicht  über  E.  planifrons  spezialisiert  ist : 

a)  durch  seine  hohe  Lamellenzahl,  die  mit  x  11  x  das  Maximum 
für  E.  planifrons  bedeutet; 

b)  durch  die  von  E.  planifrons  gänzlich  verschiedene  Weiter- 
bildung seiner  Joche,  welche  den  im  Punkte  3  namhaft  gemachten 
Fehler  noch  vergrößert. 

5.  Zudem  hat  Soergel  die  rekonstruierten  Höhen  mit 
unrekonstruierten  der  F.  A.  S.  verglichen. 

6.  Schließlich  hat  er  bei  der  Höhenbestimmung  des  Laaerberger 
Zahnes  durch  die  den  Tatsachen  widersprechende  Ver- 
kürzung der  letzten  Lamelle  um  684  mm  das  Maximalmaß  von 
114  mm  auf  140  mm  erhöht. 

Diesen  bei  einem  Widerleguugsversuch  und  in  einer  wissen- 
schaftlichen Streitfrage  um  so  schwerer  einzuschätzenden  Irr- 
tümern gegenüber  hat  unsere  auf  Grund  einwandfreier  Plast e- 
linrekonstruktion  der  zwei  vorletzten  Lamellen  aufge- 
baute Höhenbestimmung  den  maximalen  Höhenwert  weiter  auf  106  mw 
erniedrigt. 

Beide  Zahlen  (114  und  106  mm)  fallen  vollauf  unter  das  mögliche 
Minimum  für  E.  meridionalis.  Wir  werden  also  von  vornherein  keine 
höhere  Lamellenformel  als  x  11  x  erwarten  dürfen. 

Dies  bestätigt  sich  selbst  unter  der  Annahme,  daß  So  ergeis 
Weg  zur  Rekonstruktion  des  Stückes  —  bis  auf  die  oben  beleuchtete 


[25]  Meiue  Antwort  in  der  rianifronsfrage.  117 

Erniedrigung  der  Spitze  der  letzten  Lamelle  um  684  mm  —  richtig 
gewesen  wäre. 

Wie  die  Textfigur  3  (s.  S.  110)  durch  den  eingezeichneten  Ver- 
lauf der  korrigierten  Höhenlinie  zeigt,  werden  infolge  der  notwendigen 
Korrektur  von  \A0  mm  auf  114  ?w»«  glatt  2  Lamellen  des  Vor- 
derendes des  Zahnes  abgeschnitten. 

Die  Bedingtheit  dieses  Verlustes  ergibt  übrigens  auch  die  bloße 
p]rwägung  der  Tatsache,  daß  die  höchste  Höhe  von  der  x  8.  auf  die 
X  7.  Lamelle  infolge  der  Fehlerkorrektur  zurückgerückt  werden  mußte, 
eine  Entfernung,  welche  die  Breite  der  beiden  vordersten  Joche  samt 
Zementintervallen  noch  übertrifft. 

Damit  aber  sinkt  der  Zahn  —  ganz  abgesehen  von  der 
nötig  werdenden  Längenreduktion  —  auf  eine  Lamelle nformel 
von  xll  oder  praktisch  xlOx  Jochen  herab.  Wir  sehen 
also  wieder,  daß  Soergel  bei  gewissenhafter  Arbeit 
selbst  auf  die  Unmöglichkeit  seine.r  Resultate  hätte 
kommen  müssen. 

Seine  Lamellenrekonstruktion  mußte  schon  umso  unrichtiger  aus- 
fallen, als  auch  seine  Annahme,  die  größte  Höhe  des  i¥-  von^.  7neri- 
dionalis  liege  im  vordersten  Zahndrittel,  nicht  den  Tatsachen 
entspricht,  ja  nicht  einmal  seine  eigenen  Erfahrungen  am  Tro- 
gon  th  eri  e  n  material  zu  ihr  berechtigen. 

Bei  dem  ersten  von  ihm  herangezogenen  Trogontherien- 
molaren  (1.  c.  S.  8)  mit  x  16  x  Jochen  liegt  die  höchste  Höhe  an 
der  X  9.  Lamelle  von  hinten,  vor  ihr  liegen  7  x  Lamellen. 
Bei  dem  zweiten  Zahn  mit  x  19  x  liegt  sie  an  der  x  11.  Lamelle 
von  hinten,  vor  ihr  sind  also  8  x  Joche.  Wäre  die  höchste  Höhe 
wirklich  im  vorderen  Drittel,  so  müßte  sie  am  ersten  Zahn  wenigstens 
in  der  Gegend  der  x  12.  Lamelle  von  hinten,  am  zweiten  in  der 
Gegend  der  x  14.  zu  finden  sein. 

Diese  drei  Joche  samt  drei  Zementintervallen  sind  schon  am 
Trogontheriimolaren,  für  den  wir  einen  Durchschnitts -L.  L.  Q.  von 
175  (Soergel,  1.  c.  S.  36)  annehmen  müssen,  ein  nicht  zu  unter- 
schätzender Wert  von  17'5  .  3  =  52'5  mm. 

Es  ist  klar,  daß  die  bloße  Uebert ragung  dieses  Fehlers 
auf  E.  meridionalis  bei  dem  viel  größeren  L.  L.  Q.  dieser  Art  stark 
irreführend  ist.  Nun  verschiebt  sich  aber,  je  weiter  wir  in  der  Ahnen- 
reihe der  Elefanten  zurückgehen  die  Lage  der  höchsten  Lamelle 
immer  weiter  nach  rückwärts.  Wie  wir  an  den  beiden  Meridionalis- 
molaren  der  F.  A.  S.  (s.  S.  101)  ersehen  konnten,  liegt  bei  dieser  Form 
der  höchste  Punkt  ungefähr  in  der  Mitte  des  Zahnes. 

Eine  zuverlässige  Rekonstruktion  wird  sich  demgegenüber  vor 
allem  aufbauen  müssen : 

1.  Auf  der  unter  Zugrundelegung  der  Verbindungslinie  zwischen 
x  vor-  und  x  drittletztem  Joch  erschlossenen  tatsächlichen  Höhe  von 
106  mm. 

2.  Auf  der  Erfahrung,  daß  die  höchste  Kronenhöhe  bei  Archidis- 
kodonten  ungefähr  in  der  Mitte,  eher  noch  weiter  rückwärts 
(s.  die  Zahlen  der  beiden  Meridionalismolaren  auf  S.  100/101)  ge- 
legen ist. 


118  G.  «chlesinger.  [26] 

Mit  Hilfe  dieser  zwei  Prämissen  sind  wir  in  der  Lage,  die 
Länge  des  intakten  Zahnes  festzulegen : 

Seine  höchste  Höhe  von  106  mm  betriift  3  Joche,  das  x4.,  x  5. 
und  X  6.  Vor  ihnen  tragen  die  ersten  beiden  stärkere  Basal- 
zacken  (s.  Textfigur  5)  und  sind    absolut   genommen   die   höchsten. 

Nun  sehen  wir,  um  nicht  pro  domo  zu  handeln,  davon  ab,  daß 
die  höchste  Höhe  am  x  4.  Joch  gemessen  wurde  und  nehmen  das 
Maß  der  halben  Länge  vom  hinteren  Talonende  bis  zum  Beginn 
der  Hinterwand  der  x  5.  Lamelle,  statt  wie  es  richtig  wäre,  den 
vorderen  Meßpunkt  in  den  Zementzwischenraum  zwischen  x  4.  und 
X  5.  Joch  anzunehmen  :  wir  erhaltensoalshalbeLänge  140  mtn. 
Mithin  hatte  der  Zahn  vollständig  280  mm  gemessen. 
Ich  hatte  mich  also  bei  meiner  ersten  Publikation  in  der  mut- 
maßlichen Längenbestimmuug  um  ganze  10  mm  geirrt! 

Die  Länge  des  erhaltenen  Restes  beträgt  233  mm,  mithin  sind 
280  —  233  =  47  mm  zu  ergänzen. 

Wieviel  Lamellen  verteilen  sich  auf  diese  47  mtn? 

Soergel  hat  (I.  c.  S.  24 — 29)  des  längeren  auseinandergesetzt, 
daß  der  L.  L.  Q.  in  dem  Maße  wachse,  als  der  Zahn  in  der  Ab- 
kauung fortschreitet.  Ich  komme  noch  auf  diese  Frage  zurück. 
Für  unseren  Fall  wollen  wir  vorläufig,  um  Soergel  weitest  ent- 
gegenzukommen, mit  dem  von  ihm  errechneten  L.  L.  Q.  von  23*0  für 
die  vorn  fehlenden  Joche  die  Verteilung  vornehmen : 

Mit  der  Annahme  von  zwei  Lamellen  haben  wir 
bereits  unseren  Zahlen  vorrat  erschöpft  (2  .  23  =  46  mm) 
und  es  bleibt  uns  nur  1  tnm  ü b r i g. 

Wir  sind  also  selbst  bei  der  Voraussetzung,  daß 
die  Werte  von  Joch-j-Zementintervall  nach  vorn  etwas 
abnehmen,  nicht  imstande,  einen  vorderen  Talon  im 
Rekonstruktionsbild  zu  rechtfertigen:  die  Lamellen- 
formel bleibt  nach  wie  vor  x  10. 

So  stellt  sich  die  Frage  der  Lamellenergänzung  wahrheits- 
gemäß dar. 

Freilich !  wenn  man  auf  Grund  von  mehr  als  sechs  falschen  Vor- 
aussetzungen einen  Zahn  ergänzt,  dann  kann  man  immerhin  auch  zu 
einer  Länge  von  326  mm  und  einer  Formel  von  x  12  x  gelangen. 


Mit  der  Festlegung  der  Höhe  von  106  mm  Maximum  (unange- 
kaut)  und  der  Formel  von  x  10  bei  einer  Länge  von  280  mm  ist  die 
Bestimmung  des  Zahnes  als  E.  planifrons  außer  allem  Zweifel. 

Bevor  ich  weitergehe,  um  noch  einige  Soergel  sehe  Argumen- 
tationen, die  allerdings  für  die  Bestimmung  nichts  mehr  entscheiden, 
zu  beleuchten  und  durch  ihre  Widerlegung  Streiflichter  auf  die  Richtig- 
keit meiner  Bestimmung  rückfallen  zu  lassen,  will  ich  mit  einigen 
Bemerkungen  die  in  Textfigur  6  und  7  (s.  S.  119)  dargestellte 
Rekonstruktion  in  Gips  und  Plastelin  erläutern. 

Auf  Grundlage  der  gewonnenen,  eben  geschilderten  Ergebnisse 
hinsichtlich  Höhe,  Länge  und  Lamellenzahl  wurden  zunächst 
die  Lamellen,  soweit  in  Resten  vorhanden,  über  einem  Gipsabguß 


[27] 


Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage. 


119 


Textfigur  (I. 

FÄephas  {Archidiscodon)  planifrons  Falc. 

iiT  sin.  vom  Laaerberg  in  Gips  rekonstruiert,  von  innen  gesehen. 

Fundort  und  Horizont:  wie  bei  Textfigur  4. 

Wiedergabe:  '^l^  natürlicher  Größe.  (Originalaufnahme.) 

Das  Original  ist  an  dem  dunkleren  Ton  kenntlich.  (Vgl.  dazu  den  Text  auf  S.  118.) 


Textflgur  7. 

Elephas  [Archidiscodon)  planifrons  Falc. 

Die  in  Textfigur  G  dargestellte  Rekonstruktion  von  oben  gesehen. 

Fundort,  Horizont  und  Wiedergabe  wie  bei  Textfigur  6. 

Man  beachte  die  schmale  Form  der  Kaufläche. 


120  G.  Schlesinger.  [28] 

in  Plasteliii  ergänzt,  dann  wurden  die  Zementzwischenräume  mit 
Gips  ausgegossen  und  vorn  an  den  Zahn  in  der  erschlossenen  Länge 
die  beiden  fehlenden  Joche  samt  Intervallen  anmodelliert. 

Der  Schwung  der  Kaufläche  ist  durch  den  Verlauf  der  Spitzen- 
kurve der  hinteren  vier  Joche  gegeben  und  wurde  nach  dem  Vorbild 
von  zwei  3fendionaUs-Mo]siven  aus  dem  Budapester  Museum,  für 
deren  Uebersendung  ich  Herrn  Kollegen  Dr.  Th.  Kormos  zu  beson- 
derem herzlichem  Dank  verpflichtet  bin,  durchgearbeitet. 

Die  genau,  mit  Hilfe  des  auf  S.  109  geschilderten  Apparates 
gemessenen  Jochhöhen    der  Rekonstruktion    betragen   von  hinten   an : 

72,  93,  103,  105,  106 1),  106 1).   106 1),   lOö-.^,  102,  89,  72 

Bezüglich  der  Wurzelergänzung  verweise  ich  auf  den  nächsten 
Abschnitt. 

3.  Die  Zahnwurzeln. 

Mit  den  vorerwähnten  Ausführungen  erscheinen  die  Argumente 
So  ergeis  ebenso  gründlich  als  erschöpfend  erledigt.  Den  übrigen 
Merkmalen  erkennt  er  keine  Beweiskraft  für  die  Artbestimmung  zu. 
Trotzdem  ist  es  interessant  und  lehrreich,    sie  einzeln  durchzugehen. 

An  Hand  der  Abbildungen  von  drei  Primige  niu  sm  olaren 
—  Soergel  zieht  immer  bei  kritischen  Fragen  über  Archidiskodonten 
hochspezialisierte  Elefanten  heran  —  erläutert  er  die  Art,  wie  nach 
seiner  Meinung  die  Wurzelbildung  bei  Elefanten  vor  sich  geht.  Er 
schreibt  (I.  c.  S.  16—18): 

„Wie  oben  schon  gesagt,  beginnen  die  letzten  Molaren  mit  fort- 
schreitender Abkauung  die  einzelnen  Wurzeläste,  die  infolge  der 
Vorwärtsbewegung  des  Zahnes  sich  immer  stärker  nach  hinten  biegen 
und  dem  Zahn  anschmiegen,  zu  einem  wandartigen  Gebilde  zu  ver- 
schmelzen. Im  ersten  Stadium  —  bei  Mammutzähnen  nach  Abkauung  von 
4 — 0  Lamellen  —  bildet  sich  auf  beiden  Seiten  an  der  Zahnunterseite 
eine  relativ  dünne  Wand,  die  in  der  Mitte  die  Zahnkronenbasis  ein- 
schließt, im  hintersten  Zahnteil  aber  häufig  schon  zu  einer  kompakteren 
Masse  verwachsen  ist .  .  .  Die  Höhe  einer  solchen  Dentinwand  ent- 
spricht in  dem  ersten  Stadium  ungefähr  derjenigen  der  Wurzeläste. 
Bei  fortschreitender  Abkauung  wird  der  Wurzelpartie  mehr  und  mehr 
Dentin  zugeführt,  die  einzelnen  Wurzeläste  treten  allmählich  als 
Komponenten  der  Dentinwand  zurück  .  .  .  und  letztere  wächst  bei 
fortdauernder  Dentinzufuhr  zu  sehr  beträchtlichen  Höhen  .  .  .  Indem 
an  der  Zahnkronenbasis  sowohl  als  an  der  Dentinwand  innen  fort- 
während Dentin  abgesetzt  wird,  rückt  die  Zahnkronenbasis  einmal 
immer  tiefer  hinunter  und  wird  anderseits  sehr  stark  eingeengt.  Sie 
bildet  schließlich  nur  noch  eine  sehr  schmale  Fläche,  die  häufig  all- 
seitig von  Dentin  eingeschlossen  ist." 

Soergel  erörtert  dann,  daß  sich  der  letzte  Molar,  wenn  er 
bis  zu  einem  gewissen  Grade    abgekaut   ist,    nicht  mehr   vorwärts. 


*)  Die  Höhen   dieser  Joche    von  der   Spitze   der  Basalzacken   an  betragen 
115,  114,  112  mm. 


[29]  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  121 

sondern   nur   mehr  aufwärts   schiebt   und    fährt  fort  (1.  c.  S.  18): 

„Im  gleichen  Tempo"  —  nämlich  des  Hochschiebens  —  „wird 
aber  unten  Dentin  abgesetzt". 

Es  erschien  mir  von  vornherein  unwahrscheinlich,  daß  sich  die 
Verhältnisse  tatsächlich  in  dieser  Weise  abwickeln.  Die  Elefanten 
würden  dann  eine  Zahnung  aufweisen,  die  ganz  grundsätzlich 
von  allen  übrigen  Säugetieren  verschieden  wäre,  da  von 
keinem  Säugetier  bisher  ein  effektiv  sekundäres  Wurzel- 
wachstum —  und  ein  solches  nimmt  Soergel  (s.  S.  18  letzte 
Zeilen)  an  —  bekannt  geworden  ist.  Es  wäre  doch  zu  erwarten,  daß 
sich  bei  anderen  hypsodonten  Formen,  z.  B.  Pferd,  Nager,  An- 
klänge fänden. 

Noch  unzuverlässiger  erschien  mir  die  Darstellung  Soergels, 
als  ich  die  zur  Erläuterung   herangezogenen  Abbildungen  überprüfte: 

Figur  1  auf  S.  15  (1.  c.)  zeigt  einen  Primige niusmolaren 
in  einem  ziemlich  frühen  Stadium  der  Abkauung  mit  großer  Lamel- 
lenzahl.  Im  vorderen  Abschnitt  sind  charakteristische  Zapfenwurzeln 
mit  besonders  an  der  ersten  von  ihnen  deutlichem  Pulparkanal  sichtbar, 
hinten  die  von  Soergel  als  „Dentinwand"  angesprochene  Wurzelpartie, 
in  Bildung  begriffen. 

An  Figur  2  (1.  c.  S.  16)  konstatiert  Soergel  die  Vergrößerung 
der  „Dentinwand"  und  das  „Zurücktreten  der  Wurzeläste  als  Kom- 
ponenten" dieser.  In  der  Tat  hat  aber  dieser  Zahn  nur  mehr  zirka 
13  Joche,  entspricht  also  ungefähr  der  hinteren  Hälfte  des  in  Figur  1 
abgebildeten  Zahnes.  Figur  2  stellt  also  bloß  den  rückwärtigen  Ab- 
schnitt der  Krone  eines  Mj  von  E.  primigenius  dar,  welcher  schon 
von  Anfang  an  mit  jenem  Wurzelgebilde  versehen  war, 
das  Soergel  als  „sekundäre  Dentinwand"  betrachtet.  Warum  dieses 
Gebilde  an  dem  wenig  abgekauten  Zahn  noch  mäßig  entfaltet  war, 
hat  wesentlich  andere  Gründe  als  er  meint,  die  wir  bald 
werden  kennen  lernen. 

Figur  3  endlich  (1.  c.  S.  16)  zeigt  diesen  Wurzelteil  zwar  nach 
untenhin  ausgewachsen,  aber  infolge  der  fortschreitenden  Ab- 
kauung und  der  Alveolenobliteration  nicht  mehr  voll- 
ständig. Vorn  sind  erhebliche  Teile  weggebrochen. 

Hätte  sich  Soergel  die  Mühe  genommen,  die  leicht  zugängliche 
Dentition  des  Pferdes,  welche  hinsichtlich  der  bedeutenden 
Kronenhöhe  ähnliche  Verhältnisse  bietet,  durchzunehmen,  so  wäre  ihm 
wahrscheinlich   die  Sache  so  klar  geworden,    wie   sie   wirklich   ist. 

Infolge  der  Liebenswürdigkeit  des  Vorstandes  der  anatomischen 
Lehrkanzel  an  der  W i euer  tierärztlichen  Hochschule,  Herrn 
Prof.  Dr.  K.  Skoda,  dem  ich  zu  großem  Danke  verbunden  bleibe, 
war  es  mir  möglich,  in  die  Zahnung  des  Pferdes  an  der  Hand  von 
entsprechendem  Schädelmaterial  vollen  Einblick  zu  gewinnen. 

Beim  Pferd  geht  das  Molarenwachstum  folgendermaßen  vor  sich : 

Schon   beim  zweijährigen  Fohlen   sind  die  Molaren    und  mo- 

larisierten  Prä  molaren  im  Kronenteil  vollkommen   ausgebildet, 

die  Wurzeln  sind   vollständig   angelegt,    doch   sind   die   Pulparkanäle 

noch  über  das  Normallumen  weit  geöffnet. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  ßeichsanstalt,  1916,  66.  Band,  1.  Heft.  (Schlesinger.)  16 


122  Ct.  Schlesinger.  [30] 

Bis  zum  6.  Lebensjahre  sind  die  Kanäle  bis  auf  dieses  Lumen 
geschlossen,  das  Wurzelwachstum  ist  beendigt,  die  Wurzelhöhe  hat 
sich  gegenüber  der  am  zweijährigen  Fohlen  kaum  merklich  vergrößert. 

Schon  beim  zweijährigen  ist  die  Krone  in  ihrer  ganzen 
für  alle  späteren  Jahre  beständigen  Länge  angelegt,  steckt  aber 
zu  gut  2/3  in  der  mächtigen  und  tiefen  Alveole,  welche  dem  Kronen- 
querschnitt genau  angepaßt  ist. 

Vom  Zeitpunkt  der  ersten  Abkauung  an  rückt  nun  bei  gleich- 
bleibender Wurzelhöhe  die  Krone  in  dem  Maße  aus  der  Alveole, 
als  Material  oben  abgerieben  wird.  Dieses  Herausrücken  geht,  wie 
bei  allen  Säugern  Hand  in  Hand  mit  der  fortschreitenden  Obl Ite- 
ration der  Alveole  und  ihrer  Anfüllung  mit  Knochenspongiosa 
von  unten  nach  oben. 

Der  Zahn  wird  also  gewissermaßen  aus  der  Alveole  heraus- 
gedrückt. Dabei  verändert  sich  die  Wurzel  nicht  im  geringsten  — 
abgesehen  von  der  Schließung  der  Kanäle  —  und  bei  alten  „Mummel- 
greisen" wird  nach  völliger  Abnützung  der  Kronenteile  die  Wurzel 
weiter  abgekaut,  welche  nunmehr  in  einer  ihrer  schon  am  zweijährigen 
Pferde  vorhandenen  Größe  entsprechenden  Alveole  sitzt. 

Es  ist  kein  Grund  vorhanden,  die  Prinzipien  des  Zahnwachs- 
tums für  den  Elefanten  anders  anzunehmen. 

Wohl  aber  erfährt  dieses  durch  das  eigenartige  Herausrücken 
insofern  eine  Modifikation,  als  der  Ablauf  der  einzelnen  Bildungs- 
prozesse nicht  gleichzeitig,  sondern  hintereinander  von- 
statten geht.  Dieses  zeitliche  Hintereinander  muß  um  so 
vorgeschrittener  sein,  d.  h.  die  Endstadien  müssen  um  so 
später  erreicht  werden,  je  höher  wir  in  der  Stammes- 
geschichte der  Elefanten  emporsteigen  und  erreicht  naturgemäß  sein 
Maximum  mit  E.  primigenius.  Die  Auflösung  in  ein  Hintereinander 
wird  aber  um  so  geringer  sein,  je  ursprünglichere  Vertreter  des 
Stammes  wir  in  Betracht  ziehen. 

Gehen  wir  nun,  um  in  der  Frage  ganz  klar  zu  sehen  die 
Proboscidier  durch. 

Die  ursprünglichsten  Vertreter,  bei  welchen  bereits  deutliche 
Anzeichen  eines  bogen  förmigen  Herausrückens  der  Molaren 
nachweisbar  sind,  aber  noch  vertikaler  Zahnersatz  allgemein  statthat, 
sind  die  Mastodonten.  Die  Wurzelpartie  eines  ü/j  von  Mastodon 
setzt  sich  im  einfachsten  Fall  (siehe  Textfigur  8  und  9)  aus  zwei 
Teilen  zusammen:  Eine  vordere  Pfahlwurzel  trägt  stets  das 
erste  Joch;  hinter  ihr  trägt  alle  übrigen  Joche  eine  mächtige, 
als  plumper  Zapfen  mit  gewaltiger  basaler  Breite  nach 
unten  ragende  Wurz^.  Diese  Verhältnisse  können  insofern 
eine  Erweiterung  erfahren,  als  normal  auf  die  vordere  Pfahlwurzel, 
also  längsgestellt,  eine  weitere  ähnliche,  aber  flachere  Wurzel  hinzu- 
treten kann.  Stets  aber  kehrt  der  mächtige  die  hinteren 
drei  bis  vier  Joche  tragende  Zapfen  wieder. 

Dieser  Bau,  welcher  alle  ursprünglicheren  Mastodonzähne 
einschließlich  M.  longiröstre'^)  kennzeichnet,  erfährt  gewisse   Differen- 

')  Die  nächstverwandte   Form  zu  M.  latidens,  dem  Elefantenahnen. 


[31]  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  123 

zierungen  bei  M.  americantim,  die  uns  als  Parallelerscheinung  recht 
gut  die  Entstehung  der  Wurzeln  der  Molaren  höherer  Elefanten  er- 
klärlich machen.  Die  vordere  Pfahlwurzel  (s.  Textfigur  10)  kann  sich 
teilen,  bisweilen  sogar  in  mehrere  Aeste. 

Doch  bleibt  der  große  hintereZapfen  stets  intakt. 

Daß  diese  mächtige  hintere  Wurzel  auch  beiden  zu  den 
Elefanten  überleitenden  Arten  (M.  latidens)  angehalten  hat,  beweist 
der  Längsschnitt  in  der  F.  A.  S.  (PI.  III,  Fig.  8).  Ein  nebenstehender 
Schnitt  durch  einen  Americanum-Zdihw  1.  c.  PI.  III,  Fig.  9)  ermöglicht 
sehr  schön  die  Homologisierung,  zumal  bei  beiden  Zähnen  die 
Pulparräurae  recht  gut  abgegrenzt  erscheinen. 

Doch  auch  ein  E.  ^?an(/rows-Molar  selbst  ist  uns  von  F  a  l  c  o  n  e  r 
F.  A.  S.  PI.  XVIII,  Fig.  2,  2  a)  überliefert  und  der  Autor  fühlte  sich 
sogar  veranlaßt  (Pal.  Mem.  Vol.  I,  p.  450)  den  „great  fang  in  front" 
besonders  hervorzuheben.  Ich  gebe  in  Textfigur  11  (s.  S.  124)  der 
Wichtigkeit  wegen  eine  Reproduktion. 

Recht  lehrreich  ist  es,  mit  diesen  vieren  noch  als 
fünften  den  in  Textfigur  12  dargestellten  Primigenius- 
molaren  zu  vergleichen. 

Ich  glaube,  es  kann  wohl  keinem  Zweifel  unterliegen, 
daß  der  mächtige  —  von  Soergel  als  „sekundäre  Dentin- 
wand" angesprochene  —  hintere  Wurzelzapfen  bei  E.  primi- 
(/enius,  E.  planifrons  wie  auch  E.  meridionalis  (s.  Textfigur  2  b)  und 
M.  latidens  ein  reines  Homologen  zu  dem  entsprechenden 
Gebilde   bei   allen  Mastodonten  darstellt. 

Daß  Soergel  diese  Homologisierung  übersah  und  von  einer 
sekundären  Bildung  sprach,  ist  wohl  nur  als  Folge  einer  durch  die 
rege  Beschäftigung  mit  höheren  Elefantenmolaren  erworbenen  Kurz- 
sichtigkeit begreiflich. 

Die  vordere  Wurzel  des  Mastodonten zahnes  dagegen, 
welche  über  E.  planifrons  noch  bis  zu  E.  meridionalis  (s.  Textfigur  2  6) 
hinauf  anhält,  ist  den  zahlreichen  Pfahlwurzeln  des  höheren  Elefanten- 
zahnes homolog. 

Nach  dieser  grundlegenden  Feststellung  klärt  sich  die  höchst 
merkwürdige  Annahme  Soergels,  daß  eine  Wurzel  „mit  Hilfe 
sekundärer  Dentinablagerungen"  weiterwächst,  der  Molar  also  ge- 
wissermaßen ein  Wachstum  nach  unten  erfährt,  sehr  einfach: 

Während  bei  ursprünglichen  Arten  der  Gattung  Elephas  (z.  B. 
E.  planifrons)  infolge  des  auf  einen  weniger  langen  Zeitraum  ver- 
teilten Herausrückens  des  Zahnes  die  Bildung  seiner  Krone  und 
seiner  Wurzeln  rascher  beendigt  ist,  die  Pulparkanäle  also  in  kürzerer 
Zeit  auf  das  Normallumen  gebracht  werden,  erscheint  dieser 
Vorgang  bei  höheren  Elefanten,  insbesondere  bei  E.  primigenius, 
zeitlich  enorm  gedehnt.  Das  Schließen  der  Pulparkanäle  der 
einzelnen  Wurzeläste  auf  das  Normallumen  erfolgt  nach  und  nach, 
u.  zw.  von  vorn  nach  rückwärts.  Am  längsten  und  weitesten 
offen  bleibt  der  große  hinterste  Wurzelast  —  Soergels  irrtüm- 
licherweise konstatierte  Dentinwand. 

16' 


124 


G.  Schlesinger. 


[32] 


Textfigur  IJ. 


[33]  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  125 


Textflgur  12. 


Erklärung  zu  den  Textfiguren  8—12. 

Letzte  untere  Molaren  (Mj)  verschiedener  Mastodonten  und  Elefanten,  um 
die  Homologie  der  Wurzeln,  insbesondere  der  mächtigen  hinteren  ZapfenwurzeJ, 
die  So  er  gel  fälschlich  als  „sekundäre  Dentinwand"  angesprochen  hat,  zu  verau- 
schaulichen. 

Textfigur  8. 
Masiodon  (Zygolophodon)  tapiroides  Cuv. 

MT  dext.  (von  innen).  Fundort:  Klein-Hadersdorf  bei  Poysdorf  (N.-Ö.).  — 
Horizont:  Oberes  Helvetien  (Grunder  Schichten). 

(Die  Kauflächenansicht  dieses  Zahnes  siehe  in'  meiner  S.  95,  Fußnote  3 
zitierten  Arbeit,  Taf.  XXI,  Abb.  8.) 

Textfigur  9. 
Mastodon  (Bunolovhodon)  '"'^'^^^"^^"'^  ^""^ 

Inngirostye  Kaup. 

JWT  dext.  (von  innen).  Fundort:  Poysdorf  (N.-Ö).  —  Horizont:  Unteres 
Pliozän. 

(Die  Kauflächenansicht  siehe  in  meiner  S.  95,  Fußnote  3  zitierten  Arbeit 
Taf.  IX,  Abb.  1.) 

Textfigur  10. 
Mastodon  [Mammut)  americanum  Cuv. 
MT  sin.  (von  außen).  Fundort:  Missouri  (U.  St.  A.)  —  Horizont:  Quartär. 

Textfigur  11. 
Elephas  [Archidiscodon)  planifrons  Falc. 
M~  sin.  Fundort:   Sewalik  Hills  (Ostindien).  —  Horizont:  Mittelpliozäu. 
(Das  Bild  ist  eine  Kopie  nach  Falconer  [F.  A.  S.  PI.  XVIII,  Fig.  2]  und 
ist  zum   Zweck   des   besseren    Vergleiches    „seitenverkehrt"    zur   Darstellung 
gebracht.) 

Textfigur  12. 
Elephas  (Euelephas)  primigcnius  Blb. 
MT  sin.  (von  außen).  Fundort:  Krems  a.  d.  D.  (N.-Ö.).  —  Horizont:  Quartär. 


Wiedergabe  sämtlicher  Bilder:  ^j  natürlicher  Größe. 

Sammlung:    Mit   Ausnahme   von    Texttigur    11     sind    sämtliche    Bilder    Original- 
aufnahmen nach  Stücken  der  Sammlung  der  Geologisch-paläontologischen  Abteilung 
des  k.  k.  Naturhistorischen  Hofmuseums  in  Wien. 


126 


G.  Schlesinger. 


[34] 


Textligur  13. 

Elephas  (Euelephas)~primigetiius  BIb. 

Letzter  oberer  Molar  {M~)  von   der  Wurzelbasis   gesehen,    um   den   zeitlich   ver- 
schiedenen Abschluß  der  Pulparkanäle  auf  das  Normallumen  zu  zeigen. 
(Die  vordersten  Wurzelzapfen   sind   bereits   völlig   geschlossen,    weiter  rückliegende 
lassen  noch  das  Normallumen  erkennen,  die  hinterste  Zapfenwurzel  ist  weit  geöffnet.) 
Fundort:  Oberweiden.  (N.-Ö.)  —  Horizont:  Quartär  (Löß). 

Wiedergabe:  V2  natürlicher  Größe. 
Sammlung:  Niederösterreichisches  Landesmuseum  in  Wien. 


Ein  Blick  auf  die  Textfigur  13,  welche  einen  letzten  Primi- 
genius molaren  mit  sehr  schön  erhaltenen  Wurzeln  darstellt, 
briogt  die  endgültige  Lösung: 

An  den  vorderen  Wurzeln,  welche  ganz  niedergekaute,  nicht 
mehr  wachstumsfähige  Lamellen  tragen,  sind  die  Pulparkanäle  bereits 
geschlossen.    Je  weiter  wir  nach  rückwärts^gehen,  desto  offener  sind 


[35]  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  127 

sie.  Die  hinterste  und  größte  Wurzel  ist  basal  sehr  weit  geöffnet. 
Diese  wächst  also  bis  zu  einenn  verhältnismäßig  hohen  Alter  beim 
Mammut,  doch  natürlich  auch  nicht  länger  als  bis  sie 
mit  derVerengerung  auf  ihrNormallumen  ihr  individu- 
elles Wachstum  abgeschlossen  hat;  sekundäre  Er- 
scheinungen sind  also  nicht  im  Spiel;  das  lange  Weiter- 
wachsen ist  durchaus  eine  Erscheinung  primärer 
Natur.  Ist  das  Wachstum  abgeschlossen,  dann  beginnt  beim  Elefanten 
genau  so  das  Herausschieben  des  Zahnes  durch  Obliteration 
der  Alveole  wie  beim  Pferd. 

Daß  ich  auf  diesem  Gebiete  Herrn  Kollegen  Soergel  ein 
Privatissimum  lesen  mußte,  ist  um  so  bedauerlicher,  als  ihm  ein 
sehr  umfangreiches  Material  gerade  von  höheren  Elefanten  zur  Ver- 
fügung stand.  Das  hinderte  ihn  aber  nicht,  in  der  Zahnwurzelfrage 
seine  „eigenen"  Wege  zu  gehen  und  mit  großer  Entrüstung  von 
„meinem  Mangel  an  Kenntnissen  über  die  Anatomie  des  Elefanten- 
zahnes" zu  sprechen. 

Der  Grund,  weshalb  sich  Soergel  in  die  vorerörterten  Spekula- 
tionen über  das  Wurzelwachstum  des  Elefantenzahnes  einließ,  war 
die  Absicht,  das  von  mir  für  die  Bestimmung  von  Archidiskodonten- 
molaren  herangezogene  Verhältnis  zwischen  Wurzel-  und  Kronen- 
höhe als  hinfällig  zu  erweisen. 

Daß  für  die  hochstehenden  Elefanten  das  vorerwähnte  Kronen- 
Wurzel-Verhältnis  praktisch  in  den  seltensten  Fällen  wird  heran- 
gezogen werden  können,  geht  aus  meinen  Erörterungen  über  die 
Zahnbildung  dieser  Formen  ohne  weiteres  hervor.  Es  ist  mir  auch 
nie  eingefallen,  dieses  Bestimmungsmoraent  für  E.  primigenius  u.  ä. 
als  wichtig  zu  behaupten. 

Dagegen  bleibt  es  nach  wie  vor  für  die  Trennung  ursprünglicher 
Arten,  insbesondere  E.  planifrons  und  E.  meridionalis  aufrecht  und 
ich  hoffe  es  bei  meiner  bevorstehenden  Bearbeitung  der  Budapester 
Archidiskodonten  recht  ausgiebig  gebrauchen  zu  können. 

Daß  nach  Kenntnis  dieses  wahren  Sachverhaltes  eine 
Schlußbemerkung,  wie  die  So erg eis  auf  S.  21  (1.  c.)  „das  Haupt- 
argument Schlesingers  für  die  Bestimmung  des  Dobermannsdorfer 
und  damit  auch  des  Laaerberger  Zahnes  als  EL  planifrons  Falc.  hat 
sich  also  als  eine  starke  Irrung  erwiesen",  ihre  „besondere" 
Wirkung  aufmich  nichtver  fehlen  konnte,  darf  ich  wohl 
versichern. 

4.  Die  Form  der  Kaufläche. 

Soergel  bespricht  des  längeren  die  Möglichkeit,  daß  recht- 
eckige und  ovale  Kauflächen  an  einer  Spezies  vorkommen  können 
und  erörtert  die  fast  mangelnde  Beweiskraft  dieses  Merkmals.  Ich  bin 
diesbezüglich  zu  ganz  ähnlichen  Schlüssen  gekommen  und  habe  dies 
in  einer  anderen  Arbeit  (Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage  I. 
Die  Herkunft  des  E.  antiquiis.  Zentralbl.  f.  Min.  Jahrg.  1916,  Nr.  2 
u.  3)  zum  Ausdruck  gebracht.  Für  die  Bestimmung  der  beiden  nieder- 
österreichischen Zähne  wurde  das  Merkmal  von  mir  nicht  verwendet. 


128  G-  Schlesinger.  [36J 

5.  Der  Längenlamellenquotient< 

Etwas  anders  steht  es  mit  dem  Längenlamellenquotient;  auch  er 
wurde  zwar  von  mir  als  „direktes  Bestimmungsmoment"  nicht  heran- 
gezogen (vgl.  auch  Soergel,  1.  c.  S.  27),  doch  möchte  ich  zu  einigen 
Ausführungen  Soergels,  bezüglich  deren  ich  anderer  Ansicht  bin, 
Stellung  nehmen. 

Vor  allem  ist  ein  Mangel  der  gesamten  Erörterung,  daß  er  wieder 
alles  aus  der  Perspektive  seines  „Normalelefanten"  {E.  trogonfherü) 
beurteilt.  So  ohne  alle  Belege  —  außer  den  hochkronigenTrogontherien- 
elefanten  —  zu  behaupten,  daß  die  letzten  Unterkiefermolaren 
a  1 1  e  r  Elefanten  einen  Längenlamellenquotient  aufweisen,  welcher  mit 
„dem  der  nächstälteren  Art  übereinstimmt",  nenne  ich  zumindest 
wenig  objektiv.  Uebrigens  hat  meine  Zusammenstellung  der  Längen- 
lamellenquotienten  von  Molaren  des  E.  planifrons  und  E.  meridionalis 
(Ein  neuerlicher  Fund  1.  c.  S.  728/729)  schon  gezeigt,  daß  untere 
letzte  Molaren  einen  größeren  Quotienten  haben  als  obere.  Die  Größe 
des  Unterschiedes  scheint  aber  nur  recht  gering  zu  sein;  um  Genaues 
darüber  zu  erfahren,  müßten  sicher  einem  Schädel  zugehörige 
Molaren  gemessen  und  berechnet  werden.  Derartige  Momente  mögen 
bei  höheren  Elefanten,  wo  durch  die  große  Lamellenzahl  geringe 
Unterschiede  maßgebend  werden  können,  praktischen  Wert  haben, 
fürArchidiskodonten  sind  sie  jedenfalls  sehr  theoretisch. 

Ganz  ähnlich  ist  die  „radiale  Anordnung"  der  Schmelz- 
büchsen gegen  die  Zahnkrone  hin  aufzufassen.  Bei  diesem  Charakter, 
der  ja  gleichfalls  iüv  E.  frogontherii  und  Formen  seiner  Spezialisations- 
höhe  von  Wesen  ist,  kommt  noch  hinzu,  daß  sich  die  Kauebene  bei 
Archidiskodonten  um  so  mehr  der  Parallelen  zur  Zahnkronen- 
basis nähert,  je  tiefer  wir  im  Stammbaum  nach  abwärts  steigen. 
Damit  werden  die  Joche  immer  weniger  schräg  geschnitten,  der 
Unterschied  des  Längenlamellenquotienten  wird  kaum  nennenswert. 

Daß  ein  Vergleich  des  Dobermannsdorfer  Restes  in  diesem 
Sinne  mit  einem  Trogontherii-Rest  von  4  x  einfach  nicht  durchzu- 
führen ist,  außer  man  nimmt  von  vornherein  eine  Artidentität  an, 
ist  mehr  als  klar:  —  4  x  Joche  eines  Mj  von  E.  frogontherii  mit 
X  16  X  Jochen  sind  ja  nicht  gleichwertig  mit  x  5  —  eines  Zahnes 
mit  höchstens  x  11  x. 

Nun  noch  einige  Worte  zu  den  Einwendungen  Soergels  gegen 
den  von  mir  berechneten  Längenlamellenquotienten. 

Bekanntlich  habe  ich  den  Quotienten  des  Laaerb erger  Zahnes 
mit  einer  Korrektur  von  -]-  15  mm,  d.  i.  die  tatsächliche  Länge  eines 
Zementintervalles  aus  der  Gesamtlänge'  von  233  mm  berechnet  und 
erhielt  233  -j-  15  =  248  :  9  =- 27-6. 

Demgegenüber  meint  Soergel  (1.  c.  S.  28):  „So  klar,  wie 
Schlesinger  behauptet,  ist  die  Korrekturbedürftigkeit  des  ersten 
Wertes  nun  durchaus  nicht.  Schlesinger  hat  übersehen,  daß  bei 
jedem  Zahn  die  Zahl  der  Joche  um  1  größer  ist  als  die  der  Zement- 
intervalle —  —  — ." 

Leider  hat  Soergel  im  Eifer  gänzlich  übersehen,  daß  ich  — 
und  übrigens  tat  auch  er  es  —  bei  Berechnung  des  Längenlamellen- 


[37]  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  129 

quotienten  sets  die  beiden  Talone  (x  —  x)  als  1  Lamelle  an- 
geuommen  habe  (s.  meine  Tabellen  1.  c.  S.  728—731),  bei  der 
schwachen  Ausbildung  der  Talone   jedenfalls   ein  einwandfreier  Weg. 

Damit  gleicht  sich  aber  die  Anzahl  der  Joche  und 
die  der  Intervalle  auf  1:1  vollständig  aus. 

Ein  weniger  übereilt  blickendes  Auge  wäre  also  auch  hier  für 
Herrn  Kollegen  Soergel  am  Platze  gewesen.  Schließlich  dürfte  ihm 
sein  Weg  mit  der  Ignorierung  meiner  Korrektur  doch  nicht  sehr 
richtig  erschienen  sein,  sonst  hätte  er  nicht  wieder  „ein  übriges  getan" 
und  „ein  halbes  Zementintervall  zuzuzählen"  für  nötig  befunden. 
Damit  gelangt  er  zu, einem  Längenlamellenquotienten  von  26'7  gegen- 
über 27-6!  Nach  seiner  Berechnung  ist  also  der  Längenlamellen- 
quotient  um  ganze  —  oder  besser  eben  nicht  ganze       0*9  mm  kleiner. 

Als  Bestimmungsmoment  habe  ich  den  Längenlamellenquotienten 
nicht  herangezogen.  Es  ist  aber  immerhin  interessant,  zu  sehen 
(vgl.  meine  Tabellen  1.  c.  S.  728 — 731),  daß  der  My  des  E.  meridionalis 
durchwegs  hinter  dem  Wert  von  25  zurückbleibt,  dagegen  die  Mj  von 
E.  planifrons  stets  über  ihn  hinausgehen. 

6   Der  Verschmelzungstyp. 

Ueberraschenderweise  wird  der  Verschmelzungstypus,  den 
Soergel  in  seiner  Arbeit  über  E.  trogontherii  und  E.  antiquus  als 
sehr  wichtiges  Moment  gewertet  hatte,  von  ihm  nunmehr  unbarm- 
herzig degradiert.  Der  Grund  ist  offenbar  der,  daß  ihm  die  lat.  an. 
med.  lam.  Verschmelzung  am  Laaerberger  Zahn  für  eine  Be- 
stimmung als  E.  meridionalis  höchst  unbequem  kam.  Ich  habe  diesem 
Merkmal  in  meiner  im  Zentralbl.  f.  Min.  (Jahrg.  1916,  Nr.  2  u.  3) 
erschienenen  Erwiderung  auf  die  zweite  Streitschrift  So  er g eis  recht 
eingehende  Betrachtungen  gewidmet  und  kann  mich  hier  kurz  fassen. 

Soergel  stellt  drei  Grundtypen  der  Lamellenzusammensetzung 
auf,  welche  den  Verschmelzungstypus  bedingen. 

Fallen  die  Haupttrennungsspalten  der  Seitenpfeiler  und  des  Mittel- 
pfeilers konvergierend  nach  unten  ein  (1.  c,  S.  41,  Figur  9  a),  so  ent- 
steht eine  Fusion  von  lat.  lam.  med.  an.,  fallen  sie  parallel  ein 
(1.  c.  S.  31,  Figur  9b),  so  ist  die  Verschmelzung  lat.  und  med.  lam., 
divergieren  sie  (1.  c.  Fig.  9c),  so  entsteht  der  Typus  lat.  an  med.  lam. 

Dies  ist  nur  unter  der  Annahme  richtig,  daß  der  Mittelpfeiler 
im  ersten  Falle  schwach,  im  letzten  stark  genug  ist,  damit  nicht 
die  Auflösung  der  inkompletten  Figur  nach  der  gegenteiligen 
Fusion  erfolgt. 

Gerade  den  Fall  haben  wir  beim  Laaerberger  Zahn.  Trotz- 
dem die  Hauptspalten  konvergieren,  ist  die  Verschmelzung  ausge- 
sprochen lat.  an.  med.  lam.,  d.  h,  der  Mittelpfeiler  überwiegt 
durch  gehends  an  Stärke  derart,  daß  die  Hauptspalten  gar  nicht 
so  tief  reichen  kennen,  um  eine  andere  als  eben  diese  Fusion  her- 
vorzurufen. 

An  der  von  mir  gegebenen  Kauflächenansicht  (Ein  neuerlicher 
Fund  1.  c.  Taf.  XXVII)  sind  an  der  drittletzten  Lamelle  sehr  schön 
die  Hauptspalten  ersichtlich,  welche  je   einen   einfachen  Neben- 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  i.  Heft.  (Schlesinger.)  17 


130  G}.  Schlesinger.  [38] 

pfeiler  von  dem  fünfgliedrigen  Hauptpfeiler  trennen.  Ich 
habe  diese  Spalten  in  Textfigur  4  im  Plastelin  durch  Kratzer  gekenn- 
zeichnet. Soergel  zog  es  vor,  zu  „vermuten",  daß  der  Hauptpfeiler 
nach  hinten  zu  schwächer  wird.  Das  ist  nun  nicht  der  Fall;  vielmehr 
mißt  er  am  vorletzten  inkompletten  Joch  40  min  an  Breite  gegenüber 
36'4  mm  am  letzten  inkompletten,  also  vor  jenem  befindlichen 
und  behält  den  Wert  von  40  mm  auch  an  der  x  1.  Lamelle  von  hinten  bei. 

Der  Typus  lat.  an.  med.  lam.  ist  also  nicht  zu  umgehen. 

Soergel  schreibt  (1.  c.  S.  42)  weiters:  „Schwache  Medianpfeiler 
und  starke  Lateralpfeiler  sind  das  Primitivstadium,  das  E.  planifrons^ 
tneridionalis,  zum  Teil  hysudricus  besitzen." 

Nun  habe  ich  in  meiner  schon  öfters  erwähnten  Entgegnung  im 
Zentralbl.  für  Min.  (Jgg.  1916,  Nr.  2  und  3)  sehr  eingehend  die 
Fusionsverhältnisse  der  Planifronsmolaren  der  F.  A.  S.  vor- 
genommen und  bin  zu  gleichen  Schlüssen  gekommen,  wie  ich  sie  schon 
früher  (Ein  neuerlicher  Fund  1.  c.  S.  737)  veröffentlicht  hatte.  Die 
Richtigkeit  dieser  Ueberprüfung  hatte  auch  Soergel  zugeben  müssen 
(1.  c.  S.  42);  allerdings  meint  er,  es  seien  mir  einige  Zähne  ent- 
gangen. Vor  allem  sei  dies  Figur  7,  PI.  XL  (F.  A.  S.);  er  betont  zwar, 
daß  die  Verhältnisse  außerordentlich  unklar  sind,  bestimmt  ihn 
aber  doch  als  lat.  lam.  med.  an.  Ich  konnte  und  kann  mich  nicht 
entschließen,  von  einem  Zahn,  der  nur  am  letzten  Joch  ganz  verwischt 
und  höchst  unsicher  Spuren  einer  inkompletten  Figur  zeigt,  einen 
Fusionstyp  abzulesen. 

Der  von  mir  übergangene  Zahn  (Fig.  8,  PI.  XIV,  F.  A.  S.)  mit 
nach  Soergel  typisch  lat.  lam.  med.  an.  Verschmelzung  ist  in  meiner 
Arbeit  von  1914  (1.  c.  S.  735,  Abb.  Gb^)  wiedergegeben.  Aus  dieser 
Abbildung  mögen  die  Leser  selbst  erschließen,  ob  man  eine  Ver- 
schmelzung, vor  welcher  eine  inkomplette  Figur  mit  nur 
2  Teilen  sitzt,  als  typisch  bezeichnen  kann.  Zwei  weitere  Zähne 
werden  auch  von  Soergel  als  unklar  angegeben;  übrigens  ist  einer 
gleichfalls  von  mir  abgebildet  (1.  c.  1914,  S.  735,  Abb.  6«). 

^  Ich  habe  alle  Molaren  einer  nochmaligen  Prüfung  unterzogen 
und  in  der  öfters  erwähnten  Arbeit  (Zentralbl.  für  Min.  Jgg.  1916, 
Nr.  2  und  3)  in  Tabellenform  zusammengestellt.  Ich  verweise  hin- 
sichtlich Einzelheiten  auf  diese  Tabelle  und  wiederhole  hier  lediglich 
die  Ergebnisse: 

„Bezüglich  des  Verschmelzungstyps  sind  also  2  Fälle  ausge- 
sprochen lat.  an.  med.  lam.;  5  Molaren  streben  diesem 
Typus  deutlich  zu;  1  ist  intermediär;  ein  weiterer,  in  der 
letzten  inkompletten  Figur  lat.  und  med.  lam.,  in  der  vorhergehenden 
dagegen  lat.  lam.  med.  an;  2  Zähne  sind  auf  den  Typus  lat.  lam. 
med.  an.  zu  beziehen;  ein  Fall  ist  zwar  deutlich  lat.  lam.  med.  an., 
am  Joch  dahinter  aber  lat.  an.  med.  lam.,  noch  weiter  rückwärts 
wieder  lat.  lam.  med.  au.,  daher  atypisch.  An  den  übrigen  12  Molaren 
ist  der  Typus  nicht  feststellbar." 


*)  Die  Zitate  der  F.  A.  S.  sind  durch  Verwechslung  von  a  und  b  durch  den 
Setzer  vertauscht ! 


[39]  Meine  Antwort  in  der  Plauifronsfrage.  131 

Es  ist  höchst  bemerkenswert,  daß  in  12  einwandfrei  konstatier- 
baren Fällen  7  Zähne  mehr  oder  weniger,  davon  2  ganz  typisch 
der  lat.  an.  med.  lam.  Fusion  zuzuteilen  sind,  während  sich  nur 
4  Fälle  auf  den  Typus  lat.  lam.  med.  an.  „beziehen"  lassen, 
wobei  ich  den  atypischen  Fall  mit  wechselnder  Verschmelzung  an 
jedem  Joch  in  diese  Gruppe  ziehe. 

Von  diesen  ist  der  eine  von  mir  mit  dem  Vermerk  „vielleicht' 
konstatiert;  es  ist  der  eben  erwähnte  Zahn  (PI.  XI,  Fig.  7),  Ein 
zweiter  ist  atypisch  (PI.  XII,  Fig.  13a).  Der  dritte  bloß  an  der 
vorletzten  inkompletten  Figur  vorhanden,  die  letzte  ist  inter- 
mediär (PI.  XII,  Fig.  12  a.)  Der  vierte  ist  zwar  typisch,  steht  aber 
in  einem  Kiefer,  dessen  linker  Molar  ausgesprochen  lat.  an.  med.  lam. 
ist.  (PI.  XI,  Fig.  1).  Dazu  fügt  Soergel  noch  einen  (PI.  XIV,  Fig.  8), 
den  ich  nicht  als  feststellbar  erklären  kann.  Ich  kann  mir  weitere 
Schlußfolgerungen  wohl  ersparen.  Daß  iJ.  planifrons  als  ursprüngliche 
Form  nicht  die  hochspezialisierten  schwachen  Lateralpfeiler  eines 
K.  antiquus  haben  kann,  ist  natürlich  und  bedarf  wohl  keiner  Worte. 

Was  veranlaßt  nun  Soergel,  einen  s  ch  wachen  Medianpfeiler 
für  ursprünglich,  einen  starken  für  fortgeschritten  zu 
halten  ? 

Der  Umstand,  daß  zwei  diluviale  Stegodonten, 
St.  airaivana  und  St.  frigonocephalus,  eine  derartige  Dreipfeil  er- 
teilung mit  schwachem  Mittelpfeiler  aufweisen! 
(1.  c.  S.  42). 

Wie  ich  schon  im  Abschnitt  über  die  Zahnhöhe  nachgewiesen 
habe,  sind  die  javanischen  quartären  Stegodonten  in  eigenartiger 
Richtung  weit  über  E.  planifrons  spezialisiert.  Der  Dreipfeilerbau  der 
Joche  hat  sich  bei  ihnen  offenbar  ganz  selbständig  und  unab- 
hängig v  o  n  den  Verhältnissen  bei  E.  planifrons  entwickelt, 
für  welch  letzteren  wir  nun  wohl  die  lat.  an.  med.  lam.  Ver- 
schmelzung, allerdings  nicht  in  der  ausgesprochenen  Form  wie 
bei  E.  antiquus,  als  ursprünglich  annehmen  müssen. 

Auf  die  Artzugehörigkeit  des  Laaerberger  Zahnes  wirft  sein 
Verschmelzungstyp,  der  begreiflicherweise  „einen  unteren  Grad"  der 
lat.  an.  med.  lam.  Fusion  (Soergel,  1.  c.  S.  45)  darstellt,  ein  recht 
bezeichnendes  Licht. 

7.  Eigenschaften  des  Schmelzes. 

Zu  diesem  Abschnitt  halte  ich  es  für  unnötig,  Stellung  zu  nehmen. 

8.  Die  Schmelzfiguren. 

Nach  weitläufiger  Erörterung  verschiedenster  Momente  behauptet 
Soergel  (1.  c.  S.  55),  die  Schmelzfiguren  hätten  für  mich  „ein 
wichtiges  Bestimmungsmoment"  gebildet.  Wer  meine  Arbeiten 
wirklich  studiert  hat,  wird  diese  „Beschuldigung"  nicht  zu  tragisch 
nehmen.  Ich  habe  bei  der  Bestimmung  des  Dobermannsdorfer 
Zahnes  die  Form  der  Schmelzfiguren  erörtert  und  mit  E.  planifrons 
und    E.    meridionalis    in    Vergleich    gesetzt;    beim    Laaerberger 

17* 


132  G.  Schlesinger.  [40] 

Molaren  nicht  einmal  das  getan,  sondern  lediglich  mehrere  Abbil- 
dungen zur  Charakteristik  der  Uebereinstimmungen  auch  dieses 
Merkmales  gegeben. 

Da  ich  es  durchaus  nicht  nötig  habe,  auf  dieses  Merkmal  als 
Bestimmungsmoment  Gewicht  zu  legen,  übergehe  ich  es  ebenso  wie 
die  in  diesem  Abschnitt  besonders  reichlichen  persönlichen  Ausfälle 
So  ergeis  gegen  mich.  Hinsichtlich  der  Seh  wankungsbreite  des 
E.  planifrons  verweise  ich  auf  meine  Arbeit  im  Zentralbl.  f.  Min. 
So  er  gel  dürfte  durch  sie  vielleicht  doch  einmal  einem  eingehenden 
Studium  der  F.  A.  S.  zugeführt  werden.  Nur  nebenbei  erwähne  ich 
das  Auftreten  effektiv  antiquus-,  ja  sogar  a/r/cawws-artiger  Kauflächen- 
formen  an  einzelnen  sewalischen  Planifronszähnen. 

9.  Der  Winkel  zwischen  Käufliche  und  Kronenbasis. 

Was  ich  bezüglich  der  Verwendbarkeit  des  Verhältnisses  zwischen 
Krone  und  Wurzel  früher  gesagt  habe,  gilt  auch  für  dieses  von  mir 
neu  eingeführteHilfsmomentfür  die  Bestimmung  von  Elefanten- 
molaren. Sein  praktischer  Wert  kann  möglicherweise  für  höhere  Formen 
gering  sein,  für  Archidiskodon  ten  ist  er  oft  recht  nützlich.  Dabei 
habe  ich  den  Hilf  schar  akter  schon  seinerzeit  ausdrücklich  betont. 

Soergel  macht  gegen  diesen  Winkel  drei  Einwände: 

1.  Der  erste,  nach  dem  er  von  dem  Winkel  beeinflußt  werden 
soll,  in  dem  die  Kaufläche  die  Lamellen  schneidet,  ist  kaum  stichhältig. 
Daß  die  Lage  der  Kaufläche  zu  den  Lamellen  innerhalb  ein  und 
derselben  Art  und  natürlich  bei  dem  jeweils  gleichen  Zahn,  z.  B. 
Mt  größeren  Schwankungen  unterworfen  sein  sollte  als  jedes  andere 
Merkmal,  ist  nicht  einzusehen .  Meint  aber  Soergel  diese  Schwan- 
kungen, dann  wäre  auf  Grund  keines  einzigen  Merkmales  eine 
Bestimmung  möglich. 

2.  Ganz  das  Gleiche  gilt  von  dem  zweiten  Einwand.  Bei  diesem 
kommt  noch  hinzu,  daß  die  radiale  Divergenz  der  Lamellen  bei 
Archidiskodonten  recht  mäßig  ist.  Es  könnte  sich  nur  um  Wert- 
schwankungen von  wenigen  Graden  handeln  —  und  eine  solche  Varia- 
tionsbreite muß  wohl  jedem  Merkmal  zugebilligt  werden. 

Daß  der  Winkel  ein  „Bestimmungsautomat"  ist,  habe  ich 
ja  nie  behauptet. 

3.  Aus  der  Abbildung  (1.  c.  S.  62,  Figur  12)  zu  diesem  Einwand 
ersehe  ich,  wie  falsch  Soergel  den  Winkel  abnimmt.  Ich  glaube 
hinlänglich  dargetan  zu  haben,  daß  ich  als  einen  Schenkel  dieses 
Winkels  die  Kauf  lachen  ebene,  als  zweiten  die  Ebene  der 
Kronenbasis  beide  als  je  ein  Ganzes  annehme  und  letztere  nur 
bei  deutlicher  Krümmung,  in  zwei  Einheiten  —  ein  Maximum  und 
ein  Minimum  —  auflöse. 

Wenn  man  die  Kaufläche  in  zahllose  kleine  Streckchen  zerlegt, 
wie  es  Soergel  in  seiner  Textfigur  12  (1.  c.  S.  62)  tut,  kommt  freilich 
jedesmal  ein  anderer  Wert  heraus. 

Sucht  man  dagegen  den  Winkel  aus  höchstens  zwei  —  Maximum 
und  Minimum  —  Kronenbasisschenkeln  und  dem  immer  gleich- 


[41]  Meine  Antwort  in  der  Planifrousfrage.  133 

bleibenden  Kauflächenschenkel,  dann  ist  es,  wie  Textfigur  14  sehr 
klar  zeigt,  nicht  einzusehen,  warum  die  Ergebnisse  bei  geringerer 
oder  größerer  Höhe  des  letzt en  unangekauten  Joches 
verschieden  sein  sollen,  da  sie  doch  aus  G  e gen  winkeln  bei  par- 
allelen Geschnittenen  genommen  werden. 


Texlfigur  14. 

Schema  zur  Darstellung  der  Konstanz  des  Winkels  zwischen  Kaufläche  und  Kronen- 
basis und  seiner  Unabhängigkeit  von  der  Höhe  der  letzten  Lamelle. 

Nun  ist  aber  der  Verlauf  der  Kronenbasis  bei  ursprünglichen 
Elefantenarten  sets  derart,  daß  der  schwache  Bogen  die  Feststellung 
eines  solchen  M  a  x  i  m  a  1-,  beziehungsweise  Minimalschenkels 
leicht  ermöglicht. 


Zusammenfassung. 

Ich  fasse  zum  Schluß  den  Stand  der  ganzen  Frage  nochmals 
zusammen: 

Von  den  Einwänden,  welche  Soergel  gegen  meine  Bestimmung 
gemacht  hat,  erkennt  er  zweien  Beweiskraft  in  dem  Sinne  zu,  daß 
sie  für  eine  Bestimmung  als  E.  mendionalis  und  gegen  eine  solche 
als  E.  planifrons  sprächen  : 

1.  der  Zahnhöhe, 

2.  der  Lamellenformel. 

Von  diesen  beiden  „Beweisen"  muß  der  erste  aus  folgenden 
Gründen  als  widerlegt  und  völlig  mißglückt  gelten : 

1.  Die  Verhältniszahlen,  welche  Soergel  für  den  Quotienten 
zwischen  höchster  und  letzter  Lamelle  des  E.  meridionalis  annimmt, 
entbehren  jeglichen  Rückhaltes  und  vermochten  einer  Nach- 
prüfung nicht  entfernt  standzuhalten.  Auf  Grund  genauer 
Messungen  betragen  die  bezüglichen  Grenzwerte  nicht  1*6  —  2,  wie 
Soergel  angab,  sondern  IS  — 1-6. 

2.  Das  gleiche  Verhältnis  für  E.  planifrons  wurde  ebenfalls 
völlig  willkürlich  von  ihm  mit  Hilfe  eines  Oberkiefermolaren 
von  Steg,  airawana  errechnet. 

3.  Dabei  vergaß  er: 

a)  daß  Oberkieferzähne  stets  in  einem  größeren  Krümmungs- 
bogen  aus  dem  Kiefer  herausrücken  als  untere,  daß  daher  die  Höhen- 
unterschiede ihrer  Joche  bedeutender  sind; 


134  G.  Schlesinger.  [42] 

/;)  daß  Steg,  airauana  durch  seine  an  diesem  Zahn  vorhandene 
Lamellenformel  von  x  11  x  bereits  das  Maximum  der  Spezialisation 
für  £/'.  pianifrons  bedeutet,  daher  für  die  Errechnung  eines  Minimal- 
wertes  auch  bei  sonstiger  Eignung  unbrauchbar  wäre; 

c)  daß  durch  das  starke  Divergieren  der  vorderen  und  hinteren 
15egrenzungsflächen  der  niedrigen  Joche  dieses  Sfe<jodon  nach  unten 
bei  einer  Lamellenzahl  von  x  11  x  die  Kronenbasis  viel  mehr  aus- 
eiuandergezogen  werden  muß  als  bei  E.  pianifrons.,  dessen  weit  höhere 
Joche  steil  abfallende  Wände  aufweisen ; 

d)  daß  daher  der  Krümmungsradius  bei  dieser  Form  über- 
haupt bedeutend  kleiner,  der  Höhenunterschied  der  Joche  also  erheb- 
licher sein  muß  als  bei  E.  plani/rons. 

4.  Bei  dem  D  ob  erm  annsd  orf  er  Zahn  hat  Soergel  die 
mit  Hilfe  dieses  errechneten  f  als  che n  Verhältniswertes  erschlossene 
rekonstruierte  Höhe  mit  tatsächlichen  (unrekonstruierten) 
Höhen  der  F.  A.  S.  verglichen  und  zudem  sich  nicht  einmal  die  Mühe 
genommen,  in  dieser  Hinsicht  die  Publikationen  Falconers  genau 
durchzugehen.  In  letzterem  Falle  hätte  er  finden  müssen: 

a)  daß  die  höchste  von  F  a  1  c  o  n  e  r  angegebene  Höhe  nicht  97  /«m, 
sondern  101'6  mm  (=  4  inches)  beträgt; 

h)  daß  an  zwei  J/— der  F.  A.  S,  die  letzten  Joche  völlig  zu- 
verlässig abzumessen,  daher  die  Werte  der  höchsten  Lamellen 
glatt  zu  errechnen  sind. 

Danach  stellt  sich  die  höchste  Höhe  eines  sewalischen  31—  von 
E.  pianifrons  auf  11 6*6  mm.  Der  Dobermannsdorfer  Zahn  fällt 
auf  Grund  rechnerischer  Beweise  mit  allen  Werten  unter  diese  Zahl. 

5.  Den  Laaerbe rger  Zahn  setzt  Soergel  nicht  in  Vergleich, 
sondern  schlägt  zur  Erkundung  der  Höhe  —  da  ihm  der  erhaltene 
Maximalwert  selbst  zu  hoch  erschien  —  den  Weg  ein,  daß  er  die 
Verbindungslinie  zwischen  dem  letzten  und  dem  auf  105,  bzw. 
108  )»m  willkürlich    ergänzten  vorletzten  Joch  nach  vorn    verlängert. 

Dabei  ist  ihm  der  mehr  als  bedauerliche  Fehler  unter- 
laufen, daß  er  die  Spitze  des  letzten  Joches  um  6"84  mm  kürzte, 
wodurch  der  Verlauf  der  Verbindungslinie  zwischen 
dieser  und  der  nur  2'5  cm  vor  ihr  gelegenen  Lamelle 
begreiflicherweise  um  ein  enormes  Stück  nach  vorn 
hin  zu  hoch  anstieg. 

Eine  genaue  Berechnung  dieses  Unterschiedes  ergab  die  höchst 
überraschende  Tatsache,  daß  sich  der  Wert  der  Zahn- 
höhe von  140  mm,  welche  Zahl  Soergel  gefunden  zu  haben 
glaubte,  bloß  durch  die  Aufdeckung  dieses  Fehlers  auf 
114  mm  erniedrigte. 

Dieser  Wert  fällt  aber  bereits  unter  die  oberste  tatsächliche 
Höhengrenze,  welche  auf  Grund  des  Materiales  der  F.  A,  S.  für  i¥— von 
E.  pianifrons  erschließbar  ist,  nämlich  116"5  mm,  -• 

6.  Um  die  richtige  Höhe  zu  erkunden,  wurden  nunmehr  die 
vorletzte  und  drittletzte  Lamelle  in  Plastelin  (unter  Beigabe  einer 
Abbildung,  welche  die  Zuverlässigkeit  dieser  Rekonstruktion  erhärtet) 
genauestens  ergänzt.  Aus  der  Verbindungslinie  dieser  beiden 
Lamellenspitzen,   welche   eine  sicherere  Höhenbestimmung   verbürgen 


[43|  Meine  Antwort  in  der  Planifro  nsfrage.  135 

als  die  beiden  letzten  Joche,  wurde  nun  die  tatsächliche  höchste 
Höhe,  unabhängig  von  allen  rechnerischen  Beweisen, 
erschlossen:  sie  beträgt  106  mm  und  fällt  in  die  Gegend 
des  X  4.  und  x  5.  Joches  von  hinten, 

D  i  e  H  ö  h  e  steht  mithin  weit  unter  dem  Maximalwert 
des   sewalischen  M-j  von  E.  planifrons. 

Der  zweite  Beweisversuch,  die  Lam  eilen  form  el,  ist  durch 
folgendes  widerlegt : 

1 .  Schon  durch  die  Aufdeckung  der  schweren  Fehlerquelle, 
welche  So  er  gel  durch  Entfernen  von  6*84  inm  von  der  Spitze  der 
letzten  Lamelle  in  seine  Schlußfolgerung  eingeführt  hatte,  und  ihre 
Korrektur  wurde  die  Höhe  von  140  mm  auf  114  mm  herabgedrückt. 
Wird  nun  die  obere  Kontur  des  Zahnes  in  dieser  Höhe  ausgezogen, 
so  fallen  ohne  weiteres  zwei  Lamellen  von  den  von  S  o  e  r  g  e  1 
fälschlich  erschlossenen  x  12  x  Jochen  hinweg. 

DieFormel  sinkt  somit  auf  xll, oder  praktisch  auf 
X  10  x  herab. 

2.  Trotz  dieser  glatten  Widerlegung  wurde  die  Formel  unab- 
hängig  davon  folgendermaßen  erschlossen: 

a)  Ursprüngliche  letzte  untere  Archidiskodontenmolaren  tragen, 
wie  im  besonderen  Teil  eingehend  erwiesen  wurde,  ihre  höchste  Höhe 
ungefähr  in  der  Zahnmitte. 

b)  Die  höchste  Höhe  des  Laaerberger  Zahnes  liegt  zwischen 
X  4.  uud  X  5.  Joch. 

c)  Die  Entfernung  vom  Zahnhinterende  bis  zur  x  5.  Lamelle 
—  eine  Strecke  ist  dabei  noch  zugegeben  —  mißt  140  mm;  die 
ganze  Länge  des  intakten  Molaren  betrug  also  280  mm. 

Daher  maß  das  fehlende  Stück  280—233  =  47  mm. 

d)  Nehmen  wir  für  die  Lamellenverteilung  selbst  den  von 
Soergel  geforderten  niedrigen  L.  L.  Q.  von  23  für  die  vor- 
dersten Joche,  so  kommen  wir  mit  bestem  Willen  nur  auf  eine  Formel 
von  X  10  Jochen,  ohne  vorderen  Talon. 

Durch  die  beiden  Momente:  1.  Höhenwert  der  Krone 
=  106  mm,  und  2.  Lamellenformel  =  x  10  fällt  der  Zahn 
vollauf  in  die  Spezies  E.  planifrons ;  eine  Ve reinig ung  mit 
E.  meridionalis  ist  gänzlich  ausgeschlossen. 

Die  folgenden  Punkte  stehen  mit  der  Bestimmungsfrage  der 
beiden  Molaren  nicht  in  unmittelbarem  Zusammenhang. 

Trotz  alledem  ist  ihre  Diskussion,  zur  Beleuchtung  der  Arbeits- 
methode Soergels  und  ihrer  Resultate  von  Wesenheit.  Ich  wiederhole 
dahör  die  Ergebnisse  einzelner  meiner  speziellen  Erörterungen : 

1.  In  der  Frage  der  Zahnwurzeln,  worin  mir  Soergel 
gänzliche  Unerfahrenheit  vorwirft  und  ein  „sekundäres" 
Wachstum  der  Wurzel  durch  Bildung  einer  „Dentinwand"  behauptet, 
konnte  ich  den  Nachweis  erbringen,  daß  Soergels  sogenannte 
„Dentinwand"  ein  Homologen  der  schon  bei  Masto- 
donten an  M—  in  gleicherStärke  auftretenden,  hinteren 
mächtigen  Zapfenwurzel  darstellt. 


136  ö.  Schleaingpr.  [44"| 

Diese  Wurzel  kehrt  bei  E.  planifrons  noch  in  fast  unveränderter 
Form  wie  bei  Mastodonten  wieder  und  hält  bis  in  die  Ent- 
wicklungshöhe des  E.  primigenius  nur  wenig  verändert  an. 

Der  Unterschied  ist  lediglich  der,  daß  die  Bildung  der  Wurzeln 
um  so  mehr  in  ein  zeitlliches  Hintereinander  aufgelöst  wird, 
je  höher  die  betreifende  Elefantenart  spezialisiert  ist. 

Bei  E.  primigenius  schließen  die  vordersten  Pfahlwurzeln  zuerst 
ihre  Pulparkanäle  auf  das  Normallumen,  beendigen  daher  ihr  Wachs- 
tum zu  einer  Zeit,  wo  die  mittleren  noch  offen  sind.  Die  hinterste 
Wurzel  wächst  und  ist  noch  offen,  wenn  schon  alle  anderen  ihr 
Wachstum  abgeschlossen  haben.  Sie  erreicht  ihre  endgültige  Größe 
zu  einer  Zeit,  wo  nur  mehr  verhältnismäßig  wenige  Lamellen  in 
Kaufunktion  sind. 

Diese  Auflösung  des  durchaus  primären  Wachstums- 
prozesses in  ein  zeitliches  Nacheinander  hat  S o e r g e  1 
irrigerweise  als  „Bildung  einer  sekundären  Dentin  wand" 
gedeutet. 

2.  Bezüglich  des  Verschmelzungstyps  sei  im  Gegensatz 
zu  der  Hoffnung,  die  Soergel  gehegt  hat,  daß  am  Laaerberger 
Zahn  der  Haupt  p  feiler  nach  hinten  schwächer  wird,  betont,  daß 
das  Gegenteil  der  Fall  ist  und  sich  die  Fusion  nach  wie  vor 
als  ausgesprochen  lat.  an.  med.  lam.  darstellt. 

Hinsichtlich  dieses  Merkmals  konnte  ferner  festgestellt  werden, 
daß  E.  planifrons  vornehmlich  dem  eben  genannten  Typus  zuneigt, 
welcher  wohl  als  der  ursprüngliche  gelten  muß. 

Die  Annahme  Soergels,  daß  der  ursprüngliche  Typus  lat.  lam. 
med.  an.  ist,  beruht  auf  der  Feststellung  eines  schwachen  Median- 
pfeilers bei  quartären  Stegodonten. 

Ihre  eigenartige  hohe  Spezialisation  über  E.  planifrons,  welche 
nachgewiesen  wurde,  läßt  diese  Annahme  als  haltlos  erscheinen. 

Zum  Schlüsse  sei  noch  hervorgehoben,  daß  Soergel  bei  Er- 
örterung des  Alters  der  Dobermannsdorfer  Schotter  den  vollen 
Widerruf  W.  Freude nbergs  unerwähnt  gelassen  hat. 

Die  Laaerbergterrasse  konnte  durch  neuerliche  Be- 
lege als  mittelpliozän  festgelegt  werden. 


Soergels  Widerlegungsversuch  meiner  Bestimmungen  der 
beiden  M—  von  E.  planifrons  aus  Niederösterreich  entbehrt,  wie  wir 
gesehen  haben,  nicht  nur  der  bescheidensten  Anforderungen,  die  man 
an  einen  derartigen  Versuch  stellen  muß,  er  hat  auch  eine  Summe 
von  Tatsachen  aufgedeckt,  welche  für  die  Sachlichkeit  des  Autors 
nicht  gerade  einnehmen. 

Der  Schluß,  in  den  er  seine  Betrachtungen  ausklingen  läßt,  ist 
zwar  recht  witzig,  vermag  aber  an  der  Tatsächlichkeit  meiner  Be- 
stimmung nichts  zu  rütteln. 

Mit  Witzen  widerlegt  man  in  wissenschaftlichen  Fragen  ebenso- 
wenig, als  man  mit  abgezwickten  letzten  Jochen  zu  richtigen  Höhen- 
rekonstruktionen von  Elefantenzähnen  gelangt. 

Wien,  im  Juli  1915. 


I 


Ueber  Kantengeschiebe  unter  den  exotischen 
Gerollen    der    niederösterreichischen   Gosau- 

schichten. 

Von  0.  Ampferer. 

Mit  einer  Lichtdrucktafel  (Nr.  IX). 

Da  meines  Wissens  aus  den  Gosauschichten  der  Nordalpen 
bisher  keine  Kantengeschiebe  beschrieben  worden  sind,  möchte  ich 
hier  auf  das  Vorkommen  derselben  in  den  Gosaukonglomeraten  von 
Niederösterreich  aufmerksam  machen. 

Ich  habe  solche  Geschiebe  in  einiger  Häufigkeit  vor  allem  in 
den  roten  Konglomeraten  mit  zahlreichen  exotischen  Gerollen  am 
Großen  Sattel  bei  Gießhübl  sowie  in  denen  der  Gosau  von  Einöd  bei 
Pfaffstätten  gelegentlich  meiner  Geröllaufsammlungen  im  Frühjahr  1915 
gefunden. 

Es  sind  solche  Geschiebe  aber  auch  an  anderen  Gosaufundorten, 
z.  B.  beim  Vierbrüderbaum  bei  Enzesfeld,  in  der  Neuen  Welt  bei 
Dreistätten  sowie  im  Brandenbergertal  in  Nordtirol  vorhanden. 
Wahrscheinlich  werden  sie  sich  bei  genauerem  Zusehen  als  ziemlich 
verbreitet  erkennen  lassen. 

Im  allgemeinen  sind  die  Kantengeschiebe  auf  die  exotischen 
Gerolle  beschränkt  und  unter  diesen  meist  auf  sehr  feste  gleich- 
mäßige Quarzite  oder  auf  dichte  Felsophyre.  Es  kommen  aber  auch 
aus  Kalken  bestehende  Kanter  vor.  Die  Gosaugerölle  des  Höllenstein- 
zuges liegen  ebenso  wie  jene  von  Einöd  in  einem  rotzementierten, 
nicht  besonders  fest  verkitteten  Konglomerat.  Sie  besitzen,  sofern  sie 
nicht  gerade  stark  von  der  Verwitterung  betroffen  waren,  meist  glän- 
zende, glatt   polierte,   manchmal  metallisch   angelaufene  Oberflächen. 

Die  Kanter  zeigen  jedoch  nicht  mehr  die  scharfschneidigen 
Kanten  des  reinen  unversehrten  Windschliffs,  sondern  etwas  abge- 
stumpfte, die  wohl  durch  eine  nachherige  Abrollung  durch  Wasser- 
transport zu  erklären  sind. 

Der  mittlere  Durchmesser  der  Kantengeschiebe  schwankt  von 
etwa  2 — 20  cm.  Am  häufigsten  sind  wohl  Geschiebe  einer  mittleren 
Größenlage.  Tetraeder  sind  ziemlich  selten.  Am  häufigsten  sind  3  oder 
4  Flächen  zu  einer  Ecke  zusammengeschliffen.  Oft  ist  die  ursprüng- 
liche ovale  Gestalt  der  Gerolle  noch  gut  zu  erkennen,  da  neben  den 
angeschliffenen  ebenen  Flächen  noch  Stücke  der  alten  Rundung  er- 
halten sind. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  ßeichsanstalt,  1916,  66.  Band,  l.  Heft,  (O.  Ampferer.)  18 


138  0.  Ampferer.  [2] 

Häufig  liegt  so  ein  mehr  oder  weniger  großer  Teil  der  alten 
Rundung  noch  vor  und  die  Gerolle  erscheinen  dann  förmlich  wie 
einseitig  zugespitzt.  Je  nach  der  mehr  gedrungenen  oder  schlankeren 
Form  der  Gerolle  sowie  der  Zahl  der  angeschlitfenen  Flächen  ent- 
stehen dann  bleistift-  oder  keilartige  Zuschärfungen  derselben. 

Neben  den  ebenen  Schliffflächen  kommen,  allerdings  viel  seltener, 
auch  konkav  gebogene  Flächen  vor.  Ich  habe  jedoch  nur  seltener 
mehrere  solche  Flächen  an  einem  Gerolle  gesehen. 

Die  Gerolle  in  den  hier  betrachteten  Gosaukonglomeraten  sind 
später  im  Verbände  der  Konglomerate  heftigen  Pressungen  ausgesetzt 
gewesen.  Wir  finden  daher  gar  nicht  selten  zerbrochene  und  einge- 
drückte Gerolle  und  Kanter. 

Diese  Verschiebungen  und  Zerreißungen  durchsetzen  auch  häufig 
die  geglätteten  Flächen  der  Kanter  und  beweisen,  daß  diese  Flächen 
vor  der  Einbettung  in  die  Konglomeratmassen  entstanden  sind. 

Auch  Eindrücke  von  angepreßten  Nachbargeröllen  sind  manchmal 
in  diese  Flächen  eingesenkt.  Bei  der  Zuschleifung  von  Windkantern 
spielt  neben  dem  Vorhandensein  von  kahlen  Wüstenflächen  vor  allem 
das  Zusammenvorkommen  von  Gesteinstrümmern  oder  Gerollen  mit 
Sand  eine  wichtige  Rolle.  Mit  Recht  hat  L.  v.  Löczy  in  seinem 
großen  Werk  über  die  geologischen  Formationen  der  Balatongegend 
(Budapest  1916)  die  Bedeutung  des  Zusammenvorkommens  von  Sand 
und  Geschieben  für  die  Ausbildung  der  Windkanter  betont.  Wüsten 
mit  reinen  Kies-  oder  Schotterböden  eignen  sich  keineswegs  für  eine 
reichere  Entwicklung  von  Kantengeschieben. 

Die  Gosaukanter  liegen  heute  in  einem  zumeist  aus  KalkgeröUen 
bestehenden  Konglomerat,  dessen  kalkiges  Bindemittel  zu  großem 
Teil  mit  rotem  schlammigem  Verwitterungslehm  vermengt  ist.  Diese 
Masse  hätte  nicht  das  Material  für  den  Schliff  der  vielen  harten 
Quarzite  und  Felsophyre  zu  liefern  vermocht. 

Vielmehr  weist  dieser  Umstand  neben  der  Abrundung  der 
Kanter  daraufhin,  daß  sich  die  Windkanter  hier  auf  zweiter  Lager- 
stätte befinden  und  von  ihrem  Entstehungsort  erst  später  einge- 
schwemmt wurden. 

Das  Zusammenvorkommen  der  Windkanter  mit  großen  Mengen 
von  roten  Verwitterungsprodukten  legt  aber  die  Annahme  nahe,  daß 
zwischen  der  der  Ablagerung  der  Gosauschichten  vorausgegangenen 
langen  Verwitterungs-  und  Abtragungszeit  und  dem  Auftreten  der 
Windkanter  ein  Zusammenhang  besteht.  Das  Vorkommen  der  Wind- 
kanter bildet  für  diese  langdauernde  Landperiode  mit  ihren  Ab- 
tragungen eine  gewiß  recht  wahrscheinliche  Bestätigung  und  Illustration. 


Chemische  Analyse  der  Heiligenstädter 
Mineralquelle. 

Von  C.  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl. 

In  dem  Haus  der  Frau  Marie  Krzizek,  Wien  XIX.  Heiligen- 
städterstraße 117,  wurde  bei  den  Vorarbeiten  zum  Bau  einer  Garage- 
Halle  eine  Quelle  entdeckt,  deren  Ursprung  ungefähr  1  m  unterhalb 
des  Fußboden-Niveaus  der  Halle  liegt.  Am  23.  Dezember  1913  wurde 
von  Eichleiter  eine  größere  Probe  des  klaren  und  geruchlosen 
Wassers  zwecks  Durchführung  einer  Analyse  entnommen,  wobei  auch 
gleichzeitig  die  Bestimmuiig  der  Gesamtkohlensäure  begonnen  wurde. 

Die  qualitative  Analyse  ergab  folgende  Resultate :  Ammonium, 
Kalium,  Natrium,  Calcium,  Magnesium,  Eisen,  Aluminium,  Nitrat, 
Chlorid,  Sulfat,  Hydrokarbonat,  Kieselsäure,  ferner  Spuren  von  Baryum, 
Strontium,  Mangan,  Phosphat  und  organischen  Substanzen. 

Von  den  quantitativen  Bestimmungen  hat  Eichleiter  diejenigen 
von  Gesamt- COg,  Alkalien,  NH^,  Fe^O^  -\-  AL^O^,  Ca,  Mg,  Cl,  SO^,  P^O^, 
SiO-i  und  Abdampfrückstand,  Hackl  die  übrigen  ausgeführt.  Was 
die  hiebei  verwendeten  Analysen-Verfahren  betriift,  so  wurden  im 
allgemeinen  dieselben  benützt,  wie  bei  unserer  Analyse  der  Luhat- 
schowitzer  Schwefelquelle  ^).  An  Abweichungen  hievon  ist  nur 
die  Prüfung  auf  Ba,  Sr,  Br,  J,  und  Li  zu  erwähnen.  Zu  dieser 
Prüfung  wurden  4  l  Wasser  unter  Soda-Zusatz  auf  ein  kleines  Volumen 
eingedampft,  filtriert  und  mit  Wasser  ausgewaschen ;  Rückstand  a, 
Lösung  ß.  a  wurde  in  Salzsäure  gelöst,  einige  Tropfen  Schwefelsäure 
zugegeben,  zur  Trockne  verdampft,  mit  verdünnter  Salzsäure  auf- 
genommen und  filtriert;  Rückstand  a,  Lösung  h.  a  wurde  verascht, 
die  810^  mit  Fluß- Schwefelsäure  verjagt,  mit  Natriumpyrosulfat  auf- 
geschlossen, in  Wasser  gelöst  und  filtriert;  das  Filtrat  mit  Wasser- 
stoffsuperoxyd in  schwefelsaurer  Lösung  geprüft  ergab  keine  Reaktion. 
Der  Rückstand  wurde  mit  Kaliumkarbonat  aufgeschlossen,  die  Schmelze 
in  Wasser  gelöst,  filtriert,  gewaschen  und  das  Filter,  die  Karbonate 
von  Ba  und  Sr  enthaltend,  aufbewahrt. 

Lösung  h  wurde  mit  Chlorammon,  Ammoniak  und  Schwefel- 
ammon  versetzt  und  gefällt,  hierauf  filtriert,  das  Filtrat  mit  Salz- 
säure angesäuert,  eingedampft,  der  ausgeschiedene  Schwefel  abfiltriert, 
das  Filtrat  zur  Fällung   von    Mangan  -  Spuren    mit    Bromwasser    und 


')  Jahrb.  1916,  1.  Heft,  pag.  73. 
Jahrbuch  d,  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Bd.,  l.  Hft.  (Eichleiter  u.  Hackl.)        18'' 


140  C.  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl.  [2] 

Ammoniak  behandelt,  das  Filtrat  hievon  mit  Ammonkarbonat  gefällt, 
filtriert,  gewaschen  und  den  so  erhaltenen  Karbonat -Niederschlag 
samt  dem  oben  verbliebenen  Filter  verascht,  Ba  und  Sr  nach  dem 
Engelbach 'sehen  Verfahren  durch  Glühen  auf  dem  Gebläse  und 
Auskochen  mit  wenig  Wasser  angereichert,  filtriert,  mit  Essigsäure 
angesäuert  und  konzentriert.  Die  mikrochemische  Prüfung  nach 
Schoorl   ergab  Spuren   von  Baryum  und  Strontium. 

ß  wurde  zur  Trockne  verdampft,  der  größere  Teil  nach 
Fresenius  auf  Br  und  J  geprüft,  der  kleinere  Teil  auf  Li;  keiner 
dieser  drei  Bestandteile  war  in  nachweisbaren  Mengen  vorhanden. 


Quantitative  Resultate. 

Gesamt-Kohlensäure: 

1.  557-1    g  Wasser  .  .  .  01785  g  CO^\l  kg  Wasser  .  .  .  0*3204  g  CO^. 

2.  585-35  g  Wasser  .  .  .  0-1845  g  CO^ ;  1  kg  Wasser  .  .  .  03152  g  CO^. 

Durchschnitt:  031 78  g  Gesamt-COg  in  1  kg  Wasser. 

Ammoniak: 

2  kg  Wasser      .     .     .     0-0040  g  Pt 
Gegenversuch     .     .     —  0-Ö020 .9  Pt 

0-0020  g  Pt 
1  kg  Wasser  .  .  .  00010  g  Pt  .  .  .  0-0001855  g  NH^. 

Kieselsäure: 

1.  2  kg  Wasser  .     .     00205  g  SiO. 

2.  2  kg  Wasser  .     .     0-0210  g  SiO.,. 
Durchschnitt : 

002075  g  SiO^  in  2  kg  .,  .  0-01350  g  B^SiO^  in  1  kg  Wasser. 

Eisen  und  Aluminium: 
2  kg  Wasser  .  .  .  0*0075  g  Fe^^  O3  -f  Alß^\  1  kg  Wasser  .  .  . 
0-00375  g  Fe.,  O3  +  ÄI^  O3 1). 

Kolorimetrische  Eisen-Bestimmung:  250  g  Wasser   verbrauchten 
2-3  cm^  Mohr'scher  Vergleichs-Lösung,  entsprechend  0-23  mg  Fe; 

1  kg  W^asser  .  .  .  000092  f/  Fe  .  ,  .  0-001315^  FeoO.^ 
0-00375    g  Fe^  O3  +  AI,  O3 
—  0-001315  g  Fe^  O3 

0002435  g  AL,  O3  .  .  .  0-001291  g  AI  in  l  kg  Wasser. 

Calcium: 
2  kg  Wasser  .  .  .  0-4335  g  CaO;  1  kg  Wasser  .  .  .  01549^  Ca. 

Magnesium: 
2  kg  Wasser  .  .  .  0-9050  g  Mg.,  F.,  0^ ;  1  kg  Wasser  .  .  .  0-09899  g  Mg. 


')  Phosphorsäure  war  nur  in  Spuren  vorhanden,  siehe  weiter  unten. 


[-] 


fihemiache  Analyse  der  Heiligenstädter  Mineralquelle. 


141 


Alk 

2  kg 

allen: 
Wasser  .  . 

0-1270  g 

KCl 

-f  NaCl,  0-0220  g 

K^PtCl,. 

hl . . 

KCl-\-  NaCl 

.  0-0635  g, 
0-0034  g 

A'j  Pt  Clg 

0-0110  9 

KCl 

KCl 

0003378 

9  '  '  ■ 

K 
0001773  g. 

00601  g 

NaCl  .  .  . 

0-02368  g  Na. 

Chi 

1 

or: 
kg  Wasser 

.  .  .  009525  g 

AgCl  .  .  . 

00235S 

>  g  Cl. 

Schwefelsäure: 
1  kg  Wasser  .  .  .  1-2732  g  BaSO^  .  .  .  0-5238  g  S0^. 

Phosphorsäure:  5  kg  Wasser  .  .  .  Spur. 

Salpetersäure,  kolori metrisch  mit  Brucin  und  Kaliumnitrat- 
Lösung  bestimmt,  ergab  für 

1  kg  Wasser  .  .  .  20  mg  N,JJ^  .  .  .  0-02296  g  NO-^. 

Salpetrige  Säure  ist  nicht  vorhanden. 

Mangan,  Baryum,  Strontium  und  organische  Substanzen  sind  in 
Spuren  vorhanden,  Lithium,  Brom,  Jod  und  Titan  sind  nicht  nach- 
weisbar. 

Abdampf-Rückstand  (bei  110^  C  getrocknet): 
0-5  kg  Wasser  .  .  .  0-5405^;  1  kg  .  .  .  1-0810^. 

Spezifisches  Gewicht:  1001 14  bei  16-4o  C  bezogen  auf  Wasser 
von  16-80  c. 

Temperatur:  9-6o  C  am  3.  Dezember  1913  bei  9-5o  C  Luft- 
Temperatur. 

Ergiebigkeit:  120  hl  in  24  Stunden. 

Im  folgenden  sind  die  Resultate  in  derselben  Weise  berechnet 
und  zusammengestellt,  wie  dies  im  deutschen  und  österreichischen 
Bäderbuch  geschehen  ist.  Zur  leichteren  Orientierung  über  den 
chemischen  Charakter  dieses  Mineralwassers  haben  wir  überdies  noch 
als  vierte  Kolonne  die  relativen  Aequivalent-Prozente  angegeben. 

In  1  kg  Wasser  sind  enthalten: 


Kationen 


Gramm 


Ammonium-Ion (iVF^)  00001855 
Kalium-Ion  (Ä-)  .  .  .  0-001773 
Natrium-Ion  (Nw)  .  .  0-02368 
Calcium-Ion(Ca--)  .  .  0-1549 
Magnesium-Ion  (Mg  •  -)  0-09899 
Ferro-Ion  (Fe--)  .  .  .  0-00092 
Aluminium-Ion  (AI  •  ■  ■)  0-001291 


MUli-Mol 

0-01027 

004529 

1-027 

3-861 

4-064 

0-01646 

0-04765 


MilUgramm- 
Aequivalente 

0  01027 
0-04529 
1-027 

7-722 
8-128 
0-03292 
0-14295 

17-11 


Relative 
Aequivalent- 
Prozente 

0-06 

0-26 

600 
45-13 
47-50 

0-19 

0-83 

100-0 


142  ^-  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl.  [4] 

In  1  l-g  Wasser  sind  enthalten :  ' ' 


Anionen 

Gramm 

MiUi-Mol 

Milligramm- 
Aequivalente 

Relative 

Aequivalent 

Prozente 

Nitrat-Ion  {NO^ ').  .  . 

0-02296 

0-3701 

0-3701 

2-16 

Chlor-Ion  {Cl')  .  .  .  . 

0-02355 

0-6643 

0-6643 

3-88 

Sulfat-Ion  (SO^")  .  .  . 

0-5238 

5-453 

10-906 

63-74 

Hydrokarbonat  -  Ion 

{HCO,')  ...... 

0-3151 

5165 
20-72 

5-165 

3019 

1-1672 

17-11 

1000 

Kieselsäure  (meta) 

(HoSiO^) 

001350 

0-1718 
20-90 

1-1807 

Freies    Kohlendioxyd 

(CO,) . 

0-0906 

2059 

l-:i713  22-95 

Ferner  Spuren  von  Baryum,  Strontium,  Phosphat  und  organischen 
Substanzen. 

Die    nach    neuerer    Berechnungsart    durchgeführte    Zusammen- 
stellung zu  Salzen  ergibt  folgende  Tabelle : 

Gramm 

Ammoniumchlorid  {NH^  Cl)  .     .     .     .     .  0-0005494 

Kaliumnitrat  {KNOs) 0-004583 

Natriumnitrat  (A'rtiVOa)     ....     ...  0*02764 

Natriumchlorid  {NaCl) 0*03826 

Natriumsulfat  (Na^SOi}  ......  0-003454 

Calcium'sulfat  {CaSO^) 0-5257 

Magnesiumsulfat  (MgSO^)     .     .     .     .     .  0-1803 

Magnesiumhydrokarbonat  [Mg(HC(\).2\  .  03756 

Ferrohydrokarbonat  [FeiHCO^).^  .     .     .  0002929 

Aluminiumsulfat  \AI.>(S(\%\      ....  0-008155 

1-1672 

'        Kieselsäure  (meta)  (i/aS/Og)      .     .     .  0-01350 

;  1-1807  y 

|>^ -;  Freies  Kohlendioxyd  (CO2)  .     ....     0-09061) 

"ly  47.44  cm^  bei  Q-G»  C  und  760  mm. 


1-2713 


Chemische  Analyse  der  Ileiligenstädter  Mineralquelle. 


143 


Die  Summe  der  gelösten  festen  Bestandteile  beträgt  1-1807  g, 
wobei  Sulfat-  und  Hydrokarbonat-,  Calcium-  und  Magnesium  -  Ionen 
vorwalten. 

Dieses  Wasser  ist  demnach  als  erdalkalisch-sulfatische 
Bitterquelle  zu  bezeichnen. 

Bemerkenswert  ist  der  hohe  Gehalt  an  Nitrat-Ion  (23  mg). 

Das  Heiligenstädter  Mineralwasser  ist  in  seiner  chemischen 
Zusammensetzung  der  erdalkalisch-sulfatischen  Quelle  von  Alt-Prags 
(Bezirk  Bruneck,  Tirol)  am  ähnlichsten;  auch  die  Temperatur  dieser 
beiden  Quellen  ist  nur  wenig  verschieden  (Heiligenstadt  Oß"  G,  Alt- 
Prags  9-4°  C),  während  die  „Heilbrunn"-Quelle  von  Mitterndorf  (Bezirk 
Gröbming,  Steiermark),  deren  Zusammensetzung  dem  Heiligenstädter 
Wasser  ebenfalls  nahe  kommt,  eine  Therme  von  2340  C  ist. 


Vergleichende  Tabelle  der  chemischen  Zusammensetzung 
dieser  drei  Quellen. 

In  1  /.//  Wasser  sind  enthalten: 


Heiligenstadt 

Alt-Prag8 

Mitterndorf 

MiUigramm- 
Aequivalente 
der  Haupt- 
bestandteile 

MiUigramm- 
'Aequivalente 
der  Haupt- 
bestandteile 

Milligramm- 
Aequivalente 
der  Haupt- 
bestandteile 

Gramm 

Gramm 

Gramm 

NHi 

.  0-0001855 

Spur 

Spur 

K  .  . 

.  0-001773 

0-01445 

0001353 

Na   . 

.  0-02368 

002079 

0008983 

Ca    .  . 

.  0-1549      . 

.  .  7-722 

01717     .. 

8-557 

01674      ... 

8342 

Mg  .  . 

.  009899    . 

.  .  8-128 

006675  . .  . 

5-480 

0  05478    ... 

4-496 

Fe.  . 

.  .  000092 

O-0O0311 

0-X)001399 

AI.  . 

.  0-001291 

00001061 

0:0007427 

iVOa. 

.  002296 

Spur 

Spur 

Cl.  . 

.  002355 

0-0022 

0-01137 

SOi  .  . 

.  0-5238    . . 

.  10-906 

0-5099  .  .  . 

10-616 

0-478 

9-952 

HPO^ 

.  ,     Spur 

00006761 

Spur 

HCO^ 

.  0-3151    .. 
1-1672 

.     5-165 

0-2831  .  . . 
10700 

4-640 

0-1881      ... 
0-911 

3-084 

H^SiO 

3  .  0-01350 

0-006103 

0-01106 

Org.  Si 

ib.     Spur 

M807 

Spur 
10760 

000890 

0-931 

CO^fv 

ei    0-0906 

0-003029 

0-0283 

1-2718 


1079 


0-959 


144  C.  F.  Eichleiter  und  0.  Hackl.  [gl 

Hauptbestandteile  der  Salztabelle  in  Gramm  pro  1  kg: 

Heiligenstadt  Alt  Prags  Mitterndorf 

CaSO^    .     .     .     0-5257  0-5825  0  5682 

MgSO^    .     .     .     01803  0-05132        0-0853 

Mg(HCOs\,      .     0-3756  0-3388  0-2253 

Das  Heiligenstädter  Wasser  ist  also  relativ  und  absolut  etwas 
reicher  an  Magnesium,  Hydrokarbonat  und  Sulfat  als  die  beiden 
anderen  Wässer  und  steht  dadurch  zwischen  den  erdalkalisch-sulfa- 
tischen Quellen  und  erdalkalischen  Bitterquellen  den  letzteren  etwas 
näher  als  die  Alt-Pragser  und  Mitterndorfer  Quelle. 


GeseUschafta-Buchdruckerei  Brüder  HoUiuek,  Wien  III.  Steingasse  25. 


Tafel  IX. 

0.  Ampferer: 
Oosau— Windkaiiter. 


i 


Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Eeichaanstalt,  19I6,  66.  Band,  1.  Heft.  19 


Erklärung:  zur  Tafel  IX. 

Pig.  1.  Rötlicher  fluidal  struierter  Felsophyr  mit  einzelnen  dunkleren  Lagen. 
Die  Kanten  zwischen  den  3  wohlaiisgebildeten  Flächen  sind  ziemlich  gut  erhalten. 
In  den  polierten  Flächen  zeigen  sich  die  Feldspäte  als  kleine  Narben,  eine  Er- 
scheinung, die  bei  allen  übrigen  Felsophyren  auch  auftritt.  Eiuöd  bei  Pfaffatätten. 

Fig.  2.  Bläulichgrauer  Felsophyr  mit  braunen  Einschlüssen.  Es  sind  2  Ecken, 
eine  schärfere  und  eine  stumpfere  aus  4  Flachen  gebildet.     Einöd. 

Fig.  3.  Apfelgrüner,  oolithischer  Quarzit.  Die  Unterseite  bildet  eine  ziemlich 
ebene  Fläche.  An  der  Oberseite  verschneiden  sich  zwei  flachgewölbte  Flächen 
zu  einer  geraden  Kante.  Dieses  Geschiebe  ist  durch  den  späteren  Transport  nur 
wenig  abgestumpft  worden.     Großer  Sattel  bei  Gießhübel. 

Fig.  4.  Rötlicher  Kalk,  der  in  schwarzen  übergeht.  Hier  sind  als  Seltenheit 
3  konkave  Flächen  ausgeschliffen,  die  sich  in  einer  Ecke  vereinen.  Die  Rückseite 
ist  abgerundet.     Einöd. 

Fi.g  5.  Rötlicher  Felsophyr.  Dieses  Geschiebe  hat  eine  gewölbte  Grundfläche, 
welcher  eine  flache  Pyramide  mit  2  gleichen  größeren  Flächen  aufgesetzt  ist.  Das 
Geschiebe  ist  nachträglich  seitlich  verdrückt.     Einöd. 

Fig.  6.  Schwärzlicher  Felsophyr.  3  ungefähr  gleiche  und  1  kleinere  Fläche 
schneiden  sich  in  meist  schmalen  Kanten.     Einöd. 

Fig.  7.  Grünlicher  Felsophyr  mit  schwarzen  Einschlüssen.  Dieses  Geschiebe 
zeigt  ein  keilförmiges  Ende,  in  dem  sich  4  gut  ausgebildete  Flächen  treffen.  Eine 
der  Flächen  ist  mit  einem  Hohldruck  vei  ziert.     Finöd. 

Fig.  8.  Weißlichgrüner  P'elsophyr  mit  schwarzen  Einschlüssen.  Dieses  Ge- 
schiebe bildete  ein  sehr  regelmäßiges  Tetraeder,  dessen  Kanten  aber  teils  abge- 
rollt, teils  durch  Frost  abgesprengt  sind.  Starke  Verwitteiungsrisse.  Großer  Sattel. 

Fig.  9.  Blaßrötlicher,  weiß  und  grün  gefleckter  felsophyr.  Die  eine  Seite 
dieses  Gerölles  ist  wie  ein  Bleistift  durch  4  glatte  Flächen  auffallend  zugeschärft. 
Auch  dieses  Gerolle  zeigt  eine  starke  Eindrückung.     Einöd. 

Fig.  10.  Schwärzlichroter  Felsophyr.  Ein  Tetraeder  mit  2  etwas  konkaven 
Flächen.    Ziemlich  stark  gerundete  Kanten.     Einöd. 


Sämtliche  Geschiebe  sind  in  ca.  ^/^  Größe  abgebildet. 


F.  Wähner,  Mittelböhm.  Faltengeb.  (Taf.  1.) 


Taf.  I. 


Abb.   I. 


Abb.  2. 

Abb.  1.     Kleinfaltiing  in  obersilur.  Kalken.   Barranclefelsen.  S.  21  uad  58. 
Abb.  2.    Störungen  in  gf^.  Braniker  Felsen  N,    S.  48. 


Jahrbucb  der  k,  k.  Geologischen  Reichsanstalt,  Bd.  LXVI,  1916. 
Verlag  der  k.  k.  Geologischen  Reich sanstalt,  Wien  III.  Rasumofskygasse  23. 


F.  Wähn  er,  Mittelböhm.  Falten<^eb.  (Taf.  2.) 


Taf.  II. 


Schichtenparallele  Qiierverschiebung  in  y^. 
Schwagerka  bei  Slichow.  8.  28. 


Jahrbuch  der  k.  k.  Geologischen  Reichsanstalt,  Bd.  LXVI,  1916. 
Verlag  der  k.  k.  Geologischen  Reichsaustalt,  Wien  III.  Rasnmofskygasse  23. 


F.  Wähn  er,  Mittelböhm.  Faltengeb.  (Taf.  3. 


Taf.  III. 


Abb.  1. 


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Abb.  2. 

Abb.  1.  Mulde  von  Dworetz.    Steinbruch  der  Podoler  Zementfabrik.  S. 
Abb.  2.  Scbichtenparallele  Querverscbiebungen.  Ebenda.  S.  30. 


29. 


Jahrbuch  der  k.  k.  Geologischen  Reichsanstalt,  Bd.  LXVT,  191G. 
Verlag  der  k.  k.  Geologischen  Reichsanstalt,  Wien  ITT.  Rasumofskygasse  23. 


F.  Wähn  er,  Mittelbölim.  Faltengeb.  (Taf.  5.) 


Taf.  V. 


Abb.  1. 


Abb.  2. 

Abb.  1.     Schichtenparallele  Längsverschiebnug  in  g^.    Hluboczep.    S.  33. 
Abb.  2.     Nahaufnahme  desselben  Längsbruches.  S.  34. 


Jahrbuch  der  k.  k.  Geologischen  Reichsanstalt,  Bd  LXVI,  1916. 
Verlag  der  k.  k.  Geologischen  Keichsanstalt,  Wien  III.  Rasumofskygasse  23. 


F.  Wähner.  Mittelböhm.  Faltengeb.  (Taf.  6.) 


Taf.  VI. 


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Querbruch  (Horizontalverscbiebung)  in  g^. 
tiluboczep.  S.  36. 


Jahrbuch  der  k.  k,   Greologischen  Reichsanstalt,   Bd.  LXVI,    1916. 
Verlag  der  k.  k.  Geologischen  Reichsanstalt,  Wien  III.  Rasumofskygasse  23. 


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F.  Williner,  Mittelböhmisches  Faltengebirge.  (Taf.  8.) 


Taf.  VIII. 


Abb.  1.  Ueberschiebung  von  f.,  auf  (/,.  Slichow.  S.  43. 
Abb.  2  und  3.  Gefalteter  und  gehärteter  Graptolithenscbicfer  f,a  in  Diabas.  Tal  von  Großkiicliel.  S.  55. 


Jahrbuch  der  k.  k.  Geologischen  Reiehsanstalt,   Bd.  LXVI,  1916. 
Verlag  der  k.  k.  Geologischen  Reiehsanstalt,  Wien  III.  Kasumofskygasse  23. 


O.  Ampferer:  Gosau  Windkanter. 


Taf.  IX. 


Phot.  u.  Lichtdr.  v.  Max  Jatfe,  Wien. 


Jahrbuch  der  k.  k.  geologischen  Reichsanstalt,  Bd.  LXVI.  1916. 
Verlag  der  k.  k.  geologischen  Reichsanstalt,  Wien,  Hl.,  Rasumofskygasse  23. 


Inhalt. 


1.  Heft.  3,,,, 

F.  Wähner:  Zur  Beurteilung  des  Baues  des  mittelböhmischen  Faltengebirges. 

Mit  8  Tafeln  (Nr.  I— VIII)  und  einer  Textabbildung     ........      1 

C.  F.  Eiclileiter  und  0.  Hackl:  Chemische  Untersuchung  der  Schwefelquelle 
in  Luhatschowitz .    73 

G.  Schlesinger  (Wien):  Meine  Antwort  in  der  Planifronsfrage.  II.  Die  nieder- 

österreichischen Pianifronsmolaren.  Mit  14  Abbildungen  im  Texte,  .  .  93 
0.  Ampferer:    üeber   Kantengeschiebe    unter  den  exotischen  Gerollen   der 

Gösauschichten.  Mit  einer  Lichtdrucktafel  (Nr.  IX) 137 

C.  F.  Eichleitet'  und  0.  Hackl:   Chemische  Analyse   der  Heiligenstädter 

Mineralquelle 139 


— »r- 


NB.  Die  Autoren    allein    sind  für    den  Inhalt   und  die  Form 
ihrer  Aufsätze  verantwortlicli. 


Gesellschafts-Buchdruckerei  Brüder  Hollinek,  Wien  lU.  Steingaase  25. 


Ausgregebeil  Endo  Mai  1917. 


JAHRBUCH 


DER 


KAISERLICH-KÖNIGLICHEN 


i; 


JAHRGANG  1916.  LXVL  BAND. 

2.  Heft. 


Wien,  1917. 
Verlag  der  k.  k.  Geologischen  Reichsanstalt. 


In  Kommission  bei  R.   Lechner  (Wilh.   Müller),   k.  u.  k.  Hofbuchbaudlung 

I.  Graben  si. 


Quellengeologie  von  Mitteldalmatien. 

Von  Dr.  Fritz  v.  Kerner. 

Mit  zwei  Tafeln  (Nr.  X  und  XI). 

Die  geologischen  Bedingungen  für  das  Erscheinen  von  Süßwasser- 
quellen gestalten  sich  in  Mitteldalmatien  wechselvoll.  Die  Böden  und 
Gesteine  des  Gebietes  verhalten  sich  betreffs  der  Wasserführung  sehr 
verschieden  und  der  eigenartige  Gebirgsbau  bringt  es  mit  sich,  daß 
die  in  der  Schichtfolge  begründeten  Berührungen  durchlässiger  und 
undurchlässiger  Gesteine  unter  mannigfachen  Lagerungsformen  auftreten 
und  man  auch  durch  abnormen  Schichtverband  bedingte  quellbildende 
Gesteinskontakte  trifft.  Manche  der  so  zustande  kommenden  Quellen 
sind  allerdings  nur  schwach  und  unbeständig;  doch  hat  es  Interesse, 
für  ein  Land,  das,  wie  Dalmatien,  großenteils  als  wasserarm  zu  be- 
zeichnen ist,  alle  gegebenen  Möglichkeiten  des  Austrittes  von  in  den 
Boden  eingedrungenen  Niederschlägen  festzustellen. 

Die  folgenden  Ausführungen  betreffen  vorzugsweise  die  geologische 
Seite  des  Quellenphänomens.  Es  ist  dies  in  dem  Umstände  begründet, 
daß  sie  das  Ergebnis  aufnahmsgeologischer  Studien  sind.  Es  ist  zwar 
auch  der  Aufnahmsgeologe  sehr  bestrebt,  die  in  seine  weitere  Interessen- 
sphäre fallenden  veränderlichen  hydrologischen  Erscheinungen  unter 
möglichst  verschiedenen  Verhältnissen  in  Augenschein  zu  nehmen,  so 
insbesondere  Quellen  in  Gegenden  mit  deutlich  ausgeprägter  jähr- 
licher Niederschlagsperiode  in  der  nassen  und  trockenen  Jahreszeit 
zu  besuchen,  eventuell  auch  den  Einfluß  von  kurzen  Hegen-  und 
Trockenperioden  auf  Quellen  kennen  zu  lernen ;  die  diesbezüglichen 
Bestrebungen  stoßen  aber  nur  zu  oft  auf  Hindernisse  und  es  fehlt 
an  der  Gelegenheit,  jene  Summe  von  Daten  zu  gewinnen,  die  einen 
vollen  Ueberblick  der  periodischen  und  unperiodischen  Variationen 
einer  Quelle  bieten  kann.  Das,  was  sich  auf  Grund  von  bei  geologischen 
Aufnahmen  gesammelten  Erfahrungen  über  die  veränderlichen  Eigen- 
schaften der  Quellen  feststellen  läßt,  bleibt  unter  diesen  Umständen 
bestenfalls  nur  Stückwerk.  Was  die  Temperatur  der  Quellen  anbelangt, 
so  wurde  keine  Gelegenheit"  ve^-absäumt,  sie  zu  messen,  es  konnte 
dies  aber  auch  nur  für  das  Studium  uo.  G'^'^logie  der  Quellen  inso- 
fern dienlich  sein,  als  größere  Temperaturdifferenzen  lu..  g'^netischen 
Verschiedenheiten  Hand  in  Hand  gehen,  so  daß  ein  von  den  Quellen 
der  Umgebung  stärker  abweichendes  thermisches  Verhalten  einer 
Quelle  darauf  hinweist,  daß  dieselbe  von  anderer  Entstehungsart  sei 
oder  einer  diesbezüglich  aus  dem  geologischen  Befunde  geschöpften 
Vermutung  zur  Bestätigung  verhelfen  kann.  Zu  einer  Feststellung  der 

Jahrbuch  d.  k    k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  6G   Band,  2.  Heft.  (F.  v.  Kerner.)  '20 


146  ^^-  Fj">t''  V-  Kerner.  [2] 

Temperaturverhältnisse  der  Quellen  erschienen  diese  Messungen  jedoch 
noch  unzureichend,  da  selbst  die  angenäherte  Bestimmung  des  zu- 
nächst hier  in  Betracht  zu  ziehenden  Wertes,  d.  i.  des  Jahresmittels 
—  sofern  sie  auf  sehr  wenige  Messungen  gestützt  wird  —  vor- 
aussetzt, daß  diese  Messungen  zu  besonderen  Terminen  stattfinden 
und  gerade  dieser  Bedingung  bei  geologischen  Aufnahmen  nur  schwer 
entsprochen  werden  kann. 


Uebersieht  der  Quellformen. 

Verhalten  der  Gesteine  nnd  Böden  znm  Wasser. 

A.  Tonschiefer,  Mergel  und  undurchlässige  Böden. 
Tonhaltige  Gesteine  von  sehr  verschiedener  Beschaffenheit  treten  in 
Mitteldalmatien  in  zahlreichen  geologischen  Horizonten  auf,  Sie  nehmen 
an  der  Zusammensetzung  derselben  entweder  einen  wesentlichen  An- 
teil oder  spielen  nur  die  Rolle  von  Einlagerungen  in  durchlässigen 
Schichten.  Es  sind  hier  folgende  Tongesteine  zu  erwähnen : 

1.  Dünnblättrige  Tonschiefer  von  dunkelroter,  graugrüner  oder 
grauvioletter  Farbe  in  den  unteren  Werfener  Schichten.  Sie  bilden 
neben  glimmerreichen  Sandsteinschiefern  den  Hauptbestandteil  dieses 
untersten  Gliedes  der  Trias  am  Südfuße  der  Svilaja. 

2.  Blättriger  grünlichgrauer  Schieferton  in  den  oberen  Werfener 
Schichten  der  Svilaja.  Er  spielt  unter  den  Gesteinsvarietäten  dieses 
Horizontes  eine  untergeordnete  Rolle. 

3.  Fein  zerblätternde  rotbraune,  dunkelgrüne  und  violette  Schiefer- 
tone im  oberen  Muschelkalke.  Durchzogen  von  dünnen  Lagen  eines 
roten  Knollenmergels  bilden  sie  die  Hauptmasse  der  Schichten,  welche 
im  Suvajatale  zwischen  dem  Han  Bulogh-Kalke  und  einem  dunklen 
Hornsteinkalke  liegen,  der  den  Buchensteiner  Horizont  vertreten  dürfte. 

4.  Ein  scharfkantig  zersplitterndes  hartes  bräunliches  Tuffgestein 
in  dem  eben  erwähnten  mutmaßlichen  Aequivalente  der  unteren 
ladinischen  Stufe. 

5.  Ein  zu  mörtelähnlichem  Schutte  zerfallendes  weißliches  Ton- 
gestein in  den  Wengener  Schichten.  Es  setzt  in  Verbindung  mit  split- 
trigen  grauen  und  grünen  Tuffen  und  Kieselschiefern  die  tuffigen 
Ablagerungen  der  mittleren  ladinischen  Stufe  zusammen.  Solche  Ab- 
lagerungen erscheinen  im  Suvajatale  in  zwei  Niveaus;  in  einem  tieferen, 
ohne  sichtbaren  Zusammenhang  mit  Eruptivgesteinen  und  in  einem 
höheren  im  unmittelbaren  Hangenden  eines  Deckenergusses  von  Augit- 
porphyrit. 

6.  Knolliger  lichtgelblicher  Kalkmergel  in  der  Küstenfazies  des 
Mitteleocäns.  Er  bildet  in  einem  Teile  der  Verbreitungsregion  dieser 
Fazies  eine  ziemlich  mächtige  Schichtmasse  im  Hangenden  des  Haupt- 
nummulitenkalkes. 

7.  Muschlig  brechende  gelbliche  und  lichtgraue  Mergel  im  Flysch 
und   in   den  Prominaschichten.    In   der   Flyschformation    nahmen    sie 


[3]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  147 

einen  ziemlicli  großen  Anteil  am  Aufbaue  der  mergeligen  Schicht- 
t'olgen ;  in  den  fiuviatilen  Prominaschichten  erscheinen  sie  in  unserem 
Gebiete  nur  als  geringfügige  Einschaltungen. 

8.  Engklüftiger  grünlichgrauer  Mergel  in  den  beiden  eben  ge- 
nannten Fazies  des  höheren  Eocäns.  Er  bildet  in  oftmaligem  Wechsel 
mit  dünnen  Bänkchen  von  gelblichbraunem  Kalksandstein  einen  Haupt- 
bestandteil der  Flyschformation.  In  den  Prominaschichten  spielt  er 
aber  auch  nur  die  Rolle  eines  untergeordneten  Gesteinsgliedes. 

9.  Rötlich,  gelb  und  bläulichgrau  gebänderter  Kalkmergel  mit 
lagenweise  eingeschalteten  Ockerknollen  in  der  unteren  Abteilung 
des  Neogens  bei  Sinj.  Durchzogen  von  vielen  Bänken  eines  sandigen 
gelblichgrauen  Mergels  bildet  er  einen  Hauptbestandteil  dieses  noch 
der  sarmatischen  Stufe  zuzurechnenden  Horizontes  des  dalmatischen 
Jungtertiärs.  Ihm  ähnlich  ist  ein  bläulicher  Kalkmergel  mit  Ocker- 
knollen, welcher  im  Sutinatale  in  einem  Niveau  der  mittleren  Neogen- 
partien  auftritt. 

10.  Grobmuschlig  brechende,  scherbig  zerfallende  hellgraue 
Mergelkalke  der  Congerienstufe.  Sie  setzen  für  sich  allein  ohne 
Wechsellageruug  mit  anders  gearteten  Schichten  je  einen  Teil  des 
mittleren  Neogens  im  Sutinatale  und  am  Nordrande  des  Sinjsko  polje 
und  die  Hauptmasse  des  Neogens  am  Südrande  dieser  Karstebene 
zusammen.  Als  untergeordneter  Bestandteil  der  höheren  jungtertiären 
Schichten  im  Sutinatale  und  bei  Sinj  treten  auch  dunkelgraue  Mergel  auf. 

11.  Terra  rossa.  In  den  von  roter  Erde  ausgefüllten  kleinen 
Poljen  zeigt  sich  zwar  nicht  jene  Neigung  zur  Versumpfung,  welche 
man  im  Innern  jener  Poljen  wahrnimmt,  deren  Untergrund  durch 
tertiäre  Mergel  gebildet  wird,  so  daß  es  scheint,  als  ob  die  Terra 
rossa  minder  undurchlässig  wäre  als  von  Mergeln  stammender  Ver- 
witterungslehm. Doch  finden  sich  in  ihrem  Bereiche  ständige  Wasser- 
tümpel (Lokven)  auch  über  zerklüftetem  Kalkboden,  woselbst  dann 
nur  die  rote  Erde  die  Zurückhaltung  des  Wassers  bedingen  kann. 
Auch  zeigen  räumlich  ausgedehnte  Anhäufungen  von  Terra  rossa  die 
Reliefformen  undurchlässigen  Geländes.  Die  gebräuchliche  üeber- 
setzung  des  Wortes  nicht  mit  „Karsterde",  sondern  mit  „Karstlehm" 
weist  gleichfalls  auf  die  Eigenschaft  der  Undurchlässigkeit  hin.  Für 
die  Quellbildung  kommt  die  Terra  rossa  als  Wasser  zurückhaltende 
Unterlage  aus  dem  Grunde  kaum  in  Frage,  weil  sie,  wo  sie  in  größeren 
Massen  auftritt,  meist  die  oberste  Bodenschichte  bildet  und  nur  aus- 
nahmsweise und  auch  dann  nur  lokal  noch  von  einer  durchlässigen 
jüngeren  Schichte,  etwa  von  rezentem  Gebirgsschutte  überlagert  wird. 
Dagegen  spielt  die  Terra  rossa  bei  der  Quellbildung  eine  Rolle,  wenn 
sie  zerklüftete  Kalkschichten  durch  vollständig^  Verstopfung  aller 
Klüfte  undurchlässig  macht. 

12.  Lehme  in  den  älteren  quartären  und  in  den  rezenten  Fluß- 
anschwemmungen. ^ 

B.  Dolomite.  Die  mesozoischen  Dolomite  von  Dalmatien  nehmen 
'u  hydrologischer  Beziehung  eine  Sonderstellung  ein.  Sie  erweisen  sich 
als  minder  durchlässig  als  die  Kalke,  vermögen  aber  das  Wasser  weit 

20» 


148  l^r-  Fritz  V.  Kerner.  [4] 

weniger  zurückzuhalten  als  Tonschiefer  und  Mergel.  Hiebei  erfährt 
die  Stellung  des  Dolomites  in  der  Gesteinsreihe,  deren  Endglieder 
durch  den  Kalk  und  Schieferton  gebildet  werden,  mit  der  Aenderung 
der  Niederschlagsmengen  eine  große  Verschiebung.  Geringe  Wasser- 
mengen vermögen  in  den  Dolomit  einzudringen,  er  spielt  dann  die 
Rolle  einer  durchlässigen  Gesteiusart  und  tritt  in  Gemeinschaft  mit 
dem  Kalke  in  Gegensatz  zu  den  tonigen  Gesteinen,  in  deren  Bereich 
selbst  kleinen  Wassermengen  ein  Eindringen  verwehrt  und  ein  ober- 
flächlicher Abflußweg  gewiesen  wird.  Für  die  gewaltigen  Wasser- 
massen heftiger  Regengüsse  ist  die  Aufuahmsfähigkeit  des  Dolomites 
aber  nicht  ausreichend. 

Der  größte  Teil  des  Wassers  fließt  dann  oberflächlich  ab,  der 
Dolomit  erscheint  als  ein  undurchlässiges  Gestein  und  tritt  im  Vereine 
mit  den  Tonschiefern  und  Mergeln  in  Gegensatz  zum  Kalke,  in  dessen 
oft  einem  Sieb  verglichenen  Gelände  selbst  große  Wassermassen  an 
Ort  und  Stelle  verschluckt  werden  und  ein  oberflächliches  Abfließen 
sogar  bei  Wolkenbrüchen  nur  vorübergehend  vorkommt.  So  erklärt 
es  sich,  daß  der  Dolomit  die  für  undurchlässiges  Terrain  bezeichnenden 
zertalten  Landschaftsformen  zeigen  kann  und  dennoch  dort,  wo  er 
von  durchlässigem  Boden  überlagert  wird,  oft  keine  Quellbildung 
bedingt.  Um  eine  solche  zu  veranlassen,  müßten  auch  die  Sicker- 
wässer, welche  an  die  obere  Grenzfläche  einer  Dolomitschichte  ge- 
langen, an  dieser  zurückgehalten  werden,  für  die  allmähliche  Heraus- 
bildung einer  zertalten  Landschaftsform  genügt  es,  wenn  bei  heftigen 
Regengüssen  auch  nur  ein  Teil  der  Wassermassen  zu  oberflächlichem 
Abflüsse  gezwungen  ist.  Die  Zertalung  der  Dolomitgelände  ist  übrigens 
viel  weniger  weitgehend  als  jene  der  Tonschiefer*  und  Mergelregionen. 
Jene  durch  vielverzweigte  Wasserrinnen  zerschnittenen  Gehänge,  die 
mit  ihrem  Gewirre  von  tiefen  Furchen  und  steilen  Graten  an  die 
stark  überhöhten  künstlichen  Hochgebirgsreliefs  erinnern  und  in  Dal- 
matien  im  Gebiet  der  unteren  Werfener  Schiefer  und  der  neogenen 
Mergel  angetroffen  werden  und  die  typische  Oberflächenform  des  ent- 
blößten undurchlässigen  Bodens  darstellen,  sucht  man  in  den  Dolomit- 
regionen dieses  Landes  wohl  vergebens.  Dagegen  tritt  die  Neigung 
zur  Zertalung  in  denselben  klar  hervor,  wenn  man  sie  mit  den  Karst- 
reliefs der  Kalkgebiete  vergleicht. 

Es  muß  jedoch  bemerkt  werden,  daß  auch  die  für  den  Karst 
bezeichnenden  Reliefformen  im  Dolomite  auftreten  können;  so  sind 
die  Dolomitzonen  zwischen  Ugljane  und  Budimir  (südöstl.  vom  Sinjsko 
Polje)  reich  an  Dolinen,  auch  Höhlen  kommen  im  Dolomite  vor. 
(Höhle  im  Graben  zwischen  Dolnji  Korito  und  Strazbenica  staje  öst- 
lich vom  Sinjsko  Polje.) 

Auch  hinsichtlich  der  Oberflächenform  im  Kleinen,  hinsichtlich 
des  Felsreliefs  läßt  sich  behaupten,  daß  der  Dolomit  in  Dalmatien 
Beziehungen  zum  Karstkalke  zeigt.  Die  eigentümlichen  Felsgebilde, 
welche  man  nicht  selten  in  Dolomitgebieten  antrifft,  erscheinen  wie 
eine  Milderung  und  Abschwächting  der  scharf  gezeichneten  Felsformen 
in  den  Karrenfeldern. 

Als  Ursache  der  im  Vergleiche  zum  Kalk  geringeren  Aufnahms- 
fähigkeit des  Dolomites  für  Regenwasser   sind  verschiedene  Möglich- 


[5]  Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien.  149 

keiten  erwogen  worden.  Zunächst  ein  Ausbleiben  der  im  Kalke  statt- 
findenden Erweiterung  der  Klüfte,  dann  eine  teilweise  Verlegung 
derselben  durch  den  bei  der  Verwitterung  sich  bildenden  Dolomit- 
grus. In  neuerer  Zeit  wurde  auch  angenommen,  daß  der  Dolomit  in 
frischem  Zustande  überhaupt  fast  gar  nicht  zerklüftet  sei  und  nur  in 
seinen  oberflächlichen  Verwitterungsschichten  genügend  viele  Lücken 
und  Hohlräume  besitze,  um  Wasser  in  mäßiger  Menge  in  sich  auf- 
zunehmen. 

Ihrem  Alter  nach  gehören  der  Dolomit  und  die  dolomitischen 
Kalke  des  hier  besprochenen  Gebietes  teils  der  TriaS;  teils  dem  Lias 
und  Jura,  teils  der  Kreide  an.  Der  Triasdolomit  zeigt  eine  größere 
Neigung  zu  oberflächlicher  Zerklüftung  als  jener  der  Jura-  und  Kreide- 
formatiou  und  kann  so  wohl  etwas  mehr  Regenwasser  verschlucken. 
Die  Neigung  zu  zertalten  Landschaftsformen  kommt  ihm  aber  in 
höherem  Grade  zu.  Daß  sich  demnach  bei  ihm  bei  größerer  Durch- 
lässigkeit zugleich  eine  Eigenschaft  des  undurchlässigen  Bodens  in 
stärkerem  Maße  ausprägt,  beinhaltet  nach  dem  vorhin  Gesagten  keinen 
Widerspruch.  Mit  der  intensiveren  Zerklüftung  geht  eine  stärkere 
Lockerung  der  oberflächlichen  Gesteinsschichten  Hand  in  Hand  und 
diese  wird  einer  Steigerung  der  Erosionswirkungen  von  Regenfluten 
günstig  sein. 

Ein  deutliches  Beispiel  dafür,  daß  starke  Zertalung  mit  großer 
Durchlässigkeit  verknüpft  sein  kann,  liefern  in  Dalmatien  die  Lemes- 
schichten.  Die  breite  Zone  von  Tithon  auf  der  Südseite  der  Svilaja 
hebt  sich  durch  stark  entwickelte  Ravinenbildung  scharf  gegen  die 
umgebenden  verkarsteten  Regionen  ab.  Die  Duboka-  und  Turska 
Draga  gehen  aus  einem  reich  verästelten  System  von  Erosionsfurchen 
hervor.  Diese  Furchen  führen  aber  nirgends  dünne  Wasserfäden,  wie 
man  sie  in  jenen  Rinnen  antrifft,  die  in  mit  Schutt  und  Humus  über- 
deckte Werfener  Schiefer,  Flyschmergel  und  Kongerienmergel  ein- 
geschnitten sind.  Die  Lemesschichten  verhalten  sich  als  Hornstein 
führende  klüftige  Plattenkalke  wie  durchlässiges  Terrain.  Die  .starke 
Zertalung  ist  in  ihrem  Bereiche  ausschließlich  die  Wirkung  heftiger 
Gußregen  auf  ein  sehr  leicht  zerbröckelndes  Gestein.  Am  Monte 
Lemes  selbst  tritt  allerdings  in  den  nach  ihm  benannten  Schichten 
die  schöne  Quelle  Zdain  zutage.  Für  diese  ist  jedoch  eine  besondere 
Entstehungsweise  anzunehmen.  Die  Erosionsfurchen  am  Lemesberge 
sind  auch  alle  ohne   Wasserfäden. 

C.  Kalke.  Die  Rolle,  welche  der  Kalk  ziemlich  unabhängig  von 
seinen  petrographischen  und  geologischen  Merkmalen  in  der  Hydro- 
logie des  Karstes  spielt  und  die  ihm  so  in  jedem  einzelnen  .  Gebiete 
zukommt,  gleichviel  von  welcher  geologischen  Beschaffenheit  dasselbe 
auch  sein  mag,  wurde  schon  so  oft  und  gründlich  abgehandelt,  daß 
darüber  in  einer  Spezialarbeit  kein  Wort  mehr  zu  verlieren  ist.  Um 
so  mehr  ist  aber  des  Vorkommens  von  Fällen  zu  gedenken,  in  welchen 
er  jene  wohlbekannte  Rolle  nicht  spielt.  Solche  Fälle  als  „Ausnahmen" 
zu  bezeichnen,  sei  jenen  überlassen,  welche  sich  zu  didaktischen 
Zwecken  bemüßigt  sehen,  alle  Erscheinungen  in  der  Natur  in  Regeln 
und  Gesetze  einzuzwängen.  Betreffs  der  geo- und  hydrophysikalischen 


150  DJ"    I*'"*^  V.  Kerner.  [ßj 

und  meteorologischen  Gesetze  ist  kein  Zweifel  möglich,  daß  sie  auch 
ohne  Dazwischentreten  menschlicher  Gehirne  genau  ebenso  bestünden, 
wie  wir  sie  ergründen  und  erkennen.  Auf  den  übrigen  erdkundlichen 
Gebieten  erscheint  es  aber  für  den,  den  nicht  Zwecke  der  vorhin 
erwähnten  Art  zum  Schematisieren  drängen,  besser,  sich  jeder  gesetz- 
geberischen Tätigkeit  zu  enthalten.  Er  läuft  sonst  allzusehr  Gefahr, 
in  die  unerfreuliche  Lage  Desjenigen  zu  kommen,  der  Verordnungen 
erläßt,  ohne  die  Macht  dazu  zu  haben,  ihre  Befolgung  zu  erzwingen  ^). 

Obschon  die  Durchsetzung  des  Kalkes  mit  mehr  oder  weniger 
wegsamen  Klüften  eine  allgemeine  Erscheinung  ist,  muß  dennoch 
daran  festgehalten  werden,  daß  es  sich  hiebei  um  eine  betreffs  ihrer 
Entwicklungsart  von  Zufälligkeiten  abhängige  sekundäre  Gesteins- 
veränderung handelt,  und  daß  die  Möglichkeit  vorliegt,  daß  stellen- 
weise das  Gestein  von  Klüften  frei  bleibt,  eventuell  auch  die  vor- 
handenen Klüfte  nicht  wegsam  sind.  In  der  Tat  stößt  man  in  dal- 
matinischen Karstgebieten  zuweilen  auf  ziemlich  ausgedehnte,  viele 
Meter  im  Gevierte  messende  Felsschichtflächen,  welche  von  keiner 
einzigen  Kluft  durchsetzt  sind,  so  daß  die  im  Bereiche  einer  solchen 
Fläche  auffallenden  Niederschläge  gerade  so  oberflächlich  abfließen 
müssen  wie  auf  Tonschieferboden.  Diese  Vorkommnisse  sind  aller- 
dings zu  selten  und  räumlich  zu  beschränkt,  als  daß  durch  sie  in 
Hinsicht  auf  Quellbildung  die  bekannte  Rolle  des  Kalkes  in  Frage 
gestellt  würde.  Man  muß  aber  die  Möglichkeit  ins  Auge  fassen,  daß 
gelegentlich,  unter  besonderen  Bedingungen  ein  solches  Fortbestehen 
der  dem  Kalke  ursprünglich  zukommenden  Eigenschaft  der  Undurch- 
lässigkeit  doch  auch  für  die  Quellbildung  von  merklichem  Einflüsse 
werden  kann.  In  der  Tat  trifft  man  in  einem  Teile  unseres  Gebietes 
Vorkommnisse,  welche  auf  ein  Merkbarwerden  eines  solchen  Ein- 
flusses hinweisen.  Sie  werden  später  genau  beschrieben  werden. 

Das  Vorkommen  von  Fällen,  in  welchen  der  Kalk  streckenweise 
nicht  zerklüftet  ist,  spricht  gegen  einen  allgemeinen  Zusammenhang  der 
Kluftnetze.  Wasseradern  im  Karstkalke  können  aber  auch  schon  beim 
Vorhandensein  von  Klüften  durch  deren  völlige  Verstopfung  mit  Höhlen- 
lehm ihren  Zusammenhang  verlieren. 

Den  Kalken  völlig  analog  verhalten  sich  in  hydrologischer  Be- 
ziehung die  festgefügten  Kalkbreccien  und  Kalkkonglomerate,  welche 
auch  ein  scharf  ausgeprägtes  Karstrelief  zeigen.  Die  eckigen  oder 
abgerundeten  Fragmente  dieser  klastischen  Gesteine  sind  fest  an- 
einander gepreßt  oder  durch  steinharte  Zwischenmittel  fest  verkittet, 
so  daß  hier  eine  Fortleitung  des  Wassers  längs  der  Grenzen  der 
Bruchstücke  völlig  ausgeschlossen  ist  und  sich  das  Gestein  wie  ein 
homogener  Kalk  verhält,  d.  h.  an  sich  ganz  undurchlässig  ist  und  erst 
sekundär  infolge  von  Zerklüftung  diese  Eigenschaft  verliert. 


')  Sollte  es  unter  diesem  Gesichtswinkel  vielleicht  statthaft  sein,  die  Frage 
aufzuwerfen,  ob  es  mehr  als  bloßer  Zufall  sei,  daß  von  zwei  großen  Geologen,  bei 
denen  man  in  Sachen  der  Karstbydrographie  eine  völlige  Unbefangenheit  des 
Urteils  vorauspetzeu  darf,  derjenige,  welcher  sich  an  die  akademische  Jugend  wendet 
(Kays er,  Lehrbuch  der  Geologie)  die  Anschauungen  A.  Grunds  vertritt  und  der- 
jenige, welcher  sich  an  Hydrotechniker  wendet  (K  e  i  1  h  a  c  k,  Grundwasser  und  Quellen- 
kunde) den  Darlegungen  F.  Katzers  folgt? 


[71  Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien.  151 

Den  reinen  Kalken  ähnlich  verhalten  sich  hinsichtlich  ihres  Ein- 
flusses auf  die  Quellbildung  auch  die  einen  sehr  geringen  Tongehalt 
aufweisenden  Kalksteine. 

Hieher  gehören  manche  Faziesentwicklungen  der  Cosinaschichten 
und  des  oberen  Foraminiferen-  (Milioliden-)  Kalkes,  ein  großer  Teil 
der  nicht  konglomeratischen  Prominaschichten  und  die  ungefähr  gleich- 
altrigen Gesteine  auf  der  Südseite  des  Opor,  sodann  die  Liegend- 
schichten der  Flyschmergel  am  Südabhang  des  Mosor,  endlich  die 
mittleren  und  oberen  Partien  des  Neogens  im  Cetinagebiete,  soweit 
dieselben  nicht  in  Mergelfazies  entwickelt  sind. 

Die  meisten  dieser  Gesteine  zeigen  eine  mehr  oder  minder 
vollkommene  Absonderung  in  Platten  und  dieser  Umstand  weist  auf 
eine  starke  polygonale  Gesteinszerklüftung  hin.  Erscheint  es  auch 
verständlich,  daß  da  ein  Eindringen  der  atmosphärischen  Wässer  leicht 
erfolgt,  so  könnte  man  doch  glauben,  daß  diese  Form  der  Zerklüftung 
gegen  die  Tiefe  zu  abnehme,  auch  sollte  man  vermuten,  daß  der 
etwas  tonige  Kalkstaub,  der  sich  bei  der  Verwitterung  hier  bildet, 
dazu  beitrage,  die  Klüfte  unwegsam  zu  machen.  Trotzdem  besitzen 
diese  plattigen  Kalksteine  keine  nennenswerte  Fähigkeit,  das  Wasser 
in  seinem  Laufe  zur  Tiefe  aufzuhalten.  Wenn  im  Bereiche  solcher 
Kalke  eine  Quellbildung  erfolgt,  ist  sie  an  das  Vorhandensein  einer 
tonigen  Zwischenschicht  geknüpft  und  wo  derartige  Kalke  an  reine 
Kalke  grenzen,  kommt  der  Berührungsfläche  beider  nicht  die  hydro- 
logische Bedeutung  eines  Kontaktes  von  schwer-  und  leichtdurch- 
lässigem Gesteine  zu.  Betreffs  der  Landschaftsformen  nehmen  die  in 
Rede  stehenden  Gesteine  eher  eine  Mittelstellung  zwischen  reinem 
Kalk  und  Mergel  ein.  Das  aus  ihnen  bestehende  Terrain  hat  keinen 
Karstcharakter,  es  fehlt  ihm  aber  auch  die  reichliche  Durchfurchung 
der  Abhänge,  welche  für  das  undurchlässige  Gelände  so  bezeichnend  ist. 

Z>.  Durchlässige  Bodenarten.  Hieher  gehören  die  meisten 
Ablagerungen  der  letzten  geologischen  Vergangenheit  und  Gegenwart. 
Gehängeschutt,'  dessen  ältere  Partien  zum  Teil  zu  Breccien  verfestigt 
sind,  Trümmermassen  von  Bergstürzen,  umgelagerte  und  umge- 
schwemmte quartäre  Schuttanhäufungen  (sofern  sie  nicht  mit  Lehmen 
stärker  vermengt  sind),  altquartäre  Saudablagerungen,  ferner  die  zum 
Teil  zu  lockeren  Konglomeraten  zusammengebackenen  Schotterdecken 
der  postneogenen  Flüsse  und  die  Schotter  und  Sande  in  den  An- 
schwemmungen der  fließenden  Gewässer  der  Jetztzeit  sowie  endlich 
die  Geröllansammhingen  am  Meeresstrand. 

Entstehungsformen  der  Quellen. 

^.  Kar  st  quellen.  Sie  überragen  wie  in  anderen  Karstgebieten 
auch  in  Mitteldalmatien  alle  übrigen  Quellbildungen  weitaus  an  Wich- 
tigkeit. Alle  durch  Stärke  und  Größe  besonders  ausgezeichneten 
Quellstränge  unseres  Gebietes  gehören  dieser  Kategorie  von  Quellen 
an.  In  dieser  Darstellung,  welche  die  Mannigfaltigkeit  der  lithologischen 
und  tektonischen  Verhältnisse  der  Quellen  zu  beschreiben  sucht, 
können    die   Karstquellen    aber    nicht   in    einem   ihrer    überragenden 


152  r)»".  Frilz  V.  Kerner.  [8] 

Bedeutung  entsprechenden  Maße  den  absolut  und  relativ  größten 
Raum  einnehmen.  Sie  bilden  als  Spaltquellen  im  Kalkgebirge  nur  ein 
Glied  in  der  Fülle  der  quellengeologischen  Erscheinungen  und  auch 
ihre  Beziehungen  zur  Tektonik  liefern  für  eine  vergleichende  Ge- 
samtdarstellung weniger  Stoff  als  jene  der  übrigen  Felsquellen.  Sie 
bieten  mehr  für  morphologische  als  für  geologische  Forschungen  ein 
interessantes  Ziel  und  es  gestaltet  sich  darum  ihr  Studium  bei  An- 
wendung morphologischer  Untersuchungsmethoden,  besonders  mit 
Hilfe  der  Höhlenforschung  weit  erfolgreicher  als  durch  geologische 
Begehungen.  Aus  diesem  Grunde  soll  hier  auch  davon  Abstand  ge- 
nommen werden,  das  vielumstrittene^)  Thema  der  Karsthydrologie  in 
seiner  Gesamtheit  zu  erörtern.  Dem  Vorwurf,  mit  einer  solchen  Er- 
örterung etwas  Ueberflüssiges  zu  leisten,  wird  derzeit  nur  Derjenige 
entgehen  können,  der  betreffs  aller  hier  in  Betracht  kommenden 
Fragen  neues  Beobachtungsmaterial  beibringen  kann.  Für  eine  sehr 
wichtige  Gruppe  von  karsthydrologischen  Phänomenen,  für  die 
Wechselbeziehungen  zwischen  Ponoren,  Karstquellen  und  Poljenüber- 
schwemmungen läßt  sich  nun  aber  innerhalb  des  hier  besprochenen 
Gebietes  kein  vollständiges  Bild  gewinnen,  da  das  Sinjsko  polje 
oberflächlich  entwässert  wird  und  das  Mucko  polje  keine  Karstquellen 
hat.  Die  zu  den  Karstquellen  des  Sinjsko  polje  gehörigen  Ponore 
liegen  aber  weit  außerhalb  der  Grenzen  unseres  Gebietes.  Der  karst- 
hydrologische Erfahrungsschatz,  welcher  sich  in  diesem  Gebiete  bei 
Gelegenheit  geologischer  Aufnahmen  sammeln  läßt,  betrifft  haupt- 
sächlich die  horizontale  und  vertikale  Verbreitung  der  Karstquellen. 
Was  die  erstere  betrifft,  so  zeigt  sich  dort,  wo  sie  in  reiner 
Abhängigkeit  von  der  Verteilung  der  unterirdischen  Wasserwege  zu 
beobachten  ist,  eine  Art  Mittelzustand  zwischen  jenen  zwei  Grenz- 
fällen, welche  den  beiden  einander  gegenüberstehenden  Anschauungen 
über  jene  Wasserwege  entsprechen  würden.  Es  treten  dort  auf  ein- 
zelnen Teilstrecken  des  Gebirgsrandes  Quellenreihen  zutage;  es  ist 
aber  weder  eine  Beschränkung  der  Wasseraustritte  auf  einzelne 
Stellen,  noch  auch  eine  annähernd  gleichmäßige  Verteilung  derselben 
über  die  ganze  Erstreckung  des  Gebirgsrandes  zu  sehen.  Dieser 
Umstand  spricht  dafür,  daß  auch  die  hydrologischen  Verhältnisse  an 
solchen  Gebirgsrändern,  welche  von  undurchlässigen  alt-  oder  jung- 
tertiären Schichten  besäumt  sind,  eine  zwischen  extremen  Annahmen 
stehende  Auffassung  erheischen.  Man  wird  bei  dem  Hervorbrechen 
großer  Karstquellen  in  den  Lücken  der  Flysch-  und  Neogenvorlagen 
diese  Lücken  nicht  als  das  primäre  ansehen  dürfen;  es  wäre  aber 
wohl  auch  zu  weit  gegangen,  diesen  Vorlagen  jede  Stauwirkung  abzu- 
sprechen. Vermutlich  entsprechen  die  Durchbrüche  durch  diese  Vor- 
lagen solchen  Stellen,  wo  besonders  große  Kluftwasserstränge  den 
Gebirgsrand  erreichen  und  treten  dort  auch  noch  Wasseradern  aus- 
weiche  seitlich  von   jenen  Strängen   auf   die  Rückwand   der  Gebirgs- 


')  Die  unliebsamen  Eindrücke,  welche  mau  bei  der  Lektüre  der  bekannten 
Polemiken  über  die  Karsthydrographie  empfindet,  werden  erfreulicherweise  aufge- 
wogen durch  den  drolligen  Eindruck,  den  es  macht,  hier  Gelehrte,  von  denen 
keiner  ein  Physiker  ist,  sich  gegenseitig  Unkenntnis  hydropbysikalischer  Grund- 
lehren vorwerfen  zu  sehen. 


r9J  Qiiellengeologie  von  Mittcldalmatien.  163 

vorläge  stoßen  und  hinter  derselben  zu  den  Ausfallspforten  der 
Hauptstränge  hin  abgelenkt  werden.  Die  durch  je  eine  dieser  Pforten 
sich  entwässernden  Adergeflechte  stehen  aber  wohl  nicht  miteinander 
im  Zusammenhange.  Von  mir  erhobene  thermometrische  Befunde 
weisen  mit  Bestimmtheit  darauf  hin,  daß  auch  im  Innern  von  Kalk- 
gebirgen, in  denen  keine  unterirdischen  Scheiderücken  von  Dolomit 
oder  Schiefer  anzunehmen  sind,  eine  Trennung  benachbarter  Kluft- 
wassernetze Platz  greifen  kann. 

Als  zusammenwirkende  Ursachen  einer  solchen  Trennung  wären 
in  Betracht  zu  ziehen :  die  schon  erwähnte,  innerhalb  gewisser  räum- 
licher Grenzen  gelegentlich  vorkommende  Kluftlosigkeit  des  Kalkes, 
dann  eine  völlige  Verstopfung  vorhandener  enger  Spalten  mit  Höhlen- 
lehm und  besonders  der  von  Stille  geltend  gemachte  Umstand,  daß 
auch  zerklüftete  und  mit  Wasser  durchtränkte  Gesteinspartien  die 
Rolle  eines  vollkommen  undurchlässigen  Gesteines  übernehmen  können, 
wenn  ein  sehr  hoher  Reibungswiderstand  die  Bewegung  des  Wassers 
in  denselben  aufhebt. 

Was  die  vertikale  Verteilung  der  Karstquellen  betrifft,  so  zeigt 
sich  in  unserem  Gebiete  eine  sehr  ausgesprochene  Neigung  dieser 
Quellen  am  Fuße  der  Gebirge  auszubrechen.  Sie  entspringen  aber 
nicht  immer  an  den  jeweilig  tiefsten  Stellen  der  Tal-  und  Poljen- 
ränder. Zuweilen  ist  zwischen  benachbarten  Quellen  ein  nicht  unbe- 
deutender Höhenunterschied  vorhanden ;  und  in  seltenen  Fällen  kommt 
es  vor,  daß  —  was  gleichfalls  sehr  gegen  einen  Zusammenhang  be- 
nachbarter Kluftnetze  spricht  —  die  höher  gelegene  Quelle  noch 
fließt,  wenn  die  am  Gebirgsfuße  austretende  schon  versiegt  ist.  Solche 
Befunde  als  „Ausnahmen"  von  der  Regel  zu  bezeichnen,  wäre  völlig 
unstatthaft.  Sie  bilden  für  die  Umstände,  unter  denen  sie  auftreten, 
gewiß  das  streng  gesetzmäßige  und  normale. 

Aber  auch  die  vergleichsweise  höchstgelegenen  Karstquellen 
befinden  sich  noch  in  der  Nähe  der  Talsohlen  oder  Küsten  und  diese 
Lage  weist  darauf  hin,  daß  dort  die  Abwärtsbewegung  der  einge- 
drungenen Niederschläge  rasch  sehr  erschwert  wird.  Nichts  spricht 
in  unserem  Gebiete  zugunsten  der  Annahme,  daß  von  den  Hoch- 
flächen der  Planinen  bis  hinab  zu  den  zum  Teil  tief  unter  dem 
Meeresspiegel  gelegenen  Schieferunterlagen  des  tiefen  Karstes  gleich- 
artige Zirkulationsbedingungen  herrschen.  Man  gewinnt  vielmehr  den 
Eindruck,  daß  die  Kluftnetze  der  Karstberge  bis  zu  einem  zeitlich 
und  örtlich  schwankenden,  sich  aber  in  der  Nähe  eines  benachbarten 
Meeres-  oder  Flußspiegels  haltenden  Niveau  hinab  nur  zum  Teil  und 
zeitweise  ein  relativ  rasch  und  vorzugsweise  nach  der  Tiefe  wan- 
derndes Wasser  führen,  von  dort  abwärts  aber  durchwegs  und 
dauernd  mit  relativ  langsam  und  nach  verschiedenen  Richtungen 
(auch  nach  aufwärts)  sich  bewegendem  Wasser  erfüllt  sind. 

B.  Schichtquellen.  Die  Formationsentwicklung  in  Dalmatien 
bedingt  eine  große  Anzahl  von  Kontakten  verschieden  durchlässiger 
Gesteine.  Es  handelt  sich  hier  entweder  um  das  Aneinandergrenzen 
zweier  petrographisch  abweichender  geologischer  Horizonte  oder  um 
Einlagerung   von  Kalkzügen   in  vorwiegend  undurchlässigen  Schichten 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  1.  Heft.  (F.  v.  Kerner).       21 


154  r)r.  Fritz  v.  Kerner.  [10] 

oder  um  Einschaltung  von  undurchlässigen  Zwischenlagen  in  vor- 
wiegend kalkigen  Horizonten.  Dementsprechend  liegt  entweder  eine 
einmalige  Berührung  ungleich  durchlässiger  Gesteine  oder  eine  mehr- 
malige Wiederholung  derselben  Art  von  Gesteinskontakt  vor.  Die 
Gesamtmenge  der  Quellwässer  wird  unter  sonst  gleichen  Umständen 
im  zweiten  der  vorgenannten  drei  Fälle  viel  kleiner  als  im  dritten 
Falle  sein.  Der  Unterschied  in  der  hydrologischen  Beschaffenheit 
zweier  aufeinander  folgender  Schichten  kann  sehr  verschieden  groß 
sein.  Zwischen  Fällen,  in  denen  man  kurzweg  vom  Kontakte  eines 
Wasser  durchlassenden  mit  einem  undurchlässigen  Gesteine  sprechen 
kann  und  solchen  Fällen,  wo  nur  ein  geringes  Mehr  oder  Weniger 
an  Durchlässigkeit  vorliegt,  gibt  es  viele  Uebergänge.  Der  Wasser- 
reichtum einer  Quelle  ist  aber  unter  sonst  ähnlichen  Verhältnissen 
der  Größe  des  eben  genannten  Unterschiedes  nicht  proportional. 
Manchmal  tritt  eine  Quelle,  die  man  für  eine  Schichtquelle  halten 
möchte,  an  einem  Orte  aus,  wo  sich  die  Liegend-  und  Hangendschichten 
in  petrographischer  Beziehung  anscheinend  nur  wenig  unterscheiden ; 
anderseits  kann  man  sich  an  der  Grenze  eines  stark  zerklüfteten 
und  eines  sehr  undurchlässigen  Gesteines,  obschon  auch  die  Lagerungs- 
verhältnisse einer  Quellbildung  günstig  wären,  in  Erwartung  eines 
reichlichen  Wasserausflusses  getäuscht  sehen.  Es  gibt  dies  einen 
Fingerzeig  dafür,  wie  wenig  zutreffend  es  wäre,  sich  über  die  Bildung 
von  Schichtquellen  allzu  schematische  Vorstellungen  zu  machen.  Die 
Berührung  von  Gesteinsschichten  verschiedener  Durchlässigkeit  schafft 
zunächst  nur  günsti'ge  Vorbedingungen  für  das  Auftreten  von  Quellen. 
Als  unmittelbaren  Anlaß  für  die  Quellbildung  wird  man  stets  einen 
Ueberschuß  der  unterirdischen  Wasserzufuhr  über  die  unterirdische 
Wasserabfuhr  ansehen  müssen.  Gleichwie  Schichtquellen  in  der 
trockenen  Jahreszeit  versiegen,  weil  nun  die  unterirdischen  Abzugs- 
wege für  die  Aufnahme  der  verminderten  Zusickerungen  ausreichen, 
kann  es  auch  sein,  daß  an  einer  Grenze  zwischen  Kalk-  und  Ton- 
oder Mergelschiefer  überhaupt  keine  Quellbildung  eintritt.  Ander- 
seits können  bei  großem  Mißverhältnisse  zwischen  den  unterirdischen 
Abflußmöglichkeiten  und  der  Menge  der  Zuflüsse  auch  im  Hangenden 
teilweise  durchlässiger  Schichten  Wasseraustritte  erfolgen. 

Von  in  der  Formationsentwicklung  begründeten  Kontakten  durch- 
lässiger und  undurchlässiger,  beziehungsweise  schwer  durchlässiger 
Gesteine  kommen  in  Mitteldalmatien  folgende  in  Betracht: 

a)  Schichtgrenzen. 

1.  Auflagerung  der  kalkigen  oberen  Werfener  Schichten  auf  den 
Tonschiefern  der  unteren  Werfener  Schichten. 

2.  Auflagerung  der  kalkigen  oberen  Duvinaschichten  auf  den 
Schiefertonen  der  unteren  Duvinaschichten. 

3.  Auflagerung  der  klüftigen  Mergelkalke  eines  Teiles  der 
höheren  Neogenhorizonte  auf  den  Mergelkalken  der  mittleren  Hori- 
zonte dieser  P'ormation. 

4.  Auflagerung  der  jung-  oder  postpliocänen  Schotter  auf  den 
Kongerienschichten. 


[llj  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  155 

b)  Durchlässige  Zwischen  lagen  in  undurchlässigen 
Schichten. 

1.  Einschaltung  von  Kalk-  und  Sandsteinbänken  in  den  Ton- 
schiefern der  unteren  Werfener  Schichten. 

2.  Einschaltung  von  Bänken  von  Knollenkalk  in  den  Schiefer- 
tonen der  unteren  Duvinaschichten. 

3.  Einschaltung  von  Breccienkalken,  Kalksandsteinen  und  Platten- 
kalken in  den  Mergeln  der  Fljschformation. 

c)  Undurchlässige  Zwischenlagen  in  durchlässigen 
Schichten. 

1,  Einschaltung  von  Schiefertonlagen  in  den  kalkigen  oberen 
Werfener  Schichten. 

2.  Einschaltung  von  Mergellagen  in  den  Konglomeraten  und 
Breccien  der  Prominaschichten. 

4.  Einschaltung  von  Mergellagen  in  den  postpliocänen  Konglo- 
meraten und  Schottern. 

Von  den  unter  a)  aufgezählten  vier  Schichtgrenzen  ist  nur  die 
letztgenannte  unter  Mitwirkung  günstiger  tektonischer  Bedingungen 
ein  wichtiger  Quellenhorizont.  Die  Grenze  zwischen  den  unteren  und 
oberen  Werfener  Schichten  hat  für  die  Quellbildung  eine  viel  ge- 
ringere Bedeutung  als  man  erwarten  könnte.  Es  kommt  dies  daher, 
daß  wegen  wiederholter  Einschaltung  von  Schiefertonlagen  in  den 
oberen  kalkigen  Schiefern  nur  die  unterste  Zone  dieser  letzteren  als 
Sammelgebiet  für  an  der  Oberkante  der  unteren  Schiefer  austretende 
Wässer  in  Betracht  kommt.  Die  Grenze  zwischen  den  unteren  und 
oberen  Duvinaschichten  ist  wegen  der  morphologischen  Verhältnisse, 
unter  denen  ihre  Ausstriche  erfolgen,  zur  Erzeugung  bemerkenswerter 
Quellen  nicht  geeignet.  Bei  «)  3  handelt  es  sich  um  die  Berührung 
zweier  hydrologisch  wenig  verschieden  zu  bewertender  Gesteine.  Die 
durchlässigen  Einlagen  in  den  Triasschiefern  haben  wegen  ihrer  ge- 
ringen Mächtigkeit  für  die  Quellbildung  nur  untergeordnete  Bedeu- 
tung. Die  Kalkzüge  im  Flysch  sind  dagegen  in  dieser  Hinsicht  von 
größerer  Wichtigkeit.  Von  den  sub  c)  genannten  Fällen  spielen  be- 
sonders die  zwei  erstgenannten  als  Erzeuger  von  bemerkenswerten 
Quellen  eine  Rolle. 

Die  Schichtgrenzen  zwischen  den  triadischeu,  jurassischen  und 
kretazischen  Dolomiten  und  den  sie  überlagernden  Kalken  ^sind  da- 
gegen auch  unter  günstigen  morphologischen  und  tektonischen  Bedin- 
gungen keine  Quellenhorizonte.  Es  weist  dies  darauf  hin,  daß  den 
Grenzflächen  zwischen  Kalk  und  Dolomiten  nicht  jene  hydrologische 
Bedeutung  zukommt  wie  den  Kontakten  zwischen  Kalk  und  Ton- 
schiefer und  zwischen  Kalk  und  Mergel. 

C.  Isolithische  Quellen.  Für  die  unter  diesem  Namen  zu- 
sammengefaßten Quellen  ergeben  sich  Vergleichspunkte  mit  den 
Karst-  und  Schichtquellen  und  mit  den  noch  zu  erwähnenden  Schutt- 
quellen;  es  sind   aber  doch   der  Unterschiede  genug,    um   ihre  Ab- 

21* 


156  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [t2] 

trennung  von  den  genannten  Kategorien  von  Quellen  gerechtfertigt 
erscheinen  zu  lassen.  Es  handelt  sich  hier  zunächst  um  die  Quellen 
in  Dolomitgebieten,  welche  der  Auflagerung  von  durch  mechanische 
Verwitterung  verändertem  Gestein  auf  frischem  Dolomit  anscheinend 
ihre  Bildung  verdanken  und  um  die  seltenen  Fälle,  in  welchen  es  an 
Schichtfugen  in  Kalkgebieten  zum  Austritt  schwacher  Quellen  kommt, 
wenn  einzelne  Gesteinslagen  in  größerem  Ausmaße  eines  wegsamen 
Kluftnetzes  entbehren.  Mit  den  Karstquellen  haben  diese  letzteren 
Vorkommen  die  Eigenschaft  gemein,  daß  sie  innerhalb  desselben  Ge- 
steines zur  Entwicklung  kommen  und  nicht  wie  die  Schichtquellen 
den  Kontakt  zweier  verschiedener  Gesteine  zur  Voraussetzung  haben. 
Mit  den  Schichtquellen  zeigen  sie  aber  insofern  Verwandtschaft,  als 
sie  in  ihrem  Auftreten  an  Schichtflächen  geknüpft  sind,  während  die 
Karstquellen  aus  Klüften  kommen,  die  mehr  oder  weniger  unabhängig 
von  der  Lagerungsform  das  Kalkgebirge  durchsetzen.  Die  Dolomit- 
quellen erweisen  sich,  da  die  Grenzfläche  zwischen  mechanisch  ver- 
wittertem und  frischem  Gestein  einen  der  Geländeoberfläche  ähn- 
lichen Verlauf  hat,  nur  dann  als  solche  den  Schichtquellen  analoge 
Bildungen,  wenn  die  Geländeformen  eine  ungefähre  Wiederholung  der 
tektonischen  Formelemente  sind.  Sonst  stellen  sie  von  der  Schichtung 
unabhängige  Erscheinungen  dar,  ähnlich  jenen  Quellen,  die  in  Massen- 
und  Eruptivgesteinen  durch  Umhüllung  frischer  Kerne  mit  Verwit- 
terungsmänteln zur  Entwicklung  kommen. 

Falls  die  Durchsetzung  der  Dolomitfelsen  mit  Sprüngen  und 
Rissen  zu  einer  Lockerung  und  Zertrümmerung  des  Gesteines  führt, 
leiten  die  Dolomitquellen  zu  solchen  Schuttgrundquellen  über,  welche 
unter  eluvialem  Schutte  entstehen.  Wenn  sich  der  Uebergang  des 
frischen  in  den  mechanisch  verwitterten  Dolomit  nicht  rasch,  sondern 
allmälich  vollzieht,  so  schränkt  dies  die  Vergleichbarkeit  der  Dolomit- 
quellen mit  Quellen  unter  Eluvialschutt  —  und  im  früher  erwähnten 
P'alle  auch  mit  Schichtquellen  —  nur  wenig  ein,  da  ja  der  Uebergang 
von  Gestein  in  eluvialen  Schutt  auch  oft  nur  schrittweise  erfolgt  und 
Schichtquellen  auch  dann  entstehen  können,  wenn  in  einer  Schicht- 
masse die  Durchlässigkeit  nach  oben  hin  nur  allmälich  zunimmt. 

Die  Deutung  der  sehr  seltenen  an  Schichtfugen  schwach  ge- 
neigter Kalke  und  Kalkbreccien  austretenden  Quellwässer  als  Quellen 
von  ähnlicher  Entstehungsart  wie  die  Schichtquellen  stützt  sich  auf 
das  schon  erwähnte  gelegentliche  Vorkommen  größerer  kluftloser 
Felsschichtflächen  in  verkarsteten  Geländen.  Damit  es  hier  zu  einer 
wenn  auch  nur  schwachen  Quellbildung  komme,  ist  das  Zusammen- 
treffen besonders  günstiger  Umstände  erforderlich.  Die  unzerklüfteten 
Gesteinspartien  müssen  möglichst  umfangreich  sein  und  sie  müssen, 
da  diesbezüglich  die  Grenzen  doch  ziemlich  eng  gesteckt  sein  dürften, 
derart  verteilt  sein,  daß  sich  die  Wirkung  mehrerer  derselben  summieren 
kann.  Letzteres  wäre  in  vollkommenster  Weise  dann  erreicht,  wenn 
bei  sanfter  Schichtneigung  vom  Gebirge  weg  die  nach  oben  folgenden 
Gesteinsbänke  sukzessive  weiter  im  Berginnern  einen  unzerklüftetne 
Teil  aufweisen  würden.  In  diesem  Falle  wäre  dann  das  Ergebnis  in 
Hinsicht  der  Quellbildung  so,  als  wenn  sich  ein  Streifen  undurch- 
lässigen Grundes    soweit  in  den  Berg   hinein   erstrecken    würde,    als 


[13]  Quellengeologie  von  Mitteldairnatien.  157 

der  iinzerklüftete  Teil  der  obersten  Gesteinsbank  vom  Ausgehen- 
den der  untersten  entfernt  ist.  Wenn  dagegen  über  einer  am  Aus- 
gehenden kluftlosen  Kalkbank,  auf  deren  Oberfläche  der  Ausfluß  einer 
Quelle  statthaben  könnte,  noch  mehrere  auch  erst  weiter  im  Berginnern 
von  Klüften  durchsetzte  Bänke  folgen,  so  wird  ein  Teil  der  ein- 
gedrungenen Wässer  schon  an  höher  gelegenen  Stellen  des  Abhanges 
zutage  treten  und  es  wird  sich  die  Wassermenge,  die  in  ihrer 
Gesamtheit  ein  schwaches  Quellchen  speisen  könnte,  in  Rieselwässer 
zersplittern,  wie  man  sie  an  Hängen,  wo  schwach  geneigte  Kalke 
frei  ausstreichen,  nach  Regenwetter  trifft.  Damit  sich  die  für  eine 
kleine  Quelle  erforderliche  Wassermenge  sammeln  kann,  wird  aber 
die  obige  Art  der  Summation  von  Sickerwässern  mehrfach  und  von 
verschiedenen  Seiten  her  erfolgen  müssen,  was  schwach  muldenförmige 
Schichtlagen  voraussetzt.  Es  ist  klar,  daß  die  hier  angeführten  Be- 
dingungen nur  sehr  selten  erfüllt  sein  werden,  daher  die  große 
Seltenheit  solcher  Quellchen. 

D.  Verwerfungsquellen.  Es  ist  kaum  zu  zweifeln,  daß  der 
Verlauf  und  die  Verteilung  der  Klüfte  in  den  Kalkgebirgen  oft  mit 
Störungen  in  Beziehung  stehen,  daß  viele  Klüfte  kleinen  Längs-  und 
Querverwerfungen  folgen  und  daß  Bruch-  und  Verschiebungszonen 
sowie  Mulden-  und  Sattelkerne  stärker  zerklüftet  sind  als  regelmäßig 
gelagerte  Kalkschichten.  In  manchen  Fällen  lassen  sich  solche  Be- 
ziehungen klar  erkennen,  so  zeigen  im  obersten  Cetinatale  die  Um- 
gebungen der  mittleren  Vukovic-Quelle  und  der  Radoninoquelle,  beides 
Kreidekalkgebiete,  eine  Zerstückelung  in  kleine  Schollen.  Gewöhnlich 
ist  es  aber  trotz  weitgehender  Aufgeschlossenheit  schwer,  im  Bereiche 
mesozoischer  Karstkalke  Verwerfungen  festzustellen.  Ihre  Erkennung 
auf  petrographischer  oder  paläontologischer  Grundlage  schließt  sich 
meist  aus  und  ihr  Nachweis  aus  dem  Wechsel  der  Fallrichtungen  und 
Winkel  ist  oft  durch  Mangel  an  deutlicher  Schichtung  und  durch 
Unkenntlichwerden  derselben  infolge  starker  Zerschrattuug  sehr 
behindert.  Daß  aber  auch  die  eintönigen  Rudistenkalkgebiete  von 
vielen  kleinen  Verwerfungen  durchsetzt  sein  mögen,  darf  man  daraus 
schließen,  daß  derartige  Störungen  in  solchen  Schichten  öfter  an- 
getroffen werden,  in  deren  Bereich  der  Erkennung  von  tektonischen 
Unregelmäßigkeiten  keine  Hemmnisse  entgegenstehen.  Die  bloße  Ver- 
mutung einer  tektonischen  Anlage  der  in  ihrer  heutigen  Gestalt  zu- 
nächst als  Ergebnisse  der  chemischen  Gesteinsauflösung  erscheinenden 
Kluftwasserwege  berechtigt  aber  wohl  noch  nicht,  die  Karstquellen 
kurzerhand  als  Verwerfungsquellen  zu  bezeichnen.  Es  verbleiben  dann 
in  der  Gruppe  dieser  letzteren  nur  jene  Spaltquellen,  welche  an 
einen  tektonischen  Kontakt  verschiedener  Gesteine  geknüpft  sind  und 
die  Karstquellen  verhalten  sich  dann  —  insoweit  sie  tektonische 
Spaltquellen  innerhalb  desselben  Gesteines  sind  —  zu  den  Ver- 
werfungsquellen wie  die  Quellen  aus  Schichtfugen  im  Kalkgebirge  zu 
den  Schichtquellen.  Es  versteht  sich  aber  von  selbst,  daß  auch  die 
Adern  dieser  letzten  beiden  Arten  von  Quellen  zu  mehr  oder  minder 
großem  Teile  nicht  in  Schichtfugengerinnen,  sondern  in  Kluftgerinnen 
verlaufen. 


158  Rr.  Fritz  v.  Kerner.  [14] 

Während  stratigraphische  Kontakte  verschieden  durchlässiger 
Gesteine  häufig  sind,  ist  die  Zahl  der  zu  Quellbildung  führenden 
teutonischen  Gesteinskontakte  eine  verhältnismäßig  geringe.  Es  kommen 
hier  in  Betracht: 

1.  Durch  Verwerfung  bedingter  Kontakt  von  unterem  Werfener 
Schiefer  mit  Triasdolomit. 

2.  Durch  steile  Aufschiebung  bedingter  Kontakt  von  unterem 
Werfener  Schiefer    mit  Rudistenkalk  und  mit   eocänen   Kalkbreccien. 

3.  Durch  Verwerüing  bedingter  Kontakt  von  Kreidedolomit  mit 
Rudistenkalk. 

4.  Durch  mehr  oder  minder  flache  Ueberschiebung  bedingter 
Kontakt  von  eocänen  Knollenmergeln  und  Flyschmergeln  mit  Rudisten- 
kalk und  eocänen  Kalken. 

5.  Durch  diskordante  Auflagerung,  zum  Teil  auch  durch  Ver- 
werfungen bedingter  Kontakt  von  neogenen  Schichten  mit  mesozoischen 
Kalken. 

Da  die  Mehrzahl  der  hier  aufgeführten  Arten  von  Störungen 
nur  wenig  verbreitet  sind  und  die  am  häufigsten  vorkommende,  die 
Ueberschiebung  von  Kreidekalk  auf  eocäne  Mergel  nur  höchst  selten 
zur  Quellbildung  führt,  stehen  die  an  Störungen  geknüpften  Quellen 
in  unserem  Gebiete  auch  hinsichtlich  ihrer  Anzahl  den  Schichtquellen 
sehr  nach.  Es  befinden  sich  unter  ihnen  aber  einige  von  bemerkens- 
werter Stärke. 

E.  Schutt  quellen.  Eine  scharfe  Trennung  zwischen  Quellen, 
welche  der  Auflagerung  von  ursprünglichem  und  von  umgeschwemmtem 
Schutte  auf  undurchlässigem  Grunde  ihre  Entstehung  verdanken,  läßt 
sich  nicht  durchführen,  da  ja  diese  beiden  Arten  von  Schutt  selbst 
nicht  streng  auseinanderzuhalten  sind.  Denn  auch  die  Gesteinsstücke 
einer  Schutthalde  sind  oft  nicht  mehr  an  jener  Stelle,  wohin  sie  bei 
dem  Abbruche  von  der  die  Halde  überragenden  Felswand  fielen  und 
schon  durch  Wasserwirkung  in  ein  tieferes  Niveau  gebracht.  Als 
Gebirgsschutt  liefernde  Gesteine  kommen  in  Dalmatien  hauptsächlich 
Kalk  und  Dolomit  in  Betracht.  Bei  der  großen  Durchlässigkeit  des 
Schuttes  dieser  Gesteine  kommt  es  dort,  wo  er  undurchlässigen  Boden 
bedeckt,  vorwiegend  zur  Entstehung  von  Schuttgrundquellen.  Die  um- 
geschwemmten Schuttmassen  enthalten  auch  viele  lehrnige  Bei- 
mengungen und  hier  treten  auch  reine  Schuttquellen  auf.  Unter  sonst 
gleichen  Umständen  sind  die  Wasseraustritte  aus  solchem  umgelagerten 
Schutte  schwächer,  aber  nachhaltiger  als  jene  aus  Schutthalden,  da- 
durch mitveranlaßt,  daß  die  in  den  aufgezählten  Fällen  den  Unter- 
grund des  Schuttes  bildenden  verschiedenen  Schichten  zum  Teil  von 
etwas  durchlässigen  Zwischenlagen  durchzogen  und  öfter  steil  gestellt 
sind.  Es  muß  dies  Wasserverluste  nach  der  Tiefe  zu  bedingen. 

Der  Austritt  von  Quellwässern  aus  umgelagertem  Schutte  findet 
auch  unter  verschiedenen  geologischen  Verhältnissen  statt.  Er  geschieht 
zunächst  dort,  wo  ueogene  Kalkmergel  von  quartären  Schutt-  und 
Blockmassen  überdeckt  sind  und  durch  nachträgliche  Erosion  in  eine 
solche  Schichtfolge  kleine  Täler  eingeschnitten  wurden.     Hier  bilden 


[15]  Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien.  159 

die  als  Wassersammler  wirkenden  Schuttmassen  nicht  wie  in  den 
vorigen  Fällen,  einen  Saum  unter  einer  das  Gehänge  krönenden  Fels- 
wand, sondern  selbst  die  höchsten  Teile  des  Gehänges.  Gelegenheit 
zur  Auflagerung  von  Gehängeschutt  auf  undurchlässigem  Boden  ist 
besonders  da  gegeben,  wo  ein  aus  Tonschiefer  oder  Mergel  beste- 
hendes Gelände  von  Steilhängen  klüftigen  Kalkes  überragt  wird.  Diese 
Lagebeziehung  tritt  in  folgenden  Fällen  auf: 

1.  Bei  steilen  Anschiebungen  von  unteren  Werfener  Schiefern  an 
Rudistenkalk  und  eocäne  Kalkbreccien. 

2.  Bei  Ueberschiebungen  von  Rudistenkalk  über  eocäne  Mergel, 
besonders  über  Flyschmergel. 

3.  Bei  Anpressungen  eocäner  Mergel  an  steile  Faltensättel  aus 
Rudistenkalk  imd  aus  eocänen  Breccienkalken. 

4.  Bei  diskordanter  Anlagerung  neogener  Mergelkalke  an 
Rudistenkalk. 

Die  meist  nur  schwachen  Quellchen  treten  in  den  eben  auf- 
gezählten Fällen  nicht  am  Fuße  der  Schutthänge,  sondern  in  engen 
in  dieselben  bis  nahe  auf  die  Schuttunterlage  eingefurchten  Runsten 
aus.  Die  Spärlichkeit  der  Wasserführung  ist  wohl  durch  die  meist 
nicht  große  Mächtigkeit  der  als  Wassersammler  wirkenden  Schuttlagen 
bedingt.  Im  Cetinagebiete  liegt  über  untertriadischem  Grundgebirge 
eine  ungeschichtete  altquartäre  Schuttablagerung,  welche  die  Hohl- 
formen des  Gebirgsreliefs  ausfüllt  und  selbst  von  vielen  tiefen  Erosions- 
schluchten zerschnitten  ist,  so  daß  triadische  Gesteine  sowohl  oben 
auf  der  Decke  als  auch  unten  in  den  Schluchten  manchenorts  zutage 
kommen.  Hier  trifft  man,  wo  Tonschiefer  der  Werfener  Schichten 
die  Basis  der  Schuttmassen  bilden,  im  Grunde  der  erwähnten  Schluchten 
schwache  Quellchen.  Manche  der  im  Werfener  Schiefer  vorhandenen 
Einrisse  sind  aber  für  gewöhnlich  trocken,  weil  dort  der  Schiefer  bis 
an  den  Ursprung  der  Wasserrisse  hinaufreicht. 

Außerdem  gibt  es  Schuttquellen,  weiche  in  der  Mitte  oder  im 
unteren  Teile  flacher  sich  nach  einer  Seite  öffnender  Talmulden  aus- 
treten. Den  Untergrund  dieser  Mulden  bilden  undurchlässige  Schichten. 
Die  Umrahmung  besteht  zum  Teil  aus  Kalken  oder  sich  diesen  ähn- 
lich verhaltenden  Kalkmergeln.  Die  Ausfüllung  der  Mulden  ist  ein 
Gemenge  von  Verwitterungslehm  des  Grundes  mit  von  den  Rändern 
her  eingeschwemmtem  Schutte. 

F,  Grund wasser quellen.  Sie  sind  zum  Teil  an  die  Alluvien 
der  Flußläufe  des  Landinnern  und  der  kleinen  Küstenflüsse  geknüpft, 
zum  Teil  an  das  Vorkommen  von  Strandgeröllen  gebunden.  Viele  der 
den  angeführten  Gruppen  zugehörigen  Quellen  sind  nur  schwach  und 
nur  in  der  nassen  Jahreszeit  fließend.  Es  läge  aber  kein  Grund  vor, 
sie  hier  von  der  Erörterung  auszuschließen.  In  geologischer  Hinsicht 
hat  es  Interesse,  alle  in  einem  Gebiete  vorkommenden  Fälle  von 
Quellbildung  festzustellen  und  zu  beschreiben.  Was  aber  die  praktische 
Bedeutung  der  Quellen  betrifft,  so  wäre  es  wohl  zu  weit  gegangen, 
dieselbe  erst  mit  der  Verwertbarkeit  zur  Wasserversorgung  einer 
Siedlung  beginnen  zu  lassen.  Die  Fassung  eines  Quellchens  als  Tränk- 


160  l^''-  f''"'*'^  V.  Kerner.  [16] 

oder  Wegbrüiinlein  kann  auch  schon  als  Nutzbarmachung  gelten,  und 
wo  die  Inanspruchnahme  eines  solchen  Brünnleins  eine  geringe  ist, 
aber  auch  großer  Wassermangel  herrscht,  wie  dies  gerade  in  spärlich 
bewohnten  Karstgegenden  zusammentrifft,  kann  auch  ein  schwaches 
Quellchen  dem  weiteren  Begriffe  eines  praktisch  bedeutsamen  gerecht 
werden.  Daß  diesbezüglich  in  Karstgebieten  eine  bescheidene  Be- 
urteilung in  der  Tat  Platz  greift,  zeigt  sich  daran,  daß  hier  des  öfteren 
auch  schwache  Austritte  von  Qiiellwasser,  an  denen  man  anderwärts 
achtungslos  vorüberginge,  in  roh  gemauerte  Brunnstübchen  gefaßt  und 
mit  besonderen  Namen  belegt  sind. 

Stnikturformen  der  Quellen. 

Für  die  Quellen,  bei  deren  Bildung  Unterschiede  in  der  Durch- 
lässigkeit der  Böden  und  Gesteine  eine  wichtige  Rolle  spielen,  ergibt 
sich  eine  Einteilung  nach  der  Lage  und  Gestalt  der  Grenzfläche 
zwischen  den  verschiedenen  Durchlässigkeitsgraden.  Eine  solche  Ein- 
teilung ist  umfassender  als  die  tektonische  Gruppierung  der  Schicht- 
quellen, denn  das  bei  jener  Gruppierung  zum  Beispiel  für  eine  ab- 
steigende Schichtquelle  Bezeichnende,  eine  Neigung  der  undurch- 
lässigen Unterlage  gegen  außen  hin,  kann  auch  bei  einer  an  eine 
Schubfläche  geknüpften  Quelle,  bei  einer  Quelle  aus  verwittertem 
über  frischem  Gestein  und  bei  einer  Schuttgrundquelle  vorhanden 
sein.  Allerdings  handelt  es  sich  in  den  eben  aufgezählten  Fällen 
um  sehr  verschieden  zu  bewertende  Arten  der  Auflagerung  durch- 
lässiger auf  undurchlässige  Bodenschichten  und  insofern  wird  die 
obige  Einteilung  eine  künstliche:  sie  ermöglicht  es  aber,  alle 
Quellen  mit  Ausnahme  der  Karstquellen  unter  einem  formalen  Gesichts- 
punkte vergleichend  zu  betrachten.  Die  Mannigfaltigkeit  der  tektonischen 
Erscheinungen  in  unserem  Gebiete  und  die  Klarheit,  mit  welcher  sie 
bei  weitgehender  Aufgeschlossenheit  oft  zu  erkennen  sind,  bringt  es 
mit  sich,  daß  eine  Betrachtung  der  Quellen  in  bezug  auf  die  Grund- 
züge ihrer  Bauart  eine  große  Fülle  von  Quellformen  ergibt. 

A.  Absteigende  Quellen.  Absteigende  Schichtquellen  spielen 
keine  große  Rolle.  Das  Vorherrschen  von  Falten  und  Schuppen  im 
Gebirgsbaue  in  Verbindung  mit  dem  Vorwiegen  sanfterer  Gelände- 
formen bringt  es  mit  sich,  daß  ein  freier  Ausstrich  exoklitier  Schichten 
verhältnismäßig  selten  vorkommt.  Treppenförmige  Gehänge  sind  zwar 
keine  Seltenheit,  doch  werden  diese  öfter  aus  sanft  bergwärts  fallen- 
den Bänken  aufgebaut.  Die  Neogenschichten  erscheinen  wohl  oft  flach 
talwärts  geneigt,  doch  sind  in  ihnen  die  Durchlässigkeitsverhältnisse 
zur  Bildung  von  Schichtquellen  wenig  günstig.  Wo  sie  von  postplio- 
cänen  Schottern  überdeckt  sind,  entwickeln  sich  Schichtquellen  mit 
nahezu  söhliger  Lage  des  Wasserträgers.  Im  Bereiche  des  gefalteten 
Gebirges  kommt  es  nur  auf  der  Nordostseite  des  Mosor  zu  regionalem 
Auftreten  von  exokliner  Lagerung  und  zur  Bildung  kleiner  Quellen 
über  abschüssigen  Schichtflächen.  Im  Bereiche  der  aus  Kalk-  und 
Mergellagen  aufgebauten  stark  gefalteten  eocänen  Schichtfolgen  zeigen 
sich  als  seltene    Erscheinungen    absteigende  Quellen,    bei    denen    der 


[17]  Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien.  161 

Wasserträger  eine  mit  ihrer  Achse  schwach  geneigte  Synklinale  formt. 
Auch  hemizentroklinale  Lagerung  kann  derselbe  zeigen. 

An  Störungen  gebundene  absteigende  Quellen  können  in  einer 
Schuppenregion,  wo  die  Abtragung  nirgends  zur  Herausarbeitung  von 
Ueberschiebungszeugen  geführt  hat,  nur  dort  auftreten,  wo  Schub- 
dilchen  von  geringer  Neigung  in  Fenstern  bloßgelegt  sind.  Es  kommt 
in  unserem  Gebiete  ein  solcher  Fall  bei  einer  Ueberschiebung  von 
Rudistenkalk  auf  Flyschmergel  zur  Beobachtung.  Von  den  Schutt- 
grundquellen ist  wohl  der  größte  Teil  zu  den  absteigenden  Quellen 
gehörig. 

B.  Ueberfallquellen.  Ueberfallende  Schichtquellen  finden 
sich  in  größerer  Zahl  vor.  Sie  erscheinen  teils  an  den  Stirnrändern 
von  Ueberschiebungen,  teils  an  den  Flanken  von  Schichtmulden.  Die 
Ueberfallquellen  in  Gebieten  mit  Schuppenbau  treten  entweder  im 
hangenden  oder  im  liegenden  Flügel  der  Ueberschiebung  aus.  Der 
erstere  Fall  kommt  im  triadischen  Hangendflügel  der  Mucer  Störung 
zur  Entwicklung,  wo  im  Bereich  der  oberen  Werfener  Schiefer  typische 
Ueberfallquellen  entspringen.  Der  letztere  Fall  zeigt  sich  durch 
Quellbildungen  vertreten,  die  in  den  von  Kreidekalken  überschobenen 
Flyschschichten  der  Küstenzone  entspringen.  An  Muldenrändern  zu- 
tage tretende  Quellen  kommen  im  Gebiete  der  Flyschformation  und 
der  Prominaschichten  vor,  wo  der  reiche  Faltenwurf  der  aus  Kalk- 
und  Mergellagen  sich  aufbauenden  Gesteinsfolgen  günstige  Bedingungen 
für  die  Bildung  solcher  Quellen  schafft. 

In  der  Mehrzahl  der  Fälle  ruht  hier  die  wasserführende  Schicht 
einer  schiefen  Ebene  auf  und  ist  das  Sammelgebiet  der  Quelle  nicht 
näher  zu  umgrenzen.  Es  kommen  aber  auch  überfallende  Schichtquellen 
mit  hemizentroklinaler  Lagerung  des  Wasserträgers  vor,  bei  denen 
das  Sammelgebiet  seitlich  begrenzbar  ist  und  nur  hinsichtlich  seiner 
Erstreckung  nach  rückwärts  mehr  oder  minder  unbestimmt  bleibt.  In 
unserem  Gebiete  ist  diese  seltenere  Quellform  durch  zwei  bemerkens- 
werte Quellen  vertreten.  Die  eine  entspringt  am  Scheitel  einer 
Knickung  der  Schichtmassen  im  Streichen;  das  Wasser  fließt  hier  wie 
über  die  Spitze  des  Schnabels  einer  Kanne  aus.  Die  andere  tritt  am 
schwächer  geneigten  Flügel  einer  sich  schließenden  asymmetrischen 
Mulde  hervor;  hier  ist  es,  wie  wenn  Wasser  über  den  Rand  einer  nach 
der  Seite  geneigten  ovalen  Schüssel  überfließt. 

Die  Bedingungen  für  das  Auftreten  von  an  Störungen  geknüpften 
Ueberfallquellen  erscheinen  wiederholt  gegeben,  da  Ueberschiebungen 
von  Kalk  auf  Mergel  mit  frei  ausstreichenden  Schubflächen  in  der 
Tektonik  unseres  Gebietes  eine  wichtige  Rolle  spielen.  Die  Schnittlinien 
dieser  Flächen  mit  den  Gehängen  sind  aber  weder  bei  den  Ueber- 
schiebungen des  kretazischen  Hornsteinkalkes  und  Rudistenkalkes  auf 
Knollenmergel  noch  bei  jenen  der  oberen  Kreidekalke  auf  Flyschmergel 
ein  Quellenhorizont.  Nur  ein  Quellchen  tritt  am  Ausstriche  einer 
solchen  Schubfläche  hervor,  aber  gerade  dort  handelt  es  sich  um  einen 
besonderen  tektonischen  Fall,  insofern  die  Mergellage  nicht  dem  Unter- 
flügel einer  größeren  Ueberschiebung,  sondern  einem  zwischen  Kreide- 
schichten eingeklemmten  Schubfetzen  entspricht.  Nicht  selten  sind  die 

.Tahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  1    Heft.  (F.  v.  Kerner.)        22 


162  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [lg] 

Ausstriche  der  genannten  Schubflächen  mit  Schutt-  und  Trümmerhalden 
überdeckt,  die  von  den  schroffen  Felsstirnen  des  aufgeschobenen 
Kreidekalkes  stammen.  Bei  den  am  Fuße  solcher  Halden  austretenden 
schwachen  Wässern  lassen  sich  zuweilen  merkliche  Unterschiede  in  der 
Temperatur  und  Nachhaltigkeit  erkennen.  Es  wäre  möglich,  daß  da 
eine  geringere  Schwankung  der  Quellentemperatur  und  Wasserführung 
auf  einen  Zufluß  aus  den  Klüften  des  hinter  der  eocänen  Mergelbarre 
gelegenen  Kreidekalkes  hinweist  und  daß  eine  größere  Veränderlichkeit 
in  bezug  auf  Wärme  und  Wassermenge  ein  Quellchen  als  Schutt- 
grundquelle erkennen  läßt.  Eine  größere  Rolle  könnte  man  dem 
Wasserzufluß  über  die  schuttverhüllte  Oberkante  der  Mergel  aber 
keinesfalls  zusprechen,  da  auch  dort,  wo  die  Ueberschiebungslinien 
entblößt  sind,  an  denselben  keine  Quellen  entspringen.  Nach  der 
Karstwasserhypothese  müßte  man  da  wie  in  allen  jenen  Fällen,  in 
welchen  man  dort,  wo  man  Wasser  erwarten  würde,  und  keines  findet, 
annehmen,  daß  der  Karstwasserspiegel  dauernd  tiefer  als  der  Ausstrich 
der  Schubfläche  liege. 

Von  den  Schuttquellen  sind  vielleicht  manche  derjenigen,  welche 
am  Ausgehenden  von  Geländemulden  entspringen,  zu  den  Ueberfall- 
quellen  zu  zählen;  öfter  mögen  solche  Quellen  nur  durch  Querschnitts- 
verengerung  der   quartären  Ausfüllung  solcher  Mulden   bedingt   sein. 

C.  Stauquellen.  Das  im  geologischen  Baue  des  hier  zu  be- 
schreibenden Gebietes  begründete  häufige  Vorkommen  von  Gesteins- 
zonen  mit  steil  gestellten  Schichten  bedingt  eine  zahlreiche  Vertretung 
solcher  Quellen,  die  durch  Wasserstau  an  Schichtflächen  entstehen. 
Wieder  sind  es  die  Flysch-  und  die  Prominafazies  des  höheren  Eocäns, 
in  welchen  solche  Quellen  mehrorts  angetroffen  werden.  Aber  auch 
in  jenen  Triasstufen,  wo  sich  Kalkeinschaltungen  in  Schieferzonen 
oder  Einlagerungen  von  Tonschiefern  in  vorwiegend  kalkigen  Schicht- 
massen zeigen,  sind  Quellen  dieser  Art  zu  finden.  Je  nachdem  es 
sich  da  nur  um  Wassersammlung  in  klüftigen  ZM'ischenlagen  undurch- 
lässiger Schichten  oder  um  Stauung  von  größeren  Kluftwassermengen 
an  undurchlässigen  Scheidewänden  handelt,  können  diese  Quellen  von 
sehr  verschiedener  mittlerer  Stärke  sein. 

Die  an  Störungen  gebundenen  Quellen  mit  starker  Neigung  der 
den  Wasserstau  bedingenden  Fläche  sind  entweder  an  steile  Ueber- 
schiebungen  oder  an  Verwerfungen  geknüpft.  Im  ersteren  Falle  können 
die  Gesteinsschichten  fast  so  steil  wie  die  Staufläche  geneigt  sein, 
in  letzterem  Falle  können  sie  —  abgesehen  von  an  der  Störung  ge- 
schleppten Schichtfetzen  —  eine  bedeutend  geringere  Neigung  zeigen. 
Steilstellung  der  Schubfläche  kommt  in  unserem  Gebiete  bei  den 
Aufschiebungen  der  unteren  Werfener  Schiefer  auf  kretazische  Kalke 
und  eocäne  Breccienkalke  vor;  die  auf  eocäne  Knollenmergel  und 
Flyschmergel  aufgeschobenen  Schuppen  von  Kreidekalk  sind  zumeist 
nur  mäßig  oder  nur  schwach  geneigt,  doch  wäre  es  möglich,  daß 
sich  manche  dieser  Schiebungen  nach  der  Tiefe  zu  steiler  stellen. 
Verwerfungsquellen  treten  in  den  früher  erwähnten  Fällen  von 
Kontakt  verschieden  durchlässiger  Schichtglieder  nur  in  beschränkter 
Zahl   auf,    doch   finden    sich  unter  ihnen  einige  von  bemerkenswerter 


[191  Quellengeologic  von  Mitteldalmatien.  163 

Stärke.  Es  handelt  sich  hier  teils  um  Verwerfungen  innerhalb  des  meso- 
zoischen und  alttertiären  Grundgerüstes  des  Gebirges,  teils  um  solche 
an  den  Rändern  der  jungtertiären  Auflagerung  auf  dasselbe. 

Die  Unterscheidung  von  Stauquellen  erscheint  insofern  passend, 
als  sich  sonst  zwischen  zwei  so  verschiedenen  Quellformen,  wie  es 
die  Ueberfall-  und  Rückstauquellen  sind,  nur  eine  künstliche  Grenze 
ziehen  läßt.  In  Faltengebieten  von  der  Art  Dalmatiens  nimmt  die 
tektonische  Bedeutung  einer  Winkeldifferenz  im  Verflachen  mit  zu- 
nehmender Schichtneigung  stetig  ab.  Während  bei  einer  mittleren 
Neigung  von  15°  die  zu  beobachtenden  Grenzwerte  der  Einfallswinkel 
kaum  um  mehr  als  5"  von  diesem  Werte  beiderseits  abweichen,  kann 
man,  sobald  die  Minima  der  Fallwinkel  60°  übersteigen,  oft  auch 
Seigerstellungen  und  selbst  Ueberkippungen  wahrnehmen.  Die  Vertikal- 
stellung erscheint  so  —  obschon  sie  in  geometrischer  Hinsicht  ein 
sehr  wichtiger  Grenzwert  ist  —  im  Schichtenbaue  nur  als  ein  Spezialfall 
in  der  Bänkelagerung  steil  aufgerichteter  Schichten.  Wenn  man  ihn 
zur  Unterscheidung  von  Ueberfall-  und  Rückstauquellen  benützt,  so 
kann  es  sein,  daß  man  von  zwei  ganz  analog  gebauten  Quellen  die 
eine  der  ersteren,  die  andere  der  letzteren  Quellform  zuzählen  muß 
und  daß  so  die  Einreihung  einer  Naturerscheinung  in  die  eine  oder 
andere  zweier  ganz  verschiedener  Forraengruppen  von  einem  neben- 
sächlichen Umstände  abhängig  gemacht  wird.  Auch  bei  an  steile 
Verwerfungen  geknüpften  Quellen  könnte  der  Umstand,  ob  die  Ver- 
werfungskluft im  einen  oder  anderen  Sinne  um  ein  geringes  von  der 
Vertikalen  abweicht,  keine  Zuteilung  der  betreffenden  Quelle  zu  zwei 
verschiedenen  Formengruppen  begründen. 

Es  empfiehlt  sich,  den  betreffs  der  Lage  der  Staufläche  zum 
wasserführenden  Gesteine  gegebenen  Gegensatz  zwischen  den  genannten 
zwei  Quellformen,  den  Gegensatz  zwischen  den  Lagebeziehungen  des 
„unter"  und  „über"  durch  die  Lagebeziehung  des  „neben"  zu  über- 
brücken. Gegenüber  den  Vorteilen,  welche  dieser  Vorgang  bietet, 
tritt  der  Nachteil,  nun  die  Mittelglieder  einer  Formenreihe  gegen 
deren  beiderseitige  Endglieder  abgrenzen  zu  müssen,  sehr  zurück, 
da  es  sich  hier  nicht  um  eine  künstliche  Grenzziehung  zwischen 
Gegensätzen,  sondern  um  eine  solche  zwischen  graduellen  Unterschieden 
handelt. 

D.  Ruckstauquellen.  Sofern  man  die  Wasseraustritte  infolge 
von  Stauung  an  steil  bergwärts  fallenden  Flächen  von  den  Ueberfall- 
quellen  trennt,  wird  man  auch  nur  die  hinter  einem  mäßig  oder 
schwach  geneigten  undurchlässigen  Gesteinsdache  hervorkommenden 
Wässer  zu  den  Rückstauquellen  zählen.  Li  diesem  Falle  ist  die  Zahl 
der  innerhalb  normaler  Schichtfolgen  auftretenden  Quellen  dieser 
Art  im  Kartenblatte  Sinj-Spalato  keine  große.  Innerhalb  der  Trias- 
formation am  Südrande  des  Svilajagebirges  erscheinen  die  Bedingungen 
für  das  Entstehen  von  Rückstauquellen  insofern  gegeben,  als  es  durch 
das  Einschneiden  seichter  Läugstäler  in  die  zum  Gebirge  hin  ver- 
flächenden Schichtmassen  doch  auch  zum  Ausstreichen  von  gleich- 
sinnig mit  dem  Gehänge  (aber  steiler  als  dieses)  geneigten  Schichten 
kommt.  Es  kann  so  in  den  oberen  Werfener  Schiefern,  in  den  unteren 

22* 


164  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [20] 

Duvinaschieferu  und  in  den  Weiigener  Schichten  zu  Wasserriickstau 
kommen.  In  den  Eocängebieten  zeigt  sich  zwar  nicht  selten  ein 
Wasserstau  hinter  überkippten  Mergelbänken,  aber  selten  ein  solcher 
hinter  schwach  geneigten,  einer  übergelegten  Falte  oder  dem  Flügel 
einer  aufrechten  Mulde  angehörigen  Mergelschichten. 

An  abnormalen  Schichtverband  geknüpfte  Rückstauquellen  treten 
an  der  Basis  transgredierender  Fiyschschichten  und  an  der  Basis 
der  Neogenformation  auf.  Die  Flyschmergel  und  die  zwar  kalkreichen, 
aber  zum  Teil  doch  ziemlich  undurchlässigen  jungtertiären  Mergel- 
kalke transgredieren  mehrorts  schwach  bis  mäßig  steil  talwärts  fallend 
über  mesozoischen  Kalken.  Die  Austrittsorte  der  sich  in  den  Kluft- 
netzen dieser  Kalke  anstauenden  Wässer  können  an  einer  durch 
Denudation  geschaffenen  Grenze  oder  nahe  dem  ursprünglichen  Rande 
der  Basalbildung  des  Flysch  oder  des  Neogens  liegen. 

E.  Kombinierte  Quellformen.  Manche  Quellen  sind  als 
Kombinationen  zweier  oder  mehrerer  der  hier  aufgezählten  Quellarten 
und  Quellformen  anzusehen.  Bei  einem  Teile  dieser  Vorkommnisse 
ist  die  Kombination  verschiedener  Quellformen  im  Gebirgsbaue  be- 
gründet. In  einem  Falle  tritt  zum  Beispiel  das  Wasser  an  einer 
schräg  über  einen  Hang  hiiiabziehenden  Grenze  zwischen  neogenen 
Trümmerbreccien  und  Bändermergeln  aus.  Es  dürfte  hier  durch  eine 
Querstöruiig  an  seinem  weiteren  Absinken  auf  der  Berührungsfläche 
der  genannten  Schichten  aufgehalten  und  zum  Ausflusse  in  der 
Richtung  des  Schichtstreichens  gezwungen  sein.  In  einem  anderen 
Falle  scheint  das  Wasser  über  einen  von  Kreidekalk  überlagerten 
Dolomitsattel  überzufließen,  an  dessen  Flanke  abzurinnen  und  dann 
an  einer  die  Kalkhülle  abschneidenden  Verwerfung  am  Dolomit  an- 
gestaut zu  werden. 

In  einem  dritten  Falle  quillt  das  Wasser  an  der  einem  Gebirgs- 
hange  zugekehrten  Seite  eines  demselben  vorgelagerten  Rückens  aus; 
der  Berghang  und  der  Rücken  bestehen  aus  Kalk,  die  Senke  zwischen 
ihnen  ist  mit  Neogenschichten  erfüllt  und  an  die  vom  Berghange  ab- 
gewendete Rückenflanke  lehnen  sich  Dolomite.  Hier  erscheint  die 
Quellbildung  durch  Anstauung  des  Wassers  an  der  Dolomitbarre  und 
Rückstauung  unter  der  flachmuldig  eingebogeneu  Mergeldecke  bedingt. 

Nicht  selten  kommt  es  vor,  daß  ein  Quellgebilde  durch  Schutt- 
vorlagen des  Gebirges  mannigfaltiger  gestaltet  wird.  Dann  handelt  es 
sich  aber  weniger  um  eine  Kombination  als  um  eine  räumliche  An- 
einanderreihung zweier  einfacher  Typen.  Falls  einer  über  einer 
tonigen  Unterlage  sich  erhebenden  exoklinen  Kalkmasse  Schutthalden 
vorliegen,  wird  eine  Verbindung  einer  absteigenden  Schichtquelle  mit 
einer  absteigenden  Schuttgrundquelle  und  somit  eine  Verbindung  zweier 
Quellen  von  verschiedener  Art  aber  gleicher  Grundform  entstehen 
können.  Ein  Fall,  wo  sich  eine  absteigende  Schichtquelle  mit  mulden- 
förmiger Lagerung  des  Wasserträgers  in  eine  flach  abfallende  Schutt- 
grundquelle fortsetzt,  kommt  im  Gebiete  der  Prominaschichten  zur 
Beobachtung. 

Häufiger  geschieht  es,  daß  einem  aus  bergwärts  fallenden  Schiefern 
oder  Mergeln  aufgebauten  Hange,  der  von  Kalkfelsen   überragt  wird, 


[21]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  1(55 

von  diesen  stammendes  Trümmeiwerk  aufruht.  Bei  dieser  Sachlage 
können  Kombinationen  von  Ueberfall-  oder  Stauquellen  mit  absteigen- 
den Schuttgrundquellen  entstehen,  und  zwar  kommt  diese  Verbindung 
sowohl  bei  an  normale  Schichtfolgen  gebundenen  Ueberfallquellen  als 
auch  bei  Verwerfungsquellen  vor.  Auch  die  der  obigen  formellen  Ein- 
teilung der  Quellen  sich  nicht  einfügenden  Karstquellen  treten  manch- 
mal aus  Schuttvorlagen  des  Gebirges  aus. 

Man  wird  von  einer  Kombination  von  Fels-  und  Schuttquelle 
nur  dann  sprechen,  wenn  nicht  bloß  eine  Bestreuung  des  Quellortes 
mit  Trümmern,  sondern  eine  völlige  Verdeckung  desselben  mit  Schutt- 
massen vorhanden  ist.  Die  Entscheidung,  ob  ein  Wasseraustritt  aus 
Gebirgsschutt,  der  einem  Felsterrain  vorliegt,  aus  dem  zufolge  seiner 
geologischen  Beschaifenheit  Quellen  kommen  könnten,  eine  maskierte 
Felsquelle  oder  überhaupt  nur  eine  Schuttquelle  sei,  ist  zunächst  auf 
Grund  der  mittleren  Wassermenge  zu  fällen.  Bei  Karstquellen  wird 
hier  schon  von  vornherein  jeder  Zweifel  ausgeschlossen  sein.  Auch 
in  manchen,  reichere  Schicht-  und  Störungsquellen  betreffenden  Fällen 
zeigt  es  sich  klar,  daß  das  dem  Gebirge  vorliegende  Schuttgelände 
für  sich  allein  die  ihm  jeweilig  entquellende  Wassermenge  keinesfalls 
liefern  könnte.  In  zweifelhaften  Fällen  kann  eine  größere  Nachhaltig- 
keit und  kleinere  Wärmeschwankung  eines  Wasseraustrittes  einen 
Fingerzeig  dafür  abgeben,  daß  man  es  nicht  mit  einer  Quelle  zu  tun 
habe,  deren  Sammelgebiet  auf  die  Schuttvorlage  beschränkt  ist. 

F.  Struktur  der  Quellen.  Die  gebräuchliche  formelle  Ein- 
teilung der  Quellen,  welcher  auch  hier  gefolgt  worden  ist,  betrifft  nur 
die  Lage  und  Form  des  Rahmens,  innerhalb  dessen  sich  die  unter- 
irdischen Wanderungen  jener  Wässer  vollziehen,  die  in  den  Quellen 
zutage  treten.  Die  Gestaltung  der  Wege,  auf  welchen  jene  Wande- 
rungen vor  sich  gehen,  die  Struktur  der  Quellen,  bleibt  bei  einer 
vergleichenden  Betrachtung  der  Formverhältnisse  jenes  Rahmens  noch 
ganz  aus  dem  Spiele  und  erheischt  ihre  besondere  Untersuchung  und 
Erörterung.  Die  Verschiedenheiten,  welche  sich  betreffs  der  Quellen- 
Strukturen  ergeben,  erscheinen  im  wesentlichen  als  ein  Ausdruck 
der  Mannigfaltigkeit  der  Klüftungsformen  der  Gesteine  und  der  Lücken- 
gestaltung in  den  durchlässigen  Bodenarten.  Es  wäre  vielleicht  ein 
schönes  Zeichen  von  Selbsterkenntnis,  wenn  sich  die  Karstforscher 
eingestehen  wollten,  daß  die  zum  Überdrusse  oft  hervorgehobene 
Regellosigkeit  der  Klüfteverteilung  in  den  massigen  und  dickbankigen 
Kalken  nichts  weiter  als  ein  Verlegenheitsausdruck  zur  Verschleierung 
des  Umstandes  ist,  daß  ihnen  die  Momente,  von  welchen  jene  Ver- 
teilung abhängt,  nicht  bekannt  sind.  Man  ist  doch  sonst  so  geneigt, 
überall  in  der  Natur  das  Walten  von  Gesetzen  herauszulesen,  warum 
sollte  gerade  betreffs  der  Verteilung  der  Klüfte  und  Spalten  im 
Karstkalke  Gesetzlosigkeit  herrschen !  Man  wird  nicht  fehlgehen,  wenn 
man  sich  bei  jenen  der  im  vorigen  unterschiedenen  Quellformen,  bei 
welchen  mesozoische  und  alttertiäre  Kalke  und  Kalkbreccien  von 
dicker  Bankung  oder  undeutlicher  Schichtung  das  wasserführende 
Gestein  sind,  die  Gesamtheit  der  unterirdischen  Wasserwege  in  der 
gewohnten  Weise  als  ein  vielverzweigtes  Geflecht  von  in  Form,  Weite 


156  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [22] 

und  Richtung  sehr  wechselnden  Spalträumen  vorstellt,  lieber  die 
spezielle  Gestaltung  des  Geflechtes  bleibt  man  aber  ganz  im  Ungewissen. 
Bezüglich  der  Struktur  solcher  Schichtquellen  und  Verwerfungsquellen, 
bei  welchen  das  wasserführende  Gestein  dünnschichtig  ist,  wie  zum 
Beispiel  die  Kalkschiefer  der  oberen  Werfener  Schichten  und  die 
Kalksandsteine  des  Flysch,  kann  man  dagegen  zu  bestimmteren  Annahmen 
gelangen.  Es  wäre  zwar  nicht  zutreffend,  sich  hier  die  Gesamtheit 
der  Wasserwege  als  ein  ziemlich  regelmäßiges  engmaschiges  Netz  zu 
denken,,  dessen  mittlere  Maschen  große  den  durchschnittlichen  Dimen- 
sionen der  Platten  des  oberflächlichen  Gesteinszerfalles  entspräche; 
man  wird  aber  doch  annehmen  dürfen,  daß  hier  auch  in  der  Tiefe 
die  Wasserbewegung  vorzugsweise  in  Schichtfugen  und  in  zu  diesen 
senkrecht  stehenden  Quersprüngen  erfolgt.  Durch  Einschaltung  schwer 
durchlässiger,  aber  stellenweise  zerstückter  Zwischenlagen  mag  es  hier 
manchmal  auch  zu  einer  Art  Kammerung  und  Stockwerkbildung  inner- 
halb des  ganzen  Spaltensystems  kommen.  Zwischen  den  hier  kurz 
gezeichneten  Strukturen  der  Quellen  aus  dünnschichtigen  und  sich 
aus  Lagen  von  verschiedener  Durchlässigkeit  aufbauenden  Gesteinen 
und  den  Strukturen  der  Quellen  aus  massigen  und  dickbankigen 
Kalken  sind  Uebergänge  möglich,  die  bei  Quellen  aus  solchen  Ge- 
steinen zu  erwarten  sind,  die  sich  durch  ihre  lithologischen  Eigen- 
schaften als  Verbindungsglieder  zwischen  den  genannten  beiden 
Gesteinsgruppen  erweisen. 

Beziehungen  der  Quellen  zu  den  Geländeformen. 

Eine  Einteilung  der  Quellen  nach  ihrer  Lagebeziehung  zum 
Gelände  verlohnt  sich,  wenn  man  hierbei  das  Verhältnis  dieses 
letzteren  zum  Gebirgsbaue  in  Betracht  zieht  und  so  die  Einteilung 
mit  der  Quellentektonik  in  Beziehung  bringt.  Austritte  an  Gehängen 
und  am  Fuße  von  Abhängen  und  Geländestufen  kommen  bei  Quellen 
aller  Formen,  besonders  bei  Ueberfall-  und  Stauquellen  vor.  Die 
verhältnismäßig  seltenen  Wasseraustritte  an  konvexen  Geländeflächen 
sind  durch  Fälle  vertreten,  in  denen  Quellen  mit  synklinaler 
Lagerung  des  Wasserträgers  an  der  Schmalseite  von  Hügelzügen 
mit  Muldenbau  oder  am  Fuße  der  Schmalseite  eines  solchen  HQgel- 
rückens  ausbrechen,  ferner  durch  eine  der  früher  erwähnten  Ueber- 
fallquellen  mit  hemizentroklinal  gelagertem  Wasserträger,  welche 
auf  einem  Geländesporn  entspringt.  In  der  Gruppe  der  Wasser- 
austritte aus  konkaven  Geländeflächen  ist  zwischen  solchen  Quellen, 
bei  denen  die  Hohlform,  in  welcher  sie  entspringen,  als  ihr  eigenes 
Erosionsprodukt  erscheint,  und  zwischen  solchen,  wo  sie  im  Gebirgs- 
baue vorgezeichnet  ist,  zu  unterscheiden.  Unter  letzteren  bilden 
einige  isolithische  Schichtquellen,  die  im  Hintergrunde  synklinaler 
Tälchen  austreten,  gleichsam  das  morphologische  Gegenstück  zu  der 
vorhin  genannten  Quelle,  die  am  Fuße  der  Schmalseite  eines 
Synklinalen  Rückens  entspringt.  Von  den  Stauquellen  unseres  Gebietes 
brechen  manche  am  Grunde  isoklinaler  oder  homoklinaler  Täler  auf. 
Ein  Austritt  in  anaklinalen  Gräben  und  Gehängenischen  kommt  mehr- 
fach  bei   Deberfaliquellen,   ein   solcher   in   kataklinalen    Einschnitten 


[23]  Qiiellengeologie  von  Mittel dalmatien.  167 

bei  Rückstauquellen  vor.  In  den  beiden  letzteren  Fällen  können  die 
Quellen  auch  nur  teilweise  als  Schöpfer  der  von  ihnen  belebten 
Erosionsgebilde  angesehen  werden,  denn  insoweit  hier  das  Hervortreten 
von  Wasser  durch  Höhenunterschiede  der  Ausstrichlinie  bestimmter 
Schichtflächen  bedingt  ist,  erscheint  ja  das  Vorhandensein  von  Gelände- 
einschnitten als  Ursache  der  Quellbildung.  Dagegen  sind  die  Fels- 
nischen, aus  welchen  manche  der  großen  Karstquellen  hervorbrechen, 
wohl  von  ihnen  selbst  geschaffen  worden.  Ein  Ursprung  in  Gräben 
und  Geländemulden  tritt  auch  bei  Schuttquellen  öfter  in  Erscheinung. 

FormTerhältnisse  der  Quellaustritte. 

Betreffs  der  Gestalt  der  Austrittsorte  der  Karstquellen  herrscht 
auch  im  mittleren  Dalmatien  große  Mannigfaltigkeit.  Die  obertägigen 
Mündungen  zweier  mächtiger  Höhlenflüsse  des  Cetinagebietes  stellen 
sich  als  in  tiefen  Felsnischen  gelegene  Quelltöpfe  dar,  an  deren 
Oberfläche  man  ein  in  kurzen  Zwischenräumen  und  oft  an  wechselnder 
Stelle  sich  wiederholendes  Aufwallen  des  aus  der  Tiefe  empordringenden 
Wassers  sieht.  Manche  der  großen  Kluftwasserstränge  treten  dagegen  in 
horizontaler  Richtung  und  mit  ruhigem  und  glattem  Spiegel  aus  Spalten 
und  kleinen  Höhlungen  im  Hintergrunde  von  Felsnischen  aus.  Bei 
Quellen  dieser  und  der  vorigen  Art  können  sich  selbst  große  Schwan- 
kungen des  Wasserstandes  nur  in  Höhenänderungen  des  Quellspiegels 
äußern. 

Einige  der  großen  Karstquellen  unseres  Gebietes  brechen  aus 
Block-  und  Trümmerwerk  hervor,  und  zwar  entweder  aus  Blockhalden, 
die  dem  Fuße  von  Felshängen  vorgebaut  sind,  oder  aus  den  trümmer- 
erfüllten Sohlen  von  schluchtartigen  Einbuchtungen  des  Gebirges. 
Der  Wasseraustritt  ist  hier  oft  auf  eine  Strecke  hin  verteilt,  der 
Quellbach  nimmt  von  seinem  Ursprungsorte  weg  noch  an  Stärke  zu. 
Solche  Quellen  zeigen  im  Gegensatze  zu  den  früher  genannten  bei 
Schwankungen  des  W^asserstandes  je  nach  dem  Gefälle  des  Bachbettes 
eine   mehr  oder  minder   große  Horizontalverschiebung  in  demselben. 

Die  Höhe,  bis  zu  welcher  der  Spiegel  einer  Felsnischenquelle 
zur  Zeit  des  Höchststandes  des  Kluftwassers  hinanreicht  und  die 
Stelle,  bis  zu  welcher  sich  eine  aus  trümmererfülltem  Talgrund 
kommende  Quelle  zur  Zeit  des  höchsten  Wasserstandes  zurückzieht, 
ist  stets  an  der  Grenze  der  Schlammresiduen  und  vertrockneten 
Moospolster  leicht  kenntlich.  Typische  Höhlenquellen  kommen  im 
Kartenblatte  Sinj-Spalato  nicht  zur  Beobachtung,  wohl  aber  im  nord- 
wärts benachbarten  Gebiete,  wo  zwei  von  den  zahlreichen  Quell- 
bächen der  Cetina  aus  Höhlen  hervorbrechen. 

Von  den  Schichtquellen  und  den  an  Störungen  gebundenen 
Quellen  treten  die  meisten  einheitlich  und  geschlossen  an  den  Tag. 
Nur  wenige  von  ihnen  zeigen  eine  größere  Erstreckung  in  die  Breite. 
Auch  in  den  Fällen,  in  denen  die  Beschränkung  des  Wasseraustrittes 
auf  eine  eng  umgrenzte  Stelle  in  den  Strukturverhältnissen  nicht  vor- 
gezeichnet ist,  sieht  man  weit  eher  ein  Hervorkommen  von  einigen 
in  größeren  Abständen  liegenden,  in  sich  geschlossenen  Quellen  als 
wie  eine  Kette  von  gegen    einander   nicht  scharf  abgrenzbaren   Aus- 


168  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [24] 

tritten  von  Quellwasser.  Dagegen  beobachtet  man  bei  Schuttquellen 
häufig,  daß  sich  der  Wasseraustritt  in  der  Abflußrichtung  auf  eine 
längere  Strecke  hin  verteilt.  Am  auffälligsten  ist  diese  Erscheinung 
in  den  Einrissen  der  Deckschichten  des  Flysch-  und  Neogengeländes, 
wo  man  beim  Aufstiege  fast  niemals  zu  Quellen  kommt  und  die 
manchmal  stark  murmelnden  Bächlein  aus  ganz  unscheinbaren  An- 
fängen wie  nassen  Flecken  und  kleinen  Wasserlachen  sich  allmählich 
entwickeln  sieht.  Eine  flächenhafte  Ausbreitung  ist  bei  Quellen  aus 
schutterfüllten  Mulden  und  bei  Grundwasserquellen  in  alluvialen  Tal- 
sohlen anzutreffen.  Die  hier  abfließenden  Bächlein  entwickeln  sich 
aus  mehr  oder  minder  ausgedehnten  sumpfigen  Wiesenstellen. 

Die  Schicht-  und  Verwerfungsquellen  sieht  man  manchmal  un- 
mittelbar aus  Fugpn  und  Spalten  des  entblößten  Felsens  hervor- 
sprudeln, öfter  jedoch  aus  Verwitterungsschichten  des  anstehenden 
Gesteines  kommen.  In  nicht  wenigen  Fällen  ist  durch  primitive  Fassung 
in  roh  gemauerten  Steintrögen  das  ursprüngliche  Bild  verwischt. 


Besehreibung  der  quellenführenden  Gebiete. 

Innerhalb  des  Kartenblattes  Sinj-Spalato  sind  zwei  durch  einen 
breiten  Karstgürtel  getrennte  Hauptzonen  mit  Quellenführung  zu  unter- 
scheiden, die  Küstenzone  und  die  Region  der  innerdalmatischen  Auf- 
bruchstäler. Letztere  gehört  —  soweit  sie  in  das  Spalatiner  Blatt 
fällt  —  teils  dem  Flußgebiet  der  Kerka,  teils  dem  der  Cetina,  teils 
einem  zwischen  beiden  liegenden  Gebiete  ohne  oberirdischen  Abfluß 
an.  Eine  hydrographische  Verbindung  zwischen  beiden  Zonen  wird 
durch  den  Mittellauf  der  Cetina  hergestellt,  doch  liegt  der  von  dem 
Unterlaufe  dieses  Flusses  durchschnittene  Teil  der  Küstenzone  schon 
außerhalb  des  hier  besprochenen  Blattes. 

Die  Quellen  der  Küstenzone  sind  teils  große  Karstquellen,  teils 
Schicht-  und  Schuttquellen  im  Flysch.  Die  Flußläufe  des  Jadro  und 
Stobrec  scheiden  diese  Zone  in  drei  Teile:  die  Gehänge  von  Castelli 
und  Clissa,  das  Gelände  von  Mravince  und  Spalato  und  die  Vorketten 
des  Moser.  Ganz  isoliert  ist  das  gleichfalls  durch  ein  Auftreten  von 
Flysch  bedingte  Quellgebiet  von  Dolac  auf  der  Landseite  des  Mosor. 
Die  Quellen  in  der  Zone  der  Aufbruchstäler  sind  zum  Teile  auch 
Karstquellen,  zum  Teile  sind  sie  als  Gesteins-  und  Schuttquellen 
an  das  Vorkommen  von  Triasschiefern  und  Neogenschichten  gebunden. 
Es  sind  in  dieser  Zone  folgende  Regionen  unterscheidbar:  Das  Tal 
der  Vrba,  welche  als  Seitenbach  der  Cikola  dem  Kerkaflusse  tributär 
ist,  das  kleine  Becken  von  Ramljane,  das  Folje  von  Muc  mit  den  ihm 
zugehörigen  Tälchen  der  Radaca,  Suova  und  Milina,  das  Tal  der  Sutina, 
eines  rechtsseitigen  Zuflusses  der  Cetina,  das  Sinjsko  Polje,  dessen 
westliche  und  östliche  Umrandung  im  Norden  durch  das  Hügelland  von 
Sinj,  im  Süden  durch  jenes  von  Trilj  geschieden  werden  und  die 
Mulde  von  Gliev  und  das  schon  großenteils  jenseits  des  Kartenrandes 
liegende  Hochtal  von  Korito.  Diese  letztgenannten  zwei  Regionen, 
welche     ihre     Quellenführung    dem    Auftreten    von    Prominaschichten 


[25]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  169 

danken,  fallen  orographisch  dem  Cetinatale  zu,  erscheinen  aber  hydro- 
graphisch insofern  selbständig,  als  ihre  Verbindungen  mit  dem  Sinjsko 
polje,   die  Gala-  und  Korito  Draga,  Trockentäler  sind. 

Im  folgenden  sind  die  Quellen  der  Aufbruchstäler  vor  jenen 
der  Küstenzone  abgehandelt,  was  einem  Vorschreiten  der  Beschreibung 
von  Nord  gegen  Süd  entspricht.  Innerhalb  beider  Zonen  geschieht  die 
Aufzählung  der  Quellen  möglichst  in  ihrer  Reihenfolge  von  West 
gegen  Ost.  Es  entspricht  dies  in  der  Mehrzahl  der  von  Flußläufen 
durchzogenen  Teilgebiete  einem  Vordringen  in  der  Richtung  talauf- 
wärts. Die  Bezeichnungsweise  der  Quellen  und  des  Geländes  geschah 
ip  enger  Anlehnung  an  die  Namengebung  auf  den  Originalsektionen  der 
Spezialkarte.  Erkundung  weiterer  Benennungen  erfolgte  nur  in  seltenen 
Fällen;  meist  wurde  es  versucht,  die  auf  der  Karte  ohne  Namen 
gelassenen  Quellen,  Gräben,  Kuppen  usw.  durch  Angabe  ihrer  Lage- 
beziehung zu  benachbarten  auf  der  Karte  benannten  Oertlichkeiten 
zu  bezeichnen. 

Die  Quellen  des  Vrbatales. 

Das  Tal  der  Vrba  liegt  in  der  südöstlichen  Verlängerung  der 
von  dem  Oberlauf  der  Cikola  durchflossenen  Talsohle.  Es  gliedert 
sich  in  drei  Abschnitte,  deren  oberer  noch  eine  Trennung  in  drei 
Teilstücke  erheischt.  Der  untere  Abschnitt  des  genannten  Tales  bildet 
eine  südöstliche  Aussackung  der  kleinen  Ebene,  an  deren  Ostrand 
der  Quellteich  der  Cikola  gelegen  ist.  Dieser  Talabschnitt  wird  rechts 
vom  Karstplateau  von  Crivac,  links  von  einer  Vorhöhe  des  Mose6, 
der  Klinceva  glavica,  begrenzt.  Er  reicht  bis  zur  Felsbarre  von  Jelic, 
die  den  Vrbabach  zur  Bildung  eines  Wasserfalles  zwingt. 

Der  mittlere  Teil  des  Vrbatales  hat  in  seiner  unteren  Hälfte 
—  gleich  dem  Endstücke  des  Tales  —  eine  schmale  Sohle  und  weitet 
sich  dann  zu  einer  kleinen  Ebene  aus.  Sein  schmaler  unterer  Teil 
liegt  zwischen  der  Terrasse  von  Crivac  und  dem  dem  Mosec  vor- 
gelagerten Rücken  Mackolor.  Sein  oberer  erweiterter  Abschnitt  ist 
zwischen  das  südlich  von  Crivac  liegende  Plateau  und  das  dolinen- 
reiche  östliche  Vorland  des  Mosecgipfels  Kragljevac  eingesenkt. 

Er  reicht  bis  an  den  Nordabfall  des  großen  Ramljaner  Hügels, 
welcher  die  soeben  genannte  Senkung  ihrer  ganzen  Breite  nach  aus- 
füllt und  die  Talrinne  der  Vrba  an  den  Abfall  des  erwähnten  Plateaus 
hindrängt.  Im  oberen  Abschnitte  des  Vrbatales  sind  zu  unterscheiden : 
Die  auf  die  eben  angeführte  Art  zustande  kommende  Talenge,  die 
sich  darauf  einstellende  Erweiterung  des  Tales  infolge  der  östlichen 
Endigung  des  genannten  Hügels  und  das  Anfangsstück  des  Vrbatales, 
welches  sich  längs  des  in  der  südöstlichen  Verlängerung  des  Ramljaner 
Hügels  sich  erhebenden  Rückens  Gradina  hinzieht.  Dieser  scheidet 
die  Talfurche  der  Vrba  von  dem  südwärts  neben  ihr  verlaufenden 
Polje  von  Muc.  Von  dem  in  ihrer  östlichen  Verlängerung  gelegenen 
Suvajatale  wird  sie  durch  eine  flache  Bodenwelle  getrennt. 

Auch  in  geologischer  Beziehung  gliedert  sich  das  Vrbatal  in 
mehrere  verschiedene  Abschnitte.  Im  Bereiche  seines  unteren  Teiles 
tauchen  die   triadischen  Schichten   der  dem  Südwestfuße  der  Svilaja 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  2.  Heft.  (F.  v.  Kerner.)         23 


170  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [26] 

folgenden  großen  Aufbruchsspalte  unter.  Während  die  Vorkommen 
von  Rauhwacke  schon  au  der  Mündung  des  Vrbatales  enden,  lassen 
sich  triadische  Riffkalke  auf  der  Westseite  des  Tales  noch  bis  zur 
Kuppe  Mackolor  verfolgen.  Der  mittlere  Abschnitt  des  Vrbatales  ent- 
spricht jenem  Teilstücke  der  Spalte,  in  welchem  diese  nur  morpho- 
logisch angezeigt,  tektonisch  aber  geschlossen  ist,  insofern  dort  — 
wie  dies  auch  im  mittleren  Teile  des  Spaltentales  der  oberen 
Cetina  der  Fall  ist  —  keine  tieferen  als  kretazische  Schichten  bloß- 
liegen. Der  Oberlauf  der  Vrba  ist  dann  wieder  in  ältere  Schichten 
eingeschnitten,  und  zwar  die  Talenge  bis  Bakovic  in  jurassische 
Kalke,  das  oberste  Stück  des  Vrbabaches  in  die  Grenzschichten 
zwischen  der  mittleren  und  unteren  Trias. 

Das  Vrbatal  ist  gleich  der  Mehrzahl  der  innerdalmatischen 
Spaltentäler  ein  Gebiet,  in  das  die  Binnenseen  der  Neogenzeit  ein- 
gedrungen waren.  Im  unteren  Talabschnitte  und  in  der  unteren  Hälfte 
der  mittleren  Talstrecke  sind  jungtertiäre  Schichten  beiderseits  des 
Bachbettes  in  großer  Ausdehnung  vorhanden,  streckenweise  weit  an 
den  Talflanken  hinanreichend.  Weiter  talaufwärts  haben  sich  aber  nur 
geringe  Reste  solcher  Schichten  am  West-  und  Ostrande  der  Ram- 
Ijaner  Hügelmasse  erhalten.  Die  Quellen  des  Vrbatales  sind  so  teils 
an  das  Auftreten  von  Neogenschichten,  teils  an  das  Erscheinen  von 
triadischen  Schichten  geknüpft.  In  der  zu  einer  kleinen  Ebene  aus- 
geweiteten Talstrecke  sind  wohl  auch  die  Bedingungen  für  das  Vor- 
kommen von  Wiesenquellen  im  alluvialen  Schwemmlande  gegeben. 
Karstquellen  treten  in  der  durch  zerklüftetes  Kalkgebirge  tretenden 
Enge  des  Vrbatales  nicht  auf. 

Der  Unterlauf  und  die  Nordhälfte  des  Mittellaufes  der  Vrba 
fallen  noch  außerhalb  des  Blattes  Sinj-Spalato ;  ersterer  in  die  Süd- 
ostecke des  Blattes  Kistanje-Dernis,  letztere  in  die  Südwestecke 
des  Blattes  Gubin  —  Verlicca.  Um  die  Darstellung  nicht  zu  zerreißen, 
mögen  aber  auch  die  dort  vorhandenen  Quellen  erwähnt  sein.  Es 
kann  dies  aber  in  aller  Kürze  geschehen,  da  diese  Quellen  weder 
durch  Wasserreichtum,  noch  durch  ihre  geologische  Bauart  sehr 
bemerkenswert  erscheinen.  Die  Mehrzahl  derselben  ist  auf  der  linken 
Talseite  gelegen.  Gleich  unterhalb  des  St.  Eliaskirchleins  wird  von 
der  Straße  von  Dernis  nach  Sinj  das  Abwasser  einer  Quelle 
überquert,  welche  noch  im  Bereiche  der  obereocänen  Mergel- 
schiefer, denen  das  bekannte  Kohlenflöz  von  Kljake  eingeschaltet 
ist,  an  den  Tag  tritt.  Die  anderen  Quellen  entspringen  im  Gebiete 
der  neogenen  Schichten.  Ein  kleines  Wässerchen  entquillt  dem 
Mundloche  des  teilweise  verschütteten  Schürfstollens,  welcher  in 
die  von  Lignitbändern  durchzogenen,  steil  gegen  das  Vrbatal  ver- 
flächenden Kalkmergel  vorgetrieben  ist,  die  in  jenem  Einrisse  auf- 
geschlossen sind,  der  einige  hundert  Meter  südostwärts  vom  vorgenannten 
Kirchlein  oberhalb  der  Straße  liegt.  Die  dort  entblößten  Schichten 
sind  weißliche,  zerblätternde  kalkreiche  Mergel,  welche  Fossaruhis 
tricarinatus  führen  und  ungefähr  den  Kohlenbänderschichten  von 
Lucane  entsprechen  (Zone  III  der  Neogenentwicklung  westlich  von 
Sinj).  Zwei  kleine,  auch  auf  der  Spezialkarte  eingetragene  Quellchen 
entspringen   unterhalb  des  Sattels  zwischen  der  Klinceva  glavica  und 


[27]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  171 

dem  Maßkolor ;  das  eine  nordwärts  von  Pernjak  in  einer  mit  Gebüsch 
bewachsenen  Gehängenische  westlich  von  der  Straße,  das  andere 
südostwärts  von  jenem  Dorfe,  dort,  wo  ein  von  demselben  herab- 
kommender Pfad  die  Straße  trifft,  am  Abhänge  gleich  unterhalb  der 
Straßenböschung.  Diese  Quellchen  treten  aus  dem  die  neogenen 
Schichten  überdeckenden  Schutte  aus.  In  der  Umgebung  der  ersteren 
Stelle  sind  unregelmäßig  zerklüftete  sandige  Mergelkalke  mit  Cerato- 
phyllum  sinjanum  aufgeschlossen.  In  den  Einrissen  am  Hange  unterhalb 
der  Straße  sieht  man  bläulichgraue  Lehme  und  Tone  mit  Lagen  von 
Sphärolimonit  entblößt.  Sie  enthalten  neben  verdrückten  Melanopsiden 
auch  das  eben  genannte  Leitfossil  der  tieferen  Horizonte  des  Sinjaner 
Neogens.  Eine  hübsche  klare  Quelle  findet  sich  dann  noch  auf  der 
rechten  Talseite  in  dem  großen  Einrisse  ober  Jelic,  welcher  die 
höheren  Schichten  des  Neogens  bloßlegt.  Es  sind  dies  muschlig 
brechende  graue  und  blaßgelbliche  Kalkmergel  mit  Kongerien  und 
klüftige  gelbliche  Süßwasserkalke  mit  Fossarulus  Stachel.  (Ungefähr 
den  Zonen  V — VII  des  Neogens  von  Lucane  entsprechend.)  In  dem 
oberhalb  der  Barre  von  Jelic  folgenden  Stücke  des  Vrbatales  verzeichnet 
die  Spezialkarte  zwei  schwache  Quellen  am  Fuße  der  südwestlichen 
Tallehne.  Sie  treten  aus  dem  die  neogenen  Schichten  überdeckenden 
Schutte  aus.  Das  unterhalb  der  Straßenschenke  gegenüber  den  Crivacke 
staje  dicht  an  der  Straße  liegende  Quellchen  ist  in  roher  Ummauerung 
gefaßt.  Im  übrigen  trifft  man  hier  in  den  sehr  wenig  durchlässigen 
Neogenablagerungen  nur  Runste  für  oberflächliche  Entwässerung.  Von 
den  Rändern  der  kleinen  Talebene  von  Quartiri  laufen  der  Vrba 
mehrere  Rinnsale  zu.  Eines  derselben  hat  am  Fuße  des  aus  tieferem 
Kreidekalk  bestehenden  Hanges  nördlich  von  Quartiri  seinen  Aus- 
gangspunkt; ein  zweites  kommt  südostwärts  von  jener  Hüttengruppe 
aus  dem  Dolomit  der  Unterkreide.  Ein  drittes  nimmt  gegenüber  jenen 
Hütten  am  Westrande  der  Ebene,  wo  Kalke  und  Dolomite  der  Ober- 
kreide anstehen,  seinen  Ursprung,  Außer  der  Verstärkung,  welche 
die  Vrba  durch  Zuflüsse  von  den  eben  genannten  Orten  her  er- 
hält, empfängt  sie  bei  ihrem  Laufe  durch  die  kleine  Ebene  wohl 
auch  noch  Zuströmungen  von  Grundwasser  aus  den  Alluvien  der- 
selben. 

Die  Talmulde  von  Bakovic  ist  der  Ursprungsort  von  mehreren 
Quellen.  Eine  derselben  entspringt  gegenüber  vom  Wirtshause,  eine 
zweite  östlich  von  der  vorigen  neben  der  Straße  nach  Ogorje.  Ihr 
Abwasser  versiegt  in  einem  Rinnsale,  welches  kurz  vor  der  Brücke 
über  die  Vrba  in  dieses  Bächlein  mündet.  Etwas  weiter  südwärts 
liegt  die  Quelle  Stuba.  Diese  Quelle  ist  gleich  wie  die  vorige  als 
Grundwasserquelle  in  der  Schuttausfüllung  der  Talmulde  zu  betrachten, 
wogegen  bei  der  Quelle  Marcinkovac  auch  Stauwirkungen  der  benach- 
barten Werfener  Schiefer  eine  Rolle  spielen  dürften.  Letztere  Quelle 
liegt  gleich  neben  dem  flachen  Sattel,  welcher  vom  Polje  von  Ram- 
Ijane  in  das  Vrbatal  hinüberführt. 

Vor  der  etwa  1  km  taleinwärts  von  hier  gelegenen  Stelle,  wo 
die  Vrba  durch  eine  Felsmasse  von  triadischem  Riffkalk  bricht,  sind 
drei  Quellen  zu  sehen.  Eine  tritt  am  Fuße  des  Nordhanges  aus  Schutt 
aus  und  ist  noch  im  Frühsommer  ziemlich  reich.  Eine  zweite  entspringt 

23* 


J72  D^-  ^"*^  V-  Kerner.  j281 

Südwärts  von  dem  Hügel,  welcher  durch  die  linkerseits  vom  Durch- 
bruche der  Vrba  stehende  Riffkalkmasse  aufgebaut  wird,  am  Nordost- 
fuße des  hohen  Felskammes  der  Gradina.  Auch  sie  ist  unter  mittleren 
Verhältnissen  ziemlich  reich.  Das  Wasser  quillt  hier  aus  einer  von 
Felstrümmern  umgebenen  Vertiefung  im  Erdreiche  und  fließt  durch 
ein  binsenbesäumtes  Rinnsal  in  den  nahen  Bach.  Die  Felsunterlage 
des  Schuttes  wird  hier  durch  von  Werfener  Schiefer  unterteufte 
Duvinaschichten  gebildet.  Eine  dritte,  aber  nur  schwache  Quelle  geht 
in  der  Wiese  nördlich  von  der  Mühle  auf,  welche  an  der  Mündung 
der  kleinen  Talenge  steht.  Im  obersten  Abschnitte  des  Vrbatales 
bedingt  das  Durchstreichen  eines  Zuges  von  Duvinaschichten  zwischen 
den  triadischen  Dolomiten  und  Riffkalken  der  rechten  Talseite  und 
die  linksseitige  Flankierung  der  Talfurche  durch  obere  Werfener 
Schichten  das  Auftreten  schwacher  Quellchen,  welche  im  Vereine  mit 
dem  in  der  Talrinne  selbst  sich  sammelnden  Sickerwasser  den  Ursprung 
der  Vrba  bilden. 

Von  den  rechterseits  gelegenen  Quellchen  kommen  einige  aus 
dem  schmalen  Streifen  steil  gestellter  Schiefertone,  welcher  die  gegen 
N  einfallenden  Plornsteinkalke  unterteuft.  Hier  handelt  es  sich  teils 
um  Wassersammlung  in  dem  Schutte  über  den  Schiefern,  teils  um 
Stauwirkung  derselben  auf  das  in  die  Hornsteinkalke  eindringende 
Wasser.  Ein  schwaches  Quellchen  tritt  aber  schon  an  der  Oberkante 
dieser  Kalke  aus,  um  dann  quer  durch  die  Zone  derselben  abzufließen. 
Hier  scheint  ein  kalkfreies,  tuffartiges  Gestein,  welches  sich  hier  wie 
im  mittleren  Suvajatale  stellenweise  den  obersten  Partien  der  Duvina- 
schichten eingeschaltet  zeigt,  auf  die  in  den  benachbarten  Dolomit 
einsickernden  Wässer  eine  stauende  Wirkung  auszuüben. 

Die  Vrba  zeigt,  wie  alle  fließenden  Gewässer  unseres  Gebietes, 
eine  große  Jahresschwankung  ihrer  Wassermenge  und  kann  in  längeren 
Trockenperioden  ganz  versiegen.  Unter  mittleren  Verhältnissen  ist  sie 
bis  zum  Eintritte  in  das  Prikopoije  nur  ein  kleiner  Bach;  erst  hier 
wird  sie  durch  Zuflüsse  von  Grundwasser  soweit  verstärkt,  daß  man 
sie  je  nach  der  wechselnden  Tiefe  ihres  Bettes  nur  auf  Stegen  oder 
auf  —  gleich  winzigen  Brückenpfeilern  —  in  ihr  Bett  gesetzten 
Quadersteinen  trocken  überschreiten  kann.  Aehnlich  verhält  es  sich 
mit  ihr  auch  noch  in  ihrem  Unterlaufe,  Sie  sticht  so  scharf  von  der 
Cikola  ab,  welche  —  ausgenommen  die  regenarmen  Monate  —  gleich 
in  der  Stärke  eines  kleinen  Flusses  aus  dem  Gebirge  quillt.  Es  zeigt 
sich  hier  der  große  Unterschied,  welcher  zwischen  den  aus  Schicht- 
und  Schuttquellen  entstehenden  Bächlein  und  den  großen  Karstquell- 
bächen besteht. 

Bei  der  Bedeutung,  welche  die  hydrographischen  Verhältnisse 
für  die  Gesamtbeurteilung  eines  Talzuges  haben,  begründet  es  der 
eben  genannte  Unterschied,  daß  man  das  Vrbatal  vom  oberen  Cikola- 
tale  scharf  trennt,  obschon  es  dessen  unmittelbare  orographische  und 
tektonische  Fortsetzung  ist.  In  einem  unverkarsteten  Gebiete  würde 
es  unter  sonst  ähnlichen  Umständen  ungewöhnlich  sein,  von  zwei 
verschiedenen  Tälern  zu  sprechen. 


[29J  Quellengeologie  von  Mitteldalmatieu.  173 

Die  Quellen  im  Polje  von  Ramljaue  und  im  Polje  von  Mu6. 

Das  kleine  Polje  von  Ramljane  ist  zwischen  den  Höhenzug  des 
Mosec  und  die  allseits  frei  aufragende  Hügelmasse,  auf  welcher  die  Hütten 
von  Ramljane  stehen,  eingesenkt.  Diese  Hügelmasse  bildet  eine  hohe  und 
breite  Scheide  gegen  den  engen  Teil  des  Vrbatales  unterhalb  des 
Felsspornes  von  Sajmuste.  Die  beiden  Endpunkte  des  Poljes  neben  dem 
West-  und  Ostrande  der  Hügelmasse  sind  aber  nur  durch  schmale 
niedrige  Barren  vom  Vrbatale  getrennt.  Die  nordwestliche  Poljenecke 
scheidet  ein  verkarsteter  Geländestreifen  vom  breiten  Talboden  bei 
Quartiri,  das  Ostende  des  Poljes  wird  durch  die  von  der  Straße  nach 
Dernis  überquerte  Bodenwelle  vom  kleinen  Talbecken  von  Bakoviö 
getrennt. 

In  geognostischer  Beziehung  ist  das  kleine  Polje  von  Ramljane 
die  westliche  Fortsetzung  des  Poljes  von  Muc  und  stellt  so  ein  zweites 
Beispiel  für  jene  Art  von  Ueberschiebungspoljen  dar,  bei  welchen 
die  vom  oberen  Ueberschiebungsflügel  aufgebaute  nördliche  Poljenwand 
aus  Schiefern,  die  vom  unteren  Flügel  der  Ueberschiebung  gebildete 
Bodenfläche  und  Südwand  des  Poljes  aber  aus  klüftigem  Kalk  bestehen. 
Letzterer  ist  hier  am  südlichen  Poljenrande  ausschließlich  Rudisteukalk, 
doch  streicht  die  Eocänmulde  des  Berges  Kragljevac  sehr  nahe  an 
diesem  Rande  vorbei. 

Im  mittleren  Poljenteile  zeigt  sich  Rudistenkalk  auch  auf  der 
Nordseite  der  eluvialen  Ausfüllung  des  Poljes  gleichwie  bei  Muc 
kleine  Partien  von  Nummulitenkalk  und  eocänen  Breccien  am  Fuße 
des  nordseitigen  Gehänges  liegen.  Anderseits  erscheinen  wie  im  öst- 
lichen Teile  des  Mucer  Beckens  auch  bei  Ramljane  am  nördlichen 
Poljenrande  kleine  Aufschlüsse  von  Rauhwacken  an  der  Basis  der 
steil  aufgeschobenen  Trias.  An  der  nördlichen  Poijenwand  streichen 
untere  und  obere  Werfener  Schichten  hin,  jedoch  in  weit  geringerer 
Mächtigkeit  als  bei  Muc.  Ueber  ihnen  folgen  Oltarnik-Schichten  und 
dann  Triasdolomit,  welcher  die  oberen  Gehängeteile  formt. 

Es  sind  so  hier  die  Vorbedingungen  für  zwei  Arten  des  Wasser- 
austrittes gegeben:  für  Quellen,  welche  das  sich  hinter  der  Ton- 
schieferbarre in  den  Kalkschiefern  und  Dolomiten  stauende  Wasser 
an  den  Tag  bringen  und  für  Sickerwässer,  welche  auf  der  Oberfläche 
der  Tonschiefer  unter  dem  dieselben  deckenden  Kalk-  und  Dolomit- 
schutte entstehen.  Ein  Vorkommnis  der  ersteren  Art  ist  die  schöne 
und  reiche  Quelle  Vodica,  welche  den  Bewohnern  von  Ramljane  das 
Trinkwasser  liefert.  Von  oberflächlichen  Schuttquellen  sind  wohl  die 
meisten  der  in  den  Einrissen  am  Südhange  der  Ramljaner  Hügelmasse 
rieselnden  Wässerchen  abzuleiten. 

Das  Polje  von  Muc  stellt  eine  in  W— 0-Richtung  gestreckte, 
zwischen  den  Flußtälern  der  Cetina  und  Kerka  liegende  Wanne  ohne 
oberflächlichen  Abfluß  dar.  Im  Norden  ist  es  von  einem  Längstale 
begleitet,  welches  sich  ostwärts  ebensoweit  wie  das  Polje  erstreckt, 
und  durch  ein  in  die  Westhälfte  des  Poljes  mündendes  Quertal  mit 
demselben  in  Verbindung  steht.  Das  Tal  der  in  die  Cetina  fließenden 
Sutina  liegt  in  der  östlichen  Verlängerung  des  Poljes  von  Muc.  Das 
Tal  des  in  die  Cikola  mündenden  und  so  dem  Flußgebiete  der  Kerka 


X74  ^^-  Fi'tz  V.  Kerner.  [30] 

zugehörigen  Vrbabaches  liegt  dagegen  in  der  westlichen  Fortsetzung 
des  Längstales  im  Norden  des  Mucer  Poljes  und  streicht  so  dem 
westlichen  Teile  desselben  parallel.  Die  Wasserscheide  gegen  die 
Cetina  verläuft  somit  quer,  jene  gegen  die  Kerka  aber  parallel  zur 
Poljenachse. 

Das  Mucer  Polje  folgt  der  großen  steilen  Ueberschiebung  der 
Trias  am  Südfuße  der  Svilaja  auf  den  aus  steilen  Kreidesätteln  und 
engen  Eocänmulden  bestehenden  Höhenzug  des  Mose6.  Die  nördliche 
Wand  des  Poljes  baut  sich  aus  in  dessen  Längsrichtung  streichenden 
Werfener  Schichten  auf  und  gliedert  sich  entsprechend  der  deutlichen 
Scheidung  dieser  Schichten  in  eine  Unter-  und  Obergruppe  in  zwei 
auch  hydrologisch  scharf  getrennte  Zonen.  Die  unteren  Werfener 
Schichten  stellen  als  Tonschiefermasse  mit  eingelagerten  Kalk-  und 
Sandsteinbänken  ein  vorwiegend  undurchlässiges  und  nur  längs  jener 
Zwischenlagen  in  spärlichem  Maße  Wasser  führendes  Gebirge  dar.  Sie 
können  so  nur  schwache  Gesteinsquellen  erzeugen  und  auch  nur 
unbedeutende  Schuttquellen  liefern,  da  ihr  Verwitterungsprodukt  ein 
für  Wasser  wenig  aufnahmsfähiges  Gemenge  von  Lehm  mit  Kalk-  und 
Sandsteintrümmern  ist.  Die  ob  ihres  Reichtumes  an  Cephalopoden 
bekannten  oberen  Werfener  Schichten  von  Muc  sind  dagegen  als  eine 
von  schmalen  Lagen  von  Schieferton  durchzogene,  plattig-kalkige 
Schichtmasse  zur  Aufnahme  größerer  Wassermengen  wohl  geeignet  und 
Schichtquellen  führend.  Schuttquellen  können  sich  in  ihnen  aber  trotz 
der  Aufnahmsfähigkeit  kalkigen  Gebirgsschuttes  für  Wasser  wegen  der 
Beschaffenheit  des  Untergrundes  nicht  leicht  bilden. 

Die  unteren  Werfener  Schichten  auf  der  Nordseite  des  Poljes 
von  Muc  sind  steil  an  die  den  Boden  dieser  Wanne  bildenden  kreta- 
zischen und  eocänen  Kalke  angepreßt.  In  der  Berührungszone  treten 
zahlreiche  Verbiegungen  und  Knickungen  der  Schichten  auf  und  der 
häufige  Wechsel  ungleich  plastischer  Gesteinslagen  fördert  die  Zer- 
reißung solcher  kleiner  Falten.  Es  kann  so  selbst  dort,  wo  sich 
mächtigere  Sandsteinlagen  den  Tonschiefern  einschalten,  kaum  zur 
Bildung  größerer  zusammenhängender  Netze  von  Quelladern  kommen. 
Die  oberen  Mucer  Schichten  stellen  dagegen  eine  großenteils  sehr 
regelmäßig,  mittelsteil  gegen  den  Berg  zu  fallende  Schichtmasse  dar. 
Die  wiederholte  Einschaltung  von  schmalen  tonigen  Zwischenlagen 
führt  zur  Aufspeicherung  des  Wassers  in  mehreren  Stockwerken  und 
—  soweit  jene  Tonlagen  durch  Auskeilung  oder  kleine  Verwürfe 
Unterbrechungen  erleiden  —  mag  es  auch  zur  Vereinigung  von  in 
benachbarten  Etagen  sich  sammelnden  Wässern  kommen. 

Das  von  den  Werfener  Schichten  aufgebaute  Talgehänge,  welches 
sich  nordwärts  vom  Polje  von  Muc  emporzieht  und  die  Südflanke  der 
südlichsten  Vorkette  der  Svilaja  bildet,  weist  eine  reiche  Gliederung 
auf.  In  seinen  aus  den  Kalkschiefern  bestehenden  höheren  Teilen 
entwickeln  sich  zahlreiche  Gräben,  aus  deren  Vereinigung  kleine 
Talschluchten  hervorgehen,  die  die  Zone  der  Tonschiefer  quer  durch- 
brechen und  in  dieser  letzteren  nehmen  auch  noch  kleine  Gehänge- 
nischen ihren  Ursprung.  Unter  den  schon  in  den  Ceratitenschichten 
zur  Entwicklung  kommenden  reichverzweigten  Gräben  sind  jene  des 
Radacabaches,   des  Zmievacbaches    und    des   Baches    von   Ki5ic    die 


[31]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  175 

bedeutendsten.  In  ihrem  Ostabschnitte  geht  die  Mucer  Ueberschiebung 
in  eine  Aufbruchsfalte  über.  Es  treten  dort  an  der  Grenze  der  unteren 
Werfener  Schiefer  gegen  das  überschobene  Tertiär  wieder  obere 
Werfener  Schiefer  auf  und  die  Zone  der  ersteren  erfährt  eine  bedeu- 
tende Verbreiterung.  Während  sie  in  der  Mucer  Gegend  nur  den 
Fußteil  des  nördlichen  Talgehänges  bildet,  weitet  sie  sich  ober  Neoriö 
zu  einem  von  dem  reichverzweigten  Talsystem  der  Milina  durchschnittenen 
Gelände  aus. 

Westwärts  vom  Durchbruche  des  Suvajabaches  trifft  man  im 
Bereich  der  unteren  Werfener  Schiefer  eine  Quelle  in  dem  Graben 
zwischen  Postinje  gornje  und  dem  Hügel  Leskovac.  Ihr  Wasser  fließt 
durch  ein  Geröllbett  dem  soeben  erwähnten  Bache  zu.  Im  Durch- 
bruchstale dieses  letzteren  ist  dort,  wo  es  die  Grenzzone  der  oberen 
und  unteren  Schiefer  quert,  ein  Quellchen  zu  bemerken.  Ziemlich 
reich  an  Quellen  ist  dann  der  Radacagraben,  welcher,  ehe  er  die 
unteren  steil  gestellten  Schiefer  schluchtartig  durchbricht,  eine  längere 
Strecke  nahe  der  Grenze  zwischen  den  unteren  und  oberen  Werfener 
Schichten  hinstreicht.  Am  Wege  von  Muc  nach  Topic  trifft  man  dort^ 
wo  er  den  eben  genannten  Graben  quert,  zwei  roh  ummauerte 
Quellchen,  die  in  einer  Störungszone  mit  örtlich  wechselndem  Schicht- 
fallen liegen.  Am  östlich  folgenden  Pfade  entspringt  gleich  neben  dem 
Bache  eine  ebenfalls  primitiv  gefaßte  Quelle  aus  steil  gegen  N  ein- 
fallendem Schieferkalk,  dem  eine  Tonschieferschichte  vorliegt,  ganz 
nahe  oberhalb  der  Stelle,  wo  das  Bachrinnsal  zum  erstenmal  (in  der 
Richtung  talab)  von  den  unteren  Werfener  Schichten  tangiert  wird. 
Das  obere  der  zwei  erstgenannten  Quellchen  zeigte  bei  einer  Messung 
im  April  7-78,  im  Juni  14-80;  das  untere  11-30  u.  13-00",  die  Quelle 
am  Bache  1030  und  11*45^  Die  letzteren  zwei  Quellen  konnten  so  als 
Stauquellen  erkannt  werden,  die  erstere  ergab  sich  als  eine  ober- 
flächliche Schuttquelle  zu  erkennen. 

Höher  oben  treten  nahe  dem  Ende  und  im  Innern  eines  links- 
seitigen Zweiges  des  Radacagrabens  kleine  Ueberfallquellen  aus  den 
oberen  Werfener  Schichten  aus.  Den  Ursprung  des  Radacabaches 
bildet  eine  Quelle,  welche  mittels  einer  vor  ungefähr  zehn  Jahren 
gebauten  Leitung  zur  Trinkwasserversorgung  von  Muc  dolnje  heran- 
gezogen wurde.  Sie  ist  in  der  Frühlings-  und  Herbstregenzeit  stark, 
im  Sommer  aber  kaum  imstande,  den  ganzen  Wasserbedarf  des  Dorfes 
zu  befriedigen.  Diese  Quelle  entspringt  schon  nahe  der  Grenze  der 
oberen  Werfener  Schiefer  gegen  die  Oltarnik-Schichten  und  es  mag 
sich  so  ihr  Wurzelgeflecht  wohl  noch  in  den  Bereich  dieser  letzteren 
erstrecken. 

An  dem  aus  unteren  Werfener  Schiefern  aufgebauten  Südhange 
des  Rückens,  welcher  den  Radacagraben  vom  Mucko  polje  trennt, 
entwickeln  sich  spärliche  Sickerwässer;  ein  unter  einer  Mauer  aus- 
tretendes Quellchen,  das  den  Wasserfaden  in  der  Gehängenische 
westlich  von  der  Mucer  Kirche  speist,  weist  durch  seine  Temperatur 
auf  einen  tieferen  Ursprung  hin.  Im  Graben  östlich  vom  Radacabache 
trifft  man  eine  hübsche  Quelle,  deren  Wasser  in  einen  Holztrog 
geleitet  ist.  (Temp.  um  Ende  Juni  12'82o.)  Das  in  der  Spezialkarte 
vermerkte  Quellzeichen  bei  Orlovic  bezieht  sich  auf  ein  kleines,  roh 


176  t)r.  Fritz  V.  Kerner,  [32] 

ausgemauertes,  wassererfülltes  Becken  am  Fuße  einer  steilen  Böschung, 
die  durch  die  Schichtköpfe  einer  mittelsteil  gegen  N  einschießenden 
Kalksteinbank  gebildet  wird. 

Die  zwischen  den  Kuppen  Oltarnik  und  Visovac  gelegene  Gehänge- 
strecke, woselbst  die  oberen  Werfener  Schiefer  ihre  größte  Mächtig- 
keit erlangen,  ist  das  Entwicklungsgebiet  mehrerer  kleiner  Ueberfall- 
quellen.  Sie  entspringen  in  verschiedenen  Höhenlagen  der  hier  weithin 
sehr  gleichmäßig  bergwärts  fallenden  Schichtmasse.  Aus  der  Vereinigung 
ihrer  über  zahlreiche  Schichtkopfstufen  in  kleinen  Kaskaden  zur  Tiefe 
eilenden  Abwässer  gehen  derZmijevac  potok  und  der  Mühlen  treibende 
Bach  bei  Kiele  hervor.  Zwischen  beiden  Bächen  tritt  schon  nahe  der 
Basis  der  oberen  Werfener  Schiefer  die  Cesmaquelle  aus  mittelsteil 
gegen  N  einfallenden  dünnplattigen  Kalkschiefern  aus. 

Das  Talsystem  der  Milina  im  östlich  verbreiterten  Abschnitte 
des  Aufbruches  der  Untertrias  ist  gleichfalls  ziemlich  wasserreich. 
In  den  Felseinschnitt,  in  welchem  der  Torrente  Milina  die  aus  eocänen 
Breccien  gebildete  Barre  zwischen  seinem  eigenen  Talboden  und  dem 
Mucko  polje  durchquert,  münden  rechts  zwei  Bachrinnsale,  die  das 
sich  in  dem  dort  über  den  unteren  Werfener  Schiefern  ausgebreiteten 
Schutte  sammelnde  Wasser  ableiten.  W'egen  ihrer  eigentümlichen 
Struktur  sehr  bemerkenswert  ist  die  oberhalb  des  Talbodens  der 
Milina  gelegene  Quelle  bei  Klacar.  Sie  entspringt  an  der  Grenze  der 
unteren  und  oberen  Werfener  Schiefer,  und  zwar  am  unteren  Ende 
eines  in  die  unteren  Schiefer  vorspringenden  Spornes  der  oberen 
Schiefer,  welcher  einer  lokalen  Knickung  im  Schichtstreichen  seine 
Entstehung  dankt.  Die  Schichten  fallen  rechterseits  mittelsteil  gegen 
WNW,  linkerseits  gegen  NO.  Das  Wasser  fließt  hier  so  gleichsam 
wie  über  den  Schnabel  einer  Kanne  aus  und  die  Quelle  verhält  sich 
hinsichtlich  ihrer  Struktur  zur  Grundform  der  Ueberfallquellen 
wie  eine  Schichtnischenquelle  zur  Grundform  der  absteigenden 
Schichtquellen.  Die  Beschränkung  des  Wasseraustrittes  auf  einen  Punkt, 
im  Gegensatze  zu  dessen  Ausdehnung  längs  einer  Linie,  ist  hier  schon 
im  tektonischen  Schema  vorgezeichnet,  während  sie  in  den  anderen 
Fällen  —  soweit  ein  zusammenhängendes  Kluftnetz  vorliegt  —  durch 
Ungleichheit  der  Denudation  bedingt  erscheint.  Denn  die  schematische 
Betrachtung  würde  bei  regelmäßiger  isoklinaler  Lagerung  Quellen- 
horizonte erwarten  lassen.  Da  der  erwähnten  Knickfalte  im  Relief 
ein  Abhangsrücken  entspricht,  ist  die  Quelle  beim  Gehöfte  Klacar 
zugleich  ein  Beispiel  der  verhältnismäßig  seltenen  Quellen,  welche  an 
Terrainvorsprüngen  austreten. 

Dieser  Quelle  südlich  gegenüber  ist  an  der  Straße  von  Mu6 
nach  Sinj  die  Quelle  „Za  putom"  gelegen.  Sie  tritt  über  sehr  steil  gegen 
ONO  einschießenden  graugrünen  und  braunen  Werfener  Schiefern 
aus,  ganz  nahe  der  Grenze  derselben  gegen  die  von  ihnen  steil 
überschobenen  Breccienkalke  des  Eocäns. 

Diese  in  einem  roh  ummauerten  Becken  gefaßte  Quelle  hatte 
bei  einer  in  der  zweiten  Junihälfte  vorgenommenen  Messung  die 
Temperatur  12*9.  Im  Anfangsstücke  des  Torrente  Milina,  welches 
auf  seiner  Südseite  von  einem  den  unteren  Werfener  Schiefern 
eingeschalteten  Kalkzuge  begleitet  wird,  befindet  sich   neben  einer 


•   [33] 


Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  177 


der  in  das  Bachbett  eingebauten  Talsperren  eine  ziemlich  reiche 
Quelle.  Sie  tritt  unter  Kalkfelsen  aus,  deren  Liegendschiefer  40« 
gegen  WNW  einfallen.  Sie  wies  im  Juni  eine  Temperatur  von  13-4o 
auf;  ein  noch  weiter  taleinwärts,  wo  die  Schichten  mehr  gegen  NNW 
geneigt  sind,  austretendes  Quellchen  zeigte  13'2o.  Der  gleichfalls  unter 
einer  Talsperre  gelegene  Ursprung  der  Milina  gab  sich  dagegen  durch 
seine  um  mehrere  Grade  höhere  Temperatur  als  ein  durch  die  ver- 
zweigten Wurzelgräben  ziemlich  oberflächlich  abgeführtes  Wasser  zu 
erkennen. 

Nach  ihrem  Austritte  in  das  Polje  von  Muc  streben  die  ver- 
schiedenen Bäche  und  Wasserfäden,  welche  sich  in  den  zahlreichen 
Gräben  des  Gebietes  der  unteren  Triasschiefer  entwickeln,  dem  süd- 
lichen Poljenrande  zu  ;  die  kleineren  verlieren  sich,  ehe  sie  denselben 
erreichen,  in  den  Alluvialschichten  des  Polje;  die  größeren  verschwinden, 
nachdem  sie  an  diesen  Rand  herangekommen  sind  und  ihm  eine  Strecke 
weit  gefolgt  sind,  in  Ponoren.  Ein  ähnliches  Verhalten  zeigt  auch 
der  Suvaja  potok,  welcher  schon  im  Gebiete  der  mittleren  Triasschichten 
nordwärts  von  der  Zone  der  Werfener  Schiefer  seinen  Ursprung 
nimmt.  Die  Bäche  der  Mucer  Gegend  ordnen  sich  hiebei  dreien 
verschiedenen  Abzugsgebieten  ein.  Dem  westlichen  gehören  der 
Suvajabach  und  die  Abwässer  der  westwärts  von  seinem  Durchbruchs- 
tale liegenden  Quellen  an.  Das  mittlere  umfaßt  alle  an  der  Gehänge- 
strecke vom  Suvajatale  bis  zum  Graben  des  Zmijevac  entspringenden 
schwachen  Wässer  und  den  Radacabach.  Dem  östlichen  fallen  der 
Zmijevac  potok  und  alle  abwärts  von  ihm  sich  entwickelnden  Bäche 
einschließlich  der  Milina  zu. 

Das  Geröllbett  der  Suvaja  quert  nach  seinem  Durchbruche  durch 
die  Schieferzone  das  Mucer  Polje  in  seiner  ganzen  Breite,  wendet 
sich  dann  in  rechtem  Winkel  gegen  West  und  endet  nach  Durch- 
messung der  Talenge  zwischen  dem  Mucer  Polje  und  dem  Polje  von 
Postinje  in  diesem  letzteren  ohne  Hauptponor.  Der  Radacabach  durch- 
quert nach  seinem  Austritte  aus  dem  Gebirge  gleichfalls  das  Mucko 
Polje  seiner  ganzen  Breite  nach,  biegt  dann  rechtwinklig  gegen  Ost 
um  und  verschwindet  in  einem  großen,  in  Nummulitenkalk  eingetieften 
Ponor  vor  der  Mündung  der  Berina  Draga.  Der  Zmijevac  potok 
wendet  sich  nach  seinem  Eintritte  in  die  Mucer  Ebene  gegen  SO 
und  stürzt  sich  in  einen  großen  nordostwärts  von  Mosek  liegenden 
Felstrichter,  welcher  in  eocäne  Breccien  eingesenkt  ist.  Die  Milina 
erfährt  bei  ihrem  Eintritte  in  den  verbreiterten  östlichsten  Teil  des 
Mucer  Poljes  eine  Gabelung.  Ihr  Hauptast  zieht  sich  in  geschlängeltem 
Verlaufe  nach  SW  und  biegt,  nachdem  er  den  Südrand  des  Poljes 
bei  Muc  pod  glavicom  erreicht  hat,  gegen  NW  um,  um  im  soeben 
genannten  Ponor  zu  versinken.  Ihr  Seitenast  läuft  gegen  S  und  findet 
in  der  südlichen  Aussackung  des  Mucer  Poljes  zwischen  Veic  und 
Verdoljak  sein  Ende. 

Die  im  Bereich  der  oberen  Werfener  Schichten  sich  entwickelnden 
Rinnsale  der  Radaca,  des  Zmijevac  und  des  Baches  bei  Kicic  führen 
während  der  nassen  Jahreszeiten  beim  Verlassen  des  Gebirges  wol 
ständig  etwas  Wasser.  Nach  heftigen  Regen  schwellen  sie  an  und 
erreichen  dann  ihre  Schlucklöcher.  Die  Milina,  welche  großenteils  aus 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Eeichsanstalt,  191(3,  eB.  Band,  2.  Heft.  (F.  v.  Keiner.)  24 


178  D'-  F"*'^  ^'-  Kerner.  [34] 

dem  Gebiete  der  unteren  Werfener  Schichten  kommt,  ist  von  geringerer 
relativer  Beständigkeit,  erfährt  aber  durch  Regengüsse  eine  noch 
stärkere  und  raschere  Speisung. 

Die  Quellen  des  Suvajatales. 

Außer  den  vielen  kleinen  Gräben,  welche  das  Gehänge  auf 
der  Nordseite  des  Poljes  von  Muc  durchfurchen  und  ganz  in  den 
Bereich  der  Werfener  Schiefer  fallen,  mündet  in  dieses  Polje  auch  ein 
Bachbett,  welches  aus  dem  hinter  der  südlichsten  Vorkette  der 
Svilaja  gelegenen  Gelände  kommt.  Es  bildet  dieses  Bett  die  Abzugs- 
rinne eines  reich  verzweigten  Talsystemes,  das  sich  zwischen  dem 
Kamm  des  Visovac  und  der  dem  Plisevicarücken  südwärts  vorgelagerten 
Terrasse  parallel  zum  Mucer  Polje  in  W — 0-Richtung  erstreckt.  Von 
dem  in  seiner  westlichen  Verlängerung  gelegenen  Vrbatale  und  von 
der  in  seiner  östlichen  Fortsetzung  liegenden  Topla  Draga  wird  es 
durch  flache  Bodenwellen  geschieden. 

Dieses  reichverzweigte  Tal,  das  Suova-  oder  Suvajatal,  liegt 
innerhalb  der  sehr  verschieden  ausgebildeten  mittleren  Triasschichten 
der  Svilaja  und  zeigt  so  eine  wechselvolle  geologische  Beschaffenheit. 
Sein  an  den  Durchbruch  durch  die  Werfener  Schiefer  sich  zunächst 
anschließender  Teil  ist  ganz  im  Dolomit  gelegen.  Hier  ist  entsprechend 
der  dem  Dolomitgelände  eigenen  Neigung  zur  Zertalung  eine  Schlän- 
gelung der  Haupttalrinne  und  eine  wiederholte  Abzweigung  von  sich 
verästelnden  verschieden  großen  Seitengräben  vorhanden.  Weiter  ost- 
wärts treten  innerhalb  des  Dolomites  kleine  Klippen  und  stockförmige 
Massen  von  weißem  Kalke  auf  und  über  die  Höhen  auf  der  Süd- 
seite des  Tales  streicht  ein  Zug  von  dunklem  Schieferton  und  Horn- 
steinkalk,  die  einen  Teil  des  Muschelkalkes  bildenden  Duvinaschichten. 
Die  Talrinne  und  ihre  Seitenäste  sind  auch  hier  vorwiegend  im 
Dolomit  gelegen.  Die  weißen  Klippenkalke  bilden  zwischen  ihnen  kleine 
Inseln  mit  verkarsteten  Geländeformen.  Der  oberste  Abschnitt  des 
Suvajatales  ist  in  den  innerhalb  der  Mueer  Trias  auftretenden  Zug 
von  Augitporphyrit  und  in  die  ihm  aufgelagerte  Serie  von  Tuffgesteinen 
eingeschnitten.  Die  Wasserscheide  gegen  das  Polje  von  Muc  tritt 
hier  dem  das  nordseitige  Gehänge  bildenden  Terrassenabfall  näher. 
Das  Bachbett  hat. in  diesem  so  verengten  obersten  Talabschnitte  einen 
nur  sehr  schwach  gewundenen  Verlauf  und  gabelt  sich  dann  in  zwei 
Aeste,  deren  südlicher  in  den  vom  Porphyrite  überdeckten  Dolomit 
eindringt. 

Die  Quellen  des  Suvajatales  gehören  dreien  verschiedenen 
Typen  an.  In  seinem  unteren,  ganz  im  Dolomit  gelegenen  Teile  kommt 
es  nur  zur  Sammlung  schwacher  Sickerwässer  in  den  Mulden,  wo 
gelockertes  und  schon  zu  Schutt  zerfallenes  Gestein  noch  frischem 
unzerklüftetem  in  einiger  Mächtigkeit  aufruht.  Hieher  sind  wohl  die 
zwei  in  der  Spezialkarte  vermerkten  Quellen  zu  zählen.  Jene  bei  den 
Hütten  von  Vrancovic  ist  eine  Lokva,  jene  bei  der  Hüttengruppe 
Smolcic  ein  Bunar.  Ueber  die  Schwankungen  des  Anteiles,  den  wohl 
das  Regenwasser  an  der  Speisung  dieser  beiden  Wasserbezugsstellen 
haben  dürfte,  wurde  von  mir  nichts  ermittelt. 


[35]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  179 

Im  mittleren  Teile  des  Suvajatales  finden  sich  drei  schwache 
Quellen,  die  dem  Auftreten  der  Schiefertone  am  südlichen  Talgehänge 
ihr  Dasein  verdanken :  Die  Quelle  Maslaze,  die  Quelle  Duvina,  welche 
diesen  Gesteinen  und  ihren  Hangendschichten  ihren  Lokalnamen 
gegeben  hat  und  eine  unbenannte  Quelle  östlich  von  der  vorigen. 
Diese  Quellen  entspringen  in  drei  kleinen  nebeneinander  liegenden 
Gräben,  welche  in  die  Zone  der  mittelsteil  gegen  N  einfallenden 
Duvinaschichten  eingefurcht  sind  und  durch  die  diese  Schichten  unter- 
teufenden dolomitischen  Kalke  südwärts  abgeschlossen  werden.  Die 
Quelle  Maslaze  befindet  sich  fast  an  der  Grenze  feinblättriger  Schiefer- 
tone gegen  ihnen  aufruhende  knollige  Kalkschiefer  (Schichtfallen 
hier  45"),  die  Quelle  Duvina  entspringt  schon  im  Bereich  der  dünn- 
bankigen  grauen  Knollenkalke  im  Hangenden  der  dunkelroten  Schiefer- 
tone. (Einfallen  hier  30—35".) 

Da  in  kataklinalen  Taleinschnitten  jüngere  Glieder  einer  Schicht- 
folge neben  und  nicht  über  älteren  liegen,  handelt  es  sich  hier  selbst- 
redend nicht  um  absteigende  Schichtquellen  an  einer  Kalkschiefer- 
grenze. Man  müßte,  insofern  man  die  in  Rede  stehenden  Quellen 
nur  als  Gesteinsquellen  betrachtet,  an  einen  Rückstau  des  in  die  mehr 
kalkig  klüftigen  Bänke  eindringenden  Wassers  hinter  tonigen  undurch- 
lässigen Zwischenlagen  denken.  Vermutlich  hat  man  es  zu  nicht 
geringem  Teile  mit  sich  ziemlich  oberflächlich  sammelndem  Quellwasser 
zu  tun.  Den  Schiefertonen  der  unteren  Duvinaschichten  sind  viele 
Lagen  von  Knollenmergel,  Knollenkalk  und  klüftigem  Kalkschiefer 
eingeschaltet,  deren  Verwitterungsschutt,  wo  er  nicht  viel  mit  Lehm- 
eluvium der  Schiefertone  vermengt  ist,  sich  einen  mäßigen  Grad  von 
Durchlässigkeit  bewahren  mag;  und  innerhalb  der  Gräben  dürfte  es 
zu  reicherer  Zusammenschwemmung  solchen  Schuttes  kommen.  Es 
wären  dann  zwar  räumlich  ziemlich  beschränkte  Sammelgebiete  an- 
zunehmen; es  handelt  sich  hier  aber  auch  nur  um  schwache  Quellen. 

Für  die  hier  gegebene  Erklärung  sprechen  auch  die  bei  denselben 
gefundenen  großen  Temperaturwechsel.  Die  Quelle  Maslaze  zeigte 
vor  Ende  April  7*20,  um  Mitte  Juni  13*42,  die  Quelle  Duvina  bei 
der  ersten  Messung  914,  bei  der  zweiten  13*40o.  Aus  dem  Innern 
des  Kalkzuges,  welcher  die  Schiefertone  unterteuft,  dürften  die  eben 
genannten  Quellerf  kaum  einen  merklichen  Wasserzufluß  haben.  Das 
sich  dort  sammelnde  Wasser  mag  wohl  leichter  auf  Kluftwegen  gegen 
Süden  absinken  als  über  die  Barre  der  Schiefertone  gegen  Nord 
überfließen  können. 

Im  Anfangsstücke  des  Suvajatales  triffst  man  eine  Anzahl  kleiner 
Quellen  an  der  südlichen  Tallehne.  Sie  treten  teils  aus  den  dort 
aufgeschlossenen  Tuffen,  teils  an  deren  Basis  über  dem  Augitporphyrit 
aus.  Die  Felsmassen  des  letzteren  sind  oberflächlich  stark  zersprungen 
und  gelockert  und  viele  dieser  Sprünge  mögen  sich  noch  etwas  in  das 
Gesteinsinnere  fortsetzen.  Unter  den  sehr  mannigfaltig  ausgebildeten 
Deckschichten  des  Porphyrites  zeichnen  sich  die  grünen  Tuffe  und 
grauen  Kieselschiefer  durch  große  Härte  aus  und  zersplittern  ober- 
flächlich leicht  in  scharfkantige  messerförmige  Stücke.  Andere  Glieder 
dieser  Tuffserie  sind  weicher  und  zerbröckeln  oft  zu  eckigen  Krüm- 
mein und  zu  mörtelähnlichem  Schutte.  Diese  letzteren  Gesteine  sind 

24* 


180  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [36] 

ob  ihres  größeren  Tongehaltes  im  frischen  Zustande  undurchlässig, 
während  die  splittrigen  kieselreichen  Tuffe  und  die  mitvorkommenden 
plattigen  Hornsteinkalke  bis  in  einige  Tiefe  von  wenn  auch  feinen 
Sprüngen  durchsetzt  sein  mögen. 

Bei  den  Quellen  im  obersten  Suvajatale  wird  so  Wasserrückstau 
in  zerklüfteten  Gesteinen  hinter  undurchlässigen  Schichten  eine  Rolle 
spielen.  Daneben  dürfte  allerdings  auch  Wassersammlung  in  durch- 
lässigem Schutte  über  undurchlässigem  Grunde  in  Betracht  kommen, 
da  die  Zersplitterung  der  harten  Tuffbänke  zur  Bildung  solchen  Schuttes 
führt.  ,Die  Fassung  mehrerer  der  hierhergehörigen  Quellen  in  Form 
roh  ummauerter  Quellschachte  deutet  wohl  auf  längeres  Durchhalten 
der  Wasserführung  hin  und  ein  solches  spricht  gegen  bloße  Wasser- 
sammlung im  Verwitterungsschutte  kleiner  Mulden. 

Als  erstes  Glied  der  Quellenreihe  im  obersten  Suvajatale  trifft 
der  von  Westen  Kommende  die  Zukvaquelle,  ein  viereckiger 
Brunnenschacht,  an  der  Grenze  toniger  Schichten  gegen  Kieselkalke 
gelegen.  Dann  folgt  die  Quelle  Bukovaca,  ein  roh  ummauerter 
Schacht  mit  vorgelagerter  algenerfüllter  Lacke.  Sie  liegt  in  einer 
Wiese  mit  verstreutem  Schutte  am  Fuße  eines  grasigen  Hanges,  unter 
welchem  sich  der  Porphyrit  verbirgt.  An  einer  weiter  ostwärts  folgen- 
den Stelle,  wo  die  mittelsteil  gegen  N  einfallenden  Schichten  über 
dem  Effusivgesteine  besser  aufgeschlossen  sind,  erkennt  man,  daß 
das  Wasser  aus  den  grauen  Hornsteinbänkchen  austritt,  welche  die 
weißen  tonigen  Lagen  unter  den  grünen  Tuffen  vom  Augitporphyrite 
trennen.  Hat  es  dort  den  Anschein,  daß  die  Hornsteinbänke  und  der 
Porphyrit  infolge  oberflächlicher  Zerklüftung  die  Wassersamraler  seien, 
sieht  man  an  einem  anderen  Orte,  wo  die  Talrinne  den  Porphyrit 
durchschneidet  und  die  Grenze  gegen  dessen  Deckschichten  an  einer 
Böschung,  welche  die  Köpfe  dieser  Schichten  bloßlegt,  aufgeschlossen 
ist,  an  jener  Grenze  auch  ein  Wässerchen  austreten,  das  hier  wie 
eine  Ueberfallquelle  mit  dem  Porphyrit  als  stauender  Barre  erscheint. 
Es  liegt  hierin  nichts  Ungereimtes,  denn  erstlich  kann  ein  zur  Zer- 
klüftung neigendes  Gestein  gelegentlich  doch  eines  hydrologisch  wirk- 
samen Kluftnetzes  entbehren,  und  zweitens  hängt  die  Rolle,  welche 
ein  Gestein  bei  der  Quellbildung  spielt,  sehr  vom  vorhandenen 
Verhältnisse  zwischen  Zu-  und  Abfuhrmöglichkeiten  ab,  so  daß,  wenn 
letztere  aus  einem  Grunde  kleiner  werden,  auch  über  durchlässigem 
Boden  Wasser  ausfließen  muß. 

Beim  Weiterwandern  gegen  Ost  gelangt  man  bei  drei  Bäumen 
zu  einem  Rieselwasser  aus  sehr  steil  gegen  NNO  geneigten  Schichten 
und  dann  zu  einem  Quellchen,  das  wieder  hinter  mittelsteil  gegen 
NO  einfallenden  Hornsteinkalken  am  Nordrande  des  Porphyritzuges 
hervorkommt.  Am  weitesten  gegen  Ost  vorgeschoben  und  schon  in  der 
Nähe  der  flachen  Wasserscheide  gegen  die  Cetina  gelegen  ist  die 
Quelle  Rabrovac.  Sie  liegt  schon  nahe  dem  Ostende  des  Porphyrit- 
zuges und  der  ihm  aufruhenden  Schichten,  welche  hier  45°  N  vers  0 
einfallen  und  —  wie  weiter  im  Westen  —  aus  verschiedenen  Tuff- 
gesteinen und  aus  Hornsteinkalk  bestehen.  Die  Quelle  entspringt  am 
Ausgange  einer  mit  begrastem  Eluvialschutte  erfüllten  flachen  Mulde 
und  es  mag  bei  ihrer  Speisung  Sickerwasser  aus  den  oberflächlichen 


[37]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  181 

Bodenschichten  einen  größeren  Anteil  nehmen  als  bei  den  vorher 
genannten  Quellen.  Dafür  spricht  die  hohe  Temperatur  lö-?",  welche 
diese  Quelle  um  Mitte  Juni  aufwies.  Im  Frühjahre  waren  die  Quellen- 
temperaturen im  obersten  Suvajatale  jenen  im  mittleren  Talabschnitte 
ähnlich.  Die  Quelle  Bukovaca  zeigte  8-58o,  ^[q  Zukvaquelle  7'58o. 
Auffallend  kalt,  6-4^,  war  die  vorhin  erwähnte  Ueberfallquelle  im 
Durchbruche  der  Suvaja  durch  den  Porphyrit. 

Die  angeführten  Quellen  sind  auch  in  den  regenreichen  Monaten 
zu  schwach,  um  dann  eine  dauernde  Speisung  des  Rinnsales  der 
Suvaja  zu  erzielen.  Dasselbe  ist  gewöhnlich  großenteils  ganz  trocken 
oder  nur  kleine  Lacken  und  Pfützchen  führend.  Nach  starken  Regen- 
güssen sieht  man  es  aber  in  seinem  Mittel-  und  Unterlaufe  von 
einem  Bache  durchrauscht,  welcher  aus  den  Gräben  des  Dolomit- 
gebietes reichlich  genährt  wird  und  es  ist  dann  die  gleich  oberhalb 
des  Durchbruches  durch  die  Werfener  Schiefer  gelegene  Talstrecke, 
welche  sich  zwischen  mit  Föhrenwald  bedeckte  Kuppen  hindurch- 
windet, von  landschaftlichem  Reize. 

Die  Quellen  des  Sutinatales. 

Die  Sutina,  in  ihrem  Unterlaufe  Karakaäica  genannt,  ist  der 
einzige,  zwar  nicht  durch  Wasserfülle,  aber  durch  die  Länge  seines 
Laufes  bemerkenswerte  rechtsseitige  Zufluß  der  Cetina.  Ihr  Unter- 
lauf liegt  ganz  im  Bereich  der  kleinen  Ebene,  die  von  der  Cetina 
vor  ihrem  Eintritte  in  das  Sinjsko  Polje  durchflössen  wird;  der 
übrige  Teil  ihres  Laufes  liegt  in  einem  manche  landschaftliche  Reize 
aufweisenden  Tal,  welches  in  der  ostnordöstlichen  Verlängerung  des 
in  das  Mucko  polje  mündenden  Tälchens  der  Milina  gelegen  ist  und 
von  diesem  durch  ein  schmales  Joch  geschieden  wird. 

Dieses  Tal  zerfällt  in  zwei  sehr  formverschiedene,  ungefähr 
gleich  lange  Teile,  in  einen  weiten  »S-förmig  gewundenen  unteren 
Teil  mit  wohlentwickelter  Sohle  und  in  einen  fast  geradlinigen  oberen 
Teil  von  schluchtartigem  Aussehen.  Der  erstere  liegt  zwischen  dem 
Vucjak,  dem  östlichsten  Gebirgsvorbaue  der  Svilaja,  und  dem  Hügel- 
lande von  Sinj ;  der  letztere  schiebt  sich  zwischen  die  Bukova,  den 
östlichen  Eckpfeiler  der  südlichsten  Vorkette  der  Svilaja,  und  den 
schroffen  Kamm  der  Visosnica  ein.  Der  breite  untere  Talabschnitt 
hat  außer  mehreren  kleinen  Seitengräben  rechts  eine  größere  Aus- 
sackung, das  Tälchen  von  Sladoja,  auf  dessen  linker  Seite  sich  der 
Zugang  zu  einer  zweiten,  fast  kreisförmigen  Ausweitung,  dem  Tal- 
kessel von  Lucane  befindet.  An  der  Grenze  beider  Talabschnitte 
zweigt  links  eine  bedeutende  Schlucht  ab,  die  zwischen  dem  Kamm 
der  Bukova  und  den  südlichen  Vorhöhen  der  Plisevica  eindringt. 
Diese  Schlucht,  die  Topla  Draga,  zieht  sich  westwärts  bis  zu  jenem 
nordwärts  von  der  Bukova  gelegenen  flachen  Sattel  hinan,  an  dessen 
Westseite  das  Suvajatal  seinen  Anfang  nimmt. 

Im  Sutinagebiete  treffen  die  beiden  großen  innerdalmatischen 
Aufbrüche  auf  einander,  das  östliche,  dinarisch  streichende  Spalten- 
tal der  oberen  Cetina  und  die  große,  einen  gegen  SW  konvexen 
Bogen  bildende  westliche  Spalte,  welche  über  mehrere  hydrographisch 


1^2  I>r.  Fritz  v.  Kerner.  [38J 

getrennte  Einschnitte  hinwegsetzt,  zuerst  zweien  seitlichen  Zuflüssen 
der  Kerka,  dann  dem  Laufe  der  oberen  Cikola  und  Vrba  und  weiter- 
hin dem  eines  oberirdischen  Abflusses  entbehrenden  Mucer  Polje 
folgend.  Der  untere  Teil  des  Mittellaufes  der  Sutina  fällt  schon  in 
den  Bereich  der  östlichen  Spalte,  welche  in  der  Gegend  von  Sinj  die 
der  obersten  Dyas  zuzurechnenden  Rauhwacken  und  Gipse  bloßlegt. 
Die  Schlucht  der  oberen  Sutina  und  die  Topla  Draga  sind  dagegen 
in  den  östlichsten  Teil  der  Mueer  Triasschiefer  und  Dolomite  ein- 
geschnitten. Der  obere  Teil  des  mittleren  Verlaufsstückes  der  Sutina, 
das  Tälchen  von  Sladoja  und  das  Talbecken  von  Lucane  sind  mit 
Neogenschichten  erfüllt. 

Gleich  unterhalb  der  Kuppe  Bukova  liegt  auf  der  Sattelfläche, 
welche  das  Suvajatal  vom  Sutinatal  scheidet,  die  Quelle  B  ölet  ovo. 
Sie  entspringt  am  Westrande  des  Zuges  von  unteren  Duvinaschichten, 
welcher  dem  Südhange  des  Bukovarückens  folgt.  Diese  Schichten 
fallen  hier  40 — 50"  steil  gegen  N  und  gliedern  sich  in  eine  untere 
Zone  von  dunkelroten  blättrigen  Schiefertonen,  eine  mittlere  Lage 
von  rötlichen  und  grünlichen  Knollenkalken  mit  tonigeu  Einschaltungen 
und  in  eine  obere  Zone  von  braunvioletten  engklüftigen  Tonschiefern 
und  Mergeln.  Die  Boletovoquelle  bringt  die  in  den  mittleren  kalkigen 
Lagen  und  in  deren  Verwitterungsschutte  sich  ansammelnden  Wässer 
an  den  Tag.  Sie  ist  entsprechend  ihrem  beschränkten  Nährgebiete 
eine  schwache  Quelle  und  mehr  wegen  ihrer  hohen  Lage  in  nächster 
^ähe  einer  Bergkuppe  bemerkenswert.  Der  Oberflächlichkeit  entspricht 
auch  ihre  große  Temperaturbewegung.  Sie  zeigte  im  Frühlinge  7'64o, 
im  Sommer  14-40;  immerhin  zählt  sie  zu  jenen  Austritten  von  Sicker- 
wasser, welchen  seitens  der  Eingebornen  eine  Fassung  in  einem  roh 
ummauerten  Quellschachte  zu  teil  wurde. 

Ein  Quellchen  von  ganz  ähnlicher  Entstehungsweise  findet  sich 
am  östlichen  Ende  des  genannten  Zuges  von  Duvinaschichten,  einige 
hundert  Meter  westlich  von  der  Kuppe  oberhalb  Botarello.  Auch  hier 
tritt  Wasser  an  den  Tag,  das  sich  in  einer  beiderseits  von  undurch- 
lässigem Schieferton  flankierten  schmalen  Zone  von  mittelsteil  gegen 
NNO  einfallenden  Sandsteinschiefern  talabwärts  bewegt.  Gegenüber 
dieser  Stelle  ist  auf  der  Nordseite  der  tief  eingeschnittenen  Topla 
draga  unweit  von  Skaro  stan  bei  einer  dort  befindlichen,  weithin 
sichtbaren  Baumgruppe  ein  kleiner  Quelltümpel  vorhanden;  an- 
scheinend eine  Ueberfallquelle  in  den  dort  auskeilenden  plattigen 
Sandsteinen  und  Hornsteinschichten,  welche  den  Abschluß  der  Trias 
in  Nordosten  von  Muc  bilden  und  vermutlich  schon  dem  Raibler 
Horizonte  zuzurechnen  sind. 

In  den  drei  in  obere  Werfener  Schichten  eingefurchten  kleinen 
Runsen  auf  der  Südseite  der  Bukova  erscheinen  schwache  Wasserfäden, 
durch  deren  Zusammentritt  das  in  der  Tiefe  der  Lipova  draga  zur  Sutina 
abfließende  Bächlein  entsteht.  In  den  Gräben  auf  der  Ostseite  des 
ganz  aus  unteren  Werfener  Schiefern  aufgebauten  Scheiderückens 
zwischen  Milina  und  Sutina  bemerkt  man  nur  nach  Regenwetter  ober- 
flächliche Gerinsel.  Dagegen  ist  unterhalb  jeuer  Gräben  in  der  Schlucht 
der  Sutina  ein  Quellchen  anzutreften,  das  in  steil  gegen  N  einfallen- 
den Schichten  aus  einem  kleinen  Felsbecken  kommt.  Dieses  Quellchen 


[39]  Quellengfologie  von  Mitteldalmatien.  183 

zeigte  im  Frühsommer,  als  viele  höher  gelegene  Quellen  der  Mucer 
Gegend  schon  Temperaturen  von  12 — 14°  aufwiesen,  nur  10'82o.  Es 
entspringt  allerdings  am  Fuße  eines  gegen  0  geneigten,  von  dichtem 
Buchenwald  beschatteten  Abhanges,  doch  ist  es  wohl  nicht  oberfläch- 
licher Entstehung  und  vielleicht  durch  Wasserstau  in  zwischen  Ton- 
schiefern eingeschalteten  Sandsteinschichten  bedingt. 

Von  den  rechtsseitigen  Wurzeln  der  Talschlucht  der  Sutina 
sind  zwei  von  den  Abwässern  kleiner  Quellen  durchrieselt,  bei  denen 
man  am  Wege  von  Muc  nach  Sinj  vorbeikommt.  Die  eine  liegt  gleich 
neben  der  Mucer  Ueberschiebungslinie  am  östlichen  Ende  des  aus 
oberen  Werfener  Schiefern  aufgebauten  Hügels,  der  die  Straße  bei 
ihrem  Uebertritte  aus  dem  Tale  der  Milina  in  das  der  Sutina  nord- 
wärts begleitet.  Sie  tritt  an  der  Grenze  grünlicher,  50°  gegen  NNO  ein- 
fallender Kalkschiefer  gegen  dunkelrote  touige  Schiefer  aus  und  hat  drei 
Ursprungsstellen.  Der  unter  einem  vom  südlich  benachbarten  Gebirge 
abgestürzten  Kalkblocke  gelegene  Ursprung  speist  einen  an  der  Straße 
stehenden  Tränkbrunnen  mit  Steintrog.  Die  Temperatur  dieses  Quell- 
astes war  im  Frühlinge  908,  im  Sommer  12-56.  Die  andere  Quelle 
liegt  700  m  weiter  östlich,  dicht  unterhalb  der  Straße  und  ist  in  einer 
kleinen  roh  ummauerten  Brunnstube  gefaßt.  Auch  sie  entspringt  nahe 
unterhalb  der  Mucer  Ueberschiebung  noch  im  Bereich  der  Trias- 
schichten. Gleich  oberhalb  der  Straße  stehen  tiefgraue  Kalke  der 
unteren  Werfener  Schichten  mit  steilem  südlichem  Verflachen  an. 
Weiter  oben  folgen  —  durch  eine  schmale  schuttbedeckte  Schiefer- 
zone von  ihnen  getrennt  —  Kalkbreccien  der  Prominaschichten.  Die 
Werfener  Schiefer  unterhalb  der  Straße  fallen  steil  gegen  NNO.  Diese 
Quelle,  genannt  Strmica,  ist  gleich  der  vorigen  als  Stauquelle  zu 
deuten.  Sie  zeigte  bei  einer  Messung  kurz  vor  Mitte  Juni  11*96^,  bei 
einer  in  einem  anderen  Jahre  kurz  nach  Mitte  dieses  Monates  ge- 
machten Messung  11-58°. 

Nach  ihrem  Austritt  aus  den  unteren  Werfener  Schiefern  quert 
die  Schlucht  der  Sutina  steil  gegen  SSW  einfallende  obere  Werfener 
Schichten  und  kommt  dann  in  ein  Bruchgebiet  zu  liegen,  wo  eine 
Scholle  von  Triasdolomit  zwischen  Oltarnik-  und  Werfener  Schichten 
eingesunken  erscheint.  Die  Talschlucht  folgt  nach  Querung  eines 
dislozierten  Zuges  von  wackigen  und  brecciöseu  Oltarnikgesteinen  einer 
Grenze  zwischen  oberen  und  unteren  Werfener  Schichten,  erstere  zur 
Linken,  letztere  zur  Rechten  lassend.  Die  grünlichgrauen  Kalkschiefer 
am  linken  Bachufer  sind  steil  gestellt  und  stark  verdrückt  und  stoßen 
scharf  an  Dolomiten  ab,  welche  das  Gehänge  oberhalb  der  Uferfelsen 
bilden.  In  der  Mitte  ist  diese  durch  ihre  Schärfe  ausgezeichnete  Ver- 
werfungslinie durch  Dolomitschutt  überdeckt,  weiter  taleinwärts  und 
talauswärts  aber  deutlich  sichtbar.  Am  unteren  Rande  der  Schuttmasse 
entspringt  eine  schöne  und  sehr  kräftige  Quelle.  Ihr  Wasser  sprudelt, 
in  viele  Fäden  zerteilt,  über  reich  mit  Moos  bewachsene  Tuffabsätze 
und  stürzt  dann  über  die  Schichtköpfe  der  steil  aufgerichteten,  parallel 
zum  Ufer  streichenden  Kalkschiefer  in  das  Sutinabett  hinab. 

Diese  prachtvolle  Quelle,  welche  in  der  Spezialkarte  nicht  ver- 
zeichnet ist  und  deren  Name  mir  unbekannt  blieb,  stellt  streng  formell 
die  Vereinigung  einei:  Verwerfungsquelle  mit  einer  Schuttgrundquelle 


Ig4  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [40] 

dar,  doch  ist  die  letztere  Formbestimmung  nebensächlich  und  so  die 
Quelle  vornehmlich  als  schönes  Beispiel  der  in  unserem  Gebiete  wenig 
zahlreichen  an  Störungslinien  gebundenen  Quellen  anzuführen.  Gegen- 
über den  tonreichen  Zwischenlagen  der  oberen  Werfener  Schichten 
ist  der  Triasdolomit  gewiß  das  für  Wasser  durchlässigere  Gestein. 
Er  bleibt  deswegen  aber  doch  an  sich  eine  wenig  durchlässige  Fels- 
art, und  wenn  ihm  hier  eine  reiche  Quelle  entströmt,  so  ist  dies  wohl 
durch  örtlich  stärkere  Kluft-  und  Spaltenbildung  im  zertrümmerten 
Gesteine  einer  Störungszone  zu  erklären.  Die  Temperatur  dieser 
Quelle  war  bei  einer  Messung  um  Mitte  Juni  12-70o.  Unweit  der- 
selben entspringt  dort,  wo  die  scharfe  Grenze  zwischen  Kalkschiefer 
und  Dolomit  auf  kurze  Strecke  im  Rinnsale  der  Sutina  verläuft,  aus 
einer  Dolomitspalte  ein  Quellchen. 

Am  sehr  steilen  rechtsseitigen  Hange  der  Bachschlucht  streicht 
hoch  über  ihr  die  Mucer  Ueberschiebung  weiter.  Ihr  Liegendflügel 
wird  hier  durch  die  steil  aufstrebende,  aus  Rudistenkalk  bestehende 
Nordseite  der  Visosnica  dargestellt.  Zu  Füßen  derselben  ziehen  sich 
Schutthalden  hin,  welche  sich  über  die  den  Kalken  angeschobenen 
Werfener  Schiefer  breiten  und  an  einer  Stelle  bis"  zur  Straße  hinab- 
reichen. Diese  Halden  sind  von  mehreren  Einrissen  durchzogen,  in 
welchen  die  sich  unter  dem  Schutte  auf  der  Schieferoberfläche  sammeln- 
den Sickerwässer  abgeleitet  werden.  Da  man  in  diesen  Einrissen  aber 
selbst  nach  längerer  Trockenheit  noch  etwas  Wasser  rieseln  sieht, 
wäre  es  denkbar,  daß  es  sich  hier  zum  Teil  auch  um  Wasser 
handelt,  welches  in  isolierten  Kalkklüften  hinter  den  Werfener 
Schiefern  zur  Anstauung  kam.  Im  Falle  eines  allgemeinen  Zusammen- 
hanges der  Kluftnetze  wäre  jedoch  die  Ueberschiebungslinie  an  der 
Nordseite  der  Visosnica  viel  zu  hoch  gelegen,  um  zur  Bildung  von 
Ueberfallquellen  Anlaß  geben  zu  können. 

Talabwärts  von  der  Tuffquelle  besteht  das  linkerseits  der  Sutina 
aufsteigende  Gebirge  aus  Triasdolomif  und  dann  bis  gegen  das  Ende 
der  schluchtartigen  Talstrecke  aus  Muschelkalk,  während  zur  Rechten 
die  Mucer  Ueberschiebung  in  geringerer  Höhe  als  früher  (hier  unter- 
halb der  Straße)  fortstreicht.  Das  Bachbett  kommt  noch  in  den  Trias- 
dolomit und  Triaskalk  zu  liegen.  Aus  den  in  das  Dolomitgebirge  ein- 
geschnittenen Schluchten  empfängt  die  Sutina  zwei  unbedeutende  Zu- 
flüsse. Im  Tobel  unter  Botarello  entspringt  zu  Zeiten  mittleren  Wasser- 
standes etwa  120  m  von  der  Schluchtmündung  entfernt  aus  Schutt  ein 
klares  Wässerchen,  das  allmählich  sich  verstärkend  über  mehrere  das 
Bachbett  querende  Felsbarren  zur  Sutina  hinabeilt.  In  dem  weiter 
ostwärts  eingeschnittenen  Tobel  entwickelt  sich  auch  einige  hundert 
Schritte  oberhalb  seiner  Mündung  eine  Wasserader,  die  aber  nach  an- 
fänglicher Verstärkung  wieder  schwächer  wird.  Man  hat  es  hier  mit  Quell- 
bildungen zu  tun,  die  durch  oberflächliche  Zertrümmerung  eines  in 
der  Tiefe  wenig  zerklüfteten  Gesteines  bedingt  sind.  Am  gegenüber- 
liegenden Gehänge,  wo  unter  vielem  Schutte  nochmals  Werfener 
Schiefer  sichtbar  werden,  trifft  man  mehrere  kleine  Quellen,  welche, 
wie  die  früher  genannten,  an  der  südlichen  Schluchtseite,  als  Schutt- 
grundquellen aufzufassen  sind.  Ein  kleiner  Quelltümpel  liegt  im  Graben 
westlich  von  dem  Hause  Djpalo   neben  einer  Pyramidenpappel,    zwei 


[41]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  185 

Quellcheii  entspringen  in  dem  östlich  benachbarten  Graben  unterhalb 
des  Straßenknies,  das  stärkere  im  Wasserrisse,  das  schwächere 
unweit  davon  in  einem  kleinen  Becken  neben  einer  Weide. 

Beim  Eintritte  der  Sutina  in  das  Gebiet  der  jungtertiären 
Schichten  erfährt  der  Formenschatz  der  Quellen  ihrer  Zuflüsse  eine 
Bereicherung.  Zu  den  bisher  erwähnten  Quellformen  treten  Rückstau- 
quellen, welche  das  im  klüftigen  Kalkgebirge  hinter  der  neogenen 
Talausfüllung  sich  ansammelnde  Wasser  zutage  bringen.  Im  unteren 
Abschnitte  des  Grabens,  welcher  kurz  vor  der  Topla  Draga  in  das 
Sutinatal  mündet,  trifft  man  drei  kleine  Quellen,  deren  Wasser  über 
die  sich  vor  die  Grabenmündung  legenden  Neogenabsätze  in  die 
Sutina  abfließt.  Aus  der  Topla  Draga  nimmt  die  Sutina  gleichfalls 
einen  Zufluß  auf.  Die  schwachen  Anfänge  des  aus  dieser  Talschlucht 
kommenden  Bächleins  mögen  von  derselben  Entstehungsart  sein  wie 
die  schwachen  Wässerchen  in  den  Dolomitschluchten  unter  Botarello. 
Das  rasche  Anschwellen  des  Bächleins  vor  seinem  Uebertritte  in  die 
lignitführenden  Mergel  ist  aber  auf  Speisung  durch  Kluftwasser  der 
Rhät-  und  Liaskalke  zu  beziehen,  welches  durch  die  Mergeldecke  am 
Weiterströmen  gehemmt  und  zum  Ueberfließen  ihres  Randes  gezwungen 
wird.  Ein  besonders  schönes  Beispiel  für  eine  Quellbildung  der  soeben 
genannten  Art  findet  sich  in  einem  der  kleinen  Gräben,  welche  in 
die  in  das  Sutinatal  sich  öffnende  Talmulde  unter  Vidic  münden.  Das 
Wasser  sprudelt  dort  an  von  Ostryabäumen  überschatteter  Stelle  unter 
einem  mit  Ceterach  überwucherten  Kalkfels  aus  einer  niedrigen 
Höhlung  stark  hervor  und  rauscht  über  dicht  mit  Moos  überzogene 
Blöcke  weiter.  Die  Grenze  der  pliocänen  Mergel  gegen  das  Grund- 
gebirge, welches  auf  der  Westseite  von  Lucane  aus  Liaskalk  besteht, 
entspricht  hier  —  wie  am  Ende  der  Topla  Draga  —  einer  Bruch- 
linie, nicht  einer  Transgression. 

Aus  dem  Talkessel  von  Lucane  empfängt  die  Sutina  einen  Bach, 
der  sich  aus  vielen  Quelladern  zusammensetzt,  die  an  der  West- 
und  Südseite  des  Kessels  ihren  Ursprung  nehmen.  Die  Hänge  bauen 
sich  dort  aus  den  von  mir  als  Zone  IV— VH  der  Neogenentwicklung 
westlich  von  Sinj  unterschiedenen  Schichten  auf;  es  sind  dies  bläulich- 
graue Mergel  mit  Fossaruhis  tricarinatus,  dunkelgraue  fossilarme 
Mergel,  lichtgraue  Mergel  mit  Dreissena,  cfr.  dalmatica  und  gelbliche 
Mergelkalke  mit  Foss.  Stachd  und  Dreiss.  cfr.  triangularis.  Oberhalb 
dieser  Schichten  lagern  mächtige  Schuttmassen  und  auch  die  Mergel- 
hänge sind  mit  vielem  Schutt  überstreut,  so  daß  das  anstehende 
Gestein  oft  nur  in  den  allerdings  zahlreichen  Einrissen  sichtbar  wird. 
Nach  starkem  Regen  sind  diese  Runste  die  Hauptwege  der  ober- 
flächlichen Wasserabfuhr;  unter  mittleren  Witterungsverhältnissen 
kommt  es  in  ihnen  zur  Entwicklung  schwacher  Gerinsel,  welche 
durch  das  unter  dem  Schutte  auf  der  Mergeloberfläche  absickernde 
Wasser  gespeist  werden.  Das  Bezeichnende  für  diese  Wasseradern 
ist  die  Allmählichkeit  ihrer  Entwicklung.  Am  unteren  Ende  der  Runste 
trifft  man  murmelnde  Bächlein,  steigt  man  in  den  Einrissen  empor, 
so  sieht  man  ihre  Wasserführung  schwächer  und  schwächer  werden, 
dann  ist  nur  noch  ein  Tröpfeln  und  Rieseln  zu  bemerken,  endlich 
sieht    man    nur    mehr    kleine    Lacken    mit    stehendem  Wasser    und 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  C6.  Band,  2.  Heft.  (F.  v.  Kerner.)       25 


186  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [42] 

feuchte  Flecken.  Man  hat  es  hier  gleichsam  mit  über  eine  lange 
Strecke  auseinandergezogenen  Schuttgrundquellen  zu  tun.  Im 
scharfen  Gegensatz  zu  den  als  geschlossene  Wassermasse  hervor- 
brechenden Quellen  entziehen  sich  diese  Wasseraustritte  ganz  einer 
von  Luftwärme  und  Sonnenstrahlung  unbeeinflußten  Messung  ihrer 
Temperatur. 

Dieselben  hydrologischen  Verhältnisse  wie  in  dem  Talkessel  von 
Lucane  trifft  man  im  östlich  benachbarten  Tälchen  von  Sladoja.  Die 
Westseite  desselben  zeigt  auch  den  gleichen  geologischen  Aufbau  wie 
die  vorgenannten  Hänge ;  auf  seiner  Ostseite  stehen  tiefere,  der 
Zone  II  meiner  Einteilung  des  Neogens  von  Sinj  entsprechende 
Schichten  an.  Auch  in  der  Talmulde  von  Sladoja  ist  zu  sehen,  wie 
die  Schuttquellenbildung  in  enger  Abhängigkeit  von  den  örtlichen 
Verhältnissen  steht.  Wo  das  Einzugsgebiet  räumlich  beschränkt  oder 
die  Schuttdecke  der  Hänge  beiderseits  der  Wasserrisse  wenig  mächtig 
ist,  oder  wo  diese  Decke  wegen  starker  Beimengung  von  Lehm  selbst 
wenig  durchlässig  erscheint,  trifft  man  in  den  Künsten  nur  feuchte 
Streifen  oder  gar  kein  Wasser  an,  desgleichen  dort,  wo  die  Runste 
selbst  mit  Schuttmassen  erfüllt  sind.  Gegenüber  dem  Tälchen  von 
Sladoja  entspringt  linkerseits  der  Sutina  am  Fuße  der  steilen  Südhänge 
desVucjak  eine  Grundwasserquelle.  Neben  ihr  liegt  eine  algenerfüllte 
Lacke  mit  lebhaft  rieselndem  Abwasser. 

Die  Sutina  zählt  zu  jenen  Wasserläufen  des  mittleren  Dalmatien, 
welche  einen  größeren  Teil  des  Jahres  hindurch  ununterbrochen 
fließen.  Allerdings  ist  auch  sie  außerhalb  der  Hauptregenzeit  nur  ein 
unbedeutender  Bach.  Kurz  oberhalb  der  Einmündung  der  aus  dem 
Talbecken  von  Lucane  und  aus  dem  Tälchen  von  Sladoja  kommenden 
Zuflüsse  wird  sie  von  dem  von  Sinj  über  den  Nebesaberg  nach 
Vidiö  (und  weiter  nach  Zelovo)  führenden  Pfade  überquert,  aber 
ohne  Brücke ! ,  ein  Zeichen,  daß  sie  zumeist  so  wenig  Wasser  führt, 
daß  eine  Reihe  quer  durch  sie  gelegter  Steine  nicht  überflutet  wird 
und  ihre  trockene  üeberschreitung  gewährleistet.  Aber  gerade  hier 
ist  ihr  an  wohlgeglätteten  Geschieben  von  Werfener  Sandsteinschiefern 
reiches  Schotterbett  von  ansehnlicher  Breite,  ein  Beweis,  daß  sie  nach 
starken  Niederschlägen  in  der  Herbstregenzeit  zu  einem  mächtigen 
Bach  anschwillt.  Das  im  Becken  von  Lucane  sich  entwickelnde 
Bächlein  verläßt  dagegen  sein  Nährgebiet  in  einem  schmalen,  aber 
verhältnismäßig  tiefen,   durch  Wiesen  sich  hiuschlängelnden  Rinnsale. 

Das  Anfangsstück  der  Sutina  schneidet  in  undurchlässige  Schiefer 
ein;  auch  die  in  den  Dolomit  der  Trias  eingetiefte  Rinnsalstrecke 
dürfte  ziemlich  abgedichtet  sein.  Erst  im  Endstücke  ihres  Oberlaufes, 
im  Bereich  der  Triaskalke  könnte  die  Sutina  Wasserverluste  erleiden. 
Doch  wäre  es  möglich,  daß  auch  hier  noch  auf  der  rechten  Talseite 
unter  dem  Schutte  Werfener  Schiefer  durchstreicht  und  eine  seitliche 
Wasserabfuhr  hemmt.  Allerdings  handelt  es  sich  hier  um  eine  Störungs- 
zone, in  welcher  auch  undurchlässige  Schichten  kaum  die  Rolle  einer 
lückenlosen  Stauwand  spielen  dürften.  Falls  die  Sutina  in  dieser 
Gegend  Bachwasser  verliert,  könnte  dieses  in  der  Gorucicaquelle, 
welche  in  wenig  mehr  als  3  km  Abstand  und  in  etwa  50  m  tieferer 
Höhenlage   ostsüdostwärts  von   hier  ausbricht,   wieder  zutage   treten. 


[43]  Quellengeologie  von  Mitteldalnttatien.  187 

Gegenüber  auf  unsicherem  Grunde  sich  aufbauenden  Vermutungen 
wäre  eine  bestimmte  Lösung  dieser  Frage  eine  der  vielen  Aufgaben, 
welche  sich  einer  systematischen  Vornahme  von  Färbeversuchen  in 
Mitteldalmatien  darböten. 

Die  Quellen  in  der  Ebene  der  KarakaSica. 

Die  große  Ausweitung,  welche  das  Tal  der  Cetina  nach  seiner 
Einengung  zwischen  den  Vorbergen  der  Viesca  Gora  und  der  Svilaja 
erfährt,  wird  durch  das  Hügelland  von  Sinj  in  einen  nördlichen  und 
südlichen  Teil  geschieden.  Der  erstere  stellt  eine  zwischen  dem 
Ostfuße  der  Svilaja  und  der  dem  Prolog  westwärts  vorgelagerten 
Terrasse  gelegene  kleine  Ebene  dar.  Im  mittleren  Teile  derselben 
ragen  zwei  Hügel  auf,  zwischen  welchen  die  Karakasica,  der  Unter- 
lauf der  Sutina,  nordwärts  hindurchfließt,  wogegen  die  Cetina  entlang 
dem  Ostrande  der  kleinen  Ebene  nach  Süden  strömt. 

Die  genannte  Ausweitung  steht  mit  dem  Wiederaufbrechen 
der  sich  unterhalb  Koljane  schließenden  tektonischen  Talspalte  in 
ursächlichem  Zusammenhange.  Demnach  besteht  der  Untergrund  der 
Talmulde  von  Karakasica  aus  Kauhwacken  und  Gipsen  der  obersten 
Dyas.  Sie  treten  aber  nur  auf  dem  westlichen  der  beiden  vor- 
genannten Hügel  und  auf  der  Westhälfte  des  Südrandes  der  Talmulde 
zutage.  Die  Spaltenränder  werden  rechterseits  von  Jura-  und  Kreide- 
kalken gebildet.  Das  sich  an  diese  Ränder  lehnende  und  den  Spaltenboden 
großenteils  überdeckende  Neogen  umfaßt  verschiedene  Glieder  dieser 
Formation.  Von  Quartärgebilden  sind  umgeschweramter  Diluvialschutt, 
welcher  die  Dyasgesteine  großenteils  umhüllt,  Verwitterungslehm- 
und  Schutt  der  neogenen  Schichten  und  alluviale  Flußanschwemmungen 
vorhanden. 

Betreffs  der  Quellenarten  ist  unter  diesen  geologischen  Verhält- 
nissen keine  Einförmigkeit  vorhanden.  Die  Besäumung  der  aus  Kalk- 
stein aufgebauten  Talränder  mit  schwer  durchlässigen  Schichten 
bedingt  an  Stellen,  wo  dieser  Saum  Lücken  aufweist,  das  Hervor- 
brechen großer  Karstquellen,  an  Stellen,  wo  er  nur  leicht  eingekerbt 
erscheint,  das  Auftreten  von  Rückstauquellen. 

Die  reiche  Schuttentwicklung  über  zum  Teil  undurchlässigen 
Schichten  führt  zur  Bildung  von  Schuttgrundquellen  und  von  Schutt- 
quellen engeren  Sinnes,  endlich  kommt  es  zu  Austritten  von  Grund- 
wasser in  der  alluvialen  Talausfüllung.  Die  Ebene  der  Karakasica 
wird  mittlings  von  der  Nordgrenze  des  Blattes  Sinj-Spalato  durch- 
schnitten und  es  soll  darum  auch  hier  zwecks  Vermeidung  einer 
untunlichen  Halbheit  der  Darstellung  diese  letztere  über  den  Karten- 
rand hinausgetragen  werden. 

Bald  nach  ihrem  Eintritte  in  die  Talweitung  von  Karakasica 
empfängt  die  Cetina  links  einen  starken  Zufluß,  der  aus  einer  hydro- 
logisch ungemein  interessanten  Seitenbucht  des  Talbeckens  kommt. 
Noch  vorher,  etwa  1  km  unterhalb  der  jetzt  durch  eine  schöne  Stein- 
brücke ersetzten  Ueberfuhr  von  Panj,  nimmt  sie  einen  Bach  auf,  der 
in  einem  großen  Felskessel  am  Eingange  der  genannten  Bucht  seinen 
Ursprung   hat.     Dieser  Bach    fließt    aber   nur    nach    starken  Nieder- 

25* 


188  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [44] 

schlagen;  zu  Zeiten  mittleren  Wasserstandes  ist  sein  Geröllbett  trocken. 
Dagegen  entspringt  an  dessen  linkem  Ufer  vor  dem  Eingange  in  den 
Felskessel  eine  schöne  und  starke  Quelle.  Der  etwa  100  m  weiter 
ostwärts  in  die  Cetina  mündende  Fluß,  der  Veliki  Rumin,  setzt  sich 
aus  zwei  ungleich  starken  Quellsträngen  zusammen. 

Der  kleinere  entspringt  hoch  über  dem  Niveau  der  Cetina  am 
Nordhange  der  Talnische.  Er  quillt  unter  einer  rötlichen  Felswand, 
die  aus  35°  SO  fallendem  gut  geschichtetem  Chamidenkalk  besteht, 
und  aus  einer  kleinen  Höhle  neben  dieser  Wand  hervor.  Vor  dieser 
Wand  liegen  große  Blöcke,  deren  dichter  Moosüberzug  auf  noch 
höhere  Wasserstände  hinweist.  Das  hier  mit  Wucht  hervorbrechende 
Wasser  schäumt  durch  eine  blockerfüllte  enge  isoklinale  Felsschlucht 
steil  hinab  und  erreicht  kurz  vor  seiner  Vereinigung  mit  dem  größeren 
Quellstrange  die  Talsohle.  Zur  Rechten  bilden  Schichtköpfe,  zur 
Linken  stark  geneigte  Schichtflächen  die  dicht  mit  Buschwerk  über- 
wucherten Schluchtwände. 

Dieser  Quellbach  ist  in  landschaftlicher  Hinsicht  wohl  der 
schönste  unter  den  vielen  prächtigen  Quellen,  welche  die  Cetina  auf 
ihrem  über  sechs  deutsche  Meilen  langen  Oberlaufe  linkerseits  auf- 
nimmt. Wildheit  der  Felsszenerie,  schäumendes  Wasser  und  üppiges 
Strauchwerk  sind  in  tief  eingeschnittenen  Tälern  zwischen  den  öden 
wald-  und  wasserlosen  Hochflächen  des  Karstes  nichts  Ungewohntes; 
wenn  man  hier  dennoch  versucht  ist,  zu  vergessen,  daß  man  sich  in 
Dalmatien  befindet  und  sich  in  eine  Schlucht  der  Kalkalpen  versetzt 
glaubt,  so  mag  dies  wohl  dem  auf  längere  Strecke  steilen  Gefälle  des 
tosenden  Baches  zu  danken  sein.  Die  große  Mehrzahl  der  mächtigen 
Karstquellen  bricht  am  Fuße  der  Talgehänge  hervor  und  hat  bis  zur 
Erreichung  der  Talsohlen  nur  einen  geringen  Höhenunterschied  zu 
überwinden.  Die  vorige  Beschreibung  gibt  die  Eindrücke  wieder, 
welche  ich  bei  einem  Besuche  der  Quelle  bald  nach  Mitte  Juni  nach 
einem  ziemlich  regenreichen  vorausgegangenen  Frühlinge  empfieng. 
Nach  Angabe  eines  Müllers  der  Mühlen  von  Lovric  verschwindet  der 
in  Rede  stehende  Bach  durchschnittlich  in  der  zweiten  Julihälfte. 
Ob  er  hiebei  seine  Austrittsstelle  rasch  bis  an  den  Fuß  des  Ab- 
hanges hinabverlegt  oder  schon  früher  versiegt,  habe  ich  nicht  er- 
fahren. 

Der  größere  Quellstrang  kommt  aus  einer  Felsschlucht  auf  der 
Nordostseite  der  Talbucht,  durch  welche  der  Veliki  Rumin  dem  Cetina- 
flusse  zuströmt.  Diese  in  mittelsteil  gegen  SO  einfallende  graue  Kreide- 
kalke eingeschnittene  Felsschlucht  ist  von  seltener  Wildheit  und  Groß- 
artigkeit. Auf  beiden  Seiten  springen  zerrissene  Grate  und  Schrofen 
vor,  zwischen  denen  sich  Schutthänge  steil  zum  Schluchtgrunde  hin- 
absenken. Tief  unten  rauscht  zwischen  teilweise  unzugänglichen 
Ufern  der  mächtige  Quellast.  Sein  Ursprung  liegt  weit  hinten  in  einer 
links  von  Felsabstürzen,  rechts  von  Trümmerhalden  begrenzten  und 
durch  Steilwände  abgeschlossenen  Nische.  Eine  gewaltige  Wassermasse 
quillt  hier  unter  Pulsationen  aus  der  Tiefe  herauf.  Sie  ist  im  Gegen- 
satze zur  Kristallhelle  und  Klarheit  der  Gebirgsquellen  leicht  getrübt 
und  hat  eine  schmutzig  grüne  Farbe.  Die  Halde  rechterseits  ermöglicht 
es,  bis  an  die  Ursprungsstelle  des  Rumin  steil  hinabzusteigen. 


[4ö]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  Ig9 

Tausend  Meter  flußabwärts  vom  Veli  Rumin  mündet  in  die  Cetina 
der  Quellbach  Mali  Rumin.  Er  quert  den  Zug  von  neogenen  Schichten, 
welcher  links  vom  großen  Ruminflusse  beginnend,  bis  in  die  Nähe 
von  Han  streicht  und  kommt  aus  einem  Felskessel,  welcher  in  den 
Rand  der  Kreidekalkterrasse  hinter  dem  Neogen  eingesenkt  erscheint. 
Das  Wasser  quillt  hier  zu  Zeiten  mittleren  Standes  im  Kesselgrunde 
unter  großen  wirr  durcheinander  liegenden  Felsblöcken  heraus,  die 
hoch  hinauf  mit  Moos  überzogen  sind  und  ist  zum  Unterschiede  von 
dem  des  großen  Rumin  klar  und  rein.  Am  rechten  Ufer  des  Quell- 
baches traf  ich  vor  dem  Eingange  in  den  Felskessel  in  der  zweiten 
Junihälfte  noch  mehrere  Quellen  fließend  an,  eine  schwächere,  drei 
stärkere  und  dann  noch  zwei  schwache  Quellen  schon  nahe  der  weit 
talauswärts  stehenden  Mühle.  Auch  an  diesen  Stellen  tritt  das  Wasser 
unter  moosbedeckten,  zum  Teil  mit  Brombeergesträuch  umrankten 
Blöcken  aus.  Dem  vom  Hydrographischen  Zentralbureau  herausgegebenen 
Wasserkraftkataster  zufolge  beträgt  das  mittlere  jährliche  Minimum 
der  sekundlichen  Abflußmenge  beim  Mali  Rumin  100  l,  das  voraus- 
sichtliche absolute  Minimum  dieser  Menge  30  l.  Beim  Veliki  Rumin 
stellen  sich  die  entsprechenden  Werte  auf  2000  und  1770  /. 

Die  am  20.  Juni  1911  von  mir  vorgenommene  thermometrische 
Messung  der  Ruminquellen  hatte  das  merkwürdige  Ergebnis,  daß  die 
Temperatur  der  Hauptquelle  des  großen  Rumin  um  402o  höher  ge- 
funden wurde  als  jene  der  in  700  m  Abstand  entspringenden  Quelle 
von  Lovric  und  um  356^  höher  als  die  Temperatur  der  in  950  m 
Abstand  gelegenen  Quelle  des  Mali  Rumin,  während  die  Wärmeunter- 
schiede zwischen  der  Quelle  bei  den  Mühlen  von  Lovric  und  den  in 
einer  Entfernung  von  mehr  als  5  km  weiter  nordwestwärts  entspringen- 
den großen  Quellen  Peruca,  Crno  Vrelo  und  Majden  Vrelo  nur  wenige 
Zehntel  Grade  betrugen  und  die  Temperaturdifferenz  zwischen  dem 
Mali  Runiin  und  dem  in  südöstlicher  Richtung  6  km  entfernten  Kozinac 
nur  einen  halben  Grad  betrug.  Bei  der  an  anderer  Stelle  vor- 
genommenen Betrachtung  dieser  thermometrischen  Befunde  habe  ich 
zwischen  aus  ihnen  ziehbaren  sicheren  Schlüssen  und  auf  sie  gründ- 
baren Vermutungen  unterschieden.  Erwiesen  ist  durch  jene  Messungen, 
daß  das  Kluftnetz  des  Veli  Rumin  von  dem  seiner  Nachbarquellen 
getrennt  ist.  Es  liegt  hier  ein  thermometrischer  Nachweis  dafür  vor, 
daß  auch  im  reinen  Kalkgebirge,  das  für  die  Entwicklung  eines  zu- 
sammenhängenden Kluftnetzes  günstig  schiene,  eine  Scheidung  benach- 
barter Kluftwasserstränge  Platz  greifen  kann,  und  daß  die  Annahme 
eines  allgemeinen  Zusammenhanges  der  Klüfte  im  Kalkgebirge  eine 
irrige  ist.  Als  hydrographischer  Beweis  für  die  Unrichtigkeit  dieser 
Annahme  ist  den  in  der  Literatur  schon  angeführten  Beweisen  der 
Tatbestand  anzureihen,  daß  die  Quelle  bei  Lovric  hoch  über  dem 
Niveau  der  Talsohle  reichlich  ausfloß,  während  die  Quelle  des  Veli 
Rumin  in  der  Tiefe  des  Tales  entsprang  und  das  Rinnsal  westlich 
vom  Quellbache  von  Lovric  noch  im  Tale  unten  eine  Strecke  weit 
trocken  lag. 

Vermuten  läßt  sich,  daß  die  Quelle  des  Veliki  Rumin  den  Aus- 
bruchsort eines  in  Ponoren  des  Livanjsko  Polje  verschwindenden 
echten  Höhlenflusses  darstellt.  Gestützt  wird  diese  Vermutung   durch 


190  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [^ßl 

den  Umstand,  daß  das  Wasser  des  Veliki  Rumin  getrübt  und  von 
schmutziggrünlicher  Farbe  war,  während  die  anderen  Quellbäche  teils 
völlig  klar  erschienen,  teils  nur  eine  Spur  von  Trübung  zeigten  und 
einen  Stich  ins  Stahlblaue  aufwiesen.  Eine  weitere  Stütze  erhält  sie 
dadurch,  daß  das  Wasser  des  Veli  Rumin  ein  wenig  nach  Erde  und 
pflanzlichem  Detritus  schmeckte,  wogegen  die  benachbarten  Quell- 
wässer sehr  wohlschmeckend  waren. 

Thermometrische  Beweismittel  für  die  Höhlenflußnatur  des 
Veliki  Rumin  wären  eine  größere  jährliche  Wärmeschwankung  als  die 
der  Nachbarquellen,  eine  Verfrühung  der  Temperaturextreme  gegen- 
über jenen  und  vielleicht  auch  eine  kleine  tägliche  Wärmeänderung. 
Leider  war  es  mir  nicht  gegönnt,  die  Frage  nach  der  Flußnatur  des 
großen  Rumin  bisher  weiter  zu  verfolgen,  da  die  Ruminquellen  außer- 
halb der  in  den  letzten  Jahren  für  die  geologische  Aufnahme  zunächst 
in  Betracht  gekommenen  Gebiete  lagen  und  auch  zu  abseits  gelegen 
sind,  als  daß  ich  sie  zum  Zwecke  wiederholter  Temperaturmessung 
eigens  hätte  besuchen  können.  Von  besonderer  Bedeutung  wäre  für 
die  Lösung  der  beregten  Frage  die  Vornahme  von  Färbeversuchen 
(eventuell  auch  die  Versenkung  signierter  Holzstücke),  sie  könnte  — 
was  die  Thermometrie  wohl  nicht  vermöchte  —  auch  zur  Feststellung 
bestimmter  Sehlucklöcher  des  Livanjsko  Polje  als  Eintrittspforten  des 
Veliki  Rumin  führen.   Die  von  mir  gemessenen  Temperaturen  waren: 

Quelle  östlich  von  Musteric 8*86 

Quelle  hinter  Lovric 900 

Veliki  Rumin 13-02 

Mali  Rumin 9*46 

Rechtsseitige  Nebenquelle  des  letzteren      .     .     9-76 

In  der  schmalen  Talrinne,  welche  die  Verbindung  der  Ebene 
von  Karakasica  mit  dem  Sinjsko  polje  vermittelt,  bricht  an  der  öst- 
lichen Talwand  die  große  Karstquelle  Kozinac  hervor.  Nahe  unterhalb 
der  Brücke,  die  bei  Hau  über  den  Cetinafluß  führt,  ergießt  sich  in 
denselben  links  ein  breiter  Wasserlauf,  der  kurz  vor  seiner  Mündung 
auf  vielbogiger  Steinbrücke  von  der  nach  Otok  führenden  Straße 
übersetzt  wird.  Gleich  hinter  dieser  Brücke  sieht  man  den  Wasserlauf 
aus  einer  Felsschlucht  kommen,  vor  deren  Eingang  sich  eine  Mühle 
legt.  Dringt  man  in  die  Schlucht  vor,  so  gewahrt  man  alsbald  schon 
in  deren  Mitte  den  Ursprung  des  Flußlaufes.  Besonders  reiche  Zufuhr 
empfängt  derselbe  von  der  rechtsseitigen  Schluchtwand,  wo  an  einer 
Reihe  dicht  nebeneinander  liegender  Stellen  aus  den  den  Fuß  der 
Wand  besäumenden  Felstrümmern  Quelladern  zutage  treten.  Von 
dem  Ursprung  in  der  Mitte  zieht  sich  ein  mit  moosbedeckten  Blöcken 
übersätes  schlammerfülltes  Rinnsal  einige  Dutzend  Meter  weit  einwärts 
bis  zum  felsumrahmten  Fond  der  Schlucht.  Die  den  Höchststand  des 
Kluftwassers  bezeichnende  Moosgrenze  auf  den  Felsen  lag  gegen  Ende 
des  Frühlings  2  m.  über  dem  Wasserspiegel,  ein  Zeichen,  daß  der 
Kozinac  großen  Schwankungen  unterliegt  und  in  der  Trockenzeit  wohl 
sehr  zusammenschrumpft.  Gleich  hinter  der  genannten  Brücke  fließt 
dem  eben  beschriebenen  breiten  Quellbach  links  ein  schmälerer  Back 


[47]  Qiiellengeologie  Yon  Mitteldalmatien.  l91 

ZU,  der  sonst  am  geröUerfüllten  Boden  einer  Gehängenische  austritt, 
und  bei  großer  Wasserfülle  seinen  Ursprung  bis  zu  einer  diese 
Nische  hinten  schließenden  Felsbarre  zurückverlegen  kann.  Längs 
der  Uferstrecke  zwischen  den  beiden  Bächen  tritt  auch  noch  an 
mehreren  Stellen  Wasser  aus.  p]s  befindet  sich  da  auch  ein  aufstei- 
gendes Quellchen. 

Die  Schlucht  des  Kozinac  ist  in  Rudistenkalk  eingeschnitten, 
über  welchem  rechts  dünnbankige  neogene  Breccien  transgredieren, 
links  junge  Schuttbreccien  und  neogene  Mergelkalke  diskordant  auf- 
liegen. Bis  Han  reichen  aber  auch  auf  der  rechten  Seite  des  Quell- 
baches mergelige  Kalke.  Das  Verflachen  der  jungtertiären  Schichten 
ist  beiderseits  der  Schlucht  ein  sanft  gegen  WSW  gerichtetes.  Die 
von   mir   am  22.  Juni   1911    erhobenen   Quellentemperaturen   waren: 

Hauptquelle 900 

Vier  auf  der  Ostseite  der  Schlucht  unter 
Felsblöcken  nebeneinander  austretende 
Quellen 8-84— 8-86 

Quelle  hinter  der  Mühle  aus  Felsspalten 

kommend 8"90 

Quellen  vor  der  Schlucht: 

Quelle  unter  Ulmenbäumen 8*86 

Quelle  unter  schwach  geneigter  Kalk- 
mergelbank aufsprudelnd 882 

Quelle  neben  der  vorigen 896 

Quellen    unter    geneigten    Mergelbänken 

entspringend ,     .     .     .  8-88— 8'90 

Bei  einer  am  16.  April  1906  erfolgten  Messung  zeigten  die 
verschiedenen  Ausläufe  des  Kozinac  Temperaturen  zwischen  8*76ö 
und  9"80ö.  Die  aperiodischen  Wärmeschwankungen  sind  bei  den  Karst- 
quellen groß  genug,  um  die  Unstimmigkeit  zu  begründen,  daß  eine 
Frühlingsmessung  der  Temperatur  einen  etwas  höheren  Wert  ergibt 
als  eine  Frühsommermessung  in  einem  anderen  Jahre. 

Die  durchschnittliche  Abflußmenge  des  Kozinac  bei  Niederwasser 
ist  den  Erhebungen  des  Hydrographischen  Zentralbureaus  zufolge 
600  Sekundenliter,  das  voraussichtliche  Minimum  seiner  Wassermenge 
in  sehr  trockenen  Sommern  500  sl.  Der  Kozinac  ist  in  letzter  Zeit 
zur  Wasserversorgung  von  Sinj  herangezogen  worden,  da  die  bisher 
aus  dem  Neogen  der  Ortsumgebung  gewonnenen  Wasservorräte  nicht 
mehr  ausreichend  waren. 

Ilechterseits  empfängt  die  Cetiua  nach  ihrem  Eintritte  in  die 
Ebene  von  Karakasica  zwei  Bachrinnsale,  die  hauptsächlich  als  Ab- 
zugswege für  oberflächliche  Entwässerung  dienen  und  bei  längerem 
Ausbleiben  von  Niederschlägen  trocken  liegen.  Das  nördlicher  gelegene 
Rinnsal,  die  Banovic  Draga,  entwickelt  sich  aus  mehreren  Wurzelgräben 
im  Dolomitgebiete  am  Osthange  des  Orlove  stiene,  das  südlicher 
gelegene,  die  Vukov  Draga,  in  den  Jurakalken  der  Umgebung  Zelovo's. 
Die  unteren  Stücke   beider  Bachgerinne  sind  in  die  Neogenschichten 


J92  ^^    F"*^  '•  Kerner.  r48] 

der  Gegend  von  Ervace  eingeschnitten.  Die  Wasserrisse  im  Neogen- 
gelände  zwischen  beiden  Bächen  vereinigen  sich  zu  einer  Abzugsrinne, 
welche  bei  Bosnjak  in  die  Vukov  Draga  mündet.  Etwas  unterhalb 
dieser  Stelle  tritt  aus  den  flach  talwärts  fallenden  Mergelkalken  die 
Quelle  Zdralovac  hervor. 

Die  nähere  Umgebung  von  Ervace  wird  durch  zwei  Quelläste 
des  Baches  Vojskova  entwässert,  welcher  sich  kurz  vor  der  Einmün- 
dung der  Karakasica  in  die  Cetina  in  erstere  ergießt.  Der  stärkere 
dieser  beiden  Aeste  kommt  aus  einem  südlich  vom  Kirchenhügel  von 
Ervace  gelegenen  schönen  felsumrahmten  Quellteiche,  dessen  Wasser 
von  solcher  Klarheit  ist,  daß  man  jedes  Steinchen  an  seinem  Grunde 
erkennen  kann.  Diese  prächtige  Quelle,  welche  bei  einer  Junimessung 
lO'öOo  aufwies,  dient  zur  Versorgung  der  zerstreuten  Hütten  von 
Ervace  mit  Trinkwasser,  ihr  Ablauf,  welcher  gleich  unterhalb  des 
Quellteiches  über  eine  mit  Kalktuff  überzogene  Barre  stürzt,  liefert 
fünf  kleinen  Mühlen  die  für  sie  nötige  Wasserkraft.  Der  schwächere 
Ast  der  Vojskova  entwickelt  sich  aus  den  Sickerwässern  in  der  mit 
Eluvien  des  Neogens  erfüllten  Mulde  zwischen  den  Hügeln  von  Ervace 
und  dem  Ostfuße  der  Plisevica.  Das  Wasser  tritt  aber  erst  am  unteren 
Muldenende  in  der  Zuzmoquelle  an  den  Tag.  Es  durchfließt  dann  den 
feuchten  WMesenboden  zwischen  dem  Hügelzuge  von  Ervace  und  den 
Vorhöhen  des  Vucjak  und  nimmt  hierbei  noch  mehrere  Quellen  auf. 
Drei  stärkere  entspringen  am  linken  Ufer  des  Quellbaches  in  einer 
Felsnische  des  Riffes  von  Kreidekalk,  welcher  am  Südfuße  des  Ervacer 
Hügelzuges  aus  dem  Neogen  hervorschaut.  Schwache  W^ässer  kommen 
auf   derselben  Uferseite    weiter   talauswärts   aus   Rasenboden  hervor. 

Westwärts  von  den  Ursprüngen  des  Zuzmobaches  trifft  man  eine 
schöne  Quelle  in  dem  Graben  bei  Pletikosic,  der  sich  zur  Mulde 
zwischen  der  Plisevica  und  ihrem  Vorberge  Vucjak  hinaufzieht.  Sie 
entspringt  aus  moosbedeckten  Trümmern  nahe  oberhalb  jener  Stelle, 
wo  der  Graben  aus  dem  oberen  Kreidekalke  in  die  diesem  diskordant 
aufruhenden  jungtertiären  Schichten  übertritt.  Letztere  sind  hier  als 
klüftige  gelbe  Mergelkalke  mit  tonigen  und  sandigen  Zwischenlagen, 
die  Ceratophylliim  Sinjanum  führen,  entwickelt.  Man  hat  es  hier  mit 
einer  Rückstauquelle  zu  tun,  die  von  den  früher  beschriebenen  ähn- 
lichen Quellen  bei  Lucane  insofern  abweicht,  als  hier  die  Grenze 
zwischen  Grundgebirge  und  Neogen  nicht  einer  Verwerfung,  sondern 
einer  Transgression  entspricht.  Unter  den  Quellchen  des  Neogen- 
gebietes,  welches  sich  an  den  Ostabfall  des  Berges  Vucjak  anlehnt 
und  zwischen  dem  Zuzmobache  und  der  Sutina  ausdehnt,  ist  die 
Quelle  Prvan  zu  erwähnen. 

Bald  nach  seinem  Austritte  in  die  Ebene  nimmt  der  Sutina- 
bach  rechts  die  Vereinigung  jener  Wasserfäden  auf,  die  in  den  viel- 
verzweigten, in  das  Hügelland  von  Sinj  von  Norden  her  eingreifen- 
den Gräben  zur  Entwicklung  kommen.  Die  Zusammensetzung  der 
quartären  Hülle  dieses  Gebietes  aus  Verwitterungslehm  triadischer 
Schiefer,  kalkreichem  Schlamm  neogener  Schichten,  Roterde,  Sand, 
Bachschotter  und  Gebirgsschutt,  die  infolge  wiederholter  Umschwemmung 
schichtungslos  durcheinandergemengt  erscheinen,  so  daß  das  Diluvium 
hier  manchmal  einer  Grundmoräne  ähnlich  sieht,  ist  zwar  einer  Bildung 


49]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  193 

größerer  Quellen  abhold,  aber  stellenweise  doch  zur  Sammlung  von 
Sickerwässern  führend.  Hiezu  kommen  schwache  Wasseraustritte  an 
solchen  Stellen,  wo  schuttreiches,  etwas  durchlässiges  Diluvium  auf 
sonigen  Werfener  Schichten  ruht,  wogegen  in  den  letzten  Verzwei- 
gungen der  Gräben,  wo  die  Tonschiefer  einer  quartären  Decke  fast 
entbehren,  nur  die  Bedingungen  für  oberflächlichen  Abfluß  der  Nieder- 
schläge gegeben  sind. 

Im  Hintergrunde  der  Talbucht,  welche  zwischen  das  Hügelland 
südlich  der  Sutina  und  den  weit  gegen  Nord  vortretenden  Nordrücken 
des  Berges  Susnevac  eingreift,  entspringt  in  einer  von  steilen  Höhen 
umrahmten  buschreichen  Nische  die  Bukvaquelle.  Zu  ihrer  Linken 
erheben  sich  steile,  von  kleinen  Schratten  zerfurchte  Schrofen  von  Gips- 
mergel, zur  Rechten  stehen  sanft  gegen  SO  fallende  buntgebänderte, 
tonige  und  sandige  Ceratophyllum-Schichten  an,  indes  die  Rückwand 
der  Felsnische  von  den  weißen  muschlig  brechenden  und  den  gelb- 
lichen dickbankigen  Mergelkalken  im  Hangenden  dieser  Schichten 
aufgebaut  wird.  Von  der  Bukvaquelle,  welche  in  einer  wohlummauerten 
Brunnstube  mit  zwei  Ausläufen  und  vorgebautem  Steintroge  gefaßt 
ist  und  den  Bewohnern  der  zerstreuten  Hütten  von  Karakasica  zur 
Wasserversorgung  dient,  liegen  mir  —  wie  von  den  anderen  größeren 
Quellen  der  Umgebung  Sinjs  —  fünf  eigene  Temperaturmessungeti 
vor,  die  im  folgenden  mitgeteilt  seien : . 

8.  November  1904 11-55  j, 

16.  April  1905 11-34  /, 

15.  April  1906 11-40  , 

J3.  Juni  1907 11-63  / 

14.  Mai  1909     . 11-51.  >; 

Die  aus  diesen  Werten  zu  folgernde  geringe  periodische  und  aperio- 
dische Schwankung  weist  auf  ein  weit  in  das  Berginnere  hinein- 
reichendes Wurzelgeflecht  hin. 

Außer  den  bisher  besprochenen  Quellen,  welche  sich  auf  die 
Ränder  der  Ebene  von  Karakasica  verteilen,  treten  auch  in  deren 
Innerem  einige  Quellen  auf.  Die  Spezialkarte  verzeichnet  zwei  Quellen 
in  den  feuchten  Wiesen  unterhalb  Ervace,  den  Slano  Vrelo  südlich 
vom  Hügel  von  Krin,  an  dessen  Westseite  zwei  von  Sumpf  umgebene 
Teiche  liegen,  und  die  Quelle  Glibusa  in  der  Ebene  nordöstlich  vom 
Susnevac.  Es  handelt  sich  hier  um  Grundwasserquellen,  nur  beim 
Slano  Vrelo  (Gipsquelle)  weist  der  Name  auf  eine  Herkunft  aus  dem 
dyadischen  Untergrunde  hin.  ,-  i^^iu     i/i. 

Die  QueHeii  auf  der  Westseite  des  Sinjsko  polje. 

Die  im  Bereich  des  Sinjsko  polje  der  Cetina  rechts  zufließen- 
den Wässer  entspringen  teils  am  Westrande  dieser  Ebene,  teils  im 
Sinjaner  Hügellande.  Im  letzteren  treten  Quellen  hauptsächlich  inner- 
halb der  jungtertiären  Schichten  auf,  die  sich  um  den  bis  in  die 
oberste  Dyas  reichenden  Aufbruchskern  heruralegen.  Während  im 
Süden  auch  in  morphologischer  Hinsicht  eine  Anlagerung  des  Neogen- 

Jftbrbuch  d.  k.  k.  geol.  Beicbsanstalt,  1916,  6C.  Band,  l.  Heft.  (F.  v.  Keriier.)         26 


194  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [50J 

Saumes  an  die  Rauhwacken  und  Gipse  Platz  greift,  bildet  dieser  Saum 
im  Norden  orographisch  selbständige  Gesteinszüge.  Es  schiebt  sich 
hier  von  Osten  her  das  Alluvialgebiet  der  Cetina  zwischen  die  Kern- 
und  Hüllschichten  des  Sinjaner  Hügellandes  ein.  So  kommt  es,  daß 
hier  die  Wasserscheide  zwischen  den  Ebenen  von  Karakasica  und 
Sinj  erst  über  den  nördlichen  Randwall  des  Hügellandes  verläuft. 

Im  innersten  Teile  der  vorgenannten  alluvialen  Bucht  befinden 
sich  zwei  bemerkenswerte  Quellen.  Die  eine  entspringt  im  unteren  Teile 
des  Südhanges  des  vom  Berge  Susnevac  gegen  Ost  abgehenden  Rückens. 
Dieser  Rücken  besteht  aus  einer  mäßig  steil  gegen  N  einfallenden 
Schichtmasse,  welche  die  unteren  und  mittleren  Stufen  des  Sinjaner 
Neogens  umfaßt,  so  daß  an  seinem  Südfuße  Ceratophyllumschichten, 
an  seinem  Nordrande  Cyperitesschichten  anstehen  und  der  First  des 
Rückens  von  den  dickbankigen  gelbgrauen  Hohlkehlenmergeln  gebildet 
wird.  Die  besagte  Quelle  tritt  in  den  obersten  Lagen  der  von  sandigen 
Bänken  durchzogenen  Bändermergel  aus,  noch  etwas  unterhalb  der 
Zone  des  lichtgrauen,  scherbig  zerfallenden  Mergels,  welcher  das 
Liegende  der  Hohlkehlenmergel  bildet.  Der  Struktur  nach  liegt  eine 
Ueberfallquelle  vor;  die  Haugendschichten  des  Quellortes  zählen  aber 
nicht  zu  jenen  Gesteinen,  denen  man  ein  größeres  Maß  von  Durch- 
lässigkeit zuschreiben  könnte.  Sie  zeigen  auch  mehr  die  Formen  des 
Geländes  mit  oberflächlichem  Abflüsse.  Man  reicht  so  hier  mit  einer 
schematischen  Betrachtung  des  Quellenphänomens  nicht  aus  und  muß 
die  Möglichkeit  des  Bestehens  von  Klüften  in  den  scherbig  zerfallen- 
den Mergeln  sowie  ganz  allgemein  einen  Ueberschuß  der  Wasserzu- 
fuhr gegenüber  den  Abfuhrmöglichkeiten  annehmen,  ohne  damit  die 
Vorstellung  von  einer  größeren  lithologischen  Verschiedenheit  der 
Schichten  ober-  und  unterhalb  der  Quelle  zu  verbinden. 

Die  andere  Quelle  entspringt  südwestlich  von  der  vorigen 
auf  der  Ostseite  des  kleinen  Hügels,  welcher  sich  zwischen 
dem  Susnevac  und  dem  großen  Hügel  Sibenica  einschiebt.  Jener 
kleine  Hügel  besteht  aus  sanft  gegen  N  einfallenden,  mit 
sandigen  Ceratophyllumschichten  wechselnden  Bändermergeln,  über 
welche  sich  —  den  Hügel  krönend  —  eine  Lage  von  neogenen 
Breccien  breitet.  Hier  muß  man  wohl  annehmen,  daß  die  der  Schicht- 
neigung entsprechend  gegen  N  abfließenden  Wässer  durch  ein  Hindernis, 
eine  Kluft  oder  kleine  Störung,  gezwungen  werden,  senkrecht  zur 
Fallrichtung  der  Schichten  auszufließen.  Beide  Quellen  sind  in  wohl- 
ummauerte, mit  Auslaufrohren  versehene  Brunnstuben  gefaßt  und  ver- 
sorgen die  Bewohner  der  Hütten  von  Glavice  (Poljak,  Jadrijevic, 
Masnic)  mit  Trink-  und  Nutzwasser. 

Ueber  die  Temperatur  beider  Quellen  liegen  mir  fünf  eigene 
Messungen  vor,  die  hier  angeführt  seien: 

Quelle  westlich  Quelle  bei 

von  Solto  Poljak 

5.  November  1904      .     .  13-58  12-81 

16.  April  1905    ....  1190  12-66 

16.  April  1906     ....  11-92  12-74 

13.  Juni  1907      ....  12-21  1264 

14.  Mai  1909       .     .     .     .  1180  12-40. 


[51]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  195 

Diese  Messungen  gestatten  es,  über  die  Jahresschwankung  und  die 
aperiodischen  Schwankungen  der  Wasserwärme  einen  Ueberblick  zu 
gewinnen.  Die  Quelle  bei  Poljak  ist,  wie  man  sieht,  von  ziemlich  großer 
thermischer  Beständigkeit. 

Geringfügige  Quellbildungen  trifft  man  am  Südsaume  des  in  die 
Cetinaebene  vortretenden  Teiles  des  Sinjaner  Hügellandes.  Unter- 
halb uovic  findet  sich  an  der  nach  Livno  führenden  Straße  ein  Bunar 
und  au  der  Abzweigung  der  längs  des  Nordrandes  der  Ebene  nach 
Modri6  leitenden  Seitenstraße  ein  gemauerter  Brunnen,  aus  dessen 
Auslaufrohr  ich  aber  oft  kein  Wasser  fließen  sah.  Bei  der  Quellen- 
raessung  um  die  Frühlingsmitte  1905  zeigte  dieser  Brunnen  10*54°, 
war  also  um  eineinhalb  bis  zwei  Grade  kälter  als  die  vorgenannten 
Quellen,  was  auf  ein  weniger  tief  liegendes  Nährgebiet  hinweist.  In 
der  großen  vielverzweigten  Rinne,  welche  sich  im  Norden  des  .Nebesa- 
hügels entwickelt  und  gleich  östlich  von  Sinj  in  die  Ebene  mündet, 
treten  aus  den  von  stark  lehmigen  Lagen  durchzogenen  Schuttmassen, 
welche  das  Grundgebirge  umhüllen,  mehrorts  schwache  Rieselwässer 
aus.  Eines  derselben  zeigte  im  November,  als  die  anderen  Quellen 
der  Umgebung  von  Sinj  Temperaturen  zwischen  12-5  und  13-7  auf- 
wiesen, nur  10*2,  was  einen  oberflächlichen  Ursprung  anzeigt. 

In  der  nächsten  Umgebung  von  Sinj  finden  sich  zwei  Quellen, 
die  im  Schutte  über  undurchlässiger  Unterlage  sich  sammelndes  Wasser 
an  den  Tag  bringen.  Die  eine  liegt  in  der  flachen  Mulde  zwischen 
dem  Sinjaner  Festungshügel  und  der  Nebesa,  die  andere  auf  der 
Westseite  des  Sattels,  welcher  hinter  dem  Castellhügel  aus  jener 
Mulde  in  das  Gorucicatal  hinüberführt.  Auch  diese  beiden  Quellen 
wurden  von  mir  wiederholt  gemessen.  Die  abgelesenen  Temperaturen 
waren : 

QueUe  in  der  QueUe  am 

Mulde  Sattel 

10.  November  1904      .     .  12-56  1368 

16.  April  1905    ....  12-30  — 

15.  April  1906     ....  1230  1206 

14.  Juni  1906      ....  13-34  13-60 

13.  Juni  1907      ....  12-36  12-44 

14.  Mai  1909       ....  12-08  11-62. 

Die  Quelle  in  der  Mulde  wies  geringere  Wärmewechsel  auf;  es  liegt 
nahe,  anzunehmen,  daß  sie  aus  tieferen  Schichten  gespeist  wird  als 
die  Quelle  am  Sattel.  Am  Südhange  der  Nebesa,  wo  alle  im  Talkessel 
von  Lucane  unterscheidbaren  Stufen  des  Neogens  vertreten  sind,  ent- 
wickeln sich  auch  mehrere  kleine  Quellen.  Erwähnenswert  erscheinen 
die  Quelle  Stuparusa,  mit  deren  Namen  der  Tertiärgeologe  die 
Erinnerung  an  einen  der  von  Brusina  bekannt  gemachten  Fundorte 
von  Neogenconchylien  in  der  Gegend  von  Sinj  verbindet,  und  das 
Quellchen  ober  Pavic,  dessen  Abwasser  neben  der  Mucer  Straße  über 
eine  mit  Tuffkrusten  überzogene  Felsstufe  stürzt. 

Die  Wasser  führenden  Runste  in  den  Neogenschichten  am  Süd- 
hange der  Nebesa  ziehen  sich  zum  Rinnsale  der  Gorucica  hinab. 
Dieses  Bachrinnsal   läuft  durch   das    Tälchen,    welches    zwischen  der 

26* 


196  Dr.  Fritz  V.  Kerner.  [52] 

Nebesa  und  der  vor  dem  Nordfuße  der  Visoka  betiudlichen  Terrasse 
liegt  und  unterhalb  der  Ortschaft  Sinj  in  die  Cetinaebene  mündet. 
Im  Fond  des  kurzen  Tälchens  erreicht  man  den  Ursprung  des 
Gorucicabaches.  Man  sieht  ein  von  Blockwerk  umgebenes  Quellbecken, 
in  welchem  ein  Aufsteigen  des  Wassers  vom  Grunde  aus  stattfindet. 
Die  Wassermenge  ist  sehr  großen  Schwankungen  unterworfen.  In  der 
nassen  Jahreszeit  zeigt  sich  das  Becken  überfüllt  und  ist  der  Wasser- 
aufstieg deutlich  wahrzunehmen.  Zu  Beginn  des  Sommers  steht  der 
Quellspiegel  schon  merklich  tiefer,  so  daß  viele  vordem  überflutete 
und  nun  mit  vertrockneten  Moosrasen  überzogene  Steine  hervorragen. 
Der  Wasserspiegel  erscheint  dann  auch  ganz  ruhig.  Nach  lang  an- 
dauernder Trockenzeit  kann  die  Quelle  ganz  versiegen.  Das  Bach- 
rinnsal setzt  sich  neben  dem  Quellbecken  noch  eine  Strecke  weit 
taleinwärts  fort.  Hier  handelt  es  sich  um  einen  nur  nach  Perioden 
starker  Niederschläge  benützten  Abzugsweg  mit  verschiebbarer  Aus- 
trittsstelle des  Kluftwassers. 

Der  Ursprung  der  Gorucica  liegt  in  mitteleocänen  Breccien, 
welche  auch  den  steilen  Südhang  des  von  ihr  durchflossenen  Tälchens 
aufbauen.  Am  Nordgehänge  sieht  man  zunächst  Schutt,  dann  neogene 
Mergel  und  deren  Verwitterungslehme.  Von  dieser  Seite  her  empfängt 
der  Bach  —  wie  schon  erwähnt  —  mehrere  schwache  Zuflüsse,  die 
sich  in  dem  das  undurchlässige  Tertiär  bedeckenden  Schutte  sammeln. 
An  der  Talmündung  legen  sich  auch  vor  die  Breccien  am  Südgehänge 
neogene  Mergel.  Aus  dieser  Gegend  fließt  der  Gorucica  der  Zupica 
potok  zu.  Dieser  führt  jedoch  nicht  Oberflächenwasser,  sondern  Kluft- 
wasser. Sein  in  diese  Mergel  eingeschnittenes  Bachbett  löst  sich  nicht 
in  deren  Bereiche  in  Zweige  auf,  sondern  zieht  sich  bis  zu  jener 
Stelle  hin,  wo  die  Mergel  an  die  Breccienkalke  stoßen. 

Als  Einzugsgebiet  der  Gorucica  kommen  zunächst  die  Nordseite 
der  Visoka,  die  Ostseite  der  Visosnica  und  der  Rücken  Grabovac  in 
Betracht.  Dieses  Terrain  besteht  zum  größten  Teile  aus  eocänen 
Breccien.  Im  Bereiche  der  Visoka  tritt  luiter  ihnen  streckenweise 
Alveolinenkalk,  am  Grabovac  als  ihr  Untergrund  Rudistenkalk  zu- 
tage. Westwärts  von  dieser  Region  schneidet  das  Tal  der  Sutina  tief 
ein.  Die  Sohle  desselben  liegt  einige  Dutzend  Meter  höher  als  der 
Ursprung  der  Gorucica,  so  daß  hinsichtlich  der  Niveauverhältnisse 
kein  Hindernis  bestünde,  daß  von  der  Sutina  Wasser  gegen  die 
Gorucica  zu  abströme  und  die  Möglichkeit  dieses  Vorganges  davon 
abhängt,  ob  keine  undurchlässige  Gesteinsbarre  vorhanden  ist.  Die 
steilen  Südabhänge  der  Sutinaschlucht  bestehen  zunächst  aus  Werfener 
Schiefern,  sodann  aus  Triasdolomit,  dann  wieder  aus  Werfener  Schiefern, 
hierauf  eine  Strecke  weit  aus  Kalkgesteinen  und  weiter  talabwärts 
aus  neogenen  Mergeln.  Wenn  die  Sutina  Wasserverluste  gegen  die 
Gorucica  zu  erleiden  sollte,  so  müßte  dies  auf  jener  Strecke  geschehen, 
wo  die  Südwand  ihrer  Talschlucht  aus  Kalk  besteht.  Sie  kommt  dort 
allerdings  dem  Ursprünge  der  Gorucica  am  nächsten.  Die  Entfernung 
beträgt  in  der  Luftlinie  etwa  2800  m.  Ob  die  Sutina  hier  in  der 
Tat  Wasser  verliert,  läßt  sich  aus  ihrem  Anblicke  deshalb  nicht 
erkennen,  weil  sie  gleich  weiter  abwärts  in  das  Mergelgebiet  ein- 
tritt,  hier    Oberflächenwässer    aufnimmt   und    es    nun    schwer   abzur 


[53]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien  197 

schätzen  wäre,  ob  ihre  folgende  Wasserführung  diesem  Zuwachse  nicht 

entsprechend  sei. 

Die  von    mir  an   der   Gorucicaquelle   erhobenen   Temperaturen 

waren : 

15.  April  1906 11'96 

14.  Juni  1906 12*50 

14.  Mai  1909     . 11-60. 

Der  Gorucicabach  verliert  sich  in  den  Sumpfwiesen  östlich  von  Sinj 
ohne  bis  an  das  rechte  Ufer  der  Cetina  zu  gelangen. 

Südwärts  von  der  Gorucica  zieht  sich  längs  der  Westseite  des 
Sinjsko  polje  eine  alte  Talterrasse  hin,  an  deren  Aufbau  hauptsäch- 
lich Rudistenkalk,  daneben  auch  eocäne  Kalke  und  Breccien  Anteil 
nehmen.  Nur  in  einer  Gegend,  westlich  von  Kosute,  scheint  ein  räum- 
lich wenig  ausgedehntes  Vorkommen  mergeliger  Schichten  vorhanden 
zu  sein.  Den  Abfall  der  Terrasse  gegen  das  Polje  besäumen  neogene 
Schichten,  die  im  Norden  von  quartärem  Schutte,  im  Süden  von 
quartären  Sauden  und  im  mittleren  Teile  des  Gebietes  von  eigenem 
Verwitterungslehm  bedeckt  sind.  Die  hydrographischen  Befunde  an 
der  Oberfläche  sind  so  nicht  sehr  zahlreich.  Auf  einem  sehr  be- 
schränkten Teile  der  Terrasse  finden  sich  Quellbildungen,  deren  Ab- 
wasser durch  eine  den  Terrassenrand  durchschneidende  Schlucht  in 
die  Cetinaebene  abfließt.  Von  den  auf  der  ganzen  übrigen  Terrasse 
einsinkenden  Niederschlägen  quillt  ein  nur  sehr  geringer  Teil  an  einer 
Stelle,  wo  die  Schutt-  und  Neogenvorlage  niedrig  bleibt,  am  Fuße 
des  Terrassenabfalles  hervor.  Die  weit  überwiegende  Menge  dieser 
Niederschläge  tritt  nicht  mehr  zutage.  Diese  Wässer  finden  wohl  zu- 
meist tiefe  Abflußwege  gegen  Süden ;  insoweit  sie  aber  den  Neogen- 
wall  auf  der  Ostseite  der  Terrasse  überwinden  können  —  und  beim 
Fehlen  eines  allgemeinen  Zusammenhanges  der  Kluftnetze  ist  diese 
Möglichkeit  gegeben  —  gelangen  sie  unter  dem  diesen  Wall  bedecken- 
den Schutte  zum  Grundwasser  der  Cetinaebene.  Das  auf  die  Schutt- 
vorlage der  Terrasse  fallende  Regenwasser  sinkt  größtenteils  bis  auf 
die  neogene  Unterlage  ein  und  tritt  dann  auch  ohne  wieder  in  Quellen  an 
den  Tag  zu  kommen,  mit  dem  tiefen  Grundwasser  der  Ebene  in  Ver- 
bindung. 

Dem  Nordabschnitte  des  Terrassenrandes  liegt  ein  von  Neogen- 
mergeln  umsäumter  Hügel  aus  Rudistenkalk  vor.  Am  Ostfuße  dieses 
Hügels  befindet  sich  der  Bunar  Mielacka,  welcher  Grundwasser  der 
Cetinaebene  enthält.  Weiter  südwärts,  jenseits  des  Gehöftes  von 
Talaja,  überquert  die  Straße  nach  Trilj  ein  Rinnsal,  welches  sich 
durch  das  zur  Rechten  ausgebreitete  Kulturland  bis  an  den  Fuß  des 
westlichen  Steilrandes  des  Poljes  verfolgen  läßt  und  dort  zwischen 
von  Gesträuch  überwucherten  Felsblöcken  beginnt.  Es  ist  dies  die 
vorhin  erwähnte  Austrittsstelle  von  Kluftwasser,  die  einzige  am  West- 
rande des  Sinjsko  polje  südlich  von  den  Quellen  des  Zupica-  und 
Gorucicabaches.  Es  handelt  sich  hier  aber  um  ein  nur  bei  sehr  hohem 
Wasserstande  benutztes  Ausfallstor.  An  einem  der  ersten  Maitage  des 
Jahres  1909,  als  nach  vorausgegangenem  starkem  Regen  die  Gorucica 
groß  und  schmutzig   braun    daherkam    und    auch  die    erwähnte,    den 


29g  Dr.  PVitE  V.  Kerner.  r541 

Terrassenrand    querende    Schlucht    von    einem    Sturzbächlein    durch- 
rauscht war,  blieb  das  Rinnsal  bei  Talaja  noch  trocken. 

Unter  mittleren  Verhältnissen  ist  auch  jene  Schlucht  und  das 
von  ihrer  Mündung  sich  bis  in  die  Niederung  der  Cetina  fortsetzende 
Rinnsal,  die  Lucica,  ganz  ohne  Wasser,  Jene  Schlucht  erweitert  sich 
nach  oben  hin  zu  einem  Graben,  der  in  eine  in  die  Randzone  der 
Terrasse  eingetiefte  Mulde  übergeht.  Die  Bildung  dieser  Hohlformen 
erscheint  durch  Störungen  bedingt,  mit  denen  auch  das  Auftreten 
eocäner  Schichten  innerhalb  des  Kreidekalkes  in  Beziehung  steht. 
Im  Bereiche  des  (orographischen)  Grabens  sind  zwei  gegeneinander 
geneigte  Schollen  von  oberem  Nummulitenkalk  erkennbar,  doch  so, 
daß  das  Rinnsal  im  Graben  noch  in  den  Westflügel  der  Synkline 
fällt.  Die  (orographische)  Mulde  könnte  aber  durch  Senkungen  bedingt 
sein,  durch  welche  hier  mergelige  Eocänschichten  erhalten  blieben. 
An  der  Oberfläche  ist  von  solchen  Schichten  allerdings  nichts  sichtbar; 
die  Ausfüllung  der  Mulde  besteht  aus  lehmigem  Quartärsand,  wie  er 
bei  Koäute  vor  dem  Terrassenrande  abgelagert  ist.  Falls  aber  jene 
Mulde  nur  durch  Auswaschung  im  Alveolinenkalke,  welcher  zu  ihren 
beiden  Seiten  ansteht,  erzeugt  wäre,  müßte  man  ihrer  quartären 
Ausfüllung  wasserhaltende  Eigenschaften  zuschreiben,  um  den  Bestand 
der  in  ihr  gelegenen  Quellchen  zu  begründen.  Es  handelt  sich  hier 
allerdings  auch  nur  um  schwache  Wasseraustritte.  Bei  meinem  aufnahms- 
geologischen  Besuche  der  Gegend  zu  Ende  März  1906  zeigte  sich  da,  wo 
auf  der  Spezialkarte  in  der  Mitte  der  Mulde  eine  Quelle  angegeben 
ist,  nachstehender  Befund:  In  einem  durch  Mauerwerk  hinten  abge- 
schlossenen Wiesenboden  eine  langgestreckte  Quellacke,  die  sich  in 
ein  mit  Algen  erfülltes  Tümpelchen  fortsetzt.  Neben  demselben  unter- 
halb einer  niedrigen  Böschung  ein  tiefes  und  klares  Quellbecken,  das 
durch  am  Fuße  der  Böschung  austretendes  Wasser  gespeist  wird. 
Seitlich  davon  noch  ein  Becken  mit  klarem  Wasser  ohne  sichtbarem 
Zu-  und  Abfluß.  Aus  dem  Algentümpel  entwickelt  sich  dann  das 
Rinnsal,  welches  den  schon  beschriebenen  Weg  in  die  Cetinaebene 
nimmt. 

Als  ich  dieselbe  Gegend  anläßlich  der  Aufsuchung  tektonischer 
Relationen  des  starken  Erdbebens  vom  2.  Juli  1898  gegen  Ende  Juli 
jenes  Jahres  durchstreifte,  war  an  der  besagten  Oertlichkeit  auch  noch 
Wasser  zu  sehen,  doch  fehlen  mir  die  nötigen  Notizen  und  Erinner- 
ungen, um  einen  Vergleich  mit  dem  obigen  Befunde  anzustellen. 

Die  Quelle  Pistetak  der  Spezialkarte,  links  von  der  Stelle,  wo 
sich  die  Quellenmulde  in  den  zur  Schlucht  hinableitenden  Graben 
verengt,  ist  eine  Lokva,  unterhalb  welcher  in  einer  kleinen  Wiesen- 
mulde W^asser  zutage  tritt.  Der  Untergrund  wird  hier  von  Nummu- 
liten-  und  Alveolinenkalk  gebildet.  Diese  Quelle  soll  nach  dem  erwähnten 
heftigen  Erdbeben  eine  Verminderung  ihrer  Wassermenge  gezeigt 
haben,  gleichwie  der  1300  m  südsüdwestlich  von  ihr  gelegene  Bunar 
Pistak  bei  Bucanj,  von  welchem  erzählt  wurde,  daß  er  vor  dem  Beben 
gefüllt  gewesen  sei  und  nach  demselben  im  Laufe  weniger  Tage  den 
größten  Teil  seines  Wassers  verloren  habe,  wogegen  umgekehrt  von 
der  Ostseite  des  Sinjsko  Polje  Berichte  über  ein  nach  dem  Erdbeben 
eingetretenes   reichliches  Fließen   der  sonst  im  Juli  schon  schwachen 


[55]  Quellengftologie  von   Mitteldalraatien.  19J) 

Quellen  und  über  das  Entstehen  einer  neuen  Quelle  bei  Jabuka 
vorlagen. 

Im  Rinnsale  der  Luöica  tritt  wie  in  jenem  der  Korito  draga 
der  Fall  ein,  daß  das  Abwasser  von  Quellen  des  Talgrundes  infolge 
von  Uebertritt  auf  durchlässigen  Boden  wieder  versitzt.  Wenn  die 
Schlucht  der  Lucica  nach  heftigen  Hegengüssen  Wasser  führt,  so  dürfte 
dieses  aber  nicht  bloß  aus  der  Quellenmulde,  sondern  zum  Teil  auch 
aus  tieferen  Klüften  der  Umgebung  stammen.  Die  Lucica  wäre  dann 
neben  dem  Rinnsale  bei  Talaja,  dem  Zupica-  und  Goru^icabache  ein 
vierter  Abzugsweg  von  Kluftwasser  auf  der  Westseite  des  Sinjsko 
polje.  Sind  die  auf  diesen  Wegen  austretenden  Wassermengen  auch 
ganz  verschwindend  klein  gegenüber  jenen,  welche  auf  der  Ostseite 
dieses  Poljes  hervorbrechen,  so  bieten  diese  Wasserwege  auf  der 
westlichen  Poljenseite  doch  überhaupt  schon  durch  ihr  Vorhandensein 
ein  Interesse.  Sie  bringen  den  hydrographischen  Gegensatz  zwischen 
dem  Sinjsko  polje  und  dem  durch  die  Prologkette  von  ihm  getrennten 
Livanjsko  polje  und  Busko  Blato  zum  Ausdrucke.  Die  letzteren  beiden 
Karstwannen,  welche  eines  oberflächlichen  Abflusses  entbehren,  sind 
an  ihren  Südwestseiten  von  Ponoren  begleitet.  Der  in  die  nördliche 
Fortsetzung  des  Busko  Blato,  das  Bielo  polje  bei  Podgradina  von 
Westen  her  einmündende  Ozren  potok  verdankt  einer  Einfaltung  un- 
durchlässiger Schichten  in  das  Kalkgebirge  seine  Entstehung,  ist  aber 
kein  Kluftwasserauslauf. 

Im  Sinjsko  polje  ist  aber  entsprechend  dem  Bestände  eines 
oberflächlichen  Abflußweges  doch  auch  die  Gesamttendenz  der  unter- 
irdischen Wasserbewegung  mehr  nach  der  Verlaufsrichtung  dieses  Weges, 
das  ist  nach  Süden  hin  gewendet.  Nach  der  Grund  sehen  Hypothese 
wäre  eine  gleichsinnige  Abdachung  des  Karstwasserspiegels  vom  Sinjsko 
polje  zum  Golfe  von  Castelli  wegen  der  Dolomitbarre  von  Dizmo 
auszuschließen  und  ein  schwaches  Ansteigen  dieses  Spiegels  vom 
Westrande  der  Cetinaebene  bis  etwa  unter  den  Rücken  der  Cemernica 
anzunehmen.  Zwischen  dem  Livanjsko  polje  und  dem  Cetinatale  würde 
dagegen  nach  Grunds  Ansichten  ein  kontinuierliches  Absinken  des 
Karstwasserspiegels  deshalb  möglich  sein,  weil  die  im  Innern  der 
Viesca  gora  und  Prolog  planina  durchstreichenden  Dolomitsättel  das 
orographische  Streichen  queren.  Die  Cetiua  bleibt  im  Sinjsko  polje 
das  ganze  Jahr  hindurch  ein  oberirdisches  Gewässer,  wenn  auch  ihr 
Wasserstand  gegen  Schluß  der  sommerlichen  Trockenperiode  sehr 
niedrig  wird.  Vom  Spätherbst  bis  zum  Frühling  ist  das  Sinjsko  polje 
zum  großen  Teil  überschwemmt;  der  Spiegel  des  Grundwassers 
reicht  dann  fast  bis  gegen  die  erhöhten  Ränder  des  Polje  hinan.  Die 
Cetina  fließt  hier  durch  Alluvialgebilde,  die  —  soweit  sie  nicht  aus 
Lehm  bestehen  —  einen  großen  Grad  von  Durchlässigkeit  besitzen. 
Die  Unterlage  dieser  Schichten  ist  aber  wahrscheinlich  teilweise  an- 
durchlässiger Boden.  Das  Zutagetreten  neogener  Schichten  ringsum 
an  den  Rändern  des  Sinjsko  polje  läßt  erwarten,  daß  dieselben  auch 
den  Untergrund  der  Alluvialausfüllung  der  zentralen  Poljenteile  bilden. 
Diese  Schichten  sind  zum  Teil  ziemlich  undurchlässige  Kalkmergel, 
zum  Teil  klüftige  Süßwasserkalke,  die  das  Wasser  nur  unvollkommen 
zurückhalten.  Die  Unterlage  des  Neogens  im  Sinjsko  polje   sind  ver- 


:200  ^''  ^*"**^  ^-  Kerner.  [56"] 

mutlich  Triasschichten.  Ein  Teil  derselben,  die  tonigen  Werfener 
Schiefer,  zählen  zu  den  undurchlässigsten  Gesteinen  unseres  Gebietes, 
Andere  Bestandteile  des  triadischen  Grundgebirges  sind  aber  jedenfalls 
imstande,  in  Kluftsystemen  Wasser  aufzunehmen.  Zudem  dürfte  der 
Untergrund  des  Neogens  im  Sinjsko  polje  stark  gestört  sein  und  viele 
Kontinuitätstrennungen  aufweisen.  Es  wird  daher  auch  unter  dem 
Neogen  im  Sinjsko  polje  Grundwasser  existieren,  das  mit  den  Wässern 
in  den  Kluftsystemen  der  Kalkberge,  die  das  Polje  umgeben,  in  Ver- 
bindung steht.  Daß  eine  scharfe  durchgreifende  Trennung  der  beiden 
Grundwasserbehälter  statthabe,  ist  wegen  der  erwähnten  Beschaffenheit 
eines  Teiles  der  Neogenschichten  nicht  vorauszusetzen. 

Die  Quellen   in  der  Mulde  von  Gljev  und  in  der  oberen 

Korito  Draga. 

Das  Tal  der  oberen  Cetina  wird  beiderseits  von  Felsterrassen 
begleitet,  die  als  stehengebliebene  Zeugen  eines  früheren  höheren 
Talbodeus  zu  betrachten  sind.  Diese  Terrassen  setzen  über  Sättel 
und  Muldenzonen  hinweg;  Härteunterschiede  der  Gesteine  und  spätere 
Scholleneinbrüche  haben  aber  Unebenheiten  der  alten  Talbodenreste 
hervorgebracht.  Durch  tektonische  Vorgänge  ist  zum  Beispiel  auf  der 
Ostseite  der  oberen  Cetina  die  kleine  Einsenkung  von  Zasiok,  durch 
Auswaschung  die  flache  Schale  von  Bitelic  entstanden.  Ostwärts  von 
der  Talenge  von  Hau  ist  in  der  dort  sehr  breiten  linksseitigen  Tal- 
terrasse eine  flache  Vertiefung  von  sehr  unregelmäßiger  Form  vor- 
handen. Sie  wird  von  Kreidekalken  umrahmt  und  von  Konglomeraten 
und  Mergelschiefern  der  Prominaschichten  erfüllt  und  stellt  sich  als 
eine  durch  Schollensenkung  und  Auswaschung  erzeugte  seichte  Hohl- 
form dar.  Ueber  die  Mergel  und  deren  Verwitterungslehme  breiten 
sich  Schuttmassen,  die  aus  den  Gräben  der  im  Osten  aufsteigenden 
Vorhöhen  des  Prologgebirges  stammen.  Unter  diesen  Verhältnissen 
kommt  es  in  der  flachen  Mulde  vor  Gljev  zum  Auftreten  schwacher 
Quellen  an  solchen  Orten,  wo  die  in  den  lockeren  Deckschichten 
über  undurchlässigem  Grunde  sich  ansammelnden  Wässer  die  ßoden- 
oberfläche  erreichen.  Diese  Wasseraustritte  sind  auf  verschiedene 
Stellen  der  Mulde  verteilt,  die  in  ihrem  Umrisse  einem  Quadrate  mit 
zipfelförmig  ausgezogenen  Ecken  vergleichbar  ist. 

Im  schmalen  westlichen  Muldenzipfel,  welcher  sich  weit  in  das 
Rudistenkalkplateau  oberhalb  Han  vorschiebt,  ist  ein  schwaches  Quell- 
chen inmitten  sumpfiger  Wiesen  anzutreffen.  Ganz  im  Westen  sieht  man 
hier  eocäne  Mergel  zwischen  mittelsteil  gegen  S  einfallenden  Kreide- 
kalken eingekeilt.  Die  Mergel  und  die  zunächst  an  sie  anstoßenden 
kalkigen  Schichten  weisen  Anzeichen  starker  Quetschung  auf.  Am 
Eingange  in  die  gegen  SW  gerichtete  Aussackung,  in  deren  Fort- 
setzung ein  zum  Sinjsko  polje  hinabführender  Graben  liegt,  ist  ein 
größerer  Quelltümpel  vorhanden.  Diese  Aussackung  wird  durch  eine 
zwischen  Rudisten-  und  Chamideukalk  eingesenkte,  sich  gegen  NO 
öffnende  Hemizentroklinale  von  eocänen  Konglomeraten  gebildet.  Die 
Lage  des  Tümpels  entspricht  ungefähr  der  tiefsten  Stelle  der  Gegend. 
Im  nördlichen  Muldenzipfel,  welcher   ganz  mit  Verwitterungsschichten 


[57]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  201 

erfüllt  ist,  aber  durch  eine  aus  anstehenden,  gegen  S  und  SW  ver- 
flächenden Mergelschiefern  bestehende  Bodenwelle  vom  zentralen  Teile 
der  Mulde  getrennt  ist,  befindet  sich  die  Quelle  Studenac.  Das  Wasser 
tritt  hier  von  den  Seiten  und  von  unten  in  einen  roh  ummauerten 
Brunnenschacht  ein  und  rieselt  zu  Zeiten  mittleren  Wasserstandes 
über  den  Steinkranz  der  Schachtötfnung  ab.  Die  Lokva  vor  dem  auf 
der  Ostseite  der  Mulde  von  Gljev  vorspringenden  Sporne  von  liudisten- 
kalk  wird  von  einem  Quellchen  gespeist,  das  aus  einer  mit  Stein- 
platten halb  überdeckten  kleinen  Vertiefung  kommt.  Die  nächste  Um- 
gebung ist  auch  hier  Ackerland ;  nicht  weit  im  Westen  beginnt  aber 
die  früher  genannte  Entblößung  von  Mergelschiefern,  und  es  ist  nicht 
zu  zweifeln,  daß  dieselben  auch  bei  der  Lokva  in  geringer  Tiefe  an- 
stehen. Endlich  ist.  noch  ein  temporärer  Wasseraustritt  zu  erwähnen, 
welcher  sich  in  der  Südostecke  der  Mulde  von  Gljev  findet.  Das  Wasser 
kommt  hier  neben  dem  Wege,  der  vor  den  Hütten  von  Jelendusa 
vorbeiführt,  unterhalb  eines  Ackers  hervor.  In  der  Umgebung  tritt  an 
mehreren  Stellen  eocänes  Kalkkonglomerat  unter  dem  Schuttboden 
zutage. 

Von  hier  streicht  eine  schmale  Zone  von  Konglomeraten  und 
Breccien  weit  in  die  westlichen  Vorberge  des  Prologgebirges  hinein. 
Sie  zieht  sich  zunächst  am  Hange,  welcher  die  Mulde  von  Gljev 
gegen  Ost  abschließt,  empor,  und  folgt  dann  der  Südseite  des  Hoch- 
tales zwischen  dem  Catrnski  Humac  und  der  Debela  glavica,  um 
schließlich  im  Talhintergrunde,  unterhalb  des  steilen  Felsgrates  Presiio, 
auch  auf  die  nördliche  Talseite  überzugreifen.  Im  Bereiche  dieses 
Gesteinszuges  verzeichnet  die  Spezialkarte  zwei  Quellen.  Die  eine 
liegt  in  einer  gegen  W  offenen  Felsnische  linkerseits  des  engen  Grabens, 
welcher  vom  vorgenannten  Hochtale  zur  Mulde  von  Gljev  hinabzieht.  Man 
hat  hier  eine  kleine  in  lehmigen  Boden  eingesenkte  Quellacke  vor  sich. 
Es  herrschen  hier  mehr  die  zu  Verkarstung  neigenden  basalen  Breccien 
der  Prominaschichten  vor.  Das  Schichtfallen  in  der  Umgebung  ist 
50  0  S  vers  W.  Einen  weit  erfreulicheren  Anblick  bietet  die  andere 
Quelle,  welche  sich  im  Hintergründe  des  Hochtales  befindet.  Diese 
Quelle,  die  Quelle  Catrnja,  tritt  aus  sehr  steil  aufgerichteten  bis  seiger 
stehenden  NW — SO  streichenden  Konglomeratbänken  aus.  Oberhalb 
der  durch  Schichtflächen  solcher  Bänke  gebildeten  Felsmauer,  welche 
südwärts  hinter  der  Quelle  vorbeizieht,  ist  eine  schmale  Einlagerung 
von  dünnschieferigem  Mergelkalke  sichtbar,  welcher  zu  einer  schmutzig- 
gelben Lehmerde  zerfällt.  Unterhalb  der  Quelle  sieht  man  an  der 
Böschung  des  durch  das  Hochtal  ziehenden  Rinnsales  gelben  und 
blaugrauen  plastischen  Lehm  entblößt,welcher  auch  das  Verwitterungs- 
produkt von  in  der  Nähe  durchstreichenden  Mergeln  sein  muß.  Die 
Catrnjaquelle  bringt  so  Wasser  an  den  Tag,  das  sich  in  steil  gestellten 
klüftigen  Schichten  an  undurchlässigen  Zwischenlagen  derselben  auf- 
staut. Am  Quellorte  sind  ein  roh  ummauertes  Becken  mit  klarem 
Wasser,  das  an  einer  Stelle  über  den  Beckenrand  abrieselt,  und  ein 
aus  Stein  gemeißelter  Trog  zu  sehen.  Die  Wassertemperatur  am 
Ausflusse  betrug  bei  einer  Messung  kurz  vor  Mitte  April  O-O^,  bei 
einer  zweiten  Messung  kurz  nach  Mitte  Juni  lO-O^.  Das  Wasser  am 
Grunde    des  Beckens   zeigte    das    erstemal    an   verschiedenen  Stellen 

.Tahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Heichsanstalt,  1916,  66.  Bund,  1.  Heft.  (F.  v.  Kerner.)         27 


202  D**-  ^"^'^  '•  Kerner.  158"] 

eine  wechselnde,  zwischen  84o  und  8-7"  schwankende  Wärme,  war 
also  um  drei  bis  sechs  Zehntel  Grade  kühler  als  am  Ausflusse,  das 
zweitemal  war  es  am  Grunde  überall  gleich  warm  und  nur  um  zwei 
Zehntel  Grade  kühler  als  an  der  Oberfläche. 

Am  Südfuße  der  Bergkuppe  Obiseujak,  an  deren  Westseite 
das  Hochtal  mit  der  Quelle  Catrnja  seinen  Abschluß  findet,  liegt  das 
kleine  Polje  von  Blaca.  Es  ist  ein  Ueberschiebungspolje  mit  steiler, 
aus  Rudistenkalk  gebildeter  Nordwand  und  sanft  abdachender  west- 
licher und  südlicher  Wandung  aus  eocänen  Kalken.  Den  Untergrund 
des  mit  Eluvien  erfüllten  Inneren  bilden  eocäne  Mergel,  die  beiderseits 
an  der  Ueberschiebungslinie  anstehen.  Es  kommt  hier  zur  Entwicklung 
einiger  kleiner,  vorwiegend  der  oberirdischen  Wasserabfuhr  dienender 
Gerinne,  welche  in  einer  trichterförmigen  Bodensenkung  verschwinden. 

Vom  Blaca  Polje  gelaugt  man  südwärts  über  einen  schmalen 
Felsriegel  in  die  Korito  Draga.  Diese  ist  ein  langgestrecktes  Bach- 
bett, welches  südwärts  von  der  Kamesnica  auf  der  Westseite  der 
Wasser  scheidenden  Höhen  zwischen  dem  Busko  Blato  und  dem 
Sinjsko  polje  seinen  Ursprung  nimmt  und  in  das  letztere  Polje  mündet. 
Die  Korito  Draga  gliedert  sich  in  drei  morphologisch  von  einander 
abweichende  Teilstücke,  welche  ihrem  Durchtritte  durch  drei  ver- 
schiedene Gesteinszonen  entsprechen.  Quer  über  die  genannte  Wasser- 
scheide streicht  ein  Zug  von  Prominaschichten,  welcher  —  gleichwie 
jener  im  Hochlale  oberhalb  Gliev  —  eine  steile  Einfaltung  in  Kreide- 
kalken darstellt.  Innerhalb  dieses  Gesteinszuges  entwickelt  sich  die 
vorgenannte  Draga  aus  mehreren,  unter  sehr  spitzem  Winkel  zusam- 
menlaufenden Aesten.  Südwärts  vom  Blaca  polje  verläuft  die  Korito 
Draga  vorzugsweise  in  cenomanem  Dolomit  und  erscheint  hier  als  ein 
schmales  Tal  mit  steilen  Hängen.  Unterhalb  der  Hütten  von  Dolnje 
Korito  tritt  sie  in  eine  breite  Zone  von  Chamidenkalken  ein.  Hier 
verliert  sie  beim  Verlassen  der  Vorhöhen  des  Prolog  den  Charakter 
eines  Tales  und  wird  bei  ihrem  Laufe  quer  durch  die  alte  Talterrasse 
im  Osten  des  Sinjsko  polje  zu  einer  engen,  beiderseits  von  steilen 
Felsböschungen  eingerahmten,  schutterfüllten  Rinne.  Ihr  Endstück 
quert  die  Neogenvorlagen  dieser  Terrasse ;  bei  ihrer  Mündung  in  die 
Cetinaebene  streut  sie  einen  großen  flachen  Muhrkegel  aus. 

In  jener  Gegend,  wo  die  Korito  Draga  dem  Blaca  Polje  am 
nächsten  kommt,  entspringt  an  ihrem  Nordabhange  eine  Quelle.  Der 
untere  Teil  des  Abhanges  besteht  dort  aus  Kreidedolomit,  dann  folgt 
ein  sanfter  geneigter  Geländestreifen  und  über  diesem  baut  sich  eine 
Felswand  von  Rudistenkalk  empor.  Auf  dem  mit  abgestürzten  Blöcken 
dieses  Kalkes  bestreuten  Bodenstreifen  zu  ihren  Füßen  bemerkt  man 
zwischen  dem  Schutte  gelblichen  und  grünlichgrauen  plastischen  Lehm, 
vereinzelte  Entblößungen  von  schiefrigem  Knollenmergel  sowie  Trümmer 
von  eocänen  Kalken  und  Konglomeraten.  Das  Einfallen  des  Mergels 
und  des  ihm  aufgeschobenen  Kreidekalkes  ist  ein  steil  gegen  N  ge- 
richtetes. Auf  diesem  schuttbestreuten  Mergelboden  entspringt  die 
Quelle.  Man  sieht  ein  mit  Sumpfgräsern  bewachsenes,  teilweise  von 
einem  Steinwalle  umgebenes  Tümpelchen  und  oberhalb  desselben 
unter  einem  großen  würfelförmigen  Kalkblocke  ein  kleines,  von  klarem 
Wasser  erfülltes  Becken.   Es  liegt  hier  einer  der  wenigen  Fälle  vor, 


r59l  Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien.  203 

in  welchen  die  Aufschiebung  von  Rudistenkalk  auf  eocäne  Mergel 
zur  Bildung  einer  Ueberfallquelle  führt.  Aber  gerade  hier  handelt  es 
sich  um  einen  ganz  atypischen  Fall  von  Berührung  der  genannten 
beiden  Gesteine.  Es  ist  hier  nur  in  einer  von  Querstörungen  durchsetzten 
Schuppenregion  ein  kleiner  Fetzen  vonKnollenraergel  zwischen  Rudisten- 
kalk und  oberen  Kreidedolomit  eingeklemmt,  aber  nicht  der  Mergel- 
horizont einer  eocänen  Schichtfolge  von  jenem  Kalke  überschoben. 

Nicht  weit  talaufwärts  von  der  eben  beschriebenen  Quelle  findet 
der  Zug  von  Prominaschichten,  in  welchen  die  Wurzeln  der  Korito 
Draga  eingeschnitten  sind,  sein  westliches  Ende.  Dieser  Zug  fällt 
schon  fast  ganz  außerhalb  des  Spalatiner  Kartenblattes ;  der  Vorgang, 
solche  Täler,  von  denen  ein  namhaftes  Stück  noch  in  das  genannte 
Blatt  zu  liegen  kommt,  in  ihrer  Gänze  zu  besprechen,  soll  hier  aber 
um  so  eher  beobachtet  werden,  als  das  Wurzelstück  der  Korito  Draga 
mehrere  Qellen  enthält,  die  sowohl  wegen  ihrer  Bauart,  als  auch 
wegen  ihrer  hohen  Lage  sehr  bemerkenswert  erscheinen.  Bei  den 
Gornje  Korito  stani  entspringt  am  nördlichen  Talhange  ein  schöner 
Quell.  Das  Wasser  tritt  am  Fuße  einer  Böschung,  die  aus  den  Schicht- 
köpfen 30 -35'^  gegen  NNO  einfallender  Konglomeratbänke  besteht, 
aus  Trümmerwerk  hervor  und  rauscht  als  kleines,  von  Buschwerk 
besäumtes  Bächlein  durch  eine  saftige  Wiese  zum  Koritobache  hinab. 
Neben  der  Quelle  stehen  zwei  moosumsponnene  Brunnentröge  aus 
ausgehöhlten  Eichenstämmen.  Man  fühlt  sich  beim  Anblicke  dieser 
Quelle  in  die  Kalkalpen  versetzt,  aber  nur  für  einen  Augenblick,  da 
die  weitere  Umgebung  gleich  daran  erinnert,  daß  man  sich  in  einem 
dalmatinischen  Gebirgstale  befindet.  Nahe  unterhalb  der  felsigen 
Böschung,  an  deren  Fuß  der  Quell  entspringt,  bemerkt  man  an  ein 
paar  benachbarten  Stellen  blaugrauen  Lehm  und  an  einer  Stelle 
Bröckeln  eines  ebenso  gefärbten  Mergels.  Es  scheinen  also  auch  hier, 
wie  bei  der  Quelle  Catrnja,  den  Kalkkonglomeraten  dünne  Mergellagen 
eingeschaltet  zu  sein,  welche  bei  der  Quellbildung  die  Hauptrolle 
spielen  dürften.  Die  Konglomerate  an  sich  wären  auch  im  Falle  einer 
örtlich  verminderten  Klüftigkeit  zur  Erzeugung  einer  lange  durch- 
haltenden Ueberfallquelle  kaum  befähigt.  Daß  diese  dünnen  Mergel- 
lagen —  gleichwie  im  Hochtale  der  Catrnja  —  an  der  Oberfläche 
kaum  bemerkbar  sind,  ist  bei  der  starken  Schuttentwicklung  der 
konglomeratischen  Schichten  nicht  verwunderlich.  Die  Temperatur 
der  eben  beschriebenen  Quelle  war  bei  einer  Junimessung  10"9. 

Gleich  weiter  ostwärts  sind  die  Prominaschichten  lithologisch 
mannigfaltig  ausgebildet.  Talaufwärts  von  den  Gornje  Korito  stani 
zeigt  sich  folgendes  Profil: 

Dicke  Bank  von  grobem  Kalkkonglomerat. 

Grünlichgrauer,  feinklüftiger  Mergel. 

Konglomeratbank. 

Bläulichgrauer,  zu  Lehm  verwitternder  Mergel. 

Lichtgrauer,  unvollkommen  muschlig  brechender  Plattenmergel. 

Gelblichgrauer,  scharfkantig  zerklüftender  sandiger  Kalk. 

Weißlicher,  muschlig  brechender  Mergelkalk. 

Konglomeratbank. 

27* 


204  ^^    Fritz  V.  Kerner.  [60] 

Es  ist  dies  eine  Mannigfaltigkeit  der  Ausbildung,  die  an  jene  im 
klassischen  Gebiete  der  Prominaschichten  erinnert.  Die  Schichtmasse, 
in  welche  die  Wurzeln  der  Korito  Draga  einschneiden,  ist  in  mehrere 
kleine  Falten  gelegt.  Dies  ergibt  in  Verbindung  mit  ihrem  Aufbaue 
aus  abwechselnd  durchlässigen  und  undurchhässigen  Lagen  günstige 
Bedingungen  für  die  Bildung  kleiner  Quellen  und  für  einen  obertägigen 
Lauf  ihrer  Abwässer.  Der  Hauptabzugsgraben  der  hier  vor  einem 
Versinken  in  größere  Tiefen  bewahrt  bleibenden  Niederschläge  geht 
aus  der  Vereinigung  von  vier  Wurzelgräben  hervor.  Im  nördlichen 
befindet  sich  ein  Quellbrünnlein  mit  zwei  Holztrögen.  Das  Wasser 
fließt  hier  vor  seinem  Austritte  eine  Strecke  weit  ganz  oberflächlich 
unter  Blöcken.  Es  zeigte  bei  einer  Messung  bald  nach  Mitte  Juni  bei 
den  Holztrögen  8-5'^,  an  seiner  obersten  Ursprungsstelle  8*3°. 

Von  den  die  vier  Wurzelgräben  trennenden  kleinen  Rücken 
sind  die  beiden  äußeren  sekundäre  Schichtaufwölbungen,  der  weiter 
zurückliegende  innere  Rücken  entspricht  einer  Schichtmulde.  An 
seinem  schmalen  westlichen  Ende  sieht  man  mehrere  scharf  einge- 
knickte dicke  Konglomeratbänke  mit  Zwischenlagen  von  Knollenkalk 
den  Muldenkern  formen.  Die  Unterlage  desselben  ist  feinklüftiger 
Flyschmergel,  welcher  auch  den  Boden  des  Antiklinalaufbruches 
bildet,  der  dem  südlich  benachbarten  Graben  entspricht. 

Vor  dem  Westabfalle  des  kleinen  Synklinalrückens  breitet  sich 
ein  flacher  Trümmerkegel  aus,  dessen  Material  den  Konglomeratbänken 
entstammt.  Am  Fuße  dieses  Kegels  tritt  an  mehreren  Stellen  Quell- 
wasser zutage.  Das  am  meisten  gegen  Nord  zu  gelegene  Quellchen 
zeigte  bei  meinem  Besuche  eine  Temperatur  von  1'3^,  zwei  mehr  in 
der  Mitte  des  Kegelrandes  austretende  Wässer  l'S^  und  8*3*^.  Diese 
Temperaturdifl'erenzen  zeigen,  daß  hier  das  Wasser  nach  dem  Aus- 
tritte aus  dem  Gestein  noch  genug  lange  unter  dem  lockeren  Schutte 
fließt,  um  bei  Tage  und  im  Sommer  eine  merkliche  Wärmesteigerung 
zu  erfahren.  Die  Quelle  kann  so  als  Beispiel  der  Verbindung  einer 
Schichtmuldenquelle  mit  einer  Schuttgrundquelle  gelten.  Auf  der 
Fläche  des  Synklinalen  Rückens  oberhalb  der  Quelle  breitet  sich  eine 
seichte,  nach  hinten  geschlossene  Wiesenmulde  aus,  welche  ein  gut 
umgrenzbares  Sammelgebiet  darstellt.  Im  südlich  benachbarten  Graben 
zeigte  das  oberflächliche  Sickerwasser  aus  dem  Schutte  auf  dem 
Flyschboden  10"7".  Es  sei  bemerkt,  daß  sich  auch  die  hier  gegebene 
Beschreibung  der  Quellen  von  Gliev  und  Korito  auf  mittlere  Wasser- 
standsverhältnisse bezieht,  wie  sie  in  der  für  geologische  Aufnahmen 
in  Dalmatien  am  meisten  geeigneten  und  meist  benützten  Jahreszeit, 
im  Frühlinge  und  Frühsommer  angetroifen  werden. 

Das  Rinnsal  in  der  Korito  Draga,  der  Korito  Potok,  ist  nur  in 
seinem  von  Blöcken  erfüllten  Anfangsstücke  innerhalb  der  Konglo- 
meratzone in  regenreichen  Monaten  von  einem  Bache  durchrauscht, 
in  seinem  Mittel-  und  Unterlaufe  liegt  es  meistens  trocken.  Man  kann 
aber  wohl  annehmen,  daß  das  Wasser  der  Koritoquellen  nach  dem 
Einsinken  in  die  Kreidekalke  vorwiegend  Bahnen  einschlägt,  welche 
unter  dem  Trockenbette  der  Korito  draga  verlaufen. 

Die  Temperaturmessungen  der  Quellen  des  Korito  potok  und 
der  Quelle  Catrnja  boten  mir  in  Verbindung  mit  den  Messungen  der 


[61]  Quellengeologie  von  Mitteldalmation.  205 

Quellen  am  Rande  der  Ebene  zwischen  Gala  und  Otok  das  Zahlen- 
material, um  für  den  Prolog  eine  vorläufige  Gleichung  der  Abnahme 
der  Bodentemperatur  mit  der  Höhe  für  eine  mittlere  Exposition  aufzu- 
stellen. (Meteorolog.  Zeitschr.  1906.) 

Die  Quellen  am  Ostraiide  des  Sinjsko  polje. 

Längs  der  Ostseite  des  Sinjsko  polje  zieht  sich  die  Terrasse, 
welche  das  obere  Cetinatal  linkerseits  begleitet,  gegen  Süden  weiter. 
Sie  quert  hiebei  den  Zug  steil  aufgerichteter  altmesozoischer  Schichten, 
welcher  die  östliche  Fortsetzung  des  Mucer  Aufbruches  bildet.  Auch 
auf  dieser  Strecke  ist  die  Niveaufläche  des  alten  Talbodens  durch 
spätere  Schollensenkungen  und  Auswaschungen  stellenweise  unterbrochen 
worden.  Vorzugsweise  durch  Erosion  mag  wohl  der  untere  Teil  der 
Korito  Draga  entstanden  sein,  wogegen  der  Graben,  welcher  von  der 
Mulde  von  Gliev  zum  Sinjsko  polje  hinabzieht,  einer  Verwerfung 
folgt.  Als  eine  Hohlform,  erzeugt  durch  Auswaschung  weicher,  infolge 
von  Einbrüchen  in  tiefere  Lage  gelangter  Schichten  stellt  sich  der 
große  Felskessel  von  Ruda  dar.  Auch  die  Gräben  von  Grab  und 
Jabuka  erscheinen  als  Ergebnisse  eines  Zusammenwirkens  tektonischer 
und  atmosphärischer  Kräfte.  Von  Han  bis  in  die  Gegend  von  Otok 
wird  der  Terrassenabfall  von  Neogenschichten  besäumt.  Weiter  süd- 
wärts treten  die  Kreide-  und  Jurakalke  bis  an  den  Rand  der  Ebene 
heran.  Der  Talkessel  von  Ruda  ist  mit  eocänen  Mergelschiefern  erfüllt. 

Unter  den  Quellen  auf  der  Ostseite  der  Sinjaner  Ebene  spielen 
Austritte  von  Kluftwasser  die  Hauptrolle.  Dem  Talkessel  von  Ruda 
und  dem  kleineren  Kessel  von  Grab  entströmen  die  Abwässer  mäch- 
tiger Karstquellen ;  das  aus  ihrer  Vereinigung  hervorgehende  Gewässer 
ist  der  stärkste  aller  linksseitigen  Zuflüsse  der  Cetina.  Im  Bereiche 
der  Neogenschichten  auf  der  Ostseite  des  Sinjsko  polje  finden  sich 
keine  bemerkenswerten  Quellbildungen ;  dagegen  bedingt  die  Auf- 
quetschung von  Werfener  Schiefern  in  der  Störungszone  zwischen 
Jabuka  und  Cacvina  das  Auftreten  einiger  Quellen.  In  der  Randzone 
der  Ebene  sind  auch  Grundwasseraustritte  vorhanden.  Zwischen  Gala 
und  Otok  verzeichnet  die  Spezialkarte  vier  Quellen.  Zwei  derselben 
sind  am  Fuße  des  zwischen  den  genannten  Orten  in  die  Ebene  vor- 
tretenden Geländesporues  gelegen.  Gleich  neben  dem  Kirchlein  Svi 
Sveti  tritt  das  Wasser  in  einer  Breite  von  fünf  Metern  am  Fuße  einer 
niedrigen  Böschung  aus  Schotter  aus.  Die  zweite,  etwas  weiter  süd- 
wärts gelegene  Quelle  ist  in  einen  roh  ummauerten  Steinkasten  ge- 
faßt; die  dritte  befindet  sich  am  Fuße  des  Gehänges  unterhalb  der 
Hütten  von  Zivinic;  auch  sie  ist,  gleich  der  vorigen,  dicht  neben  der 
nach  Otok  führenden  Straße  gelegen  und  ummauert.  Die  vierte  Quelle 
entspringt  in  den  Wiesen  auf  der  Nordseite  der  weit  in  die  Cetina- 
ebene  vortretenden  flachen  Bodenwelle  von  Otok.  Die  ersten  drei 
Quellen  zeigten  bei  einer  Messung  um  die  Frühlingsraitte  (16,  April) 
die  Temperaturen :  1022,  10-74  und  ll-Oö».  Um  Mitte  Juni  desselben 
Jahres  waren  ihre  Temperaturen;   12*24,  12*10  und  1212. 

Ueberschreitet  man  die  Bodenwelle  von  Otok  und  die  hinter 
ihr  gelegene  Mündung  der  Korito  draga,  so  kommt  man  zum  Nordende 


206  ^'■-  Fritz  V.  Kerner.  [62] 

des  Hügelrückens  von  Udovicic,  welcher  der  alten  Talterrasse  vorliegt 
und  im  Hinblick  auf  seinen  geologischen  Bau  als  ein  abgetrenntes 
und  stark  abgetragenes  Stück  derselben  erscheint.  Die  Talfurche 
zwischen  diesem  Rücken  und  der  Terrasse  wird  durch  einen  aus  dieser 
letzteren  vortretenden  Felssporn  in  einen  kleineren  nördlichen  und 
größeren  südlichen  Teil  zerlegt.  Der  letztere  öffnet  sich  in  das  vom 
Ruda  potok  vor  seinem  Austritte  in  die  Ebene  durchströmte  Tal  und 
wird  von  einem  Quellbache  durchflössen,  der  gegenüber  dem  genannten 
Sporne  in  einer  trümmererfüllten  Nische  am  Ostfuße  des  Rückens  von 
Udovicic  entspringt.  Diese  Quelle  ist  durch  ihre  Lage  und  die  daraus 
zu  folgernde  Strukturform  höchst  bemerkenswert.  Ihr  Wasserreichtum 
—  sie  treibt  eine  Mühle  —  schließt  es  aus,  als  ihr  Sammelgebiet 
nur  den  hinter  ihr  aufsteigenden  Rücken  zu  betrachten.  Sie  kann  aber 
auch  kein  Grundwasser  der  Cetina  zutage  bringen,  da  ihr  Austrittsort 
um  10 — 15  m  höher  liegt  als  der  Spiegel  dieses  Flusses  und  auf  der 
ihm  zugewandten  Seite  des  genannten  Rückens  schwer  durchlässiges 
Gestein  ansteht.  Man  sieht  sich  so  zur  Annahme  gedrängt,  das  Nähr- 
gebiet der  besagten  Quelle  teilweise  in  dem  östlich  von  der  Furche 
des  Ovarlj  potok  gelegenen  Terrassenlande  zu  suchen.  Die  geologischen 
Verhältnisse  sind  einer  solchen  Annahme  günstig.  Der  First  und  Ost- 
hang des  nördlichen  Abschnittes  des  Rückens  von  Udovicic  bestehen 
aus  Chamidenkalk.  Am  Westhange  des  Rückens  steht  Dolomit  der 
tieferen  Kreide  an,  nur  gegenüber  der  Ovarljquelle  reicht  hier  der 
Chamidenkalk  am  Hange  weit  hinab.  Den  Fuß  desselben  besäumen 
schuttbedeckte  kalkige  Kongerienschichten.  Solche  Schichten  lehnen 
sich  im  Norden  auch  an  den  Ostfuß  des  Rückens,  während  in  der 
Umgebung  der  Ovarljquelle  und  weiter  südwärts  dünnbankige,  mit 
Konglomeratlagen  wechselnde  harte  Kalke  jungtertiären  Alters  die 
Ostseite  des  Rückens  von  Udovicic  bedecken.  Der  wiederholt  genannte 
Felssporn  östlich  gegenüber  der  Quelle  und  die  nördlichen  Nachbar- 
hänge bauen  sich  gleichfalls  aus  Kongerienschichten  auf,  wogegen  die 
südwärts  sich  anschließenden  Hänge  aus  eocänen  Mergelschiefern 
bestehen.  Die  Randzone  der  Talterrasse  setzt  sich  aus  eocänen 
Kalkbreccien  zusammen;  das  ganze  weiter  ostwärts  folgende  Terrassen- 
land wird  von  Chamidenkalk  gebildet. 

Die  kalkigen  Kongerienschichten  auf  der  Ostflanke  des  Sinjsko 
polje  sind  zwar  von  jenen  auf  der  westlichen  und  südlichen  Poljen- 
seite durch  den  Mangel  an  Ravinenbildung  und  das  Fehlen  von 
Quellen  unterschieden,  sie  wirken  aber  gegenüber  den  klüftigen 
Kreidekalken  doch  wasserstauend.  Es  werden  darum  Wässer,  welche 
in  der  alten  Talterrasse  östlich  vom  Ovarlj  potok  hinter  der  Neogen- 
vorlage  des  Terrassenrandes  niedersinken,  nun  —  da  ihrem  Austritt 
in  das  Sinjsko  polje  die  Dolomite  auf  der  Westseite  des  Rückens 
von  Udovicic  ein  Hindernis  sind,  am  Ostfuße  dieses  Rückens  her- 
vorbrechen. Vielleicht  entstammen  die  Quellwässer  des  Ovarlj  potok 
zum  Teil  jener  Wasserader,  die  vermutlich  unter  dem  trockenen  Bette 
der  Korito  Draga  nach  Westen  fließt.  Ueber  die  Temperatur  der 
Quelle  des  Ovarlj  potok  liegen  mir  drei  Messungen  vor.  Am  1 1.  April 
(1906)  zeigte  die  Quelle  an  fünf  Stellen :  Nordrand,  Mitte  und  Südrand 
der  Hauptquelle,  kleiner  Auslauf  rechts   davon   und  größerer  Auslauf 


[63]  Quellengeologie  vou  Mitteldahnatien.  207 

rechts  vom  vorigen,  die  auffallend  niedrige  Temperatur  von  7-20o. 
Es  war  dies  an  demselben  Tage,  als  die  hoch  oben  im  Gebirge  liegende 
Catrnjaquelle  S-iO^  aufwies.  Fünf  Tage  später  maß  ich  an  der  Haupt- 
quelle 7-92'',  während  mehrere  seitliche  Ausflüsse  8-22  bis  8-70  zeigten 
und  die  verschiedenen  Ausläufe  des  Kozinac  am  selben  Tage  Tem- 
peraturen von  9-76^  und  9780  hatten.  Sowohl  die  Niedrigkeit  der 
Temperatur  als  auch  die  Rascliheit  ihrer  Aenderung  in  kurzer  Zeit 
waren  sehr  auffällig.  Am  22.  Juni  desselben  Jahres  wiesen  die  ver- 
schiedenen Teile  der  Hauptquelle  und  die  rechtsseitigen  Nebenquellen 
des  Ovarlj  potok  übereinstimmend  eine  Temperatur  von  13-24°  auf. 
Die  Quelle  in  der  Talsohle  neben  der  Mühle  zeigte  12-44,  die  Quell- 
chen gegenüber  der  Mühle  am  Fuße  des  nordöstlichen  Talhanges 
hatten  1232  und  12-40o.  Der  Ursprung  des  Ovarlj  potok  dürfte  großen 
Schwankungen  der  Wassermenge  unterliegen;  leider  ist  mir  darüber 
nichts  bekannt  geworden. 

Der  Ovarljbach  mündet  in  den  Rudabach  genau  an  jener  Stelle, 
wo  dieser  seine  anfängliche  0— W-Richtung  mit  der  N— S-Richtung 
vertauscht.  Die  Talrinne,  aus  welcher  der  Rudabach  mit  gegen  West 
gerichtetem  Verlaufe  kommt,  führt  zu  einem  tief  drinnen  im  Gebirge 
liegenden  weiten  Kessel,  dessen  Ränder  rings  durch  schroffe  Kalkfelsen 
gebildet  sind,  von  deren  Fuß  sich  minder  steile  Mergelhänge  bis  zum 
Kesselgrunde  hinabsenken.  Kurz  bevor  sich  dieser  Kessel  zu  dem  in 
das  Sinjsko  Polje  führenden  Tale  einengt,  geht  der  Ruda  potok  aus 
der  Vereinigung  zweier  Quelladern  hervor.  Die  kleinere  derselben 
bricht  als  schäumender  Wildbach  dicht  am  Fuße  der  Nordwand  des 
Kessels  aus,  und  zwar  an  einer  Stelle,  wo  der  Mergelhang  durchbrochen 
ist  und  schroffe  Kalkfelsen  und  Schutthalden  bis  zum  Kesselgrunde 
hinabreichen.  Es  lassen  sich  dort  Verwerfungen  nachweisen  und 
offenbar  bot  eine  mit  diesen  im  Zusammenhange  stehende  stärkere 
Zertrümmerung  des  Gebirges  den  Anlaß  für  das  Hervorbrechen  der 
Wässer  an  jener  Stelle,  das  dann  weiter  zur  Zerstörung  des  Mergel- 
vorbaues führte,  der  im  Bereiche  jener  Bruchregion  vermutlich  auch 
Gefügelockerungen  aufwies,  die  seine  Widerstandskraft  schwächten. 
Oberhalb  der  Quelle  ragen  Schrofen  auf,  die  aus  steil  zu  Tal  abfallendem 
tieferem  Kreidekalk  bestehen.  Oestlich  von  der  Quelle  erhebt  sich 
eine  Felsmasse  aus  gegen  den  Berg  zu  fallendem  jüngerem  Kreide- 
kalke. Zwischen  beiden  sind  eocäne  Mergel  eingequetscht  und  eben- 
solche Mergel  lagern  dem  jüngeren  Kalkklotze  auch  seitlich  an. 
Diese  Befunde  lassen  das  Vorhandensein  einer  Längs-  und  Querstörung 
in  der  Gegend  der  nördlichen  Rudaquelle  klar  erkennen.  Das  Wasser 
tritt  hier  in  drei  nur  unvollkommen  voneinander  getrennten  kräftigen 
Adern  aus  Blockwerk  aus.  Im  Frühsommer  lag  die  Austrittsstelle  nur 
ungefähr  0*3  m  unterhalb  der  obersten,  den  Hochstand  anzeigenden 
Moosrasen,  was  auf  eine  nur  mäßige  jährliche  Niveauverschiebung 
schließen  läßt. 

Die  große  Quellader  des  Ruda  potok  kommt  aus  einer  engen 
Schlucht,  welche  in  die  Ostwand  des  Felskessels  eingeschnitten  ist. 
Folgt  man  diesem  Bache  bis  ins  Innere  der  düsteren  Schlucht,  deren 
Grund  er  schaumbedeckt  durchtost,  so  fühlt  man  sich  bald  durch  den 
Anblick  eines  überaus  interessanten   seltenen  Naturschauspieles  völlig 


208  JDr.  Fritz  v.  Kerner.  [64] 

überrascht  und  festgebannt.  Man  gewahrt  inmitten  eines  von  steilen 
Felsen  und  Halden  umschlossenen  Trichters  einen  tiefen  Quellteich, 
dessen  dunkelgrüne  Flut  in  heftiger  Wallung  begriffen  ist.  In  rascher 
Folge  wölbt  sich  bald  da,  bald  dort  der  Wasserspiegel  vor,  rasch 
wieder  sich  abflachend  und  große  Wellenkreise  ziehend.  Der  Anblick 
gleicht  ganz  dem  des  Kochens  und  zum  Bilde  einer  heißen 
Sprudelquelle  fehlen  nur  die  von  der  Wasserfläche  aufsteigenden 
Dämpfe.  Die  Schnelligkeit,  mit  welcher  neue  Wallungen  einander 
folgen,  bevor  sich  noch  der  Wasserspiegel  an  den  Stellen  der  früheren 
geglättet  hat,  und  die  hiedurch  bedingte  stetige  Interferenz  mehrerer 
Wellenringsysteme  erschwert  es  ungemein,  die  Periode  der  Erscheinung 
analytisch  festzustellen.  Die  Wallungen  sind  von  verschiedener  Stärke, 
bald  sieht  man  nur  von  einer  zuvor  glatten  Stelle  plötzlich  Wellen- 
kreise ausgehen,  bald  kommt  es  bis  zu  einer  kuchenförmigen,  mit 
Schaumbildung  verbundenen  Aufblähung  des  Quellspiegels.  Die  Menge 
der  hier  unter  leichten  Pulsationen  stetig  aus  der  Tiefe  empordrin- 
genden Wasserfluten  ist  enorm.  Man  ermißt  dies  aus  der  Wucht, 
mit  der  das  Wasser  aus  dem  Quellteiche  als  breiter,  reißender  Bach 
hervorschießt.  Gegen  Ende  langanhaltender  Dürreperioden  mag  aller- 
dings auch  die  östliche  Rudaquelle  einen  minder  imposanten  Anblick 
darbieten.  Im  Frühsommer  zeigte  sich  noch  keinerlei  Abnahme  der 
Wasserfülle  gegenüber  dem  Frühlinge.  Alles  Wasser  kommt  hier  aus 
der  Tiefe,  ein  seitliches  Einströmen  ist  nicht  zu  bemerken.  Die  Rand- 
partien des  Quellspiegels  scheinen  ruhig,  solange  nicht  Wellenkreise 
bis  zu  ihnen  dringen. 

Gleich  außerhalb  des  brodelnden  Quellteiches  ergießt  sich  in 
sein  tosendes  Abwasser  ein  starker  Bach,  der  aus  moosumsponnenem 
Blockwerk  an  der  Südwand  der  Felsschlucht  wildschäumend  hervor- 
bricht. Das  glitzernde  Weiß  dieser  Schaumkaskade  steht  in  wirkungs- 
vollstem Gegensatze  zudem  dunklen  Grün  des  Wasserspiegels  in  dem 
Felstrichter  daneben.  Die  mittlere  Ursprungshöhe  dieses  Seitenbaches 
über  dem  Niveau  des  Quellteiches  mag  ungefähr  12  m  sein.  Da  in 
letzterem  das  Wasser  aus  der  Tiefe  empordringt,  hat  man  es  hier 
mit  einer  Kluftwasserströmung  von  großer  vertikaler  Gesamtmächtigkeit 
zu  tun.  Daß  es  sich  um  eine  einheitliche,  wenn  auch  in  räumlich 
mehr  oder  weniger  getrennten  Felskanälen  sattfindende  Strömung 
handelt,  erhellt  auch  daraus,  daß  die  beiden  Quellen  in  thermischer 
Beziehung  übereinstimmen.  Zwei  im  Frühling  und  Sommer  vorgenom- 
mene Messungen  ergaben  für  den  Quellteich  und  für  die  Kaskaden- 
quelle genau  dieselben  Temperaturen.  Es  begreift  sich,  daß  zur  Bil- 
dung eines  so  mächtigen  Wasserstromes,  wie  er  im  Rudakessel  aus- 
tritt, die  Niederschläge,  welche  auf  die  Berge  der  Umgebung  fallen, 
nicht  ausreichen  können.  Man  hat  es  hier  wohl  mit  den  Wassermassen 
zu  tun,  welche  von  den  zahlreichen  Ponoren  auf  der  Westseite  des 
Busko  Blato  verschluckt  werden.  (Ponor  Prozdrikosa,  Sinjski  Ponor, 
die  Ponore  der  Ricina  und  Ponor  stara  mlinica.)  Das  zwischen  dem 
Sinjsko  polje  und  Busko  Blato  gelegene  Gebiet  ist  tektonisch  zwar 
noch  nicht  erforscht,  doch  hat  es  viel  Wahrscheinlichkeit  für  sich, 
daß  hier  vorwiegend  westliches  und  westnordwestliches  Schichtstreichen 
herrscht,  welches  einen  Abfluß  der  in  dem  um  400  m  höheren  Busko 


[651  Quellengcologie  von  Mitteldalmatien.  209 

Blato  versinkenden  Wässer  gegen  das  Sinjsko  polje  zu  begünstigen 
würde.  Die  Bezeichnung  Sinjski  Ponor  soll  wohl  auch  den  Bestand 
solcher  Abflußverhältnisse  ausdrücken.  Die  Kaskadenquelle  scheint 
eine  mit  erheblicher  Niveauverschiebung  verbundene  größere  Stärke- 
schwankung aufzuweisen.  Ihre  Austrittsstelle  lag  im  Juni  2  m  unter- 
halb der  obersten,  damals  vergilbten  Moospolster  in  der  Trümmerhalde 
und  die  Wasserfülle  war  etwas  weniger  groß  als  im  April. 

Daß  die  große  Rudaquelle  den  Ausbruchsort  eines  echten  Höhlen- 
flusses darstellt,  kann  man  auch  aus  ihrem  thermischen  Verhalten 
schließen.  Sie  wies  eine  große  Temperaturänderung  vom  Frühling  bis 
zum  Frühsommer  auf  und  zeigte  in  letzterem  eine  noch  höhere  Wärme 
als  —  allerdings  in  einem  anderen  Jahre  —  die  Quelle  des  Veli  Rumin, 
welche,  wie  früher  erörtert  wurde,  wegen  ihrer  hohen  Frühsommer- 
wärme als  Austritt  eines  Höhlenflusses  anzusehen  ist.  Um  die  Mitte 
der  zweiten  Aprilhälfte  zeigten  der  Quelltopf  und  die  Kaskaden- 
quelle des  Ruda  potok  10-20  ^  bald  nach  Mitte  Juni  zeigten  beide 
13-82^.  Bei  der  westlichen  Rudaquelle  waren  die  entsprechenden 
Werte  1000  und  13-34.  Sie  verhielt  sich  somit  in  thermischer  Hinsicht 
der  östlichen  Quelle  ähnlich. 

An  der  Nordwand  der  Felsschlucht,  in  deren  Fond  der  Quell- 
teich liegt,  erblickt  man  die  Oeffnungen  zweier  Höhlengänge,  von  denen 
sich  Rinnsale,  die  mit  von  Schlamm  überzogenem  Trümmerwerk  er- 
füllt sind,  bis  zum  Schluchtgrunde  hinabziehen.  Die  eine  Oeffnung 
ist  von  nur  geringen  Dimensionen,  liegt  etwa  20  m  oberhalb  des 
Quellteiches  und  sendet  ihre  Ausflußrinne  zum  rückseitigen  Teich- 
rande hinab.  Die  andere  Oeffnung  ist  ein  großes  Felstor,  dessen  Boden 
etwa  10  m  über  der  Schluchtsohle  liegt  und  sich  in  ein  von  großen 
Blöcken  ausgefülltes  Bachbett  fortsetzt,  das  eine  kurze  Strecke 
stromabwärts  von  der  Kaskadenquelle  am  rechten  Ufer  des  Ruda  potok 
mündet.  Man  hat  es  da  mit  den  Ausführungsgängen  einstiger,  jetzt 
meist  außer  Gebrauch  gesetzter  unterirdischer  Wasserwege  zu  tun. 
Sie  scheinen  darauf  hinzudeuten,  daß  hier  eine  kleine  Südwärtsver- 
legung des  mächtigen  Kluftwasserstromes  stattgefunden  hat.  Auch  bei 
dem  östlichen  Ruda  potok  zeigt  der  Ursprungsort  eine  direkte  Ab- 
hängigkeit von  den  tektonischen  Verhältnissen.  Die  enge  Schlucht,  in 
deren  Fond  der  Quellteich  liegt,  entspricht  einer  Verwerfungsspalte. 
An  der  Südwand  der  Felsschlucht  fallen  die  Kalkbänke  sehr  steil 
gegen  N,  also  gegen  die  Schlucht  zu  ab,  an  der  Nordwand  fallen  sie 
minder  steil  in  derselben  Richtung,  also  von  der  Schlucht  weg,  was 
sich  in  einer  Treppenform  des  nördlichen  Abhanges  kundgibt. 

An  der  Mündung  des  Ovarlj  potok  wendet  sich  der  Ruda  potok 
in  scharfem  Bogen  gegen  Süd  und  behält  dann  —  abgesehen  von 
seitlichen  Ausbiegungen  —  diese  Richtung,  oder  genauer  SSW,  bis 
zur  Einmündung  in  die  Cetina  bei.  Er  hält  sich  hierbei  meist  ganz  nahe 
dem  Ostrande  der  Sinjaner  Ebene.  Halbwegs  zwischen  seinem  Knie 
und  seiner  Vereinigung  mit  der  Cetina  nimmt  er  rechts  den  ihn  an 
Wasserfülle  nicht  erreichenden  Grab  potok  auf.  Folgt  man  diesem 
letzteren  in  südöstlicher  Richtung,  so  kommt  man  bald  in  ein  an- 
mutiges Tal,  an  dessen  Eingang  rechts  das  Dörfchen  Grab  von  grünem 
Anger    freundlich    herabwinkt,    wogegen  im   Talgrunde    mehrere    von 

Jahrbuch  d.  k.  k    geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  1.  Heft.  (F.  v.  Kerner).       28 


210  Dr-  ^"t':  V.  Kerner.  [66] 

hohen  Pappeln  dicht  umstandene  Mühlen  mit  rauschenden  Wasser- 
wehren und  eine  Anzahl  malerischer  Steinbogenbrücken  den  Blick 
des  Wanderers  fesseln.  Dringt  man  bis  hinter  das  von  Schaum  und 
Gischt  umwirbelte  Gemäuer  der  innersten  dieser  Mühlen  ein,  so 
sieht  man  sich  am  Zugange  zu  einem  von  jäh  aufstrebenden  Felsen 
und  steilen  Halden  eng  umschlossenen  Kessel,  dessen  Grund  die 
Ursprünge  des  Mühlbaches  birgt.  Gleich  hinter  dem  Gemäuer  bricht 
links  am  Fuße  eines  steilen  Blockwerkes  ein  prächtiger  fünfteiliger 
Quell  hervor.  Dann  tritt  inmitten  des  von  Tamariskenbüschen  über- 
wucherten, geröllbedeckten  Kesselbodens  in  einem  Halbkreis  Quell- 
wasser zutage,  das  allseits  zusammenströmend,  einen  kleinen  Bach 
erzeugt.  Endlich  steigt  rechts  dicht  am  Fuße  der  fast  senkrechten 
Südwand  des  Kessels  aus  zwei  Löchern  in  der  Tiefe  eines  trümmer- 
erfüllten kleinen  Beckens  Wasser  auf,  das  durch  ein  roh  ummauertes 
Gerinne  abströmt,  den  dritten  der  Quellbäche  des  Grab  potok  bildend. 
Dieser  in  verstecktem  Winkel  unter  hohem,  von  Blumen  überranktem 
Fels  gelegene  tietblaugrüne  Quell  ist  einer  der  schönsten  des  Gebietes. 

Die  fünf  Adern  der  ersten  Quelle  sind  durch  kleine  Felsvor- 
sprünge wohl  nur  äußerlich  getrennt  und  gehören  einem  einzigen 
Auslaufe  von  Kluftwasser  an,  da  sie  genau  dieselben  Temperaturen 
zeigten.  Die  mittlere  Quellader  und  die  westlich  ihr  benachbarte 
übertreifen  die  anderen  an  Stärke.  Die  im  Geröll  am  Kesselboden 
aufgehende  Quelle  bildet  zu  Zeiten  eines  ungefähr  mittleren  Wasser- 
standes einen  im  Beginne  5 — 6  m  breiten  seichten  Bach.  Das  Wasser 
strömt  entlang  der  ganzen,  einen  Halbkreis  bildenden,  rückseitigen 
Begrenzungslinie  dieses  Baches  aus,  doch  lassen  sich  eine  mittlere 
und  zwei  seitliche  stärkere  Ausströmungen  unterscheiden,  von  welch' 
letzteren  die  rechtsseitige  mehr  nach  außen  zu  gelegen  ist.  Die  Tem- 
peratur dieser  drei  Quelläste  war  genau  dieselbe.  Der  Quelltopf  unter 
den  Felswänden  ist  etwa  5  m  lang,  3  m  breit;  das  Wasser  stand  im 
Frühling  nur  etwa  V2  "^  über  dem  Boden,  die  in  denselben  einge- 
senkten beiden  Löcher  erstrecken  sich  aber  noch  mehrere  Meter  tief 
hinab.  Nach  der  Moosgrenze  an  den  Felswänden  zu  schließen,  scheint 
hier  der  Hochstandsspiegel  etwa  2  m  über  dem  mittleren  zu  liegen. 
Diese  dritte  Quelle  war  bei  einer  um  die  Zeit  des  Tiefstandes  der 
Quellentemperatur  erfolgten  Messung  um  einen  ganzen  Grad  wärmer 
als  die  aus  dem  Geröll  am  Kesselgrunde  und  die  aus  dem  Blockwerk 
bei  der  Mühle  kommenden  Wässer.  Sie  wies  bei  einer  gegen  Ende 
April  vorgenommenen  Messung  ll-84o  auf,  während  die  Quelle  hinter 
der  Mühle  und  die  Quelle  im  Geröllboden  des  Felskessels  lO'Sö^ 
zeigten.  Vermutlich  würde  eine  im  Herbste  vorgenommene  Messung 
der  Quellwärme  ein  umgekehrtes  Temperaturverhältnis  zeigen  und 
zur  Erkenntnis  führen,  daß  jener  mehr  aus  der  Tiefe  kommende  Quell 
einer  viel  geringeren  Wärmeschwankung  unterliegt  als  seine  oberfläch- 
licher entspringenden  Nachbarquellen. 

Als  durchschnittliche  Abflußmenge  des  vereinigten  Ruda-  und 
Grab  potok  bei  Niederwasser  findet  sich  im  Wasserkraftkataster  des 
hydrographischen  Zentralbüros  3500  Sekuudenliter  und  als  voraussicht- 
liches absolutes  Minimum  der  Wassermenge  dieses  Quellbaches  2500 
Sekundenliter  angegeben. 


[67]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  211 

Im  Anschlüsse  an  die  Beschreibung  der  Ursprünge  des  Grab 
potok  sei  einer  Quelle  kurz  gedacht,  die  außerhalb  der  inneren 
Mühlen  am  rechten  Bachufer  aufgeht,  sowie  noch  eine  Quelle  an- 
geführt, die  nordwärts  vom  Grab  potok  am  Fuße  des  Gehänges  bei 
Vrabac  am  Rande  der  Ebene  aufgeht.  Bei  dieser  letzteren  Quelle 
mündet  ein  trümmererfülltes  Bachbett,  das  großenteils  wohl  trocken 
liegt,  nach  stärkeren  Regengüssen  aber  von  einem  Bache  durch- 
schäumt wird. 

Von  den  Aufquetschungen  unterer  Werfener  Schiefer  längs  der 
Störungslinie  auf  der  Ostseite  des  Ruda  potok  stellen  jene  bei  der 
Burgruine  Cacvina  und  bei  den  Klippen  nördlich  von  der  Kota  glavica 
räumlich  beschränkte  Gesteinsfetzen  dar.  Nur  auf  der  Südflanke  des 
Tälchens  hinter  Jabuka  tritt  eine  größere  Schieferlinse  an  den  Tag. 
Hier  kommt  es  zur  Entwicklung  schwacher  Sickerwässer  in  den  Deck- 
schichten des  undurchlässigen  Grundes.  Man  trifft  hier  zunächst  am 
Abhänge  gegenüber  dem  Dörfchen  Jabuka  oberhalb  der  Mergelkalke 
auf  Schieferboden  ein  ummauertes  Quellchen,  dann  ein  natürliches 
Becken  mit  klarem,  schwach  abrieselndem  Wasser,  daneben  zwei 
Tümpelchen  mit  unreinem  Wasser.  Weiterhin  kommt  man  zu  einem 
Bunar  und  dann  zu  einer  mit  vielen  Wasserpflanzen  erfüllten,  von 
Gestrüpp  und  (vom  benachbarten  Gelände  stammenden)  Kalkblöcken 
umgebenen  Quellacke.  Nahe  derselben  ist  unter  Gebüschen  noch  ein 
kleines  Becken  mit  klarem  Wasser  und  eine  algenerfüllte  Quellacke 
zu  sehen,  endlich  findet  man  noch  etwas  weiter  im  Osten  unter  einem 
Baume    ein  kleines  Becken   mit  reinem,    wohlschmeckendem  Wasser. 

Die  Quellen  des  mittleren  Cetinatales. 

Nach  ihrem  Laufe  durch  das  Sinjsko  polje  durchbricht  die 
Cetina  das  Kreidekalkgebiet,  welches  die  triadischen  Aufbruchsspalten 
von  der  Flyschzone  der  Küste  trennt.  Sie  fließt  hier  in  einem  wilden 
tiefen  Canon,  welcher  größtenteils  in  Rudistenkalk  eingeschnitten 
ist.  Nur  der  an  das  Südende  des  Sinjsko  polje  sich  zunächst  an- 
schließende Gebietsteil  ist  so  tief  eingesunken,  daß  hier  die  Cetina 
durch  die  jüngeren  Schichten  tritt,  welche  den  durch  jene  Senkung 
geschaffenen  Raum  erfüllen.  Es  sind  dies  Congerienschichten  und 
ihnen  aufruhende  jungpliocäne  Schotter.  Die  Quellen  im  Mittellaufe 
der  Cetina  sind  so  von  zweierlei  Art :  im  kurzen  Anfangsstücke  des 
Tales  findet  man  Schichtquellen,  welche  an  der  Grenze  der  oben 
genannten  zwei  Tertiärstufen  entspringen ;  im  sehr  viel  längeren 
Hauptabschnitte  des  Tales  treten  Karstquellen  zutage. 

Der  links  von  der  Cetina  gelegene  Teil  des  Neogengeländes  im 
Süden  des  Sinjsko  polje  besteht  aus  einem  an  den  Kreidekalkzug 
des  Vojuicki  brig  sich  anlehnenden  Rücken,  in  welchem  die  Stasina 
glavica  über  das  Niveau  jenes  Kalkzuges  emporsteigt  und  aus  dem 
Hügel  von  Delonca,  der  sich  nordwärts  von  jenem  Rücken  zu  geringerer 
Höhe  erhebt.  Die  Kuppe  dieses  Hügels  reicht  noch  nicht  bis  zur 
Grenzfläche  zwischen  den  wenig  durchlässigen  Kongerienschichten  und 
spätpliocänen  Schottern  hinauf  und  ist  so  von  hauptsächlich  nur  der 
oberirdischen    Wasserabfuhr     dienenden    Gräben     durchfurcht.     Der 

28* 


212  ^^-  Fritz  V.  Kerner.  [ßg] 

Rücken  mit  der  Stasina  glavica  ragt  aber  über  jene  Auflagerungsfläche 
hinan  und  weist  so  an  seinem  Nordhauge  einen  Horizont  mit  Sicker- 
wässern auf.  Eine  bemerkenswerte  Quelle  entspringt  im  obersten 
Teile  jenes  Grabens,  welcher  das  kleine  Lignitflöz  von  Kosute  bloß- 
legt. Allzureicher  Wasserzufluß  soll  hier  vor  zwölf  Jahren  zur  Ein- 
stellung von  in  Angriff"  genommenen  Aufschlußarbeiten  geführt  haben. 
Auch  auf  der  zum  Cetinatale  abdachenden  Ostseite  des  genannten 
Rückens  befindet  sich  eine  kleine  Quelle. 

Zahlreichere  und  zum  Teil  viel  größere  Quellen  birgt  das  am 
Südrande  des  Sinjsko  polje  links  von  der  Cetina  gelegene  Neogen- 
gebiet.  Es  ist  dies  eine  reichgegliederte  Hügelmasse,  die  nur  an  ihrer 
Südwestseite  bis  an  das  sie  umgebende  Gebirge  stößt  und  so  einen 
hohen  Grad  von  orographischer  Selbständigkeit  erhält.  Gegen  NW 
wird  sie  durch  das  Tal  der  Cetina  begrenzt,  gegen  SO  bilden  die 
Mulden  von  Briskilje  und  Strmen  Dolac  und  gegen  NO  die  von  der 
letzteren  zum  Sinjsko  polje  ziehende  Furche  ihre  Grenzen.  Diese 
Hügelmasse,  der  Golo  Brdo,  besteht  aus  einem  auf  oberen  Fossarulus- 
schichten  ruhenden  Sockel  von  Kongerienschichten  und  einer  über 
ihn  gebreiteten  Decke  von  groben,  zu  einem  lockeren  Konglomerat 
verkitteten  postpliocänen  Flußschottern. 

Die  Neogenschichten  des  Golo  Brdo  sind  trotz  sehr  hohen 
Kalkgehaltes  (über  967o)  für  Wasser  ziemlich  schwer  durchlässig. 
Derart  bildet  ihre  besonders  auf  der  NO-  und  SO-Seite  des  Berges 
überall  frei  ausstreichende  Grenze  gegen  die  aufliegenden  Konglomerate 
einen  Quellenhorizont,  Die  Konglomerate  enthalten  selbst  aber  auch 
schwer  durchlässige  Zwischenlagen  aus  verfestigtem  Kalkschlamm,  was 
zur  Entstehung  höherer  Wasseraustritte  Anlaß  gibt.  Die  Schichtmasse 
des  Golo  Brdo  ist  flachwellig  gelagert  und  es  kommen  hier  so  Schicht- 
quellen auf  völlig  wagrechter,  auf  schwach  geneigter  und  auf  flach- 
muldenförmiger Unterlage  vor. 

Klar  ist  letztere  Struktur  bei  der  im  Graben  südlich  von  der 
Hauptkuppe  des  Golo  Brdo  gelegenen  Quelle  sichtbar,  welche  man 
für  die  Wasserversorgung  der  Station  Ugljane  der  geplanten  Bahnlinie 
Dizmo-Ar^ano  in  Aussicht  genommen  hat.  Diese  Quelle  tritt  im 
Muldentiefsten  einer  durch  jenen  Graben  angeschnittenen,  sehr  flachen 
Synklinale  aus.  Talabwärts  fallen  die  Konglomeratbänke  sanft  gegen 
0  bis  ONO,  in  der  Umgebung  des  Quellortes  liegen  sie  söhlig  und 
talaufwärts  ist  sanftes  WNW-Fallen  zu  erkennen,  das  weiterhin  in 
südwestliches  Verflachen  übergeht.  Die  Quelle  tritt  in  mehreren  Adern 
unter  dem  Schichtkopfe  einer  Konglomeratbank  aus  und  überrieselt 
die  von  ihr  gebildeten  Tuffkrusten  des  Ausstriches  einer  tieferen 
Bank.  Oberhalb  der  Hangendbank  folgen  noch  mehrere  weiter  zurück- 
liegende Schichtkopfstufeu,  an  deren  Unterkanten  schwache  Wasser- 
austritte erfolgen.  Die  Einschaltung  von  kalkigtonigen  Lagen  zwischen 
die  Konglomerate  ist  talabwärts  von  der  Quelle  am  rechtsseitigen 
Hange  des  Grabens  schön  zu  sehen.  Daß  die  lockeren  Konglomerate 
durchlässig  sind,  zeigt  sich  daran,  daß  der  Quellabfluß  nach  und  nach 
wieder  versiegt.  Nahe  der  Mündung  des  Quellgrabens  befindet  sich 
der  von  Pappelbäumen  umstandene  Ikunnen,  welcher  die  Bewohner 
von  Caporice  mit  Trinkwasser  versorgt.    Das  Wasser  desselben  quillt 


[69]  Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien.  213 

am  Fuße  eines  nach  NNW  exponierten  Abhanges  hervor,  an  welchem 
flachmuldenförmig  gelagerte  Konglomerate  ausstreichen  und  der 
Brunnen  liegt  genau  in  der  Achse  der  hier  bloßgelegten  Synklinale. 
Die  Schichten  fallen  auf  der  Seite  der  nahen  Straße  sehr  sanft  nach 
0,  gegenüber  gleichfalls  unter  sehr  geringem  Winkel  nach  WSW. 
Links  vom  Brunnen  sieht  man  au  einer  Stelle  im  Liegenden  der 
Konglomerate  eine  fast  2  m  mächtige,  von  Schotterlagen  durchzogene, 
kalkigtonige  Schichte  aufgeschlossen.  Quellen,  die  durch  undurchlässige 
Zwischenlagen  in  den  Schottern  und  Konglomeraten  bedingt  sind, 
finden  sich  dann  noch  im  großen,  reich  verzweigten  Graben,  welcher 
bei  der  Triljer  Brücke  in  die  Cetina  mündet. 

Von  jenen  Quellen,  die  an  der  Basis  der  Schotterdecke  austreten, 
ist  zunächst  ein  reichlich  fließendes  Bründl  zu  erwähnen,  welches 
auf  der  Nordseite  des  Golo  Brdo  im  Graben  von  West-Susnjara  auf 
einer  gegen  NO  exponierten,  mit  Bäumen  bestandenen  Wiese  entspringt. 
Es  kommt  aus  Konglomeraten  ;  seiner  Austrittsstelle  gegenüber  ist  aber 
etwas  höher  oben  die  Mergel-Schottergrenze  sehr  gut  aufgeschlossen. 
Ein  schönes  Quellchen  ist  in  einem  der  vielen  Runste,  welche  auf 
der  NO-Seite  des  Golo  Brdo  eingeschnitten  sind,  zu  sehen.  Die 
lockeren  Konglomerate  zeigen  dort  bizarre  Erosionsformen,  welche 
an  die  Galleriefelsen  der  Wüste  erinnern.  Das  Quellchen  tritt  unter 
einem  Konglomeratklotze  aus  grobem  Schotter  aus,  kaum  ein  Meter 
tiefer  unten  sind  aber  schon  Kongerienschichten  aufgeschlossen.  Diese 
gegen  0  exponierte  Quelle  zeigte  bei  einer  Messung  in  der  zweiten 
Junihälfte  ll-ö*^,  das  früher  genannte  Bründl  ir8°,  während  der 
Brunnen  von  Caporice  eine  Temperatur  von  13*2  und  die  für  die 
Wasserversorgung  der  Station  Ugljane  in  Aussicht  genommene  Quelle 
Temperaturen  von  13*3  und  134  aufwies.  Es  waren  somit  die  Quellen 
an  der  Basis  der  Schotter  im  Durchschnitte  um  1-6^'  kühler  als  jene 
innerhalb  der  Schotterdecke,  was  mit  der  tieferen  Lage  der  Ader- 
geflechte bei  den  ersteren  Quellen  im  Zusammenhange  stehen  mochte. 
Auf  der  Ostseite  des  Golo  Brdo  entspringen  an  der  Oberkante  der 
Kongerienschichten  gleichfalls  einige  Schichtquelleu.  Im  Strmen  Dolac, 
der  großen  Mulde  zwischen  dem  Golo  Brdo  und  dem  östlich  benach- 
barten Kreidekalkgebirge,  treten  an  mehreren  Stellen  Wässer  aus, 
die  sich  in  der  Schuttbedeckung  der  den  Muldengrund  erfüllenden 
Melanopsidenmergel  sammeln. 

Der  große  Canon  der  Cetina  im  Süden  von  Trilj  ist  für  die 
Kenntnis  der  Hydrographie  des  mitteldalmatischen  Karstes  insofern 
wichtig,  als  hier  in  dem  tiefsten,  der  Beobachtung  zugänglichen  Niveau 
auf  eine  weite  Strecke  hin  reines  Kalkgebirge  bloßliegt.  Im  oberen 
Cetinatale  sind  den  alten  aus  Kalk  bestehenden  Talterrassen  großenteils 
mehr  oder  minder  undurchlässige  Neogenschichten  vorgelagert  und 
es  wird  so  ein  vollständiger  Einblick  in  die  Verteilung  der  Wasser- 
wege verwehrt.  Alan  könnte  da  in  Zweifel  kommen,  ob  das  Hervor- 
brechen von  Quellen  in  den  Lücken  der  Neogenvorlage  eine  Beschrän- 
kung der  Wasserführung  auf  einzelne  Höhlengänge  bedeute  oder  ob 
eine  gleichmäßige  Durchsetzung  des  Kalkgebirges  mit  untereinander 
verbundenen  wasserführenden  Klüften  vorhanden  sei.  Es  schiene 
möglich,    daß  eben   nur  dort,    wo   die  Neogenschichten    durchbrochen 


214  Dr-  Fritz  v.  Kerner.  [70] 

sind,  große  wasserführende  Spalten  ausmünden,  es  wäre  aber  auch 
denkbar,  daß  auch  mehrorts  große  Wasseradern  auf  die  Rückwand 
der  Neogenvorlagen  treffen,  wegen  eines  Zusammenhanges  der  Kluft- 
netze aber  nicht  bis  zur  Bildung  von  Ueberfallquellen  aufgestaut 
werden  und  hinter  den  undurchlässigen  Vorlagen  weiterfließen,  bis  sie 
zur  nächsten  sich  ihnen  darbietenden  Ausfallspforte  gelangen.  In 
diesem  Falle  müßte  dann  beim  Fehlen  einer  undurchlässigen  Ueber- 
kleidung  des  Gebirgsrandes  dieser  letztere  seiner  ganzen  Länge  nach 
von  Quellen  begleitet  sein. 

Im  Caiion  der  Cetina  liegen  nun  die  Dinge  so,  daß  mehrere 
Teilstrecken  der  Talränder  mit  Quellen  besetzt  sind,  daß  aber  weder 
eine  Beschränkung  der  Wasseraustritte  auf  einzelne  Stellen  Platz  greift, 
noch  auch  eine  gleichmäßige  Verteilung  der  Quellen  über  die  ganze 
Erstreckung  des  Tales  vorhanden  ist.  Es  tritt  hier  sozusagen  ein 
Mittelzustand  zwischen  den  vorgenannten  zwei  Grenzfällen  in  Er- 
scheinung. Bei  meinen  geologischen  Begehungen  des  Canons  der  Cetina 
südlich  von  Trilj  sah  ich  zwei  Uferstrecken,  längs  welchen  ein  Aus- 
tritt des  Kluftwassers  durch  eine  größere  Zahl  von  reihenförmig  an- 
geordneten Bodenötfnungen  erfolgt.  Beide  gehören  dem  linken  Ufer  an 
und  bringen  jene  Wässer  zutage,  die  sich  im  Rudistenkalkgebiete 
südwestlich  vom  Dolomitaufbruche  von  Ugljane  sammeln.  Die  eine 
Teilstrecke  liegt  in  der  Nähe  von  Babic  stan,  zirka  3  hn  unterhalb 
des  Cetinaknies  bei  Bisko,  die  andere  beiläufig  um  ebensoviel  noch 
weiter  talabwärts  bei  Cikota.  Die  erstere  Quellenreihe  war  zur  Zeit 
meines  Besuches,  Anfang  Mai,  versiegt,  die  andere,  im  April  besuchte, 
zeigte  sich  sehr  wasserreich.  Dieser  Unterschied  war  nicht  durch 
Ungleichheit  der  beiden  Kluftsysteme  bedingt,  es  handelte  sich  aber 
auch  nicht  um  eine  auf  die  periodische  Jahresschwankung  des  Wasser- 
standes zu  beziehende  Verschiedenheit,  sondern  um  aperiodische, 
durch  die  eben  vorausgegangene  Witterung  bedingte  hydrographische 
Zustände.  Ein  Versiegen  nach  trockener  Witterung  schon  im  Mai 
deutet  in  Dalmatien  auf  geringe  Nachhaltigkeit  einer  Quelle  hin.  Bei 
solchen  Vorkommnissen  läßt  sich  eine  genaue  Wechselbeziehung 
zwischen  der  Jahreskurve  des  Regenfalles  und  jener  der  Quellen- 
ergiebigkeit feststellen.  Hier  können  nur  die  morphologischen  Verhält- 
nisse beschrieben  werden ;  dies  soll  aber  im  folgenden  um  so  ein- 
gehender geschehen,  als  man  es  bei  diesen  Quellenhorizonten  im 
Canon  der  Cetina  mit  für  die  Beurteilung  der  Hydrographie  des 
dalmatinischen  Karstes  wichtigen  Erscheinungen  zu  tun  hat. 

Unterhalb  Babid  stan  befinden  sich  im  tiefeingeschnittenen  Canon 
der  Cetina.  zwei  kleine  Kalktuffinselchen.  Gerade  hinter  diesen  be- 
merkte ich  an  dem  linksseitigen  Ufer  unter  Geröllboden  einen  saftigen 
grasigen  Fleck,  dessen  Existenz  darauf  hinwies,  daß  hier  zeitweilig 
Wasser  hervorbricht.  Dann  folgt  bald  stromabwärts  eine  größere 
Quellenmulde.  Die  Rasen-  und  Humusdecke  ist  dort  an  einer  Stelle 
ausgebrochen,  in  der  so  entstandenen  Einsenkung  liegen  Trümmer, 
die  zur  Zeit  meines  Besuches  mit  vertrockneten  Schlammkrusten  und 
Algen  überzogen  waren.  Es  war  sehr  deutlich  zu  erkennen,  daß  diese 
Trümmer  von  oben  her  überflössen  gewesen  und  es  sich  nicht  um 
Schlammresiduen  von  einem  Hochstande  des  Flusses  handelte.    Nahe 


[71]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  215 

der  Einsenkung  befindet  sich  ein  von  Brombeergestrüppen  über- 
wuchertes Rinnsal  mit  vielen  Moospolstern  und  Algenüberzügen. 
Oberhalb  der  vorgenannten  Senkung  liegt  eine  Schutthalde  mit  meh- 
reren Stellen,  wo  jedenfalls  zeitweise  Wasser  hervorkommt;  besonders 
unter  einem  Kalkblock  waren  kleine  trockene  Rinnen  und  daneben 
unter  einem  kleinen  Blocke  Moos-  und  Algenvegetationen  konstatierbar. 
Weiter  flußabwärts  bemerkt  man  in  einem  grasigen  Abhänge  einen 
Quellbachriß,  der  gleich  von  seiner  Mündung  an  mit  Brombeersträuchern 
überwuchert  ist.  Hier  sind  auch  Reste  einer  Tuffterrasse  zu  erkennen. 
Alsdann  stößt  man  in  der  Nähe  einer  kleinen  Flußterrasse  auf  ein 
weiteres,  unter  dichtem  Gestrüppe  hervorkommendes  Rinnsal  mit 
wenig  Moos  und  ohne  Algen.  Endlich  ist  noch  eine  hinter  einer 
schönen  Uferwiese  gelegene  Stelle  zu  erwähnen,  die  periodisch  auch 
als  Ausflußöffnung  für  Kluftwasser  dienen  dürfte.  Es  fehlen  dort  zwar 
die  an  den  bisher  genannten  Stellen  sichtbaren  untrüglichen  Kenn- 
zeichen der  zeitweiligen  Ausübung  dieses  Dienstes;  es  zieht  sich  aber 
von  jenem  Punkte  ein  seitlich  von  Mauerwerk  begrenztes  Rinnsal  weit 
bis  gegen  die  Cetina  hinab. 

Unterhalb  Cikota  bekam  ich  folgende  Befunde  zu  Gesicht.  Nicht 
weit  flußabwärts  von  den  so  benannten  Hütten  befand  sich  gegenüber 
einem  dort  im  P'lusse  aufragenden  Inselchen  eine  Quelle,  die  1  m 
über  dem  Niveau  der  Cetina  aus  Schutt  in  einer  Breite  von  4  m 
hervorbrach.  Wenige  Dutzend  Schritte  weiter  talabwärts  war  eine 
zweite  Stelle  sichtbar,  wo  ein  Wasserlauf  etwa  2  m  über  dem  Fluß- 
spiegel in  einer  Gesamtbreite  von  4  m  zwischen  Kalkblöcken  zutage 
trat.  Dann  folgten  drei  kleine  Quellchen,  die  nur  wenige  Meter  vom 
Ufer  entfernt  und  ^2  "^  über  demselben  entsprangen.  Hieran  schloß 
sich  eine  sehr  reiche,  aus  Trümmern  kommende  dreiteilige  Quelle. 
Der  erste  Ast  entsprang  1  m,  der  zweite  2  m  über  dem  Flußspiegel, 
der  dritte  Quellast  ging  gleich  neben  dem  Ufer  auf.  Jeder  der  drei 
Aeste  war  IV2  bis  2  m  breit.  Bald  darauf  kam  ich  zu  einem  weiteren, 
mehrere  Meter  breiten  Austritte  von  Kluftwasser  in  IY2  ^^  Höhe  über 
dem  Flußspiegel,  dann  zu  drei  nahe  beieinander  neben  dem  Ufer 
aufgehenden  Quellen,  endlich  trat  kurz  vor  der  Mündung  jenes  Tobeis, 
der  sich  vom  Plateau  bei  Cori6  zur  Cetina  hinabzieht,  aus  einem 
gemauerten  Kanäle  in  2Y2  ^n  Höhe  über  dem  Niveau  der  Cetina  eine 
reiche  Wasserader  aus.  Etwas  weiter  flußabwärts  war  unter  den  dort 
auf  dem  linken  Ufer  mächtig  vortretenden  Felsen  wieder  eine  Quelle 
sichtbar.  Die  Gesamterstreckung  dieses  Quellenhorizontes  unterhalb 
Cikota  betrug  fast  1  km. 

Etwa  eine  Stunde  talabwärts  von  dieser  Quellenreihe  unterhalb 
Cikota  befindet  sich  bei  der  Mravinamühle  eine  Höhle,  an  deren 
Felstor  ein  mit  Blöcken  reich  bestreutes  trockenes  Rinnsal  seinen 
Ursprung  nimmt,  welches  zunächst  parallel  zur  Cetina  —  durch  einen 
Felsrücken  von  ihr  getrennt  —  sich  niedersenkt  und  dann  nahe  bei 
jener  Mühle  in  das  Flußbett  mündet.  In  die  Höhle  hinein  setzt  sich 
das  Rinnsal  nicht  fort.  Der  Höhlenboden  besteht  aus  Terra  rossa  und 
ist,  als  Zufluchtsort  für  Schafe  dienend,  nach  außen  durch  ein 
Mäuerchen  abgeschlossen.  Es  handelt  sich  demnach  entweder  um 
einen  ganz  außer  Gebrauch  gesetzten  alten  Wasserweg,  oder  es  tritt 


216  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [72] 

hier    das  Wasser    auch    bei    seinem    höchsten    Stande    erst    vor    der 
Höhle  aus. 

Die  quellenreiche  Teilstrecke  der  Cetinaschlucht  unterhalb  Babic 
stan  fällt  mit  einer  Zone  starker  Schichtstörungen  zusammen.  Es  ist 
dort  ein  auffällig  häufiger  und  oft  schroffer  Wechsel  der  Falirichtungen 
und  Fallwinkel  zu  bemerken.  Innerhalb  eines  von  der  Cetina  halbierten 
Flächenstückes  von  etwa  1  hn^  mißt  man  da  am  linken  Ufer:  mittel- 
steil SSW,  25  0  SSO.  10  0  OSO,  20°  und  70«  S;  am  rechten  Ufer: 
steil  OSO,  mittelsteil  KO,  25 »  0,  30«  N,  steil  0,  mittelsteil  S.  In 
der  Talstrecke  bei  Cikota  ist  zwar  keine  so  starke  Schollenzer- 
stückelung vorhanden,  aber  doch  ein  Schwanken  der  Fallrichtung 
zwischen  N  und  0  zu  sehen  und  die  Schichtneigung  eine  sehr  steile, 
was  gegenseitige  Verschiebungen  und  Zerrüttungen  der  Schichtmassen 
fördert.  Das  Vorherrschen  einer  steilen  Aufrichtung  der  Schichten 
im  Canon  der  Cetina  und  die  hierdurch  bedingte  starke  Entwicklung 
steil  zur  Tiefe  gehender  Klüfte  und  Spalten  ist  wohl  der  Hauptgrund, 
warum  hier  die  Quellen  keine  größeren  Niveauunterschiede  zeigen. 
Es  sind  hier  günstige  Bedingungen  für  ein  möglichst  tiefes  Absinken 
der  eindringenden  Wässer  gegeben.  Es  kann  dies  aber  in  mehreren, 
nicht  miteinander  in  Verbindung  stehenden  Kluftnetzen  in  gleichem 
Maße  der  Fall  sein,  so  daß  dann  der  Austritt  einer  Anzahl  von  über 
eine  längere  Talstrecke  verteilter  Quellen  nahe  dem  Flußspiegel  noch 
kein  Beweis  für  einen  allgemeinen  Zusammenhang  der  Kluftsysteme  ist. 

Die  Quellen  im  Karstgebiete  zwischen  dem  Mosec  und  Mosor. 

Das  stark  verkarstete  Gelände  zwischen  der  Zone  der  Aufbruchs- 
täler und  dem  Küstenstreifen  gliedert  sich  in  mehrere,  durch  Höhen- 
züge und  flache  Bodenwellen  getrennte  Mulden.  Von  der  Mucer  Furche 
und  dem  Tale  der  Cetina  wird  dieses  Karstgebiet  durch  die  Rücken 
des  Mosec,  der  Visoka  und  Cemernica  geschieden.  Gegen  die  Küsten- 
zone wird  es  durch  die  Kämme  des  Koziak  und  Mosor  abgegrenzt. 
Diese  Grenzziehung  ist  eine  vorwiegend  orographische.  Nur  längs  des 
Koziak  entspricht  sie  auch  einer  scharfen  hydrographischen  Scheide. 
Es  schiene  wohl  näher  liegend,  in  einer  Darstellung  des  Quellen- 
phänomens Gebietsabgrenzungen  nach  hydrographischen  Gesichtspunkten 
vorzunehmen.  Ein  solches  Vorhaben  stößt  jedoch  auf  Schwierigkeiten. 
Nimmt  man  im  Norden  die  Trennungslinie  zwischen  den  undurch- 
lässigen Schiefern  und  klüftigen  Kalken  als  Gebietsgrenze  an,  so  wird 
man  Gefahr  laufen,  dieselbe  zu  weit  vorzuschieben.  Es  wäre  möglich, 
daß  im  Sutinatale  ein  kleiner  Teil  der  Wässer,  welche  in  den  Kalken 
und  Kalkbreccien  am  südlichen  Talhange  einsinken,  die  Barre  der 
angeschobenen  Werfener  Schiefer  überwindet  und  so  noch  zur  Sutina 
gelangt.  In  der  Mucer  Gegend  liegt  die  geologische  Scheidelinie 
zwischen  Karst  und  Nichtkarst  am  Nordrande  der  Ebene,  da  der 
Untergrund  derselben  noch  aus  Kalksteinen  besteht.  Wollte  man  aber 
die  hydrographische  Grenze  zwischen  der  Zone  der  Aufbruchstäler 
und  dem  südlich  anstoßenden  Karstgebiete  an  jenen  Rand  verlegen, 
so  würde  hydrographisch  Zusammengehöriges  zerrissen,  da  die  End- 
stücke der  in  den  triadischen  Tonschiefern    und  Dolomiten  sich    ent- 


[73]  Quellfiiigeologie  von  Mitteldalmatien.  217 

wickelnden  Rinnsale  die  Mucer  Ebene  durchfließen,  um  erst  am  Süd- 
rande derselben  in  Ponoren  zu  verschwinden.  Würde  man  dagegen 
bei  der  Abgrenzung  hydrographischer  Teilgebiete  an  Stelle  der  ober- 
flächlichen Wasserabfuhr  jene  in  der  Tiefe  in  Betracht  ziehen,  so 
erführen  die  früher  genannten  Grenzen  eine  bedeutende  Rückwärts- 
verlegung in  das  Innere  des  verkarsteten  Gebietes  und  könnten 
manchmal  überhaupt  nicht  gut  gezogen  werden.  Wenn  am  Rande  eines 
Karstgebietes  gegen  ein  Gelände  mit  oberflächlicher  Entwässerung 
große  Quellen  hervorbrechen,  wie  die  Quellen  des  Jadro  und  Stobrec 
potok  am  Südfuße  des  Moser,  und  man  hier  eine  Gebietsabgrenzung 
der  genannten  Art  vornimmt,  so  wäre  aber  der  Vorwurf  nicht  be- 
rechtigt, auch  hier  hydrographisch  Zusammengehöriges  getrennt  zu 
haben,  auch  dann  nicht,  wenn  man  den  Abfluß  solcher  Quellen  als 
obertägige  Fortsetzung  eines  echten  Höhlenflusses  ansieht;  denn  in 
diesem  Falle  liegt  eben  in  der  Umwandlung  des  Flußlaufes  auch  die 
Begründung  für  die  hydrographische  Scheidung  der  beiden  benach- 
barten Gebiete.  Hier  von  der  Zerreißung  einer  hydrographischen 
Einheit  zu  sprechen,  wäre  so  unbegründet,  als  wenn  man  es  in  dem 
oben  angezogenen  Beispiele  von  Muc  als  eine  solche  Zerreißung  be- 
trachten würde,  wenn  man  die  Mosec  planina  nicht  mehr  zur  Zone 
der  Aufbruchstäler  rechnet,  obwohl  sich  in  ihr  die  Flußläufe  jener 
Zone   nach    ihrem  Verschwinden   in  Ponoren   unterirdisch    fortsetzen. 

Aus  dem  Gesagten  dürfte  wohl  hervorgehen,  daß  in  einer 
quellengeologischen  Beschreibung  die  Abgrenzung  von  Teilgebieten 
am  besten  nach  orographischen  Gesichtspunkten  geschieht. 

Ein  von  der  Mucer  Ebene  zur  Gebirgsnische  von  Klissa  strei- 
chendes Quertal  trennt  das  besagte  Karstgebiet  in  eine  westliche  und 
östliche  Hälfte.  Die  erstere  stellt  ein  im  Norden  vom  Mosec,  im 
Süden  vom  Koziak  und  im  Osten  von  dem  jenes  Tal  westwärts  be- 
gleitenden Meteno  umrahmtes  Hügel-  und  Muldengebiet  dar,  das  der 
Berg  Ljubec  in  einen  nördlichen  und  südlichen  Teil  scheidet.  Die 
Osthälfte  umfaßt  das  nordwärts  von  der  Visoka,  südwärts  vom  Mosor 
und  westwärts  von  dem  auf  der  Ostseite  des  Quertales  aufsteigenden 
Radinje  umrahmte  Muldengebiet  von  Dicmo.  Das  in  Rede  stehende 
Karstgebiet  wird  von  einer  Dolomitzone  durchzogen,  welche  der 
Einsenkung  zwischen  dem  Mosec  und  Ljubec  folgt  und  dann  über 
den  Radinje  und  durch  die  Mulde  von  IDicmo  auf  das  linke  Cetina- 
ufer  hinüberstreicht.  Das  im  vorigen  betreffs  seiner  Abgrenzung  und 
Gliederung  kurz  besprochene  Karstgebiet  ist  nicht  gänzlich  wasserlos. 
Es  finden  sich  sowohl  in  dem  Dolomitzuge  als  auch  in  den  ihn  beider- 
seits begleitenden  Kalkzonen  vereinzelte  schwache  Quellbildungen, 
die  wegen  der  Ungewöhnlichkeit  ihres  Auftretens  von  großem 
Interesse  sind. 

Ein  höchst  merkwürdiges  Quellchen  befindet  sich  am  Südhange 
des  Berges  Deveroga  südlich  von  Muc.  Es  sind  dort  zwei  Gräben 
eingeschnitten,  von  denen  sich  der  eine  gegen  Ost,  der  andere  gegen 
Süd  hinabsenkt.  Das  Quellchen  tritt  im  Anfangsteile  dieses  letzteren 
Grabens  unterhalb  eines  Felsspornes  aus.  Die  Deveroga  ist  der 
östliche  Eckpfeiler  des  Moseö  und  gliedert  sich  auch  in  tektonischer 
Hinsicht    diesem    Gebirge    ein.    Ihre    Kammregion    entspricht    einem 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt.  191G,  66.  Band,  2.  Heft.  (F.  v.  Kerner.)        29 


213  ^^-  ^"*^  ^-  ferner.  [74] 

Aufbruche  von  Rudistenkalk,  über  ihre  Südhänge  dehnt  sich  die 
meerwärts  sich  anschließende  Eocänmulde  aus,  deren  Südfiügel  von 
einem  Längsbruche  durchzogen  ist.  Derselbe  streicht  am  Rücken 
zwischen  den  genannten  beiden  Gnäben  hin  und  bringt  Hauptnum- 
mulitenkalk  mit  Miliolidenkalk  in  Berührung.  Im  Südgraben  wird  er 
von  einem  Querbruche  gekreuzt,  und  hier  befindet  sich  das  Quellchen. 
Das  "Wasser  tritt  aus  einer  vertikalen  Kluft  in  dünnbankigem  40" 
gegen  N  einfallendem  Miliolidenkalke  aus.  Oberhalb  der  Ursprungsstelle 
sieht  man  etwas  Schutt  und  dann  Felsen  von  Alveolinenkalk.  Von 
der  Quellspalte  zieht  sich  ein  mit  Steintrümmern  und  Moosrasen 
erfülltes  Rinnsal  hinab,  in  welchem  das  Abwasser  des  Quellchens 
bald  versiegt.  Das  Quellchen  liegt  in  einer  Höhe  von  640  m,  100  m 
unterhalb  der  höchsten  Kuppen  der  Deveroga,  170  m  über  dem 
Nordfuße  und  260  m  über  dem  Südfuße  des  Berges. 

Man  hat  es  hier  demnach  mit  einem  Austritte  von  Quellwasser 
auf  einem  ganz  aus  Kalk  bestehenden  verkarsteten  Berge  zu  tun,  ein 
Befund,  welcher  der  Voraussetzung  eines  allgemeinen  Zusammen- 
hanges der  Kluftnetze  im  Kalkgebirge  widerspricht  und  zur  Annahme 
drängt,  daß  gelegentlich  im  Kalke  Klüfte  fehlen  oder  unwegsam  sein 
können,  so  daß  sich  ein  von  seiner  Umgebung  abgeschlossenes 
Kluftnetz  entwickeln  muß,  oder  daß  wenigstens  solche  Unterschiede 
in  der  Zerklüftung  des  Kalkes  und  in  der  Wegsamkeit  der  vorhandenen 
Klüfte  Platz  greifen  können,  daß  unterirdisch  nicht  mehr  so  viel  Wasser 
weitergeleitet  werden  kann,  als  zufließt.  Ein  Fehlen,  von  Klüften 
anzunehmen,  fällt  allerdings  gerade  im  Bereiche  einer  von  Verwer- 
fungen durchzogenen  steilen  Mulde  von  eocänen  Kalken  sehr  schwer. 

Vielleicht  sind  die  Kluftwände  mit  ausgedehnten  Harnischen 
bedeckt  und  ist  das  benachbarte  Gestein  sehr  stark  zertrümmert, 
und  wird  so  ein  Wasserstß,u  hervorgebracht.  Vielleicht  sind  in  geringer 
Tiefe  auch  hier  dem  Alveolinenkalke  Linsen  von  unteren  Nummu- 
litenschichten  eingelagert,  welche  sich  vom  ersteren  Kalke  durch 
schiefrige  Textur  und  das  Fehlen  von  Karrenbildungen  unterscheiden 
und  diese  abweichenden  Eigenschaften  einem  schwachen  Tongehalte 
verdanken  dürften.  Längs  des  Querbruches  kann  mau  eine  gelbliche 
Färbung  der  Kalkstückchen  wahrnehmen,  wie  sie  im  Bereiche  der 
Knollenmergel  und  der  unteren  Nummulitenschichten  auftritt  und 
von  der  durch  die  Roterde  bedingten  oberflächlichen  Braunfärbung 
der  Steinchen  wohl  verschieden  ist.  Am  Berge  Movran  westlich  von 
der  Deveroga  sind  in  den  dort  auftretenden  unteren  Nummuliten- 
schichten ein  paar  Bunare  eingesenkt,  doch  wird  man  diesen  Schichten 
nur  geringe  wasserstauende  Wirkungen  zuschreiben  können.  Das  in 
Rede  stehende  Quellchen  ist  ein  schwaches  Quellchen,  aber  keineswegs 
etwa  nur  der  Ablauf  oberflächlich  eingedrungenen  Regenwassers.  Ich 
besuchte  es  zweimal,  gegen  Ende  April  und  vor  Ende  Juni  und  traf 
es  jedesmal  fließend  an,  obwohl  in  beiden  Fällen  ungefähr  eine  Woche 
seit  dem  letzten  Regen  verstrichen  war  und  das  zweitemal  seit 
vierzehn  Tagen  kein  starker  Regen  gefallen  war.  Die  kleine  Quelle 
ist  auch  den  Eingebornen  als  solche  bekannt  und  ich  erinnere  mich 
noch,  wie  es  meinerseits  starkem  Kopfschütteln  begegnete,  als  mir 
die    Bewohner    der    an    der    Mündung    des    Quellgrabens    stehenden 


[75]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  219 

Hütten  von  Barac  versicherten,  daß  dort  oben  auf  dem  Berge  lebendes 
Wasser  zu  finden  sei,  und  wie  ich,  als  sich  die  Richtigkeit  der  so 
wenig  glaubhaft  erschienenen  Angabe  herausstellte,  froh  war,  nicht 
eine  hohe  Wette  eingegangen  zu  sein,  daß  es  auf  jenem  Berge  kein 
lebendes  Wasser  gäbe. 

Dafür,  daß  aber  nicht  bloß  schwache  Quellchen  mitten  im  Kalk- 
gebirge entspringen  können,  läßt  sich  die  Quelle  bei  Dreznica  im 
Svilajagebirge  als  Beispiel  anführen,  und  für  diesen  Zweck  verschlägt 
es  nichts,  daß  sie  schon  etwas  weiter  außerhalb  des  Blattes  Sinj- 
Spalato  gelegen  ist.  Diese  Quelle  entspringt  an  einem  gegen  Nord 
geneigten  Hange  aus  20°  gegen  Süd  einfallenden  baiikigen  Kalken 
der  mittleren  Kreide.  Das  Wasser  quillt  im  Frühlinge  hier  in  der 
Stärke  eines  kräftigen  Tiroler  Bauernhausbrunnens  aus  einer  Schicht- 
fuge hervor  und  plätschert  in  ein  4 — 5  m  im  Gevierte  messendes 
Becken,  das  auf  drei  Seiten  ummauert  ist  und  nach  hinten  durch 
Fels  abgeschlossen  wird.  Unterhalb  der  Quelle  stehen  Kalke  an,  die 
man  als  Vertretung  der  tieferen  Kreidekalke  ansehen  kann;  in  der 
Sohle  des  Tales  kommen  —  ohne  von  diesen  Kalken  durch  eine 
Dolomitzone  getrennt  zu  sein  —  schon  obere  Lemesschichten  hervor. 
Sollten  die  auf  der  NW-  und  NO-Seite  den  Tithonaufbruch  von 
Dreznica  besäumenden  Unterkreidedoloraite  auf  der  Südseite  dieses 
Aufbruches  nur  überschoben  sein,  so  wären  sie  doch  zu  weit  entfernt 
und  zu  tief  gelegen,  als  daß  man  sie  zur  Erklärung  der  besagten 
Quelle  mit  Erfolg  heranziehen  könnte.  Jene  Dolomite  dürften  in  der 
Tiefe  einen  Wasserabfluß  gegen  Norden  hemmen,  gleichwie  die  weiter 
im  Süden  an  der  Basis  des  Rudistenkalkes  vorbeistreichenden  Dolomite 
nach  dieser  Richtung  hin  eine  Schranke  für  die  Weiterbewegung  des 
Kluftwassers  bilden  mögen.  Nach  Westen  zu  bleibt  aber  der  Weg 
für  dieses  Kluftwasser  offen,  da  die  Kalkzone  zwischen  den  beiden 
Dolomitzügen  in  das  Petrovo  polje  ausstreicht  und  das  Entspringen 
einer  Quelle  im  Tale  von  Dreznica  in  260  m  Höhe  über  dem  Spiegel  des 
nur  wenige  Kilometer  entfernten  Quellteiches  der  Cikola  bliebe  unver- 
ständlich, wenn  ein  allgemeiner  Zusammenhang  der  Kluftnetze  bestünde. 

Der  Dolomitzug  im  verkarsteten  Gelände  zwischen  den  Aufbruchs- 
tälern und  der  Küstenzone  zeigt  eine  mehrmalige  Unterbrechung  in 
seinem  Laufe.  Das  aus  dem  Blatte  Sebenico  in  unser  Blatt  eintretende 
Dolomitgebiet  von  Nisko  und  Brstanovo  ist  das  östliche  Endstück  eines 
Zuges,  der  sich  mit  einer  kurzen  Unterbrechung  westwärts  bis  in  das 
Hinterland  des  Lago  di  Castel  Andreis  erstreckt.  In  diesem  Dolomit- 
zuge liegt  ein  wohl  nur  sehr  schwaches,  aber  geologisch  doch  be- 
merkenswertes Quellchen.  Im  Graben  nördlich  von  Nisko  ist  der 
Dolomit  hemizentroklinal  gelagert  und  es  begünstigt  dies  sehr  ein 
Zusammensickern  der  in  den  Deckschutt  und  in  die  gelockerten,  ober- 
flächlichen Gesteinsschichten  eindringende«  Niederschläge.  Zur  Regen- 
zeit sieht  man  hier  an  den  Rändern  der  Schuttdecke  und  aus  frei 
ausstreichenden  Schichtfugen  Wasser  zutage  treten  und  im  unteren  Teil 
des  Grabens  liegt  ein  roh  ummauertes  Becken,  das  auch  dann,  wenn 
die  oberflächlichen  Zuflüsse  versiegen,  noch  Sickerwasser  aus  tieferen 
Bodenschichten  aufnimmt.  Ein  von  diesem  Becken  ausgehendes  Ge- 
rinne verschwindet  später  in  der  Schuttausfüllung  des  Grabens. 

29* 


220  ^^-  ^'^'t2  ^'  Kerner.  [76] 

An  einigen  Stellen  sind  im  Dolomittale  von  Nisko  und  Brstanovo 
Bunare  vorhanden.  Solche  Bunare  trifft  man  auch  im  nördlichsten  Teil 
des  Dicmo  polje  bei  Susci,  wo  der  Dolomitzug  nach  am  Südhange 
des  Radinje  erfolgter  längerer  Unterbrechung  wieder  zutage  tritt. 
Diese  roh  ummauerten  Zisternen  führen  außer  Regenwasser  wohl  auch 
mehr  oder  weniger  Sickerwasser  aus  der  Umgebung.  Diese  seitliche 
Speisung  ist  aber  oft  so  gering,  daß  es  am  Steinkranze  des  Bunars 
zu  keinem  sichtbaren  Abrieseln  von  Wasser  kommt.  In  solchen  Fällen 
pflegt  aber  dann  doch  das  Wasser  ziemlich  klar  zu  sein,  während  es 
in  jenen  Bunaren,  die  nur  Sammler  von  Regenwasser  sind,  oft  sehr 
stark  getrübt  ist.  Auch  ein  Wachstum  von  Wasserpflanzen  am  Grunde 
und  an  der  Oberfläche  solcher  Brunnenschächte  spricht  für  allmähliche 
Erneuerung  ihres  Inhaltes  durch  Zusickerungen.  Man  hätte  sich  vorzu- 
stellen, daß  solche  Bunare  durch  Dolomitschutt  und  oberflächlich  ge- 
lockertes Gestein  bis  zum  frischen,  für  Wasser  schwer  durchgängigen 
Dolomite  hinabreichen.  Solche  Zisternen  erscheinen  auf  der  Karte 
manchmal  als  Quellen  aufgeführt,  eine  Bezeichnung,  die  manchem 
wohl  als  etwas  euphemistisch  erscheinen  mag.  Die  „Quelle"  Muslo- 
paca  der  Generalstabskarte,  südlich  von  Susci  am  Osthange  des  Berges 
Lisac  ist  eine  Lokva.  Sie  liegt  in  einer  kleinen  Eluvialmulde  im 
Rudistenkalke  und  sammelt  wie  andere  Lokven  wohl  nur  Regenwasser. 

Die  auf  der  genannten  Karte  eingetragene  Quelle  bei  Vojniö 
ist  dagegen  ein  Bunar  mit  unterirdischer  Zusickerung,  da  man  über 
seinen  Steinkranz  Wasser  abrieseln  sieht.  Dieser  Quellbunar  befindet 
sich  am  Südhange  des  Vojnicki  brig,  jenes  ausRudistenkalk  bestehenden 
Felsriegels,  welcher  die  Einsenkung  von  Vojnic  vom  Sinjsko  polje  trennt. 
Als  wasserstauend  dürfte  hier  die  Terra  rossa  in  Betracht  kommen, 
welche  bei  Vojnic,  besonders  in  der  Umgebung  des  westlich  vom 
Quellbunar  stehenden  Kirchleins  Sv.  Jurai  in  ungewöhnlich  großer 
Mächtigkeit  entwickelt  ist,  während  das  an  den  Felsriegel  zunächst 
angrenzende  Gelände  von  lehmigem  Sand  bedeckt  wird. 

Bunare  mögen  immerhin  auch  im  Bereiche  der  kretazischen  Kalke 
gelegentlich  etwas  Sickerwasser  aufnehmen,  wenn  bei  schwebender 
oder  flachwelliger  Schichtlage  durch  Dolomiteinschaltungen  oder  durch 
Abdichtung  kalkiger  Schichten  die  eluviale  Schuttausfüllung  einer 
Mulde  einen  relativ  undurchlässigen  Boden  bekommt.  So  soll  ein  Bunar 
im  Rudistenkalkgelände  unterhalb  der  Nordhänge  des  Ljubec  südlich 
von  Nisko  auch  in  regenlosen  Monaten  gutes  Wasser  enthalten  und 
man  soll  dann  sehen  können,  daß  an  drei  Stellen  aus  Fugen  seiner 
Mauerauskleidung  Wasser  träufelt.  Vielleicht  war  auch  ein  im  Gebiete 
der  Hornsteinkalke  bei  Prugovo  angeblich  verschütteter  und  nicht  mehr 
aufzufindender  Brunnen  aus  der  Türkenzeit  ein  durch  Sickerwasser 
genährter  Bunar.  Ein  jetzt  bei  Prugovo  vorhandener  Wasserschacht, 
in  dessen  Nähe  sich  der  vorgenannte  befinden  soll,  scheint  vorwiegend 
durch  Regenwasser  gespeist  zu  werden. 

Südlich  von  Prugovo  befindet  sich  das  Polje  von  Konjsko,  welches 
—  wie  das  noch  weiter  meerwärts  gelegene  kleine  Polje  von  Blaca  — 
großenteils  mit  Knollenmergeln  des  oberen  Mitteleocäns  erfüllt  ist. 
Das  Blaca  polje  wäre  bei  einer  rein  orographischen  Grenzziehung 
schon   der  Küstenzone   anzugliedern,    da  es  durch   eine  Schlucht   mit 


[77]  Quellellgeologie  von  Mitteldalmatieii.  221 

der  Gebirgsbucht  von  Clissa  in  Verbindung  steht.  Das  Polje  von  Konjsko 
ist  aber  allseits  abgeschlossen  und  so  die  einzige  Gegend  in  dem  hier 
besprochenen  Kartenteile,  in  welcher  mergelige  Schichten  auftreten. 
Dessenungeachtet  kommen  hier  keine  bemerkenswerten  Quellenphäno- 
mene  zur  Entwicklung.  Auch  dort,  wo  die  auf  die  eocänen  Mergel 
aufgeschobenen  Kreidekalke  hohe  Hügelzüge  bilden,  wie  den  Medovac 
und  Mali  Rebinjak,  kommt  es  an  der  Ueberschiebungslinie  nirgends 
zur  Bildung  von  Ueberfallquellen. 

Sehr  bemerkenswerte,  wenn  auch  schwache  Quellchen  finden  sich 
auf  der  Nordostseite  des  Mosor.  Die  Abhänge  bestehen  dort  zum  Teil 
aus  sanft  gegen  NNO  verflächenden  dickbankigen  Rudistenkalken,  so 
daß  bei  größerer  Geländeneigung  ein  freies  Ausstreichen  der  Schichten 
und  eine  Stufenbildung  des  Gehänges  erfolgt.  Aus  den  Schichtfugen 
sickert  nach  jedem  stärkeren  Regengusse  vielenorts  Wasser  aus;  an 
trockenen  Tagen  sieht  man  auf  den  abschüssigen  Felsflächen  an  Stelle 
nasser  Streifen  schmale  eingetrocknete  Schlammbänder.  Fallweise  kann 
es  aber  auch  zu  länger  anhaltenden  Wasseraustritten  kommen.  Es 
setzt  dies  das  Zusammentreffen  mehrerer  günstiger  Umstände  voraus: 
Das  Vorhandensein  einer  Gesteinsbank,  welche  bis  weit  in  den  Berg 
hinein  von  keiner  offenen  Spalte  durchsetzt  ist,  eine  derartige  An- 
ordnung der  Klüfte  in  den  Hangendschichten,  daß  durch  dieselben 
eine  möglichst  große  Menge  von  Niederschlägen  auf  jene  unterste  Bank 
gelangen  kann  und  eine  solche  Gestalt  der  Oberfläche  dieser  letzteren, 
daß  eine  Sammlung  der  Wassermengen  in  eine  einzige  Abflußrinne 
stattfindet.  Eine  solche  Stelle,  wo  der  Wasseraustritt  nach  Regen 
länger  anhält  und  man  von  einem  regellos  intermittierenden  Quellchen 
sprechen  kann,  befindet  sich  an  den  Nordhängen  des  Lubljan  oberhalb 
der  Jurenic  staje.  Man  trifft  dort  oberhalb  einer  größeren  Felsfläche 
einen  von  Wasserpflanzen  erfüllten  Tümpel  von  etwa  7  m  Länge 
und  6  m  Breite,  über  dessen  Rückwand  in  der  nassen  Jahreszeit  an 
drei  Stellen  Wasser  rieselt.  Rechts  vom  Tümpel  sieht  man  auch 
mehrere  nasse  Streifen  auf  ausgehöhlten  Felsen.  Zur  Linken  befindet 
sich  oberhalb  des  Tümpels  eine  kleine  Höhle  und  unter  ihr  eine  Reihe 
von  breiten  nassen  Streifen  auf  einer  stark  abschüssigen  Felswand. 
Unterhalb  derselben  liegt  ein  Wiesenfleck,  der  hinten  und  seitlich 
von  stark  bemoosten  Felsen  umrahmt  ist.  Auch  tiefer  unten  trift't  man 
noch  feuchte  moosige  Stellen  an.  Vom  Tümpel  rieselt  das  Wasser 
durch  eine  Felsrinne  ab,  um  etwas  weiter  unten  im  Felsgeklüfte  zu 
versiegen.  Das  Schichtfallen  ist  hier  20  o  gegen  NNO. 

Ein  zweites  Quellchen  ist  weiter  östlich  am  Abhänge  oberhalb 
Doman  staje  anzutreffen.  Man  sieht  dort  eine  mit  üppigem  Moos 
überzogene,  überhängende  Felswand,  unter  welcher  sich  einige  kleine, 
von  einer  reichen  Vegetation  von  Quellenpflauzen  umgebene  Wasser- 
becken befinden,  deren  eines  von  einem  Mäuerchen  umgeben  ist.  In 
der  nächsten  Umgebung  dieser  Stelle  bemerkt  man  auf  geglätteten, 
rostfarbigen  Felsflächen  viele  nasse  Streifen.  Die  Speisung  dieser  klaren 
Becken  erfolgt  zum  Teil  durch  Wasser,  das  von  der  überhängenden  Wand 
abtropft,  zum  Teil  durch  solches,  das  durch  eine  Fuge  von  innen  her 
zurieselt.  Die  Schichten  fallen  am  Abhänge  oberhalb  Doman  staje  sanft 
gegen  NNO  und  scheinen  zugleich  eine  schwache  Einbiegung  im  Streichen 


222  ^^-  Fritz  V.  Kerner.  [78] 

zu  erfahren,  deren  Scheitel  in  die  Gegend  der  Wasserbecken  zu  liegen 
kommt.  Die  vorigen  Beschreibungen  beziehen  sich  auf  im  Frühjahr 
von  mir  vorgefundene  Verhältnisse.  Im  Hochsommer  dürften  die  kleinen 
Quellacken  am  Nordhange  des  Lubljan  wohl  völlig  austrocknen. 

Die  Quellen  in  den  Mulden  von  Dolac  und  Srijani. 

Am  Nordfuße  des  Ostmosor  zieht  sich  eine  in  drei  Teilbecken 
gegliederte  Einsenkung  hin,  die  mit  Flyschschichten  erfüllt  ist, 
während  die  Mosorhänge  und  deren  Vorland  aus  Rudistenkalk  bestehen. 
Es  kommt  so  hier  zum  Auftreten  von  Quellen  inmitten  eines  wasser- 
losen Karstgeländes,  und  zwar  sind  es  Schicht-  und  Schuttquellen,  zu 
deren  Bildung  die  geologischen  Verhältnisse  der  Flyschgebiete  Anlaß 
geben.  Im  nordwestlichen  Becken,  bei  der  Ortschaft  Dolac  dolnje, 
zeigt  die  Flyschmasse   folgenden  Aufbau: 

Mergel  mit  einer  eingelagerten  Bank  von  Nummulitenbreccienkalk. 

Dickbankiger  Nummulitenbreccienkalk. 

Klotzig  abgesonderter  grobkörniger  Kalk. 

Dünnplattiger  Kalksandstein,    aus   dem    vorigen    sich    alimählich 

entwickelnd. 
Mergeliger  Knollenkalk. 
Mergel. 

Der  Flysch  ist  hier  in  eine  gegen  W  geschlossene  Mulde  einge- 
bogen, über  deren  Nordtlügel  und  Kern  sich  weiter  ostwärts  Kreide- 
kalk vorschiebt,  so  daß  dann  nur  eine  von  Rudistenkalk  überschobene 
isoklinale  Flyschmasse  verbleibt.  Der  den  Mergeln  eingelagerte  Zug 
von  Kalken  tritt  innerhalb  der  hemizentroklinal  gelagerten  Schicht- 
masse als  ein  mit  seinem  Scheitel  gegen  W  gekehrter  parabolischer 
Felsbogen  hervor.  Die  Innenwand  desselben  wird  durch  die  Schicht- 
flachen  der  hängendsten  Partien  des  Kalkzuges  gebildet.  Man  sieht 
hier  die  Schichtneigung  mit  sukzessiver  Drehung  der  Fallrichtung 
von  S  über  0  nach  NNO  allmälich  von  45^  auf  10^  abnehmen.  An  der 
steil  abfallenden  Außenwand  des  Felsbogens  sind  die  Schichtköpfe 
des  grobkörnigen  Kalkes  und  Breccienkalkes  bloßgelegt. 

Die  im  Norden,  Westen  und  Süden  vom  eben  genannten  Fels- 
bogen und  im  Osten  vom  Rande  des  über  die  Flyschmulde  sich 
schiebenden  Kreidekalkes  umschlossene  Vertiefung  hat  einen  ebenen 
Boden,  der  aus  Eluvien  der  oberen  Flyschmergel  besteht.  Nur  im 
Osten  treten  diese  Mergel  anstehend  hervor.  Die  zwischen  dem 
Nordaste  des  Felsbogens  und  dem  die  Flyschmulde  nordwärts  beglei- 
tenden Kreidekalk  gelegene  Furche  ist  gleichfalls  mit  Eluvien  erfüllt 
und  eingeebnet,  wogegen  vor  der  Scheitelregion  und  unterhalb  der 
Südwand  des  Felsbogens  die  Liegendmergel  des  Nummulitenbreccien- 
kalkes  eine  hohe  Böschung  bilden,  die  zur  tief  gelegenen  Sohle  des 
Poljes  von  Dolac  abdacht. 

Am  oberen  Rande  dieser  Böschung  tritt  in  einer  flachen  Ein- 
buchtung der  vorgenannten  Felswand  aus  einer  Höhle  die  reiche  und 
schöne  Quelle  Bubanj    aus.   Ihr  Abwasser  fließt    durch   einen   in    die 


[79]  Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien.  223 

Mergel  unterhalb  der  Felswandnische  ausgewaschenen  kleinen  Graben 
in  das  PoJje  hinab. 

Man  hat  es  hier  mit  einer  Ueberfallquelle  zu  tun,  bei  welcher 
das  Wasser  über  den  Rand  einer  dem  Schnabel  einer  Kanne  vergleich- 
baren Hohlform  seitlich  ausfließt,  wahrend  bei  der  früher  erwähnten 
Quelle  von  Klacar  der  Ausfluß  an  der  Schnabelspitze  erfolgt. 

Eine  Eigentümlichkeit  der  Quelle  Bubanj  liegt  auch  darin,  daß 
von  ihrem  Sammelgebiete  nur  der  periphere  Teil  —  der  wiederholt 
genannte  Kalkfelsbogen  —  zur  Aufnahme  atmosphärischer  Wasser 
dienlich  ist.  Das  auf  die  Mergelausfüllung  der  durch  die  Kalkeinlagerung 
gebildeten  Schale  fallende  Regenwasser  kommt  für  die  Quellenspeisung 
nur  insoweit  in  Betracht,  als  es  über  die  Ränder  jener  Füllmasse 
überfließt.  Da  das  von  den  Hangendmergeln  eingenommene  Gebiet 
fast  eben  ist,  wird  aber  nur  ein  Teil  des  dort  auffallenden  Wassers 
seinen  Weg  bis  an  die  Gebietsländer  finden  und  eine  nicht  geringe 
Wassermenge  früher  verdunsten.  Allerdings  ist  durch  dieses  undurch- 
lässige Dach  des  Quellenreservoirs  auch  die  Verdunstung  aus  demselben 
in  der  Trockenzeit  herabgesetzt. 

Eine  gegen  Ende  April  vorgenommene  Messung  der  zwei 
Hauptausläufe  der  Quelle  ergab  Temperaturen  von  10-40  und  10430; 
einige  Wochen  später  zeigten  jene  Ausläufe  11-38  und  ll'40o.  Es 
war  dies  ein  für  eine  Ueberfallquelle  auffallend  rascher  Temperatur- 
anstieg. Das  Sammelgebiet  der  Quelle  Bubanj,  welche  den  Bewohnern 
der  umliegenden  Hüttengruppen  das  Trinkwasser  gibt,  ist  gegen  N,  Wund 
S  gut  begrenzbar,  nur  gegen  0  läßt  es  sich  nicht  scharf  abgrenzen. 
Es  dürfte  dort  kaum  weit  über  die  Ueberschiebungsstirne  des  Kreide- 
kalkes   hinausreichen. 

Ein  kleiner  Teil  der  Wässer,  welche  an  der  Quellenspeisung 
Anteil  nehmen,  tritt  schon  früher  vorübergehend  an  den  Tag.  Es 
sind  dies  jene  Wässer,  welche  sich  vor  dem  Ueberschiebungsrande 
in  der  kleinen  Mulde  zwischen  dem  Nordaste  des  Breccienkalkzuges 
und  den  Hügeln  des  Hangendflysches  sammeln.  Nahe  dem  Ausgange 
dieser  eluvialen  Mulde  liegt  ein  Bunar,  dessen  Sickerwasser  gegen 
Ende  April  ll*02o  Wärme  zeigte. 

In  jener  Gegend,  wo  der  Kern  der  Flyschmulde  ganz  mit 
Rudistenkalk  bedeckt  ist,  und  dej'  Stirnrand  der  Ueberschiebung  bis 
nahe  an  den  Zug  des  Nummulitenbreccieukalkes  im  südlichen  Mulden- 
flügel heranreicht,  tritt  in  einer  Nische  dieses  Gesteinszuges  aus  ober- 
flächlichem Schutte  eine  Quelle  aus.  Es  ist  eine  Ueberfallquelle, 
welche  jenen  Teil  der  auf  den  unteren  Flyschmergeln  sich  samrftelnden 
Wässer  entläßt,  der  nicht  mehr  zur  Bubanj  quelle  abfließt.  Ihre  Tem- 
peratur betrug  zu  Ende  April  10-40",  ein  tiefer  gelegener  Ursprung 
zeigte  10-430,  2;wei  andere,  vor  ihrem  Auslaufe  länger  durch 
Schuttboden  rieselnde  Quelladern  hatten  1100  und  11*58.  Die 
Abwässer  dieser  Quellchen  fließen  in  ein  in  das  Polje  von  Dolac 
gelangendes  Rinnsal,  welches  weiter  südostwärts  an  jener  Stelle 
beginnt,  wo  der  Alveolinenkalk  auf  der  Südwestseite  des  Poljes 
bis  an  das  Flyschgelände  auf  dessen  Nordostseite  herantritt.  Es 
entspringt  dort  unter  moosbewachsenen  Trümmern  und  Blöcken  am 
Fuße  einer  Steinmauer  ein  Quellchen,  als  dessen  Nährgebiet  wo^il  jene 


224  ^^'-  ^"^2  ""'■  l^Pfnpi',  [80] 

Mulde  zu  gelten  hat,  die  dadurch  zustande  kommt,  daß  die  Züge 
des  Alveolinen-  und  Nummulitenbreccieukalkes  gleich  weiter  südost- 
wärts  wieder  etwas  auseinanderweichen.  Dieses  Quellchen  war  etwas 
kühler  als  die  vorhergenannten  und  zeigte  9-75".  Oberhalb  des 
Kirchleins  Svi  Sveti,  welches  sich  neben  der  eben  genannten  Mulde 
auf  dem  Felszuge  des  Breccienkalkes  erhebt,  trifft  man  am  Fuße 
des  Flyschhanges,  welcher  vom  Stirnrande  des  aufgeschobenen 
Rudistenkalkes  gekrönt  wird,  zwei  kleine  Quellchen.  Sie  bringen  wohl 
nur  jene  Wässer  zutage,  die  sich  in  dem  vom  Kreidekalke  stammenden 
Schutte  über  dem  Flyschboden  sammeln  und  sind  nicht  als  durch 
Gehängeschutt  maskierte  Ueberfallquellen  an  der  Ueberschiebungslinie 
zu    deuten.    Die    gemessenen  Temperaturen   waren  11-64   und  11-86. 

Bei  dem  vorgenannten  Kirchlein  tritt  man  in  das  mittlere  der 
drei  Teilbecken,  in  welche  sich  die  Flyschmulde  am  Nordostfuße  des 
Mosor  gliedert.  Dieses  Becken,  das  Polje  von  Srijani,  zeigt  höchst 
einfache  morphologische  Verhältnisse.  Es  hat  die  Form  eines  gleich- 
schenkligen, rechtwinkligen  Dreieckes  mit  gegen  NO  gekehrtem  rechtem 
Winkel.  In  geringem  Abstände  von  seiner  Südwestseite  streicht  parallel 
zu  dieser  ein  Felswall,  welcher  die  Fortsetzung  des  Zuges  von  Num- 
mulitenkalk  im  Südflügel  der  Flyschmulde  von  Dolac  bildet.  Ueber 
die  Gestalt  des  Muldenkernes  im  mittleren  Teilbecken  läßt  sich  nichts 
feststellen,  da  das  ganze  Beckeninnere  mit  Eluvien  bedeckt  ist.  Die 
nördliche  und  östliche  Wand  des  Beckens  bestehen  aus  gegen  N  und 
0  geneigten,  von  Breccienbänken  durchzogenen  Mergelschichten  und 
darüber  geschobenem  Kreidekalke.  Der  Stirnrand  desselben  zeigt 
infolge    mehrerer  tiefer  Ausbuchtungen    eine  auffällig  gelappte  Form. 

An  der  Nordseite  des  Beckens  triifc  man  nicht  weit  ostwärts 
von  Svi  Sveti  einen  Bunar  und  oberhalb  desselben  ein  Quellchen.  Es 
tritt  am  Fuße  einer  Felsmasse  hervor;  die  unten  aus  steil  gestellten 
Mergeln  und  oben  aus  anscheinend  ziemlich  flach  gelagerten  Breccien- 
kalken  besteht,  und  ist  gleich  zweien  weiter  östlich  austretenden 
Wässern  von  derselben  Entstehungsart  wie  die  Quellchen  oberhalb 
Svi  Sveti.  Am  rechten  Winkel  des  Srijaner  Poljes,  woselbst  der 
Ueberschiebungsrand  weit  gegen  Osten  ausgebuchtet  ist  und  die 
Schubfläche  in  größerem  Umfange  bloßliegt,  befinden  sich  in  dem 
gegen  0  abdachenden  Flyschgelände-  mehrere  Quellen :  Zunächst  ein 
von  Wacholdersträuchen  überschattetes,  mit  klarem  Wasser  erfülltes 
Becken,  dann  ein  Bunar  mit  Sickerwasser  und  ganz  im  Fond  der 
Bucht,  Jiart  an  der  Kreidegrenze  in  der  Nähe  einiger  Bäume  ein 
größerer  viereckiger  Quellschacht.  Die  Wassertemperatur  betrug  hier 
Ende  April  11-88,  im  vorgenannten  Becken  9-22. 

Am  Osthange  des  Poljes  tritt  auch  an  mehreren  Stellen  Wasser 
aus,  so  nordwärts  von  den  ersten  Hütten  von  Srijani  (Temp.  980) 
und  bei  denselben  im  Beginne  eines  Flyschaufrisses  unter  einer  flach 
liegenden  Mergelbank  (Temp.  10-32)  sowie  südwärts  davon  in  einem 
Runste  (Temp.  9-72),  Weiterhin  folgen:  ein  kleines  roh  ummauertes 
Becken  mit  sehr  klarem  Wasser  hinter  dem  Kapellchen  von  Srijani 
(Temp.  9-32),  dann  in  einer  steinernen  Brunnstube  die  Quelle  Mimum, 
ein  tiefes  Becken  mit  spiegelklarem  Wasser,  so  daß  man  die  Steinchen 
und  den  Fels  am  Grunde  sieht  (Temp.  9*16)  und  ein  oberhalb  derselben 


[81]  Quellengcologie  von  Mitteldalmatien.  225 

in  einem  Flyschaufrisse  sich  sammelndes  Wässerchen  (Temp.  10' 14). 
Im  südöstlichen  Winkel  des  Poljes  befinden  sich:  ein  mit  Algen  und 
höheren  Wasserpflanzen  erfülltes  Quellbeckeu  oberhalb  des  Pfarrhauses 
von  Srijani,  ein  etwa  50  m  oberhalb  der  Kirche  aus  schuttbestreutem 
Flysch  austretender  Wasserfaden,  welcher  den  Ursprung  des  die 
Südostecke  des  Poljes  durchfließenden  Bächleins  bildet  und  ein  kleines 
Quellbecken  neben  demselben.  Die  —  gleich  den  früher  angeführten  — 
um  Ende  April  erhobenen  Temperaturen  dieser  drei  Quellchen  waren : 
10-12  0,  9-82  0  und  9-78  «. 

Man  wird  nicht  fehlgehen,  wenn  man  die  hier  aufgezählten 
schwachen  und  unbeständigen  Quellchen  als  Austritte  von  Sickerwasser 
auffaßt,  das  sich  in  dem  mit  Kalkschutt  vermengten  Verwitterungslehm 
der  Flyschmergel  über  dem  frischen  Gesteine  sammelt.  Die  nicht 
unbedeutenden  Wärmeunterschiede  können  durch  verschieden  langes 
Rieseln  unter  verschieden  mächtigen  Deckschichten  leicht  erklärt 
werden.  Immerhin  wäre  es  möglich,  daß  die  länger  anhaltenden  Quell- 
chen, welche  sich  besonders  klar  und  etwas  kühler  zeigten,  zum  Teil 
auch  Wasser  zutage  bringen,  welches  aus  dem  aufgeschobenen  Kreide- 
kalke stammt.  Wegen  der  Schuttbedeckung  der  Ueberschiebungslinie 
läßt  sich  eine  solche  Herkunft  aber  nicht  erweisen.  Der  Umstand, 
daß  die  Oberkante  der  Flyschmergel  auf  der  Ostseite  der  Srijaner 
Ebene  um  vieles  höher  liegt  als  der  Spiegel  der  Cetina  im  Norden, 
würde  die  Möglichkeit  einer  Ueberfließung  jener  Kante  nur  dann 
ausschließen,  wenn  im  anstoßenden  Kreidekalkgebiete  ein  allgemeiner 
Zusammenhang  der  Kluftnetze  bestünde. 

Der  Hangendflügel  der  großen,  ziemlich  flachen  Ueberschiebung 
von  Rudistenkalk  auf  Flysch  am  Nordostfuße  des  Mosor  weist  neben 
der  schon  erwähnten  Lappung  seines  Stirnrandes  noch  eine  Besonderheit 
auf:  eine  mehrfache  Durchlöcherung.  Eines  der  in  ihm  vorhandenen 
Fenster  ist  besonders  dadurch  interessant,  daß  in  ihm  neben  Mergel 
auch  Zwischenflügelreste  von  Alveolinen-  und  Nummulitenkalk  bloß- 
gelegt erscheinen.  In  drei  anderen  Fenstern  treten  Flyschmergel  des 
Liegendflügels  der  Ueberschiebung  an  den  Tag. 

Das  größte  dieser  Fenster  befindet  sich  am  Nordabhang  des 
Berges  Struzevice  oberhalb  des  Dorfes  Radovic;  es  stellt  sich  als 
eine  ovale  nischenartige  Vertiefung  in  einem  mäßig  sanft  gegen  N 
abdachenden  Gehänge  dar.  Die  Süd-  und  Westwand  werden  durch 
ziemlich  steile,  einige  Meter  hohe  Böschungen  gebildet,  die  Ostwand 
steigt  mehr  sanft  hinan.  Gegen  Norden,  in  der  Neigungrichtung  des 
Gehänges,  geht  der  Nischenboden  ohne  Böschung  in  dieses  letztere 
über.  Die  Umrandung  der  Nische  besteht  aus  zerklüftetem  Rudisten- 
kalke,  welcher  etwa  20 "  gegen  N  einfällt.  Der  hintere  Teil  des  sanft 
geneigten  Nischenbodens  ist  mit  Trümmern  und  Felsblöcken  bestreut, 
welche  von  den  steilen  Nischenrändern  stammen.  Vor  denselben  erheben 
sich  im  vorderen  Teile  der  Vertiefung  mehrere  flache  kleine  Kuppen 
aus  oberflächlich  verwittertem  Flyschmergel.  An  der  Südwestseite  des 
Nischenrandes  befindet  sich  noch  eine  kleine  isolierte  Flyschmasse, 
bei  welcher  man  deutlich  sieht,  daß  sie  unter  dem  Rudistenkalke 
hervorkommt. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanatalt,  191(>,  6t>.  Band,  l.  Heft.  (F.  v.  Keriier.)         30 


226  ^r.  Fritz  V.  Kerner.  [82] 

Unter  den  Kalkblöcken  im  inneren  Teile  der  Nische  tritt  während 
der  nassen  Jahreszeit  eine  kleine  Quelle  aus,  deren  Abfluß  nach 
Durchrieselung  derFlyschmergel  auf  der  Nordseite  der  Nische  wiederum 
versiegt.  Oberhalb  der  Quelle  steht  eine  Gruppe  von  Pyramidenpappeln. 
Neben  der  Quelle  befinden  sich  im  Bereiche  der  Flyschkuppen  zwei 
große,  roh  ummauerte  Zisternen,  deren  Speisung  teils  durch  Regen- 
wasser, teils  durch  Sickerwasser  erfolgt.  Als  Wassertemperatur  ergab 
sich  bei  einer  um  die  Frühlingsmitte  vorgenommenen  Messung  für 
das  Quellchen  10*58,  für  die  östliche  Zisterne  10-60,  für  die  westliche 
10-38.  Es  waren  dies  —  verglichen  mit  zahlreichen  anderen  zeitlich 
nahe  gestandenen  Temperaturmessungen  von  Quellen  derselben  Ge- 
gend —  mittelhohe  Werte. 

Die  Quelle  Obrucina  —  dies  ihr  Name  —  ist  in  geologischer 
Beziehung  interessant.  Formell  stellt  sie  den  einfachsten  Fall  von 
Quellbildung  dar:  Ueberlagerung  einer  undurchlässigen  Schichte  durch 
zerklüftetes  Gestein  und  Anschnitt  der  Grenzfläche  durch  die  Ober- 
fläche des  Terrains.  Dieses  einfache  Formverhältnis  kommt  hier  aber 
durch  eine  besondere  Tektonik  in  Verbindung  mit  einer  ungewöhn- 
lichen Denudationserscheinung  zustande.  Die  Grenzfläche  zwischen 
dem  undurchlässigen  und  dem  klüftigen  Gesteine  ist  hier  eine  Ueber- 
schiebungsfläche  und  die  Bloßlegung  derselben  wird  durch  ein 
tektonisches  Fenster  erreicht. 

Zwei  andere  Fenster  befinden  sich  westlich  von  dem  vorigen, 
schon  nahe  dem  Stirnrande  der  Ueberschiebung.  Das  größere  derselben 
ist  eine  rundliche  Einsenkung,  deren  sanft  gegen  N  geneigter  Boden 
in  einen  Acker  umgestaltet  ist,  dessen  Erdreich  aus  verwitterten 
Flyschschichten  besteht.  Am  Südwestrande  dieses  Ackers  ist  eine 
ganz  kleine  Masse  von  anstehendem  Flyschmergel  zu  sehen.  Auch  in 
dieser  Vertiefung  tritt  zur  Regenzeit  ein  schwaches  Wässerchen  zutage 
und  auch  ein  Bunar  und  eine  Pyramidenpappel  fehlen  nicht.  Das 
Wasser  des  Bunars  zeigte  9 '42,  war  also  um  einen  Grad  kühler  als 
die  westliche  Zisterne  von  Obruöina.  Das  kleinere  Fenster  befindet 
sich  gleich  nordwärts  von  dem  vorigen  und  ist  nur  durch  eine  breite 
Felsbrücke  davon  getrennt.  In  dieser  gleichfalls  von  einem  Acker 
eingenommenen  Vertiefung  bemerkte  ich  keinen  Wasseraustritt. 

An  dem  Gehänge,  welches  sich  vom  Becken  von  Dolac  gornje 
zum  östlichen  Mosorkamme  hinanzieht,  finden  sich  Quellbildungen  von 
jener  Art,  wie  sie  am  Nordhange  des  mittleren  Mosor  vorkommen. 
Im  östlichsten  Teile  des  Mosor  trifft  man  an  dessen  Nordseite  an 
Stelle  des  Rudistenkalkes  Kalkbreccien  an.  Sie  besäumen  den  Südwest- 
rand der  beiden  Becken  von  Srijani  und  Dolac  gornje  und  ziehen  sich 
dann  am  Nordhange  des  Berges  Pole  weit  hinan.  Im  Bereiche  dieser 
Breccien  kommt  jene  Art  von  Quellbildung  im  Kalkgebirge,  welche 
im  vorigen  Abschnitte  beschrieben  wurde,  zu  größerer  Entwicklung 
als  im  Rudistenkalke  selbst. 

Gleichwie  an  der  Geländeoberfläche  die  durchschnittliche  räum- 
liche Ausdehnung  der  noch  zusammenhängenden  Teile  der  in  Abtragung 
befindlichen  Schichtbänke  bei  diesen  Breccien  viel  größer  ist  als  beim 
Rudistenkalke,  so  dürften  wohl  auch  die  tiefer  liegenden  Bänke  dieser 
klastischen  Gesteine  eine  viel  weniger  weitgehende  Zerklüftung  zeigen, 


[83]  Quellengeologie  von  Mitteldalmutien.  227 

als  jene  des  homogenen  Kalkes,  Es  werden  sich  dann  umfangreiche 
Teile  einzelner  Breccienbänke  wie  undurchlässige  Schichtlagen  ver- 
halten und  es  wird,  wenn  die  Anordnung  der  vorhandenen  Klüfte 
eine  solche  ist,  daß  sich  die  wasserhaltende  Wirkung  mehrerer  über- 
und  hintereinander  gelegener  kluftloser  Teile  von  Breccienbänken 
summieren  kann,  eine  schwache  Schichtquelle  entstehen-  können.  Bei 
meinem  Besuche  im  Frühlinge,  nach  mehrtägiger  regenfreier  Zeit,  traf 
ich  am  Gehänge  ober  Kremeno  ein  aus  der  Vereinigung  zweier  Quell- 
adern hervorgegangenes  murmehides  Bächlein  an.  In  weitem  Umkreise 
zeigten  sich  nasse  Streifen  auf  den  schrägen  Gesteinsflächen  und  von  den 
überhängenden  Felsen  tropfte  Wasser  ab.  Der  Boden  war  feucht  und 
allerorts  wucherten  üppige,  von  Wasser  triefende  Moospolster.  Die 
ungewöhnlich  reiche  Moosflora  ließ  erkennen,  daß  es  sich  bei  dieser 
Wasserfülle  nicht  um  einen  bald  vorübergehenden  Zustand  nach 
Regenwetter  handelte. 

Die  Quellen  in  der  Umgebung  des  Golfes  von  Castelli. 

Die  im  vorigen  schon  wiederholt  genannte  Küstenzone  umfaßt 
die  nördlichen  Ufergelände  des  Golfes  der  sieben  Kastelle,  die  Ge- 
birgsnische  von  Clissa  und  die  Landzunge  von  Spalato.  Nach  Osten 
reicht  dieses  Gelände  bis  zum  Stobrec  potok;  gegen  West  erstreckt 
es  sich  bis  zum  Bergrücken  Vilajca  oberhalb  Trau  und  kommt  so 
noch  zu  einem  kleinen  Teile  in  das  westliche  Nachbarblatt  des 
Blattes  Sinj — Spalato  zu  liegen.  Die  östliche  Hälfte  des  Gebietes 
wird  durch  die  Bucht  von  Vragnizza  und  das  in  ihrer  östlichen  Ver- 
längerung gelegene  Tal  des  Jadro  in  einen  nördlichen  und  südlichen 
Teil  geschieden.  Die  Hänge,  welche  vom  Nordufer  des  Castellaner 
Golfes  zum  Kamm  des  Koziak  hinansteigen,  sind  von  vielen  Wasser- 
rissen durchfurcht,  aber  ohne  tieferen  Einschnitt.  Erst  in  der  Ge- 
birgsnische  von  Clissa  kommen  mehrere  Gräben  zur  Entwicklung, 
welche  zum  Jadrotale  hinabziehen.  Der  Hauptteil  der  Landzunge  von 
Spalato  ist  ein  flacher,  fast  ungegliederter  Rücken,  nur  das  Endstück 
der  Halbinsel,  der  Monte  Marjan  ein  steil  aufragender  Felskamm.  In 
diesem  Abschnitte  kommt  von  der  Landzunge  von  Spalato  nur  die 
zum  Castellaner  Golf  abdachende  Nordseite  zur  Besprechung.  Den 
Kamm  des  M.  Marjan  bauen  Alveolinen-  und  Nummulitenkalke  auf, 
das  übrige  Gebiet  fällt  bis  auf  seine  von  Mergelschiefern  des  Opor 
erfüllte  Nordwestecke  der  Flyschformation  zu.  Der  Spalatiner  Flysch 
besteht  aus  Mergelschichten  von  nicht  sehr  wechselnder  Beschaffen- 
heit und  vielen  Kalkeinlagen  von  höchst  mannigfaltiger  lithologischer 
Ausbildung.  Unter  den  Quellen  der  Küstenzone  kommen  so  zunächst 
Schichtquellen  in  Betracht,  die  bei  der  großen  Fülle  tektonischer 
Kleinformen,  welche  der  reiche  Faltenwurf  der  Flyschschichten  be- 
dingt, sehr  verschiedene  Strukturformen  aufweisen.  Die  Anhäufung 
von  Gebirgsschutt  au  der  felsigen  Umrahmung  des  Flyschgeländes 
und  die  Entwicklung  eluvialer  Schuttdecken  innerhalb  desselben  führt 
zur  Bildung  von  Schuttquellen.  Die  wichtigste,  wenn  auch  nur  durch 
zwei  Glieder  vertretene  Gruppe  von  Quellen  sind  aber  im  Küstenge- 
biete die  großen  Karstquellen,  welche  das  im  Kalkgebirge  hinter  der 

30' 


228  f^r-  ^'■'t'''  ^-  Kerner.  [g4l 

Flyschvorlage  sich  sammelnde  Kluftwasser  zutage  bringen.  An  letzter 
Stelle  sind  die  Grundwasserquellen  an  den  aus  Strandgeröllen  be- 
stehenden Uferstrecken  zu  erwähnen. 

Am  Fuße  des  nahe  an  das  Meer  herantretenden  Frontabfalles 
des  Bergrückens  oberhalb  Trau  entspringt  bei  der  Trogirska  mulina 
eine  mächtige  Quelle.  Das  Wasser  tritt  an  jener  Stelle  aus,  wo  die 
gegen  Ost  geneigte  Oberkante  der  Mergelvorlage  des  Kalkgebirges 
den  Meeresspiegel  erreicht.  In  der  Ueberschiebungszone  ist  hier  ein 
großer  Zwischenflügelrest  hervorgepreßt,  in  welchem  Nummuliten-, 
Alveolinen-  und  Miliolidenkalk  in  inverser  Lagerung  sichtbar  sind,  so 
daß  man  von  einer  Umwandlung  des  Profiles  in  Ueberfaltung  sprechen 
kann.  An  der  besagten  Stelle  zeigt  sich  ein  zur  Schaffung  des  für 
die  Mühle  nötigen  Gefälles  künstlich  gestauter  Quellteich,  dessen 
Abwasser  durch  stark  versumpftes  Schwemmland  dem  nahen  Meere 
zufließt.  Die  Rückwand  des  Quellteiches  wird  durch  eine  felsige 
Böschung  von  Knollenkalk  gebildet,  aus  deren  Spalten  Wasser  austritt, 
um  die  aus  dem  Grunde  des  Quellteiches  aufsteigenden  Wassermassen 
zu  verstärken.  Im  Schwemmlande  vor  dem  Quelltümpel  tritt  auch  noch 
Wasser  zutage;  zur  Hauptregenzeit  bricht  es  auch  seitlich  von  jenem 
Tümpel  an  mehreren  Stellen  aus.  Die  Quelle  bei  der  Trogirsker 
Mühle  ist  die  westlichste  der  großen  Karstquellen  an  der  mitteldal- 
matischen Küste.  Ihr  Ursprung  genau  an  der  Stelle,  wo  der  Flyschmergel 
endet  und  der  Kalk  den  Gebirgsfuß  erreicht,  läßt  eine  wasserstauende 
Wirkung  dieser  Mergelvorlage  klar  erkennen.  Für  die  Annahme,  daß 
sich  in  den  Tiefen  des  Vilajcarückens  in  allseits  verzweigten  Kluft- 
netzen ein  zusammenhängendes  Kluftwasser  ausbreite  und  man  bei 
tiefer  Durchbohrung  der  dem  Südrande  jenes  Rückens  folgenden 
Mergelschichten  an  jeder  beliebigen  Stelle  große  Wassermassen  an- 
zapfen könnte,  wäre  jener  Ursprung  aber  noch  kein  ausreichender 
Beweis.  Die  Quelle  bei  Trogirska  mulina  ist  nur  im  Winter  süß  und 
nimmt  bei  starker  Abnahme  der  Wassermenge  gegen  den  Spätsommer 
hin  einen  salzigen  Geschmack  an.  Ihre  Temperatur  betrug  bei  einer 
Messung  in  der  zweiten  Aprilhälfte  13*08°  und  bei  einer  Messung 
gegen  Ende  Juni  desselben  Jahres  13'86o. 

In  der  Umgebung  des  südöstlich  von  dieser  Quelle  an 
der  Küste  einsam  stehenden  Hauses  Mrte  befinden  sich  zwei 
Quelltümpel ;  der  eine  führt  erdig,  aber  nicht  salzig  schmeckendes 
Wasser  und  trocknet  im  Sommer  völlig  aus,  der  andere  hat  süßes 
Wasser  und  soll  auch  in  der  wärmeren  Jahreszeit  nicht  ganz  versiegen. 
Eine  Viertelstunde  ostwärts  von  dem  Hause  Mrte  mündet  dicht  neben 
der  Punta  Tarsce,  in  deren  Nähe  im  Meere  eine  Süßwasserquelle 
aufbrechen  soll,  ein  Geröllbett,  das  sich  landeinwärts  etwa  15  km 
weit  verfolgen  läßt  und  mit  einigen  verschlammten  Speilöchern  beginnt. 
Das  Wasser  soll  hier  in  der  nassen  Jahreszeit  zunächst  bei  Bora, 
wenn  das  Meer  zurücktritt,  trüb  und  süßlich  schmeckend  und  dann 
bei  Scirocco  und  anschwellendem  Meeresspiegel  salzig  hervorbrechen. 
Sein  Erscheinen  soll  sich  schon  einige  Stunden  vorher  durch  ein 
murmelndes  Geräusch  ankündigen.  Diese  Speilöcher  liegen  unweit 
jener  Stelle,  wo  der  Rücken  der  Vilajca  am  weitesten  gegen  Ost 
vorspringt.   Dicht   vor  diesem  Geländesporne  verliert  sich  eine  meist 


[85]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  ^  229 

trocken  liegende  Talrinne,  die  sich  längs  des  Nordostfußes  der  Vilajca 
weit  landeinwärts  fortsetzt  und  aus  der  Vereinigung  von  mehreren, 
am  Osthange  der  Labisnica  entstehenden  Gräben  hervorgeht.  Nahe 
ostwärts  vom  Endstücke  dieser  Rinne  befindet  sich  beim  Kirchlein 
Santa  Marta  ein  Brunnen,  welcher  das  in  den  Deckschichten  der 
Flyschunterlage  sich  sammelnde  Wasser  der  Umgebung  liefert.  Meer- 
wärts  von  diesem  Brunnen  tritt  noch  an  drei  Stellen  solches  Wasser 
in  kleinen  Tümpeln  an  den  Tag. 

Etwa  1*5  km  nordostwärts  von  der  Punta  TarSce  ergießt  sich 
der  Reznikbach  in  das  Meer.  Er  führt  das  Abwasser  zweier  Quellen, 
welche  am  Nordfuße  des  im  flachen  Ufergelände  isoliert  aufragenden 
St.  Bartholomäushügels  entspringen.  r5  km  ostnordostwärts  von  jenem 
Bache  erreicht  bei  Castel  Papalio  der  Abfluß  der  Ricivicaquellen  das 
Meeresufer.  Diese  Quellen  entspringen  gleich  den  vorigen  aus  einer 
an  Einschaltungen  von  Breccienkalken  reichen  Flyschzone.  Von  diesen 
Quellen  liegen  mir  nur  im  Oktober  angestellte  Messungen  vor,  welche 
naturgemäß  hohe  Temperaturen  ergaben.  Das  Hauptbecken  zeigte  an 
seinem  Ausflusse  15-26',  die  schwache  oberste  Quelle  16-88'^.  Nahe 
der  Mündung  des  Ricivicabaches  trifft  man  in  der  Zone  der  Strand- 
gerölle  zwei  Grundwasserquellen.  Die  linkerseits  des  Baches  liegende 
ist  in  einen  tiefen  Schacht,  die  rechts  von  ihm  befindliche  in  einem 
kleinen  ummauerten  Becken  gefaßt.  Letztere  zeigte  im  Herbste 
15'75*'.  Schon  im  Flyschgelände  Hegt  etwas  weiter  ostwärts  an  der 
Straße  die  schöne  Quelle  Kraljevo.  (Temp.  im  Juni  14-49.) 

Ziemlich  reich  an  Schutt-  und  Stauquellen  sind  die  unteren 
Teile  des  Gehänges,  das  sich  hinter  dem  sanft  ansteigenden  Reben- 
gelände der  westlichen  Kastelle  zur  flachen  Einsattlung  der  Küsten- 
kette zwischen  dem  Opor  und  Koziak  hinanzieht.  Einige  dieser  Quellen, 
so  jene  in  den  Gräben  ober  Kuzmanictor,  fallen  noch  in  den  Bereich 
der  Opormergel,  die  übrigen,  darunter  mehrere  in  der  Umgebung  der 
Kapelle  Gospa  Stomotja  und  eine  ungefaßte  und  eine  gefaßte  Quelle 
in  der  Nähe  der  Eisenbahnstation  von  Castel  vecchio  gehören  der 
Flyschformation  an.  Bemerkenswert  ist  ein  schöner  Quellbrunnen  an 
der  vielbegangenen  Gebirgsstraße,  welche  über  den  Malackasattel  in 
die  Zagorje  hinüberführt.  Das  gegen  den  hohen  Kamm  des  Koziak 
ansteigende  Hinterland  der  mittleren  und  östlichen  Kastelle  ist  dagegen 
an  Quellen  arm.  Im  Flyschgebiete  findet  hier  vorwiegend  obertägige 
Entwässerung  durch  ein  reich  entwickeltes  Netz  von  Einrissen  statt. 
Auf  der  wenig  mehr  als  6  km  langen  Uferstrecke  von  Castel  vecchio 
bis  Castel  Sucurac  zählt  man  allein  an  siebzehn  größere  Wasserrisse, 
die  mit  ihren  letzten  Verästelungen  mehr  oder  weniger  weit  in  den 
Gebirgsabhang  einschneiden,  wozu  noch  eine  Anzahl  kürzerer,  auf 
Küstennähe  beschränkter  natürlicher  Abzugsrinnen  kommt. 

Im  Gegensatz  dazu  entbehrt  der  oberhalb  des  Kastellaner 
Flyschgeländes  zu  Füßen  der  Gipfelmauer  des  Koziak  hinziehende 
Schutthang  ganz  der  Wasserrisse.  Trotzdem  ist  seine  untere  Grenze 
auch  kein  Quellenhorizont.  Das  Anstehende  unter  dem  breiten  Schutt- 
saume der  Gipfelwände  des  Koziak  und  Golo  Brdo  scheint  zum 
großen  Teil  aus  Kalken  zu  bestehen,  und  soweit  die  in  die  Trümmer- 
halden eindringenden  Niederschläge  auf  Flyschboden  gelangen,  treten 


230  '^'■-  ^*''*^  ^'  Kerner.  [86] 

sie  allmählich  und  ohne  sich  zu  größeren  Quellsträngen  zu  sammeln 
in  die  Anfänge  der  früher  genannten  Wasserrisse  ein.  Von  Strandquellen 
am  Nordufer  des  Golfes  von  Castelli  seien  jene  bei  Castell  Cambio 
und  bei  Castell  Abadessa  erwähnt. 

Mit  Quellen  besser  ausgestattet  ist  die  Gebirgsbucht  von  Clissa, 
welche  sich  zwischen  den  Golo  Brdo  und  den  Westhang  des  Mosor 
einschiebt  und  durch  den  Kamm  der  Marcesina  Greda  gegen  Nord 
abgeschlossen  wird.  Ihre  Entwässerung  erfolgt  durch  drei  dem  Jadro 
zufließende  Rinnsale,  den  Rapotina-,  Kamenica-  und  Zavlicbach.  Der 
erstere  kommt  aus  der  Westuische  der  Gebirgsbucht  und  nimmt  im 
Blaca  Polje  am  Nordfuße  des  Golo  Brdo  seinen  Ursprung.  Er  ent- 
wickelt sich  dort  aus  den  auf  dem  Kuollenmergel  des  Poljenbodens 
sich  sammelnden  Niederschlägen  und  verstärkt  sich  durch  Zuflüsse 
aus  dem  Flyschgebiete.  Am  durch  kleine  Schollensenkungen  zer- 
stückten Osthange  des  Golo  Brdo  befindet  sich  oberhalb  des  Knies 
der  Bergstraße  nach  Clissa  bei  drei  Bäumchen  eine  roh  ummauerte 
Quellacke  in  grobem  Schuttboden.  Sie  zeigte  bei  einer  Messung  im 
Herbste  15-62,  im  darauffolgenden  Frühjahre  1454,  und  wies  somit 
eine  sehr  geringe  Wärmeschwankung  auf,  was  auf  ein  tiefliegendes 
Ursprungsgebiet  hinweist.  Sie  scheint  aus  der  Verwerfung  zwischen 
Flyschmergel  und  einem  abgesunkenen  Klotze  des  überschobenen 
Kreidekalkes  hervorzukommen.  Gleich  oberhalb  des  Wirtshauses  am 
Straßenknie  befindet  sich  ein  schöner  Quellbrunnen,  welcher  fast 
dieselbe  Temperatur  wie  die  vorige  Quelle  zeigte.  Nahe  ostwärts 
von  jenem  Knie  tritt  oberhalb  der  Straße  ein  Quellchen  aus. 

Weiter  ostwärts  quert  die  Straße  zwei  sich  vereinigende  Rinnen, 
in  deren  Anfängen  je  ein  Wässerchen  entspringt.  Das  stärkere 
zeigte  bei  einer  Herbstmessung  15*40ö.  Hoch  oberhalb  der  Straße 
befindet  sich  unweit  der  Hütten  von  Mestrovic  die  höchstgelegene 
Quelle  der  Gegend.  Sie  zeigte  im  Oktober  eine  etwas  höhere  Wärme 
als  die  gleichfalls  gegen  SW  exponierte  vorige  Quelle,  was  auf  einen 
längeren  Weg  unter  oberflächlichem  Schutte  hinweist.  Am  Südhange 
der  Marcesina  greda  entspringt  ebenfalls  in  der  den  Fuß  der  Gipfel- 
wand besäumenden  Schuttzone  eine  Quelle,  die  jetzt  den  Wasserbedarf 
der  Eisenbahnstation  von  Clissa  deckt.  Diese  Quelle  zeigte  kurz  vor 
ihrer  Fassung  im  Herbste  15*56o,  im  Frühlinge  13-240.  ^ine  Jahres- 
schwankung von  wenig  mehr  als  zwei  Grad  ist  immerhin  noch  gering 
■genug,  um  die  Annahme  zu  rechtfertigen,  daß  man  es  nicht  mit  einer 
Schuttquelle,  sondern  mit  einer  durch  Gehängeschutt  maskierten 
Ueberfallquelle  au  der  Grenze  verschieden  durchlässiger  Glieder  der 
Flyschformation  zu  tun  hat.  Bei  der  Ortschaft  Clissa  befindet  sich 
eine  Quelle,  die  in  einem  tiefen  Brunnenschacht  gefaßt  ist,  den  ein 
Gewölbe  von  Lindenblattform  überdacht.  Dieser  Brunnen  liegt  in  der 
westlichen  der  zwei  tiefen  Scharten,  die  in  den  aus  saiger  stehenden 
Konglomeraten  aufgebauten  Felsriff  von  Clissa  eingekerbt  sind.  Die 
östliche  Scharte  wird  von  einem  Rinnsale  durchquert,  das  sich  am 
Südosthang  der  Marcesina  greda  bildet  und  die  Hauptader  des  schon 
früher  genannten  Zavlic  potok  darstellt.  In  der  nassen  Jahreszeit  sieht 
man  hier  in  der  Felsenge  einen  kleinen  Wasserfall  über  ausgehöhlte 
und  geglättete  Wände  stürzen,   im  Sommer  ist  das  Bächleiu  versiegt. 


[87]  Qiielleugeologie  von  Mitteldalraatien.  231 

Eine  Viertelstunde  nordostwärts  von  diesem  Engpasse  befindet  sich 
an  der  Bergstraße  ober  Clissa  beim  Wirtshause  Glavina  ein  Brunnen, 
der  sein  Wasser  von  der  Ostseite  der  Marcesina  greda  empfängt.  Im 
Frühlinge  sah  ich  hier  öfter  einen  kräftigen  Wasserstrahl,  im  Spät- 
sommer   nur  ein  Tröpfeln. 

Am  linksseitigen  Hange  des  vom  Zavlicbach  durchrauschten 
Grabens  trifft  man  eine  schöne  Quelle  unweit  südlich  von  den  Hütten 
von  Peric.  Sie  ist  gegen  SW  exponiert  und  kommt  als  Ueberfallquelle 
aus  sanft  gegen  NO  fallenden  Flyschschichten  hervor.  Als  reichste  und 
nachhaltigste  Quelle  auf  der  Ostseite  der  Gebirgsbucht  von  Clissa 
ist  sie  in  eine  Brunnstube  gefaßt  und  zur  Wasserversorgung  der 
umliegenden  Hüttengruppen  dienend.  In  der  Mehrzahl  der  Aeste  des 
Zavliögrabens  sieht  man  ein  allmäliches  Anschwellen  von  Sickerwässern 
zu  schwachen  Bächlein,  aber  keine  nennenswerten  Quellen.  Im  End- 
stücke des  Hauptrinnsales  ist  unter  einer  25"  NNO  fallenden  Kon- 
glomeratbank ein  schwaches  Quellchen  zu  bemerken,  das  wegen 
seiner  tiefen  Lage  für  eine  Bestimmung  der  Abnahme  der  Quellen- 
temperatur mit  der  Höhe  in  der  Gebirgsbucht  von  Clissa  von  Bedeutung 
wäre,  aber  vielleicht  nur  versiegtes  Bachwasser  wieder  zutage  bringt. 

Die  an  ihm  gemessenen   Temperaturen  waren : 

Oktober  1902  . .  15-98",  April  1903  .  .  14620,  Oktober  1903  . .  16440. 

Die  berühmte  Jadroquelle  entspringt  im  Grunde  einer  von  hohen 
Wänden  umrahmten  Felsnische  am  Fuße  des  am  meisten  gegen  W 
vortretenden  Gebirgsspornes  des  Mosor.  Das  die  Nischenwände 
bildende  Gestein  ist  ein  sehr  fester  Breccienkalk  aus  Bruchstücken 
von  weißem  Rudistenkalke  und  lichtgrauen  eocänen  Kalken.  Außerhalb 
der  Quellnische  durchbricht  der  Jadro  schief  zum  Schichtstreichen 
den  Flyschsattel  nördlich  von  der  Mulde  von  Salona,  um  dann  im 
Bereich  des  Kernes  dieser  Mulde  in  den  Salonitaner  Golf  zu  münden. 
Der  Flußspiegel  erfährt  hierbei  eine  Senkung  um  etwa  20  m.  Der 
Jadroursprung  zählt  somit  nicht  zu  jenen  Küstenquellen,  für  deren 
Höhenlage  nur  das  Niveau  des  zur  Quelle  führenden  Höhlenflusses 
maßgebend  ist.  Bei  der  Jadroquelle  kommt  auch  die  wasserstaueude 
Wirkung  einer  undurchlässigen  Mergelvorlage  in  Betracht.  Zufolge 
seiner  Formverhältnisse  gehört  der  Jadroursprung  zu  jenen  Karstquellen, 
bei  denen  sich  Veränderungen  der  Wassermenge  nur  in  Schwankungen 
des  Quellspiegels  äußern  können.  Er  tritt  hierdurch  in  Gegensatz  zu 
seinem,  östlichen  Nachbar,  dem  Ursprung  des  Stobrecbaches,  welcher 
bei  wechselndem  Wasserstande  seine  Austrittsstelle  verschiebt.  Die 
Spiegelschwankungen  der  Jadropuelle  dürften  einige  Meter  nicht 
übersteigen,  sie  bringen  aber  doch  schon  einen  auffälligen  Wechsel 
des  Quellbildes  mit  sich,  indem  im  Spätsommer  mehrere  mit  aus- 
gedorrten Moosrasen  überzogene  Blöcke  sichtbar  werden,  die  im 
Winter  und  Frühlinge  überflutet  sind.  Groß  ist  der  jahreszeitliche 
Unterschied  in  der  Art,  wie  sich  der  Wasseraustritt  vollzieht.  Im 
Winter  ein  Hervorschießen  mit  Wucht  unter  lebhaftem  Rauschen,  im 
Hochsommer  ein  stilles  Hervorquellen. 

Ueber  die  Temperatur  der  Jadroquelle  liegen  mir  vier  Mes- 
sungen vor: 


232  ^^-  F'"'*^  ^-  Kerner.  [881 

1.  Oktober  1902    .  .  .  12-81  o          3.  Oktober  1903   .  .  .  13-210 
5.  April  1903 12-900  23.  Juni  1905 13-080 

Die  Quelle  scheint  so  nur  sehr  geringen  Wärmewechseln  unter- 
worfen zu  sein  und  es  scheinen  —  wie  sich  dies  auch  noch  bei 
anderen  Quellen  unseres  Gebietes  zeigte  —  die  periodischen  Wärme- 
änderungen kleiner  zu  sein  als  wie  die  aperiodischen.  Das  Nährgebiet 
der  Jadroquelle  ist  wohl  zunächst  der  Westmosor  und  das  ihm  nord- 
und  nordostwärts  vorliegende  Gelände.  Den  Mittelmosor  wird  man  als 
Einzugsgebiet  der  Stobrecquelle  anzusehen  haben.  Besonderes  Interesse 
knüpft  sich  an  die  Frage,  ob  der  Jadro  auch  Cetinawasser  führt.  Es 
könnte  sich  hierbei  um  keinesfalls  große  Wassermengen  handeln, 
welche  die  Cetina  in  ihrem  bei  Bisko  beschriebenen  Bogen  vielleicht 
verliert,  obschon  dort  keine  sichtbaren  Zeichen  einer  Abnahme  ihrer 
Wassermenge  vorhanden  sind.  Da  die  kleinen  Vorkommen  von  Horn- 
steinkalken  zwischen  dem  Zuge  dieses  Kalkes  bei  Novasela  und  den 
Zügen  bei  Prugovo  vermuten  lassen,  daß  das  Liegende  des  Rudisten- 
kalkes  im  nordöstlichen  Vorlande  des  Mosor  nicht  Dolomit,  sondern 
Hornsteinkalk  sei,  erscheint  die  Möglichkeit  einer  Kluftverbindung 
zwischen  dem  Cetinatal  bei  Bisko  und  dem  Jadrotal  gegeben.  An  einen 
von  der  Cetina  zur  Jadroquelle  führenden  Höhlengang  wird  man  aber 
wohl  kaum  denken.  Die  Entfernung  beider  Örtlichkeiten  beträgt 
15  km,  der  Höhenunterschied  240  m.  Als  Mittel  zur  Beantwortung 
der  Frage,  ob  in  der  Tat  eine  Verbindung  da  ist,  kämen  zunächst 
Färbeversuche  mit  noch  in  Spuren  nachweisbaren  Stoifen  in  Betracht, 
wogegen  weniger  empfindliche  Methoden  der  Feststellung  hydro- 
graphischer Zusammenhänge  wohl  versagen  würden,  da  die  fragliche 
Eingangspforte  nicht  ein  Ponor,  sondern  ein  vermutlich  unvollständig 
abgedichtetes  Flußbett  ist.  Bei  einer  vergleichenden  Prüfung  der 
Flußsedimente  würde  der  mikroskopische  Nachweis  von  Silikaten  im 
Jadroschlamme  zu  einer  Bejahung  der  gestellten  Frage  nicht  genügen, 
danach  den  Untersuchungen  von  Tucan  solche  Einschlüsse  auch  in 
den  Kalken  und  Dolomiten  des  Karstes  selbst  vorkommen. 

Man  müßte  kleine  Partikeln  von  Werfener  Schiefer  und  zersetztem 
Diabas  auffinden  und  es  hätte  dies  nahe  der  Jadroquelle  zu  geschehen, 
da  die  im  Jadrotale  errichtete  Zementfabrik  Gips  aus  Sinj  bezieht 
und  mit  diesem  auch  Stückchen  anderer  triadischer  Gesteine  der 
Sinjaner  Gegend  in  das  Jadrobett  verschleppt  werden  könnten.  Einen 
Anhaltspunkt  dafür,  wie  sich  die  mineralogische  Zusammensetzung 
einer  ganz  aus  Kalken,  wie  sie  das  Hinterland  des  Jadro  bilden, 
kommenden  Karstquelle  gestaltet,  würde  die  Prüfung  des  Schlammes 
der  Quelle  bei  der  Trogirska  mulina  ergeben.  Für  den  Stobrec  potok 
wäre  dagegen  die  Möglichkeit  einer  Verbindung  mit  der  Cetina  auch 
nicht  von  vornherein  auszuschließen.  Von  Bedeutung  für  die  angeregte 
Frage  wäre  eine  fortgesetzte  genaue  Messung  der  sekundlichen 
Abflußmenge  des  Jadro  und  eine  genaue  fortlaufende  Registrierung 
der  Niederschlagsmengen  auf  mehreren  Regenstationen  im  Gebiete 
zwischen  der  oberen  Cetina  und  dem  Jadrotale.  Im  Sommer  pflegt 
es  manchmal  zu  geschehen,  daß  in  der  Ebene  von  Ervace  oder  im 
östlichen  Sinjsko  polje  lokale,  aber  sehr  heftige  Gewitterregen  nieder- 


I89J  Qiiellengeologie  vou  Mitteldalmatien.  233 

gehen,  während  in  der  Mulde  von  Dicmo,  im  nördlichen  Vorlande 
des  Mosor  und  auf  diesem  selbst  kein  Regen  fällt.  Würde  in  einem 
solchen  Falle,  der  die  Cetina  vorübergehend  anschwellen  läßt,  noch 
vor  dem  Eintritte  eines  neuen  Niederschlages  in  den  eben  genannten 
Gegenden  der  Jadro  eine  meßbare  Zunahme  seiner  Wassermenge 
zeigen,  so  könnte  diese  nur  auf  einen  ZuHuß  von  der  Cetina  her  bezogen 
werden.  Die  Jadroquelle  dient  bekanntlich  schon  seit  langem  zur 
Wasserversorgung  von  Spalato  und  es  sind,  wie  bekannt,  auch  Reste 
einer  antiken  Wasserleitung  vorhanden. 

Auf  der  linken  Seite  des  Jadrotales  findet  sich  nur  eine  Quelle 
von  Bedeutung.  Sie  entspringt  nahe  der  Grenze  der  klüftigen  Kalk- 
schichten im  Liegenden  jenes  Flyschzuges,  der  den  Riff  von  Breccien- 
kalken  unterteuft,  die  im  Jadrotale  die  Klippenkette  der  mittleren 
Flyschzone  vertreten.  Sie  stellt  sich  so,  da  hier  die  Schichten  gegen 
das  Tal  zu  fallen,  als  Rückstauquelle  dar.  Die  gemessenen  Temperaturen 
waren : 

Oktober  1902.16-800,  April  1903.14-320,  Oktober  1903  .  16'48o. 

Hier  erreichte  demnach  die  periodische  Wärmeschwankung  eines 
Jahres  einen  viel  größeren  Betrag  als  die  Differenz  zwischen  den  in 
zwei  aufeinander  folgenden  Jahrgängen  zur  selben  Zeit  gemessenen 
Temperaturen.  Diese  den  Bewohnern  von  Mravince  das  Trinkwasser 
spendende  Quelle  befindet  sich  in  einer  gewölbten  Mauernische  und 
ein  antiker  Sarkophag  dient  hier  als  Brunnentrog.  Im  Frühlinge 
sprudelt  das  Wasser  aus  einer  Steinrinne  in  kräftigem  Strahle  hervor, 
in  trockenen  Spätsommern  läuft  es  nur  an  der  Unterseite  der  Rinne 
auf  die  Rückwand  des  Troges  ab.  Im  Flyschgelände  am  Südufer  der 
Bucht  von  Vragnizzasind  keine  nennenswerten  Quellbildungen  vorhanden, 
dagegen  wird  von  Wasseraustritten  an  der  aus  klüftigem  Kalk 
bestehenden  Nordküste  des  Monte  Marjan  berichtet. 


Die  Quellen  an  der  Küste  von  Spalato. 

Der  Monte  Marjan  besteht  aus  einem  durch  Längsbrüche  zer- 
stückten Gewölbe  von  mitteleocänen  Kalken,  das  die  Nordflanke  und 
den  First  des  Berges  aufbaut  und  aus  einer  sich  anschließenden 
Flyschmulde,  welche  die  südlichen  Bergabhänge  formt.  Der  Flyschzug 
bricht  schon  1  km  ostwärts  von  der  Stelle,  wo  der  Grat  des  Marjan 
mit  dem  St.  Georgs  Kap  ins  Meer  hinabtaucht,  quer  ab.  Der  so 
gebildete  einspringende  Winkel  zwischen  dem  (abzüglich  eines 
schmalen  Streifens)  seiner  Flyschvorlage  beraubten  Weststücke  des 
Berggrates  und  dem  Abbruche  der  Flyschmulde  ist  die  stille  Bucht 
von  Kasion. 

Der  Flyschkomplex  im  Hangenden  des  einen  Kern  von  Alveo- 
linenkalk  umhüllenden  Hornsteinkalkes  des  Monte  Marjan  baut  sich 
aus  einer  unteren  Lage  von  Nummulitenbreccienkalken,  einer  mittleren 
Mergelzone  und  aus  oberen  Breccienkalken  auf.  Letztere  blieben  nur 
neben  der  Bucht  von  Ka§ion  von  der  Denudation  bewahrt  und  bilden 
dort,  muldenförmig  gelagert  und  ringsum  frei  ausstreichend,  einen 
sich   in  zwei  Stockwerken   erhebenden  kleineu  Hügel.    An  der  Nord- 

Jahrbuch  <\.  k.  k.  geol.  Keichsajjstalt,  1916,  66.  Band,  2.  Heft,  (F.  v.  Kenier.)         31 


234  ^^'  ^'■itz  V.  Kerner.  [90] 

flanke  desselben  fallen  die  dicken  Breccienbänke  im  Osten  bis  zu 
40"  steil  gegen  S,  im  Westen  weniger  steil  gegen  SSW;  an  der 
Südseite  des  Hügels  sind  sie  im  Osten  fast  schwebend  gelagert,  im 
Westen  schwach  gegen  N  geneigt.  Die  Muldenachse  zeigt  eine  schwache 
Senkung  gegen  West  und  an  ihrem  Ausstriche  in  dieser  Richtung, 
bzw.  am  tiefsten  Punkte  der  Umrandung  der  Mergelschichtfläche,  auf 
welcher  die  Breccienbänke  wie  auf  einer  flachen  Schale  ruhen,  tritt 
ein  Quellchen  aus.  Gleich  südwärts  von  demselben  sind  die  liegenden 
Flyschmergel  mit  Kalksandsteinbänkchen,  25"  N  fallend,  aufgeschlossen; 
Gleich  nordwärts  sieht  man  die  hangende,  3  m  mächtige  Bank  von 
Breccienkalk  mit  ebensolcher  Neigung  gegen  S  verflachen. 

Hier  böte  sich  Gelegenheit,  das  Verhältnis  zwischen  Niederschlag 
und  Abfluß  genau  zu  untersuchen.  Das  oft  nicht  scharf  umgrenzbare 
Sammelgebiet  ließe  sich  bei  diesem  Quellchen  so  exakt  wie  der 
Flächeninhalt  eines  Grundstückes  bestimmen.  Die  meist  nur  im  rohen 
Durchschnitte  gewinnbare  mittlere  Regenhöhe  könnte  hier  bei  der 
räumlichen  Beschränkung  des  Areals  etwa  schon  durch  die  Angaben 
von  bloß  dreien  im  westlichen,  mittleren  und  östlichen  Teile  der  Hügel- 
kuppe aufzustellenden  Ombrometern  wahrheitsgetreu  erhalten  werden. 
Wasserverluste  in  die  Tiefe  sind  bei  der  Beschaffenheit  der  die 
Eiusickerungen  auffangenden  Schichtfläche  völlig  unwahrscheinlich, 
wenn  auch  nicht  ganz  ausgeschlossen.  Eher  könnte  es  sein,  daß  bei 
der  zum  Teil  fast  horizontalen  Lage  dieser  Auffangfläche  nach  starken 
Güssen  eine  Ueberrieselung  ihres  Randes  an  verschiedenen  Stellen 
geschähe,  was  sich  indessen  dann  leicht  feststellen  ließe. 

Ostwärts  vom  Quellhügel  ober  der  Bucht  von  Kasion  sind  — 
wie  erwähnt  —  die  oberen  Breccienkalke  schon  entfernt  und  die 
Flyschmergel  völlig  bloßgelegt.  Hier  kommt  es  so  zu  vorzugsweise 
obertägiger  Entwässerung;  man  zählt  im  ganzen  sieben  Wasserrisse 
an  dem  vom  Meeresufer  zu  den  Gratwänden  des  Monte  Marjan  mäßig 
steil  ansteigenden  Gehänge. 

Am  Ostfuße  des  Berges  entspringen  mehrere  Quellen,  die  durch 
ihre  hohe  Mineralisation  und  erhöhte  Temperatur  eine  Sonderstellung 
einnehmen  und  ein  mehr  als  gewöhnliches  Interesse  beanspruchen. 
Es  sind  die  berühmten  Schwefelquellen  von  Spalato.  Man  hat  zwei 
Austrittsorte  zu  unterscheiden.  Im  steil  gestellten  Nordflügel  der 
Flyschmulde  des  Marjan  besteht  die  untere  kalkige  Schichtgruppe 
aus  drei  durch  schmale  Mergelbänder  getrennten  Zügen  von  Breccien- 
und  Knollenkalk.  Sie  streichen  nacheinander  auf  der  Westseite  des 
Spalatiner  Hafens  aus,  und  zwar  so,  daß  der  nördlichste,  dem  Horn- 
steinkalk  des  Monte  Marjan  direkt  angelehnte  Zug  am  weitesten 
gegen  Osten  reicht.  Er  endet  obertags  bei  dem  Franziskanerkloster 
und  ist  bis  knapp  vor  seiuem  Ende  als  Felsmauer  verfolgbar. 

Aus  diesem  Gesteinszuge  tritt  die  schwächere  Schwefelquelle  an 
zwei  Stellen  aus.  Die  eine  befindet  sich  gleich  westlich  vom  genannten 
Kloster  an  der  Uferstraße.  Das  Wasser  quillt  hier  unter  einer  kleinen 
in  der  Straßenfront  gelegenen  Felswand  hervor  und  ergießt  sich  in 
ein  ummauertes  Becken,  aus  dem  es  in  das  nahe  Meer  abfließt. 
Die  andere  Stelle  liegt  im  Kellerraume  des  Klosters.  Hier  kommt 
das   Wasser    aus   der   Seitenwand    eines    in    den   Fels    eingelassenen 


[91]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  235 

Quellschachtes  hervor.  In  der  Nachbarschaft  desselben  sollen  noch 
mehrere,  jetzt  verschüttete  Austrittsstellen   vorhanden   gewesen   sein. 

Der  Hornsteinkalk  des  Monte  Marjan  erstreckt  sich  von  der 
Ostflanke  des  Berges  noch  in  das  Stadtgebiet  von  Spalato  hinein. 
Seine  östliche  Grenze  wird  durch  die  flache  Einsenkung  bezeichnet, 
welche  das  Stadtgebiet  in  Nord- Süd-Richtung  durchquert.  Das  jenseits 
dieser  Senke  wieder  sanft  ansteigende  Gelände  gehört  schon  den  die 
Falte  des  Marjan  umhüllenden  Flyschschichten  an.  Die  Stelle,  wo  hier 
der  Hornsteinkalk  am  meisten  gegen  Ost  vortritt,  ist  der  Austrittsort 
der  größeren  Schwefelquelle,  über  welcher  eine  Badeanstalt  erbaut 
wurde.  Diese  Quelle  soll  in  24  Stunden  zwei  Millionen  Liter  liefern, 
was  einer  Menge  von  23  Sekundenlitern  entsprechen  würde.  Die 
Quelle  im  Klosterkeller  dürfte  1—2,  die  Quelle  an  der  Uferstraße 
etwa  3  Sekundenliter  liefern.  Die  Temperatur  der  Quelle  in  der 
Badeanstalt  beträgt  25-5<',  jene  der  Quelle  beim  Kloster  20*0o.  Nimmt 
man  die  mittlere  Jahrestemperatur  der  Luft  in  Spalato  zu  15*7*',  die 
Tiefenlage  der  Fläche  der  indifferenten  Temperatur  zu  25  m  und  die 
normale  geothermische  Tiefenstufe  für  gut  leitenden  Kalk  zu  28  m 
an,  so  ergibt  sich  hieraus  als  Tiefe,  aus  der  die  starke  Schwefelquelle 
empordringt,  300  m,  als  Tiefe,  aus  der  die  schwache  Quelle  kommt, 
145  m.  Diese  Werte  gelten  aber  nur  für  den  Fall,  daß  beide  Quellen 
keinen  Zufluß  kühlerer  Wässer  nahe  der  Oberfläche  erhalten.  Ist 
letzteres  der  Fall,  so  wären  etwas  größere  Ursprungstiefen  anzunehmen. 

Obschon  die  Gesamtmenge  der  auf  den  Kalkboden  der  Nordflanke 
des  Monte  Marjan  fallenden  Niederschläge  ausreichen  könnte,  um  die 
Quellen  von  Spalato  zu  speisen,  so  wird  man  doch,  da  ein  Teil  dieser 
Wässer  durch  Verdunstung  verloren  geht  und  ein  anderer  Teil  seinen 
Weg  gegen  W  und  N  zum  Meere  nimmt,  dem  Wasser  der  Spalatiner 
Quellen  zum  Teil  eine  Herkunft  aus  größerer  Ferne,  aus  dem 
Hinterlande  des  Golfes  von  Castelli  zuschreiben  müssen.  Die  Spalten- 
systeme jenes  Gebietes  stehen  unter  dem  Flyschboden  des  Golfes 
von  Castelli  wohl  mit  den  Klüften  des  Monte  Marjan  in  teilweisem 
Zusammenhange.  Sie  haben  aber  wahrscheinlich  auch  Verbindungen 
mit  jenen  Kluftsystemen,  welche  in  den  kalkigen  Einlagerungen  der 
Flyschformation  vorhanden  sind  und  sich  zum  Teil  unterseeisch 
öffnen.  Die  subterrane  Wasserbewegung  in  der  Spalatiner  Küstenregion 
vollzieht  sich  nun  wohl  so,  daß  die  sich  in  der  östlichen  Zagorje 
sammelnden  Wässer,  da  ihnen  durch  die  Fiyschvorlage  von  Castelli 
ein  Austritt  als  große  Küstenquellen  versperrt  bleibt,  hinter  die 
Fiyschvorlage  hinabsinken  und  dann  zum  Teil  unter  dem  Flyschboden 
des  Golfes  von  Castelli  bis  zum  Monte  Marjan  gelangen  und  sich  auf 
diesem  Wege  mit  Meergrundwasser  mischen.  Der  Wasseraustritt 
findet  dann  an  den  tiefsten  Stellen  der  östlichen  Umrandung  des 
Monte  Marjan  statt.  Ein  Teil  der  aus  der  östlichen  Zagorje  dem 
Meere  zustrebenden  Wässer  tritt  aber  schon  durch  Spalten  am 
Grunde  des  Golfes  von  Castelli  aus. 

Was  den  Gehalt  der  Spalatiner  Quellen  au  freiem  Schwefel- 
wasserstoffe betrifft,  so  war  schon  August  Vierthaler,  welcher  eine 
chemische  Analyse  dieser  Quellen  und  des  Meerwassers  bei  Spalato  vor- 
nahm, der  Ansicht,  daß  eine  Zersetzung  von  Meerwassersulfaten  durch 

31* 


236  t)»"-  P"t    V.  Kerner.  [92] 

vegetabilische  Organismen  stattfinde.  Die  Untersuchung  zeigte,  daß 
schwefelsaures  Kalzium  im  Meerwasser  bei  Spalato  in  viel  größerer 
Menge  als  in  der  Klosterquelle  und  daß  es  in  der  Badequelle  gar 
nicht  vorhanden  sei.  Dem  Schlamme  am  Meeresboden  westlich  von 
Salona  ist  pflanzlicher  Detritus,  der  aus  den  sumpfigen  Ufern  des 
Jadro  stammt,  und  Detritus  von  abgestorbenen  Meeresalgen  beigemischt. 
Aber  auch  im  felsigen  Untergrunde  des  Golfes  von  Castelli  dürften 
organische  Substanzen  in  geringer  Menge  und  feinster  Verteilung 
enthalten  sein.  Es  wurden  in  der  Gegend  von  Clissa  Kohlenschmitzen 
und  beim  Bahnbaue  in  der  Gegend  südöstlich  von  jenem  Orte  fossile 
Blattreste  gefunden. 

Vierthaler  war  jedoch  der  Meinung,  daß  Meerwassersulfate 
nicht  die  einzigen  Lieferanten  für  den  Schwefelwasserstoffgehalt  der 
Spalatiner  Quellen  bilden  könnten  und  daß  noch  auf  ein  Lager  von 
Gips  oder  Kiesen  als  Ursprungsort  des  Schwefels  zu  schließen  sei. 
Die  letztere  Annahme  wäre  nicht  begründbar.  Die  in  Kalksteinen 
Dalmatiens  gelegentlich  eingesprengt  vorkommenden  Pyritkriställchen 
sind  selbst  sekundäre  Bildungen,  erzeugt  durch  ein  Zusammentreffen 
schon  vorhandener  Sulfatlösungen  mit  Eisensalzen  und  organischen 
Substanzen.  Ein  geringer  primärer  Eisensulfidgehalt  der  dalmatischen 
Diabase  würde  gegenüber  anderen  weit  näher  liegenden  Ursprungs- 
stätten des  Schwefels  der  Spalatiner  Quellen  sehr  in  den  Hintergrund 
treten.  Was  eine  Herkunft  dieses  Stoffes  aus  Gipslagern  betrifft,  so 
ist  kaum  zu  zweifeln,  daß  die  Vorkommen  von  gipsführenden  Rauh- 
wacken  in  den  innerdalmatischen  Spaltentälern  nur  die  durch  Aufbruch 
und  Abtragung  bloßgelegten  Teile  eines  unter  den  mesozoischen 
Schichten  allgemein  verbreiteten  geologischen  Horizontes  seien.  In 
der  östlichen  Zagorje,  südwärts  von  der  Mucer  Ueberschiebung  dürften 
aber  die  oberpermischen  Rauhwacken  in  großer  Tiefe  liegen,  zudem 
wäre  anzunehmen,  daß  sie  von  undurchlässigen  unteren  Werfener 
Schiefern  bedeckt  sind.  Von  der  Gegend  von  Muc  erscheint  aber  der 
südliche  Teil  der  östlichen  Zagorje  durch  den  Dolomitsattel  von 
Brstanovo  getrennt.  Ein  Zutritt  gipsführender  Wässer  zu  den  mut- 
maßlich im  Hinterlande  von  Castelli  liegenden  Wurzelgefiechten  der 
Spalatiner  Quellen  ist  darum  nicht  wahrscheinlich. 

Was  den  Gehalt  der  Spalatiner  Schwefelquellen  an  verschiedenen 
Salzen  anbelangt,  so  liegt  es  auch  näher,  diesen  zum  großen  Teil 
aus  dem  benachbarten  Meere  abzuleiten,  anstatt  aus  den  in  größerer 
Entfernung  und  in  größerer  Tiefe  vorhandenen  marinen  Sediment- 
gesteinen. Würde  die  Mineralisation  dieser  Quellen  hauptsächlich 
durch  Auslaugung  der  Gesteinsschichten  der  Umgebung  und  des  Unter- 
grundes bedingt  sein,  so  würde  man  einen  hohen  Gehalt  an  Kalk- 
bikarbonat  erwarten.  Der  Kalkgehalt  der  Spalatiner  Quellen  ist  aber 
sehr  gering.  Dagegen  weisen  sowohl  die  Bade-  als  auch  die 
Klosterquelle  einen  hohen  Gehalt  an  Chlornatrium  auf.  Dieses 
Chlorid  übertrifft  alle  anderen  mineralischen  Bestandteile  sehr 
an  Menge  und  sein  prozentischer  Anteil  an  der  Gesamtmenge 
der  fixen  Bestandteile  ist  jenem  im  Meerwasser  bei  Spalato 
ähnlich.  Den  Kochsalzgehalt  der  Spalatiner  Quellen  aus  den  in  den 
Tiefen  des  Hinterlandes  ruhenden  unteren  Triasschichten  abzuleiten, 


[93]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  ^37 

wäre  bei  der  Spärlichkeit  der  Argumente,  welche  sich  für  eine 
Salzführung  der  dalmatischen  Werfener  Schiefer  vorbringen  lassen, 
sehr  hypothetisch.  Auch  dürften  diese  Schiefer  in  den  Tiefen  der 
Zagorje  von  mehreren  wenig  durchlässigen  Dolomithorizonten  über- 
lagert sein.  Auch  Chlormagnesium  ist  in  den  Schwefelquellen  von 
Spalato  reichlich  enthalten  und  wieder  ist  sein  prozentischer  Anteil 
an  der  Gesamtmenge  der  Mineralsubstanzen  jenem  im  benachbarten 
Meerwasser  ähnlich.  Daß  der  von  Vierthaler  mitgeteilte  Chlor- 
natrium- und  Chlorraagnesiumgehalt  des  Meerwassers  an  der  Küste 
von  Spalato  vom  normalen  abweicht,  rührt  aber  nicht  daher,  daß 
dieses  Meerwasser  durch  die  ihm  zufließenden  Abwässer  der  Schwefel- 
quellen in  seiner  Zusammensetzung  merklich  verändert  würde,  sondern 
davon  her,  daß  der  genannte  Forscher  die  bei  der  Analyse  gefundenen 
Basen  und  Säuren  in  anderer  als  der  bei  Meerwasseranalysen 
gebräuchlichen  Weise  zu  Salzen  vereinigt  hat. 

Von  den  Unterschieden,  die  bezüglich  der  Zusammensetzung 
zwischen  dem  Meerwasser  und  den  Quellen  von  Spalato  bestehen,  ist 
jener  im  Jodgehalte  sehr  auffallend.  Jod  wurde  in  der  Badequelle 
in  bemerkenswerter  Menge,  in  der  Klosterquelle  aber  nur  in  minimaler 
Menge  und  im  Meerwasser  bei  Spalato  gar  nicht  nachgewiesen. 
Letzterer  Umstand  ist  sonderbar,  da  zu  den  Bestandteilen  der  Algen flora 
der  dalmatischen  Küsten  auch  Fucoiden  gehören,  welche  ihren  Jodgehalt 
aus  dem  Meerwasser  beziehen.  Ob  der  Jodgehalt  der  Badequelle  aus 
den  Flyschmergeln  stammt,  bleibt  ungewiß,  solange  in  diesen  Gesteinen 
Jod  nicht  wenigstens  in  Spuren  nachgewiesen  wird.  Während  aus  dem 
nordalpinen  Flysch  sichere  Fucoiden  bekannt  geworden  sind,  wurden 
in  Dalmatien  Fucoidenreste  bisher  nur  in  den  Mergeln  des  Monte 
Promina,  aber  nicht  in  den  Flyschschichten  der  Gegend  von  Spalato 
gefunden.  Es  wäre  deswegen  aber  doch  denkbar,  daß  an  den  Ufern 
des  dalmatischen  Flyschmeeres  Blasentange  oder  andere  Organismen, 
welche  dem  Meerwasser  Jod  entziehen,  gelebt  hätten.  Die  Möglichkeit, 
daß  sich  der  Jodgehalt  von  Meerespflanzen  in  den  Gesteinen  konserviert 
hätte,  erscheint  insofern  vorhanden,  als  eine  von  S  ig  wart  vor- 
genommene Untersuchung  der  an  zerstörten  Organismen  reichen 
bituminösen  Liasschiefer  von  Württemberg,  aus  welchen  jodhaltige 
Schwefelquellen  entspringen,  einen  Jodgehalt  ergab.  Brom,  welches 
in  der  Badequelle  in  geringer,  in  der  Klosterquelle  in  noch  geringerer 
Menge  nachgewiesen  wurde,  fand  sich  dagegen  auch  bei  der  Analyse 
des  Meerwassers  bei  Spalato  und  zwar  fast  in  derselben  Menge  wie 
in  der  erstgenannten  Quelle. 

Die  Summe  der  fixen  Bestandteile  ist  nach  Viert  haier  in 
beiden  Quellen  fast  genau  dieselbe  (3080  und  30"65),  auch  die 
spezifischen  Gewichte  weichen  wenig  von  einander  ab.  (1  "02383  und 
102295.)  Die  Klosterquelle  ist  reicher  an  Chloriden,  besonders  an 
jenen  beiden  Chlorverbindungen,  welche  eine  Aehnlichkeit  mit  der 
Zusammensetzung  des  Meerwassers  bedingen.  Der  Gehalt  an  freiem 
Schwefelwasserstoff  ist  in  der  Badequelle  mehr  als  doppelt  so  groß 
als  in  der  Klosterquelle.  Es  weist  dies  im  Vereine  mit  dem  Fehlen 
des  in  der  letzteren  gefundenen  Kalziumsulfates  darauf  hin,  daß  die 
Reduktionsvorgänge  unter  der  Badequelle  energischer  von  statten  gehen. 


238  ^^^-  '*"'''^^  ^-  Kerner.  [94 1 

Bezüglich  dieser  Quelle  findet  sich  bei  Vierthaler  die 
Bemerkung,  daß  sie  die  Erscheinung  des  Versiegens  nach  anhaltendem 
Regenwetter  zeige.  Zur  Erklärung  dieses  Phänomens  müßte  man 
annehmen,  daß  sich  durch  sehr  reichliche  atmosphärische  Nieder- 
schläge in  den  oberen  Bodenlagen  eine  mächtige  Süßwasserschicht 
ansammle,  welche  dem  von  unten  kommenden  Mineralwasser  den 
Austritt  nach  oben  sehr  erschwert  und  es  seitlich  abdrängt. 

Aus  dem  Küstensaume  östlich  von  Spalato  ist  nur  eine  Quelle, 
die  „Fontana"  zu  erwähnen.  Man  erreicht  sie,  wenn  man  der  Straße 
nach  Almissa  bis  zum  zweiten  rechterseits  aufsteigenden  Pinienhügel 
folgt  und  dann  den  um  dessen  Ostseite  biegenden  Seiteuweg  einschlägt. 
Die  Quelle  kommt  aus  einer  gemauerten  Brunnstube,  an  deren  Vorder- 
wand ein  von  einem  Blendbogen  umrahmtes  Steinrelief  eingefügt  ist. 
Hinter  dem  Brunnen  ist  unterhalb  einer  Mauer  ein  ungefaßtes  Quell- 
becken vorhanden,  in  dessen  Umkreis  mittelsteil  gegen  N  einfallende 
Flyschschichten  entblößt  sind.  Die  „Fontana"  ist  für  quellenthermische 
Vergleiche  insofern  wichtig,  als  sie  die  Temperatur  einer  nahe  der 
Meeresküste  in  Südexposition  entspringenden  Gesteinsquelle  angibt. 
Sie  zeigte  im  Herbste  16"44^,  im  darauffolgenden  Frühjahre  15-62°, 
wies  somit  eine  geringe  Schwankung  auf,  die  auf  einen  tieferen 
Ursprung  hinweist.  Die  Quelle  ist  sonach  ungefähr  um  vier  Grade 
kälter  als  die  kühlere  der  beiden  Schwefelquellen  und  um  drei  Grade 
wärmer  als  der  Jadroursprung,  welcher  die  thermischen  Verhältnisse 
einer  großen  Karstquelle  zeigt.  Die  vier  größeren  Einrisse,  welche 
östlich  von  der  Fontana  den  Küstensaum  durchqueren,  dienen  fast 
nur  oberflächlicher  Entwässerung. 


Die  Quellen  des  Stobrectales. 

Jenseits  des  Rückens  von  Mravince,  welcher  in  die  Landzunge 
von  Spalato  ausläuft,  dehnt  sich  das  südwestliche  Vorland  des  Mosor 
aus.  Die  Mosor  planina  fällt  gegen  das  Meer  zu  stufenförmig  ab  und 
hat  hier  noch  mehrere  Ketten  vorgelagert,  deren  äußerste  das 
Poljicaner  Küstengebirge  ist.  Zwischen  diesen  Ketten  liegen  Längs- 
täler, die  sich  teils  gegen  NW,  teils  gegen  SO  öffnen.  Das  Tal  des 
Stobrec  potok  schiebt  sich  zwischen  den  Rücken  von  Mravince  und 
das  Vorland  des  Mosor  ein  und  nimmt  die  auf  der  Ostseite  jenes 
Rückens  eingeschnittenen  Gräben  und  die  gegen  NW  sich  öffnenden 
Mosortäler  auf.  Es  sind  dies  das  Tal  des  Veliki  potok  zwischen  dem 
Küstengebirge  und  der  Bergkette  Sridivica  und  das  Tal  des  Brisine 
potok  zwischen  der  letzteren  Kette  und  dem  Abfalle  der  unteren  Stufe 
des   Hauptgebirges. 

Der  Stobrecbach  entspringt  am  Fuße  dieser  Gebirgsstufe. 
Seinem  Talsysteme  gehören  aber  auch  noch  mehrere  auf  dieser  Stufe 
und  auf  der  mittleren  Gebirgsstufe  des  Mosor  ausgewaschene  Gräben 
an.  Auf  dieser  letzteren  Geländestufe  sind  die  tiefsten  Schichten  des 
Mosor,  die  obercenomanen  Dolomite  aufgeschlossen.  Der  Rudistenkalk 
formt  außer  dem  Hauptkamme  des  Mosor  auch  die  diesem  vorgelagerten 
Kämme.  Die  untere  Gebirgsstufe  und  die  Flanken  der  Mosortäler 
bestehen  aus  obereocänen  Schichten  in  der  Fazies  von  Foraminifereu- 


[95]  Qnelleiigeologie  von  Mitt<^l(ialmatien.  239 

kalken,  Trümmerbreccieii,  Konglomeraten  und  mergligen  Plattenkalken. 
Als  jüngstes  Schiehtglied  erscheint  Flysch,  welcher  auch  die  Ostseite 
des  Rückens  von  Mravince  bildet.  Entsprechend  dieser  größeren 
geologischen  Mannigfaltigkeit  ist  auch  die  Zahl  der  auftretenden  Quell- 
formen im  Talgebiete  des  Stobrec  potok  größer  als  im  Umkreise  des 
Golfes  von  Castelli. 

Auf  der  Ostseite  der  Landzunge  von  Spalato  entwickelt  sich  als 
Abzugsrinne  einer  vorwiegend  oberflächlichen  Entwässerung  des  um- 
liegenden Gebietes  der  Torrente  ispod  kita.  Das  seichte,  von  diesem 
Rinnsale  durchzogene  Tälchen  schiebt  sich  zwischen  den  von  der 
Felsklippe  Kitoje  gekrönten  flachen  Rücken  und  den  Hügelwall  von 
Sasso  ein.  Der  Rücken  der  Kitoje  lehnt  sich  südwärts  an  jene  Höhen, 
welche  die  Küste  zwischen  Stobrec  und  Spalato  begleiten.  Nordwärts 
vom  Hügelwalle  von  Sasso  breitet  sich  eine  flache  Talmulde  aus, 
durch  welche  der  Torrente  Terstenik  dem  Stobrec  potok  zufließt. 
Auch  dieses  an  der  Südflanke  des  Rückens  von  Mravince  sich  ent- 
wickelnde Rinnsal  liegt  zeitweise  völlig  trocken.  Der  Abhang,  welcher 
rechts  vom  Stobrecbache  zu  den  südlichen  Vorhöhen  des  Westmosor 
hinansteigt,  wird  von  drei  langen  Wasserrissen  durchfurcht.  Dieser 
Abhang  baut  sich  großenteils  aus  Kalksandsteinen  der  Flyschformation 
auf.  Zu  Füßen  der  Felswände,  mit  denen  die  Vorhöhen  des  Mosor 
gegen  Süd  abstürzen,  ziehen  sich  Schutthalden  hin.  In  jenen  Künsten 
sieht  man  deutlich  die  schon  aus  dem  Neogengebiet  von  Sinj  be- 
schriebene Erscheinung,  daß  die  Wasserführung  nicht  von  Quellen 
ihren  Ausgangspunkt  nimmt,  sondern  sich  ganz  allmählich  aus  im 
Bachbette  stattfindenden  Zusickerungen  entwickelt.  Weiter  ostwärts 
triff't  man  dann  bei  Rogulic  an  einer  Stelle,  wo  vier  Wege  sich  kreuzen 
und  viele  Pappelbäume  stehen,  eine  Quelle  mit  Tränkbrunnen,  die 
auch  im  Spätsommer  noch  leidlich  fließt.  Sie  zeigte  zu  dieser  Jahres- 
zeit 16-16°,  ein*  Wert,  der  angesichts  der  südlichen  Lage  im  Vergleich 
zu  den  Herbsttemperaturen  der  Clissaner  Quellen  nicht  hoch  war. 
Ihre  Struktur  ließ  sich  nicht  erkennen,  da  die  Umgebung  ein  Kultur- 
land ohne  Gesteinsaufschlüsse  ist. 

Die  Quelle  des  Stobrec  potok  entspringt  am  Ausgange  der 
F'elsschlucht  Studenica,  welche  in  die  untere  Gebirgsstufe  der  Süd- 
westseite des  Mosor  eingeschnitten  ist.  Das  Gerüste  dieser  Stufe 
besteht  aus  zwei  eng  aneinander  gepreßten  Faltensätteln  aus  Fora- 
miniferenkalk,  deren  Kernschichten  durch  die  Schlucht  entblößt  sind.  Die 
Quelle  tritt  aus  den  diese  steile  Doppelfalte  umhüllenden  mergeligen 
Plattenkalken  auf  der  Südwestseite  des  meerwärts  gelegenen  Falten- 
zuges hervor.  Der  Stobrecbach  durchquert  dann  den  sich  anschließenden 
Muldeukern  von  Flysch  und  hierauf  noch  die  beiden  Vorfalten  des 
Mosor  nebst  der  zwischen  ihnen  liegenden  Mulde,  und  zwar  kurz 
bevor  ihre  Kernschichten  in  der  Flyschumhüllung  untertauchen.  Die 
Quelle  des  Stobrec  könnte  so  trotz  ihrer  Küstennähe  noch  weniger 
als  der  Jadro  mit  Küstenquellen  im  strengen  Sinne  des  Wortes  in 
Vergleich  gebracht  werden.  Sie  stellt  den  Ausbruchsort  von  durch 
eine  undurchlässige  Gesteinsvorlage  gestautem  Kluftwasser  dar. 

Im  Gegensatze  zum  Jadro  erfährt  der  Stobrecbach  bei  Schwan- 
kungen  des  Wasserstandes   größere  Verschiebungen   seiner  Austritts- 


240  ^^-  ^"^^  "•  ferner.  [96] 

stelle.  Im  Winter  und  Frühlinge  bricht  ein  wildschäumendes  Gewässer 
im  äußeren  Schluchtteiie  hervor,  zur  Sommerszeit  sieht  man  dort  ein 
Haufwerk  von  mit  verdorrten  Moosrasen  und  vertrocknetem  Schlamme 
überzogenen  Blöcken  und  quillt  das  Wasser  weiter  draußen  an  ver- 
schiedenen Stellen  des  mit  Trümmerwerk  übersäten  Bachbettes  hervor. 
Der  Stobrec  potok  findet  so  betreifs  des  Formwechsels  seines  Austrittes 
unter  den  Cetinaquellen  im  Kozinac  ein  Analogon,  während  der  Jadro 
in  dieser  Hinsicht  mit  dem  großen  Rumin  und  dem  östlichen  Ruda- 
bache  zu  vergleichen  wäre.  Die  Temperatur  der  Stobrecquelle  war 
bei  einer  am  4.  Oktober  1903  vorgenommenen  Messung  an  verschiedenen 
Stellen  12-80  bis  12  84,  sie  war  um  0-4  niedriger  als  die  einen  Tag 
früher  am  Ursprünge  des  Jadro  beobachtete  Wasserwärme. 

Das  Wurzelgebiet  der  Stobrecquelle  würde  sich,  falls  die  auf 
der  mittleren  Mosorterrasse  aufgeschlossenen  Dolomite  in  der  Tiefe 
eine  undurchlässige  Scheidewand  bilden,  auf  die  untere  Gebirgsterrasse 
beschränken  und  so  dem  möglichen  Sammelgebiete  des  Jadro  an  Größe 
sehr  bedeutend  nachstehen.  Der  Unterschied  in  der  mittleren  Wasser- 
führung beider  Flüßchen  scheint  aber  keine  so  bedeutende  Größen- 
verschiedenheit der  Einzugsfiächen  zu  begründen.  In  dem  Maße,  in 
welchem  die  besagten  Dolomite  die  Wasserführung  in  der  Tiefe 
erschweren,  erscheint  auch  die  Möglichkeit  einer  Verbindung  des 
Stobrec  mit  der  Cetina  eingeschränkt.  Bei  der  Vornahme  von  Versuchen, 
welche  eine  Beantwortung  der  Frage,  ob  Cetinawasser  zum  Jadro 
gelange,  bezweckten,  wäre  es  jedenfalls  am  Platze,  die  entsprechende 
Fragestellung   auch    auf   die    Quelle    des  Stobrecbaches   auszudehnen. 

Die  tiefe  Schlucht  der  Studenica  setzt  sich  bergaufwärts  in 
einen  seichten  Graben  fort,  der  das  Gehänge  zwischen  der  unteren 
und  mittleren  Mosorstufe  quert  und  sich  dann  wieder  schluchtartig 
verengend  in  das  Hochtal  von  Zagradje  hinaufführt.  Dieses  Längstal 
kommt  dadurch  zustande,  daß  der  bergwärts  liegende  Teil  der  mitt- 
leren Gebirgsterrasse  stärker  absinkt,  ihr  freier  Rand  aber  nur  eine 
geringe  Höhenabnahme  erfährt.  Es  entspricht  nebst  den  ihm  ostwärts 
folgenden,  höher  gelegenen  Terrassenteilen  einer  Bloßlegung  von 
obercenomanen  Dolomiten  im  Rudistenkalke.  Die  Lagerung  der  Dolomite 
im  Hochtale  von  Zagradje  ist  eine  muldenförmige.  Die  linke  Talseite 
entspricht  dem  sanft  verflachenden  NordostHügel  eines  Dolomitgewölbes, 
dessen  Scheitelregion  und  steil  abfallender  Südwestflügel  vom  Rudisten- 
kalke des  Terrassenabfalles  überlagert  ist.  Auf  der  rechtsseitigen 
Talflanke  stoßen  aber  die  sanft  talwärts  fallenden  Dolomite  an  sehr 
steil  zur  Tiefe  gehenden  Rudistenkalken  ab.  Der  Abschluß  des  Hoch- 
tales gegen  Osten  wird  durch  Schließung  der  Schichtmulde  hergestellt. 

In  dieser  Gegend  finden  sich  mehrere  Quellen.  Der  das  Tal 
durchziehende  Potok  ist  der  Abfluß  einer  Quelle,  welche  nahe  dem 
Ostende  der  Talsohle  entspringt.  Diese  Quelle,  Vrutak  oder  Vrutka 
genannt,  entsteht  aus  jenen  Regenwassern,  welche  auf  die  wahrscheinlich 
hemizentroklinal  gelagerten  Dolomite  des  Talschlusses  fallen.  Ein  Teil 
dieser  Wässer  tritt  schon  in  den  Wurzelgräben  des  Zagradjetales 
aus,  um  bald  wieder  zu  versiegen  und  dann  noch  ein  zweitesmal  an 
der  Speisung  einer  Quelle  teilzunehmen.  Das  Wasser  kommt  hieran  der 
Grenzfuge  zweier  flachgelagerter  Dolomitbänke  hervor  und  füllt  dann 


[97  I  Quellengeologie  von  Mittoldalmatien.  241 

ein  von  Binsen  umstandenes  seichtes  Becken.  Weiter  abwärts  sind 
dann  unter  mittleren  Verhältnissen  noch  einige  Tümpelchen  im  Rinn- 
sale vorhanden.  Im  Spätsommer  versiegt  die  Vriitakquelle  ganz,  nach 
heftigen  Regengüssen  ist  sie  wasserreich  und  ist  das  Hochtal  von 
Zagradje  von  einem  Bächiein  durchrauscht. 

Beim  Anstiege  durch  das  Felsgeklüft  im  rechtsseitigen  Wurzel- 
graben des  Tales  kommt  man  bald  zu  einer  Stelle,  wo  unter  Dolomit- 
felsen ein  kleines,  von  nassen  Moospolstern  umgebenes  Wasserbecken 
liegt.  Diese  Stelle  war  die  einzige  im  Talbereiche,  wo  ich  zu  Ende 
der  sommerlichen  Trockenzeit  noch  Wasser  traf.  Etwas  weiter  oben 
befindet  sich  eine  überhängende  Felswand,  in  welcher  zwei  tiefe 
glattwandige  Nischen  ausgewaschen  sind.  Eine  derselben  setzt  sich  in 
einen  kleinen  runden  Felskanal  fort,  aus  welchem  nach  heftigen 
Regengüssen  ein  mächtiger  Wasserstrahl  hervorschießt.  Auch  von  den 
Wänden  der  anderen  Nische,  deren  Boden  mit  Wasserpflanzen  über- 
wuchert ist,  tropft  und  rieselt  dann  viel  Wasser  ab.  Noch  etwas 
weiter  oben  sah  ich  nach  einem  starken  Gußregen  links  von  einer 
natürlichen  Felsbrücke  auch  eine  starke  Quelle  hervorbreclien.  Endlich 
sind  noch  zwei  Austrittsstellen  von  Wasser  zu  erwähnen,  welche 
sich  in  der  Nähe  der  sagenhaften  alten  Goldmine  befinden,  die  am 
Westhange  des  das  Tälchen  von  Zagradje  von  der  Ljubacmulde 
trennenden  Felsriegels  liegt. 

In  dem  erwähnten,  auch  bei  einem  Besuche  im  Spätsommer 
noch  nicht  ausgetrockneten  Becken  maß  ich  damals  eine  Wasser- 
temperatur von  14-050,  ein  Jahr  früher,  zur  selben  Jahreszeit,  nach 
einem  heftigen  Regen  14*200.  Von  den  anderen  Quellen  im  Hinter- 
grunde des  Zagradjetales  zeigten  damals  (1"\  Oktober  1902)  die  Quelle 
bei  der  sagenhaften  Goldmine  13"52o,  jene  bei  der  natürlichen  Fels- 
brücke 13-44''  und  die  aus  einem  Felsloche  kommende  13*08o.  Die 
Quelle  Vrutak  hatte  15-680  und  verriet  so  eine  sehr  oberflächliche 
Lage  ihres  Sammelgebietes. 

Das  Tal  des  Brisine  potok,  des  kleineren  der  zwei  linken 
Zuflüsse  des  Stobrecbaches,  folgt  unterhalb  der  Vereinigung  seiner 
Wurzelgräben  einem  von  schwach  tonigen  Plattenkalken  umgebenen 
Aufbruche  von  mitteleocänem  Foraminiferenkalk.  Jene  Gräben  sind 
in  die  rechte  Talseite  eingeschnitten  und  legen  hier  einen  von  Platten- 
kalken umhüllten  Faltenkern  von  Kalkkonglomeraten  bloß.  Der  größte 
dieser  Einschnitte,  die  Schlucht  von  Dracevice,  reicht  mit  ihren 
Verzweigungen  bis  zur  unteren  Gebirgsstufe  hinauf  und  dient  zur 
Abfuhr  von  sich  dort  auf  Flyschboden  sammelnden  Wässern.  Die 
untersten  Abschnitte  der  genannten  Gräben  und  der  Hintergrund  des 
Brisinetales  kommen  in  jene  Flyschzone  zu  liegen,  welche  den 
Muldenkern  zwischen  den  vorerwähnten  Faltenzügen  bildet.  In  dieser 
Zone  verzeichnet  die  Spezialkarte  bei  den  Hütten  von  Visak  eine 
Quelle.  Im  übrigen  ist  das  Tal  von  Brisine  arm  an  Quellen. 

Auch  der  enge  untere  Teil  des  Zernovnicatales  enthält  keine 
nennenswerten  Quellen.  Die  Flankenteile  der  dem  Talzuge  ent- 
sprechenden Schichtmulde  bauen  sich  aus  Platteukalken  und  Kalk- 
breccien  auf  und  der  aus  Flyschschichten  bestehende  Muldenkern  bildet 
ein  nur  schmales,  dem  rechten  Flußufer  folgendes  Geländeband.  Erst 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  ReichsanstaU,  1916,   66.  Band,  -i.  Heft.  (F.  v.  Keiner.)       32 


242  ^'■-  ^"^2  ^'  Kerner.  [98] 

im  oberen  Talabschnitte,  wo  durch  ein  Zurückweichen  der  Küstenfalte 
zur  Linken  und  ein  Untertauchen  des  Faltenzuges  zur  Rechten  das 
Flyschgebiet  an  Ausdehnung  gewinnt  und  eine  Verbreiterung  des 
Tales  Platz  greift,  sind  wieder  viele  Quellen  zu  treffen.  Mehrere 
derselben  entspringen  unterhalb  des  Dorfes  Srinjine  auf  der  rechten 
Seite  des  Tales.  Einige  hundert  Schritte  nordwestlich  vom  Pfarrhause 
kommt  aus  einer  Ummauerung  ein  kleiner  klarer  Quellbach  hervor. 
Das  sehr  sanft  gegen  S  geneigte  umgebende  Gelände  besteht  aus 
mäßig  steil  gegen  ONO  einfallenden  Flyschschichten.  Gleich  neben  dem 
Pfarrhause  bricht  eine  gleichfalls  schöne  und  reiche  Quelle  unter 
ganz  ähnlichen  Verhältnissen  wie  die  vorige  auf.  Ihre  Temperatur 
war  bei  einer  in  der  ersten  Oktoberhälfte  vorgenommenen  Messung 
14-80°,  während  die  vorher  genannte  15-220  zeigte.  Etwas  weiter 
südostwärts  befindet  sich  nahe  dem  Nordwestfuße  des  Hügels  Kravar 
die  Quelle  Brisnik.  Eine  andere  Quelle  entspringt  vor  dem  Süd- 
westfuße dieses  Hügels  am  rechten  Ufer  des  Veliki  potok. 

Einige  Quellen  treten  in  den  oberen  Teilen  des  rechtsseitigen 
Talgehänges  aus.  Es  streicht  dort  jene  früher  erwähnte  Falte  gegen 
SO  weiter,  welche  von  den  Wurzelgräben  des  Brisinetales  durchquert 
wird.  Die  Quelle  Rudina  entspringt  in  dem  schmalen  Streifen  von 
Flyschschichten,  welcher  zwischen  die  Plattenkalke  des  Nordostflügels 
jener  Falte  und  das  Konglomeratgewölbe  der  Vorkette  des  Ostmosor 
eingeklemmt  ist.  Man  sieht  hier  unter  einem  efeuumrankten  Eichen- 
baume ein  von  Brombeerhecken  umwuchertes,  roh  ummauertes  Quell- 
becken voll  Algen  und  höheren  Wasserpflanzen.  Vom  Becken  zieht 
sich  ein  Rinnsal  eine  Strecke  weit  am  Abhänge  hinab.  Die  Lagerungs- 
verhältnisse am  Quellenorte  sind  nicht  zu  erkennen,  da  das  umgebende 
Gelände  mit  Rasen  bedeckt  ist.  Eine  andere  Quelle  tritt  in  derselben 
schmalen  Flyschzone  südostwärts  von  der  vorigen,  unterhalb  des 
Sattels  von  Brnic  aus,  welcher  in  die  Vorkette  des  Mosor  eingesenkt 
ist.  Sie  ist  in  ein  überdachtes  und  ummauertes  Becken  gefaßt.  Die 
Quelle  Rastita  voda  entspringt  dagegen  nahe  unterhalb  der  Grenze 
der  Plattenkalke  gegen  den  Flysch  im  saiger  stehenden  Südwestflügel 
der  genannten  Falte.  Gleich  oberhalb  der  Quelle  zieht  eine  Konglomer- 
atbank durch.  Auch  diese  Quelle  ist  in  einem  über-  und  ummauerten 
Becken  eingeschlossen.  In  ihrer  Umgebung  und  zu  beiden  Seiten  ihres 
Abflusses  steht  eine  Anzahl  hoher  Pappelbäume. 

In  den  Flyschschichten,  unter  welche  nach  dem  Auskeilen  des 
konglomeratischen  Faltenkernes  südöstlich  von  der  Quelle  Rastita 
auch  die  Plattenkalke  hinabtauchen,  tritt  an  mehreren  Stellen  Quell- 
wasser zutage.  Bei  dem  Kirchlein  Sv.  Kata  kommt  eine  Quelle  unter 
großen;  von  der  Vorkette  des  Mosor  abgestürzten  Kalkblöcken  aus 
steil  gestelltem  Flysch  hervor.  Ein  kleines  Quellbecken,  Vrelo 
Golubanac,  liegt  etwas  weiter  unten  am  Gehänge.  Am  Wege,  der 
von  Sv.  Kata  gegen  SO  hinabzieht,  befindet  sich  ein  Brünnlein,  das 
—  ausgenommen  die  sommerliche  Trockenzeit  —  ziemlich  reich  zu 
fließen  scheint.  Das  Wasser  kommt  auch  hier  aus  steil  gegen  NNO 
einfallenden  bis  saiger  stehenden  Flyschschichten  und  hat  eine 
steinerne  Auslaufrinne.  Alle  diese  Quellen  dürften  durch  Wasserstau 
in    klüftigen    Sandsteinzonen    zwisclien    undurchlässigen    Mergellagen 


[99]  Quelleugeologie  von  Mitteldalmatien.  243 

bedingt  sein.  Die  bei  dem  Qiiellchen  von  Sv.  Kata  und  bei  dem 
erwähnten  Brünnlein  im  Herbste  gefundenen  Temperaturen  von  14-62*' 
und  15*06<^  ersclieinen  für  diese  Jahreszeit  und  in  Anbetracht  der 
südwestlichen  Lage  auch  für  Stauquellen  nicht  zu  hoch ;  die  aller- 
dings sehr  hohen  Temperaturen ,  welche  sich  bei  den  Quellen 
Rudina,  Rastita  voda  und  Golubanac  ergaben ,  nämlich  16-30°, 
16-760  und  16-20°,  sind  dadurch  erklärlich,  daß  es  sich  hier  um 
Messungen  in  Quellbecken  mit  nur  sehr  langsamer  Wassererneue- 
rung handelte. 

Zur  Linken  nimmt  das  Tal  der  Zernovnica  in  seinem  obersten 
Teile  drei  kleine  Gräben  auf,  welche  in  die  Flyschvorlage  der  Land- 
seite des  Poljicakammes  eingetieft  sind.  Alle  drei  erfahren,  ehe  sie 
die  Zone  von  grobem  Konglomerat  im  Liegenden  des  Flysch  erreichen, 
eine  Gabelung  und  es  entspringen  dort  kleine  Quellen.  Aus  dem 
untersten  Graben,  welcher  gegenüber  dem  Kravar  oberhalb  Srinjine 
mündet,  kommt  ein  breites  Schotterbett ;  die  von  dünnen  Sandstein- 
lagen durchzogenen  Mergel  verflachen  dort  30°  ONO.  Im  mittleren 
Graben  trifft  man  zumeist  Flyschsandsteine  mit  wechselnd  steilem 
nördlichem  Fallen.  Bei  den  Quellchen  im  Talgrunde  sind  auch  Flysch- 
mergel  aufgeschlossen.  Die  im  Fond  des  dritten  Grabens  nahe  unter- 
halb des  Dörfchens  Tugari  entspringende  Quelle  kommt  aus  sehr  steil 
gegen  NNO  geneigten  Sandsteinbänken.  Sie  ist  gegen  N  exponiert 
und  zeigte  bei  einer  Messung  im  Oktober,  als  das  Quellbecken  noch 
einen  schwachen  Abfluß  hatte,  14  84°.  Man  hat  es  hier  und  in  den 
anderen  beiden  Gräben  wohl  auch  mit  Stauquellen  zu  tun. 

Der  Brisine  potok  zählt  zufolge  der  bereits  erwähnten  Armut 
seines  Einzugsgebietes  an  bemerkenswerten  Quellen  zu  den  einen 
großen  Teil  des  Jahres  trocken  liegenden  Rinnsalen.  Die  Zernovnica 
ist  als  Abzugsrinne  eines  ziemlich  quellenreichen  Flyschgebietes 
länger  wasserführend  ;  in  trockenen  Zeiten  kann  der  Stobrec  potok 
aber  auch  von  ihrer  Seite  auf  keine  Wasserzufuhr  rechnen  und  wird 
dann  ganz  durch  die  von  seiner  eigenen  Quelle  noch  gelieferte 
Wassermenge  gespeist.  Auf  der  Strecke  zwischen  dem  Durchbruche 
durch  den  Kamm  der  Sridivica  und  der  Einmündung  der  Zernovnica 
schäumt  der  Stobrecbach  durch  ein  in  Kalktuif eisen  eingeschnittenes 
enges  und  tiefes  Bett.  Der  Bach  hat  hier  wohl  ehe  die  Durchsägung 
des  Sridivicakammes  erreicht  war,  einen  Wasserfall  gebildet.  Nach 
dem  Durchbruche  durch  die  Küstenkette,  nicht  weit  unterhalb  der 
Einmündung  der  Zernovnica,  tritt  der  Stobrecbach  in  eine  von  seinen 
Aufschüttungen  gebildete  kleine  Ebene  ein.  Er  tritt  hier  noch  in 
Wechselbeziehung  zu  Grundwasser  und  mündet  dann  im  Fond  der 
halbkreisförmigen  Bucht  von  Stobrec,  welche  am  Zusammentritte  der 
dinarisch  streichenden  Küste  der  Poljica  mit  der  Südküste  der 
Spalatiner  Halbinsel  eingreift.  Von  den  beiden  Hauptrinnsalen,  welche 
diese  Halbinsel  gegen  Ost  entwässern,  fließt  der  Torrente  Trstenik 
noch  dem  Stobreö  potok  zu,  während  sich  der  Torrente  ispod  kita 
schon  in  die  genannte  Bucht  ergießt. 


32« 


244  ^^^-  F"^z  '''■  Kerner.  [lOO"] 

Die  Quellen  des  untersten  Cetinatales. 

Die  Cetina  biegt  bei  ihrem  Durchbruche  durch  das  Küstenland 
zwischen  den  Spaltentälern  und  der  Küstenzone  so  weit  gegen  Osten 
aus,  daß  ihr  daselbst  in  dieser  mehrfach  über  die  Kartenränder 
hinausgreifenden  krenologischen  Beschreibung  des  Spalatiner  Blattes 
nicht  mehr  gefolgt  sei.  Auch  der  größte  Teil  ihres  wieder  mehr  gegen 
West  sich  wendenden  Unterlaufes  liegt  wie  der  obere  Teil  ihres 
Oberlaufes  zu  weit  außerhalb  der  Grenzen  des  genannten  Blattes,  als 
daß  sich  seine  Einbeziehung  durch  die  Gründe  der  bisher  verfügten 
Grenzüberschreitungen  rechtfertigen  ließe.  Nur  des  Uebertrittes  der 
Cetina  aus  dem  Karstland  in  das  Flyschgebiet  sei  ob  seines  besonderen 
hydrologischen  Interesses  kurz  gedacht.  Die  Cetina  bildet  dort  den 
hohen  Wasserfall  der  Gubavica  und  das  letzte  Stück  ihres  Laufes 
vor  diesem  tiefen  Sturze  stellt  eine  Flußstrecke  dar,  die  im  Lichte 
der  Grund'schen  Hypothese  betrachtet,  hoch  über  dem  supponierten 
Karstwasserspiegel  fließt,  da  dieser  keine  so  plötzliche  Senkung  wie 
der  Flußspiegel  erfahren  kann.  Es  ist  anzunehmen,  daß 'die  Cetina 
schon  flußaufwärts  von  ihrem  großen  Falle  Wasser  in  die  Tiefe 
verliert;  man  darf  aber  auch  vermuten,  daß  ihr  Bett  einigermaßen 
abgedichtet  ist,  da  sie  in  ihrem  Oberlaufe  auch  lehmige  Verwitterungs- 
produkte zugeführt  erhält,  die  bei  der  Feinheit  ihres  Kornes  wohl 
einer  teilweisen  Verfrachtung  bis  an  das  Ende  des  Flußmittellaufes 
fähig  sind. 

Die  Mündungsregion  der  Cetina  kann  wieder  insofern  in  dieser 
Abhandlung  noch  einbezogen  werden,  als  wenigstens  der  Oberlauf 
eines  der  beiden  Bäche,  welche  die  Cetina  noch  kurz  vor  ihrer 
Mündung  rechts  aufnimmt,  in  den  Bereich  des  Spalatiuer  Blattes 
fällt.  Es  ist  dies  der  Smovo  potok,  welcher  das  Längstal  zwischen  dem 
Ostmosor  und  dessen  südwestlicher  Vorkette  durchfließt.  Als  zur 
Wurzelregion  dieses  Talzuges  gehörig  ist  auch  noch  die  Osthälfte  der 
dolomitischen  Gebirgsstufe  des  Mittelmosor  anzusehen,  in  deren 
Westhälfte  das  früher  genannte  Hochtal  von  Zagradje  eingetieft  ist. 
Jenseits  des  Riegels,  welcher  dieses  Tal  abschließt,  folgen  zwei 
gleichfalls  durch  einen  kleinen  Querrücken  getrennte,  gegen  Süd  sich 
öffnende  Hochmulden.  Auf  der  Westseite  der  ersteren  Mulde  finden 
sich  zahlreiche  Stellen,  wo  nach  reichlichen  Niederschlägen  Wasser 
austritt,  das  durch  die  Verwitterungsschichten  des  cenomanen  Dolo- 
mites bis  zu  dessen  frischen  Gesteinslagen  einzudringen  vermochte. 
Zwei  solcher  Stellen  trifft  man  in  dem  mittleren  Teile  des  westlichen 
Muldenhanges.  P]in  Quellchen  liegt  am  oberen  Rande  des  Gewirres 
von  bizarren  Felsklippen,  welches  sich  am  Ostfuße  dieses  Hanges 
ausbreitet.  Zwei  andere  Stellen,  wo  nach  vorausgegangenen  Regen- 
tagen Wasser  hervorsprudelt,  sind  nordwärts  vom  eben  genannten 
Klippengewirre  nahe  dem  Muldenboden  gelegen.  Zwei  weitere  Quell- 
chen zeigen  sich  höher  oben  am  Nordwestabhang  der  Mulde. 

Auf  der  Nordseite  derselben  befinden  sich  an  der  Grenze  des 
Dolomites  gegen  den  Kalk  zwei  Quellen,  welche  im  Gegensatze  zu 
den  vorgenannten  auch  nach  längerer  regenfreier  Zeit  noch  fließen. 
Die  Quelle   Novak   ist   ein   tiefes,    künstlich   erweitertes  Quellbecken 


[101]  Qiiellengfiologio  von  Mitteldalmatien.  245 

von  etwa  1  m  im  Gevierte.  In  der  nassen  Jahreszeit  ist  dasselbe  mit 
klarem  Wasser  ganz  gefüllt  und  letzteres  fließt  am  P>eckenrande  über. 
In  der  Trockenzeit  liegt  der  Wasserspiegel  in  dem  Becken  merklich 
tiefer  und  es  spielt  dann  bei  dem  Verharren  desselben  in  gleicher 
Höhe  wohl  auch  die  Verdunstung  eine  Rolle.  Die  Quelle  Ljubac  ist 
die  schönste  und  interessanteste  der  ganzen  Dolomitregion.  Sie  ist 
zugleich  —  abgesehen  von  der  den  Namen  Quelle  nicht  ganz  ver- 
dienenden Quelle  Traposnik  im  Ostmosor  —  die  liöchstgelegene 
Quelle  der  ganzen  Mosor  planina.  (Nahe  bei  900  m.) 

Die  Quelle  Ljubac  zeigt  ein  tiefes  längliches  Quellbecken, 
welches  nach  rückwä-rts  in  eine  Felsnische  eingreift  und  nach  vorn 
zu  durch  eine  schmale  Barre  abgeschlossen  wird.  Unter  dieser  befindet 
sich  ein  kleines  Becken,  in  welches  das  Wasser  des  vorhergenannten 
durch  eine  in  der  schmalen  Barre  eingetiefte  enge  Spalte,  bei  großer 
Wasserfülle  wohl  auch  über  die  Barre  einfließt.  Von  diesem  kleinen 
Becken  gelangt  das  Wasser  durch  einen  kurzen  offenen  Kanal  in 
eine  ovale  Wanne.  Letztere  entleert  sich  durch  einen  an  ihrer  vorderen 
Schmalseite  befindlichen  Einschnitt  in  eine  breite  tiefe  Rinne;  bei 
hohem  Wasserstande  fließt  das  Wasser  auch  über  die  rechte  Längsseite 
der  Felswanne  in  eine  sehr  flache  Rinne  ab. 

Die  Quelle  Ljubac  ist  die  einzige  dauernd  fließende  in  der 
Dolomitregion  des  Mosor.  Allerdings  schrumpft  auch  bei  ihr  die 
Wasserführung  zu  Ende  der  Sommerszeit  auf  ein  bescheidenes  Maß 
zusammen.  Noch  im  Frühsommer  sah  ich  hier  das  Wasser  mächtig 
aus  dem  Felsen  sprudeln ;  im  Herbste  rieselte  nur  ein  schwaches 
Wässerchen  hervor.  Die  einfachste  Erklärung  des  Auftretens  der  eben 
beschriebenen  Quellen  bestünde  darin,  daß  sie  Verbindungen  von 
Ueberfall-  und  absteigenden  Schichtquellen  darstellen,  daß  sie  durch 
Wassermengen  gespeist  seien,  welche  sich  auf  der  dolomitischen 
Unterlage  der  Kalke  der  oberen  Mosorstufe  sammeln  und  über  die 
stark  geneigte  Basis  der  Kalke  am  Steilabfalle  unterhalb  dieser 
Gebirgsstufe  abfließen.  Es  ist  nicht  daran  zu  zweifeln,  daß  die  Ober- 
fläche des  Dolomites,  welcher  die  flach  wellig  gelagerten  Kalke  der 
oberen  Mosorstufe  unterteuft,  selbst  sehr  uneben  ist  und  einzelne 
Mulden  aufweist,  welche  zu  größeren  Ansammlungen  von  Wasser  im 
Geklüft  der  diese  Mulden  ausfüllenden  Kalke  Anlaß  geben  können. 
An  den  tiefsten  Stellen  der  Umrandung  dieser  Mulden  wird  dann 
das  Wasser  überfließen,  um  in  der  mittleren  Gebirgsstufe  an  der 
Grenze  des  Kalkes  gegen  den  Dolomit  zutage  zu  treten.  Diese  Er- 
klärung setzt  voraus,  daß  in  der  Gegend  der  in  Rede  stehenden 
Quellen  die  Berührungslinie  der  eben  genannten  beiden  Gesteine 
einer  Schichtgrenze  entspricht.  Zu  dieser  Auffassung  wird  man  beim 
Anblicke  jener  Gegend  auch  geneigt  sein.  Bei  der  Quelle  Novak 
kommt  nun  aber  das  Wasser  anscheinend  von  unten  herauf  und  beim 
Ljubac  scheint  es  sich  ebenso  zu  verhalten.  Man  kann  darum  doch 
nicht  annehmen,  daß  die  beiden  Quellen  unmittelbar  an  einer  steil 
abfallenden  Schichtgrenze  zutage  treten.  Man  möchte  vielmehr  zu  der 
Ansicht  neigen,  daß  hier  die  Grenze  zwischen  Kalk  und  Dolomit  doch 
einer  steilen  Verwerfung  von  allerdings  vielleicht  nur  mäßiger  Sprung- 
höhe entspricht    und    daß  das  aus  der  Höhe  herabkommende  Wasser 


246  ^'^'  ^'''*'-  ^-  Kerner.  [102] 

an  der  uiidurcliliissigen  Wand  des  Hangendflügels  der  Verwerfung 
aufgestaut  wird.  Die  Orte  des  Wasseraustrittes  entsprächen  dann  den 
tiefsten  Punkten  der  Schnittlinie  der  Verwerfungsfläche  mit  dem 
Abhänge  oder  solchen  Stellen,  wo  die  Verwerfung  durch  einen  kleinen 
Querbruch  abgeschnitten  wird 

Die  Wassertemperaturen,  welche  ich  um  Mitte  Oktober  1902 
in  der  Hochmulde  östlich  vom  Zagradjetale  abgelesen  habe,  sprachen 
sehr  zugunsten  der  aus  dem  geognostischen  Befunde  gefolgerten 
Entstehungsart  der  dort  getroffenen  Quellen,  nur  betreffs  der  Novak- 
quelle  ergab  sich  keine  klare  Relation.  Von  den  Wasseraustritten 
innerhalb  des  Dolomitgebietes  zeigten  jene  am  Nordwesthange  der 
Mulde  14-620  uj^^  i5-280,  jene  am  Westhange  IS-OS»  und  16-38o, 
die  beiden  Quellchen  nordwärts  vom  erwähnten  Klippengewirre 
14'50o  und  14-60o  und  das  Quellchen  oberhalb  jener  Klippen  14  82^.  Der 
Ljubac  hatte  dagegen  nur  10*56o,  die  Quelle  Novak  aber  14"20o. 
Die  großen  Wärmeunterschiede  der  Quellen  im  Dolomite  wiesen  auf 
sehr  ungleich  tiefes  Eindringen  und  auf  verschieden  lange  Bewegung 
des  Wassers  im  verwitterten  Dolomite  hin ;  die  vergleichsweise 
niedrige  Temperatur  des  Ljubac  sprach  für  ein  tief  im  Gestein 
gelegenes  Sammelgebiet  des  Wassers.  Die  relativ  hohe  Wärme,  welche 
die  Novakquelle  zeigte,  schien  aber  mit  der  Annahme  einer  ähnlichen 
Entstehungsweise  wie  jener  des  Ljubac  insofern  vereinbar,  als  die 
morphologischen  Verhältnisse  der  Novakquelle  ein  Zufließen  von 
Regenwasser  möglich  erscheinen  lassen,  was  in  Dalmatien  um  die 
Herbstmitte  noch  zur  Erhöhung  der  Temperatur  eines  Quellbeckens 
führen  mag.  Bei  meinem  Besuche  der  Dolomitregion  des  Mosor  kurz  vor 
dem  Ende  der  langen  sommerlichen  Trockenzeit  des  Jahres  1903 
war  bei  der  Novakquelle  eine  Temperatur  von  1560,  bei  der  Ljubac- 
quelle  eine  solche  von  12-460  anzutreffen.  Diesmal  war  die  viel 
höhere  Temperatur  der  ersteren  Quelle  wohl  dadurch  bedingt,  daß 
es  sich  nunmehr  um  stehendes,  nur  von  unten  her  sich  schwach 
erneuerndes  Wasser  bandelte,  während  die  Messung  des  Ljubac  auch 
diesmal  noch  bewegtes,  wenn  auch  nur  schwach  rieselndes  Wasser 
betraf.  Einen  Maßstab  dafür,  wie  sich  stehendes  Wasser  in  besonnten 
Becken  im  Sommer  trotz  der  stärkeren  Verdunstung  noch  erwärmen 
mag,  bot  der  Umstand,  daß  das  mittlere  Becken  des  Ljubac  schon 
um  0  440,  das  untere  um  0-92°  wärmer  war  als  das  obere,  obwohl 
hier  noch  eine  merkliche  Wassererneuerung  stattfand. 

Der  östlich  von  der  jetzt  beschriebenen  Quellenmulde  gelegene 
Muldenboden  ist  gleichfalls  der  Sammelort  von  Wässern,  welche  in 
die  ihn  umgebenden  Dolomitgehänge  oberflächlich  eindringen.  Nach 
dem  erwähnten  Regen  brach  hier  außer  vielen  kleineren  Wasseradern 
an  einer  Stelle  ein  mächtiger  Quell  hervor.  Zu  Ende  der  sommer- 
lichen Dürreperiode  war  diese  zweite  Mulde  gänzlich  wasserlos  und 
nur  eine  große  Zahl  von  ausgetrockneten  Schlammstreifen  auf  den 
Dolomitfelsflächen  sichtbar. 

Der  Smovobach  entwickelt  sich  tief  unterhalb  dieses  Mulden- 
bodens auf  der  unteren  Terrasse  des  Mittelmosor,  deren  Rand  sich 
in  jener  Gegend  zu  einer  Vorkette  des  Gebirges  aufwölbt.  Diese  Kette 
entspricht  einem  Faltenzuge   aus  Kalkkonglomerat;   der  in    der  süd- 


[103]  Qiielleugeologie  von  Mitteldalmatien.  247 

Östlichen  Fortsetzung  jener  Terrasse  liegende  Geländestreifen  baut 
sich  aus  einem  zum  Teile  doppelten  Gewölbe  von  Rudistenkalk  auf, 
das  sowohl  vom  Konglomeratzuge  als  auch  von  dem  Rudistenkalke 
der  Hauptkette  des  Ostmosor  durch  schmale  Flyschzonen  getrennt 
wird.  Der  Smovobach  folgt  der  südwestlichen  dieser  beiden  Zonen; 
der  nordöstlichen  entspricht  das  flache  Tal  von  Dubrava  und  weiter 
ostwärts  der  Taleinschnitt  von  Kocibue.  Die  auf  der  Spezialkarte 
angegebene  Quelle  bei  Sv.  Klement  oberhalb  Sitno  liegt  in  Mergel- 
boden wenige  Schritte  nordwärts  von  dem  Konglomeratfelsen,  auf 
welchem  das  Kirchlein  steht.  Das  schwach  getrübte  Wasser  des 
kleinen  Beckens  zeigte  im  Oktober  15-28°.  In  der  mit  Eluvien  be- 
deckten Flyschzone  von  Dubrava  verzeichnet  die  genannte  Karte 
dicht  bei  den  Hütten  des  Ortes  auch  zwei  kleine  Quellen.  Eine  dritte 
entspringt  oberhalb  des  Einganges  in  die  Schlucht  'von  San  Arnerio, 
welche  das  erwähnte  Kreidekalkgewölbe  quert  und  zur  Talfurche  des 
Smovo  potok  hinabzieht. 

Eine  kurze  Strecke  oberhalb  der  Stelle,  wo  die  Arnerioschlucht 
das  Smovotal  erreicht,  befindet  sich  am  Fuße  des  rechtsseitigen 
Gehänges  eine  Quelle.  Sie  kommt  aus  steil  gestelltem  Flyschsandstein 
hervor,  war  zur  Zeit  meines  nur  einmaligen  in  Herbste  erfolgten 
Besuches  jener  Gegend  versiegt  und  scheint  nicht  stark  zu  sein. 
Eine  andere  Quelle  entspringt  eine  Gehstunde  talauswärts  von  der 
vorigen  gleichfalls  am  Fuße  der  Südwesthänge  des  Tales.  Sie  liegt 
unterhalb  der  Kuppe  Sutina,  welche  sich  in  dem  das  Smovotal  zur 
Rechten  begleitenden  Konglomeratrücken  erhebt.  Diese  sehr  schöne 
Quelle  zeigte  die  auch  angesichts  der  nördlichen  Lage  relativ  niedrige 
Oktobertemperatur  von  12-86o.  Sie  dürfte  darum  wohl  in  tieferen 
Bodenschichten  wurzeln  als  die  früher  erwähnte  Quelle  bei  Tugari 
am  Nordfuße  des  Poljicakammes,  die  eine  um  zwei  Grade  höhere 
Wärme  aufwies.  Die  Flyschschichten  fallen  gleich  oberhalb  jener  kühlen 
Quelle  im  Smovotale  40°  NNO. 

In  dem  breiten  Flyschgelände  von  Gata,  welches  nach  dem 
Untertauchen  des  links  vom  Smovobache  hinstreichenden  Kreidesattels 
durch  Verschmelzung  der  jenen  Sattel  flankierenden  Flyschzonen  zu 
Stande  kommt,  entspringen  mehrere  Quellen.  Zwei  derselben  liegen 
gleich  jenseits  des  Querriegels,  welcher  die  Sohle  des  unteren  Smovo- 
tales  gegen  Ost  abschließt.  Ueber  ihre  Struktur  läßt  sich  nichts  näheres 
ermitteln,  da  sie  ganz  von  Ackerland  umgeben  sind.  Der  bei  einer 
Gruppe  von  Pappeln  austretende  Quell  zeigte  bei  einer  Messung  im 
April  12820,  im  Oktober  14-040.  d[q  andere  Quelle  hatte  13-10o  und 
14*98°.  Am  oberen  Rande  der  Flyschlehnen  von  Gata  und  dicht  am 
Fuße  der  Steilhänge  von  Rudistenkalk,  die  zum  Raseljkapasse  hinauf- 
führen, befindet  sich  in  einer  ummauerten  Höhlung  eine  Quelle,  die 
als  Ueberfallquelle  an  der  Oberkante  der  undurchlässigen  Vorlage 
des  Kalkgebirges  zu  deuten  ist.  Sie  wies  bei  einer  im  April  erfolgten 
Messung  eine  Temperatur  von  11 -250  auf. 

Hoch  oben  im  Gebirge,  westwärts  vom  Raseljkasattel,  welcher 
als  Ostgrenze  des  Mosorkammes  anzunehmen  ist,  befindet  sich  die 
Quelle  Traposnik.  Dem  östlichsten  Abschnitte  des  Mosorgrates  liegt 
im  Süden   ein  Felskamm   vor,   welcher  mit  jenem  Grate  durch  einen 


248  •*''•  F''*^^  "■'■  ferner.  [104J 

Querriegel  verbunden  ist.  In  der  östlich  von  diesem  Riegel  gelegenen, 
an  Höhlen  und  Trichtern  reichen  Hochmulde  trifft  man  sehr  viel 
Moosrasen  zwischen  den  Felsen,  ein  Zeichen  verminderter  Durch- 
lässigkeit des  Kalkterrains.  Anzeichen  einer  Dolomiteinlagerung  sind 
aber  nicht  vorhanden.  Am  wüsten  Felshang,  welcher  sich  von  dieser 
feuchten  Mulde  zum  Hauptkamme  hinaufzieht,  befindet  sich  die  Quelle 
Traposnik.  Sie  gehört  in  die  Gruppe  jener  schwachen  Auslaufe  von 
oberflächlich  eingedrungenen  Niederschlägen,  von  denen  mehrere 
schon  von  der  Nordfianke  des  Mosor  beschrieben  wurden.  Man  sieht 
in  einer  niedrigen  Höhlung  ein  paar  kleine  Wasserbecken,  die  sich 
in  schmale,  tief  eingeschnittene  Kinnen  fortsetzen  und  ein  Wasserbecken 
außerhalb  der  Höhlung.  In  der  Umgebung  dieser  Becken  gewahrt  man 
einige  mit  Schlammstreifen  überzogene  Felsflächen  und  eine  feuchte  Kluft. 
Zur  Zeit  meines  Besuches,  im  Frühlinge,  waren  die  kleinen  Becken 
mit  Wasser  erfüllt  und  die  Schlammstreifen  noch  naß.  Dagegen  war 
in  den  Abflußrinnen  der  Becken  kein  rieselndes  Wasser  zu  sehen 
und  nur  in  der  Höhlung  ein  Abtropfen  von  Wasser  hörbar.  Im  inneren 
Becken  hatte  das  Wasser  eine  Temperatur  von  6  12*^.  Die  Felsen 
unterhalb  der  wasserführenden  Höhlung  sind  stark  zerklüftet;  der 
Boden  der  kleinen  Becken  wird  durch  eine  nicht  zerklüftete  Bank 
eines  sehr  festen  Breccienkalkes  gebildet.  Handelt  es  sich  bei  der 
Quelle  Traposnik  auch  nur  um  eine  spärliche  Wasserführung,  so  ist 
es  doch  schon  merkwürdig  genug,  daß  in  so  großer  Nähe  der  Kamm- 
linie des  Mosor  überhaupt  noch  eine  Andeutung  von  Quellbildung 
angetroffen  werden  kann. 

Der  Smovo  potok,  in  seinem  unteren  Teile  auch  Velika  studena 
genannt,  durchbricht  nach  längerem  Laufe  im  Streichen  einer  eng  zusam- 
mengepreßten Flyschmulde  den  dieser  Mulde  meerwärts  folgenden  Sattel, 
und  zwar  zunächst  die  aus  Plattenkalk  und  Foraminiferenkalk  beste- 
henden Mantelschichten  desselben  in  schiefer  Richtung  und  dann  in 
einer  tief  eingeschnittenen  Querschlucht  den  konglomeratischen 
Faltenkern.  Die  Sohle  dieser  Schlucht  liegt  hoch  über  dem  Talboden 
der  Cetina,  so  daß  der  Smovobach  unter  Bildung  eines  Wasserfalles 
das  Cetinatal  erreicht.  Der  Umstand,  daß  das  Smovotal  einem  nur 
schmalen,  zwischen  Kalksätteln  eingeklemmten  Flyschzuge  folgt,  an 
dessen  Aufbau  Sandsteine  einen  großen  Anteil  nehmen,  bringt  es  mit 
sich,  daß  in  ihm  das  Quellenphänomen  nur  wenig  zur  Entfaltung 
kommt  und  auch  die  oberflächliche  Entwässerung  eine  ziemlich  spär- 
liche bleibt.  Der  Smovo  potok  zählt  so  zu  den  einen  großen  Teil 
des  Jahres   hindurch    trocken    liegenden    Rinnsalen    unseies  Gebietes. 

Dagegen  herrscht  im  Bilatale,  dem  vierten  der  Längstäler  auf  der 
Meerseite  des  Mosor,  ein  oberflächlicher  Abfluß  der  Niederschläge 
vor,  da  es  in  Flyschmergeln  ohne  größere  kalkige  P]inschaltungen,  die 
die  Quellbildung  fördern  würden,  liegt.  Dieses  Tal,  welches  den  süd- 
östlichen Teil  der  zwischen  den  Vorhöhen  des  Mosor  und  der  Küsten- 
kette gelegenen  Muldenzone  einnimmt,  liegt  schon  ganz  außerhalb  des 
Spalatiner  Blattes  und  sei  hier  nur  im  Anschlüsse  an  die  anderen 
Mosortäler  kurz  erwähnt.  Das  Bett  des  Bilabaches  entwickelt  sich 
südostwärts  von  der  Bodenschwelle  von  Tugari  aus  einer  Anzahl 
größerer  Wasserrisse  und  zwängt  sich  dann  durch  eine  enge,  zwischen 


[105]  Qiielleiigeologie  vou  Mitteldalmatieii.  249 

Kalkbreccien  und  Rudistenkalken  eingeschnittene  Schlucht  hindurch, 
um  die  Cetina  nahe  vor  ihrer  Mündung  zu  erreichen.  Zwischen  dem 
Smovo-  und  Bilabache  empfängt  die  Cetina  noch  ein  Rinnsal,  das  aus 
einem  kurzen,  aber  breiten  in  Flyschschichten  eingesenkten  Tälchen 
kommt.  Dicht  neben  der  am  Knie  der  Cetina  hinter  Almissa  statt- 
findenden Einmündung  des  Rinnsales  befindet  sich  eine  Quelle,  die 
—  schon  im  Meeresniveau  gelegen  —  bei  einer  Anordnung  der 
Quellen  am  Südostende  des  Mosor  nach  ihrer  Seehöhe  als  basales 
Endglied  in  Betracht  kommt.  Sie  zeigte  bei  einer  Messung  im  Früh- 
linge IS-IS^,  bei  einer  solchen  im  Herbste  14-40°. 


Hydrologische  Verhältnisse. 
Niederschläge. 

Durch  eine  längere  Reihe  von  Jahren  fortgesetzte  Beobachtungen 
der  täglichen  Niederschlagsmengen  liegen  nur  von  den  zwei  Hauptorten 
des  Gebietes,  Sinj  und  Spalato,  vor.  Von  Prüfungen  dieser  beiden 
Reihen  auf  ihre  Homogenität,  wie  sie  einer  hydrometeorologischen 
Untersuchung  vorauszugehen  hätten,  kann  hier  abgesehen  werden, 
wo  es  sich  nur  um  einen  flüchtigen  Hinweis  auf  die  Regenverhältnisse 
handelt.  In  Spalato  wurden  an  zwei  Orten  Messungen  vorgenommen 
und  so  —  wie  an  einigen  anderen  Orten  in  Dalmatien  —  die  stets 
erwünschte  Möglichkeit  verschafft,  die  Angaben  zweier  in  geringer 
Entfernung  aufgestellter  Ombrometer  zu  vergleichen.  Sonst  liegen 
noch  mehrjährige  Messungsreihen  von  Clissa  und  Muc  vor,  an  deren 
Erwähnung  noch  diejenige  der  Messungen  in  Vaganj  und  Prolog 
angeschlossen  werden  kann,  obwohl  letztere  beiden  Orte  schon  außer- 
halb unserer  Karte  liegen. 

Dieses  Beobachtungsmaterial  reicht  nur  dazu  aus,  über  die 
Regenmengen  im  großen  und  ganzen  und  über  die  Aeuderung  der 
jährlichen  Regenverteilung  von  der  Küste  gegen  das  Landinnere  hin 
ein  Bild  zu  bieten.  Zu  einem  näheren  Einblicke  in  die  vielgestaltigen, 
für  die  Quellenkunde  wichtigen  Beziehungen  zwischen  Niederschlag  und 
Bodenrelief  ist  es  ganz  unzureichend.  Um  einen  solchen  Einblick  zu 
gewinnen,  müßte  man  bei  der  Mannigfaltigkeit  der  Geländeformen 
unseres  Gebietes  über  ein  so  engmaschiges  Netz  von  Ombrometer- 
stationeu  verfügen,  wie  es  im  Rahmen  der  derzeitigen  Organisationen 
gar  nicht  Platz  finden  könnte  und  eine  besondere  Ausgestaltung  des 
Beobachtungsdienstes  erheischen  würde. 

Es  winkte  aber  einmal  die  Möglichkeit,  durch  Errichtung  einer 
Anzahl  von  Stationen  in  einem  kleinen  Gebietsteile  mit  der  genauen 
Ermittlung  der  genannten  Beziehungen  wenigstens  einen  schönen 
Anfang  zu  machen.  Es  handelte  sich  um  das  Gebiet  des  Mosor  und  es 
erschien  da  eine  solche  Stationswahl  passend,  daß  «ein  Regenprofil 
quer  durch  dieses  Gebirge  zu  erhalten  war.  Ich  schlug  folgende 
Stationen    als    Vertreter    nachstehender    orographischer    Lagen    vor: 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  ßeichsanstalt,  191H,  66.  Band,  2,  Heft.  (F.  v.  Keiner.;         33 


250  ^^-  ^"^^  ^-  Kerner.  [106] 

Krilo     Küste. 

Jezenice Küstenkette. 

Srinjine Tal  hinter  der  Küstenkette  und 

SW-Fuß  des  Hauptgebirges. 

Dubrava SW-Hang  des  Hauptgebirges. 

Ljuti  kamen    .  .  .  Hauptgebirgskaram. 

Dolac  dolnje    .  .  .  NO-Fuß  des  Hauptgebirges. 

Abgesehen  von  der  Gesamtreihe  versprachen  hier  auch  schon 
die  meisten  Kombinationen  je  zweier  Reihenglieder  zu  interessanten 
Vergleichen  Gelegenheit  zu  bieten.  Das  Hydrographische  Zentral- 
bureau war  in  der  liebenswürdigsten  Weise  bereit,  die  erforderlichen 
Ombrometer  beizustellen,  Anleitungen  zu  geben  und  die  Sache  unter 
seine  Obhut  zu  nehmen.  Was  den  Ljuti  kamen  anbelangt,  so  war 
gedacht,  diese  Station  allmonatlich  oder  wenigstens  jeden  zweiten 
Monat  abwechselnd  von  Dubrava  und  Dolac  aus  besuchen  zu  lassen, 
um  so  vierzehntägige  oder  wenigstens  monatliche  Regenmengen 
erhalten  zu  können.  Natürlich  hätte  es  da  eines  besonders  gebauten 
und  unter  besonderen  Vorsichtsmaßregeln  aufzustellenden  In- 
strumentes bedurft,  um  auch  für  die  Wintermonate  brauchbare  Werte 
der  Niederschlagshöhe  zu  erlangen. 

Leider  entsprach  in  dieser  Sache  der  Erfolg  den  gehegten 
großen  Erwartungen  nicht.  Nur  Dubrava  ist  in  die  Reihe  der  dalma- 
tischen Regenstationen  des  hydrographischen  Zentralbureaus  eingetreten 
und  verzeichnete  im  Jahre  1912  das  achte  Jahr  seines  Bestandes  als 
solche  Station.  Von  Krilo,  Jezenice  und  Dolac  sind  nur  ein  einziges- 
mal,  im  Jahrgange  1905  des  Jahrbuches  des  genannten  Instituts, 
Regensummen  für  die  Monate  Juni  bis  Dezember  mitgeteilt  worden. 
In  Srinjine  kam  es  gar  nicht  zur  Errichtung  einer  Station  und  noch 
viel  weniger  wurde  an  eine  Verwirklichung  des  Beobachtungsplanes 
geschritten,  welcher  betreffs  des  Ljuti  kamen  ausgedacht  worden  war. 
Durch  den  Wegfall  der  Stationen  Srinjine  und  Ljuti  kamen  wäre 
das  Regenprofil  allerdings  schon  von  vornherein  dazu  verurteilt  worden, 
ein  Torso  ohne  Fuß  und  Kopf  zu  bleiben,  so  daß  das  unerwartet 
rasche  Versagen  von  dreien  der  anderen  vier  Stationen  leichter  ver- 
schmerzt werden  konnte. 

Ich  zweifle  nicht,  daß  in  bezug  auf  fortgesetzte  Wiederholung 
von  Bergbesteigungen  zum  Zwecke  meteorologischer  Messungen  jene 
berühmte  Rekordleistung  unerreicht  bleibt,  auf  welche  ein  Physiker 
meiner  tirolischen  Vaterstadt  stolz  sein  kann;  ich  hatte  aber  an  die 
Expeditionen  gedacht,  welche  zur  Kontrolle  der  selbstregistrierenden 
Instrumente  auf  der  sogen.  Mont  Blanc-Station  und  auf  der  Gipfel- 
station des  Misti  unternommen  wurden.  Es  kann  zugestanden  werden, 
daß  der  Ljuti  kamen  weder  von  der  See-  noch  von  der  Landseite 
her  auf  wohlgepflegten  Promenadewegen  zu  erreichen  ist  und  es  sei 
zugegeben,  daß  auf  den  Höhen  des  Mosor  zur  Winterszeit  sehr  un- 
freundliches Wetter  herrschen  kann ;  aber  die  Mühen  einer  Besteigung 
des  Ljuti  kamen  im  Winter  sind  doch  sehr  gering  zu  nennen  im 
Vergleiche  zu  den  großen  Anstrengungen,  Schwierigkeiten  und  Gefahren, 


[107] 


Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien. 


251 


die  wegen  der  dünnen  Luft  und  wegen  der  so  berüchtigten  hochandinen 
Witterungsverhältnisse  (ich  bekam  davon  bei  einem  Schneesturme, 
der  mich  bei  einer  Popokatepetlbesteigung  eine  halbe  Stunde  oberhalb 
der  „las  cruzes"  überraschte,  eine  Vorstellung)  eine  Mistibesteigung 
zu  allen  Jahreszeiten  verursacht.  Es  war  aber  leider  eine  Utopie, 
Dalmatinern  einen  kleinen  Bruchteil  solcher  Opfer  für  die  meteoro- 
logische Wissenschaft  zuzumuten,  wie  sie  von  peruanischen  Indianern 
gebracht  wurden. 

Allem  Anscheine  nach  wird  man  im  dalmatinischen  Karste  auf 
eine  genauere  Kenntnis  der  Beziehungen  zwischen  Niederschlag  und 
Relief  noch  lauge  warten  müssen.  Um  aus  der  Fülle  der  sich  hier 
aufdrängenden  Fragen  nur  eine  herauszugreifen :  Welches  ist  wohl  die 
nasseste  und  welches  die  trockenste  Exposition?  Da  der  Scirocco 
meist  als  SO-Wind  weht,  dürften  die  Meer-  und  Landseiten  der 
dinarisch  streichenden  Ketten  keine  großen  Unterschiede  der  Regen- 
mengen aufweisen  und  betreffs  der  Wirkung  des  Scirocco  auf  die 
Niederschlagshöhe  würden  so  die  erwähnten  Mosorstationen  keine 
Kontraste  gezeigt  haben.  Zu  einem  Vergleiche  der  Regenmengen  im 
Luv  und  Lee  des  Scirocco  wären  innerhalb  unserer  Karte  Ombro- 
meterstationen  auf  der  SO-Seite  der  Visoka  und  NW-Seite  der 
Visosnica  dienlich. 

Die  Mittelwerte  der  in  Spalato  von  1890 — 1910  gemessenen 
monatlichen  Regenmengen  und  die  in  diesem  Zeiträume  beobachteten 
größten  und  kleinsten  Monatssummen  des  Regenfalles  sind: 


J. 

F. 

M. 

A. 

M. 

J. 

J. 

A. 

S. 

0. 

N. 

D. 

Medium   .  .  . 

76 

66 

81 

86 

66 

56 

26 

44 

73 

120 

113 

94 

Maximum  .... 

170 

146 

187 

283 

197 

138 

72 

159 

296 

282 

397 

169 

Minimum  .... 

6 

0 

7 

10 

2 

1 

0 

4 

6 

15 

15 

20 

Die  entsprechenden  Werte  für  Sinj  für  den  Zeitraum  von  1896 
bis  1910  sind: 


J. 

F. 

M. 

A. 

M. 

J. 

J. 

A. 

S. 

0. 

N. 

D. 

Medium   .... 
Maximum  .... 
Minimum  .... 

76 

205 

1 

95 

182 

16 

119 

228 

19 

102 

250 

25 

9a 

225 
24 

89 

209 

32 

49 
89 
10 

65 

191 

6 

111 

325 

14 

153 

256 

57 

138 

342 

21 

153 

244 

37 

Die  Regenmessungen  in  Clissa  umfassen  nur  die  Jahrgänge 
1897—1905,  jene  zu  Mu6  fallen  in  die  Zeit  zwischen  1897  und  1910, 
umfassen  aber  nur  acht  vollständige  Jahrgänge.  Die  Mittelwerte  und 
besonders  die  Extreme  sind  bei  solcher  Kürze  der  Beobachtungszeit 
noch  von  beschränkter  Bedeutung.  Sie  seien  aber  bei  der  Spärlichkeit 
der  aus  dem  Kartengebiete  veröffentlichten  Messungen  doch  an- 
geführt. 

33* 


252 


Dr.  Fritz  v.  Kerner. 
Clissa: 


[108] 


J. 


F. 


M 


M. 


J. 


S.      0. 


N. 


D. 


Medium 

Maximum 

Minimum 


Medium 

Maximum 

Minimum 


73 

185 

15 


97 

187 

20 


115 

163 

31 


69  92  '  66 
97  216  }  137 
15      31      29 


35 


40 

159 

4 


118  I  149    120 

316    259  |334 

8      59!    13 


Muc: 

134 

124 

130 

113 

128 

83 

70 

36 

101 

129 

163 

262 

265 

269 

291 

304 

116 

153 

102 

196 

236 

439 

63 

34 

23 

42 

33 

0 

35 

0 

13 

57 

32 

119 

244 

42 


171 

308 

34 


Die  Messungen  zu  Dubrava  umfassen  —  soweit  sie  publiziert 
sind  —  eine  noch  zu  geringe  Zahl  von  Jahren,  als  daß  sie  zur 
Bildung  von  Mittelwerten  benützt  werden  könnten.  Dagegen  seien  hier 
noch  die  ombrometrischen  Ergebnisse  der  schon  jenseits  der  Karten- 
grenze liegenden  Stationen  Vaganj  und  Prolog  angereiht,  da  sie  sich 
auf  den  gleichen  Zeitraum  wie  jene  von  Sinj  beziehen  (Vaganj 
1897  —  1910,  Prolog  1896—1910)  und  so  mit  diesen  gut  vergleich- 
bar sind. 

Vaganj: 


J. 

F. 

M. 

A. 

M. 

J.   J.  i  A. 

1 

S. 

0. 

N. 

D. 

Medium  .... 

112 

148 

159 

155 

142 

133 

71 

83 

147 

216 

180 

206 

Maximum  .... 

208 

343 

240 

419 

284 

250 

161 

217 

519 

425 

457 

395 

Minimum  .... 

48 

52 

9 

36 

19 

80 

20 

19 

27 

75 

22 

49 

Prolog: 

Medium   ... 

121 

136 

161 

146 

128 

107 

62 

80 

126 

195 

184 

210 

Maximum  .... 

280 

259 

265 

334 

271 

229 

101 

192 

375 

330 

388 

408 

Minimum  .... 

5 

43 

21 

59 

27 

37 

30 

16 

21 

86 

25 

51 

In  Prozenten  der  Jahressumme  ausgedrückt,  nehmen  die  voran- 
geführten mittleren  monatlichen  Regenmengen  folgende  Werte  an: 


J. 

F. 

M. 

A. 

M. 

J. 

J. 

A. 

S. 

0. 

N. 

D. 

Spalalo 

8-4 

7-3 

90 

9-5 

7-3 

6-2 

2-9 

4-9 

81 

13-3 

12-6 

105 

Clissa 

6-7 

8-9 

10-5 

6-3 

8-4 

6  0 

3-2 

3-7 

10-8 

13-6 

11-0 

10-9 

Muc 

9-7 

90 

9-4 

8-2 

9-3 

60 

5-1 

2-6 

7-3 

93 

11-8 

12-3 

8inj 

60 

7-6 

9-5 

8-2 

7-9 

7-1  3-9 

5-2 

8-9 

12-3 

IM 

12-3 

Vaganj 

6-4 

8-5 

9-1 

8-9  8-1 

7  6  i  4-0 

4-7 

84 

12-3 

103 

11-7 

Prolog 

7-3 

8-2 

9-7 

8-8 

7-8 

6-5 

3-7 

4-6 

7-6 

11'8 

11-1 

12-7 

Die  gut  vergleichbaren  Werte  der  drei  letztgenannten  Stationen 
weichen   nur   in  wenigen  Monaten  um  mehr  als  1%  voneinander   ab. 


[109] 


Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien. 


253 


Die  Werte  für  Clissa  und  Muc  lassen  sich  aber  nur  mit  den  aus 
denselben  Jahrgängen  abgeleiteten  Werten  für  Spalato  und  Sinj 
vergleichen,  was  im  folgenden  geschehen  soll. 


J. 


M. 


M. 


J. 


O. 


N. 


I>, 


Clissa  . 
Spalato 
Mild  . 
Sinj     . 


6-7 

7-7 
9-7 
7-6 


8-9 
8-3 
9-0 

7-8 


10-5 

10'5 

9-4 

90 


6-3 

7-5 

8-2 
8-5 


8-4 
85 
93 
90 


60 
6-5 
60 
7-4 


3-2 
2-7 
51 
4-3 


3-7 
4-0 
26 
4-3 


10-8 

10-0 

73 


13-6 

13-2 

9-3 

9-9 


HO 
12-5 
118 
111 


10-9 

8-6 

12-3 

12-3 


Hier  sind  die  DilTerenzen  kleiner  und  übersteigen  nur  in  je 
einem  Monate  27o«  Wenn  man  die  für  die  vier  Stationen  mit  mehr 
als  zwölfjähriger  Beobachtungsdauer  gefundenen  Werte  auf  Monate 
von  gleicher  Länge  reduziert,  so  ergeben  sich  nachstehende  Bilder 
der  jährlichen  Niederschlagsperiode.  Dieselben  sind  befriedigend  genau, 
da  die  Fehler,  welche  durch  die  schwankende  Länge  des  Februar 
entstehen,  wenn  man  die  aus  den  mittleren  Monatssummen  einer 
ganzen  Beobachtungsperiode  sich  ergebenden  relativen  Regenmengen 
reduziert,  anstatt  das  Mittel  aus  den  auf  gleiche  Monatslänge  redu- 
zierten relativen  Regenmengen  der  einzelnen  Jahrgänge  zu  nehmen, 
noch  nicht  die  erste  Dezimale  fälschen. 


J. 


F.     M.    A. 


M. 


N. 


Spalato 
Sinj  . 
Vagany 
Prolog 


8-2 
5-9 
63 

7-2 


8-0 
8-2 
9-2 
8-9 


8-8 
9-3 
8-9 
9-5 


9-6 
8-3 
9-0 
8-9 


7-2 

7-8 
8-0 
7-6 


6-3 
7-2 

7-7 
6-6 


2-8 
3-8 
3-9 
3-6 


4'8 
5-1 
4-6 

4-7 


8-2 
9-0 

8-5 

7-7 


13-0 
12-0 
120 
11-6 


12-7 
11-3 
10-4 
11-3 


10  3 
120 
11-5 
12-4 


Bei  der  großen  Veränderlichkeit  der  Regenverhältnisse  in  Ueber- 
gangsgebieten  stellen  die  vorstehenden  Zahlen  noch  keinesfalls 
Normalwerte  der  relativen  Niederschlagsmengen  dar.  Als  wahrschein- 
lich kann  der  Eintritt  des  Hauptminimums  im  Juli  und  der  des  zweiten 
Minimums  im  Jänner  gelten.  Ersteres  zeigt  von  der  Küste  gegen  die 
Spaltentäler  hin  eine  nur  ganz  schwache  Abflachung,  letzteres  in 
derselben  Richtung  eine  um  ein  geringes  deutlichere  Verschärfung. 
Die  Normalgestalt  der  den  beiden  Regenzeiten  entsprechenden 
Wellenberge  ließe  sich  erst  aus  einer  sehr  langjährigen  Beobachtungs- 
reihe erkennen.  Die  vorliegenden  Messungen  scheinen  darauf  hinzu- 
deuten, daß  diese  Wellenberge  am  dinarischen  Rücken  auffällig 
abgestutzt,  an  der  Küste  mehr  zugerundet  sind,  indem  sich  dort  für 
die  Monate  Februar  bis  April  fast  gleich  hohe  Werte  der  relativen 
Regenmenge  ergeben  und  für  den  November  sogar  eine  kleinere 
Regenmenge  als  wie  für  seine  Nachbarmonate  ergibt,  während  in 
Spalato  der  Februar  noch  um  ein  merkliches  regenärmer  als  der 
April    und    der    Dezember    schon    viel    weniger   regenreich    als    der 


254 


Dr.  Fritz  V.  Kerner. 


[110] 


November  ist.  Eine  nähere  Analyse  läßt  erkennen,  daß  sowohl  die 
zweite  als  auch  die  Hauptregenzeit  aus  der  Verschmelzung  je  zweier 
Wellenberge  hervorgehen.  In  allen  vier  Stationen  fielen  in  ungefähr 
zwei  Dritteilen  der  Beobachtungsjahre  auf  die  durch  die  zwei 
Minima  getrennten  Zeitabschnitte  je  zwei  Maxima  der  relativen 
Regenmenge. 

Das  zweite  Maximum  der  ersten  Jahreshälfte,  welches  in  der 
Mittelkurve  als  eine  sehr  deutlich  ausgesprochene  Stufe  in  Erscheinung 
tritt,  entspricht  dem  Ausklingen  des  aus  den  benachbarten  Gebieten 
mit  kontinentaler  Regenverteilung  hereinreichenden  Frühsommermaxi- 
mums. Für  die  Wasserführung  der  Quellen  ist  der  genetische  Unter- 
schied zwischen  dem  ersten  und  zweiten  Scheitel  der  Regenzeit  des 
ersten  Halbjahres  insofern  wichtig,  als  die  Regen  des  Vorfrühlings 
mehr  den  Charakter  von  Landregen,  jene  des  Vorsommers  mehr  den 
von  Gußregen  haben  und  letztere  in  Gebieten  mit  verminderter 
Durchlässigkeit  zur  Quellenspeisung  weniger  beitragen  können. 

Die  in  den  Stationen  des  Landinneren  auch  iii  der  Mittelkurve 
angedeutete  Spaltung  der  Hauptregenzeit  könnte  man  damit  in  Be- 
ziehung bringen,  daß  infolge  der  durch  die  Oktoberregen  erzeugten 
Poljenüberschwemmungen  die  bei  der  herrschenden  Luftfeuchtigkeit 
allerdings  nicht  große  Verdunstung  eine  Zunahme  erfährt  und  so  — 
da  die  Luftwärme  gleichzeitig  in  Abnahme  begriffen  ist  —  gegen 
Ende  des  Herbstes  hin  eine  Steigerung  der  Kondensationsbedingungen 
eintritt.  Die  Hauptursache  der  Herbstregen,  die  sich  einstellende 
zyklonale  Luftdruckverteilung  über  der  Adria  ist  aber  in  Dalmatien 
gerade  im  November  am  stärksten  ausgeprägt  und  dieser  Umstand 
muß  wohl  jeder  Tendenz  zur  Spaltung  des  Herbstmaximums  des 
Regenfalles  entgegenwirken.  Es  ist  darum  leicht  möglich,  daß  es 
sich  bei  dieser  Andeutung  von  Spaltung  in  der  Mittelkurve  um  eine 
von  der  jeweiligen  Beobachtungsperiode  abhängige  Erscheinung 
handelt. 

Die  aus  den  vorliegenden  Beobachtungen  sich  ergebenden 
Mittelwerte  und  Extreme  der  Jahressumme  des  Niederschlages  sind: 


Spalato 

Ciissa           Muc 

1 
Sinj       j    Vaganj 

Prolog 

Medium     .    .    . 
Maximum     .    . 
Minimum  .    .    . 

902 

1445 

676 

1093 
1355 

838 

1382 
1639  1) 

984 

1249 

1698 

698 

1752 
2162 
1349 

1656 
2016 
1378 

In  Prozenten  des  Mittelwertes  ausgedrückt  sind  die  vorstehenden 
Extreme: 


Maximum 
Minimum  . 


160-2 

124-0 

118-6 

136-0 

123-4 

121-7 

74-9 

76-7 

71-2 

55-7 

770 

83-2 

')    Mit    Ausschluß    des   für    1900    mitgeteilten    ganz    exzeptioneJlen    Wertes 
von  4676. 


[111]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  255 

Die  vorangeführten  Werte  lassen  wegen  der  ungleichen  Länge 
der  Beobachtungszeiträume  keinen  näheren  Vergleich  zu  und  können 
über  die  in  der  Küstenregion,  in  den  Aufbruchstälern  und  auf  den 
Bergen  Mitteldalmatiens  im  Durchschnitte  und  im  Mindestfalle  zu 
erwartenden  jährlichen  Regenmengen  nur  ein  ganz  ungefähres  Bild 
geben. 

Man  kann  so  in  der  Küstenzone  im  Durchschnitte  beiläufig  1000, 
in  den  Aufbruchstälern  etwa  1300  und  auf  den  höheren  Gebirgen  über 
1700  mm  Jahresniederschlag  erwarten.  Die  absoluten  Minima  der 
jährlichen  Regenmenge  dürften,  da  die  Mindestwerte  16 — 21  jähriger 
Reihen    wenig   unter   700  nun  hinabgehen,    bei    etwa  500  mm  liegen. 

Ungefähr  so  groß  mögen  die  absoluten  Maxima  der  Monatssummen 
des  Regenfalles  in  den  Gebirgen  sein.  Ein  Vorkommen  ganz  regenloser 
Monate  weist  die  längste  der  vorliegenden  Beobachtungsperioden 
sowohl  im  Sommer  als  auch  im  Winter  auf. 

Es  gilt,  wie  man  sieht,  auch  für  Mitteldalmatien,  daß  die  viel- 
beklagte Wasserarmut  des  Karstes  von  wesentlich  anderer  Art  ist 
als  jene  in  den  Wüsten.  Die  Menge  des  vom  Himmel  gespendeten 
Wassers  ist  in  den  mediterranen  Karstgebieten  ziemlich  groß  und  durch 
entsprechend  zahlreiche  Anlagen  von  Zisternen  und  Stauweihern  ließe 
sich  jeder  Wassernot  vorbeugen.  Es  fehlt  nur  gänzlich  eine  auch  nur 
halbwegs  gleichmäßige  Verteilung  der  Quellen  und  der  fließenden 
Gewässer  und  es  ist  dort,  wo  in  weitem  Umkreise  Quellen  fehlen, 
überaus  schwierig,  die  in  den  Boden  eingedrungenen  und  sich  in 
größeren  Tiefen  sammelnden  Wassermassen  künstlich  zu  gewinnen. 
In  den  Wüstengebieten  sind  dagegen  die  Regenmengen  sehr  gering 
und  ist  durch  Abfanguug  derselben  vor  ihrem  Eindringen  in  den 
Boden  nur  wenig  Wasser  zu  gewinnen,  dagegen  der  Versuch,  aus 
Nachbargebieten  stammendes  Wasser  aus  der  Tiefe  heraufzuholen, 
manchmal  (als  nächstliegendes  Beispiel  pflegt  man  hier  die  Algerische 
Sahara  anzuführen)  unschwer  ausführbar  und  von  großem  Erfolge 
gekrönt. 

Wasserstände  und  Abfiußmengen. 

Tägliche  Pegelmessungen  finden  im  Dienste  des  hydrographischen 
Zentralbureaus  seit  dem  Jahre  1894  bei  den  Cetinabrücken  von  Hau 
und  Trilj  statt.  Diese  beiden  Brücken  liegen  ziemlich  genau  an  jenen 
Stellen,  wo  das  Sinjsko  polje  von  der  Cetina  betreten  und  verlassen 
wird;  ein  Vergleich  der  Messungen  an  den  genannten  beiden  Orten 
kann  so  Aufschlüsse  über  die  Aenderung  der  Wasserstandsverhältnisse 
innerhalb  der  genannten  Flußebene  liefern.  Von  den  sonst  noch  längs 
der  Cetina  errichteten  Pegelstationen  ist  hier  noch  jene  bei  der 
Brücke  von  Panj  zu  erwähnen,  da  sie  nur  soweit  flußaufwärts  von 
der  Nordgrenze  des  Blattes  Sinj — Spalato  gelegen  ist,  als  diese  Grenze 
hier  bei  der  Quellenbeschreibung  überschritten  wurde.  Die  Pegel- 
messungen in  Panj  begannen  aber  erst  im  Juli  1905.  Eine  Betrachtung 
der  Pegelstände  hat  im  oberen  Cetinagebiete  bei  einer  Erörterung 
des  Quellenphänomens  mehr  Bedeutung  als  in  vielen  anderen  Fluß- 
gebieten.  Bis   zum  Eintritte  der  Cetina  in    das  Sinjsko   polje  erfolgt 


256 


Dr.  Fritz  v.  Kerner. 


112] 


die  Verstärkuug  des  Abwassers  ihrer  Ursprungsquelle  nur  zum  gering- 
sten Teil  durch  Nebenflüßchen  und  zum  allergrößten  Teile  auch 
wieder  durch  Quellen.  Die  Schwankungen  der  Pegelstände  erscheinen 
hier  so  weniger  als  anderwärts  durch  die  Verdunstung  über  der 
Flußoberfläche  beeinflußt  und  spiegeln  mehr  die  Schwankungen  der 
Ergiebigkeit  der  großen  Karstquellen  des  Gebietes  wieder. 

Am  meisten  mag  dies  wohl  von  den  Wasserständen  bei  Panj 
gelten,  da  die  Cetina  kurz  oberhalb  dieses  Punktes  durch  die 
Zasiokquellen,  die  Majdenquelle,  die  Crno  vrelo  und  Peruca  gewaltig 
verstärkt  wird  und  sich  so  noch  bei  Panj  gleichsam  wie  das  Abwasser 
einer  riesigen  Karstquelle  verhält.  Auch  bei  Hau  zeigt  sie  nach 
Aufnahme  der  mächtigen  Ruminquellen  wohl  noch  ein  ähnliches  Ver- 
halten, wogegen  die  Pegelstände  bei  Trilj  schon  ausgesprochenen 
Flußwasserständen  entsprechen,  da  die  Quellwässer  von  Ruda  und 
Grab,  welche  die  Cetina  im  Sinjsko  Polje  noch  aufnimmt,  erst  in 
größerer  Entfernung   von   ihren  Austrittsorten  in  die  Cetina  münden. 

Die  Durchschnittswerte  und  Extreme  der  bei  Han  und  Trilj 
beobachteten  mittleren  monatlichen  Wasserstände  im  Zeiträume  von 
1894—1910  sind: 


Han 


M.      A. 


M. 


J. 


A. 


S. 


0.     N 


Medium 

Maximum 

Minimum 


Medium 

Maximum 

Minimum 


105 

185 

53 


109 

211 

46 


122 

193 

32 


143    144      92 

222    225    167 

78      91      44 


52 

107 
31 


37 
53 
24 


43 

142 
24 


85 

175 

24 


Trilj: 


112 

231 
30 


70 

71 

80 

90 

82 

51 

24 

10 

11 

39 

69 

134 

158 

125 

154 

130 

103 

45 

30 

97 

105 

171 

21 

17 

28 

43 

41 

13 

0 

-10 

-41 

—  7 

—  1 

141 

2  36 

61 


105 

174 

24 


Um  den  jährlichen  Gang  der  Wasserstände  zu  Hau  und  Trilj 
mit  der  Jahresperiode  der  Niederschläge  zu  Sinj  und  Vaganj  zu  ver- 
gleichen, kann  man  erstere  wie  letztere  in  prozentualen  Abweichungen 
vom  Jahresmittel  darstellen,  wobei  die  für  die  Niederschläge  erhaltenen 
Zahlenwerte  sozusagen  in  Form  pluviometrischer  Exzesse  ausgedrückte 
pluviometrische  Quotienten  sind. 


J. 

F. 

M. 

A. 

M. 

J. 

J. 

A. 

S. 

0. 

N. 

D. 

+  6 

+  10 

+  23 

+  44 

+  45 

—  7 

—  47 

—  62 

—  56 

-14 

+  13 

+  42 

-+-20 

—  21 

--36 

+  54 

-f  40 

—  13 

—  59 

-83 

-81 

—  33 

+  18 

+  79 

-28 

-  9 

--14 

—  2 

—  5 

-15 

-53 

-38+  7 

+  48 

+  33 

+  48 

-23 

+  2 

+  9 

+  7 

-  3 

—  9 

-52 

—  44 

+  1 

+  48 

+  24 

+  40 

Han  .  . 
Trilj  . 
Sinj  .  . 
Vaganj 


[113]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatiefl.  257 

Die  Hauptverschiedenheiten  im  Verlaufe  beider  Phänomene 
bestehen  darin,  daß  die  Kurve  der  Wasserstände  bis  zu  Beginn  des 
Sommers  eine  viel  höhere,  in  den  zwei  ersten  Herbstmonaten  eine 
viel  tiefere  Lage  einnimmt  als  wie  jene  der  Niederschläge.  Das 
sekundäre  Winterminimum  bleibt  bei  den  Wasserständen  noch  ungefähr 
so  hoch  über  dem  Jahresmittel,  als  das  sekundäre  Frühlingsmaximum 
beim  Niederschlage  über  dieses  Mittel  emporsteigt.  Im  Oktober  liegt 
der  Wasserstand  noch  tief  unter  dem  Jahresmittel,  die  Regenmenge 
hoch  über  demselben.  Am  meisten  stimmt  die  Lage  der  Kurven  beider 
Phänomene  im  Juni  überein.  Das  Frühlingsmaximum  und  Sommer- 
minimum verspäten  sich  bei  den  Wasserständen  um  je  einen  Monat 
gegen  die  entsprechenden  Extreme  des  Regenfalles,  das  Wintermini- 
mum dehnt  sich  beim  Wasserstande  über  Jänner  und  Februar  aus, 
während  es  beim  Regenfalle  auf  den  ersteren  Monat  beschränkt  bleibt. 
Das  Hauptmaximum  drängt  sich  beim  Wasserstande  auf  den  Dezember 
zusammen,  während  es  sich  beim  Niederschlage  über  die  drei 
letzten  Monate  des  Jahres  erstreckt. 

Im  Verlaufe  der  Wasserstände  vom  Spätherbste  bis  zum  Früh- 
sommer erkennt  man  die  Summierung  eines  sich  sehr  langsam  in 
zunehmendem  Maße  geltend  machenden  Einflusses  der  Hauptregenzeit 
und  einer  rascher  sich  einstellenden  Wirkung  des  Winterminimums 
und  Frühlingsmaximums  des  Regenfalles.  Die  große  Verspätung  im 
Eintritte  des  Herbsthochwassers  nach  den  Herbstregen  im  Vergleiche 
zur  Verspätung  des  Frühlingsmaximums  der  Wasserstände  gegenüber 
dem  entsprechenden  Extrem  der  Niederschläge  hängt  mit  der  im 
ersteren  Falle  bei  höherer  Temperatur  stattfindenden  stärkeren  Ver- 
dunstung im  Zusammenhange.  Die  Schmalheit  des  spätherbstlichen 
Zackens  in  der  Kurve  der  Wasserstände  im  Vergleich  zur  Breite 
des  Wellenberges  der  Hauptregeiizeit  ist  wohl  so  zu  deuten,  daß  ein 
nicht  unbeträchtlicher  Teil  der  einsickernden  Niederschläge  tief  ins 
Gebirge  dringt  und  so  zur  Zeit,  wann  sich  als  Folge  des  Winter- 
minimums des  Regenfalles  der  oberflächliche  Abfluß  wieder  mindert, 
noch  nicht  zu  den  großen  Quellsträngen  gelangt  ist.  Die  im  Vergleich 
zur  relativ  geringen  Stärke  der  Frühjahrsregen  auffallende  Höhe  des 
Hochwassers  im  Frühling  erscheint  dann  als  eine  sehr  verspätete 
Folge  dieses  tiefen  Eindringens  eines  Teiles  der  Herbstniederschläge. 
Zu  Beginn  des  Sommers  verausgaben  sich  dann  aber  die  letzten 
Reste  der  im  Gebirgsinneren  zur  Aufspeicherung  gelangten  Wasser- 
vorräte und  da  nun  auch  die  Zu-  und  Nachfuhr  neuer  Wassermengeu 
rasch  sinkt,  tritt  im  Spätsommer  Niedrigwasser  ein. 

Ein  zahlenmäßiger  Vergleich  der  Wasserstände  mit  den  Nieder- 
schlägen schließt  sich  aus,  nicht  deshalb,  weil  die  ersteren  Mittel- 
werte, die  letzteren  aber  Summen  sind  —  dies  würde,  da  ja  auch 
Monatsmittel  nur  durch  die  Zahl  der  Monatstage  dividierte  Monats- 
suramen sind,  den  Vergleich  reduzierter  Relativwerte  nicht  stören  — , 
sondern  aus  dem  Grunde,  weil  die  Pegelstände  nicht  arithmetisch, 
sondern  geometrisch  proportional  zu  den  Abflußmengen  wachsen,  und 
zwar  proportional  einer  Potenz  der  letzteren  mit  einem  echten 
Bruche  als  Exponenten. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  l.  Heft.  (F.  v.  Kerner.)         34 


258  •  l^r.  Fritz  V.  Kerner.  [114] 

Für  Trilj  läßt  sich  eine  Umwandlung  der  Wasserstände  in  Ab- 
flußmengen vornehmen,  da  dort  für  sechs  verschiedene  Pegelstände 
die  Tausendfachen  der  Sekundenliter  bestimmt  worden  sind.  Das 
Jahrbuch  1907  des  hydrographischen  Zentralbüros  enthält  darüber 
folgende  Messungsresultate,  von  denen  die  ersten  fünf  von  der 
Direktion  der  Almissa- Werke,  das  letzte  vom  genannten  Büro  selbst 
gewonnen  wurden: 

Wasserstand 
Abflußmenge 

In  roher  Annäherung  ist  hiernach  die  das  gefundene  Minimum 
übersteigende  Abflußmenge  gleich  dem  Quadrat  des  um  1  vermehrten 
zehnten  Teiles  des  Pegelstandes,  da  sich  in  der  einfachen  Relation 


160 

108 

95 

60 

4 

—  10 

312 

149 

124 

76-1 

28-8 

18-7 

M 


P  \2 


=  18-7  +  a(^   +  l) 


für  a  der  Wert  0*9987  ergibt,  das  quadratische  Glied  also  keinen  von 
1  verschiedenen  konstanten  Faktor  erhält. 

Die  aus  dieser  einfachen  Relation  sich  ergebenden  rohen  Nähe- 
rungswerte der  obigen  Abflußmengen  sind: 

307-7         157-9         129-0         677         20-7         18-7 

Von  selten  des  hydrographischen  Zentralbüros  wurde  mit  Hilfe 
der  oben  angeführten  Messungsresultate  eine  Kurve  gezeichnet,  um 
die  zu  beliebigen  Pegelständen  gehörigen  Abflußmengen  graphisch  zu 
ermitteln.  Ich  zog  es  natürlich  vor,  den  Weg  der  Rechnung  zu  be- 
treten und  fand,  daß  sich  die  Beobachtungen  gut  durch  eine  Gleichung 
von  der  Form: 

wiedergeben  lassen,    wobei  mir  die  Methode   der  kleinsten  Quadrate 
für  a  den  Wert  7-746  und  für  b  den  Wert  0-00194  ergab. 
Die  mit  Hilfe  der  Formel: 

M  =  18-7    f   7-746    (-^  +  l)   +  ^"^^^^^  (^  +  0^' 

welche  sich  auch  in  der  Form: 

JW  =  26-45  +  0-775  P+194  x  10-^  (P  ^  lOy 

schreiben    läßt,    berechneten   Werte    der    obigen   Abflußmeugen    und 
Differenzen  gegen  die  beobachteten  Werte  sind: 

312-4         147-7         123-7         77-5         29-5         18*7 
-^0-4        —1-3        —0-3      4-1-4      +0-7  0-0. 

Die  Formel  gibt  demnach  die  Beobachtungen  mit  einem  mittleren 
Fehler  <  10  und  einem  größten  Fehler  <  1-5  wieder,  was  als  sehr 
befriedigend  bezeichnet  werden  kann. 


[115] 


Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien. 


259 


Die  Anordnung  der  Abweichungen  ermöglicht  es,    an  denselben 
auf  Grund  der  Relation : 


A 


1*44  sin  a, 


wobei  a  vom  Pegelstande  Null  an  zu  zählen  ist  und  dem  Pegelstande 
160  der  Wert  a  =  360*>  entspricht,  noch  eine  Korrektion  anzubringen, 
durch  welche  die  mittleren  Fehler  auf  ein  Drittel,  die  größten  Fehler 
auf  die  Hälfte  der  Einheit  reduziert  werden ;  doch  erscheinen  die 
berechneten  Werte  auch  schon  ohne  diese  Verbesserung  zum  Ge- 
brauche geeignet. 

Man  erhält  so  für  nachstehende  Pegelhöhen  (P.)  folgende  Abfluß- 
mengen (M.): 


p. 

M. 

P. 

M. 

P. 

M. 

P. 

M. 

IG 

34-2 

50 

67-7 

90 

115-6 

130 

201-7 

20 

42-1 

60 

77-5 

100 

132-3 

140 

233  1 

30 

50-2 

70 

88-6 

110 

151-9 

150 

269-8 

40 

58-6 

80 

101-2 

120 

174-8 

160 

312-4 

Das  Vorkommen  eines  von  der  vierten  Potenz  einer  Variablen 
abhängigen  Gliedes  läßt  eine  Verwendung  der  vorstehenden  Formel 
für  Extrapolationen  nur  in  sehr  beschränktem  Maße  zu.  Im  Laufe 
des  bisherigen  Beobachtungszeitraumes  haben  aber  die  Hochwässer 
—  ein  einziges  Jahr  ausgenommen  —  den  Pegelstand  160  erheblich, 
in  vier  Jahren  sogar  sehr  bedeutend  überschritten.  Die  höchsten  bisher 
beobachteten  Wasserstände  waren: 

275  (1908),  280  (1910),  287  (1901),  298  (1903). 

Derart  läßt  sich  für  die  größeren  Hochwässer  eine  Umwandlung 
der  Pegelhöhen  in  Abflußmengen  noch  nicht  in  befriedigender  Weise 
vornehmen,  solange  nicht  auch  für  einige  sehr  hohe  Pegelwerte  die 
zugehörigen  Abflußmengen  gemessen  sind  und  so  die  Grundlagen 
für  die  Entwicklung  einer  weitreichenden  Formel  vorliegen. 

Natürlich  muß  für  die  den  Wert  160  weit  übersteigenden 
Pegelstände  auch  jede  Ermittlung  der  Wassermengen  durch  graphische 
Extrapolation  ein  sehr  fragwürdiges  Ergebnis  liefern. 

Die  Mittelwerte  und  Extreme  der  charakteristischen  Wasserstände 
zu  Han  und  Trilj  sind: 


Han 


Mittel    Max.     Min 


Trilj 


Mittel     Max.     Min 


Tiefster  Wasserstand  .  .  .  . 
Höchster  Wasserstand  .  .  .  . 
Längstdauernder  Wasserstand 


22 

293 

40 


36 

330 

55 


16 

275 

25 


-  7 

227 

40 


5 
298 
105 


-50 

160 

5 


34* 


260  ^'-  I^'fitz  ^    Kerner.  [^16] 

Die  Grenzen,  innerhalb  welcher  die  Wasserstände  schwanken, 
liegen  demzufolge    in  Trilj    erheblich  weiter  auseinander   als  in  Han. 

Wie  von  selten  des  hydrographischen  Zentralbüros  zutreffend 
bemerkt,  wurde,  läßt  sich^  im  Cetinagebiete  ein  Vergleich  zwischen 
Niederschlag  und  Abfluß  in  absoluten  Zahlenwerten  nicht  anstellen,  da 
es  noch  unbekannt  ist,  ein  wie  großer  Teil  des  östlich  vom  westbos- 
nischen Gebirgsbogen  gelegenen  Poljengebietes  der  Cetina  tributär 
ist  und  ein  wie  großer  Teilbetrag  des  nicht  verdunstenden  Anteiles 
der  in  diesem  Gebiete  und  im  Flußtale  der  Cetina  selbst  fallenden 
Niederschläge  nicht  in  diesen  Fluß  gelangt  und  auf  unterirdischen 
Wegen  dem  Meere  zustrebt.  Dagegen  würde  ein  Vergleich  der  relativen 
Regenmengen  im  oberen  Cetinatale,  im  Livanjsko  polje  und  im  Busko 
Blato  mit  den  Relativwerten  der  Abflußmengen  bei  Trilj  sehr  interes- 
sante Resultate  zeitigen  können.  Ein  solcher  Vergleich  würde  aber 
eine  größere  Arbeit  für  sich  sein  und  kann  hier,  wo  die  hydrophysi- 
kalischen  Verhältnisse  des  Cetinagebietes  nur  im  Anschlüsse  an  eine 
quellengeologische  Beschreibung  desselben  kurz  gestreift  werden 
sollen,  nicht  geboten  werden. 


Fliißtemperaturen. 

In  Han  und  Trilj  wurden  zugleich  mit  den  Pegelablesungen  auch 
fortlaufende  Beobachtungen  der  Temperatur  der  Cetina  angestellt. 
Die  Reihe  der  vollständigen  oder  nur  kleine  interpolierbare  Lücken 
aufweisenden  Jahrgänge  beginnt  am  ersteren  Orte  im  Jahre  1899,  am 
letzteren  mit  dem  Jahre  1903,  Die  Beobachtungen  fanden  nur  einmal 
täglich  und  in  verschiedenen  Jahren  zu  ungleichen  Terminen  statt. 
Hierdurch  wird,  da  auch  Flüsse  bei  klarem  Wetter  eine  nicht  unbe- 
deutende tägliche  Temperaturschwankung  aufweisen,  die  Verwertbarkeit 
der  angestellten  Beobachtungen  zu  Vergleichen  und  Mittelbildungen 
sehr  eingeschränkt,  da  keine  solchen  Untersuchungen  über  den  täg- 
lichen Wärmegang  der  Cetina  vorliegen,  die  für  die  Reduktion  der 
Thermometerablesungen  auf  denselben  Termin  als  ausreichende 
Grundlage  in  Betracht  kämen. 

Sofern  nur  die  Gewinnung  eines  ungefähren  Bildes  der  Verhältnisse 
erstrebt  wird,  kann  man  immerhin  zur  Bildung  von  Mittelwerten  und 
zur  Heraussuchung  von  Extremen  schreiten.  Im  folgenden  sind  die 
mittleren  und  extremen  Monatsmittel  der  Flußtemperatur  angeführt, 
welche  sich  für  den  Zeitraum  1903 — 1910  ergeben.  Die  Beobachtungs- 
stunde war  zu  Han  in  sechs  von  diesen  acht  Jahren  12  Uhr  mittags, 
zu  Trilj  gleichfalls  in  sechsen  dieser  Jahre  6  Uhr  morgens.  Die 
Anführung  der  Extreme  ist  insofern  zulässig,  als  die  aperiodischen 
Jahresschwankungen  der  Flußtemperatur  die  periodische  Tagesamplitude 
derselben  übertreffen.  Zu  Trilj  fiel  keines  der  beobachteten  höchsten 
Monatsmittel  auf  jenen  Jahrgang,  in  welchem  die  Ablesungen  nicht 
morgens,  sondern  mittags  stattfanden  und  zu  Han  fielen  nur  drei  der 
zur  Beobachtung  gelangten  tiefsten  Monatsmittel  auf  jenes  Jahr,  in 
welchem  die  Ablesungen  nicht  mittags,  sondern  um  9  Uhr  vormittags 
erfolgten. 


[117] 


Quellengeologie  von  Mitteldalmatien. 
II  a  11 : 


261 


J. 

F. 

M. 

A. 

M. 

J. 

J. 

A. 

S. 

0. 

N. 

D. 

Medium       .... 

5-7 

6-4 

8-6 

10-2 

12-4 

15-0 

17-0 

17-2 

15-5 

12-9 

9-0 

Ti 

Maximum    .... 

7-5 

8-2 

9-8 

111 

14'3 

16-3 

18-5 

18-0 

17-3 

15-6 

10-2 

8-8 

Minimum    .... 

4-4 

4-5 

7-0 

8-9 

10-9 

13-3 

158 

15-4 

14-3 

IM 

6-0 

5-9 

Trilj: 

Medium       .... 

5-7 

60 

8-0 

96 

12-6 

14'9 

16-5 

16-9 

14-4 

12'3 

9-4 

7-5 

Maximum   .... 

6-3 

7-3 

8-9 

10-5 

14-S 

16-6 

17-7 

18-2 

16-7 

15-1 

11-4 

10-0 

Minimum    .... 

4-7 

2-7 

6-8 

8'4 

111 

13-2 

14-6 

15-0 

13-0 

10'2 

7-8 

6'2 

Aus  diesen  Monatsmitteln  habe  ich  folgende  Gleichungen  des 
jährlichen  Temperaturganges  berechnet: 

Han: 
y  =  11-44  -f  4-83  sin  (30  x  +  255°  21') 
-f  0-56  sin  (60  x  +  357"  27') 
-f  0-17  sin  (90  x  -f  243»  26') 

Trilj: 

y  =  11-15  H-  5-44  sin  (30  x  -f  254°  35') 

-|-  0-18  sin  (60  x  -\-  43«  53') 

-f  0-24  sin  (90  x  -f  236«  19') 

Der  Umstand,  daß  der  Phasenwinkel  des  doppelten  Sinusgliedes 
in  beiden  Gleichungen  so  sehr  verschieden  ist,  hängt  wohl  damit 
zusammen,  daß  sich  dieselben  auf  verschiedene  Tagesstunden  beziehen. 
Die  Phaseiizeiten  der  Hauptwelle  stimmen  an  beiden  Orten  nahezu 
überein. 

Für  die  Höhe  und  die  Eintrittszeit  der  Extreme  und  für  die 
Termine  des  Mittelwertes  im  auf-  und  absteigenden  Aste  der  Wärme- 
kurve ergeben  sich  folgende  Werte : 


Maximum 
Minimum 
Medium  . 


Han 


17'7       1.  August 

5*3     24.  Jänner 

3.  Mai  u.  27.  Okt. 


Trilj 


17-2       5.  August 

5-3    26.  Jänner 

1.  Mai  u.  27.  Okt. 


Die  höheren  Werte  des  Jahresmittels  und  des  Maximums  der 
Flußwasserwärme  zu  Han  erklären  sich  leicht  dadurch,  daß  sie  sich 
auf  eine  wärmere  Tagesstunde  beziehen  als  jene  zu  Trilj.  Die  für 
gleiche  Stunden  der  wärmeren  Tageshälfte  geltenden  Mittelwerte  und 
Maxima  wären  wohl  in  der  weiter  flußabwärts  gelegenen  Station  höher. 


262 


Dr.  Fritz  v.  Kerner. 


[118] 


Es  ist  von  Interesse,  die  Abweichungen  der  Flußtemperatur  bei 
Han  mit  den  gleichzeitigen  Abweichungen  der  Lufttemperatur  in  Sinj 
zu  vergleichen,  und  zwar  mit  den  Abweichungen  der  Tagesmittel  der 
Luftwärme,  da  wegen  der  Verschiebung  des  Maximums  der  Fluß- 
temperatur auf  den  Beginn  des  Abends  die  Flußwasserwärme  um  die 
Mittagsstunde  dem  Tagesmittel  nahe  stehen  dürfte.  Für  den  Vergleich 
wurden  die  im  Jahrbuche  der  Meteorologischen  Zentralanstalt  ange- 
führten Temperaturwerte  von  Sinj  benützt,  welche  von  den  im  Jahr- 
buche  des  Hydrographischen  Zentralbüros  mitgeteilten  zum  Teil  um 
einige  Zehntel  differieren. 

Die  durchschnittliche  mittlere  Abweichung  der  Monatsmittel  vom 
Gesamtmittel  des  in  Betracht  gezogenen  achtjährigen  Zeitraumes 
betrug  bei  der  Flußtemperatur  +  0'90^,  bei  der  Luftwärme  +  l'23o. 
Die  Abweichung  war  bei  der  Flußtemperatur  in  447o  der  Fälle,  bei 
der  Luftwärme  in  55%  der  Fälle  <  1"0^.  Der  Vergleich  ergab  nun, 
daß  die  Luft-  und  Flußwasserwärme  in  72  von  den  verglichenen  96 
Monaten,  das  ist  in  75%  der  Fälle,  eine  Abweichung  im  gleichen 
Sinne  zeigten.  In  43  Monaten  (44%  der  Fälle)  wiesen  die  gleich- 
sinnigen Abweichungen  auch  eine  gewisse  Größenähnlichkeit  auf,  indem 
sie  bei  beiden  Temperaturen  kleiner  oder  größer  als  10  waren. 
Entgegengesetzte  Abweichungen  >  1-0  kamen  dagegen  nur  in  3% 
der  Fälle  vor.  Die  72  gleichsinnigen  Abweichungen  waren  in  folgender 
Weise  auf  die  verschiedenen  Monate  verteilt: 


J. 

F. 

M. 

A. 

M. 

J. 

J. 

A. 

S. 

0. 

N. 

D. 

5 

8 

7 

4 

5 

5 

6 

8 

7 

4 

6 

7 

Die  größere  Häufigkeit  der  Uebereinstimmung  in  den  extremen 
Jahreszeiten  könnte  dahin  gedeutet  werden,  daß  die  in  denselben  sich 
öfter  einstellenden  Ursachen  größerer  thermischer  Anomalien:  lang- 
dauernde Ausstrahlung  und  Besonnung,  auch  die  Wassertemperaturen 
entsprechend  stark  beeinflussen,  während  die  in  den  Uebergangsjahres- 
zeiten  als  Ursachen  größerer  Abweichungen  der  Luftwärme  mehr  in 
Betracht  kommenden  Winde  auf  die  Flußtemperaturen  eine  geringere 
Wirkung  ausüben.  Allerdings  sollte  dann  gerade  im  mittleren  Winter- 
monate die  Uebereinstimmung  eine  große  sein. 

Die  beobachteten  Flußtemperaturen  lassen  sich  betreffs  ihrer 
Abweichungen  vom  Mittel  nicht  genau  vergleichen,  da  bei  manchen 
Witterungstypen  für  verschiedene  Tagesstunden  eine  Tendenz  zu 
Abweichungen  nach  verschiedener  Richtung  hin  besteht.  Beim  durch- 
schnittlichen täglichen  Bewölkungsgange  der  wärmeren  Jahreshälfte 
neigen  allerdings  sowohl  die  Morgen-  als  auch  die  Mittags-  und  Nach- 
mittagstemperaturen des  Flußwassers  —  erstere  wegen  unbehinderter 
Ausstrahlung,  letztere  wegen  verminderter  Besonnung  —  zu  einer 
Depression  unter  das  Gesamtmittel.  Die  Zahl  der  Monate,  in  welchen 
innerhalb  acht  Jahren  zu  Han  und  Trilj  die  Flußtemperaturen  im 
selben  Sinne   abwichen,   war  71,    die  Zahl  der  Fälle,  in  welchen  die 


[119] 


Quellengeologie  von  Mitteldalmatiien. 


263 


Abweichungen  der  Monatsmittel  an  beiden  Orten  kleiner  oder  größer 
als  l'O  waren,  betrug  36. 

Die  jährliche  Verteilung    der   gleichsinnigen  Abweichungen  war 
eine  ziemlich  gleichmäßige,  wie  sich  aus  folgendem  ergibt: 


J. 

F. 

M. 

A. 

M. 

J. 

J. 

A. 

Ö. 

0. 

N. 

D. 

4 

7 

5 

6 

6 

5 

6 

6 

7 

7 

6 

6 

lieber  die  tägliche  Temperaturschwankung  der  Cetina  bei  Triij 
habe  ich  zwei  Messungsreihen  gewonnen.  Leider  waren  die  mir  hierfür 
zur  Verfügung  gestandenen  Tage,  die  beiden  Pfingstfeiertage  des 
Frühlings  1905,  in  welchem  ich  mich  zwecks  der  geologischen 
Detailaufnahme  der  südlichen  Umrandung  des  Sinjsko  polje  in  Trilj 
aufhielt,  ziemlich  trüb,  so  daß  sehr  abgeflachte  Temperaturwellen  zur 
Beobachtung  gelangten.  In  erster  Linie  ist  es  aber  bei  der  Tages- 
schwankung der  Flußwasserwärme  von  Literesse,  ihr  Höchstmaß  bei 
ganz  unbehinderter  Besonnung  zu  ermitteln ;  erst  bei  Gelegenheit  zu 
längerer  Fortsetzung  der  Messungen  wird  man  auch  das  Minimum  der 
Amplituden  und  den  Durchschnittswert  derselben  festzustellen  suchen. 
Die  abgelesenen  Thermoraeterstände  waren: 


11.  Juni  1905 


4h 
5h 

6b 

7h 

10  h 
12  h 
2h 
3h 
4h 
5  h 
6h 
8h 


30  am 
30am 
30  am 
30  am 
30  am 
30  am 
30  pm 
30  pm 
30  pm 
30  pm 
30  pm 
30  pm 
30  pm 


12-66 
12-62 
12-62 
12-56 
12-58 
12-80 
13-10 
13-38 
13-50 
13-60 
13-66 
13-60 
13-40 


12.  Juni  1905 


4  h  am 
6  h  sm 

5  h  am 
10  h  am 
12  h  am 

2  h  pm 
4  h  pm 

6  h  pm 
8  h  pm 

10  h  pm 


12-38 
12-36 
12-42 
12-88 
13-60 
14-06 
14-58 
14-62 
14-28 
13-80 


Die  Amplitude  betrug  am  ersten  Messungstage,  an  welchem  es 
nachmittags  sogar  zum  Regnen  kam,  nur  1"10°,  am  zweiten  nur  2-26^ 
Es  ist  nicht  zu  zweifeln,  daß  bei  ungestörter  Insolation  im  Monate 
des  höchsten  Sonnenstandes  die  Tagesschwankungen  der  Flußwasser- 
wärme 40  übersteigen.  Auch  in  den  Wintermonaten  mögen  sie  bei 
unbehinderter  nächtlicher  Ausstrahlung  nicht  unbedeutend  sein.  Be- 
merkenswert erscheint  es,  daß,  während  sich  das  Morgenminimum 
gegen  das  der  Luftwärme  nur  wenig  verspätet  zeigte,  das  Maximum 
erst  in  den  ersten  Abendstunden  eintrat,  so  daß  die  um  Mittag  erreichte 
Temperatur    erst    spät    abends    wieder    unterschritten    wurde.     Bei 


264 


Dr.  Fritz  v    Kerner. 


[120] 


größeren  Alpenbächen  habe  ich  bei  klarem  Wetter  als  durchschnittliche 
Eintrittszeit  des  Scheitels  der  täglichen  Wärmekurve  4  Uhr  bis 
1/25  Uhr  nachmittags  gefunden.  Die  hier  angeführten  Messungen 
ermöglichten  es  natürlich  noch  in  keiner  Weise,  die  fortlaufenden, 
täglich  einmaligen  Beobachtungen  der  Flußtemperatur  auf  eine  und 
dieselbe  Tagesstunde  zu  reduzieren. 

Ueber  die  tägliche  Temperaturbewegung  im  Jadro  habe  ich  am 
23.  Juni  1905  eine  Untersuchung  angestellt.  Es  wurden  an  vier  Stellen 
des  Flußlaufes  die  Wassertemperaturen  vom  Morgen  bis  zum  Abend 
zweistündlich  abgelesen  und  so  eine  thermoplethische  Darstellung 
gewonnen,  welche  einerseits  die  örtliche  Aenderung  des  täglichen 
Wärmeganges,  anderseits  den  täglichen  Gang  der  örtlichen  Tem- 
peraturänderung zu  erkennen  gestattete.  Die  Insolation  kam  selbigen 
Tages  gänzlich  ungestört  zur  Geltung;  die  beobachteten  Werte 
bezeichnen  so  im  Hinblick  auf  den  Zeitpunkt  der  Messungen  das 
Höchstmaß  von  Insolationswirkung  auf  das  Flußwasser.  Die  vier  zur 
Messung  ausgewählten  Stellen  waren  die  Brücke  zwischen  den  oberen 
und  unteren  Jadromühlen  (II),  die  kleine  Brücke  beim  Cafe  Diokletian 
in  Salona  (III),  die  Brücke  der  Straße  nach  Spalato  (IV)  und  die 
Eisenbahnbrücke,  welche  den  Jadro  gerade  an  dessen  Mündung  über- 
quert (V).  Dazu  kam  noch  der  Flußursprung  (I),  dessen  Temperatur 
als  nahezu  konstant  betrachtet  werden  durfte  und  nur  einmal  des 
Morgens  gemessen  wurde  (llOS^).  Die  durch  graphische  Interpolation 
aus  den  übrigen  Messungen  erhaltenen,  auf  gleiche  Zeiten  reduzierten 
Thermometerstände  waren : 


i  5  am 

7 

9 

11 

1  pm 

3 

5 

7 

II :  . 

1300 

13-28 

13-72 

14-14 

14-36 

14-28 

13-94 

18-50 

III ::    . 

1300 

13-32 

14-14 

1508 

15-57 

15-54 

14-90 

14-04 

IV 

13-02 

13-32 

1414 

15-20 

15-88 

1600 

15-40 

14-32 

V    ......... 

13-40 

13-48 

14-26 

15-40 

16-53 

16-84 

16-34 

15-16 

Für   die  Wärmemaxima   ergibt   die   Extrapolation   nachstehende 
Temperaturwerte  und  Termine: 


II     . 

.     .     14-38 

Ih 

40  pm 

in    . 

.     .     15-64 

Ih 

55  pm 

IV     . 

.     .     16-03 

2h 

25  P"" 

V     . 

.     16-84 

2h 

50  P»« 

Es  zeigte  sich  demnach  eine  örtliche  Aenderung  der  täglichen 
Temperaturbewegung  in  der  Weise,  daß  flußabwärts  das  Wärme- 
maximum rasch  zunahm  und  dessen  Eintrittszeit  sich  sukzessive  mehr 
verspätete.  Während  die  Zunahme  eine  ziemlich  gleichmäßige  war, 
erfolgte  die  Verspätung  über  die  einzelnen  Teilstrecken  des  Flußlaufes 
ungleichmäßig. 

Für  die  Minima  ließ  sich  keine  graphische  Ergänzung  durch- 
führen,  da   die  Nachtstücke  der  Wärmekurven   fehlen.  Entsprechend 


[121] 


Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien. 


265 


der  flußabwärts  sich  vollziehenden  starken  Zunahme  der  täglichen 
Wärmeschwankung  zeigte  die  örtliche  Aenderung  der  Flußtemperatur 
eine  sehr  ausgesprochene  tägliche  Periode.  Die  Temperaturzunahme 
vom  Ursprünge  bis  zur  Mündung  des  Jadro  betrug: 


5  am 

7 

9 

11 

1  Pm 

3 

5 

7 

-008 

040 

1-18 

2-32 

3-46 

3-76 

3-26 

2-08 

Die  flußabwärts  stattfindende  Temperaturzunahme  zeigte  eine 
örtliche  Aenderung,  welche  einer  täglichen  Periode  unterliegt.  Vor- 
mittags war  die  Zunahme  im  Oberlaufe,  am  späteren  Nachmittage  und 
abends  im  Unterlaufe  rascher.  Den  Uebergang  zwischen  diesen  einander 
entgegengesetzten  Bewegungsformen  vermittelte  ein  Stadium  ziemlich 
gleichmäßiger  Zunahme  zu  Beginn  des  Nachmittags.  Diese  tägliche 
Periode  resultierte  aus  der  früher  erwähnten  Verspätung  im  Eintritte 
des  Maximums. 

Ueber  die  tägliche  Periode  der  Temperaturschichtung  an  der 
Mündung  des  Jadro  wurde  von  mir  im  Jahre  1906  eine  Untersuchung 
vorgenommen.  Es  fanden  während  eines  Tages  von  4"  bis  S''  stündliche 
Ablesungen  der  Wassertemperatur  an  der  Oberfläche  und  in  vier 
verschiedenen  Tiefen  der  Flußmündung  statt,  und  zwar  in  Vg)  1  und 
2  m  Tiefe  und  am  Grunde,  welcher  unter  der  Eisenbahnbrücke  in 
3*7  m  Tiefe  gelotet  wurde.  Wie  im  vorigen  Falle  sollte  wieder  das 
Höchstmaß  der  Insolationswirkung  zur  Zeit  des  höchsten  Sonnenstandes 
festgestellt  werden.  Leider  blieb  diesmal  der  zur  Vornahme  der 
Messungen  gewählte  Tag,  der  25.  Juni,  nicht  klar,  es  kam  wiederholt 
zu  einer  Verschleierung  der  Sonne,  doch  dürfte  das  Resultat  hierdurch 
nicht  stark  beeinflußt  worden  sein.  Die  durch  Ausgleichung  nach  der 
Formel  b  =  {a  -\- 2  b  -\~  c)  :  A  inr  die  geraden  Tagesstunden  erhaltenen 
Wassertemperaturen  waren: 


1 

4  am 

6 

8 

10 

12  m 

2  pm 

4 

6 

8 

Oberfläche 

(14-8) 

15-0 

157 

16-3 

16-9 

17-8 

17-6 

16-6 

(15-7) 

Va  Meter  .    . 

(151) 

15-2 

15-8 

165 

17-1 

178 

17-7 

169 

(16-0) 

1  Meter  .    . 

(23-1) 

22-9 

22  7 

22-8 

231 

22-6 

24-6 

25-4 

(25-6) 

2  Meter   .    . 

(22-2) 

22-4 

22  3 

22-3 

22-4 

22-3 

24-2 

25-5 

(25-6) 

Grund    .    .    . 

(21-8) 

21-8 

21-7 

216 

22-0 

224 

227 

22-9 

(23-3) 

Das  Süßwasser  des  Jadro,  die  zunächst  darunterliegende  Brack- 
wasserschicht und  das  Wasser  am  Grunde  zeigten  einen  ganz  ver- 
schiedenen täglichen  Wärmegang.  An  der  Oberfläche  begann  die 
Temperatur  bald  nach  Sonnenaufgang  anzusteigen  und  erreichte  um 
3  pm  ihren  höchsten  Wert.  (17-9o.)  Der  Temperaturgang  in, 1/2  ^n 
Tiefe  stimmte  mit  jenem  an  der  Oberfläche  völlig  überein.  Im  scharfen 
Gegensatz  hierzu  blieb  in  1  m  Tiefe  die  Temperatur^vom  Morgen  bis 

Jahrbuch  d.  k,  k.  geol.  ßeichsanstalt.  leiß.'ße.  Band,  2.  Heft.  (F.  v.  Kerner.)       35 


266 


Dr.  Fritz  v.  Kerner. 


[122] 


3  pm  ungefähr  auf  gleicher  Höhe,  um  dann  am  späten  Nachmittag 
rasch  emporzusteigen  und  während  des  Abends  in  der  nun  gewonnenen 
Höhe  zu  verharren.  Der  Temperaturgang  in  2  m  Tiefe  verhielt  sich 
jenem  in  1  m  Tiefe  ähnlich.  Die  Wassertemperatur  am  Grunde  ließ 
ein  sehr  schwaches  Sinken  bis  10 '"^  und  dann  ein  langsames  Ansteigen 
bis   in    die    späten   Abendstunden   hinein    erkennen. 

Der  Wärmegang  am  Grunde  erscheint  wie  eine  in  den  Phasen 
sehr  verspätete  und  in  der  Amplitude  sehr  abgeschwächte  Wiederholung 
des  Wärmeganges  an  der  Oberfläche.  Die  oberflächlichen  Wasser- 
schichten im  Salonitaner  Golfe  mögen  eine  nicht  ganz  unbedeutende 
tägliche  Temperaturschwankung  bei  starker  Phasenverspätung  zeigen 
und  ihr  Auftreten  in  der  Jadromündung  dürfte  auf  eine  durch  die 
Jadroströmung  bedingte  Gegenströmung  unter  derselben  zurückzuführen 
sein.  In  der  oberen  Schicht  des  Brackwassers  scheint  ein  Temperatur- 
anstieg durch  das  Fehlen  einer  solchen  Strömung  zunächst  hintange- 
halten und  dann  infolge  einsetzender  Flutbewegung  nachgeholt  zu 
werden.  Die  Verschiedenheit  der  Wärmekurven  des  Jadrowassers,  der 
oberen  Brackwasserschicht  und  des  Wassers  am  Grunde  bedingte  eine 
stark  ausgeprägte  tägliche  Periode  der  vertikalen  Temperaturänderung. 

Die  auf  Grund  der  ausgeglichenen  Werte  sich  für  die  geraden 
Tagesstunden  ergebenden  Wärmeditferenzen  sind : 


4  am 

6 

8 

10 

12  m 

2  pm 

4 

6 

8 

(8-3) 

7-9 

7-0 

6-5 

6-2 

4-7 

7-0 

8-8 

(9-9) 

(1-3) 

1-1 

1-0 

1-2 

1-1 

Ol 

19 

25 

(2-3) 

Oberfläche—  1  Meter 
1  Meter  —  Grund    . 


Der  Wärmeunterschied  zwischen  dem  Süßwasser  des  Jadro  und 
dem  darunterliegenden  Brackwasser  erreichte  um  2"  sein  Minimum. 
Die  TemperaturdiiTerenz  zwischen  der  oberen  Brackwasserschicht  und 
dem  Wasser  am  Grunde  blieb  bis  Mittags  fast  konstant  und  erreichte 
dann  nach  vorübergehendem  Abfall  bis  fast  auf  Null  um  b^  ihren 
höchsten  Wert.  (2  7o.) 


Quelleuergiebig'keiteu  und  QueHentemperaturen. 

Über  die  sekundliche  Abflußmenge  der  großen  Karstquellen 
unseres  Gebietes  liegen  nur  die  schon  erwähnten  Angaben  des  hydro- 
graphischen Zentralbüros  vor.  Die  Ergiebigkeit  der  kleineren  Quellen 
scheint  —  obwohl  sie  sich  bei  den  in  Brunnstuben  mit  Auslaufrohren 
gefaßten  leicht  ermitteln  ließe  —  noch  nicht  Messungsgegeustand 
gewesen  zu  sein. 

Über  die  Quellentemperaturen  habe  ich  zahlreiche  Beobach- 
tungen angestellt.  Sie  waren  aber  —  wie  schon  eingangs  gesagt 
wurde  —  nur  dazu  genügend,  in  verschiedenen  Fällen  die  geologische 
Erkenntnis  des  Quellenphänomens  zu  fördern,  aber  völlig  unzureichend, 
durch  ihre  Zusammenfassung  ein  Bild  der  von  Seehöhe  und  Expo- 
sition abhängigen  Verschiedenheiten  des  Jahresmittels  und  der  Jahres- 


[123J 


Quellengeologie  von  Mitteldalmatien. 


267 


Schwankung  der  Quellenwärme  zu  liefern.  Nur  für  das  Gebiet  der 
Prominaschichten  im  Bereich  des  Prolog  konnte  ich  es  versuchen, 
die  Abnahme  der  mittleren  Jahrestemperatur  der  Quellen  für  eine 
mittlere  Exposition  durch  eine  Gleichung  darzustellen.  Sie  lautet: 

t  =  130  -  0-11  h  —  0-03  hß 

und  besagt,  daß  innerhalb  des  ihrer  Ableitung  zugrunde  liegenden 
Höhenintervalles  die  Abnahme  der  Quellenwärme  eine  Beschleunigung 
erfährt,  ein  Verhalten,  das  dem  vorhandenen  Gebirgsrelief  entspricht. 
Die  durch  Auflösung  dieser  Gleichung  nach  t  und  //  sich  ergebenden 
Werte  sind  {h  in  Hektometern) : 


( 2-50) 

500 

7-15 

1000 

12-50 


(12'55) 

11-70 

10-50 

8-90 

6-95 


12-0 

11-0 

100 

9-0 

8-0 


420 
6-55 
830 
9-85 
11-20 


Die  Wasserversorgung  im  Gebiete  des  Kartenblattes 
Sinj— Spalato. 

Es  sollen  hier  anhangsweise  zunächst  die  jetzigen,  zum  Teil 
unzureichenden  Verhältnisse  der  Wasserversorgung  besprochen  und 
dann  die  für  ihre  Besserung  sich  darbietenden  Möglichkeiten  kurz 
erörtert  werden.  Das  Trinkwasser  für  Spalato  wird  von  der  Jadro- 
quelle  geliefert.  Die  schon  vor  langer  Zeit  erbaute  Leitung  folgt 
zunächst  der  SüdÜanke  des  Jadrotales,  um  dann  die  Bodenwellen 
der  Halbinsel  von  Spalato  in  schiefer  Richtung  zu  durchqueren.  Die 
Anlage  hat  bei  sonst  durchaus  befriedigender  Erfüllung  ihres  Zweckes 
den  Nachteil,  daß  sie  nach  starken  Regengüssen  getrübtes  Wasser 
liefert.  Es  kommt  dies  daher,  daß  die  Wege,  welche  das  an  den  ver- 
karsteten und  kahlen  Hängen  oberhalb  der  Jadroquelle  einsinkende 
Regenwasser  bis  zu  seinem  Wiederaustritte  zurücklegt,  zu  kurz  sind, 
als  daß  sich  auf  ihnen  eine  Klärung  durch  Absatz  der  mitgerissenen 
Erdpartikelchen  vollziehen  könnte.  Keinesfalls  steht  diese  Trübung 
mit  einer  eventuellen  unterirdischen  Verbindung  des  Jadro  mit  der 
Cetina  im  Zusammenhange. 

Anläßlich  von  Erwägungen,  ob  dem  besagten  Uebelstande  durch 
eine  mechanische  Klärungsanlage  abgeholfen  werden  könnte,  ist  aber 
trotzdem  auch  die  Frage  aufgeworfen  worden,  ob  das  Jadrowasser 
vielleicht  einer  Durchleitung  durch  ein  Bakterienfilter  bedürftig  sei. 
Wie  diese  Angelegenheit  vom  geologischen  Standpunkte  aus  zu 
beurteilen  ist,  wurde  schon  an  früherer  Stelle,  bei  Gelegenheit  der 
Beschreibung  der  Jadroquelle  auseinandergesetzt,  und  es  wurden 
dort  auch  die  Mittel  angegeben,  welche  zu  einer  Entscheidung  der 
Frage,   ob   dem  Jadro  Cetinawasser   beigemischt  sei,  führen  könnten. 

35* 


2(58  ^^-  ^''■^t^  ^'-  Kerner.  [124] 

Von  nicht  geologischen  Gesichtspunkten,  welche  bei  der  angeregten 
Frage  in  Betracht  kommen,  sei  hier  hervorgehoben,  daß  das  Wasser 
der  Jadroquelle  seit  Bestand  der  jetzigen  Leitung  von  Einheimischen 
und  Fremden  in  Spalato  ohne  irgendwelchen  Schaden  für  ihre  Gesund- 
heit getrunken  wurde  und  noch  wird  und  daß  das  Cetinawasser  in 
gesundheitlicher  Hinsicht  eine  wesentlich  günstigere  Beurteilung  zu- 
läßt als  Flußwasser  im  allgemeinen.  Die  einzigen  beiden  im  oberen 
Cetinatale  gelegenen  Ortschaften,  Verlicca  und  Siiij  liegen  weit  von 
der  Cetina  abseits  und  sind  durch  ziemlich  undurchlässige,  rein  lehmige 
oder  mit  Lehm  vermischte  Alluvien  von  ihr  getrennt,  so  daß  die 
Abwässer  dieser  Orte,  ehe  sie  schließlich  ihren  seitlichen  Eintritt  in 
das  Bett  der  Cetina  vollziehen  mögen,  jedenfalls  einer  völligen  Rei- 
nigung unterliegen.  So  droht  dem  Cetinawasser  auf  der  über  sieben 
deutsche  Meilen  langen  Strecke  oberhalb  jener  Stelle,  wo  es  zu 
kleinem  Teile  zum  Jadro  abschwenken  könnte,  nur  von  wenigen 
Weilern  und  Einzelgehöften  und  von  einigen  Mühlen  her  eine  Ver- 
unreinigung. 

Anderseits  erfolgt  die  Verstärkung  der  Wassermenge  des 
Quellteiches  der  Cetina  größtenteils  wieder  durch  nahe  dem  Flusse 
entspringende  Quellen  und  nur  zum  geringen  Teil  durch  Seitenfliisse. 
Besonders  nach  dem  bald  nacheinander  stattfindenden  Einflüsse 
zahlreicher  mächtiger  Karstquellen  zwischen  Ribariö  und  Panj  muß 
das  Flußwasser  der  Cetina  seiner  Qualität  nach  wieder  einem 
Quellwasser  ähnlich  sein.  Die  Selbstreinigung  mag  sich  so  bei  der 
Cetina  weit  durchgreifender  und  gründlicher  vollziehen  als  durch- 
schnittlich bei  einem  Fluße  in  bewohnten  Gegenden,  da  in  ihr  von 
vornherein  nur  sehr  wenig  zu  reinigen  ist.  Wenn  bei  Trilj  ein 
Konzentrations-  oder  Gefangenenlager  errichtet  würde  und  in  dem- 
selben eine  Cholera-  oder  Abdominaltyphusepidemie  ausbräche,  wäre 
es  aber  der  Vorsicht  wegen  jedenfalls  geboten,  das  Wasser  der 
Jadroquelle  in  bezug  auf  seine  Keimführung  sogleich  zu  untersuchen. 

Zur  Versorgung  von  Sinj  mit  Trinkwasser  ist  in  jüngster  Zeit 
die  Quelle  des  Kozinac  bei  Han  herangezogen  worden,  nachdem  die 
Quellen  der  Umgebung  des  Ortes  den  steigenden  Bedarf  nicht  mehr 
zu  decken  vermochten.  Es  handelt  sich  hier  um  eine  Röhrenleitung,  die 
nach  Querung  der  Cetina  dem  Ostrücken  des  Susnevac  folgt  und 
dann  von  NO  her  den  Ort  erreicht.  Eine  kleine  Wasserleitung  wurde 
vor  einer  Reihe  von  Jahren  für  Muc  hergestellt.  Sie  führt  diesem 
Orte  das  Wasser  jener  reichen  Ueberfallquelle  zu,  welche  nahe  der 
oberen  Grenze  der  oberen  Werfener  Schichten  im  Graben  westlich 
vom  Oltarnik  entspringt.  Mit  den  genannten  drei  Anlagen  ist  die  Zahl 
der  im  Gebiete  des  Kartenblattes  Sinj-Spalato  für  Ortschaften  erbauten 
Trinkwasserleitungen  erschöpft. 

Zur  Wasserversorgung  der  Dörfer  im  Cetinagebiete  und  in  der 
Küstenzone  dienen  vorzugsweise  Fassungen  nahe  gelegener  Quellen 
in  wohlummauerten  Brunnstuben  mit  steinernen  Auslaufrinnen  oder 
metallenen  Auslaufröhren.  In  dieser  Art  sind  beispielsweise  die 
Bukvaquelle,  die  Quellen  bei  Poljak,  die  Quelle  von  Caporice  sowie 
mehrere  Quellen  in  der  Gegend  von  Clissa,  Mravince  und  Zernovnica 
gefaßt.   Im  Sommer,   wenn   der  Jiedarf  groß,   die  Wassermenge  aber 


[1251  Quellengeologie  von  Mitteldalraatien.  269 

gering  ist,  sind  diese  Dorfbrunnen  oft  von  Wasserholenden  umlagert 
und  es  entwickelt  sich  dann  dort  manch'  hübsche  malerische  Brunnen- 
szene. Obwohl  der  öfter  durch  Tragtiere,  manchmal  jedoch  auch 
durch  Personen  besorgte  Wassertransport  in  hölzernen  Eimern  bei 
etwas  größerer  Entfernung  eines  Hauses  vom  Dorfbrunnen  viele  Mühe 
macht,  wird  man  hier  doch  noch  von  für  dalmatinische  Verhältnisse 
entsprechenden  Wasserversorgungsanlagen  reden  können,  da,  ja  der 
in  den  Alpenländern  oft  vorhandene  Idealzustand,  daß  in  zerstreuten 
Siedlungen  jeder  Bauernhof  seinen  eigenen  fließenden  Hausbrunnen 
hat  und  auch  in  eng  geschlossenen  Dörfern  auf  höchstens  je  einige 
benachbarte  Häuser  je  ein  nahe  gelegener  Brunnen  entfällt,  in  den 
jVlittelmeerländern  meistens  nicht  erreichbar  ist. 

Was  dagegen  den  Wasserbezug  aus  in  ganz  roh  ummauerte 
offene  Becken  gefaßte  Quellen  anbelangt,  so  wird  man  diesen  als 
einen  unvollkommenen  bezeichnen  müssen.  Wenn  die  Austrittsstellen 
des  Quellwassers  unmittelbar  zugänglich  sind,  ist  hier  allerdings  auch 
eine  völlig  einwandfreie  Wasserentnahme  möglich.  Wenn  aber,  wie 
dies  häufiger  der  Fall,  das  Wasser  seitlich  oder  vom  Grunde  her  in 
ein  solches  Quellbecken  einsickert  und  am  oberen  Rande  desselben 
überrieselt,  kann  man  nicht  mehr  von  einer  einwandfreien  Wasser- 
bezugsart sprechen.  Allerdings  liegt  es  im  Interesse  der  auf  eine 
solch'  primitive  Brunnenanlage  Angewiesenen,  dieselbe  möglichst  klar 
zu  halten  und  durch  die  stetige  Wassererneuerung  erscheint  die 
Reinerhaltung  ja  einigermaßen  gewährleistet;  man  trifft  aber  doch  so 
manche  derartige  Anlage,  die  durch  das  Vorkommen  von^Algen  und 
allerlei  Getier  einen  sehr  unerfreulichen  Eindruck  macht.  Solche  primi- 
tive Quellenfassungen  trifft  man  im  Vrba-  und  Suvajatale  und  im 
Gebiete  von  Muc,  dann  auch  im  Osten  des  Sinjsko  polje  und  im 
Vorlande  des  Mosor. 

In  Gegenden,  wo  es  infolge  des  Vorhandenseins  durchlässiger 
Quartärgebilde  zur  Ansammlung  von  Grundwasser  kommt,  so  im 
Bereich  der  Flußanschwemmungen  und  der  Anhäufungen  von  Strand- 
geröll,  gibt  es  auch  Schachtbrunnen  mit  durch  die  jährliche  Regen- 
periode bedingten  mehr  oder  minder  großen  Schwankungen  des 
Wasserspiegels.  Die  Brunnen  an  der  Küste  zeigen  manchmal  auch 
Spiegelschwankungen  infolge  des  Wechsels  ablandiger  und  das  Meer- 
wasser gegen  die  Küste  drängender  Winde,  vielleicht  auch  kleine 
Oszillationen  infolge  des  Gezeitenwechsels,  sowie  auch  Aenderungen 
in  der  Beschaffenheit  des  Wassers,  indem  es  bei  hohem  Stande  süß, 
bei  tiefem  Stande  brackisch  schmeckt. 

In  ähnlicher  Weise  wie  in  den  quellenführenden  Gebieten  steht 
auch  in  den  quellenlosen  Karstregionen  die  Wasserversorgung  auf 
sehr  verschieden  hoher,  bzw.  tiefer  Stufe.  Für  einige  Ortschaften  sind 
Dorfzisternen  mit  umfangreicheifr'Auttangflächen  und  großem  Fassungs- 
raume  erbaut  worden.  Ziemlich  zahlreich  sind  kleine  Hauszisternen; 
die  Pfarrhöfe,  Gendarmerie-  und  Finanzwachposten,  manche  Wirts- 
und Privathäuser  sind  mit  solchen  ausgestattet.  Wo  in  weitem  Umkreise 
kein  Quellwasser  zu  haben  ist  und  auch  die  Wasserschätze  der  Tiefe 
unerreichbar  scheinen,  wird  man  die  Wasserversorgung  durch  Zisternen 
als    eine    ganz   zweckentsprechende    bezeichnen   können.    Auf   Grund 


270  D»"'  Fritz  V.  Kerner.  [126] 

vieler  Erfahrungen  kann  ich  von  guter  Qualität  des  Wassers  in 
solchen  Fällen,  wo  die  Zisternen  reinlich  gehalten  werden,  berichten. 
Manchmal  freilich  deutet  häufiges  Vorkommen  von  Cyklops  auf 
mangelnde  Obhut  hin.  Des  Genusses  eines  ausgezeichneten,  mit  dem 
Wasser  von  Gebirgsquellen  wetteifernden  Zisternenwassers  erfreute 
ich  mich  während  meines  einwöchentlichen  Aufenthaltes  auf  der 
hoch  oben  am  Svilajakamnie  einsam  stehenden  Forsthütte. 

In  den  mehr  abgelegenen  Gegenden,  so  am  Mosec-  und  in  der 
Zagorje,  auf  den  Vorhöhen  des  Prolog  und  am  Mosor  trifft  man 
primitive  Zisternen,  bei  deren  Anlage  natürliche  Felsschlote  benützt 
wurden.  Versperrbare  Holzdeckel  bieten  auch  hier  eine  gewisse 
Gewähr  dafür,  daß  Verunreinigungen  hintangehalten  werden  und 
auch  bezüglich  des  aus  solchen  Zisternen  geschöpften  Wassers 
kann  ich  sagen,  daß  es  von  mir  manchmal  sehr  gut  befunden  wurde. 
Naturgemäß  ist  der  Fassungsraum  solcher  Wasserbehälter  zuweilen  ein 
geringer.  Tiefen  Eindruck  machte  es  mir,  als  ich  einmal  auf  der 
Radinje  sah,  wie  schon  im  Juni  eine  Hirtin  eine  Schnur  von  ihrem 
Gewände  löste,  um  das  Seil  des  Schöpfkübels  soweit  zu  verlängern, 
daß  dieser  bis  zum  Wasserspiegel  der  Zisterne  hinabgelassen  werden 
konnte.  Wie  schlimm  mag  es  dort  damals  mit  der  Wasserversorgung 
gegen    Ende    der    sommerlichen  Trockenzeit   bestellt    gewesen    sein ! 

Manchmal  wird  das  Trinkwasser  nur  aus  Bunaren,  roh  ummauerten, 
runden  offenen  Schächten  entnommen,  und  diese  Art  des  Wasserbezuges 
muß  als  eine  sehr  unpassende  bezeichnet  werden.  Wenn  es  sich  auch 
hier  nicht  ausschließlich  um  Ansammlungen  von  Regenwasser  handelt 
und  ZusicKerungen  aus  dem  Erdreiche  der  Umgebung  stattfinden,  so 
ist  doch  in  diesen  Schächten  die  Inhaltserneuerung  äußerst  ungleich- 
mäßig und  das  Wasser  der  Gefahr  starker  Verunreinigung  ausgesetzt. 

Im  Gegensatze  zu  den  Quellbunaren  mit  ihrem  klaren  Wasser 
enthalten  diese  Wasserschächte  trübes,  den  bescheidensten  gesund- 
heitlichen Anforderungen  nicht  entsprechendes  Wasser.  Besonders  bei 
abnehmender  Füllung  nimmt  der  Inhalt  solcher  Bunare  eine  Abscheu 
erregende  Beschaffenheit  an.  Man  sieht  da  manchmal  nur  eine  rotgelbe 
Tunke  über  die  Steine  am  Schachtgrunde  ausgebreitet.  Womöglich 
noch  schlimmer  ist  es,  wenn  —  wie  man  dies  allerdings  nur  ausnahms- 
weise zu  sehen  bekommt  —  das  Wasser  aus  Lokven,  den  durch 
lehmigen  Untergrund  sich  haltenden  Tümpeln,  entnommen  wird,  da 
diese  einer  starken  Verunreinigung  durch  das  Weidevieh  unmittelbar 
ausgesetzt  sind.  Manchmal  wundert  man  sich,  daß  zu  solchen  höchst 
beklagenswerten  Formen  des  Wasserbezuges  auch  gegriffen  wird,  wenn 
Quellwasser  —  allerdings  nur  in  geringer  Menge  —  in  verhältnismäßig 
nicht  zu  großer  Entfernung  erreichbar  wäre.  Es  weist  dies  auf  eine 
betrübende  Unterschätzung  des  gesundheitlichen  Wertes  guten  Trink- 
wassers hin,  der  allerdings  auch  Fälle,  in  denen  zur  Erlangung 
solchen  Wassers  weite  Wege  nicht  gescheut  werden,  gegenüberstehen. 

Die  Verbesserungen,  welche  die  jetzige  Wasserversorgung  im 
mittleren  Dalmatien  erfahren  könnte,  beträfen  eine  Vermehrung  rein 
gehaltener  Zisternen,  eine  erhöhte  Ausnützung  der  im  Gebiete  vor- 
handenen Quellen,  besonders  der  großen  Karstquellen  und  die  Auf- 
schließung von  W^asseradern,  insonderheit  eine  Hebung  der  großen  Wasser- 


[127]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  271 

Vorräte  der  Tiefen.  Die  Anlage  von  Zisternen  wird  in  einem  Lande 
wie  Dalmatien  stets  als  eines  der  Mittel  der  Wasserversorgung  in 
Betracht  kommen.  Die  Möglichkeit,  den  Wasserbezugsort  ganz  beliebig 
zu  wählen  und  stets  bei  entsprechender  Voraussicht  die  erforderliche 
Wassermenge  zu  erhalten,  endlich  die  genaue  Vorausbestimmbarkeit 
der  Kosten  beinhalten  gegenüber  anderen  Methoden  des  Wasserbezuges, 
bei  denen  entweder  die  Zuleitung  des  Wassers  schwierig  oder  die 
zuleitbare  Wassermenge  bei  Steigerung  des  Bedarfes  unzureichend 
werden  kann  oder  —  sofern  das  benötigte  Wasser  erst  aufgeschlossen 
werden  soll  —  die  Kosten  nicht  näher  vorausbestimmt  werden  können, 
gewisse  Vorteile,  durch  die  die  Nachteile  der  Wasserversorgung  mit 
Zisternenwasser  gegenüber  jener  mit  Quell-  oder  Grundwasser  mehr 
oder  minder  kompensiert  werden  können.  Es  ist  in  letzterer  Zeit  für 
die  Anlage  größerer  Dorfzisternen  manches  geschehen  und  es  ist  auch 
die  Zahl  der  Hauszisternen  größer  geworden;  es  gibt  aber  in  den 
verkarsteten  quellenlosen  Teilen  des  Gebietes  noch  immer  viele 
Siedlungen,  welche  des  Besitzes  einer  guten  Zisternenanlage  entbehren. 

Was  die  Heranziehung  der  Karstquellen  Mitteldalmatiens  zu 
Zwecken  der  Wasserversorgung  anbelangt,  so  könnten  sich  da  große 
Zukunftsbilder  entrollen.  Die  vielen  mächtigen  und  prachtvollen 
Quellen,  welche  die  Cetina  vor  ihrem  Eintritte  in  das  Sinjsko  polje 
linkerseits  empfängt,  liefern  selbst  noch  im  Sommer  eine  stattliche 
Wassermenge,  die  bei  vollster  Ausnützung  imstande  wäre,  einem 
großen  Bedarfe  zu  genügen.  Sollte  es  einmal  zur  Entwicklung  einer 
mitteldalmatischen  Riviera  kommen,  so  würde  die  Frage  der 
Wasserversorgung  des  Kastellaner  Küstenstriches  brennend.  Die 
Quellen  von  Castel  vecchio  vermöchten  nur  ihre  nähere  Umgebung 
mit  Trinkwasser  zu  versorgen.  Das  Flyschgelände  zwischen  diesem 
Orte  und  der  Gegend  von  Salona  käme  bei  seiner  teils  ganz  ober- 
flächlichen Entwässerung,  teils  sehr  spärlichen  Schuttquellenführung 
als  Spender  größerer  Quellwassermengen  gar  nicht  in  Betracht. 
Die  Möglichkeit,  durch  Anbohrung  des  Kalkgebirges  hinter  der  Flysch- 
zone  gewaltige  Wassermengen  zu  erschließen,  wird  man  zwar  als 
gegeben  ansehen  dürfen ;  es  wäre  aber  auch  mit  der  Eventualität 
zu  rechnen,  daß  ein  Versuch,  die  unterirdischen  Wasserschätze  des 
Koziak  und  Golo  Brdo  künstlich  in  ähnlicher  Weise  anzuzapfen,  wie 
die  Wasserschätze  des  Mosor  durch  den  Jadro  und  Stobrec  potok 
natürlich  angezapft  sind,   fehlschlüge. 

Die  Gewähr  einer  ausgiebigen  Wasserversorgung  des  ganzen 
Küstenstriches  der  Kastelle  wäre  aber  gegeben,  wenn  man  die 
mächtigen  Cetinaquellen  zwischen  Zasiok  und  Karakasica  zu  diesem 
Zwecke  heranzöge.  Die  Möglichkeit,  in  tiefer  Lage  entspringendes 
Quellwasser  auf  ein  Karstplateau  hinaufzupumpen  und  über  dieses 
bis  zur  Küste  hinzuleiten,  ist  durch  die  Wasserversorgungsanlage 
von  Sebenico  erwiesen.  Diese  Anlage  entnimmt  das  Wasser  einer 
beim  untersten  Kerkafalle  wenig  über  dem  Meeresspiegel  entsprin- 
genden großen  Quelle  und  führt  es  mittels  einer  in  etwa  80  m 
Seehöhe  großenteils  unter  Tag  verlaufenden  Leitung  von  ungefähr 
10  km  Länge  seinem  Bestimmungsorte  zu.  Die  erwähnten  Cetina- 
quellen   entspringen    in    etwa    320    m    Höhe,    wogegen    das    Plateau 


272  Dr.  Fritz  v.  Kerner.  [128] 

zwischen  dem  Siiijsko  polje  und  der  Küstenzone  durchschnittlich 
360  m  Höhe  aufweist.  Die  gedachte  Leitung  hätte  zunächst  die 
Südhänge  des  Berges  Drven  bei  Potravlje  zu  nehmen  und  würde  dann 
über  die  Vorhöhen  der  Plisevica  und  nach  Querung  der  Sutina  über 
die  Vorstufen  der  Visoka  zu  führen  sein,  um  dann  im  großen  und 
ganzen  der  Bahntrasse  von  Sinj  nach  Clissa  zu  folgen.  Ihre  Länge 
betrüge  so  etwa  25  km.  Die  Leitung  könnte  in  jener  Höhe,  in  welcher 
sie  den  Karsfplateaurand  hinter  Clissa  erreichte,  an  den  Südflanken 
der  Marc-esina  greda,  des  Golo  brdo  und  Koziak  weitergeführt  werden 
und  so  zur  Bewässerung  des  Kastellaner  Küstenstriches  in  seiner 
ganzen  Längserstreckung  und  Breitenausdehnung  dienen.  Dieses  Gelände 
ließe  sich  so  bei  seiner  großen,  durch  Wärmereflex  gesteigerten 
klimatischen  Begünstigung  und  seinem  guten  Boden  in  ein  herrliches 
Gartenland  verwandeln  und  es  könnten  noch  das  Polje  von  Dicmo, 
die  Gegend  Kusak  und  das  Dugo  polje  des  Vorteiles  reichlicher 
Bewässerung  teilhaftig  werden.  Bei  einer  Wassergewinnung  mittels 
erfolgreicher  Durchbohrung  der  Flyschvorlage  des  Koziak  würde  sich 
dagegen  —  da  der  Stollen  in  möglichst  geringer  Höhe  über  dem 
Meeresspiegel  vorzutreiben  wäre  —  die  Wasserversorgung  der  höheren 
Geländeteile  umständlich  gestalten  und  den  Gebieten  zwischen  Sinj 
und  Clissa  käme  kein  Nutzen  zu.  Um  auch  im  Sommer  nicht  nur 
genügend  Trinkwasser,  sondern  auch  ausreichendes  Nutzwasser  zu 
erhalten,  müßte  man  entsprechend  große  Reservoire  anlegen. 

Den  Einwand,  daß  das  hier  entwickelte  Projekt  zu  amerikanisch 
anmute,  wird  nur  Derjenige  erheben,  der  in  der  Anschauung,  Dalmatien 
sei  in  volkswirtschaftlicher  Beziehung  für  allezeit  zur  Schlichtheit 
und  Bescheidenheit  verurteilt,  derart  festgewurzelt  ist,  daß  er  sich 
überhaupt  nicht  zur  Vorstellung  aufraffen  kann,  daß  in  diesem  Lande 
jemals  etwas  wahrhaft  Großzügiges  geschaffen  würde.  Selbstverständlich 
würde  man  das  eben  angedeutete  Projekt  nur  in  Erwägung  ziehen, 
wenn  das  Ufergelände  der  Kastelle  in  eine  Riviera  vom  Style  der 
französischen  verwandelt  würde,  eine  Umgestaltung,  die  man  sich  nur 
mit  gleichzeitigem  Emporblühen  Spalatos  zu  einem  erstklassigen 
Mittelmeerhafen  denken  könnte.  Wenn  die  geplante  Schöpfung  einer 
mitteldalmatischen  Riviera  nur  darin  bestünde,  daß  an  den  Ufern  des 
Golfes  der  sieben  Kastelle  zwei  oder  drei  Hotels  vom  Range  der 
jetzt  in  Spalato  vorhandenen  erstehen  würden  und  sonst  alles  beim 
alten  bliebe,  könnte  sich  der  Bau  einer  großartigen  Wasserleitung 
allerdings  nicht  lohnen.  Inwieweit  der  Wegnahme  eines  Teiles  der 
Cetina  schwere  wasserrechtliche  Hemmnisse  entgegenstünden  und  in- 
wieweit dieselben  überwindbar  wären,  ist  hier  nicht  der  Platz  zu 
untersuchen.  Es  konnte  hier  nur  auf  den  Bestand  der  geographischen 
Vorbedingungen  für  eine  großzügige  Wasserversorgungsanlage  und 
auf  deren  technische  Ausführbarkeit  hingewiesen  werden.  Eine  Be- 
trachtung des  Projektes  von  der  juridischen  und  finanziellen  Seite  sei 
Anderen  überlassen. 

Von  den  Karstquellen  des  Küstengebietes  schiene  die  bei  der 
Trogirska  mulina  entspringende  dazu  berufen,  der  Stadt  Trau  dienstbar 
gemacht  zu  werden.  Der  Trinkwasserbedarf  dieser  kleinen  Stadt 
wird    derzeit    durch    den   Dobricbrunnen   befriedigt,   welcher   an    der 


ri29]  Quellengeologie  von  Mitteldalmatien.  273 

Festlandsküste  gegenüber  von  Trau  gelegen  ist  und  an  der  Grenze 
der  quartären  Schuttbedeckung  gegen  das  unterlagernde  Tertiär  sich 
sammelndes  Wasser  liefert.  Die  Gewinnung  desselben  erfolgt  durch 
eine  Pumpenanlage  mit  Handbetrieb  und  das  Wasser  muß  in  die 
allerdings  ganz  nahe  Stadt  getragen  werden.  Die  Quelle  von  Trogirska 
mulina  ist  aber  nicht  dazu  geeignet,  diese  zwar  ausreichende,  aber 
nicht  ideale  Art  der  Wasserversorgung  durch  eine  solche  mittels 
fließender  Stadtbrunnen  zu  ersetzen,  weil  ihr  Wasser  in  der  wärmeren 
Jahreszeit  salzig  schmeckt.  Zur  Zeit  seines  reichlichsten  Fließens 
nach  den  Frühlings-  und  Herbstregen  läßt  dieses  Wasser  allerdings 
nur  jene  Spur  von  brackischem  Geschmack  erkennen,  welche  auch  der 
Dobricbrunnen  und  fast  alle  Schöpfbrunnen  in  Küstennähe  aufweisen. 
Es  ist  aber  als  wahrscheinlich  anzusehen,  daß  die  Beimischung  von 
Brackwasser  zum  Süßwasser  erst  nahe  den  Austrittsstellen  der  Teil- 
stränge der  besagten  Quelle  erfolgt,  so  daß  die  Möglichkeit  gegeben 
wäre,  diese  Stränge  in  noch  unversalzenem  Zustande  zu  erschließen. 
Man  müßte  zu  diesem  Zwecke  durch  den  Mergelsaum  am  Südfuße 
des  St.  Eustachiushügels  einen  Stollen  vortreiben  und  im  nicht  unwahr- 
scheinlichen Falle,  daß  man  hierbei  noch  kein  Wasser  träfe,  einen 
der  Grenzfläche  zwischen  Kalk  und  Mergel  folgenden  Schacht  abteufen, 
bis  man  auf  eine  größere  Wasserader  käme.  Mit  zunehmender  Ent- 
fernung von  der  Quelle  würde  die  Wahrscheinlichkeit,  eine  große 
Wasserader  bald  zu  erreichen,  geringer  werden,  die  Wahrscheinlichkeit 
der  Erschrotung  süßen  Wassers  aber  wachsen. 

Die  dritte  große  Quelle  der  Küstenzone,  die  Quelle  des  Stobrec 
potok  käme  für  die  Versorgung  des  Fischerdörfchens  Stobrec  mit 
Quellwasser  in  Betracht,  doch  würde  bei  der  Kleinheit  dieser  Siedlung 
der  erforderliche  Aufwand  viel  zu  groß  erscheinen.  Eher  könnte  daran 
gedacht  werden,  durch  Einrichtung  eines  entsprechenden  Transport- 
dienstes mit  Tankdampfern  mittels  der  Stobrecquelle  die  an  der 
Nordküste  der  Insel  Brazza  gelegenen  Ortschaften  St.  Johann  und 
St.  Peter  mit  Quellwasser  zu  versorgen.  Mit  Zisternenwasser  werden 
dieselben  bereits  ausreichend  versehen. 

Von  den  Schichtquellen  und  Verwerfungsquellen  kommen  die 
größten  auch  für  Zwecke  der  Wasserversorgung  in  Betracht.  Es 
wurde  schon  erwähnt,  daß  die  Ortschaft  Muc  von  einer  Ueberfallquelle 
aus  den  oberen  Werfener  Schiefern  das  Trinkwasser  zugeleitet  erhält. 
Im  Gebiete  des  von  mir  in  den  neunziger  Jahren  des  vorigen  Jahr- 
hunderts aufgenommenen  Kartenblattes  Kistanje-Dernis  sind  sogar 
zur  Trinkwasserversorgung  größerer  Orte,  der  zwei  Hauptorte  des 
Gebietes,  Dernis  und  Skardona,  Schichtquellen  aus  den  Prominaschichten 
mit  Erfolg  herangezogen  worden.  Daß  da  im  Spätsommer  die  sorg- 
fältigste Ausnützung  der  dann  spärlich  werdenden  Wassermengen 
nötig  wird^  versteht  sich  wohl  von  selbst.  Auch  im  Bereich  des 
Kartenblattes  Sinj  Spalato  sind  große  Schicht-  und  Verwerfungsquellen 
vorhanden.  An  ihre  Verwertung  wird  aber  —  insolange  sich  die  Vor- 
züge einer  guten  Wasserversorgung  nicht  hoher  Einschätzung 
erfreuen  —  kaum  geschritten  werden,  da  die  Herstellungskosten 
von  Leitungen  im  Verhältnis  zum  erzielbaren  Erfolge  als  zu  groß 
erscheinen  könnten. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1916,  66.  Band,  2.  Heft.  (F.  v.  Kerner.)         36 


274  ^^-  Fritz  V.  Kerner.  [1^0] 

So  Würde  man  wohl  kaum  darangehen,  die  schöne  Verwer- 
fungsquelle in  der  Schlucht  der  Sutina  zur  Wasserversorgung  der 
Hütten  von  Lucane  heranzuziehen  oder  das  Wasser  der  Ljubac- 
quelle  nach  Policine  und  Dubrava  zu  leiten,  zumal  in  der  Nähe 
dieser  Orte  ein  wenn  auch  bescheidener  Bezug  von  Quellwasser 
möglich  ist.  Aber  auch  die  Herstellung  einer  Leitung,  durch  welche 
die  Quellen  im  obersten  Koritotale  für  die  Wasserversorgung  der  in 
quellenloser  Gegend  liegenden  Hütten  von  Dolnje  Korito  nutzbar 
gemacht  würden,  wird  man  kaum  in  Aussicht  nehmen.  Die  Quellen 
am  Golo  Brdo  bei  Trilj  sollen  den  Wasserbedarf  der  Station  Ugljane 
an  der  geplanten  Eisenbahn  nach  Arzano  decken. 

Was  die  Erschließung  neuer  Wasseradern  anbelangt,  so  ist 
zwischen  einer  solchen  durch  Stollen  an  Gebirgshängen  und  einer 
solchen  durch  Schächte  in  flachem  Karstgelände  zu  unterscheiden. 
Bei  ersterer  würde  es  sich  vorzugsweise  um  eine  Gewinnung  von 
hinter  Mergelvorlagen  im  Kalkgebirge  angesammelten  Wasservorräten 
handeln. 

Es  wurde  schon  an  früherer  Stelle  erwähnt,  daß  an  den  Ueber- 
schiebungen  der  Kreidekalke  auf  eocäne  Mergel  fast  niemals  Ueberfall- 
quellen  entspringen.  Dieser  Umstand  spricht  aber  keinesfalls  dagegen, 
daß  in  den  kalkigen  Hangendflügeln  dieser  Ueberschiebungen  Wasser- 
vorräte vorhanden  sind.  Das  Maß  der  Zuversicht,  diese  Vorräte 
gewinnen  zu  können,  hängt  von  der  Stellungnahme  zur  Karstwasser- 
hypothese ab,  wobei  man  annehmen  darf,  daß  diese  Stellungnahme 
jeweils  durch  eigene  Erfahrungen  auf  karsthydrologischem  Gebiete 
bestimmt  wird.  Ein  rückhaltloser  Anhänger  jener  Hypothese  wird 
eines  positiven  Erfolges  sicher  sein  und  wähnen,  daß  die  Durchstoßung 
der  Mergelvorlage  eines  Kalkgebirges  an  beliebiger  Stelle  unterhalb 
des  Karstwasserspiegels  einen  ähnlichen  Effekt  wie  die  Anbohrung 
einer  mit  Wasser  gefüllten  Kiste  haben  müsse.  Wer  der  Annahme 
eines  zusammenhängenden  Karstwassers  ablehnend  gegenübersteht, 
wird  weniger  zuversichtlich  sein  und  seine  Erwartungen  nach  den 
jeweils  gegebenen  Verhältnissen  abstufen. 

Wo,  wie  dies  beispielsweise  am  Gebirgsrande  östlich  von  Trau 
der  Fall  ist,  genau  am  Ausstriche  einer  Kalkmergelgrenze  eine 
mächtige  Quelle  entspringt,  dünkt  es  einigermaßen  wahrscheinlich, 
daß  diese  Grenze  schon  vorher  eine  längere  Strecke  weit  den  Verlauf 
einer  Wasserader  bezeichnet.  Man  könnte  so  dort  bei  in  entsprechend 
tiefer  Lage  vorgenommener  Durchbohrung  der  Flyschschichten  im 
Graben  westlich  vom  Eustachiushügel  noch  auf  den  Anschnitt  einer 
Kluftwasserader  hoffen.  Ebenso  wäre  bei  Durchstoßung  der  Neogen- 
gebilde  auf  der  Ostseite  des  Sinjsko  poljes  in  der  Nähe  ihrer  natür- 
lichen Durchbrüche  mit  der  Bloßlegung  von  Wasseradern  zu  rechnen. 
Wo  hingegen  weithin  kein  bestimmtes  Anzeichen  einer  Wasserbewegung 
längs  einer  Grenzfläche  zwischen  Kalk  und  Mergel  vorliegt,  wie  dies 
im  Hinterlande  der  Kastelle  der  Fall  ist,  wäre  die  Erbohrung  eines 
mächtigen  Kluftwasserstranges  mehr  oder  minder  Zufallssache.  Falls  die 
Vortreibung  eines  Stollens  quer  durch  die  Flyschvorlage  bis  in  den 
Rudistenkalk  gewagt  würde  und  kein  befriedigendes  Ergebnis  hätte, 
könnte   man   noch    versuchen,    durch   sehr   ausgedehnte   Sprengungen 


[131  1  Qiiellengeologie  von  Mitteldalmatien.  275 

innerhalb    des   Kalkgebirges    eine    Aufreißung    von    wasserführenden 
Spalten  zu  erzielen. 

.  Mit  mehr  Aussicht  auf  Erfolg  könnte  die  Aufschließung  von 
Wasser  in  solchen  Gesteinsschichten  versucht  werden,  wo  die  Ver- 
teilung der  Wassermenge  nicht  so  ungleichmäßig  sein  mag  wie  in  den 
Karstkalken,  so  zum  Beispiel  in  den  oberen  Werfener  Schichten  und 
in  den  Prominaschichten.  Auch  ein  Versuch,  bei  Muc  die  in  den 
tieferen  Lagen  der  oberen  Werfener  Schichten  sich  bewegenden 
Wassermengeu  mittels  Durchbohrung  der  sie  steil  unterteufenden 
unteren  Werfener  Schichten  zu  erschließen,  könnte  in  Betracht  gezogen 
werden.  Die  Deutlichkeit,  mit  welcher  sich  in  Dalmatien  bei  der 
weitgehenden  Bloßlegung  des  Untergrundes  die  geologischen  Bedin- 
gungen der  Quellbildung  oft  erkennen  lassen,  gestattet  es  in  manchen 
Fällen,  auch  die  Möglichkeiten  einer  Aufschließung  von  Wasser  klarer 
zu  beurteilen,  als  dies  in  Gegenden  mit  mächtig  entwickelten  Deck- 
schichten der  Fall  ist. 

Bei  Versuchen,  die  in  den  Tiefen  des  Karstes  verborgenen 
Wasserschätze  zu  heben,  würden  geologische  Untersuchungen  zwar 
auch  von  Bedeutung  sein,  in  erster  Linie  aber  die  Mittel  der  Höhlen- 
forschung und  die  Methoden  der  Auffindung  unterirdischer  Wasser- 
adern —  soweit  diese  Methoden  kraft  der  ihnen  zugrunde  liegenden 
physikalischen  Erkenntnisse  und  der  angewendeten  Instrumente  streng 
wissenschaftliche  sind  —  eine  Rolle  zu  spielen  haben.  Der  Gedanke, 
die  in  den  Tiefen  des  Karstes  sich  bewegenden  Kluftwasserstränge 
durch  Bohrungen  und  Schachtabteufungen  nutzbar  zu  machen,  ist 
erst  in  jüngster  Zeit  in  den  Vordergrund  getreten.  Von  seiten  ein- 
heimischer P'orscher  ist  geplant,  systematische  Untersuchungen  über 
die  unterirdische  Hydrographie  Dalmatiens  in  großem  Style  vorzunehmen 
und  es  wurde  hierfür  eine  Unterstützung  seitens  aller  zur  Förderung 
solcher  Arbeiten  berufenen  staatlichen  Faktoren  in  Aussicht  gestellt. 
Möchte  diese  Unternehmung  von  großem  Erfolge  gekrönt  sein. 


36^ 


276  ^^-  F"t'^  V-  Kerner.  [132] 


Inlialtsverzeielinis. 

Einleitung.  Seite 

Uebersicht  der  Quellformen 146  [2] 

Verhalten  der  Gesteine  und  Böden  zum  Wasser 146  [2J 

Entstehungsformen  der  Quellen 151  [7] 

Strukturformen  der  Quellen 160  [16] 

Beziehungen  der  Quellen  zu  den  Geländeformen 166  [22] 

Formverhältnisse  der  Quellaustritte 167  [23] 

Beschreibung  der  quellenftthrenden  Gebiete 168  [24] 

Die  Quellen  des  Vrbatales 169  [25] 

Die  Quellen  im  Polje  von  Ramljane  und  im  Polje  von  Mud     .    .    .173  [29] 

Die  Quellen  des  Suvajatales 178  [34] 

Die  Quellen  des  Sutinatales 181  [37] 

Die  Quellen  in  der  Ebene  der  Karakasica 187  [43] 

Die  Quellen  auf  der  Westseite  des  Sinjsko  polje 193  [49] 

Die  Quellen  in  der  Mulde  von  Gljev  und  in  der  oberen  Korito  Draga  200  [56] 

Die  Quellen  am  Ostrande  des  Sinjsko  polje 205  [61] 

Die  Quellen  des  mittleren  Cetinatales         211  [67] 

Die  Quellen  im  Karstgebiete  zwischen  dem  Mosec  und  Mosor  .    .    .216  [72] 

Die  Quellen  in  den  Mulden  von  Dolac  und  Srijani 222  [78] 

Die  Quellen  in  der  Umgebung  des  Golfes  von  Castelli 227  [83] 

Die  Quellen  an  der  Küste  von  Spalato 233  [89] 

Die  Quellen  des  Stobrectales 238  [94] 

Die  Quellen  des  untersten  Cetinatales 244  [100] 

Hydrologische  Yerhältnisse 249  [105] 

Niederschläge 249  [105] 

Wasserstände  und  Abflußmengen 255  [Hl] 

Flußtemperaturen 260  [116] 

Quellenergiebigkeiten  und  Quellentemperaturen 266  [122] 

Die  Wasserversorgung  im  Gebiete  des  Karteiiblattes  Sinj— Spalato  .  267  [123] 


Beitrag  zur  Kenntnis  der  Gervillien 
der  böhmischen  Oberkreide. 

Von  J.  V.  Zelizko. 

Mit  einer  Tafel  (Nr.  XII). 

Die  im  Jahre  1902  im  Zentralblatt  für  Mineralogie, 
Geologie  und  Paläontologie  veröffentlichte  Mitteilung  Frechs 
„lieber  Gervillia^^  '^)  erinnerte  mich  an  eine  neue,  von  mir  seinerzeit 
in  der  Oberkreide  der  Gegend  von  Jicin  gefundene  Form 2)  dieser 
bisher  wenig  beachteten  Bivalvengruppe,  deren  Hauptverbreitung  sich 
von  der  Trias-  bis  in  die  Kreideformation  verfolgen  läßt. 

Inzwischen  sandte  mir  auch  Herr  F.  Ferina,  Schulleiter  in 
Morasic  bei  Leitomischl,  eine  Suite  aus  der  dortigen  Umgebung 
stammenden  Gervillien,  unter  denen  ich  gleichfalls  einige  vollkommen 
neue  Arten  bestimmte. 

Diese  oberwähnten,  für  die  Paläontologie  der  böhmischen  Kreide 
bedeutsamen  Funde  haben  mich  zur  näheren  Beschreibung  einzelner 
Arten  angeregt,  wie  folgt: 

Gervillia  bohemica  ii.  sp. 

Taf.  XII,  Fig.  1. 

Das  vorhandene  Stück  unterscheidet  sich  schon  auf  den  ersten 
Blick  von  allen  bekannten  Gervillien  durch  eine  ungemein  kurze  und 
breite,  sichelartig  ausgeschweifte  linke  Schale,  deren  Kand  vorn  gleich- 
mäßig abgerundet  ist.  Dieselbe  ist  ziemlich  stark  gewölbt,  wie  die 
tief  eingeschnittene,  4  mm  breite,  längs  des  Oberrandes  fast  bis  zur 
Spitze  sich  ziehende  saumähnliche  Furche  verrät. 

Die  Länge  der  Schale  beträgt  52  mm  und  die  größte  Breite 
25  mm. 

Das  vordere  Ohr  ist  auf  der  abgerundeten  Schalenseite  nicht 
angedeutet  und  das  hintere  zeigt  nur  teilweise  die  ursprünglich  lappen- 
artige Form,  da  die  Schloßrandpartie  abgebrochen  ist. 

Feine  konzentrische  Streifen  sind  nur  auf  der  unteren  Schalen- 
partie sichtbar. 


»)  Pag.  609-620. 

2)  J.V.  Zelizko:  Pifispevky  z  kfidoveho  ütvaru  okoli^eleznice 
u  Jiöina.  Sitzungsber.  der  königl.  böhm.  Gesellschaft  der  Wissenschaften.  Prag.  1902. 

Jahrbuch  d.  k.  k.  geol.  Reichsanetalt,  1916,  66.  Band,  2.  Heft.  (J.  V.  Äelizko.) 


278  ■^-  V.  2elIzko.  [2] 

Die  bei  der  Spitze  in  der  Länge  von  8  mm  hervortretende  Partie 
ist  wahrscheinlich  ein  Rest  der  ineinander  gepreßten  rechten  Schale. 

Das  Fossil  stammt  aus  dem  festen,  dunkelgrauen,  eine  Menge 
von  Austern-  und  Gastropodenschalen  enthaltenden  turonen  Kalke 
von  Kniznic  in  der  Nähe  von  Eisenstadtl  (Zeleznice)  bei  Jicin. 

Nach  Frici)  gehören  die  dortigen  Schichten  der  Trigonienzone 
oder  dem  oberen  Horizonte  der  Iserschichten,  wogegen  Zahälka'"^) 
dieselben  in  die  Zone  IX  c  (=  Priesener  Schichten)  einreiht.  Auf  der 
geologischen  Karte  von  Fric-  und  Laube  3)  ist  die  Umgebung  von 
Kniznic  als  Weißenberger  und  Malnitzer  Schichten  und  auf  der 
alten  Karte  derk,  k.  geolog.  Reichsanstalt  als  „Oberer  Pläner" 
(=  Teplitzer-  und  Priesener  Schichten),  dessen  Liegende  der  „Mittel- 
quader und  Pläner"  (=  Weißenberger-,  Malnitzer-  und  Iserschichten) 
bildet,  gezeichnet. 

In  dem  mir  von  Herrn  Schulleiter  Ferina  zur  Verfügung  ste- 
henden Material  fand  ich  einen  leider  unvollständig  erhalteneu  Stein- 
kern einer  unserer  Gervillia  bohemica  ähnlichen  Art,  die  gleichfalls 
durch  eine  jäh  ausgeschweifte   und  kurze  Schale    charakterisiert   ist. 

Dieselbe  stammt  aus  dem  lichtgrauen  Kalke  des  beim  Wäldchen 
„Doubrava"  befindlichen  „Lusty  k'schen  Felsen"  (Lustykova 
sk  äla)  bei  Morasi  c. 

Fric  hat  die  betreffenden  Schichten  zur  Trigonienzone  gerechnet. 
Wie  aus  den  Forschungen  Jahns  bekannt  ist,  stellen  die  Iserschichten 
in  Ostböhmen  bloß  eine  Faziesbildung  der  Teplitzer  Stufe  vor  *). 

Eine  andere  ähnliche,  aber  noch  kürzere  und  länglichovale  Form, 
Gervillia  ovalis,  deren  Schloß  mit  wenig  Zähnen  versehen  ist,  erwähnt 
Fric   aus    den  Chlomeker  Schichten  von  Chlomek  und  Tannenberg-''). 


Gervillia  aurita  ii.  sp. 

Taf.  XII,  Fig.  2. 

Es  liegt  eine  linke  Schale  einer  gleichfalls  eigenartigen,  von 
allen  anderen  Gervilliaarten   sich  leicht  unterscheidenden  Art  vor. 

Dieselbe  ist  ungleich  gewölbt,  in  der  vorderen  Hälfte  durch 
Schichtendruck  teilweise  gepreßt  und  auf  einer  Stelle  in  der  Mitte 
abgelöst.  Sonst  ist  die  ursprüngliche  Form  vorzüglich  erhalten. 

Die  Schale  ist  mäßiger  ausgeschweift  und  länger  als  bei  der 
vorhergehenden  Art,  ist  ziemlich  breit,  vorn  verengt  und  abgerundet. 
Beide  Ohren    sind  in  zwei  ungleiche  abgerundete  Flügel  ausgezogen, 

^)  Studien  im  Gebiete  der  böhmischen  Kreideformation.  III. 
Die  Iserschicbten.  Archiv  der  natiirwissensch.  Landesdurchforsch.  von  Böhmen. 
Bd.  V.  Nr.  2,  pug.  44.  Prag. 

^)  Pflspövek  k  poznäni  kfldoveho  ütvaru  u  Jicjna.  Sitzungsber. 
der  königl.  Gesellschaft  der  Wissenschaften.  Prag  1895. 

'*)  Geologische  Karte  von  Böhmen.  Umgebung  von  Eisenbrod 
Jicin  bisBrauuau  undNachod.  Archiv  der  naturwissensch.  Landesdurch- 
forsch. von  Böhmen.  Bd.  IX.  Nr.  6.  Prag  1895. 

*)  Einige  Beiträge  zur  Kenntnis  der  böhmischen  Kreide for- 
mation.  Jahrb.  d.  k.  k.  geolog.  R.-A.  Bd.  45,  1895. 

^)  Studien  im  Gebiete  der  böhmischen  Kreidefo  rmation.  VI. 
Die  Chlomeker  Schichten.    Ibid.   Bd.  X.  Nr.  4,  pag.  66.  Prag   1897. 


[3]  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Gervillien  der  böhmischen  Oberkreide.  279 

besonders  das  hintere  Ohr  ist  auffällig  ausgeprägt.  Die  Schloßzähne 
sind  sehr  schwach  entwickelt. 

Die  Schalenlänge  von  dem  vorderen  Ohr  bis  zur  Spitze  mißt 
76  mm,  die  Höhe  vom  Unterrand  bis  zu  dem  hinteren  Ohr  50  mm 
und  die  Breite  in  der  Mitte    29'5  mm. 

Die  ursprüngliche  Epidermis  ist  nur  bei  der  Spitze  und  bei  dem 
teilweise  abgebrochenen  Schloßligament  erhalten.  Trotzdem  aber  sind 
die  konzentrischen,  schon  von  dem  Rande  des  hinteren  Ohres  begin- 
nenden Streifen  mit  einzelnen  kräftigeren  Rippen  auf  dem  übrigen, 
vollkommen  erhaltenen  Steinkern  sehr  gut  sichtbar. 

Ob  es  sich  vielleicht  auch  um  eine  gewisse  Uebergangsform 
einer  verwandten  Gruppe  handelt,  können  nur  weitere  erforderliche 
Funde  bestätigen,  welche  möglicherweise  auch  zur  Präzisierung  eines 
in  Frage  stehenden  Horizontes  behilflich  werden  können. 

Das  mir  vorliegende,  dem  Herrn  Schulleiter  Ferina  gehörende 
Exemplar  stammt  gleichfalls  aus  dem  lichtgrauen  Kalke  des  „Lustyk- 
schen  Felsen"   bei  Morasic. 

Gervillia  cf.  aurita. 

Taf.  XII,  Fig.  3. 

Ein  teilweise  deformierter  Steinkern  der  rechten,  sichelartig 
ausgeschweiften  Schale. 

Die  Spitze  sowie  die  obere  Partie  sind  leider  abgebrochen.  Die 
Schale  war  kürzer  und  auffallend  breiter,  der  Oberrand  mehr  aus- 
geschnitten als  bei  der  vorherigen  Form.  Die  Spuren  der  Epidermis 
sind  spärlich  erhalten,  und  die  in  der  vorderen  Schalenhälfte  sicht- 
baren konzentrischen  Streifen  sind  schwach  angedeutet. 

Das  nur  teilweise  erhaltene  verkürzte  Hinterohr  war  glei